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Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Das neue Werk

Irgendwie kann ich nicht aus meiner Haut: Für unsere Matinee im September, von der ich befürchte, dass sie wegen der Pandemie wird ausfallen müssen, hatte ich ursprünglich vor, die Titelmusik von “Zurück in die Zukunft” zu arrangieren. Nur das. Episch, sinfonisch, spannungsgeladen, treibend. Spielzeit deutlich unter 10 Minuten. Überschaubarer Aufwand in meiner Freizeit. Dann wollte ich doch lieber ein kurzes Medley machen. Dazu kamen noch Wünsche aus dem Orchester, und das Stück wurde größer, wir probten schon an den fertigen Teilen. Vorletzte Woche blieb ich etwas hängen und legte die Arbeit daran zu Seite.

Vorgestern nahm ich sie mir wieder vor. Und dann kam mein, ja, was ist das eigentlich? Ehrgeiz? Was ich da schreibe, interessiert nur mich und mein Orchester. Kollegen noch nie wirklich. Also welcher Ehrgeiz und nach was? Nein, Ehrgeiz ist das nicht. Das ist immer noch Idealismus. Der hat jedenfalls dazu geführt, dass das Medley über Musik aus der Trilogie mein größtes Werke wird. Alles bis auf der letzte Teil des Finales ist jetzt fertig. Ich habe eine klare Vorstellung, wie ich den letzten Teil des Finales gestalten werde. Wenn alles fertig ist, kommt die immer etwas mühselige Arbeit am Layout (Register, Vortragsanweisungen etc.).

Dann ist ein neues, großes Arrangement von mir fertig. Knapp doppelt so lang, wie ursprünglich geplant. Ich freue mich auf die Proben daran! Wenn das erst nächstes Jahr werden sollte: Auch gut. Hauptsache, wir kommen alle gut durch diese Lage.

Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

Metallkopf

Als sich zeigte, dass ich als Pädagoge mit höheren Altersklassen arbeiten würde, ließ ich mir vom Hörgeräte-Akustiker individuellen Gehörschutz anfertigen. Denn eine meiner Aufgaben ist jetzt, mit Jugendlichen Musik zu machen, die ich nicht im Individualunterricht hatte (denn ich gebe ja keinen mehr). Das bedeutet, dass es laut werden kann, und einmal geschädigtes Gehör lässt sich nicht reparieren.

Ich lebe recht gesund und habe auf mein Gehör immer geachtet. Der schöne Lohn ist, dass es so gut ist, wie es nur sein kann, sogar besser als gewöhnlich, wie der Hörtest glücklicherweise zeigte. Der Gehörschutz ist wunderbar! Man hört alles glasklar, alle Frequenzen sind gleichmäßig herunter gezogen. Es ist, als hätte man alles etwas leiser gestellt.

Nun schenkte mir meine Schwester Karten für ein Konzert: Einer meiner erwachsenen Neffen spielt in einer Band, und ich hatte bisher nie die Gelegenheit, sie live zu hören. Drei Bands würden den Abend gestalten, seine sollte als gastgebende die letzte sein.

Heavy Metal.

War nie mein Ding. In meiner Familie bei Neffen und Nichten und besonders meinem Bruder die Musik der Wahl. Bei mir nun gar nicht so richtig. Aber ich wollte offen da ran gehen. Und so wartete ich mit meinem großartigen Gehörschutz in den Ohren auf die erste Band.

Sie kam auf die Bühne – und was ich hörte war Klangmatsch. Ein alles erschlagendes Schlagzeug, sehr gut gespielt, keine Frage, machte alles platt. Gesang? Nicht zu verstehen. Harmonien? Gingen in Gedröhn unter. Melodien, Riffs, Licks, irgend etwas? Undefinierbarer Brei. Ich konnte sehen (!), dass die Gitarristen und der Bassist offenbar virtuos ihre Saiten bespielten. Zu hören (!) war das nicht. Ich stellte die Ohren auf Durchzug, meinen Geist auf Leerlauf und war davon irritiert, dass schon nach dem ersten halben Lied theatralisch zum Handtuch gegriffen wurde, um sich den Schweiß der Arbeit abzuwischen, und an der Trinkflasche genuckelt. Der Abend würde noch lang werden.

