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Im Schatten zwölf Uhr mittags

Ich bin auch ein Filmfan. Es gibt Genres, die ich nicht mag. Horror, wie “Es”. Aber selbst da gibt es Ausnahmen. “Alien” ist so eine. Oder Gewaltfilme. Mit Ausnahmen: “Pulp Fiction” ist ganz große Filmkunst.

Jetzt lief im öffentlich rechtlichen Fernsehen ein Western-Special. Dabei war “Der Scharfschütze” aus dem Jahr 1950 mit Gregory Peck. Habe ich noch nie gesehen, also gucken.

Und was habe ich gesehen? Ein Meisterwerk! Unverhofft, unerwartet. “Zwölf Uhr mittags” gehört eindeutig und zu recht zu den Klassikern des Films. Dieser gehört dazu.

Wikepedia hatte über den Film nicht viel zu sagen und die Handlung nur dürr skizziert. Also habe ich mich hinreißen lassen, einen Text zu dem Film zu verfassen. Mein zweiter Wikipedia-Eintrag nach dem über Enno Meyenburg, der bis dahin als Komponist für Akkordeon keine Erwähnung fand.

Wenige Satzfragmente sind noch aus dem ursprünglichen Artikel am Anfang erhalten, der Rest von mir. Ob es so erscheinen/bleiben wird, weiß ich nicht. Meine treue Leserschaft bekommt den Text aber hier unverfälscht mit der herzlichen Empfehlung, diesen Film mal zu sehen. Er ist eine wunderschöne Charakterstudie.

Viel Spaß beim Lesen:

Jimmy Ringo, ein alternder Revolverheld und Outlaw, reitet schwarz gewandet in eine Stadt im Wilden Westen. Dort wird er im Saloon von einem jungen Mann, der vor seinen Freunden angeben will, beleidigt. Vom Barkeeper wird der junge Angeber vor der Gefährlichkeit Ringos gewarnt, aber gerade das ist der Grund für ihn, Ringo herauszufordern. Ringo ignoriert die Beleidigungen und lässt sich zu einem Whisky einladen. Der junge Mann sucht weiter den Streit und nimmt eine einzige Bemerkung Ringos als Vorwand, sich duellbereit aufzustellen und nach einem weiteren Wortwechsel den Revolver zu ziehen. Ringo ist schneller (das Ziehen seines Revolvers wird nicht gezeigt) und erschießt den jungen Mann in Notwehr. Im Saloon wird ihm einhellig bestätigt, dass der junge Provokateur zuerst zog und Ringo im Recht ist. Im Recht zu sein würde ihn aber nicht davor bewahren, von den drei Brüdern des Jungen angegriffen zu werden. Ringo verlässt die Stadt, wobei sein Motiv darin liegen dürfte, Ärger vermeiden zu wollen, denn seine Überlegenheit den Brüdern gegenüber zeigt sich außerhalb der Stadt: Mit einer Finte gelingt es ihm mit Leichtigkeit, die Brüder zu entwaffnen und ihrer Pferde zu berauben. Somit müssen sie zu Fuß unterwegs sein und er erhält im Falle weiterer Verfolgung einen großen Vorsprung. Die Brüder entschließen sich auch dazu statt nachhause zu gehen, Ringo in die nächste Stadt zu folgen.

In Cayenne angekommen, will er Peggy sehen, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, und trifft auf den Scheriff Mark Strett. Strett und er waren, wie sich im weiteren Verlauf zeigt, Waffenbrüder bei Überfällen. Strett gelang es, weil er nicht, wie er Ringo sagt, so berühmt wie Ringo war, ein bürgerliches Leben anzufangen und ist glücklich damit. Trotz der Freundschaft möchte Strett, dass Ringo die Stadt wieder verlässt, denn inzwischen hat sich seine Anwesenheit herumgesprochen und sorgt zunehmend für Unruhe. So haben die Jungen der Stadt den Schulunterricht geschwänzt, um einen Blick auf Ringo zu erhaschen und darüber zu fachsimpeln, wer der schnellste Schütze des Westens wäre, ob der Scheriff Ringo erschießen würde und so weiter. Ringo bittet Strett darum, Peggy, deren gemeinsamer Sohn jetzt acht Jahre alt ist und den er nur als Baby sah, zu fragen, ob sie ihn sehen wollen würde. Er wäre mit jeder Antwort zufrieden und würde, nachdem er Klarheit darüber hat, die Stadt sofort verlassen.

Strett beordert seinen Deputy zur Überwachung und zum Schutz Ringos ab und sucht Peggy, die die örtliche Lehrerin ist, in der leeren Schule auf: Peggy hat den Mädchen ebenfalls frei gegeben, weil alle Jungen, auch ihr Sohn, schwänzten, und sitzt grübelnd am Lehrertisch. Sie fragt nach Ringos Wohlbefinden und seinem Aussehen, will ihm aber nicht begegnen.

