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Dinosaurier

Ob man es wahr haben will oder nicht: Filme haben unsere Kultur mitgeprägt. Ich kenne Leute, die an Filmen nicht das geringste Interesse haben. Die verpassen etwas, finde ich, aber das muss ja jeder selbst wissen. Für mich schwierig nachzuvollziehen ist aber die Haltung von Menschen, die Filme ablehnen. Wer das tut, ist mir grundsätzlich suspekt.

Es gibt Filme, die muss man kennen! Man muss! Warum? Weil das Kultur ist. So, wie man die Mona Lisa kennen muss. Man muss “Die Vögel” kennen!

Ein Klassiker! What´s not to like?

Die Meisterschaft, mit der Hitchcock

Hätte es die Metoo-Debatte damals schon gegeben, er wäre attackiert worden. Völlig zurecht! Was heute nicht “in Ordnung” (ein viel zu schwacher Begriff) ist, war es auch damals nicht. Das ändert aber nichts an seinem Genie.

die Handlung aufbaut, wie er die Charaktere zeichnet und ihre Entwicklung plausibel gestaltet, ist so wunderbar, dass jedes wiederholte Sehen des Films ein Genuss ist. Die Heldin des Films, Melanie Daniels (Tippi Hedren),

Die junge Tippi Hedren. Eine tolle Schauspielerin, eine schöne Frau mit damenhafter Ausstrahlung. Und – eine Heldin, wie sie im heutigen Kino nicht mehr “geht”. Denn sie mag Männer, ist sich ihrer Weiblichkeit bewusst und genießt sie.

Tochter eines Medienmoguls, die ein behütetes Leben führt und in jeder Hinsicht selbstbestimmt und selbstbewusst ist, trifft zufällig auf den Anwalt Mitch Brenner (Rod Taylor),

Geht fraglos auch heute als sexy durch. So zeigt er sich allerdings nicht im Film. Tut mir ja für alle leid, die ihn gerne so sehen.

findet Gefallen an ihm und versucht, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, indem sie sich als Verkäuferin der Zoohandlung ausgibt, die Brenner betreten hat, um vielleicht Sperlingspapageien für seine kleine Tochter zu kaufen. Er durchschaut sehr schnell, dass Melanie nichts vom Fach versteht, und trennt sich amüsiert nach dem erfolglosen “Verkaufsgespräch” von ihr. Sie ersteht die beiden Vögel selbst und sucht überraschend Mitch in seinem Heimatort Bodega Bay auf. Bis dahin sieht der Film wie eine der romantischen Komödien aus, wie sie für Rock Hudson und Doris Day typisch waren.

Doris Day und Rock Hudson. What´s not to like? (Oh, sagte ich das schon woanders?)

Während ihres Besuch kommt es aber zu immer weiter eskalierenden und schließlich tödlichen Vogelattacken auf Menschen. Hitchcock erhöht die Spannung langsam und stetig.  Ich liebe alles an dem Film: Die Schauspieler, das Lokalkolorit, die Charaktere (besonders die sinnlich/erotische Suzanne Pleshette in einer wichtigen Nebenrolle. Noch eine selbstbewusste Frau in Filmen! Was es alles gibt …),

Nun kommt schon! Sie ist doch einfach entzückend! In ihrer Liebenswürdigkeit perfekt besetzt, um maximale Wirkung auf den Zuschauer zu entfalten.

den Umgang mit Stille; einfach alles. Ein perfekter Film seiner Zeit. Wenn man ihn so kategorisieren mag, könnte man ihn als “Tier-Horror” bezeichnen, wie etwa “Der weiße Hai” oder “King Kong”. Dabei zeigen Tiere grundsätzlich nicht ihr realistisches Verhalten oder ihr realistisches Erscheinungsbild, sondern sind eine planvoll agierende Gefahr für den Menschen, der sich plötzlich in einer unbeherrschbaren Umgebung wiederfindet.

Ein solcher ist auch der grandiose Film “Jurassic Park”

von Stephen Spielberg.

Danke, Meister, für so viele unvergessliche Stunden der Flucht aus der Realität!

Das Besondere war, es sollte erreicht werden, ein realistisches, glaubhaftes Bild der Dinosaurier zu zeichnen und in einen Handlungsrahmen zu spannen, der den Zusammenprall der durch Äonen getrennten Tetrapoda Saurier und Mensch glaubhaft darstellt. Bis “Jurassic Park” wurden Saurier als Echsen gezeigt,

Tyrannosaurus, aufrecht gehend, den Schwanz wie eine Echse schleppend und wie ein Känguru als Stütze nutzend mit Echsenkopf und plumpen Krokodilfüßen.

die, wenn sie Jäger sind, auf ihren Hinterbeinen aufgerichtet gehen und den Schwanz als Stütze nutzen; im Grunde Krokodile auf zwei Beinen.

“Dinosaurier” heißt zwar “schreckliche Echse”, aber Echsen und Saurier haben “nur” gemeinsame Vorfahren miteinander und uns Säugern. Bei Echsen sind die Beine vom Körper abgewinkelt, Saurier balancieren im Gegensatz dazu, wie Säugetiere, ihr Gewicht über den Beinen.

Spielberg setzte auf neue Erkenntnisse: Saurier waren auch agile Jäger und balancierten ihr Gewicht mithilfe des Schwanzes als Gegengewicht auf den Hinterbeinen.

Hier war schon längst etabliert, wie gefährlich der Tyrannosaurus Rex für die Menschen ist.

Es wurde, erfolgreich, versucht, ein lebendiges Bild eines Tierökosystems zu zeichnen, indem Pflanzenfresser und Jäger in für sie typischer Weise dargestellt wurden. Die für den Menschen gefährlichen Fleischfresser waren im Film eine echte Gefahr und jagten einem Angst ein; insbesondere die Velociraptoren.

Wenn man das sieht, ist es im Film für einen wahrscheinlich zu spät.

Der Film katapultierte die Vorstellung über Dinosaurier in das neue Jahrtausend! Aber: Es gibt Fehler in der Darstellung, die damals bereits bekannt waren! So ist der als Velociraptor bezeichnete Saurier eher sein größerer Cousin Deinonychus. Zwei Gründe führten dazu, dass der in Wirklichkeit truthangroße Velociraptor Namensträger des Filmmonsters ist: Sein Name klingt aggressiver, lässt sich auch besser aussprechen, und er ist zu klein.

Im Film wird die lückenhafte DNA der Saurier mit Frosch-DNA ergänzt. Der Grund ist, dass die Pointe nicht verraten werden sollte: Saurier sind mit Vögeln verwandt. Als Alan Grant (Sam Neill)

vor dem Brachiosaurus steht, erklärt er begeistert, dass er sich darin bestätigt sieht, dass Saurier warmblütig gewesen seien.

So schön, so ergreifend diese Szene ist, sie wird sich, selbst, wenn man Saurier neu erschaffen könnte, nicht so abspielen können: In der Kreidezeit (“Jurassic” klingt aber cooler), in der diese Saurier lebten, war der Sauerstoffgehalt der Luft erheblich höher. Ohne diesen ist solch ein Riesenwuchs nicht möglich.

Wie in Hitchcocks “Die Vögel”, und wie in jedem anderen wirklich guten Film, sehen wir in “Jurassic Park” echten, glaubhaften Charakteren (mit einer Frau und einer Teenagerin als Heldinnen, die aber leider zu viel “Frau” für das heutige Sendungsbewusstsein im Kino sind) und ihrer Entwicklung im Angesicht der Ereignisse zu. Ein toller Film, der heute noch funktioniert.

In den folgenden Filmen der Reihe setzt man auf nicht verwendete Inhalte des zugrunde liegenden Romans, die Beliebtheit der bekannten Helden (die sich nicht mehr weiter entwickeln und dadurch langweilig sind) und die Schau- und Gruseleffekte. Nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter! Na gut, ganz so schlimm ist es nicht. Man kann den zweiten Teil noch gut gucken, auch wegen der wunderbaren Julianne Moore.

Eine tolle Frau! Toll, toll, toll!

Aber im Kern ist dieser Film sehr deutlich Popcorn-Kino mit herbeifabulierten Konflikten und mehr Remmidemmi als echte Spannung und Charakterzeichnung.

Teil 3 versenkte die Franchise. Sie wurde wiederbelebt mit dem humorvollen, charismatischen Charmebolzen der Extraklasse Chris Pratt.

Und das ist auch schon alles, was es über diese Filme zu sagen gibt. “Jurassic World” ist ein Star-Vehikel für einen tollen Star, dem ich von Herzen gönne, Star zu sein. Ansonsten: Noch mehr Krawall und Action, noch mehr Saurier, noch größere Menschenfresser. Und noch mehr Logiklöcher. Weil die Macher zynisch darauf setzen, dass sie aufgrund der vielen Action nicht auffallen.

“Jurassic Park” hat die Sicht auf die Dinosaurier revolutioniert. Das ist fast 30 Jahre her. “Jurassic World” gestaltet die bekannten Saurier ein wenig um, damit sie bedrohlicher aussehen, und erfindet einen neuen Superjäger, der aber vom plötzlich “lieben” T-Rex gekillt wird. Ansonsten bleiben die Saurier wie sie sind: Nach aktuellen Erkenntnissen falsch!

Die aktuellen Erkenntnisse sagen, dass nicht Tiere wie der Archaeopteryx

Der berühmte Fund im Schiefer von Solnhofen galt seit der Entdeckung als “missing link” zwischen Sauriern und Vögeln. Er belegt auch, dass Evolution stattfindet und die wissenschaftliche Theorie dazu wirklich Wissenschaft ist: Charles Darwin selbst hat belegt, dass die Evolutionstheorie die Kraft der Vorhersagbarkeit hat. Er hat nämlich gesagt, dass, wenn die Theorie stimme, man ein Tier finden müsse, das die Charakteristika des Archaeopteryx aufweisen müsse. Der Fund bestätigte ihn noch zu Lebzeiten.

die Flugfedern “erfanden” und damit zu den Vögeln führten, sondern, dass Saurier grundsätzlich gefiedert waren. Vögel sind die neotone Ausprägung von Sauriern! Wie wir die neotone des Homo Erectus.