Nach dem letzten Titel der Band, der für mich von den anderen ununterscheidbar war, das hätte alles ein einziges Stück sein können, sahen meine Frau und ich uns skeptisch an. Aber kneifen galt nicht! Ich wollte und musste meinen Neffen auf der Bühne erleben.

Dann kam die zweite Band. Deren Schlagzeuger setzte sich an sein Instrument und machte einen kurzen Soundcheck. Und mir blieb der Mund offen stehen. Was für ein grandioser Schlagzeuger! Nur kurz, eine Minute vielleicht, spielte er das Drum Set durch, und schon das war großartig.

Der Sänger rief etwas in sein Mikrofon, während die Gitarristen und der Bassist ein wenig spielten. Dabei regelte der bandeigene Tonmeister die Anlage neu ein. Dann legten sie los. Ich weiß nicht, ob das Wort “Offenbarung” zu hoch gegriffen ist, aber wenn, dann nur wenig: Absolut brillanter Klang, alle Musiker virtuos und einfallsreich, die Kompositionen durchgestaltet, raffiniert, überraschend. Das gleichförmige Gewummere der vorigen Band war sofort vergessen. Hier standen Musiker auf der Bühne, keine langhaarigen Radaubrüder. Gut, klar, lange Haare hatten sie, gehört dazu, nichts dagegen. Aber eben Musiker!

Zwischen den Stücken erklärte der Leadsänger, dass sie davon leben wollten, was aber nicht geklappt hatte und dass sie jetzt alle in nichtmusischen Berufen arbeiteten. Es ist schade, dass Musiker solcher Qualität ihren Beruf nicht ausüben können. Aber das ist ein altes Thema.

Die Gitarristen spielten sich gekonnt und virtuos die Bälle zu, der Bassist zeigte bei einem ausführlichen Solo, dass er richtig etwas drauf hatte. Der Schlagzeuger “trommelte” nicht: er musizierte. Das war wirklich ein Genuss. Meine Frau beugte sich zu mir: “Das war aber viel besser!” Ja. Und wie.

Dann kam die Band meines Neffen: “Ravager” (Verwüster). Der Tonmeister würde wieder jener der ersten Band sein. Ich hatte etwas Sorge. Es zeigte sich dann auch, dass er zwar einiges der Einstellung unverändert gelassen hatte und der Klang somit deutlich besser als bei der ersten Band war. Aber mit zunehmender Dauer des Auftritts summierten sich seine Einstellungsfehler. Bei den letzten drei Stücke waren sie dann so weit hochgeschaukelt, dass der Schalldruck nicht nur einfach laut, sondern regelrecht körperlich schmerzhaft war und eine hässlich fiepende Rückkoppelung auftrat. Nach dem Auftritt ging er an mir vorbei. Ich verwechselte ihn mit einem der Bandmusiker der zweiten Gruppe und sprach ihn anerkennend an. Er sagte nach Komplimenten fischend: “Nein, ich bin der Tontechniker. Ich bin der, der so viel falsch macht.” Ich antwortete trocken: “Das ist richtig.”

Trotz dem: Ravager rockte die Hütte! Ich hatte einiges erwartet, weil ich Aufnahmen gehört hatte, aber das nicht. Die Stücke sind durchkomponiert. Die beiden Gitarristen geben sich gegenseitig Raum, ergänzen, kommentieren, spielen parallel, sind sehr virtuos. Stabiles Schlagzeug mit vielen Einfällen, guten Fills und Breaks (zwei Tempo-Unsicherheiten in Off-Beat-Passagen, die möglicherweise mit dem problematischen Ton zusammenhingen, waren kaum merklich und wurden souverän gelöst), fulminanter Bass und ein richtiges Tier als Leadsänger.