Während Ringo im Saloon bei Kaffee, Whisky und Steak wartet, spitzt sich die Situation in der Stadt ohne sein Zutun zu: Der örtliche jugendliche Dorfrüpel und Möchtegern-Revolverheld Hank erfährt von Ringos Anwesenheit und möchte sich mit ihm messen, eine Fraueninitiative möchte auf den Scheriff einwirken, den Mörder, als den sie Ringo sehen, los zu werden und im gegenüber liegenden Gebäude legt sich ein älterer Herr mit einem Gewehr auf die Lauer, um Ringo zu erschießen, wenn dieser den Saloon verlässt. Währenddessen freut sich der Barkeeper Mac, dem Ringo gegenseitig sympathisch ist, darüber, dass sein Saloon durch Ringo berühmt würde und die Jungen treiben sich wie die immer größer werdende Gesellschaft anderer Bürger aus Schaulust vor dem Saloon herum. Schließlich gelingt es auch den drei bereits abgeschüttelten Brüdern zu Pferden und Waffen zu kommen, sodass sie sich der Stadt schneller als erwartet nähern.

Dorfrüpel Hank betritt schließlich mit tief geschnalltem Revolvergurt den Saloon und wird von dem am Tisch sitzenden Ringo zunächst ignoriert, lässt aber nicht locker. Schließlich lässt sich der junge Mann nicht mehr ignorieren und Ringo erklärt ihm, dass er unter dem Tisch seinen Revolver bereits gezogen und auf ihn gerichtet hätte. Hank verlässt den Saloon und beschimpft Ringo im Gehen als feige. Als er den Saloon verlassen hat, legt Ringo seine Hände auf den Tisch und es zeigt sich, dass er unter dem Tisch mit seinem Messer Nagelpflege betrieben hatte.

Im Hinterhalt gegenüber zeigt sich im Streitgespräch des älteren Herren mit seiner Frau, dass er Ringo als den Schützen vermutet, der seinen einzigen Sohn erschoss. Als der von Sheriff Strett abgestellte Deputy und Ringo vor die Pendeltüren treten, sieht Ringo den Lauf aus der Verandatür im ersten Stock des anderen Gebäudes stecken und springt den Deputy vor sich her stoßend in den Saloon zurück. Gegenüber hat die Ehefrau den Schuss verhindert, indem sie mit ihrem Mann um die Waffe rang. Weil sich ihr Mann nicht umstimmen lässt, verlässt sie schließlich verzweifelt den Raum. Ringo verlässt den Saloon durch die Hintertür, schleicht sich in das Gebäude der anderen Straßenseite und entwaffnet den Mann mit Leichtigkeit gewaltlos. Über die Gassen auf den Rückseiten der Gebäude bringt er ihn in das Scheriff-Gebäude und setzt ihn in einer Zelle fest. Er kann dem Attentäter erklären, dass er mit dem Tod seines Sohnes nichts zu tun hat, weil er nie an dem Ort jener Schießerei war; ob der Mann ihm glaubt und dadurch Frieden mit Ringo findet bleibt unklar.

Als Ringo die Zellenschlüssel aufhängen und das Gebäude wieder verlassen will, kommt die Fraueninitiative herein und fragt nach dem Scheriff. Es entspinnt sich eine humoristische Auseinandersetzung mit der Führerin dieser Gruppe, Mrs. Pennyleather, und Ringo sowie dem später dazukommenden Scheriff Strett, der einen Teil des Gesprächs unbemerkt amüsiert beobachtet hat. Ringo geht ausgesprochen charmant und dabei ernsthaft auf das Anliegen der Frauen ein, die schließlich fordern, ihn nach der von ihm ausgehandelten Wartezeit von einer Stunde vom Scheriff niederschießen zu lassen wie einen Hund. Als Scheriff Strett schließlich beiläufig die Identität Ringos enthüllt, verlassen die Frauen nach einer Schrecksekunde entsetzt fluchtartig das Gebäude.

Scheriff Strett muss Ringo eröffnen, dass Peggy, die damit ihren gemeinsamen Sohn schützen will, ihn nicht sehen will. Ringo akzeptiert das und macht sich zum Gehen bereit. Da begegnet ihm eine Freundin aus früheren Tagen, Molly, deren Mann und Freund Ringos ohne dessen Kenntnis inzwischen erschossen worden ist und die jetzt im Saloon arbeitet. Sie erklärt Ringo, dass sie nach wie vor eng mit Peggy befreundet ist und sie leicht dazu bringen kann, Ringo zu treffen. Also bittet Ringo den widerstrebenden aber dann schließlich einlenkenden Scheriff Strett um einen weiteren Aufschub.