Wenn “Jurassic World” eine Seele hätte, was “Jurassic World” nicht hat, denn “Jurassic World” will Box-Office-Hit und Popcorn-Kino sein, eine Seele wie “Jurassic Park”, die eine Franchise und ein Film nur mit einem beseelten Regisseur haben kann, dann sähe der Tyrannosaurus Rex nicht so aus

sondern etwa so:

Die Deckfedern des Körpers entsprachen dabei denen großer Laufvögel, wie etwa dem Emu:

Es gelang sogar bei einigen Sauriern, aufgrund der fossilisierten Federn Farben von Federn zu bestimmen. Der Archaeopteryx dürfte demnach etwa so ausgesehen haben:

Hier jagt ein Velociraptor einen kleineren Saurier (eventuell Compsognathus), aber das dargestellte Federkleid entspricht in der Färbung dem eines Archaeopteryx, wie man belegen kann. Der Archaeopteryx sah einer Elster in der Färbung ähnlich. Im Gegensatz zum abgebildeten Velociraptor hatte der Archaeopteryx Schwungfedern ebenfalls an den Beinen.

Die gefährlichen, mannsgroßen Deinonychus, die in der Franchise als Velociraptor bezeichnet werden, kann man sich nun so vorstellen:

Wenn das Hollywood nicht gruselig genug ist, dieses Design widerspricht nicht den neuen Erkenntnissen:

Dieses auch nicht:

Oder in bunt:

Denn es ist wie mit unseren heutigen Dinosauriern, die wir “Vögel” nennen: Es gibt viele Arten von Vögeln in allen möglichen Formen und Farben. Gleiches galt auch für die Saurier vor über 66 Millionen Jahren:

Und wie heute waren die Dinosaurierküken niedlich:

Süßer, kleiner T-Rex! Wirst mich doch nicht beißen, nicht? Aaaarrgh …

Warum sieht man das nicht? Weil den Machern Phantasie, Kreativität und Mut fehlen. Weil sie zynisch und desinteressiert eine Franchise melken wollen. Weil sie darauf setzen, dass man die Dinosaurier “mag”, wie man sie kennt. Weil die Film-Dinosaurier jetzt nur noch Monster sind und keine Tiere, von denen man sich vorstellen kann, dass es sie gegeben hat, die einem auch heute vertraut sein könnten, wenn es sie gäbe. Weil sie genau das gleiche Denken zeigen, das Saurier von dem originalen “King-Kong” bis in die Neunziger hinein als große Echsen präsentierte.

Heutiges Kino will nichts aufregend Neues kreieren. Es kann das auch gar nicht mehr, weil die Kreativität fehlt.

Aber wenn man weiß, dass Dinosaurier tatsächlich lebende Tiere waren, die so aussahen, wie oben dargestellt, sieht man heutige Vögel mit anderen Augen:

Ja, dieses Tier gibt es: Ein großer Laufvogel, der Kasuar.

Es bleibt festzuhalten: Hitchcocks “Die Vögel” ist ein Dinosaurierfilm.

Jetzt habe ich vor unseren Heimdinosauriern ein bisschen Angst.

 

Eskapismus – oder: Das Ende Comic-Hollywoods?

Professioneller Musiker zu sein, ist nicht normal. Man arbeitet nicht normal, man engagiert sich nicht normal, man lebt nicht normal. Man arbeitet viel und intensiv, ohne dass es jemand wahrnehmen würde. Ohne diese Arbeit würde es aber nicht funktionieren. Das ist für mich erst emotional bewusst geworden, seit ich wieder gesund bin und für einen vernünftigen Arbeitgeber arbeite. Jetzt, mit etwas mehr Zeit für mich, merke, spüre, fühle ich erst so richtig, wie sehr ich an mir selbst Raubbau betrieben habe. Fast zu spät, aber eben doch noch rechtzeitig.

Man versucht als Musiker, ein normales Leben zu führen, Familie, Freizeit, Hobbys unterzubringen. Aber es ist schwieriger, als man sich das vorstellen mag. Ich übe (übte?) gerne. Stundenlang am Instrument zu arbeiten war für mich nie ein Problem. Beim Üben hatte ich echte Freude, war glücklich. Danach hatte ich immer ein gutes, erhebendes, entspanntes Gefühl. Deshalb dachte ich, dass es nicht so schlimm sein kann, wenn man weniger Zeit für anderes hat. Denn man hat doch so gerne am Instrument gesessen oder arrangiert oder komponiert, nicht wahr?

Nicht wahr. Ich weiß nicht, wie wissenschaftlich die Bezeichnungen “Disstress und Eustress” sind für “schlechten” und “guten” Stress. Aber eindeutig ist doch wohl, dass Üben bedeutet, sich mental und seinen Körper stundenlang einseitig zu belasten. Dafür muss man Ausgleich schaffen. Und das ist bei dem intensiven Tagesablauf in der Selbständigkeit viel schwerer, als man glauben sollte. Irgendetwas oder irgendwer leidet immer darunter, nicht bedacht zu werden, weil das Musikerleben, wenn man nicht irgendwo angestellt ist oder seine Schäfchen bereits im Trockenen hat, Zeit und Energie fordert.

Ich mache gerne meinen “Sport” (Anführungszeichen, weil das nur eine körperliche Beschäftigung für mich allein, ohne Partner, ohne Wettkampf, ohne jeden Show-Effekt ist), was viel, viel zu kurz gekommen ist, als ich noch selbständig und beim vorigen Arbeitgeber war. Ich lese gerne, insbesondere Sachbücher. Und ich bin Filmfan. Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich wäre sogar Film-Nerd. Dann lernte ich einen meiner besten Freunde kennen. Buchautor, Drehbuch-Autor (ein echter mit echten Filmen), Journalist. Der Mann schwimmt in einem Ozean aus Film-Wissen, hat und hatte Bekannte und Arbeitskollegen in der Branche und analysiert vortrefflich Neuerscheinungen. Seitdem ist mir klar, dass ich doch kein Nerd bin. In gewisser Weise auch beruhigend.

Aber das ist er, mein Eskapismus, meine Realitätsflucht, meine Erholung und Stimulation. Dabei habe ich eigentlich keine besonderen Vorlieben, bin aber kein Freund des Horror-Genres. Grusel ja, Horror nein, aber selbst das ist nicht so rigoros trennbar, denn einer der großartigsten Filme ist ein Horror-Film: “Alien” mit der wunderbaren Sigourney Weaver.

Aktuelles Foto. Was für eine tolle Frau!

Und damit wären wir auch schon bei dem Thema, das mich gerade total eskapistisch beschäftigt. Aber weil ich gerade unter blauem Himmel im Schatten unserer Gartenbäume von Vögeln umzwitschert bei einer schönen Tasse Earl Grey in dem Wetter angemessen spärlicher Bekleidung (ich kann Phantasie anregen wie ein Teufel!) auf der Liege liege und die Gedanken schweifen lasse, mache ich es nicht so einfach, jetzt das Thema einfach zu nennen! Nein, lieber Leser! Ich beschreibe mal einfach nacheinander verschiedene Filme oder Franchises und würde mich freuen, wenn irgendwer mit mir meinen gerechten Zorn teilen würde.

Dr. Who

Den Anfang macht die älteste TV-Serie der Welt. Ich habe nur wenig davon gesehen. Mögen es insgesamt höchstens 10 Folgen gewesen sein? Darunter war aber eine, die mich tief beeindruckt hat und maximalen emotionalen Einschlag hatte: “The Angels Take Manhatten”. Für alle, denen Dr. Who nichts sagt, erkläre ich hier kurz, was es damit auf sich hat:

Dr. Who ist der letzte Überlebende seiner Rasse, den Timelords. Er reist mit seiner Tardis durch Raum und Zeit. Die Tardis ist äußerlich eine blaue Polizei-Notruf-Zelle, im Innern aber quasi unendlich groß und eine eigene Dimension (so ungefähr, ohne die echten Kenner ärgern zu wollen). Wenn der Doktor, der keinen Namen hat (bzw. wird dieser nicht genannt: Er stellt sich nur als “Der Doktor” vor. Wenn dann jemand fragt, “Doktor wer?” antwortet er: “Richtig.”) bei seinem ständigen Bemühen, Gutes zu bewirken, stirbt, regeneriert er, nimmt einen Teil seiner Erinnerungen in die neue Regeneration mit, ist dabei aber ein neuer Charakter. Zwölf mal insgesamt kann ein Timelord regenerieren. Bei seiner Reise rekrutiert er ihm besonders wertvoll oder liebenswert erscheinende menschliche Begleiter, die für den Zuschauer die Identifikationsfigur bilden und seine Aktionen aus menschlicher Sicht kommentieren.

In der oben genannten Folge mit dem charmant-witzigen Matt Smith als Dr. Who

Der Dr. Who, den ich am besten kenne und der mir als Typ sehr gut gefällt.

geht es darum, dass sich dämonenhafte Wesen, “weinende Engel”, als unbewegliche Steinstatuen nur dann bewegen können, wenn niemand sie ansieht. Sie schleichen sich dann langsam Stück für Stück an ihre Opfer heran und töten sie grausig. Bei dieser ausgezeichneten, gruseligen und herzzerreißenden Episode können Dr. Who und seine beiden Begleiter den unheimlichen Feind nicht besiegen und seinen Begleitern, das Mädchen ist die unwahrscheinlich entzückende und witzige Karen Gillan,

Karen Gillan nach der Dr.-Who-Serie in den neuen (empfehlenswerten) Jumanji-Verfilmungen.

bleibt nur die Flucht in die Vergangenheit und der endgültige Abschied vom Dr. ohne Aussicht auf ein Wiedersehen.

Dr. Who wurde erstmals 1963 ausgestrahlt. In der ersten Staffel wurden der Kanon der Serie bereits wie beschrieben etabliert. Nachdem nun 12 Schauspieler Dr. Who verkörpert hatten, war demnach keine 13 Inkarnation mehr möglich. Die Autoren schrieben sich da mit der Erfindung besonderer Umstände heraus. Die produzierende BBC beauftragte Chris Chibnell damit, Dr. Who in das neue Jahrzehnt zu führen und etwas ganz Radikales, total Unerhörtes, Revolutionäres und vorher noch nie Dagewesenes zu machen: Eine Frau soll die Hauptrolle spielen! Unfassbar, oder? Eine Frau? Als Science-Fiction-Heldin? Boah, raffiniert!