Die Stücke laufen nicht so dahin, sondern sind mit Sinn wechselvoll. Hymnische Passagen der Gitarren, kurze balladenartige Abschnitte, mal ein Dreiertakt als Intro, um organisch in einen treibenden Vierer zu wechseln, röhrender, aber sauber intonierender Gesang, alles greift ineinander, Texte mit Anliegen, Musik mit Aussage – Heavy Metal als Kunstform. Ich denke nicht, dass ich da zu hoch greife. Das ist Musik auf hohem künstlerischen und virtuosen Niveau.

Ich bin ja nicht dafür verantwortlich oder habe irgendetwas dafür getan, aber trotzdem muss ich sagen, ich bin stolz auf meinen Neffen Dario! Er ist ein großartiger Musiker, ein toller Gitarrist. Und dass er solch eine “Rampensau” ist, hätte ich von diesem ruhigen Mann nicht erwartet. Außerdem hat er alles richtig gemacht: Er hat einen sehr guten, hoch qualifizierten Beruf und macht großartige Musik, die vielen Menschen etwas bedeuten kann und ihm und seinen Freunden Spaß macht.

Das war ein schönes Geschenk meiner Schwester und es war ein schöner Abend mit meinen Geschwistern, meiner Frau, Nichte und meinen Neffen und Schwager. Einer der Titel des Abends war “Dead Future”. Reinhören lohnt sich! Die melancholische Gitarre ab 5:09 mag exemplarisch zeigen, wie vielseitig und durchdacht die Musik dieser Band ist. (Die Musik sollte man mit guten Boxen oder guten Kopfhörern hören, damit sich das gesamte Klangspektrum abbildet.)

Der Gehörschutz hat sich allein für diesen Abend schon gelohnt.

Werde ich im Alter zum Metalhead, habe ich mich gefragt. Aber ich war nicht der Älteste des Abends: Neben uns saß glücklich strahlend, neugierig und mitwippend meine Mutter. Sie ist 92.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Echte Überraschungen

Wer mit offenen Ohren und anderen Sinnen durch das Leben geht, erlebt sie und kann sich daran freuen. Dafür muss man gelegentlich als wahr Geglaubtes überwinden.

Ich dachte, als mir der Begriff das erste Mal begegnete: “Handglockenchor?! Wer macht den so etwas?! Gebimmel und Gedengel, wem soll das gefallen?” Und dann erlebte ich etwas, das mich ganz tief traf und bewegte. Wunderschön!

Der Handglockenchor Wiedensahl und ihr Leiter Thomas Eickhoff haben mich als Fan gewonnen. Dieses Stück habe ich nicht live gehört, aber hört mal rein! Die sind schon wirklich richtig gut! Und live ist das zu Tränen rührend schöner, sphärischer Klang.

Heidewanderung

Es gibt für Akkordordeon-Orchester komponierte Werke, die den Status von Klassikern haben. Ich würde zum Beispiel Heinz Ehmes “Galerie” nennen wollen oder Matyas Seibers “Irische Suite”. Natürlich gibt es auch noch jüngere Kompositionen, die diesen Rang haben dürften. Aber hier erlaube ich mir aufgrund meiner Erfahrungen im persönlichen Kontakt mit einigen dieser Komponisten zu schweigen.

