Archiv der Kategorie: Musikalisches

Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Fairness zählt

Ich habe heute Abend nochmal nachgesehen, ob “Sabine Wren” geantwortet hat und bei der Gelegenheit die Seite Peter Jägers, des Verfassers des Gegenkommentars aufgerufen. Seine eigenen Stücke möchte ich nicht bewerten. Was ich aber bewerten möchte, ist seine Qualität als Liedbegleiter auf der Gitarre: Exzellent! Ich habe einen weichen Punkt für Kirchenmusik, die für Kinderchöre geeignet ist, weil ich gerne an meine Zeit mit dem Kinderchor in Meinerdingen zurückdenke und mir die Arbeit dort viel Freude bereitete. Auf dieser verlinkten Aufnahme begleitet Peter Jäger die wunderbare Sängerin, für mich eine echte Entdeckung, Bernadette Philipp. Sie hat eine warme, gefühlvolle Stimme, die sie phantastisch beherrscht und sehr flexibel den jeweiligen Stücken anpasst. Ihr Somewhere Over the Rainbow, begleitet von einer sehr guten Pianistin, treibt mir etwas Tränen in die Augen. Hier gewinnt das Duo einem schönen, aber doch irgendwie abgenudeltem Kirchenlied eine neue, sentimentale Seite ab. Man hört das Lächeln, mit dem sie das Stück singt:

Das neue Werk

Irgendwie kann ich nicht aus meiner Haut: Für unsere Matinee im September, von der ich befürchte, dass sie wegen der Pandemie wird ausfallen müssen, hatte ich ursprünglich vor, die Titelmusik von “Zurück in die Zukunft” zu arrangieren. Nur das. Episch, sinfonisch, spannungsgeladen, treibend. Spielzeit deutlich unter 10 Minuten. Überschaubarer Aufwand in meiner Freizeit. Dann wollte ich doch lieber ein kurzes Medley machen. Dazu kamen noch Wünsche aus dem Orchester, und das Stück wurde größer, wir probten schon an den fertigen Teilen. Vorletzte Woche blieb ich etwas hängen und legte die Arbeit daran zu Seite.

Vorgestern nahm ich sie mir wieder vor. Und dann kam mein, ja, was ist das eigentlich? Ehrgeiz? Was ich da schreibe, interessiert nur mich und mein Orchester. Kollegen noch nie wirklich. Also welcher Ehrgeiz und nach was? Nein, Ehrgeiz ist das nicht. Das ist immer noch Idealismus. Der hat jedenfalls dazu geführt, dass das Medley über Musik aus der Trilogie mein größtes Werke wird. Alles bis auf der letzte Teil des Finales ist jetzt fertig. Ich habe eine klare Vorstellung, wie ich den letzten Teil des Finales gestalten werde. Wenn alles fertig ist, kommt die immer etwas mühselige Arbeit am Layout (Register, Vortragsanweisungen etc.).

Dann ist ein neues, großes Arrangement von mir fertig. Knapp doppelt so lang, wie ursprünglich geplant. Ich freue mich auf die Proben daran! Wenn das erst nächstes Jahr werden sollte: Auch gut. Hauptsache, wir kommen alle gut durch diese Lage.

Wertverlust

Wir erleben gerade eine weltweite Katastrophe, die uns als Weltgemeinschaft auf die Probe stellt. Hätten wir als Art vergangene Katastrophen nicht überstanden, wären wir nicht hier. Das ist aber ein schwacher Trost, denn Überstehen allein reicht nicht. Wir sollten die Katastrophe meistern und danach gestärkt daraus hervorgehen. Wir sollten als philosophisch aufgeklärte und wissenschaftlich gebildete Menschen in der Lage sein, die Krise intelligent und human zu bewältigen.