Gut, man behauptet jetzt also einfach, dass die bisherigen Inkarnationen des Timelords Dr. Who Männer waren, er aber jetzt eben eine Frau ist. Wer will etwas dagegen haben? Doch nur Sexisten, oder? Aber man kann noch mehr tun, dachten sich Herr Chibnell und seine Autoren: Wer die Timelords sind, wie sie lebten, was ihnen passierte ist nur in Fragmenten offenbart. Das Geheimnis um sie macht einen großen Teil der Serie aus. Nun wird aber dieses Geheimnis gelüftet! Und das sieht so aus: Der allererste Dr. Who

Der erste Dr. Who (William Hartnell) ist gar nicht der erste! Bätsch!

ist gar nicht der allererste der Serie! Nein, der allererste ist eine große, dunkelhäutige Frau, die, wenn ich das richtig verstanden habe, was bei diesem verquasten Unsinn wahrlich nicht so einfach ist, bei einem Experiment eines höheren Wesens mehrfach als Kind umgebracht wurde, um wiedergeboren zu werden, bis es unendliche Regenerationsfähigkeit besaß. Oder so. Dr. Who waren immer Frauen.

Dr. Who in seiner gendergerechten Inkarnation, die von den Männern vergessen worden war. Hier wirkt Jodie Whittaker sehr sympathisch. Ich habe in eine Folge rein gesehen: Eine Eichenbohle entwickelt mehr Charisma.

Die männlichen Dres. haben es nur vergessen. Wirklich! So geht das jetzt!

Ich könnte noch viel schreiben, aber gehe zum nächsten Film:

James Bond

Der aktuelle James-Bond-Start wurde wegen der Corona-Krise verschoben. Die Handlung, so weit man sie kennt: James Bond (Daniel Craig)

Der körperlichste Bond von allen. In der Kampf-Action knallhart und überzeugend. Aber auch der Bond, der am wenigsten Spaß an seiner Arbeit zu haben scheint und am schwersten leiden muss.

ist im Ruhestand. Eine internationale Krise veranlasst M., ihn wieder in den Dienst zu berufen. Der effektivste und berühmteste Agent ihrer Majestät wird aber am Eingang von MI6 nicht mehr erkannt. Als er sich als 007 zu erkennen geben will, erfährt er, dass seine Agenten-Nummer neu vergeben worden ist. 007 ist jetzt eine kräftige und ihm mindestens gleich große afroanglische Frau.

Gestatten? Die neue 007 (Lashana Lynch). Denn jetzt wird auch endlich Bond zur richtigen Bond …

Bond versucht, sie anzubaggern, sie lässt ihn mit einem coolen Spruch abblitzen – und ihm fällt dazu nichts ein, sodass er dumm stehen bleibt. Ist doch witzig, oder? Haha.

Ach, gehen wir einfach mal weiter:

Terminator

Dieser Film ist ein echter Lehnenkraller! Arnold Schwarzeneggers Terminator gehört zum Einschüchterndsten, Bedrohlichsten, Spannendsten, was ich im Kino je gesehen habe.

Die Stop-Motion-Technik des Endoskeletts war state of the art, aber dennoch ruckelig. Nun ist aber gerade dieses Ruckelige etwas, das den Killer-Roboter noch zusätzlich entmenschlicht und bedrohlich macht.

Der T800 (Arnold Schwarzenegger und verschiedene Puppen) wird in das Jahr 1984 geschickt, um als letzten Ausweg zum Sieg der Maschinen über die Menschen im Jahr 2029 die Mutter des Führers des menschlichen Widerstands umzubringen. Der T800 ist ein computergesteuertes Metall-Endoskelett mit menschlich-organischem “Überzug”. Der T800 tötet zielstrebig, über-effektiv, unaufhaltsam und emotionslos. John Connor, der spätere Sohn und Widerstandsführer, kann einen eigenen Soldaten, Kyle Reese, in die Vergangenheit schicken, um seine Mutter zu schützen. Wir sehen in dem Film eine grandiose Performance der Schauspieler (ja, auch Schwarzeneggers) und eine Heldin, Sarah Connor gespielt von Linda Hamilton, die von einer lebenslustig naiven jungen Frau, die sich als Kellnerin von Kindern terrorisieren lassen muss, zu einer überforderten, verängstigten, verzweifelten Gejagten wandelt und schließlich all ihre Ängste, ihre Verzweifelung, ihre Trauer überwinden muss, um sich gegen ihren maschinenhaften Mörder zu wehren.

In der Fortsetzung wird der T1000 in die Vergangenheit geschickt, um den jungen John Connor zu töten. Ein dem ersten Teil baugleicher T800 wird ausgesandt, um ihn zu verteidigen. Sarah Connor ist inzwischen eine verhärmte Kämpferin, die in ihrem Sohn nicht mehr das Kind, sondern den zu beschützenden Retter der Menschheit sieht. John leidet darunter, entwickelt sich während der Ereignisse zu einer reiferen und gefestigteren Persönlichkeit und entwickelt starke emotionale Bindungen. Der T800 wandelt sich von einer der Programmierung folgenden Maschine durch Entfernung eines Sperrchips und damit freiem Zugang zum gesammelten Input und der Fähigkeit, Informationen zu ordnen und zu bewerten, zu einer Emotionen verstehenden aber nicht nachbilden könnenden Entität und wird von der programmierten  Waffe zum verstehenden Beschützer und Vaterersatz für John. Ihm wird der Wert des Lebens klar, und schließlich opfert er sich dafür selbst. Der T1000 ist ein flüssig-fester Formwandler, der menschliche Beziehungen erfolgreich genug imitieren kann, um seine Ermittlungen klug durchzuführen. Seine einzigen emotionsähnlichen Regungen sind rudimentäre Neugier, wenn er seine Opfer beim Sterben beobachtet, und ebenso rudimentäre Angst, als er selbst sein Ende vor sich sieht. Als Sarah die bewusste Entscheidung getroffen hat, dass der verantwortliche Wissenschaftler getötet werden muss, um die Katastrophe zu verhindern, geht sie mit eiskalter Präzision und determiniertem Willen vor. Dann aber bricht sie vor dem finalen Schuss ab, weil sie eben keine Tötungsmaschine und eben auch kein psychopathischer Mörder, sondern eine Frau ist, die sich gezwungen sah, ihre Gefühle zu unterdrücken.

Nach mehreren vergessenswerten Filmen versuchte man jetzt einen Neustart. Und der geht so:

Sarah Connor und ihr Sohn John haben Skynet, das Unternehmen, das für die nahezu komplette Vernichtung der Menschheit und für die Terminatoren verantwortlich ist, besiegt. Sie sind am Strand und erholen sich kurz nach den Ereignissen des letzten Films. Da taucht ein T800 (Arnold Schwarzenegger) auf, erschießt den Jungen und lässt Sarah verzweifelt zurück. Die Geschehnisse sehen dann wie folgt aus (und bitte: So etwas denken sich Menschen aus und halten das für gute und raffinierte Unterhaltung!):

Der emotionslose T800 hat nach dem Mord an John Connor keine Aufgabe mehr und wandert ziellos umher. Er wird Zeuge, wie ein Mann seine Frau misshandelt und bringt ihn um, um sie zu schützen. (Ja, richtig gelesen.) Daraufhin nimmt er die Rolle des Mannes ein und sorgt für die Familie, indem er in einer Fabrik arbeitet. (Ja, richtig gelesen.) Es wird Wert darauf gelegt, dass er mit der Frau nie Geschlechtsverkehr ausübt. (Ja, richtig gelesen.) Weil er immer, wenn ein Terminator aus der Zukunft ankommt, diese Ankunft wahrnimmt, schickt er jedes Mal an Sarah Connor die Koordinaten dieses Terminators mit der Bemerkung “Für John”. Sie zieht dann los und eliminiert diese Terminatoren routiniert. (Ja, richtig gelesen. Und das waren erwachsene Männer, keine vorpubertären 12-Jährigen, die sich das ausdachten. Männer, die denken, das wäre Unterhaltung für Erwachsene. Aber dabei bleiben, denn es geht ja noch weiter!)

Und so kommt Sarah Connor auf einer Brücke an, wo ein Terminator, dessen Bezeichnung so vergessenswert war wie der Schauspieler, also kann ich mit beidem nicht dienen, in einer lächerlichen Action-Sequenz versucht, ein junges Mädchen und ihre Beschützerin zu töten. Das Mädchen ist ein total liebes Mädchen, das sich rührend um ihren Vater (?, ist aber egal) kümmert.

So niedlich und unschuldig sah Sarah Connor am Anfang auch aus. Nur: Am Ende war sie ein anderer Mensch! Dieses Mädchen nicht. Aber: Diese dünnen Ärmchen dieses kleinen Mädchens können gewaltige Waffen halten und bedienen! Jawollja!

Die Beschützerin ist ein menschlich-kybernetischer Organismus, der nach jedem Kampf gekühlt werden muss, weil er sonst innerlich verkocht, nur mit Medikamenten lebensfähig ist und nur eine stark begrenzte Lebenszeit hat. Das Gehirn ist menschlich. Die sehr schlanke, sehr große Frau ist menschlich. Aber sie hat nicht einen Augenblick lang in diesem Film ein echtes Problem mit ihrem Schicksal. Auf der Brücke steigt also mit eiskalter Mine Sarah Connor aus ihrem Truck, nimmt eine Panzerabwehrrakete und schießt damit den Terminator in die Schlucht, um ihm noch eine Granate hinterher zu werfen. Cool von der Explosion sonnenbebrillt weggehend sagt sie lässig: “Kommt mit mir, wenn ihr leben wollt.” (Ja, alles richtig gelesen. So ist das in dem Film. Aber es kommt noch toller!) [EDIT: Falsch erinnert. Sie sagt den anderen ikonischen Oneliner: “I´ll be back.”]

Man findet den T800, der sich jetzt Carl nennt, und es stellt sich heraus: Nicht John Connor ist der Retter der Welt! Nahein! Es ist dieses total nette, etwa 1,50 Meter große, schlanke, niedliche Mädchen, das so total entschlossen und kämpferisch zu gucken versucht! Sie muss jetzt an Waffen ausgebildet werden! Das wird dann mal eben gemacht und – wir freuen uns im Kino alle sehr – sie macht das ganz, ganz toll! Auf Anhieb! So ein tolles Mädchen! So tough! Wir sind alle für sie!

Eindeutig: Die Waffe ist genau richtig für dieses kleine Mädchen! Sieht absolut sicher und glaubwürdig aus. Kriegt die hin. Ganz sicher. Übrigens: Das ist ein echter Shot aus dem Film. Einem Action-Kracher. Kein Zufallsphoto von einem Grillnachmittag mit Feunden.