Zu den eindrucksvollsten Werken für Akkordeon-Orchester gehört die verloren gegangene “Hermann-Löns-Kantate” von Enno Meyenburg. Das Werk ist für Akkordeon-Orchester (Mindestbesetzung 21 Akkordeons, Klavier, Schlagwerk) und gemischten Chor geschrieben. Anlass der Komposition war die 750-Jahr-Feier des Ortes Marxen im Jahr 1989. Enno leitete dort, ich kann nicht mehr genau herausfinden seit wann, seit etwa Mitte der 80-er Jahre den Nordheide-Chor und den Frauenchor Nordheide. Die Konzerte, bei denen ich als damaliges Orchestermitglied des nicht mehr existierenden akkordeon-sound-orchesters (damals 1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.) mitwirken durfte, gehörten zu den Glanzstücken orchestralen und chorischen Musizierens. In seiner besten Zeit, bevor er still und ohne zu klagen schwer erkrankte und deshalb zwangsläufig konditionell abbaute, war Enno Meyenburg ein lebhafter, intensiver, charismatischer, von Musikalität durchdrungener Orchester- und Chorleiter.

Enno bearbeitete für seine Chöre und seine Orchester (heute existiert noch das Akkordeon-Orchester Visselhövede) eine gewaltige Menge an Werken. Mir sind viele in Erinnerung und ich nenne jetzt mal “Der Zigeunerbaron”, “Peter und der Wolf”, “Meine Welt ist die Musik” (mehrere Schlagermedleys der 50-er bis 60-er Jahre), “New York, New York”, “Beatles-Medley”, “Mary Poppins”. Die Zahl seiner Bearbeitungen ist enorm und ganz sicher dreistellig. Alle diese Werke von ihm sind verloren und nicht einmal eine handvoll durch Verlag erhalten.

Die Proben an der “Hermann-Löns-Kantate” und ihre Aufführungen gehören zu den beglückendsten Erfahrungen meines Musikerdaseins! Enno komponierte eine Fantasie aus verschiedenen Heideliedern, indem er sie miteinander thematisch verwob und in einem Mischstil aus Impressionismus und Romantik klangvoll und wirkungsstark ausformulierte. Wir probten, wie es sinnvoll ist bei einem Werk von mehr als 20 Minuten Spieldauer, immer in Abschnitten daran. Ich kann mich noch sehr gut und sehr lebhaft daran erinnern, wie sich die Stimmführerin in der 1. Stimme (in der ich damals saß) über die Einleitung der Kantate lustig machte: Die Einleitung bestand aus abwärts fallenden kleinen Sekunden, die dissonierend liegen blieben. Durch diesen Klang hindurch tauchten Bassfiguren “wie schwarze Silhouetten von Wacholderbäumen im Nebel” (Enno Meyenburg bei der Probe) bedrohlich auf. Daraus verdichtete sich der Klang immer mehr, um zum ersten Titel zu führen. Als die Stimmführerin sich über diese Dissonanzen lustig machte, sah ich sofort, wie tief getroffen Enno war, und er reagierte sehr heftig und wütend seine Komposition verteidigend.

Als dann jedenfalls nach monatelangen Proben an diesem ausgesprochen komplizierten und anspruchsvollem Werk alle Abschnitte fertig geprobt waren, sollten wir das Stück erstmals komplett durchspielen. An diesem Mittwochabend passierte in der Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde: Nach dem konzentrierten Durchspielen mit dem enthusiastisch dirigierenden Enno Meyenburg herrschte vollkommene Stille. Enno stand noch in seiner letzten Geste verharrend mit geschlossenen Augen vor dem Orchester – dann brachen wir als Orchester in stürmischen Applaus aus. Wir konnten nicht an uns halten! Die Geschichte, welche die Kantate musikalisch erzählte, und ihr herzzerreißendes Ende, in dem das Stück regelrecht starb, hat uns alle tief gerührt. Ich musste schlucken und rang mit Tränen.

Die Uraufführung mit den beiden Chören, die sich in ihrer Bestform zeigten, war ein grandioser Erfolg. Mehrere Aufführungen folgten. Leider brachen bei der letzten Aufführung unter Leitung des Komponisten bei einem Chorfestival, wo Enno sich natürlich positionieren wollte, beide Chöre in ihrer Leistung ein, das Stück konnte nur mit Mühe gerettet werden und verfehlte seine Wirkung.

