Warum die Akkordeon-Szene stirbt

Rechnen wir doch mal:

Ich unterrichtete in meinem letzten Jahr als freiberuflicher Musiklehrer gut 40 Schüler monatlich und leitete ein Orchester.

Einnahmen monatlich brutto: 2.306 €

Betriebsausgaben: 1.548 €

Künstlersozialversicherung: 100 €

Sonstige notwendige Ausgaben (z. B. Steuer, priv. Vorsorge): 400 €

Nettoeinkommen monatlich: 258 €

Zusammenfassend gesagt: Mehr als 40 Schüler, gemietete Unterrichtsräume, Abzahlung von Inventar und Instrumenten. Zuvor arbeitete ich zeitweise für mehrere Vereine bzw. Organisationen als Lehrer und Orchesterleiter mit einer Schülerzahl von etwa 30 ohne die Mietausgaben und Instrumentenkosten aber mit Lohn-, Lohnnebenkosten und Kosten für Personalbuchführung für eine geringfügig beschäftigt Angestellte, die sich für die eigentliche Chefin hielt, und ich habe dazu unter anderem noch kostenlos Auftritte dirigiert und Arrangements geschrieben.

Jeder dürfte sofort sehen: Davon zu existieren ist kein Spaß und eigentlich unmöglich.

Jetzt schauen wir doch mal, wie die Verhältnisse in einem beliebigen Verein/Club sind:

Ich zähle sechs Akkordeonschüler auf Fotos. Nie mehr. Sagen wir mal, es sind acht. Nehmen wir zudem an, etwa die gleiche Zahl an Keyboard- und/oder Klavierschülern wären da. Dann gibt es noch das Hauptorchester, ein „Spaßorchester“ und die Jugendlichen und Kinder als Klangkörper. Alle werden von einer guten Zahl Orchestermitgliedern unterstützt, sind also keine eigentlichen eigenen Klangkörper, sondern immer dieselben Personen unter anderen Namen mit eben weiteren Spielern. Drei Klangkörper also finanzieren irgendwie ihren Leiter, wobei von den jeweils etwa zwölf Orchesterspielern so ca. fünf in jedem Klangkörper sitzen. Man beschäftigt zwei professionelle Akkordeonisten mit Hochschulabschluss und eine „Lehrerin“, die gerade mal einen oder zwei D-Lehrgänge besucht hat, aber, natürlich, die große, dabei aber ach so bescheidene, Fachkraft spielen darf.

Über die Preise gibt es keine Transparenz.

Es ist keine rhetorische Frage sondern durch dieses Bild eindeutig beantwortbar: Wenn etwa 12 Akkordeon-Orchester-Mitglieder und etwa, großzügig geschätzt, 16 Instrumentalschüler in verschiedenen Besetzungen drei Klangkörper bilden, eine Person davon eine Hobbylehrerin für diesen Verein mit Honorar (!), während sich die echten Profis Unterricht und Klangkörper teilen, auf wessen Kosten wird da gearbeitet? Davon kann kein Mensch existieren, der rechtskonform arbeitet und sich entsprechend versichert! Das geht einfach nicht. Auch nicht, wenn da vielleicht noch irgendwo anders Einnahmen in gleicher Höhe bestehen, was ich bezweifele.

Mit Mitte 20 und Mitte 30, vielleicht ohne Kinder, mag man als Profi noch von sich selbst so begeistert sein, dass man denkt, das wäre zu schaffen: Ist es nicht. Damit ist nur programmiert, dass man vor die Hunde geht. Definitiv. Ich habe es mehrfach bezeugt, war selbst kurz davor und landete im Krankenhaus und es gibt hinreichend auch berühmte Beispiele großer Namen des Akkordeons.

So etwas kann sich ein solcher Verein nur erlauben, weil es für Profis keine Unterstützung gibt, sich niemand um die Scheinselbständigkeit von Fachkräften in Vereinen kümmert und sich heute zumeist osteuropäische professionelle Musiker für ein Appel und ein Ei zu verkaufen bereit sind. Auf den Folgen bleiben die jungen Kollegen selbst sitzen. Dem Verein ist die schiere Existenz der Lehrer egal. Dem geht es nur um die Selbstdarstellung der handelnden Vereinseminenzen und die eigene Großartigkeit.

Aber vielleicht irre ich mich ja und der Club ist in der Lage, beiden Lehrkräften ein insgesamt angemessenes Honorar zu zahlen. Das müsste überschläglich gerechnet für jeden der beiden Profis, wenn sie noch andere Einnahmen haben, bei 2.000 € brutto liegen; insgesamt muss man auf etwa 4.000 € brutto als Profi kommen, damit das Nettoeinkommen wenigstens ansatzweise der Qualifikation entspricht und man davon leben kann. Denn die Kosten der Selbständigkeit sind hoch und man muss Altersvorsorge betreiben.

Also: Zwei Profis, das bedeutet mindestens 4.000 € monatlich an Honorar, damit sie davon existieren können.

Aber die sind froh, dass sie überhaupt einen Job haben und als Künstler aktiv sein können. Und das weiß der Club genau. Solange sie hübsch gehorchen und schön nett sind, dürfen sie auch weiter für ein Einkommen arbeiten, das effektiv unter dem Mindestlohn liegt.

Dafür erzielt der Club an dem an ihnen gesparten Geld die Einnahmen, die ein Clubheim und Reisen finanzieren. Da darf man dann mitfahren. Natürlich arbeiten: Proben, Auftritte. Damit verdient man sich dann Unterkunft und Frühstück, in Jugendherbergen auch Mittag und Abendbrot. Honorar?! Nun mal nicht unverschämt werden!

Schöne, heile Akkordeon-Orchester-Welt, nicht wahr?

Dietmar Steinhaus