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Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Echte Überraschungen

Wer mit offenen Ohren und anderen Sinnen durch das Leben geht, erlebt sie und kann sich daran freuen. Dafür muss man gelegentlich als wahr Geglaubtes überwinden.

Ich dachte, als mir der Begriff das erste Mal begegnete: “Handglockenchor?! Wer macht den so etwas?! Gebimmel und Gedengel, wem soll das gefallen?” Und dann erlebte ich etwas, das mich ganz tief traf und bewegte. Wunderschön!

Der Handglockenchor Wiedensahl und ihr Leiter Thomas Eickhoff haben mich als Fan gewonnen. Dieses Stück habe ich nicht live gehört, aber hört mal rein! Die sind schon wirklich richtig gut! Und live ist das zu Tränen rührend schöner, sphärischer Klang.

Heidewanderung

Es gibt für Akkordordeon-Orchester komponierte Werke, die den Status von Klassikern haben. Ich würde zum Beispiel Heinz Ehmes “Galerie” nennen wollen oder Matyas Seibers “Irische Suite”. Natürlich gibt es auch noch jüngere Kompositionen, die diesen Rang haben dürften. Aber hier erlaube ich mir aufgrund meiner Erfahrungen im persönlichen Kontakt mit einigen dieser Komponisten zu schweigen.

Zu den eindrucksvollsten Werken für Akkordeon-Orchester gehört die verloren gegangene “Hermann-Löns-Kantate” von Enno Meyenburg. Das Werk ist für Akkordeon-Orchester (Mindestbesetzung 21 Akkordeons, Klavier, Schlagwerk) und gemischten Chor geschrieben. Anlass der Komposition war die 750-Jahr-Feier des Ortes Marxen im Jahr 1989. Enno leitete dort, ich kann nicht mehr genau herausfinden seit wann, seit etwa Mitte der 80-er Jahre den Nordheide-Chor und den Frauenchor Nordheide. Die Konzerte, bei denen ich als damaliges Orchestermitglied des nicht mehr existierenden akkordeon-sound-orchesters (damals 1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.) mitwirken durfte, gehörten zu den Glanzstücken orchestralen und chorischen Musizierens. In seiner besten Zeit, bevor er still und ohne zu klagen schwer erkrankte und deshalb zwangsläufig konditionell abbaute, war Enno Meyenburg ein lebhafter, intensiver, charismatischer, von Musikalität durchdrungener Orchester- und Chorleiter.

Enno bearbeitete für seine Chöre und seine Orchester (heute existiert noch das Akkordeon-Orchester Visselhövede) eine gewaltige Menge an Werken. Mir sind viele in Erinnerung und ich nenne jetzt mal “Der Zigeunerbaron”, “Peter und der Wolf”, “Meine Welt ist die Musik” (mehrere Schlagermedleys der 50-er bis 60-er Jahre), “New York, New York”, “Beatles-Medley”, “Mary Poppins”. Die Zahl seiner Bearbeitungen ist enorm und ganz sicher dreistellig. Alle diese Werke von ihm sind verloren und nicht einmal eine handvoll durch Verlag erhalten.

Die Proben an der “Hermann-Löns-Kantate” und ihre Aufführungen gehören zu den beglückendsten Erfahrungen meines Musikerdaseins! Enno komponierte eine Fantasie aus verschiedenen Heideliedern, indem er sie miteinander thematisch verwob und in einem Mischstil aus Impressionismus und Romantik klangvoll und wirkungsstark ausformulierte. Wir probten, wie es sinnvoll ist bei einem Werk von mehr als 20 Minuten Spieldauer, immer in Abschnitten daran. Ich kann mich noch sehr gut und sehr lebhaft daran erinnern, wie sich die Stimmführerin in der 1. Stimme (in der ich damals saß) über die Einleitung der Kantate lustig machte: Die Einleitung bestand aus abwärts fallenden kleinen Sekunden, die dissonierend liegen blieben. Durch diesen Klang hindurch tauchten Bassfiguren “wie schwarze Silhouetten von Wacholderbäumen im Nebel” (Enno Meyenburg bei der Probe) bedrohlich auf. Daraus verdichtete sich der Klang immer mehr, um zum ersten Titel zu führen. Als die Stimmführerin sich über diese Dissonanzen lustig machte, sah ich sofort, wie tief getroffen Enno war, und er reagierte sehr heftig und wütend seine Komposition verteidigend.