Showdown, große Beschützer-Tante und T800 opfern sich, böser Terminator … äh … terminiert: Film 1 und 2 waren ohne Bedeutung. Denn die Rettung bringen diese Frauen! Und nicht etwa, indem sie sich charakterlich entwickeln, menschlich fehlerhaft und gar Mutter eines Kriegers wären! Nein! Sie selbst. Hobbitgroß, aber können mit Wummen ballern und Roboter verprügeln!

Da sind sie: Die drei Frauen, die die Menschheit retten. Unterwältigend …

Regisseur Tim Miller findet aber alles toll:

Aha. Wer den Film nicht mag, ist ein frauenfeindlicher Internet-Troll und ihm wird die Angst eingetrieben (frei übersetzt aus offensichtlichen Gründen).

Also diese schlanke, junge Dame im Tanktop soll einem Angst einjagen. Hm … tja … eigentlich … nicht so sehr …
Bei dem hier, ja, jetzt würde ich die Beine in die Hand nehmen.

Der Film floppte böse. Miller versteht öffentlich nicht, warum, und mutmaßt: Franchise-Müdigkeit oder toxische Frauenfeindlichkeit. Dass der Film auf mehreren Ebenen absoluter Unsinn ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

Aber ich bin noch nicht fertig:

Star Wars

Eine ferne Galaxie vor unbestimmt langer Zeit wird von einem bösen Imperium beherrscht. Die Herrscher verfügen über eine quasi-magische Kraft, die “dunkle Seite der Macht”. Ein naiver Junge vom Land, Luke Skywalker, lernt im Verlauf von drei Filmen, das ihm und seiner ihm unbekannte Zwillings-Schwester die Aufgabe quasi vorbestimmt ist, gegen diese dunkle Seite anzutreten. Luke ist besonders begabt mit der guten Seite dieser “Macht”, kann einen wichtigen Etappensieg erringen, tritt zu früh und ungeschult gegen den Großmeister der dunklen Seite an, der ihn schlägt, aber nicht tötet, weil Luke durch einen vermeintlichen Sturz in den Tod für ihn selbst überraschend entkommt. Gefährte der Geschwister ist Han Solo, ein skrupelloser aber charmanter Schmuggler, bei dem für lange Zeit nie ganz klar ist, wie sehr man ihm vertrauen kann. Gemeinsam erringen sie schließlich den Sieg über die dunkle Seite, indem Luke aufopferungsvoll kämpft und es ihm gelingt, der Verlockung der dunklen Seite zu widerstehen. Sein Gegner, der Großmeister und sein leiblicher Vater, wird schließlich von seinen Vatergefühlen für Luke geleitet und opfert sich für dessen Leben und dessen Sieg auf.

Über die neu geschnittenen Fassungen dieser Trilogie und die Prequel-Trilogie verliere ich kein Wort. Na, vielleicht diese: Bonbonbunter Bombast. Operettenhafte Geckenhaftigkeit, die versucht, Oper zu sein, wobei der Schöpfer den Wert seiner ersten Arbeit selbst nicht erkennt und deshalb vollständig daran vorbei arbeitet.

Jetzt kam es zum Abschluss der größten Kino-Saga der Film-Geschichte mit einer neuen Trilogie. Im Zentrum der Handlung steht ein junges Mädchen, das von vornherein über so viel Macht verfügt, dass Luke nur staunen könnte. Was er dann auch tut, als sie ihn in einem Kampf besiegt und buchstäblich auf den Hintern setzt. Sie übersteht alle Kämpfe nicht nur, sondern versohlt ihren Gegnern auch gerne kräftig den Pöter. Was passiert aber mit den originalen Helden? Han Solo und Leia sind ein Paar geworden und haben einen Sohn. Irgendwie steigt die dunkle Seite der Macht wieder auf und vor allem: Das in den vorigen Filmen besiegte Imperium ist gar nicht wirklich besiegt! Wie ärgerlich. Haben wir uns doch wieder zu früh gefreut und Luke, Han und Leia waren gar nicht so toll, wie wir dachten.

Leia führt den Widerstand und zieht den Jungen groß. Was verantwortungsvolle Frauen so tun. Was tut der Ehemann? Er verscherbelt seine im Widerstand erworbene Medaille, um sich zu betrinken, verlässt Frau und Kind, um wieder als Schmuggler umher zu ziehen. Aber auch Luke taugt nichts mehr. Er zieht sich verbittert als Einsiedler zurück und hängt an der Brust. Ja, richtig gelesen: Er melkt große, auf ihrem Hinterteil sitzende Rüsseltiere, die mit menschlich aussehenden Brüsten ausgestattet sind. Daraus saugt er dann die Milch und füllt sie in seine Flasche ab. Und das, meine Damen und Herren, ist eine deutliche Bildsprache: Der vorgebliche Held, der Mann hängt an der Brust und sabbert sich die Milch in den Bart. Beweise? Gerne doch, bitte sehr:

“Das”, lacht uns der Film höhnisch ins Gesicht, “das ist euer angeblicher Held! HAHAHA!”

Han und Leia haben als Eltern allerdings versagt, denn der böse Bube ist der dunklen Seite der Macht zugeneigt wie sein Opa. Um das zu bekräftigen, bringt er seinen Papa, den Helden der originalen Saga, mit dem selbst zusammengelöteten Laserschwert um, als dieser ihn väterlich umarmen will. Dessen best friend for life Luke lässt das allerdings ziemlich unbeeindruckt. Männer! Was soll man machen …

Dieser andere Held der originalen Saga, Luke, tritt sang- und klanglos aus dem Leben. Leia dann auch irgendwann. Spielen aber alle keine Rolle. Denn das total begabte Mädchen versohlt allen böswatzigen Böswatzen aber sowas von den Hintern! Ach ja: Der seinen Vater umgebracht habende ständig weinerliche Möchtegern-Großmeister der dunklen Seite, wird natürlich auch tödlich geschlagen.

Wir lernen: Die alten Helden und ihre männlichen Abkömmlinge sind Weicheier, die nichts auf die Kette bekommen haben. Die Macht, “The Force” auf englisch, ist nur wirklich stark in diesem Mädchen. Die Produzentin und ihr Team, der wir dieses großartige Meisterwerk zu verdanken haben (sie im schwarzen T-Shirt):

“Die Macht ist weiblich.” Ach so! Das hätte mal jemand dem Luke sagen sollen. Wär´ der doch gleich auf seiner Farm geblieben.

Aber kein Problem! Es gibt ja noch andere Helden! Gucken wir doch mal nach:

Ghostbusters

Drei Forscher des Paranormalen, ein Hallodri, der das nur als Mittel für einen lässigen Lebenswandel betreibt, ein Naivling, der fest an Übersinnliches glaubt und mit Fachwissen glänzt, und ein wissenschaftliches Genie gründen eine Firma zur Geisterbekämpfung. Bald kriegen sie alle Hände voll zu tun, weil in zwei Filmen Portale in die dämonischen Dimensionen geöffnet werden und die Vorboten Angst und Schrecken verbreiten.

War total erfolgreich: Machen wir neu, dachte sich Paul Feig, ein popanziger, overdressed herumlaufender “Regisseur”.

Gefällt sich: Paul Feig.

Idee: Jetzt sind die Ghostbuster weiblich! Und die vorige Sekretären, mit Mutterwitz und frecher Intelligenz ausgestattet, wird von einem männlichen Sekretär ersetzt, der zu dumm ist, ein Butterbrot zu schmieren, aber total sexy! So witzig! Dann dreht man Punkt für Punkt den alten Film mit neuer Technik nach, macht aber alles größer, bunter, lauter! Knaller-Idee! Und weil man doch so witzige weibliche Comedians an Bord hat, sagt man als Regieanweisung: “Improvisiert doch mal was Lustiges!” Und schon schreien, toben, quatschen, schießen, lachen, blödeln die Frauen total lustig durcheinander und purzeln, hohoho, hahaha, übereinander! Und wer das jetzt nicht sehen will oder doof findet, der ist ein böser Frauenfeind. Ich schreibe das hier hin, und es ist übertrieben formuliert. Aber exakt das war und ist der Vorwurf des Regisseurs! Der Film sei großartig, die Frauen toll, aber es gebe ja das toxische Patriarchat und die Frauenfeindlichkeit. Die sind so gemein! Und er so für Frauen!

Was bringt die Zukunft?

Marvel Cinematic Universe (MCU)

In den Marvel-Comics gab es einen Charakter der zweiten oder dritten Reihe: Iron Man. Vor zwölf Jahren entschloss sich Marvel, diesen Charakter auf die Leinwand zu bringen. Darsteller sollte ein etwas in der Versenkung verschwundener Schauspieler sein, der durch Charme, Witz und Talent längst hätte einer der größten sein sollen: Robert Downey Jr.

Charisma, Witz und Charme: Robert Downey Jr.

Und was hat der Mann abgeliefert! Das großartige Drehbuch zeichnete ein Genie, das moralisch korrumpiert ist, aber durch seine Grenzerfahrung zur Verantwortung reift. Es gibt viele unvergessliche Charaktere der Filmgeschichte. Dieser hier ist einer. Mit einem schwächeren Schauspieler wäre das nicht das geworden, was es jetzt ist und mit “Avengers: Endgame” seinen abschließenden Höhepunkt und Ende der Charakterentwicklung Tony Starks/Iron Mans (Downey Jr.) fand.

Wie machen wir da weiter, fragt man sich in Hollywood. Die Idee: Es würde Zeit, die alten Helden vom Thron zu stoßen! Mit Thor fängt man an, nachdem er in “Avengers: Endgame” bereits demontiert worden war.

Die absolut entzückende, wunderschöne und talentierte Natalie Portman wird zum weiblichen Thor. Thor! Chris Hemsworth, der über 1,90 m große, athletische, humorvolle, wirklich schöne Mann schwingt den Hammer Thors seit mehreren Jahren.

Dieser Mann ist schön. Da! Ich habe es gesagt! Ganz neidlos.

Überreicht wurde das Teil jetzt knieend von einem der Autoren an Natalie Portman. Der Hammer ist so groß wie ihr gesamter Oberkörper.

Ich mag sie. Sie ist talentiert und schön. Aber das hier ist nur eines: Lächerlich. Nein, noch ein Zweites: Betrug am originalen Thor und am Publikum.