Ende Dezember 1998 verstarb Enno Meyenburg. Weil ich die Leitung des Jugendorchesters im Akkordeon-Spielring übernommen hatte, das Musikstudium anstrebte bzw. bereits studierte und der Verein meine Honorarforderungen gegen die Enno Meyenburgs ausspielte, trennten wir uns vorher im Streit. Sein letztes, begeistert aufgenommenes, Konzert in Marxen mit den Chören und unserem Orchester hörte ich heimlich draußen vor dem Fenster in Bühnennähe zwischen Stuhlstapeln sitzend, traurig, nicht mehr dabei zu sein. In der Pause sprach ich ihn an. Ich sagte ihm, dass mir klar war, dass es in Konzertpausen, wenn er als Dirigent konzentriert sein muss, ungünstig ist, aber ich wollte wissen, was er von mir erwarten würde zu tun, um unser Verhältnis wieder zu bessern. Er antwortete kryptisch, abweisend und wenig hilfreich: “Ich erwarte von Dir zu tun, was man von Dir erwartet zu tun” und ging. Niedergeschlagen hörte ich mir draußen die zweite Hälfte an und fuhr dann vor den Zugaben nachhause. Das war unser letzter Wortwechsel.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 1998 sprach der damalige 1. Vorsitzende des Akkordeon-Spielrings bei uns auf den Anrufbeantworter, dass Enno verstorben sei. Bei seiner Beerdigung wollten das Orchester und die Chöre die “Hermann-Löns-Kantate” ihm zu Ehren aufführen. Ich nahm an der Beerdigung hinten sitzend möglichst unauffällig teil, um niemandes Gefühle zu verletzen. In der Zwischenzeit war ich schon im Studiengang Orchesterleitung aktiv und kompetent. Ich wurde nicht gefragt, das Werk zu leiten. Dies übernahm sein persönlicher Freund und 1. Vorsitzender des Nordheide-Chores. Als persönliche Geste empfand ich das als rührend und angemessen.

Für mich überraschend wurde ich 1999 mit der Nachfolge von Enno betraut. Schon 2000 sollte die “Hermann-Löns-Kantate” erneut anlässlich von Veranstaltungen rund um die EXPO 2000 in der Stadthalle Walsrode aufgeführt werden. Ich erhielt also die Partitur, lernte sie und probte mit den Klangkörpern. Die Aufführung gelang ausgezeichnet und wurde begeistert aufgenommen. Ein letztes Mal wurde die Kantate 2001 beim Tag der Niedersachsen in Lüneburg unter meiner Leitung aufgeführt. Bei dieser Aufführung zeigten sich wieder Schwächen, die aber während des Vortrages aufgefangen werden konnten. (Und ist es überflüssig zu sagen? Natürlich wird/wurde auf den Homepages der Klangkörper nirgends erwähnt, dass ich das Werk leitete. So ist das Leben als persona non grata.)

Als meine Arbeit für den Akkordeon-Spielring endete und ich ärgerlich und enttäuscht meine Mitgliedschaft nach 25 Jahren beendete, gab ich alle Partituren zurück. So auch die “Hermann-Löns-Kantate”.

Seit 2001 habe ich mehrfach versucht, dieses Werk vor dem Vergessen zu bewahren. Ich bot an, das Stück posthum unter Ennos Autorenschaft ohne Kostenstellung für den Verlag zu bearbeiten und dann verlegen zu lassen. Die Einnahmen sollten entweder Ennos Erben oder einem guten Zweck zufließen. Trotzdem setzten sich die selben Leute durch, die sich vorher durchsetzten: Ich würde das für mich und aus Eigennutz tun, man müsse bei mir vorsichtig sein und so weiter und so fort. Somit kam es zu keiner Veröffentlichung, zu keiner weiteren Aufführung (“Wer soll das aufführen? Das Stück ist schwer und man braucht ein großes Orchester! Du (!) kannst das nicht, das ist über Deinem Niveau!” Das war die letzte Aussage mir gegenüber vor einigen Jahren. Von einem Hobby-Musiker. Nachdem ich das Stück bereits aufgeführt hatte, Orchesterleitung studiert hatte, seit Jahren erfolgreich Orchester leitete und zwei große Oberstufen-Orchester zur Verfügung hatte. Aber was will man machen…). Das Werk ist verschollen wie alle anderen von Enno Meyenburg.