Ich persönlich befinde mich derzeit in einer Art Schwerelosigkeit. Durch die Aufgabe meines eigentlichen Berufs und den Verlust meiner in Jahrzehnten aufgebauten Schülerschaft ist neben der Verbitterung eine gewisse emotionale Leere entstanden, die ich, gegen meine vernünftige Absicht, dadurch zu füllen versuchte, mich für meinen vorigen Arbeitgeber bis zum Umfallen zu verausgaben. An meiner neuen Arbeitsstelle setze ich mich ein, aber halte innerlich professionelle Distanz. Zumal auch immer noch nicht klar ist, ob meine Beschäftigung dort von Dauer sein wird, was ich mir sehr wünsche.

Das mich dadurch zunehmend beschleichende Gefühl, dieser Leere bewusst zu werden, brach nun durch die Quarantäne und die privaten Umstände voll durch. Ich neige glücklicherweise nicht zu Depressionen und lebe sehr glücklich, aber ich muss sagen, dass durch den neuen Tagesablauf nicht mehr professionell und hinreichend an den Instrumenten arbeiten zu können mir schwer aufs Gemüt schlägt. Weil ich auf benötigte Fachliteratur zur weiteren Arbeit an den Fragen zur Sprachentwicklung warten muss, liegen auch diese auf Eis.

Leider brauche ich auch für die Bearbeitung meines Medleys “Zurück in die Zukunft” gerade eine kreative Pause: Ich habe weiter geschrieben und Arbeit reingesteckt, aber jedes Mal, wenn ich mich am nächsten Tag wieder dran setzte, gefiel mir die Arbeit vom Vortag nicht mehr und ich verwarf sie. Dazu kommt, dass ich noch Titel hinein genommen habe, um auch den dritten Teil der Film-Trilogie zu repräsentieren. Dadurch verliert aber das beabsichtigte Finale seine Wirkung, weil die Elemente des Haupttitels als Verbindung zwischen den Titeln eingesetzt sind und deshalb zu verbraucht sind. Eigentlich müsste ich daher das ganze Medley umbauen, aber weil wir schon geprobt haben, möchte ich das eigentlich nicht. Wenn mir so etwas passiert, lege ich immer eine Pause ein, um mit einem frischen Blick neu dran zu gehen; manchmal stellt sich heraus, dass ich Gespenster sehe, wo keine sind, manchmal habe ich den richtigen Einfall, um weiter zu machen. Also setze ich mich vertretungsweise jetzt mal hin und schimpfe über den Verfall von Werten:

Der Begriff “Hochkultur” klingt elitär. So meine und sehe ich ihn aber nicht. Als ich noch auf Facebook war, hatte ich eine heftige Debatte mit einem meiner Facebook-“Freunde”. Ich hatte immer wieder mal Arbeit von mir verlinkt, gerne mal auf großartige Musiker hingewiesen und die bedrohliche Lage der Musikszene beschrieben, indem ich deutlich machte, wie wenig man als studierter Musiker von seiner Arbeit leben kann. Mein “Freund” vertrat daraufhin den Standpunkt, dass das ja auch ganz richtig so sei, denn man müsse nicht studieren, um Musiker zu sein. Die ganze Szene der klassischen Musik sei überflüssig, Musik sei eine Pseudoreligion mit ihr zugesprochenen Wunderwirkungen, die sie nicht habe, mein Studium und meine Berufsausübung seien erfolglose Versuche, in einem elitären Kreis Fuß zu fassen und mich anzubiedern. Diese Versuche seien aussichtslos, weil es nicht um eine objektive persönliche Leistung sondern nur um Beziehungen und Musiker-Dynastien ginge. Alle Subventionen seien zu stoppen. Was sich nicht am Markt durch eigene Kraft halten könne, hätte keinerlei Existenzberechtigung.