Aus dem Hulk soll She-Hulk werden. Denn, so stand zu lesen, Frauen müssten die Heldenrollen übernehmen.

Wie soll das passieren? Beispiel Iron Man, weil dieser Charakter das MCU in Gang setzte: Nachdem Iron Man/Tony Stark nicht mehr da ist, bricht ein 15-jähriges Mädchen in sein Labor ein. (Ja, richtig gelesen.) Weil sie total smart ist, gelingt es ihr sofort, sich die Technik anzueignen und wird zu Ironheart.

Bitte sehr: Die Comic-Version der neuen Superheldin. Das ist es, worauf wir alle gewartet haben, richtig?

Der im Computer reproduzierte Charakter Tony Starks wird zu ihrem dienendem Geist. (Ja, richtig gelesen.) Also sammelt dieses Mädchen Schulkameraden um sich, um mit High Tech schwer bewaffnet böswatzige Böswatze zu vermöbeln. Cool, oder?

Die Leute, die diese Agenda vorantreiben (Frauen sind toll, Männer sind Schweine, Frauen sind ihnen in Wirklichkeit in jeder Hinsicht überlegen, brauchen sie zu nichts (gar nichts!), sind in keiner Weise abhängig von ihnen oder von männlichen Mentoren betreut und so weiter und so fort), klopfen sich auf die Schulter: So etwas hätte es noch nicht gegeben, sei neu und revolutionär! Ein inspirierendes Vorbild für Mädchen und Frauen, die doch diese ganzen sexuell überladenen, männerdominierten Filme so abstoßend finden!

Ich fing meinen Artikel mit Ellen Ripley/Sigourney Weaver an. Eine echte Heroin! Ein echter Charakter! Aus der hinteren Reihe der Besatzung muss sie sich monströsen Ängsten stellen und sie bewältigen. Im zweiten Teil hört man erst auf ihre Vernunft und Erfahrung, als es fast zu spät ist. Sie allein rettet das Kind, den schwer verletzten Marine, den kybernetischen Organismus und sich selbst.

Reicht nicht mehr als Heldin: Zu verletzlich, gewinnt nicht leicht genug.

Sarah Connor rettet sich, ihren Sohn und damit die Welt nicht nur mit militärischer Kampfkunst und gnadenloser Selbstdisziplin, zu der sie erst reifen musste, sondern durch menschliche Wärme und Empathie.

Durchlebte und überstand den Horror, ging gestählt daraus hervor. Aber: War mit einem Mann zusammen und trug ein Kind aus. Pech, denn das passt nicht mehr in das heutige Heldinnen-Bild im Kino.

Haufenweise fallen mir starke Frauencharaktere in Filmen ein! Diese Charaktere sind gerade dadurch so stark, dass sie in der Realität der jeweiligen Zeit verhaftet sind, aber Widerstände und Nöte überwinden. “Titanic”, “Vom Winde verweht”, “Der Zauberer von Oz”, “Zwölf Uhr mittags” (mit gleich zwei ausgesprochen starken Frauenfiguren!), “Das Schweigen der Lämmer”, “Wem die Nachtigall schlägt”, “Wonderwoman”,

Wer Gal Gadot nicht phantastisch findet hat einen an der Waffel. So wunderschön wie symphatisch.

“Alita, Battle Angel”, “Knives Out”: Frauen haben nicht nur entscheidenden Anteil sondern sind auch alleintragende Protagonisten.

Und, shocking: Das ist nichts Neues. Kriegsgöttinen gab es (Pallas Athene ist mehr als das: Göttin der Weisheit und der Strategie). Hera hat ihrem Zeus mehr als einmal einen auf die Mütze gegeben. Kriemhild hat für den Untergang der Burgunder gesorgt. Nicht der mächtige Hagen oder Gunther.

Habe ich irgendeinen Zweifel, dass es die Unterdrückung der Frau gibt oder gab? Nein. Finde ich das in irgendeiner Weise gut oder richtig? Nein. Neben der für mich offensichtlichen Gleichberechtigung als moralische Basis ist festzustellen, dass Gesellschaften nachweislich umso besser prosperieren, je unabhängiger Frauen über sich, ihren Körper und ihre Finanzen entscheiden können.

Außerdem: Wie viele echte Freunde hat man so? Richtige Freunde, auf die man sich in der Not verlassen kann? Ich will nicht zählen, aber ich habe zwei männliche und mehr weibliche sehr enge Freunde, die ich jederzeit um Hilfe oder Unterstützung bitten könnte. Von den meisten Frauen meines Umfeldes, privat wie beruflich, bin ich einfach nur Fan. Sie wissen nicht, wie sehr, denn das würde sicher gruselig auf sie wirken. Aber ich empfinde und empfand Frauen im privaten und beruflichen Umgang immer als angenehmer und entspannter. (Frauen durchschaue ich deshalb schwerer, wenn es notwendig wäre, wie ich zuletzt letztes Jahr bitter neu erfahren musste; ich vertraue ihnen grundsätzlich schneller und rückhaltloser.)

Aber das, was da jetzt im Kino (und übrigens in der Sprache auch) geschieht, hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Da wird eine Agenda vorangetrieben, die so realitätsfern ist, wie sie nur sein kann. Und sie ist nicht nur männerverachtend sondern auch sogar frauenverachtend. Denn ist es so, dass die Frauen bisher nicht in der Lage waren, Stärke zu zeigen, sich zu behaupten? Haben die Frauen, die für Frauenrechte aufopferungsvoll kämpften, nichts erreicht? Jetzt kommen die jungen Frauen, stubsen die älteren beiseite und erklären, was sie alles tolles Neues machen würden. Aber nichts davon ist neu.

Mir ist vollkommen egal, ob der Held männlich, weiblich, divers, hetero- oder homo- oder bi- oder asexuell ist. Mir ist die Hautfarbe egal. Wichtig sind Story und Charakter. Ich bin für Frodo Beutlin. Mir ist egal, ob er zwergenklein ist und riesige bepelzte Füße hat! Er ist ein gutes Wesen, das durch schwere Prüfungen geht. Ich will, dass er sie besteht.

Ich befinde mich in einer Mehrheit. Sonst hätte die Film-Industrie nie funktioniert; sie wäre nie Industrie geworden. Dr. Who bricht zusammen. Das erste Mal in der Geschichte dieser Serie bricht sie irreparabel ein. Sie wird sich davon nicht erholen. Macht Marvel wahr, was drohend am Horizont schwebt, können wir uns nur noch rückblickend über ein gutes Jahrzehnt teilweise exzellenten Storytellings freuen. Nach der goldenen Operette kam die sogenannte blecherne. MCU bewegt sich eindeutig darauf zu. Kino als Achterbahnfahrt, nicht als anregende Unterhaltung.

Die Sonne steht noch am Himmel, es ist noch warm. Das war ein schöner Tag in der realen Welt und der im Kopf.

Wertverlust

Wir erleben gerade eine weltweite Katastrophe, die uns als Weltgemeinschaft auf die Probe stellt. Hätten wir als Art vergangene Katastrophen nicht überstanden, wären wir nicht hier. Das ist aber ein schwacher Trost, denn Überstehen allein reicht nicht. Wir sollten die Katastrophe meistern und danach gestärkt daraus hervorgehen. Wir sollten als philosophisch aufgeklärte und wissenschaftlich gebildete Menschen in der Lage sein, die Krise intelligent und human zu bewältigen.

Ich persönlich befinde mich derzeit in einer Art Schwerelosigkeit. Durch die Aufgabe meines eigentlichen Berufs und den Verlust meiner in Jahrzehnten aufgebauten Schülerschaft ist neben der Verbitterung eine gewisse emotionale Leere entstanden, die ich, gegen meine vernünftige Absicht, dadurch zu füllen versuchte, mich für meinen vorigen Arbeitgeber bis zum Umfallen zu verausgaben. An meiner neuen Arbeitsstelle setze ich mich ein, aber halte innerlich professionelle Distanz. Zumal auch immer noch nicht klar ist, ob meine Beschäftigung dort von Dauer sein wird, was ich mir sehr wünsche.

Das mich dadurch zunehmend beschleichende Gefühl, dieser Leere bewusst zu werden, brach nun durch die Quarantäne und die privaten Umstände voll durch. Ich neige glücklicherweise nicht zu Depressionen und lebe sehr glücklich, aber ich muss sagen, dass durch den neuen Tagesablauf nicht mehr professionell und hinreichend an den Instrumenten arbeiten zu können mir schwer aufs Gemüt schlägt. Weil ich auf benötigte Fachliteratur zur weiteren Arbeit an den Fragen zur Sprachentwicklung warten muss, liegen auch diese auf Eis.

Leider brauche ich auch für die Bearbeitung meines Medleys “Zurück in die Zukunft” gerade eine kreative Pause: Ich habe weiter geschrieben und Arbeit reingesteckt, aber jedes Mal, wenn ich mich am nächsten Tag wieder dran setzte, gefiel mir die Arbeit vom Vortag nicht mehr und ich verwarf sie. Dazu kommt, dass ich noch Titel hinein genommen habe, um auch den dritten Teil der Film-Trilogie zu repräsentieren. Dadurch verliert aber das beabsichtigte Finale seine Wirkung, weil die Elemente des Haupttitels als Verbindung zwischen den Titeln eingesetzt sind und deshalb zu verbraucht sind. Eigentlich müsste ich daher das ganze Medley umbauen, aber weil wir schon geprobt haben, möchte ich das eigentlich nicht. Wenn mir so etwas passiert, lege ich immer eine Pause ein, um mit einem frischen Blick neu dran zu gehen; manchmal stellt sich heraus, dass ich Gespenster sehe, wo keine sind, manchmal habe ich den richtigen Einfall, um weiter zu machen. Also setze ich mich vertretungsweise jetzt mal hin und schimpfe über den Verfall von Werten:

Der Begriff “Hochkultur” klingt elitär. So meine und sehe ich ihn aber nicht. Als ich noch auf Facebook war, hatte ich eine heftige Debatte mit einem meiner Facebook-“Freunde”. Ich hatte immer wieder mal Arbeit von mir verlinkt, gerne mal auf großartige Musiker hingewiesen und die bedrohliche Lage der Musikszene beschrieben, indem ich deutlich machte, wie wenig man als studierter Musiker von seiner Arbeit leben kann. Mein “Freund” vertrat daraufhin den Standpunkt, dass das ja auch ganz richtig so sei, denn man müsse nicht studieren, um Musiker zu sein. Die ganze Szene der klassischen Musik sei überflüssig, Musik sei eine Pseudoreligion mit ihr zugesprochenen Wunderwirkungen, die sie nicht habe, mein Studium und meine Berufsausübung seien erfolglose Versuche, in einem elitären Kreis Fuß zu fassen und mich anzubiedern. Diese Versuche seien aussichtslos, weil es nicht um eine objektive persönliche Leistung sondern nur um Beziehungen und Musiker-Dynastien ginge. Alle Subventionen seien zu stoppen. Was sich nicht am Markt durch eigene Kraft halten könne, hätte keinerlei Existenzberechtigung.