Meine “Heidewanderung” wird sich an der “Hermann-Löns-Kantate” anlehnen: Ich übernehme von Enno das fallende Sekund-Motiv, das bei mir aber nicht in einen dissonierenden Klangnebel führt. Der erste Titel wird das berühmte “Auf der Lüneburger Heide” von Ludwig Rahlfs sein. Das Lied wird häufig als Marsch gespielt. Ich verwende aber den Original-Chor-Satz von Rahlfs und lasse es als Hymne klingen. Bis dahin ist das Stück bereits fertig komponiert. Wieder an Ennos Arbeit angelehnt wird wie bei ihm die Einleitung als idee fixe im Gesamtwerk auftauchen und die Einzelstücke miteinander verbinden. Derzeit ist meine Vorstellung, die einzelnen Lieder in verschiedenen Stilen verschiedener klassischer oder romantischer Komponisten zu bearbeiten; dies im Unterschied zu Enno, der ausgesprochen sensibel in die Stücke eintauchte und intuitiv und selbstverständlich aus seinem Können und seiner Künstlerpersönlichkeit schöpfte. Das Ende lehne ich wieder deutlich an Ennos Werk an, um mit dieser Klammer seine Leistung zu würdigen.

Mit der “Heidewanderung” werde ich nicht versuchen, Ennos “Hermann-Löns-Kantate” nachzukomponieren. Auch nach fast zwei Jahrzehnten habe ich noch deutlich Klangbilder im Kopf und denke fast, mir sollte es mit einiger Mühe tatsächlich gelingen, seinem Werk recht nahe zu kommen. Aber das käme mir wie Diebstahl vor und mein Respekt vor ihm und dem Werk verbietet mir das. Ich werde ein eigenes Stück schaffen, das aber deutlich seine Nähe zu Ennos Werk zeigen soll.

Dabei weiß ich aber eines: An jenem Mittwochabend vor 30 Jahren passierte in einer Akkordeon-Orchester-Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde. Dem Komponisten und Leiter wurde warmherzig, tief empfunden und spontan tatsächlich für sein Stück applaudiert. Aber das ist auch gut so! Denn es war Ennos Moment. Ein flüchtiger Augenblick, in dem er endlich mal so gewürdigt wurde, wie er es als Künstler verdient hat, aber fast nie erleben durfte.

Blick nach vorn

Wir haben auf der letzten Probe überlegt, wie wir das kommende festliche Konzert gestalten wollen und schon mit dem Üben einiger Werke angefangen. Gute Routine, mit viel Spaß schnell gemacht und jetzt herrscht Vorfreude auf das Programm und die weiteren Proben.

Für die nächste Saison habe ich mir vorgenommen, drei neue Stücke für mein Orchester zu arrangieren. Auf jedes freue ich mich und kann gar nicht schnell genug mit der Arbeit daran anfangen.

Für die Bearbeitung eines der Stücke habe ich die persönliche Erlaubnis des Komponisten erhalten und weiß jetzt schon, dass das meinem Orchester und dem Publikum viel Spaß machen wird.

Gestern Abend und Nacht habe ich mit neu kennengelernten Freunden gejammt. Seit es die Eilter Skiffle Company nicht mehr gibt, habe ich das nur extrem selten gemacht und hatte als klassisch ausgebildeter Musiker auch wenig Berührungspunkte. Aber das lief gestern Abend bei uns allen so gut und war so glücklich machend, dass wir das beibehalten werden. Vielleicht tritt man damit mal auf. Aber das Ziel ist erst einmal ganz einfach nur, Musik machen um der Musik willen.