Schließlich treffen Peggy und er zusammen und sie versprechen einander nach wie vor ineinander verliebt und jetzt glücklich, sich im nächsten Jahr, wenn sich die Aufregung um Ringo hoffentlich gelegt haben wird, wieder zu treffen, um dann eine gemeinsame friedliche Zukunft aufzubauen. Ringo kann seinen Sohn alleine sehen, sie finden schnell eine herzliche Beziehung zueinander, ohne dass sich Ringo als sein Vater zu erkennen gibt.

Die inzwischen eingetroffenen Brüder des erschossenen jugendlichen Revolverhelden erfahren von dem unbedarften Barkeeper Mac, dass sich Ringo im hinteren Teil des Gebäudes aufhält und legen sich zu zweit in einen Hinerhalt, während ein Bruder die Vorderseite überwacht. Der Dorfrüpel Hank hat ebenfalls mitbekommen, wo sich Ringo aufhält und sucht immer noch nach einem Duell mit ihm.

Glücklich über die Aussicht, sich mit seiner Familie in einem Jahr zu vereinigen und das Leben als Revolverheld hinter sich zu lassen, besteigt Ringo auf der Rückseite ein von seinem Freund Scheriff Strett ausgesuchtes frisches Pferd, um die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Der Deputy des Scheriffs erkennt den Hinterhalt der Brüder und entwaffnet sie gewaltlos. Ringo wendet sich auf seinem Pferd ihnen zu, verabschiedet sich freundlich, gelöst und glücklich, und beginnt davon zu traben. Da springt Hank aus seinem Versteck und schießt unmittelbar nachdem er ruft: “Wer ist schneller, Ringo?” Ringo gelingt es zwar, das Pferd wendend seinen Revolver zu ziehen, aber kann schwer getroffen den Schuss nicht mehr gezielt absetzen. Scheriff Strett hebt ihn vom Pferd und legt ihn auf einer Veranda ab.

Peggy und ihr gemeinsamer Sohn hören im Gehen vom Saloon auf der Straße den Schuss, und sofort geht es wie ein Lauffeuer durch die kleine Stadt, dass Hank Ringo erschossen habe. Peggy hindert ihren Sohn daran, zu seinem, wie er denkt, neuen Freund Ringo zu laufen und setzt mit ihren Emotionen kämpfend den Weg fort. Im Sterben von vielen Leuten umringt erklärt Ringo wahrheitswidrig, dass er selbst zuerst gezogen hätte und Hank schneller gewesen wäre. Voller Stolz auf seine vermeintliche Glanztat versteht Hank trotz der deutlichen Erklärung des sterbenden Ringo nicht, dass dieser ihn dadurch dazu verdammt hat, ein rastloses Leben unter ständiger Bedrohung zu führen. Auch als Scheriff Strett dies nach dem Tod Ringos buchstäblich in Hank reinprügelt, begreift dieser das nicht.

Bei der Trauerfeier ist die ganze Stadt versammelt, sodass die Menschen noch vor der vollen Kirche stehen müssen. Peggy erklärt, sie sei Mrs. Jimmy Ringo und sitzt als Ehefrau mit ihrem Sohn, der jetzt weiß, dass Ringo sein Vater war, in der ersten Reihe.

Der Film schließt mit der Silhouette des vor dem Sonnenuntergang reitenden Ringo.

Der aus dem Jahr 1950 stammende Film zeichnet seine Charaktere glaubwürdig und differenziert. Jede Person ist klar motiviert, die Handlung sowohl stringent als auch intelligent verflochten. Gregory Peck stellt in einem exquisiten Schauspiel-Ensemble meisterhaft einen Revolverhelden dar, der durch Lebenserfahrung gewachsen und gezeichnet ist. Der Film zeigt unmissverständlich sofort und eindrucksvoll, dass Ringo im vollen Besitz seiner Fähigkeiten und potenziell hoch gefährlich für jeden Gegner ist. Aber Ringo entscheidet sich bewusst gegen Gewalt und schießt in dem Film nur drei mal (der zweite Schuss entwaffnet ohne ernsthafte Verletzung, der dritte ist, nachdem Ringo tödlich getroffen wurde, ungezielt). Interessant ist dabei, wie die beiden Saloon-Szenen gegenüber gestellt sind: In beiden verweigert sich Ringo intellektuell überlegen mit Humor und stiller Güte einem Duell. In der ersten wird er aber zum tödlichen Schuss gezwungen, in der zweiten kann er diesen vermeiden. Dies führt zu der Erfüllung des Wunsches der Führerin der Fraueninitiative, er möge erschossen werden wie ein Hund.

Die Titelfigur des Jimmy Ringo lehnt sich sehr lose an den historischen Johnny Ringo an. In Dialogen wird immer wieder Bezug auf Wyatt Earp genommen, um die Gefährlichkeit Ringos zu unterstreichen.