Obwohl ich Musik aus Interesse und dem Wunsch, möglichst hohe Qualifikation und Expertise zu erlangen, studierte, und er mir also Motive unterstellte, die ich nicht hatte, war an jenem Argument, dass es einen elitären Kreis gebe, natürlich etwas dran. Dafür hatte ich in meiner (fast muss ich selber lachen) “Karriere”  bereits genug Beispiele gesammelt. Als Beispiel, das für niemanden jemals eine Rolle spielte, spielt oder spielen wird: Obwohl ich für das Gubaidulina-Festival ein Arrangement beisteuerte, viele Stunden gemeinsam mit der Initiatorin dieses Festivals, dem Orchester und den Solisten arbeitete und auch dirigierte, war ich der einzige ausführende Künstler oder Leiter, der nicht im Programm als Leiter seines Klangkörpers erwähnt wurde. Der einzige. Selbst die Leiter, die mit Schulkindern Klatsch-Improvisationen oder ähnliches machten, wurden namentlich genannt. Im Entwurf war ich offenbar drin, denn ich wurde telefonisch gefragt, ob mein Name und meine Funktion richtig geschrieben und genannt worden sind, ich bestätigte das. Im Druck war ich dann aber nicht mehr zu finden. Und darüber hinaus gab mir mein Dachverband für meine Arbeit einen aufs Dach (ach, deshalb ist das ein Dachverband! Na, darauf hätte ich auch früher kommen können). Andererseits tauchte mal auf anderer Bühne ein junger Mann auf, der der Sohn von einem wichtigen Musiker XY war, und ließ eine Komposition von sich im Stile Gubaidulinas erklingen, in der ich weder Gubaidulina erkannte – noch etwas, das man Komposition nennen könnte. Als dann für ihn applaudiert wurde, klatschte er auch für sich…

Alles andere, was mein Facebook-“Freund” so vom Stapel ließ, würde ich heute als “Trollen” bezeichnen. Zur Erklärung: Im Internet bezeichnet man als Trolle Personen, die sich nur um der Provokation Willen äußern. Wortverdrehungen, Beleidigungen, Dummheiten, alles ist gut, wenn man nur erreicht, dass der Andere sichtbar emotional reagiert. Tut er das nicht, unterstellt der Troll das einfach. Jedenfalls, in der Auseinandersetzung mit diesem “Freund” habe ich die Bedeutung der musikalischen Hochkultur in Deutschland erklärt; sie hat Bedeutung, wie ich hier sicher nicht ausführen muss.

Im echten Leben hatte ich solche Streitgespräche um Musik auch, aber sie verliefen selten ausführlich. Denn meistens sind Menschen nicht an einer Diskussion interessiert, sondern nur an Äußerungen von Statements, die möglichst unwidersprochen sein sollen. Mir sind mehrere solcher kurzen Gespräche in Erinnerung, eines will ich skizzieren: Als ich ein Orchester übertragen bekommen hatte, saß ich nach einem Auftritt mal mit einer der Stimmführerinnen zusammen. Sie fragte mich nach meinen Vorstellungen, wie ich mit dem Orchester weiterarbeiten wolle. Eine gute Frage, die mir vor der Übertragung aber niemand gestellt hatte, die ich aber natürlich eindeutig, klar und ohne Zögern beantworten konnte: Bei meinen Konzerten gibt es immer einen anspruchsvollen Kern großer, aufwendiger und anspruchsvoller Werke mit künstlerischem Gehalt und virtuosem Anspruch und daneben unterhaltsame kurze Stücke. Authentizität und Emotionalität sind die Seele, die orchestrale Kompetenz (personell wie individuell) sollte durch klassische Werke, Originalliteratur und Wettbewerbsteilnahmen ausgebaut werden. Das Orchester frage ich beim Aufbau des Programms immer nach Wünschen. Dieses klare Konzept ließ sie kalt. Anstatt darauf einzugehen, womit ich gerechnet hatte, denn immerhin hatte sie ja danach gefragt, antwortete sie, sie hielte nichts von klassischer Musik. Das Orchester habe mal “das Lied ´Largo`” gespielt (sie bezeichnete tatsächlich, ich denke auch heute noch, Stücke immer als “Lied”; egal, ob sie eines sind oder nicht). Sei total langweilig gewesen und “nichts für unser Publikum”.

