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Kurzer Austausch

Ich habe mich aus den sozialen Medien bereits weitgehend zurückgezogen. Meine Informationsquellen sind Zeitung, Nachrichten, seit ich nicht mehr so viel fahren muss nicht mehr Radio, und das Internet.

Hier erfuhr ich, dass diese entzückende junge Frau, Vanessa Guillen,

von ihrer Basis verschwand und jetzt Teile ihrer Leiche gefunden worden sind. Sie ist Opfer eines Gewaltverbrechens geworden, hatte vorher immer wieder versucht, gegen sexuelle Übergriffe in der Armee auf sie vorzugehen. Erfolglos. Nach ihrem Verschwinden waren die Ermittlungsbehörden offenbar, sagen wir mal, schwerfällig. Ihre Eltern und Freunde hielten ihr Verschwinden im Bewusstsein der Öffentlichkeit, sodass man sich gezwungen sah, weiter zu ermitteln. Fälle wie diese machen mich krank. Für mich gibt es da keinen Trost, keine Heilung.

Unter dem Beitrag zu dem Tod der jungen Frau schrieb ein Kommentator, Vanessa werde jetzt Frieden im Paradies finden. Ich antwortete, es gebe kein Paradies.

Den dann folgenden Gedankenaustausch mit einer anderen Kommentatorin stelle ich hier ein. Er ist ein seltenes Beispiel für eine ernsthafte Diskussion in den sozialen Medien, dafür, was sie sein könnten, durch Agitatoren, Trolle und Bots aber nicht sind. Und dafür, was ich über solchen “Trost” denke:

Mein Problem mit Social Media, Vol. III

Es gibt so etwas wie faktenlose Hassrede. Der strafrechtliche Term ist “Volksverhetzung”, in Amerika wird das ohne Strafbewehrung “hate speech” genannt. Dagegen sei man, sagen YouTube und Facebook und Twitter.

Meine persönliche Erfahrung: Mir ist es nicht gelungen, mich erfolgreich sogar gegen persönliche Bedrohungen zu wehren. Freie Meinungsäußerung und die angebliche Unmöglichkeit, die reale Person hinter dem Fake Account zu ermitteln, standen im Weg.

YouTube hat einen Algorithmus, der Hate Speech unterbinden soll. Was er aber tut, ist Berichte (!) und Widersprüche gegen solche Auswüchse zu unterbinden. Wenn man sich dagegen wehrt, wird ein anderer Pfeil aus dem Köcher gezogen: Der Bericht sei vielleicht nicht angemessen für das Publikum.

Soll das ein Witz sein, höre ich die Frage. Nein. Sieht so aus:

Aber Facebook ist doch sicher fair und so, richtig?

Nun ja, Mark Zuckerberg traf sich mehrfach mit Donald Trump und verweigert hartnäckig, gegen politische Lügen auf seiner Plattform vorzugehen. Es ist ihm egal, ob gekaufte Anzeigen dazu benutzt werden, mit Lügen und Verleumdung gegen junge Politikerinnen wie Ilhan Omar oder Alexandria Ocasio-Cortez so scharf zu hetzen, dass sie Morddrohungen erhalten. Er behauptet, das Volk solle das sehen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Lüge und Wahrheit sind für YouTube und Facebook eben nur “Meinungen”. Nicht einmal gleichwertig. Denn unterstützt werden die Lügen, während die Ehrlichen an ihrer Ehrlichkeit scheitern.

Mein Problem mit Social Media, Vol. II

Ich bin nicht mehr dabei. Oder fast nicht. Ich bin nur noch sehr regelmäßiger Gast und begeisterter Leser eines Blogs von einem Freund, gelegentlicher Leser verschiedener Blogs mit verschiedenen Themen. Bei dem Freund kommentiere ich nur noch Belangloses. Ehrliches Lob für die unterhaltsamen, treffsicheren, sprachgewandten Artikel und Kommentare dort. Manchmal etwas Persönliches, wenn es passt, oder ich meine, dass es das tut. Ganz selten noch lasse ich mich zu Auseinandersetzungen hinreißen.

Im Wesentlichen habe ich mich auf den Konsum zurückgezogen. Wenn man vertrauenswürdige Quellen gefunden hat, ist im Internet viel Interessantes zu sehen. Schafft auch nur eine Wissenschaftssendung des öffentlich rechtlichen Fernsehens, tief in wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit einzusteigen? Die onkelhaft joviale Art Harald Leschs geht mir persönlich jedenfalls gegen den Strich. Er versucht sich als Peter Lustig für Erwachsene ohne lustig. Über die Gravitationswellen-Entdeckung habe ich im Netz gelernt, auch habe ich dort gelernt, warum das revolutionäre Bild des Schwarzen Lochs dieses Phänomen so eindrucksvoll zeigt.