Als dann jedenfalls nach monatelangen Proben an diesem ausgesprochen komplizierten und anspruchsvollem Werk alle Abschnitte fertig geprobt waren, sollten wir das Stück erstmals komplett durchspielen. An diesem Mittwochabend passierte in der Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde: Nach dem konzentrierten Durchspielen mit dem enthusiastisch dirigierenden Enno Meyenburg herrschte vollkommene Stille. Enno stand noch in seiner letzten Geste verharrend mit geschlossenen Augen vor dem Orchester – dann brachen wir als Orchester in stürmischen Applaus aus. Wir konnten nicht an uns halten! Die Geschichte, welche die Kantate musikalisch erzählte, und ihr herzzerreißendes Ende, in dem das Stück regelrecht starb, hat uns alle tief gerührt. Ich musste schlucken und rang mit Tränen.

Die Uraufführung mit den beiden Chören, die sich in ihrer Bestform zeigten, war ein grandioser Erfolg. Mehrere Aufführungen folgten. Leider brachen bei der letzten Aufführung unter Leitung des Komponisten bei einem Chorfestival, wo Enno sich natürlich positionieren wollte, beide Chöre in ihrer Leistung ein, das Stück konnte nur mit Mühe gerettet werden und verfehlte seine Wirkung.

Ende Dezember 1998 verstarb Enno Meyenburg. Weil ich die Leitung des Jugendorchesters im Akkordeon-Spielring übernommen hatte, das Musikstudium anstrebte bzw. bereits studierte und der Verein meine Honorarforderungen gegen die Enno Meyenburgs ausspielte, trennten wir uns vorher im Streit. Sein letztes, begeistert aufgenommenes, Konzert in Marxen mit den Chören und unserem Orchester hörte ich heimlich draußen vor dem Fenster in Bühnennähe zwischen Stuhlstapeln sitzend, traurig, nicht mehr dabei zu sein. In der Pause sprach ich ihn an. Ich sagte ihm, dass mir klar war, dass es in Konzertpausen, wenn er als Dirigent konzentriert sein muss, ungünstig ist, aber ich wollte wissen, was er von mir erwarten würde zu tun, um unser Verhältnis wieder zu bessern. Er antwortete kryptisch, abweisend und wenig hilfreich: “Ich erwarte von Dir zu tun, was man von Dir erwartet zu tun” und ging. Niedergeschlagen hörte ich mir draußen die zweite Hälfte an und fuhr dann vor den Zugaben nachhause. Das war unser letzter Wortwechsel.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 1998 sprach der damalige 1. Vorsitzende des Akkordeon-Spielrings bei uns auf den Anrufbeantworter, dass Enno verstorben sei. Bei seiner Beerdigung wollten das Orchester und die Chöre die “Hermann-Löns-Kantate” ihm zu Ehren aufführen. Ich nahm an der Beerdigung hinten sitzend möglichst unauffällig teil, um niemandes Gefühle zu verletzen. In der Zwischenzeit war ich schon im Studiengang Orchesterleitung aktiv und kompetent. Ich wurde nicht gefragt, das Werk zu leiten. Dies übernahm sein persönlicher Freund und 1. Vorsitzender des Nordheide-Chores. Als persönliche Geste empfand ich das als rührend und angemessen.

Für mich überraschend wurde ich 1999 mit der Nachfolge von Enno betraut. Schon 2000 sollte die “Hermann-Löns-Kantate” erneut anlässlich von Veranstaltungen rund um die EXPO 2000 in der Stadthalle Walsrode aufgeführt werden. Ich erhielt also die Partitur, lernte sie und probte mit den Klangkörpern. Die Aufführung gelang ausgezeichnet und wurde begeistert aufgenommen. Ein letztes Mal wurde die Kantate 2001 beim Tag der Niedersachsen in Lüneburg unter meiner Leitung aufgeführt. Bei dieser Aufführung zeigten sich wieder Schwächen, die aber während des Vortrages aufgefangen werden konnten. (Und ist es überflüssig zu sagen? Natürlich wird/wurde auf den Homepages der Klangkörper nirgends erwähnt, dass ich das Werk leitete. So ist das Leben als persona non grata.)