Obwohl ich Musik aus Interesse und dem Wunsch, möglichst hohe Qualifikation und Expertise zu erlangen, studierte, und er mir also Motive unterstellte, die ich nicht hatte, war an jenem Argument, dass es einen elitären Kreis gebe, natürlich etwas dran. Dafür hatte ich in meiner (fast muss ich selber lachen) “Karriere”  bereits genug Beispiele gesammelt. Als Beispiel, das für niemanden jemals eine Rolle spielte, spielt oder spielen wird: Obwohl ich für das Gubaidulina-Festival ein Arrangement beisteuerte, viele Stunden gemeinsam mit der Initiatorin dieses Festivals, dem Orchester und den Solisten arbeitete und auch dirigierte, war ich der einzige ausführende Künstler oder Leiter, der nicht im Programm als Leiter seines Klangkörpers erwähnt wurde. Der einzige. Selbst die Leiter, die mit Schulkindern Klatsch-Improvisationen oder ähnliches machten, wurden namentlich genannt. Im Entwurf war ich offenbar drin, denn ich wurde telefonisch gefragt, ob mein Name und meine Funktion richtig geschrieben und genannt worden sind, ich bestätigte das. Im Druck war ich dann aber nicht mehr zu finden. Und darüber hinaus gab mir mein Dachverband für meine Arbeit einen aufs Dach (ach, deshalb ist das ein Dachverband! Na, darauf hätte ich auch früher kommen können). Andererseits tauchte mal auf anderer Bühne ein junger Mann auf, der der Sohn von einem wichtigen Musiker XY war, und ließ eine Komposition von sich im Stile Gubaidulinas erklingen, in der ich weder Gubaidulina erkannte – noch etwas, das man Komposition nennen könnte. Als dann für ihn applaudiert wurde, klatschte er auch für sich…

Alles andere, was mein Facebook-“Freund” so vom Stapel ließ, würde ich heute als “Trollen” bezeichnen. Zur Erklärung: Im Internet bezeichnet man als Trolle Personen, die sich nur um der Provokation Willen äußern. Wortverdrehungen, Beleidigungen, Dummheiten, alles ist gut, wenn man nur erreicht, dass der Andere sichtbar emotional reagiert. Tut er das nicht, unterstellt der Troll das einfach. Jedenfalls, in der Auseinandersetzung mit diesem “Freund” habe ich die Bedeutung der musikalischen Hochkultur in Deutschland erklärt; sie hat Bedeutung, wie ich hier sicher nicht ausführen muss.

Im echten Leben hatte ich solche Streitgespräche um Musik auch, aber sie verliefen selten ausführlich. Denn meistens sind Menschen nicht an einer Diskussion interessiert, sondern nur an Äußerungen von Statements, die möglichst unwidersprochen sein sollen. Mir sind mehrere solcher kurzen Gespräche in Erinnerung, eines will ich skizzieren: Als ich ein Orchester übertragen bekommen hatte, saß ich nach einem Auftritt mal mit einer der Stimmführerinnen zusammen. Sie fragte mich nach meinen Vorstellungen, wie ich mit dem Orchester weiterarbeiten wolle. Eine gute Frage, die mir vor der Übertragung aber niemand gestellt hatte, die ich aber natürlich eindeutig, klar und ohne Zögern beantworten konnte: Bei meinen Konzerten gibt es immer einen anspruchsvollen Kern großer, aufwendiger und anspruchsvoller Werke mit künstlerischem Gehalt und virtuosem Anspruch und daneben unterhaltsame kurze Stücke. Authentizität und Emotionalität sind die Seele, die orchestrale Kompetenz (personell wie individuell) sollte durch klassische Werke, Originalliteratur und Wettbewerbsteilnahmen ausgebaut werden. Das Orchester frage ich beim Aufbau des Programms immer nach Wünschen. Dieses klare Konzept ließ sie kalt. Anstatt darauf einzugehen, womit ich gerechnet hatte, denn immerhin hatte sie ja danach gefragt, antwortete sie, sie hielte nichts von klassischer Musik. Das Orchester habe mal “das Lied ´Largo`” gespielt (sie bezeichnete tatsächlich, ich denke auch heute noch, Stücke immer als “Lied”; egal, ob sie eines sind oder nicht). Sei total langweilig gewesen und “nichts für unser Publikum”.

Ich kannte sie schon aus meiner Beobachtung, bevor ich das Orchester bekam, und war deshalb ausgesprochen vorsichtig, als ich einwendete, dass “Largo” eine übliche Tempobezeichnung und kein Lied ist, und fragte, von wem das Stück gewesen sei. Den Komponisten wusste sie: Dvorak. “Der zweite Satz der Sinfonie Nr. 9, ´Aus der neuen Welt`?”, fragte ich. Ja, der war es. Der Eiertanz setzte sich fort: Ich erklärte ihr, dass ich das Stück gut kenne, es selbst bearbeitet und auch aufgeführt hatte, es sowohl wunderschön als auch wirkungsvoll ist – und dass ich, darüber hinaus, es sogar bei der Aufführung durch das Orchester unter meinem Vorgänger gehört hatte. Sie blieb dabei, dass das Stück “furchtbar” sei. Ich sagte ihr, dass die gespielte Bearbeitung von meinem Vorgänger dem Stück unrecht getan hatte, das Werk mit falschen Tempi und fragwürdiger Dynamik zu oberflächlich interpretiert (eigentlich nur runtergespielt; aber das sagte ich ihr nicht) wurde. Sie fragte, was man da denn “interpretieren” könne, denn Interpretation sei ja beliebig. Ich erklärte ihr die Entstehung der Sinfonie, den musikalischen Blick Dvoraks auf die Musik der amerikanischen Urbevölkerung und der Sklaven und die höchste Kunstfertigkeit, mit der Dvorak Themen bearbeitete und verwob. Schulterzuckend antwortete sie mir, dass sie sich jedenfalls für “solche Musik” nicht interessiere und dass sie hoffe, dass es ihr dann unter meiner Leitung noch Spaß machen würde, im Orchester zu spielen. Machte es ihr dann offenbar zu einem hinreichend großen Teil nicht, und so war sie schließlich eine der treibenden Kräfte hinter meinem Fortgang dort.

Hochkultur bezeichnet den Anspruch, der erfüllt werden muss, um solch eine Musik zum Klingen zu bringen und zu erschaffen. Man stelle sich einfach mal die individuelle Kunstfertigkeit vor, die Musiker in diesem Bereich erreichen müssen! Dies in großer Zahl, mit größter Hingabe. Permanent. Mit weniger Aufwand ist das unerfüllbar. Der Wert ist unser kulturelles Erbe, ein Kern-Merkmal unserer Kultur.

Die deutsche und mitteleuropäische Musik-Hochkultur, wie andere Kultur-Bereiche auch, fand immer Antworten auf das Zeitgeschehen. Beispielsweise reflektiert der Biedermeier und seine Musik den Rückzug ins Private und die Phantasie angesichts der napoleonischen Kriege, die freie Tonalität der Zweiten Wiener Schule die Haltlosigkeit im Aufkeimen des I. Weltkrieges. Nach dem II. Weltkrieg war die musikalische Hochkultur vor allem auch durch die weitgehende Ermordung der jüdischen und “systemfeindlichen” Musiker und Komponisten weitgehend zerstört. Künstler wie Wilhelm Furthwängler retteten sie auf das 21. Jahrhundert zugehend, aber sie war von der Lebenswirklichkeit der Menschen bereits abgeschnitten. Herbert von Karajan kannte “man” noch, danach wird das Wissen um die und das Auskennen in der klassischen Musik zunehmend zum angeblich elitären Expertenwissen.

Dieses allgemein schwindende Wissen und damit Interesse, wie in dem Beispiel der Dvorak-Debatte beschrieben, addiert sich zum von mir hier schon oft genug beklagten Standesdünkel und den Seilschaften der Akkordeon-Orchester-Szene. Die, ich nenne das Phänomen mal so, Verflachung zeigt sich aber auch an Trivialkunst. Ich beschreibe mal zwei Comic-Charaktere:

  1. Der Sohn eines Milliardärs wird als Kind Zeuge der Ermordung seiner Eltern. Sie werden vor seinen Augen brutal erschossen. Er wächst heran und nutzt sein Geld und seine Intelligenz, um, tagsüber als Playboy und Nichtsnutz getarnt, nachts auf Verbrecher-Jagd zu gehen. Dabei nutzt er eine Verkleidung und High-Tech-Ausrüstung. Weil er bei der Ermordung seiner Eltern gesehen hat, was sie anrichten, benutzt er nie Schusswaffen. Seine Ethik verbietet ihm das Töten seiner Gegner, seien sie noch so widerwärtig und brutal. Dies ermöglicht es seinem gefährlichsten Gegenspieler, einem hochintelligenten Psychopathen ohne moralischen Kompass, schließlich, grausame Morde zu begehen.
  2. Ein unbestechlicher Polizist wird bei einem Picknick mit seiner Familie von Auftragskillern attackiert. Seine Familie stirbt im Kugelhagel vor seinen Augen, er wird scheinbar tot zurückgelassen, überlebt aber schwer verletzt. Daraufhin geht er in den Untergrund, übersteht seine Verletzungen, bewaffnet sich schwer und führt einen rücksichtslos brutalen, zynischen und mörderischen Feldzug gegen das Verbrechen.

Der erste Charakter dürfte bekannt sein: Bruce Wayne/Batman. Der zweite ist Frank Castle/Punisher. Das sind erfundene Charaktere. Ihre Charakterzeichnung ist glasklar. Beide sind zerrüttet, haben einen moralischen Kompass. Während Batman aber das Leben unter allen Umständen bewahrt, verwirken für den Punisher Verbrecher ihr Recht auf Leben und er ermordet sie.