Ich kannte sie schon aus meiner Beobachtung, bevor ich das Orchester bekam, und war deshalb ausgesprochen vorsichtig, als ich einwendete, dass “Largo” eine übliche Tempobezeichnung und kein Lied ist, und fragte, von wem das Stück gewesen sei. Den Komponisten wusste sie: Dvorak. “Der zweite Satz der Sinfonie Nr. 9, ´Aus der neuen Welt`?”, fragte ich. Ja, der war es. Der Eiertanz setzte sich fort: Ich erklärte ihr, dass ich das Stück gut kenne, es selbst bearbeitet und auch aufgeführt hatte, es sowohl wunderschön als auch wirkungsvoll ist – und dass ich, darüber hinaus, es sogar bei der Aufführung durch das Orchester unter meinem Vorgänger gehört hatte. Sie blieb dabei, dass das Stück “furchtbar” sei. Ich sagte ihr, dass die gespielte Bearbeitung von meinem Vorgänger dem Stück unrecht getan hatte, das Werk mit falschen Tempi und fragwürdiger Dynamik zu oberflächlich interpretiert (eigentlich nur runtergespielt; aber das sagte ich ihr nicht) wurde. Sie fragte, was man da denn “interpretieren” könne, denn Interpretation sei ja beliebig. Ich erklärte ihr die Entstehung der Sinfonie, den musikalischen Blick Dvoraks auf die Musik der amerikanischen Urbevölkerung und der Sklaven und die höchste Kunstfertigkeit, mit der Dvorak Themen bearbeitete und verwob. Schulterzuckend antwortete sie mir, dass sie sich jedenfalls für “solche Musik” nicht interessiere und dass sie hoffe, dass es ihr dann unter meiner Leitung noch Spaß machen würde, im Orchester zu spielen. Machte es ihr dann offenbar zu einem hinreichend großen Teil nicht, und so war sie schließlich eine der treibenden Kräfte hinter meinem Fortgang dort.

Hochkultur bezeichnet den Anspruch, der erfüllt werden muss, um solch eine Musik zum Klingen zu bringen und zu erschaffen. Man stelle sich einfach mal die individuelle Kunstfertigkeit vor, die Musiker in diesem Bereich erreichen müssen! Dies in großer Zahl, mit größter Hingabe. Permanent. Mit weniger Aufwand ist das unerfüllbar. Der Wert ist unser kulturelles Erbe, ein Kern-Merkmal unserer Kultur.

Die deutsche und mitteleuropäische Musik-Hochkultur, wie andere Kultur-Bereiche auch, fand immer Antworten auf das Zeitgeschehen. Beispielsweise reflektiert der Biedermeier und seine Musik den Rückzug ins Private und die Phantasie angesichts der napoleonischen Kriege, die freie Tonalität der Zweiten Wiener Schule die Haltlosigkeit im Aufkeimen des I. Weltkrieges. Nach dem II. Weltkrieg war die musikalische Hochkultur vor allem auch durch die weitgehende Ermordung der jüdischen und “systemfeindlichen” Musiker und Komponisten weitgehend zerstört. Künstler wie Wilhelm Furthwängler retteten sie auf das 21. Jahrhundert zugehend, aber sie war von der Lebenswirklichkeit der Menschen bereits abgeschnitten. Herbert von Karajan kannte “man” noch, danach wird das Wissen um die und das Auskennen in der klassischen Musik zunehmend zum angeblich elitären Expertenwissen.

Dieses allgemein schwindende Wissen und damit Interesse, wie in dem Beispiel der Dvorak-Debatte beschrieben, addiert sich zum von mir hier schon oft genug beklagten Standesdünkel und den Seilschaften der Akkordeon-Orchester-Szene. Die, ich nenne das Phänomen mal so, Verflachung zeigt sich aber auch an Trivialkunst. Ich beschreibe mal zwei Comic-Charaktere:

  1. Der Sohn eines Milliardärs wird als Kind Zeuge der Ermordung seiner Eltern. Sie werden vor seinen Augen brutal erschossen. Er wächst heran und nutzt sein Geld und seine Intelligenz, um, tagsüber als Playboy und Nichtsnutz getarnt, nachts auf Verbrecher-Jagd zu gehen. Dabei nutzt er eine Verkleidung und High-Tech-Ausrüstung. Weil er bei der Ermordung seiner Eltern gesehen hat, was sie anrichten, benutzt er nie Schusswaffen. Seine Ethik verbietet ihm das Töten seiner Gegner, seien sie noch so widerwärtig und brutal. Dies ermöglicht es seinem gefährlichsten Gegenspieler, einem hochintelligenten Psychopathen ohne moralischen Kompass, schließlich, grausame Morde zu begehen.
  2. Ein unbestechlicher Polizist wird bei einem Picknick mit seiner Familie von Auftragskillern attackiert. Seine Familie stirbt im Kugelhagel vor seinen Augen, er wird scheinbar tot zurückgelassen, überlebt aber schwer verletzt. Daraufhin geht er in den Untergrund, übersteht seine Verletzungen, bewaffnet sich schwer und führt einen rücksichtslos brutalen, zynischen und mörderischen Feldzug gegen das Verbrechen.

Der erste Charakter dürfte bekannt sein: Bruce Wayne/Batman. Der zweite ist Frank Castle/Punisher. Das sind erfundene Charaktere. Ihre Charakterzeichnung ist glasklar. Beide sind zerrüttet, haben einen moralischen Kompass. Während Batman aber das Leben unter allen Umständen bewahrt, verwirken für den Punisher Verbrecher ihr Recht auf Leben und er ermordet sie.

So weit, so klar. Sehen wir uns jetzt aber mal den Bruce Wayne/Batman der letzten Filme (nach der Nolan-Trilogie) an: Batman zertrümmert Schädel, bricht Genicke, erschießt Verbrecher, begräbt Menschen unter Trümmern und spießt auf. Wut im Gesicht, brüllend, rasend: Das ist nicht Batman. Das ist der Punisher! Das ist fast so falsch, als würde ein Intendant Wagners Siegfried die Arie der Königin der Nacht singen lassen wollen. Oder mindestens den Papageno. Aber der Regisseur wollte die ikonische Figur des Batman. Ohne diese wäre der Film nichts. Es geht nur um diese Figur. Um die Optik. Um die Bekanntheit. Nicht um den Charakter, nicht um das, wofür sie steht. Das alles ist ihm egal.

Kommen wir zu einem anderen Beispiel: Wir stellen uns vor, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten schreibt Musik zu einem, sagen wir es offen, im Grunde schwach entwickelten Film. Aber die Schauspieler spielen mit Spielfreude und hängen sich voll rein, die Tricktechniker zaubern bis dahin Ungesehenes, der Schnitt rettet über Regiefehler und der großartige Komponist schüttet ein Füllhorn der Genialität aus. Er beschreibt mit seiner Musik die Personen und ihren Charakterbogen, er verbindet die Charaktere miteinander. Er schafft nicht nur szenische Stimmung sondern erklärt und deutet die Szenen musikalisch. Der Erfolg fordert Fortsetzungen. Für alle weiteren Filme der Reihe wird er engagiert. Er schafft für diese Filme ein musikalisches Werk, das in reiner Spielzeit viele Konzertabende füllen könnte und in der Tradition vor allem klassischer Romantik dieser nicht nachsteht.

Dann wechselt der Rechteinhaber. Der Komponist schreibt weiter. Aber plötzlich wird die Musik aus den szenischen Zusammenhängen gelöst. Immer, wenn man etwas Pompöses braucht, nimmt man einfach etwas aus den alten Filmen mit viel Blech. Sentimental bedeutet Geigen. Egal, was diese Musik vorher – in allen Filmen! – bedeutet hat, jetzt wird sie gebraucht, eigentlich missbraucht, um billig Stimmung zu erzeugen. Aus einer Film-Trilogie über das Reifen dreier Charaktere und ihrer Beziehung wird eine bonbon-bunte, lärmende, pseudosentimentale Achterbahnfahrt, bei der die alten Charaktere über Bord geworfen werden: Star Wars.

Ich denke, ich habe meinen Zorn, meine Enttäuschung und, ja, meine Verbitterung über diesen oberflächlichen und idiotischen Umgang mit kulturell Erhaltenem zum Ausdruck gebracht. Aber diese Ignoranz ist nur eine Seite. Sie wird noch übertroffen: Von Absicht!