Als meine Arbeit für den Akkordeon-Spielring endete und ich ärgerlich und enttäuscht meine Mitgliedschaft nach 25 Jahren beendete, gab ich alle Partituren zurück. So auch die “Hermann-Löns-Kantate”.

Seit 2001 habe ich mehrfach versucht, dieses Werk vor dem Vergessen zu bewahren. Ich bot an, das Stück posthum unter Ennos Autorenschaft ohne Kostenstellung für den Verlag zu bearbeiten und dann verlegen zu lassen. Die Einnahmen sollten entweder Ennos Erben oder einem guten Zweck zufließen. Trotzdem setzten sich die selben Leute durch, die sich vorher durchsetzten: Ich würde das für mich und aus Eigennutz tun, man müsse bei mir vorsichtig sein und so weiter und so fort. Somit kam es zu keiner Veröffentlichung, zu keiner weiteren Aufführung (“Wer soll das aufführen? Das Stück ist schwer und man braucht ein großes Orchester! Du (!) kannst das nicht, das ist über Deinem Niveau!” Das war die letzte Aussage mir gegenüber vor einigen Jahren. Von einem Hobby-Musiker. Nachdem ich das Stück bereits aufgeführt hatte, Orchesterleitung studiert hatte, seit Jahren erfolgreich Orchester leitete und zwei große Oberstufen-Orchester zur Verfügung hatte. Aber was will man machen…). Das Werk ist verschollen wie alle anderen von Enno Meyenburg.

Meine “Heidewanderung” wird sich an der “Hermann-Löns-Kantate” anlehnen: Ich übernehme von Enno das fallende Sekund-Motiv, das bei mir aber nicht in einen dissonierenden Klangnebel führt. Der erste Titel wird das berühmte “Auf der Lüneburger Heide” von Ludwig Rahlfs sein. Das Lied wird häufig als Marsch gespielt. Ich verwende aber den Original-Chor-Satz von Rahlfs und lasse es als Hymne klingen. Bis dahin ist das Stück bereits fertig komponiert. Wieder an Ennos Arbeit angelehnt wird wie bei ihm die Einleitung als idee fixe im Gesamtwerk auftauchen und die Einzelstücke miteinander verbinden. Derzeit ist meine Vorstellung, die einzelnen Lieder in verschiedenen Stilen verschiedener klassischer oder romantischer Komponisten zu bearbeiten; dies im Unterschied zu Enno, der ausgesprochen sensibel in die Stücke eintauchte und intuitiv und selbstverständlich aus seinem Können und seiner Künstlerpersönlichkeit schöpfte. Das Ende lehne ich wieder deutlich an Ennos Werk an, um mit dieser Klammer seine Leistung zu würdigen.

Mit der “Heidewanderung” werde ich nicht versuchen, Ennos “Hermann-Löns-Kantate” nachzukomponieren. Auch nach fast zwei Jahrzehnten habe ich noch deutlich Klangbilder im Kopf und denke fast, mir sollte es mit einiger Mühe tatsächlich gelingen, seinem Werk recht nahe zu kommen. Aber das käme mir wie Diebstahl vor und mein Respekt vor ihm und dem Werk verbietet mir das. Ich werde ein eigenes Stück schaffen, das aber deutlich seine Nähe zu Ennos Werk zeigen soll.

Dabei weiß ich aber eines: An jenem Mittwochabend vor 30 Jahren passierte in einer Akkordeon-Orchester-Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde. Dem Komponisten und Leiter wurde warmherzig, tief empfunden und spontan tatsächlich für sein Stück applaudiert. Aber das ist auch gut so! Denn es war Ennos Moment. Ein flüchtiger Augenblick, in dem er endlich mal so gewürdigt wurde, wie er es als Künstler verdient hat, aber fast nie erleben durfte.

Blick nach vorn

Wir haben auf der letzten Probe überlegt, wie wir das kommende festliche Konzert gestalten wollen und schon mit dem Üben einiger Werke angefangen. Gute Routine, mit viel Spaß schnell gemacht und jetzt herrscht Vorfreude auf das Programm und die weiteren Proben.

Für die nächste Saison habe ich mir vorgenommen, drei neue Stücke für mein Orchester zu arrangieren. Auf jedes freue ich mich und kann gar nicht schnell genug mit der Arbeit daran anfangen.

Für die Bearbeitung eines der Stücke habe ich die persönliche Erlaubnis des Komponisten erhalten und weiß jetzt schon, dass das meinem Orchester und dem Publikum viel Spaß machen wird.