Zu allem, was mich interessiert, gibt es auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus herausragende und informative Veröffentlichungen in Text, Bild und Ton. Zu allem habe ich vertrauenswürdige Quellen gefunden, entdecke gelegentlich neue, und habe nach Recherchen Quellen als nicht vertrauenswürdig verworfen. Man muss selbst aktiv sein, um sich da zurecht zu finden.

Jeder kennt ja nun das Problem: Die Bildung einer Echokammer oder Informationsblase, in denen man nur das auswählt, was die eigene Meinung verstärkt und keinesfalls hinterfragt. Wie man weiß, kann das zur politischen Radikalisierung führen. Besonders männliche Jugendliche radikalisieren sich gelegentlich innerhalb kürzester Zeit im Internet.

Jedenfalls ist YouTube ursprünglich so konfiguriert, dass auf der Seitenleiste Empfehlungen des Kanals auftauchen, die der Neigung entsprechend das Nutzerverhalten widerspiegeln sollen. Als YouTuber mit eigenen Inhalten erhält man von YouTube sogar Rückmeldung, wie häufig aufgrund dieser Empfehlungen Videos des eigenen Kanals angeklickt werden (das wird “Impression” genannt).

Kleine Kanäle, wie meiner, werden kaum empfohlen. Kanäle, die tausende Klicks pro Video haben, öfter, große Kanäle sehr häufig. Also auch im Netz: Ich werde keinen Durchbruch mehr erleben, denn diese Selbstverstärkung ist für einen kleinen Kanal wie meinen von einem Noname wie mir nicht zu durchbrechen. Das ist aber nicht mein Problem.

Mein Problem ist, dass man diese Seitenleiste, so die ursprüngliche Idee, selbst anpassen kann, indem man Angebote, die einen nicht interessieren, als nicht interessant markiert und dies berücksichtigt wird. Hier hat YouTube aber seinen Algorithmus verändert: Das funktioniert nur noch als Placebo! Angebote, vor allem politische Kanäle, die man als uninteressant bzw. unerwünscht gekennzeichnet hat, tauchen weiter auf, wenn sie von großen Medienkonzernen insbesondere der USA betrieben werden.

Wer sich für weltweites politisches Geschehen interessiert, wird ständig mit den weitgehend faktenlos agitierenden Sprachrohren des faschistoid rechtslastigen Medienkonzerns Fox behelligt. Man kann nichts daran ändern. Ich höre nebenbei einer interessanten Diskussion zu, die ist zu Ende, der nächste automatisch abgespielte Beitrag ist der amerikanische Wutbürger Tucker Carlson, der wieder einmal darüber herzieht, wie dreckig (wörtlich) Latein- und Afroamerikaner seien, dass Tacos nicht mexikanisches sondern amerikanisches Essen seien (denn, so seine “Logik”, sie würden ja von Amerikanern gegessen), Spaghetti und Pizza nicht italienisch sondern ebenfalls amerikanisch und deshalb Mexikaner und Italiener dieses Essen nicht mehr als mexikanisch oder italienisch für sich beanspruchen dürften. Wie bitte? Ja, genau: Dämlicher, belangloser Schwachsinn, der nur die Aufgabe hat, gegen alle Unliebsamen aufzuhetzen.

Unabhängige Journalisten in den USA haben sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren im Netz und gerade auf YouTube einen Namen machen können, weil sie bei ihren Analysen viel tiefer in die Problemlagen einsteigen konnten und ausführlicher darstellen, als es ihnen für Konzerne möglich ist. Vor allem sind sie nur, wenn sie sich nicht Konzernen oder Politikern gegen Geld angedient haben oder von diesen engagiert worden sind, ihrem eigenem Gewissen verantwortlich. Das führt zu ganz großartiger Berichterstattung. YouTube hat vor einigen Tagen erklärt, dass die Änderung des Algorithmus jetzt vor allem die Medienkonzerne in den Vordergrund stellen soll. Offiziell, um Qualitätsanspruch zu erheben. Tatsächlich aber, um die Unabhängigen vom Markt zu drängen.

Der erste Schritt war die Demonitarisierung dieser Kanäle. Jetzt fließt das Geld verstärkt zu den Medienkonzernen. Das einzige, was man da machen könnte, wäre, den Kanälen, denen man vertraut, direkt etwas für ihre Veröffentlichungen zu zahlen; also das Internet wie einen Zeitschriftenkiosk zu verwenden. Die Zeit des kostenlos freien Ideenaustauschs dürfte vorüber sein. Der Grund dahinter: Die freien Journalisten sind zu mächtig geworden und hinterfragen massiv und effektiv die Vertrauenswürdigkeit der Medienkonzerne der USA.

Diese Konzerne sind weitgehend keine “Fake News”, dass das mal klar gesagt ist. Aber sie sind in den USA werbefinanziert und klar interessengesteuert. Wenn man den derzeitigen Vorwahlkampf beobachtet, sieht man deutlich, was für Auswirkungen das hat. 2016 waren sie verheerend. Und, so erschreckend es ist, es besteht eindeutig die Gefahr, dass das 2020 ähnlich wird.