Nach einem Jahr Knochenmühle und Selbstaufopferung für einen knackigen Fußtritt habe ich wieder das überwältigende Bedürfnis, meine vernachlässigten Instrumente ernsthaft zu bespielen. Wenn ich meine Duo-Partnerin dafür begeistern könnte, würde mich das sehr freuen; zunächst werde ich jedenfalls mit dem Neuaufbau meiner Möglichkeiten beginnen.

Schließlich habe ich meinen neuen Arbeitsplatz, die Kollegen und Kolleginnen und Kinder und Jugendlichen kennengelernt. Diese Altersgruppe stellt neue Herausforderungen. Der sozialpädagogische Anteil meiner Arbeit wird den weit größten Teil ausmachen und Wissensvermittlung nicht so einfach sein wie bei Kindern und Jugendlichen, die ich bisher unterrichtete. Das ist nur mit einem geschlossenen Kollegium und einer Leitung mit Vernunft und Augenmaß und erholsamer Freizeit möglich. Ich meine, ich habe das hier gefunden.

Oberton- und Grundtonhörigkeit

Heute, 11.5.2019, erhielt ich zwei Links zum Oberton- und Grundtonhören. Diese Tests durchzuführen, könnte für jeden Leser hier interessant sein (die Statistik zeigt mir, dass es doch einige Leser gibt und dafür danke ich herzlich):

Kurztest zur Oberton- und Grundtonhörigkeit

Test Obertongesang

Das veranlasste mich, über mein eigenes Hörverhalten und meine Arbeit mit Orchestern zu reflektieren:

Wie man einzelne Töne spielt, gehört bei mir zum Feinschliff. Zuerst geht es mir immer erst quasi grundtonhörig um die große Geste. Mich stört es sogar manchmal, wenn beim ersten Durchspielen sofort jeder einzelne Ton irgendwie phrasiert wird. Aber wie bei einem Vexierbild wechselt mein Gehirn zwischen Grundton- und Obertonhören und ich nehme beispielsweise die Basslinie im Orchester wie auch die Grundtonbewegung und -Richtung überhaupt nicht mehr wahr. Meistens dann, wenn ich mich damit beschäftige, wie wir etwas phrasieren wollen.

Alles gleichzeitig zu hören und gleichwertig zu beachten ist gerade am Anfang schwer und kostet viel Energie. Ich kann es deshalb oft nur schwer beantworten, wenn aus dem Orchester gefragt wird, ob etwas staccato, legato oder sonstwie gespielt werden soll, weil ich einfach gerade darauf nicht höre bzw. mich damit gerade nicht beschäftige. Solche Fragen werfen mich gelegentlich aus meinen Gedanken zum Stück, ich muss versuchen, gedanklich nachzuhören und dann schnell sinnvoll antworten.

Prinzipiell gehe ich in den Proben an Orchesterstücke wie an mein damaliges Soloprogramm heran und versuche, mit dem Orchester wie mit einem selbst gespielten Instrument zu arbeiten (darauf legte mein Prof. Marius Bazu gesteigerten Wert: “Ein Orchester ist ein lebendiges (!) Instrument und Du bist der Musiker, der es spielt!” Und Prof. Elsbeth Moser schärfte mir ein, immer gesanglich zu denken): Ich denke oft in “linke Hand” – “rechte Hand”, “oben” – “unten”, “Vordergrund” – “Mittelgrund” – “Hintergrund”, an die Verteilung der Aufgaben und dann erst an das Zusammenspiel beider “Seiten” und aller Dimensionen.