Gestern Abend und Nacht habe ich mit neu kennengelernten Freunden gejammt. Seit es die Eilter Skiffle Company nicht mehr gibt, habe ich das nur extrem selten gemacht und hatte als klassisch ausgebildeter Musiker auch wenig Berührungspunkte. Aber das lief gestern Abend bei uns allen so gut und war so glücklich machend, dass wir das beibehalten werden. Vielleicht tritt man damit mal auf. Aber das Ziel ist erst einmal ganz einfach nur, Musik machen um der Musik willen.

Nach einem Jahr Knochenmühle und Selbstaufopferung für einen knackigen Fußtritt habe ich wieder das überwältigende Bedürfnis, meine vernachlässigten Instrumente ernsthaft zu bespielen. Wenn ich meine Duo-Partnerin dafür begeistern könnte, würde mich das sehr freuen; zunächst werde ich jedenfalls mit dem Neuaufbau meiner Möglichkeiten beginnen.

Schließlich habe ich meinen neuen Arbeitsplatz, die Kollegen und Kolleginnen und Kinder und Jugendlichen kennengelernt. Diese Altersgruppe stellt neue Herausforderungen. Der sozialpädagogische Anteil meiner Arbeit wird den weit größten Teil ausmachen und Wissensvermittlung nicht so einfach sein wie bei Kindern und Jugendlichen, die ich bisher unterrichtete. Das ist nur mit einem geschlossenen Kollegium und einer Leitung mit Vernunft und Augenmaß und erholsamer Freizeit möglich. Ich meine, ich habe das hier gefunden.

Oberton- und Grundtonhörigkeit

Heute, 11.5.2019, erhielt ich zwei Links zum Oberton- und Grundtonhören. Diese Tests durchzuführen, könnte für jeden Leser hier interessant sein (die Statistik zeigt mir, dass es doch einige Leser gibt und dafür danke ich herzlich):

Kurztest zur Oberton- und Grundtonhörigkeit

Test Obertongesang

Das veranlasste mich, über mein eigenes Hörverhalten und meine Arbeit mit Orchestern zu reflektieren:

Wie man einzelne Töne spielt, gehört bei mir zum Feinschliff. Zuerst geht es mir immer erst quasi grundtonhörig um die große Geste. Mich stört es sogar manchmal, wenn beim ersten Durchspielen sofort jeder einzelne Ton irgendwie phrasiert wird. Aber wie bei einem Vexierbild wechselt mein Gehirn zwischen Grundton- und Obertonhören und ich nehme beispielsweise die Basslinie im Orchester wie auch die Grundtonbewegung und -Richtung überhaupt nicht mehr wahr. Meistens dann, wenn ich mich damit beschäftige, wie wir etwas phrasieren wollen.

Alles gleichzeitig zu hören und gleichwertig zu beachten ist gerade am Anfang schwer und kostet viel Energie. Ich kann es deshalb oft nur schwer beantworten, wenn aus dem Orchester gefragt wird, ob etwas staccato, legato oder sonstwie gespielt werden soll, weil ich einfach gerade darauf nicht höre bzw. mich damit gerade nicht beschäftige. Solche Fragen werfen mich gelegentlich aus meinen Gedanken zum Stück, ich muss versuchen, gedanklich nachzuhören und dann schnell sinnvoll antworten.

Prinzipiell gehe ich in den Proben an Orchesterstücke wie an mein damaliges Soloprogramm heran und versuche, mit dem Orchester wie mit einem selbst gespielten Instrument zu arbeiten (darauf legte mein Prof. Marius Bazu gesteigerten Wert: “Ein Orchester ist ein lebendiges (!) Instrument und Du bist der Musiker, der es spielt!” Und Prof. Elsbeth Moser schärfte mir ein, immer gesanglich zu denken): Ich denke oft in “linke Hand” – “rechte Hand”, “oben” – “unten”, “Vordergrund” – “Mittelgrund” – “Hintergrund”, an die Verteilung der Aufgaben und dann erst an das Zusammenspiel beider “Seiten” und aller Dimensionen.