So weit, so klar. Sehen wir uns jetzt aber mal den Bruce Wayne/Batman der letzten Filme (nach der Nolan-Trilogie) an: Batman zertrümmert Schädel, bricht Genicke, erschießt Verbrecher, begräbt Menschen unter Trümmern und spießt auf. Wut im Gesicht, brüllend, rasend: Das ist nicht Batman. Das ist der Punisher! Das ist fast so falsch, als würde ein Intendant Wagners Siegfried die Arie der Königin der Nacht singen lassen wollen. Oder mindestens den Papageno. Aber der Regisseur wollte die ikonische Figur des Batman. Ohne diese wäre der Film nichts. Es geht nur um diese Figur. Um die Optik. Um die Bekanntheit. Nicht um den Charakter, nicht um das, wofür sie steht. Das alles ist ihm egal.

Kommen wir zu einem anderen Beispiel: Wir stellen uns vor, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten schreibt Musik zu einem, sagen wir es offen, im Grunde schwach entwickelten Film. Aber die Schauspieler spielen mit Spielfreude und hängen sich voll rein, die Tricktechniker zaubern bis dahin Ungesehenes, der Schnitt rettet über Regiefehler und der großartige Komponist schüttet ein Füllhorn der Genialität aus. Er beschreibt mit seiner Musik die Personen und ihren Charakterbogen, er verbindet die Charaktere miteinander. Er schafft nicht nur szenische Stimmung sondern erklärt und deutet die Szenen musikalisch. Der Erfolg fordert Fortsetzungen. Für alle weiteren Filme der Reihe wird er engagiert. Er schafft für diese Filme ein musikalisches Werk, das in reiner Spielzeit viele Konzertabende füllen könnte und in der Tradition vor allem klassischer Romantik dieser nicht nachsteht.

Dann wechselt der Rechteinhaber. Der Komponist schreibt weiter. Aber plötzlich wird die Musik aus den szenischen Zusammenhängen gelöst. Immer, wenn man etwas Pompöses braucht, nimmt man einfach etwas aus den alten Filmen mit viel Blech. Sentimental bedeutet Geigen. Egal, was diese Musik vorher – in allen Filmen! – bedeutet hat, jetzt wird sie gebraucht, eigentlich missbraucht, um billig Stimmung zu erzeugen. Aus einer Film-Trilogie über das Reifen dreier Charaktere und ihrer Beziehung wird eine bonbon-bunte, lärmende, pseudosentimentale Achterbahnfahrt, bei der die alten Charaktere über Bord geworfen werden: Star Wars.

Ich denke, ich habe meinen Zorn, meine Enttäuschung und, ja, meine Verbitterung über diesen oberflächlichen und idiotischen Umgang mit kulturell Erhaltenem zum Ausdruck gebracht. Aber diese Ignoranz ist nur eine Seite. Sie wird noch übertroffen: Von Absicht!

Wir leben nämlich zunehmend in einem ungesunden Klima, das von einem weiteren Phänomen erzeugt wird: Der Identitätspolitik. Es geht nicht mehr darum, was war und was ist, nicht mehr darum, was wahr ist und was nicht. Es geht darum, wozu man gehört, welche Identität man hat. Luke Skywalker wird von Rey vermöbelt, weil sie ein total tolles junges Mädchen mit total schwerer Kindheit aber total guter Moral und total hoher Intelligenz und total viel Talent und “Macht”, eine Art Superkraft in der Geschichte, ist. Der Produzentin ist die Musik John Williams´ egal, weil es Musik für über 50-jährige Männer ist, die sie nicht interessieren. Das hat sie so gesagt. Wer die Filme jetzt nicht gut findet, heult nur der Vergangenheit nach, hat Pech gehabt, kommt mit der Kraft der Frauen nicht zurecht, ist frauenfeindlich etc. Es geht um die Aussage. Seht her, Frauen können total tough sein! Und wir zeigen das! Endlich! Ganz neu! Gab´s vorher nicht! “Die Macht ist weiblich!”, trägt sie mit Mitarbeiterinnen lachend auf dem T-Shirt gedruckt. Dem Darsteller des Helden der Original-Filme lacht sie ins Gesicht und ihn öffentlich aus: “Luke ist der am wenigsten wichtige Charakter der Geschichte.” Der Titel des neuen Films lautet: “The Rise of Skywalker”. Damit ist nicht der originale Held gemeint, sondern das total tolle Mädchen.

Zu den, fiktiven, Helden meiner Kindheit und Jugend zählen Chris (“Die glorreichen Sieben”) und Captain James Tiberius Kirk (“Raumschiff Enterprise”). Auf dem Raumschiff liefen schöne Frauen in sexy Miniröcken herum. Unter anderem eine Brückenoffizierin, Lt. Uhura. Die ich toll fand. Ich fand auch andere Helden toll: Ellen Ripley (“Alien”) und Sarah Connor (“Terminator”) und Prinzessin Leia. Das sind auch Frauen. Heldinnen. Carmen aus der Oper “Carmen” ist ebenfalls eine Frau. Und selbstbewusst und stark. Aber jetzt kommen die feministischen Identitätspolitikerinnen und ihre willfährigen Handlanger, machen “Ghostbusters” neu. Mit Frauen! Wie revolutionär. Die ganze Zeit quasseln und hampeln sie herum, sind überdreht “witzig”, während der einzige Mann im Team ein bildschöner und sexy Mann – aber ein Vollidiot ist. Ein Bild, das in dem Original umgekehrt in keiner Weise so gezeichnet worden ist. Vielmehr war da die weibliche Hauptrolle eine starke, selbstbewusste, selbstbestimmte, intelligente Frau mit Wortwitz und Schlagfertigkeit. Sogar die weibliche Nebenrolle war intelligent und witzig.

Da. Ich hab´s gesagt! Und jetzt bin ich auch einer von diesen alten, schimpfenden Männern, die Frauen unterdrücken. Dabei möchte ich nur eines: Ehrlichkeit und kulturelle Kontinuität. Ich möchte, dass Batman Batman und nicht Punisher ist. Ich möchte, dass die Musik von John Williams etwas bedeutet. Ohne diese dramaturgische Verknüpfung ist sie immer noch schön, immer noch intelligent. Aber nicht mehr genial.

Ach, und übrigens: Einem Film ist es neuerdings ebenfalls gelungen, den filmischen Inhalt mit Musik auszudeuten und zu verstärken: “Joker”. Die geniale Komposition ist von Hildur Gudnadottir. Wie das “Dottir” in Gudnadottir andeutet, ist sie die Tochter Gudnas. Also eine Frau. Das hätte es vor female “Ghostbusters” und “Star Wars” nicht gegeben.

Oder so…

Im Schatten zwölf Uhr mittags

Ich bin auch ein Filmfan. Es gibt Genres, die ich nicht mag. Horror, wie “Es”. Aber selbst da gibt es Ausnahmen. “Alien” ist so eine. Oder Gewaltfilme. Mit Ausnahmen: “Pulp Fiction” ist ganz große Filmkunst.

Jetzt lief im öffentlich rechtlichen Fernsehen ein Western-Special. Dabei war “Der Scharfschütze” aus dem Jahr 1950 mit Gregory Peck. Habe ich noch nie gesehen, also gucken.

Und was habe ich gesehen? Ein Meisterwerk! Unverhofft, unerwartet. “Zwölf Uhr mittags” gehört eindeutig und zu recht zu den Klassikern des Films. Dieser gehört dazu.

Wikepedia hatte über den Film nicht viel zu sagen und die Handlung nur dürr skizziert. Also habe ich mich hinreißen lassen, einen Text zu dem Film zu verfassen. Mein zweiter Wikipedia-Eintrag nach dem über Enno Meyenburg, der bis dahin als Komponist für Akkordeon keine Erwähnung fand.

Wenige Satzfragmente sind noch aus dem ursprünglichen Artikel am Anfang erhalten, der Rest von mir. Ob es so erscheinen/bleiben wird, weiß ich nicht. Meine treue Leserschaft bekommt den Text aber hier unverfälscht mit der herzlichen Empfehlung, diesen Film mal zu sehen. Er ist eine wunderschöne Charakterstudie.

Viel Spaß beim Lesen:

Jimmy Ringo, ein alternder Revolverheld und Outlaw, reitet schwarz gewandet in eine Stadt im Wilden Westen. Dort wird er im Saloon von einem jungen Mann, der vor seinen Freunden angeben will, beleidigt. Vom Barkeeper wird der junge Angeber vor der Gefährlichkeit Ringos gewarnt, aber gerade das ist der Grund für ihn, Ringo herauszufordern. Ringo ignoriert die Beleidigungen und lässt sich zu einem Whisky einladen. Der junge Mann sucht weiter den Streit und nimmt eine einzige Bemerkung Ringos als Vorwand, sich duellbereit aufzustellen und nach einem weiteren Wortwechsel den Revolver zu ziehen. Ringo ist schneller (das Ziehen seines Revolvers wird nicht gezeigt) und erschießt den jungen Mann in Notwehr. Im Saloon wird ihm einhellig bestätigt, dass der junge Provokateur zuerst zog und Ringo im Recht ist. Im Recht zu sein würde ihn aber nicht davor bewahren, von den drei Brüdern des Jungen angegriffen zu werden. Ringo verlässt die Stadt, wobei sein Motiv darin liegen dürfte, Ärger vermeiden zu wollen, denn seine Überlegenheit den Brüdern gegenüber zeigt sich außerhalb der Stadt: Mit einer Finte gelingt es ihm mit Leichtigkeit, die Brüder zu entwaffnen und ihrer Pferde zu berauben. Somit müssen sie zu Fuß unterwegs sein und er erhält im Falle weiterer Verfolgung einen großen Vorsprung. Die Brüder entschließen sich auch dazu statt nachhause zu gehen, Ringo in die nächste Stadt zu folgen.