Wir leben nämlich zunehmend in einem ungesunden Klima, das von einem weiteren Phänomen erzeugt wird: Der Identitätspolitik. Es geht nicht mehr darum, was war und was ist, nicht mehr darum, was wahr ist und was nicht. Es geht darum, wozu man gehört, welche Identität man hat. Luke Skywalker wird von Rey vermöbelt, weil sie ein total tolles junges Mädchen mit total schwerer Kindheit aber total guter Moral und total hoher Intelligenz und total viel Talent und “Macht”, eine Art Superkraft in der Geschichte, ist. Der Produzentin ist die Musik John Williams´ egal, weil es Musik für über 50-jährige Männer ist, die sie nicht interessieren. Das hat sie so gesagt. Wer die Filme jetzt nicht gut findet, heult nur der Vergangenheit nach, hat Pech gehabt, kommt mit der Kraft der Frauen nicht zurecht, ist frauenfeindlich etc. Es geht um die Aussage. Seht her, Frauen können total tough sein! Und wir zeigen das! Endlich! Ganz neu! Gab´s vorher nicht! “Die Macht ist weiblich!”, trägt sie mit Mitarbeiterinnen lachend auf dem T-Shirt gedruckt. Dem Darsteller des Helden der Original-Filme lacht sie ins Gesicht und ihn öffentlich aus: “Luke ist der am wenigsten wichtige Charakter der Geschichte.” Der Titel des neuen Films lautet: “The Rise of Skywalker”. Damit ist nicht der originale Held gemeint, sondern das total tolle Mädchen.

Zu den, fiktiven, Helden meiner Kindheit und Jugend zählen Chris (“Die glorreichen Sieben”) und Captain James Tiberius Kirk (“Raumschiff Enterprise”). Auf dem Raumschiff liefen schöne Frauen in sexy Miniröcken herum. Unter anderem eine Brückenoffizierin, Lt. Uhura. Die ich toll fand. Ich fand auch andere Helden toll: Ellen Ripley (“Alien”) und Sarah Connor (“Terminator”) und Prinzessin Leia. Das sind auch Frauen. Heldinnen. Carmen aus der Oper “Carmen” ist ebenfalls eine Frau. Und selbstbewusst und stark. Aber jetzt kommen die feministischen Identitätspolitikerinnen und ihre willfährigen Handlanger, machen “Ghostbusters” neu. Mit Frauen! Wie revolutionär. Die ganze Zeit quasseln und hampeln sie herum, sind überdreht “witzig”, während der einzige Mann im Team ein bildschöner und sexy Mann – aber ein Vollidiot ist. Ein Bild, das in dem Original umgekehrt in keiner Weise so gezeichnet worden ist. Vielmehr war da die weibliche Hauptrolle eine starke, selbstbewusste, selbstbestimmte, intelligente Frau mit Wortwitz und Schlagfertigkeit. Sogar die weibliche Nebenrolle war intelligent und witzig.

Da. Ich hab´s gesagt! Und jetzt bin ich auch einer von diesen alten, schimpfenden Männern, die Frauen unterdrücken. Dabei möchte ich nur eines: Ehrlichkeit und kulturelle Kontinuität. Ich möchte, dass Batman Batman und nicht Punisher ist. Ich möchte, dass die Musik von John Williams etwas bedeutet. Ohne diese dramaturgische Verknüpfung ist sie immer noch schön, immer noch intelligent. Aber nicht mehr genial.

Ach, und übrigens: Einem Film ist es neuerdings ebenfalls gelungen, den filmischen Inhalt mit Musik auszudeuten und zu verstärken: “Joker”. Die geniale Komposition ist von Hildur Gudnadottir. Wie das “Dottir” in Gudnadottir andeutet, ist sie die Tochter Gudnas. Also eine Frau. Das hätte es vor female “Ghostbusters” und “Star Wars” nicht gegeben.