Wenn ein Stück im Orchester und in meiner Vorstellung gefestigt ist, diese Vorstellung habe ich manchmal vor den Proben (bei “ernster” Musik vor allem und bei eigenen Stücken), dann höre und denke ich im Gesamtbild beim Dirigieren. Manchmal entwickele ich diese Vorstellung erst beim Proben auch anhand von dem, was ich an spielerischen Eindrücken aus dem Orchester gewinne. Das ist dann ein Wachstumsprozess, der unterschiedlich lang dauern kann, und deshalb brauche ich die Proben auch für mich.

Immer das gesamte Bild betrachte ich, wenn es auf Aufführungen zu geht und insbesondere bei Konzerten und Auftritten. Da ist es so, dass ich vorwiegend das dirigiere, was in meinem Kopf ist und deshalb Verspieler nahezu vollständig ausblende. Dabei gehe ich aber auf das musikalische Geschehen insgesamt ein und versuche, uns davon kontrolliert forttragen zu lassen; das ist eben ein kreativ-musikalischer Prozess und es läuft kein starres und damit für die Aufführung und Wirkung tödliches inneres Metronom oder so. “Musik muss fließen.” (Bazu), “Musik wird grundsätzlich rubato gespielt.” (Moser).

Als ich selbst im Orchester spielte, hat es mich gelegentlich gestört, wenn unser Dirigent aus den Stücken “etwas Eigenes” machte. Heute denke ich oft genau so wie er. Ob ich damals vorwiegend Obertonhörer war, weiß ich allerdings nicht.

Ich meine, dass Oberton- und Grundtonhörigkeit trainierbar ist; jedenfalls hat sich mein Hörverhalten durch das Studium deutlich verändert. Im Gegensatz dazu ist das absolute Gehör, das ich nicht habe, veranlagt, soweit ich weiß. Letzteres ist einerseits ein beneidenswerter Segen, aber von einer Kommilitonin, einer (tollen und wunderschönen) Geigerin des schönen Namens Maike, weiß ich, dass das auch ein Fluch ist: Sie störte sich bei jedem Musizieren mit gleichschwebend temperierten Instrumenten sehr daran, weil die Intervalle nicht stimmten, und wurde von Unsauberkeiten auch im eigenen Spiel förmlich gequält. Und Sie hasste die Tremolo-Schwebung des Akkordeons, weil diese durch eine Verstimmung erzeugt wird (anders als das Vibrato bei Sängern oder anderen Instrumenten).

Zurück zum ersten Test: Ich habe ihn zwei mal durchgeführt. Dabei habe ich mich bewusst jeweils zum Oberton- oder Grundtonhören entschieden mit den Ergebnissen, einmal angeblich ein extremer Obertonhörer und einmal angeblich ein extremer Grundtonhörer zu sein. Um es zusammenzufassen, höre ich also je nachdem, welche Aufgabe ansteht, ober- oder grundtönig und das unbewusst wie bewusst.

Zum zweiten Test: Einer meiner Kommilitonen, Jochen, ein total sympathischer Sänger, war ein Meister des Obertongesangs. Er konnte die Obertöne so klar isolieren, dass man meinte, eine Flöte oder ähnliches zu hören. Das war klarer zu hören, als bei dem verlinkten Beispiel, das schon sehr, sehr gut ist. Ich kann das gar nicht.

Es war einmal ein Obertonsänger, kein schlechter, bei einer der Casting-Shows mit Dieter Bohlen. Bohlen hat den achtkantig mit ziemlich erniedrigenden Bemerkungen raus geworfen und RTL hat ihn genüsslich vorgeführt. Weil nicht verstanden wurde, was er da tat.

Falls jemand jemals wissen wollte, was in meinem Kopf vorgeht (außer nackten Frauen, Kino-Filmen, Autos, Werkzeug und was uns Männer sonst so beschäftigt): da steht es jetzt so ungefähr. Ohne Anlass hätte ich das nie erzählt oder irgendwo hingeschrieben.

Jetzt bin ich für den Rest des Tages deprimiert, dass ich diesen wunderschönen Beruf aufgeben musste bzw. die beknackte Akkordeon-Szene ist, wie sie ist…

Matinee 2018

Matinee mit dem 1. Akkordeonorchester Winsen Aller

Am Sonntag, dem 2.9.2018, laden bei freiem Eintritt der Verkehrs- und Verschönerungsverein und der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) zur jährlichen Matinee des Akkordeon-Orchesters in „Dat Groode Hus“ auf dem Museumshof, Brauckmanns Kerkstieg 10, 29308 Winsen (Aller) ein. Das Konzert beginnt um 11.00 Uhr.