In Cayenne angekommen, will er Peggy sehen, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, und trifft auf den Scheriff Mark Strett. Strett und er waren, wie sich im weiteren Verlauf zeigt, Waffenbrüder bei Überfällen. Strett gelang es, weil er nicht, wie er Ringo sagt, so berühmt wie Ringo war, ein bürgerliches Leben anzufangen und ist glücklich damit. Trotz der Freundschaft möchte Strett, dass Ringo die Stadt wieder verlässt, denn inzwischen hat sich seine Anwesenheit herumgesprochen und sorgt zunehmend für Unruhe. So haben die Jungen der Stadt den Schulunterricht geschwänzt, um einen Blick auf Ringo zu erhaschen und darüber zu fachsimpeln, wer der schnellste Schütze des Westens wäre, ob der Scheriff Ringo erschießen würde und so weiter. Ringo bittet Strett darum, Peggy, deren gemeinsamer Sohn jetzt acht Jahre alt ist und den er nur als Baby sah, zu fragen, ob sie ihn sehen wollen würde. Er wäre mit jeder Antwort zufrieden und würde, nachdem er Klarheit darüber hat, die Stadt sofort verlassen.

Strett beordert seinen Deputy zur Überwachung und zum Schutz Ringos ab und sucht Peggy, die die örtliche Lehrerin ist, in der leeren Schule auf: Peggy hat den Mädchen ebenfalls frei gegeben, weil alle Jungen, auch ihr Sohn, schwänzten, und sitzt grübelnd am Lehrertisch. Sie fragt nach Ringos Wohlbefinden und seinem Aussehen, will ihm aber nicht begegnen.

Während Ringo im Saloon bei Kaffee, Whisky und Steak wartet, spitzt sich die Situation in der Stadt ohne sein Zutun zu: Der örtliche jugendliche Dorfrüpel und Möchtegern-Revolverheld Hank erfährt von Ringos Anwesenheit und möchte sich mit ihm messen, eine Fraueninitiative möchte auf den Scheriff einwirken, den Mörder, als den sie Ringo sehen, los zu werden und im gegenüber liegenden Gebäude legt sich ein älterer Herr mit einem Gewehr auf die Lauer, um Ringo zu erschießen, wenn dieser den Saloon verlässt. Währenddessen freut sich der Barkeeper Mac, dem Ringo gegenseitig sympathisch ist, darüber, dass sein Saloon durch Ringo berühmt würde und die Jungen treiben sich wie die immer größer werdende Gesellschaft anderer Bürger aus Schaulust vor dem Saloon herum. Schließlich gelingt es auch den drei bereits abgeschüttelten Brüdern zu Pferden und Waffen zu kommen, sodass sie sich der Stadt schneller als erwartet nähern.

Dorfrüpel Hank betritt schließlich mit tief geschnalltem Revolvergurt den Saloon und wird von dem am Tisch sitzenden Ringo zunächst ignoriert, lässt aber nicht locker. Schließlich lässt sich der junge Mann nicht mehr ignorieren und Ringo erklärt ihm, dass er unter dem Tisch seinen Revolver bereits gezogen und auf ihn gerichtet hätte. Hank verlässt den Saloon und beschimpft Ringo im Gehen als feige. Als er den Saloon verlassen hat, legt Ringo seine Hände auf den Tisch und es zeigt sich, dass er unter dem Tisch mit seinem Messer Nagelpflege betrieben hatte.

Im Hinterhalt gegenüber zeigt sich im Streitgespräch des älteren Herren mit seiner Frau, dass er Ringo als den Schützen vermutet, der seinen einzigen Sohn erschoss. Als der von Sheriff Strett abgestellte Deputy und Ringo vor die Pendeltüren treten, sieht Ringo den Lauf aus der Verandatür im ersten Stock des anderen Gebäudes stecken und springt den Deputy vor sich her stoßend in den Saloon zurück. Gegenüber hat die Ehefrau den Schuss verhindert, indem sie mit ihrem Mann um die Waffe rang. Weil sich ihr Mann nicht umstimmen lässt, verlässt sie schließlich verzweifelt den Raum. Ringo verlässt den Saloon durch die Hintertür, schleicht sich in das Gebäude der anderen Straßenseite und entwaffnet den Mann mit Leichtigkeit gewaltlos. Über die Gassen auf den Rückseiten der Gebäude bringt er ihn in das Scheriff-Gebäude und setzt ihn in einer Zelle fest. Er kann dem Attentäter erklären, dass er mit dem Tod seines Sohnes nichts zu tun hat, weil er nie an dem Ort jener Schießerei war; ob der Mann ihm glaubt und dadurch Frieden mit Ringo findet bleibt unklar.

Als Ringo die Zellenschlüssel aufhängen und das Gebäude wieder verlassen will, kommt die Fraueninitiative herein und fragt nach dem Scheriff. Es entspinnt sich eine humoristische Auseinandersetzung mit der Führerin dieser Gruppe, Mrs. Pennyleather, und Ringo sowie dem später dazukommenden Scheriff Strett, der einen Teil des Gesprächs unbemerkt amüsiert beobachtet hat. Ringo geht ausgesprochen charmant und dabei ernsthaft auf das Anliegen der Frauen ein, die schließlich fordern, ihn nach der von ihm ausgehandelten Wartezeit von einer Stunde vom Scheriff niederschießen zu lassen wie einen Hund. Als Scheriff Strett schließlich beiläufig die Identität Ringos enthüllt, verlassen die Frauen nach einer Schrecksekunde entsetzt fluchtartig das Gebäude.

Scheriff Strett muss Ringo eröffnen, dass Peggy, die damit ihren gemeinsamen Sohn schützen will, ihn nicht sehen will. Ringo akzeptiert das und macht sich zum Gehen bereit. Da begegnet ihm eine Freundin aus früheren Tagen, Molly, deren Mann und Freund Ringos ohne dessen Kenntnis inzwischen erschossen worden ist und die jetzt im Saloon arbeitet. Sie erklärt Ringo, dass sie nach wie vor eng mit Peggy befreundet ist und sie leicht dazu bringen kann, Ringo zu treffen. Also bittet Ringo den widerstrebenden aber dann schließlich einlenkenden Scheriff Strett um einen weiteren Aufschub.

Schließlich treffen Peggy und er zusammen und sie versprechen einander nach wie vor ineinander verliebt und jetzt glücklich, sich im nächsten Jahr, wenn sich die Aufregung um Ringo hoffentlich gelegt haben wird, wieder zu treffen, um dann eine gemeinsame friedliche Zukunft aufzubauen. Ringo kann seinen Sohn alleine sehen, sie finden schnell eine herzliche Beziehung zueinander, ohne dass sich Ringo als sein Vater zu erkennen gibt.

Die inzwischen eingetroffenen Brüder des erschossenen jugendlichen Revolverhelden erfahren von dem unbedarften Barkeeper Mac, dass sich Ringo im hinteren Teil des Gebäudes aufhält und legen sich zu zweit in einen Hinerhalt, während ein Bruder die Vorderseite überwacht. Der Dorfrüpel Hank hat ebenfalls mitbekommen, wo sich Ringo aufhält und sucht immer noch nach einem Duell mit ihm.

Glücklich über die Aussicht, sich mit seiner Familie in einem Jahr zu vereinigen und das Leben als Revolverheld hinter sich zu lassen, besteigt Ringo auf der Rückseite ein von seinem Freund Scheriff Strett ausgesuchtes frisches Pferd, um die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Der Deputy des Scheriffs erkennt den Hinterhalt der Brüder und entwaffnet sie gewaltlos. Ringo wendet sich auf seinem Pferd ihnen zu, verabschiedet sich freundlich, gelöst und glücklich, und beginnt davon zu traben. Da springt Hank aus seinem Versteck und schießt unmittelbar nachdem er ruft: “Wer ist schneller, Ringo?” Ringo gelingt es zwar, das Pferd wendend seinen Revolver zu ziehen, aber kann schwer getroffen den Schuss nicht mehr gezielt absetzen. Scheriff Strett hebt ihn vom Pferd und legt ihn auf einer Veranda ab.

Peggy und ihr gemeinsamer Sohn hören im Gehen vom Saloon auf der Straße den Schuss, und sofort geht es wie ein Lauffeuer durch die kleine Stadt, dass Hank Ringo erschossen habe. Peggy hindert ihren Sohn daran, zu seinem, wie er denkt, neuen Freund Ringo zu laufen und setzt mit ihren Emotionen kämpfend den Weg fort. Im Sterben von vielen Leuten umringt erklärt Ringo wahrheitswidrig, dass er selbst zuerst gezogen hätte und Hank schneller gewesen wäre. Voller Stolz auf seine vermeintliche Glanztat versteht Hank trotz der deutlichen Erklärung des sterbenden Ringo nicht, dass dieser ihn dadurch dazu verdammt hat, ein rastloses Leben unter ständiger Bedrohung zu führen. Auch als Scheriff Strett dies nach dem Tod Ringos buchstäblich in Hank reinprügelt, begreift dieser das nicht.

Bei der Trauerfeier ist die ganze Stadt versammelt, sodass die Menschen noch vor der vollen Kirche stehen müssen. Peggy erklärt, sie sei Mrs. Jimmy Ringo und sitzt als Ehefrau mit ihrem Sohn, der jetzt weiß, dass Ringo sein Vater war, in der ersten Reihe.

Der Film schließt mit der Silhouette des vor dem Sonnenuntergang reitenden Ringo.

Der aus dem Jahr 1950 stammende Film zeichnet seine Charaktere glaubwürdig und differenziert. Jede Person ist klar motiviert, die Handlung sowohl stringent als auch intelligent verflochten. Gregory Peck stellt in einem exquisiten Schauspiel-Ensemble meisterhaft einen Revolverhelden dar, der durch Lebenserfahrung gewachsen und gezeichnet ist. Der Film zeigt unmissverständlich sofort und eindrucksvoll, dass Ringo im vollen Besitz seiner Fähigkeiten und potenziell hoch gefährlich für jeden Gegner ist. Aber Ringo entscheidet sich bewusst gegen Gewalt und schießt in dem Film nur drei mal (der zweite Schuss entwaffnet ohne ernsthafte Verletzung, der dritte ist, nachdem Ringo tödlich getroffen wurde, ungezielt). Interessant ist dabei, wie die beiden Saloon-Szenen gegenüber gestellt sind: In beiden verweigert sich Ringo intellektuell überlegen mit Humor und stiller Güte einem Duell. In der ersten wird er aber zum tödlichen Schuss gezwungen, in der zweiten kann er diesen vermeiden. Dies führt zu der Erfüllung des Wunsches der Führerin der Fraueninitiative, er möge erschossen werden wie ein Hund.

Die Titelfigur des Jimmy Ringo lehnt sich sehr lose an den historischen Johnny Ringo an. In Dialogen wird immer wieder Bezug auf Wyatt Earp genommen, um die Gefährlichkeit Ringos zu unterstreichen.