Oder so…

Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-mir-nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk, vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”

Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

Metallkopf

Als sich zeigte, dass ich als Pädagoge mit höheren Altersklassen arbeiten würde, ließ ich mir vom Hörgeräte-Akustiker individuellen Gehörschutz anfertigen. Denn eine meiner Aufgaben ist jetzt, mit Jugendlichen Musik zu machen, die ich nicht im Individualunterricht hatte (denn ich gebe ja keinen mehr). Das bedeutet, dass es laut werden kann, und einmal geschädigtes Gehör lässt sich nicht reparieren.

Ich lebe recht gesund und habe auf mein Gehör immer geachtet. Der schöne Lohn ist, dass es so gut ist, wie es nur sein kann, sogar besser als gewöhnlich, wie der Hörtest glücklicherweise zeigte. Der Gehörschutz ist wunderbar! Man hört alles glasklar, alle Frequenzen sind gleichmäßig herunter gezogen. Es ist, als hätte man alles etwas leiser gestellt.

Nun schenkte mir meine Schwester Karten für ein Konzert: Einer meiner erwachsenen Neffen spielt in einer Band, und ich hatte bisher nie die Gelegenheit, sie live zu hören. Drei Bands würden den Abend gestalten, seine sollte als gastgebende die letzte sein.

Heavy Metal.

War nie mein Ding. In meiner Familie bei Neffen und Nichten und besonders meinem Bruder die Musik der Wahl. Bei mir nun gar nicht so richtig. Aber ich wollte offen da ran gehen. Und so wartete ich mit meinem großartigen Gehörschutz in den Ohren auf die erste Band.

Sie kam auf die Bühne – und was ich hörte war Klangmatsch. Ein alles erschlagendes Schlagzeug, sehr gut gespielt, keine Frage, machte alles platt. Gesang? Nicht zu verstehen. Harmonien? Gingen in Gedröhn unter. Melodien, Riffs, Licks, irgend etwas? Undefinierbarer Brei. Ich konnte sehen (!), dass die Gitarristen und der Bassist offenbar virtuos ihre Saiten bespielten. Zu hören (!) war das nicht. Ich stellte die Ohren auf Durchzug, meinen Geist auf Leerlauf und war davon irritiert, dass schon nach dem ersten halben Lied theatralisch zum Handtuch gegriffen wurde, um sich den Schweiß der Arbeit abzuwischen, und an der Trinkflasche genuckelt. Der Abend würde noch lang werden.

Nach dem letzten Titel der Band, der für mich von den anderen ununterscheidbar war, das hätte alles ein einziges Stück sein können, sahen meine Frau und ich uns skeptisch an. Aber kneifen galt nicht! Ich wollte und musste meinen Neffen auf der Bühne erleben.

Dann kam die zweite Band. Deren Schlagzeuger setzte sich an sein Instrument und machte einen kurzen Soundcheck. Und mir blieb der Mund offen stehen. Was für ein grandioser Schlagzeuger! Nur kurz, eine Minute vielleicht, spielte er das Drum Set durch, und schon das war großartig.

Der Sänger rief etwas in sein Mikrofon, während die Gitarristen und der Bassist ein wenig spielten. Dabei regelte der bandeigene Tonmeister die Anlage neu ein. Dann legten sie los. Ich weiß nicht, ob das Wort “Offenbarung” zu hoch gegriffen ist, aber wenn, dann nur wenig: Absolut brillanter Klang, alle Musiker virtuos und einfallsreich, die Kompositionen durchgestaltet, raffiniert, überraschend. Das gleichförmige Gewummere der vorigen Band war sofort vergessen. Hier standen Musiker auf der Bühne, keine langhaarigen Radaubrüder. Gut, klar, lange Haare hatten sie, gehört dazu, nichts dagegen. Aber eben Musiker!

Zwischen den Stücken erklärte der Leadsänger, dass sie davon leben wollten, was aber nicht geklappt hatte und dass sie jetzt alle in nichtmusischen Berufen arbeiteten. Es ist schade, dass Musiker solcher Qualität ihren Beruf nicht ausüben können. Aber das ist ein altes Thema.