Länder, in denen man oft Nordlichter beobachten kann, stehen am kommenden Wochenende auf dem Programm des Orchesters. Der erste Satz der „Nordischen Sonate“ zeichnet eine urwüchsige Landschaft mit aus ruhiger See schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Fjorden, dramatischen Wolkentürmen und stürmenden Wolkenfetzen. Während hier musikalische Aufregung herrscht und in einem anderen Stück der nordische Gott Thor wütend seinen Hammer schwingt, sorgen ein Abba-Medley und irische Musik aus „Lord Of The Dance“ für leichtherzige Stimmung. Die hymnische Musik der irischen Band „U2“ verbindet Drama mit Leichtigkeit und ist in einem Spezialarrangement für dieses Orchester zu hören. Im Norden ist es bei langen Nächten kalt: „Winter is coming!“ Das ist die unheilvolle Drohung der Roman-Folge und des Fernseh-Dramas „A Game Of Thrones“, dessen Titelmelodie grollend das wunderschöne, historische Zweiständer-Bauernhaus zum Beben bringen wird. Nordisch-deftige Kost wird sich mit musikalischen Sahnebonbons abwechseln und die Musikerinnen und Musiker des Akkordeon-Orchesters freuen sich nach intensiven Proben bei hochsommerlichen Temperaturen auf das Konzert mit zum großen Teil Bearbeitungen speziell für dieses Orchester.

Die Nordische Sonate von Gerhard Mohr ist ein dreisätziges Werk für Akkordeonorchester, von dem der 1. Satz vorgetragen wird. Nachdem das Akkordeon als Instrument voll entwickelt war, gab es, kriegsbedingt verzögert, starke Bemühungen, das Instrument in der ernsten Konzertmusik zu etablieren. Der im letzten Jahr verstorbene Akkordeon-Virtuose Dietmar Walther war eine der treibenden Personen dieser Bewegung, die in der heutigen Zeit bundesweit und insbesondere in Niedersachsen leider deutliche Zeichen des teilweise selbst verschuldeten Niedergangs zeigt. (Umso mehr freue ich mich über dieses Orchester hier in Winsen!) Walther knüpfte immer wieder Kontakte zu namhaften Komponisten und weckte bei ihnen Begeisterung gerade auch für den seinerzeit ganz jungen, ungewöhnlichen und viel belächelten Klangkörper Akkordeon-Orchester.

Gerhard Mohr (1901 – 1979) gehört zu diesen von Dietmar Walther inspirierten Komponisten. Mohr war in der gehobenen Unterhaltungsmusik zuhause und ihm gelang neben verschiedenen Orchester- und Ensemble-Werken mit dem langsamen Chanson „Bei zärtlicher Musik“ 1935 ein großer Erfolg. Mit der nordischen Sonate behandelt er das Akkordeon-Orchester ironiefrei als ernsthaften Klangkörper mit hohem künstlerischen und auch virtuosen Anspruch. Dabei verliert er das Publikum nicht aus dem Auge: Seine nationalromantisch geprägte Suite mit impressionistischen Effekten bietet reizvolle Melodien in einer dramatischen, spannungsreichen und bildhaft anschaulichen Bearbeitung.

Eine zarte, in einem Sinfonie-Orchester vermutlich von der Oboe oder der Flöte vorgetragenen Melodie versetzt uns in eine nordische Landschaft, in der Nebelschwaden in den Wipfeln von Kiefernwäldern und über Mooren hängen. Ohne langes Zögern baut Mohr musikalische Kontraste auf, die den Eindruck von schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Hochebenen, dramatisch aus dem Wasser ragenden Felswänden und Sturmgeschehen erwecken. Immer wieder kommt die Musik zur Ruhe, zeigt fast völlige Erschöpfung, um aus dieser Ruhe heraus erneut energisch hervorzubrechen. Gegen Ende des 1. Satzes hört man die Musik zweimal tief durchatmen, sich vollkommen verausgabt scheinbar endgültig zu beruhigen, nur um dann furios und in einem kurzen Anlauf dem Ende entgegen zu stürmen.

Ich freue mich auf das Musizieren mit diesem Orchester und wünsche Ihnen viel Freude an der Matinee!

Dietmar Steinhaus