Wenn ein Stück im Orchester und in meiner Vorstellung gefestigt ist, diese Vorstellung habe ich manchmal vor den Proben (bei “ernster” Musik vor allem und bei eigenen Stücken), dann höre und denke ich im Gesamtbild beim Dirigieren. Manchmal entwickele ich diese Vorstellung erst beim Proben auch anhand von dem, was ich an spielerischen Eindrücken aus dem Orchester gewinne. Das ist dann ein Wachstumsprozess, der unterschiedlich lang dauern kann, und deshalb brauche ich die Proben auch für mich.

Immer das gesamte Bild betrachte ich, wenn es auf Aufführungen zu geht und insbesondere bei Konzerten und Auftritten. Da ist es so, dass ich vorwiegend das dirigiere, was in meinem Kopf ist und deshalb Verspieler nahezu vollständig ausblende. Dabei gehe ich aber auf das musikalische Geschehen insgesamt ein und versuche, uns davon kontrolliert forttragen zu lassen; das ist eben ein kreativ-musikalischer Prozess und es läuft kein starres und damit für die Aufführung und Wirkung tödliches inneres Metronom oder so. “Musik muss fließen.” (Bazu), “Musik wird grundsätzlich rubato gespielt.” (Moser).

Als ich selbst im Orchester spielte, hat es mich gelegentlich gestört, wenn unser Dirigent aus den Stücken “etwas Eigenes” machte. Heute denke ich oft genau so wie er. Ob ich damals vorwiegend Obertonhörer war, weiß ich allerdings nicht.

Ich meine, dass Oberton- und Grundtonhörigkeit trainierbar ist; jedenfalls hat sich mein Hörverhalten durch das Studium deutlich verändert. Im Gegensatz dazu ist das absolute Gehör, das ich nicht habe, veranlagt, soweit ich weiß. Letzteres ist einerseits ein beneidenswerter Segen, aber von einer Kommilitonin, einer (tollen und wunderschönen) Geigerin des schönen Namens Maike, weiß ich, dass das auch ein Fluch ist: Sie störte sich bei jedem Musizieren mit gleichschwebend temperierten Instrumenten sehr daran, weil die Intervalle nicht stimmten, und wurde von Unsauberkeiten auch im eigenen Spiel förmlich gequält. Und Sie hasste die Tremolo-Schwebung des Akkordeons, weil diese durch eine Verstimmung erzeugt wird (anders als das Vibrato bei Sängern oder anderen Instrumenten).

Zurück zum ersten Test: Ich habe ihn zwei mal durchgeführt. Dabei habe ich mich bewusst jeweils zum Oberton- oder Grundtonhören entschieden mit den Ergebnissen, einmal angeblich ein extremer Obertonhörer und einmal angeblich ein extremer Grundtonhörer zu sein. Um es zusammenzufassen, höre ich also je nachdem, welche Aufgabe ansteht, ober- oder grundtönig und das unbewusst wie bewusst.

Zum zweiten Test: Einer meiner Kommilitonen, Jochen, ein total sympathischer Sänger, war ein Meister des Obertongesangs. Er konnte die Obertöne so klar isolieren, dass man meinte, eine Flöte oder ähnliches zu hören. Das war klarer zu hören, als bei dem verlinkten Beispiel, das schon sehr, sehr gut ist. Ich kann das gar nicht.

Es war einmal ein Obertonsänger, kein schlechter, bei einer der Casting-Shows mit Dieter Bohlen. Bohlen hat den achtkantig mit ziemlich erniedrigenden Bemerkungen raus geworfen und RTL hat ihn genüsslich vorgeführt. Weil nicht verstanden wurde, was er da tat.

Falls jemand jemals wissen wollte, was in meinem Kopf vorgeht (außer nackten Frauen, Kino-Filmen, Autos, Werkzeug und was uns Männer sonst so beschäftigt): da steht es jetzt so ungefähr. Ohne Anlass hätte ich das nie erzählt oder irgendwo hingeschrieben.

Jetzt bin ich für den Rest des Tages deprimiert, dass ich diesen wunderschönen Beruf aufgeben musste bzw. die beknackte Akkordeon-Szene ist, wie sie ist…