Die Gitarristen spielten sich gekonnt und virtuos die Bälle zu, der Bassist zeigte bei einem ausführlichen Solo, dass er richtig etwas drauf hatte. Der Schlagzeuger “trommelte” nicht: er musizierte. Das war wirklich ein Genuss. Meine Frau beugte sich zu mir: “Das war aber viel besser!” Ja. Und wie.

Dann kam die Band meines Neffen: “Ravager” (Verwüster). Der Tonmeister würde wieder jener der ersten Band sein. Ich hatte etwas Sorge. Es zeigte sich dann auch, dass er zwar einiges der Einstellung unverändert gelassen hatte und der Klang somit deutlich besser als bei der ersten Band war. Aber mit zunehmender Dauer des Auftritts summierten sich seine Einstellungsfehler. Bei den letzten drei Stücke waren sie dann so weit hochgeschaukelt, dass der Schalldruck nicht nur einfach laut, sondern regelrecht körperlich schmerzhaft war und eine hässlich fiepende Rückkoppelung auftrat. Nach dem Auftritt ging er an mir vorbei. Ich verwechselte ihn mit einem der Bandmusiker der zweiten Gruppe und sprach ihn anerkennend an. Er sagte nach Komplimenten fischend: “Nein, ich bin der Tontechniker. Ich bin der, der so viel falsch macht.” Ich antwortete trocken: “Das ist richtig.”

Trotz dem: Ravager rockte die Hütte! Ich hatte einiges erwartet, weil ich Aufnahmen gehört hatte, aber das nicht. Die Stücke sind durchkomponiert. Die beiden Gitarristen geben sich gegenseitig Raum, ergänzen, kommentieren, spielen parallel, sind sehr virtuos. Stabiles Schlagzeug mit vielen Einfällen, guten Fills und Breaks (zwei Tempo-Unsicherheiten in Off-Beat-Passagen, die möglicherweise mit dem problematischen Ton zusammenhingen, waren kaum merklich und wurden souverän gelöst), fulminanter Bass und ein richtiges Tier als Leadsänger.

Die Stücke laufen nicht so dahin, sondern sind mit Sinn wechselvoll. Hymnische Passagen der Gitarren, kurze balladenartige Abschnitte, mal ein Dreiertakt als Intro, um organisch in einen treibenden Vierer zu wechseln, röhrender, aber sauber intonierender Gesang, alles greift ineinander, Texte mit Anliegen, Musik mit Aussage – Heavy Metal als Kunstform. Ich denke nicht, dass ich da zu hoch greife. Das ist Musik auf hohem künstlerischen und virtuosen Niveau.

Ich bin ja nicht dafür verantwortlich oder habe irgendetwas dafür getan, aber trotzdem muss ich sagen, ich bin stolz auf meinen Neffen Dario! Er ist ein großartiger Musiker, ein toller Gitarrist. Und dass er solch eine “Rampensau” ist, hätte ich von diesem ruhigen Mann nicht erwartet. Außerdem hat er alles richtig gemacht: Er hat einen sehr guten, hoch qualifizierten Beruf und macht großartige Musik, die vielen Menschen etwas bedeuten kann und ihm und seinen Freunden Spaß macht.

Das war ein schönes Geschenk meiner Schwester und es war ein schöner Abend mit meinen Geschwistern, meiner Frau, Nichte und meinen Neffen und Schwager. Einer der Titel des Abends war “Dead Future”. Reinhören lohnt sich! Die melancholische Gitarre ab 5:09 mag exemplarisch zeigen, wie vielseitig und durchdacht die Musik dieser Band ist. (Die Musik sollte man mit guten Boxen oder guten Kopfhörern hören, damit sich das gesamte Klangspektrum abbildet.)

Der Gehörschutz hat sich allein für diesen Abend schon gelohnt.

Werde ich im Alter zum Metalhead, habe ich mich gefragt. Aber ich war nicht der Älteste des Abends: Neben uns saß glücklich strahlend, neugierig und mitwippend meine Mutter. Sie ist 92.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.