Ein Beispiel, worum es dabei geht: In den medienkonzern-betriebenen Interviews wurde der scheidende Gouverneur von Kentucky, Mett Bevin, ein sehr unbeliebter, man darf wohl sagen rassistischer Nationalist, zu einer Begnadigung befragt, die er nach Abwahl aus seinem Amt scheidend noch vornahm. Es ging dabei um Micah Schoettle, einen wegen der dauernden Vergewaltigung einer Neunjährigen und ihrer Schwester Verurteilten, der aufgrund dieser Begnadigung nach kurzer Zeit in Haft wieder auf freiem Fuß ist. Bevin verteidigt diese Entscheidung, weil das ein Indizienprozess gewesen wäre, das andere Mädchen sich an Vergewaltigungen nicht erinnern könne und zum Zeitpunkt des Prozesses keine Verletzungen bei der Neunjährigen feststellbar gewesen wären, die er, Gouverneur Mett Bevin, erwarten würde. Man müsse ihm vertrauen, dass er wisse, wie diese Verletzungen aussähen, wenn es diese Vergewaltigung gegeben hätte. Der Widerspruch der medizinischen Fachleute ist gewaltig: Die von Bevins Pseudo-Expertise erwarteten Verletzungen treten nur bei etwa 2 % der kindlichen Vergewaltigungsopfer auf. Dieser eindeutige und kraftvolle Widerspruch zerschellt effektlos an der Unverfrorenheit Bevins.

Auch, weil Bevin in Interviews mit diesem Argument nicht konfrontiert wird. Was diese Journalisten außerdem aber nicht thematisieren, so sehr sie auch Mr. Bevin zurecht ins Kreuzfeuer für diese Begnadigung nehmen (das er aber, ganz rechter Ideologe, an sich abprallen lässt), ist, dass er gleichzeitig 428 (!) verurteilte Schwerverbrecher in Kentucky begnadigt hat! Mörder und Vergewaltiger nun wieder auf freiem Fuß. Ohne Kontrolle, ohne Überwachung, ohne Therapie. Vollständig begnadigt und damit unbeschriebene Blätter.

Dafür hat er zwei Gründe:

  1. “Ihr habt mich abgewählt?! Dann seht mal, was ihr davon habt!” (Ich umschreibe hier.)
  2. Patrick Baker, ein verurteilter Mörder und Bankräuber, war zwei Jahre von neunzehn im Gefängnis. Seine Familie brachte 21.500 US-Dollar auf, um die Wahlkampagne Bevins zu fördern (politische Bestechung ist in den USA legal; kein Scherz). Seine Begnadigung ist die Gegenleistung. Damit das nicht offensichtlich ist, wird sie mit der Entlassung eines regelrechten Schwarms Verurteilter vertuscht.

Hätte ähnliches ein Demokrat veranstaltet, würden die USA darüber politisch brennen. Ein “harter” Republikaner hat das gemacht, also berichten die Konzern-Medien darüber nicht. Die Zahlen sind öffentlich und belegbar. Verfolgt wird das nur von unabhängigen Journalisten.

Und denen wird jetzt auf YouTube der Hahn zugedreht.

Die sozialen Medien werden immer asozialer.

Mein Problem mit Social Media

Ich finde “Borat” nicht lustig. Nur eklig und langweilig. Nicht mein Humor. Ich fand bisher nichts, was ich von Sacha Baron Cohen gesehen habe, lustig.

Aus Facebook bin ich raus, nachdem eine Freundin auf dieser Plattform, auf der sie selber nicht einmal ist, ekelhaft angegriffen wurde, weil sie der Zeitung mit Fotobeweisen eine Wolfssichtung in der Nähe eines Kindergartens berichtete. Die selbsternannten Experten erkannten sofort, dass das kein Wolf wäre, sie keine Ahnung habe, sie den Wolf, der nach deren Meinung aber keiner war, wahrscheinlich selbst angefüttert hätte, sie etwas gegen Umweltschutz hätte und so weiter und so fort. Ich habe mich da zur Verteidigung etwas reingehängt und erneut gemerkt, dass die Freude an der vermeintlich gerechten Empörung viel schwerer wiegt als jedes Argument. Zeitgleich erhielt ich aus gewissen Kreisen öffentlich und per privatem Messenger Drohungen gegen mich und meine Schüler, weil ich durch kostenlosen Unterricht versuchte, Migrations-Kinder aus Nigeria zu unterstützen. Schließlich gab es mit Facebook-Freunden eine heftige Diskussion über etwas Nebensächliches, bei dem mein Einlenken von ihnen als “passiv-aggressives Verhalten” umgedeutet wurde und man deshalb erst so richtig zulangte.

Wo kommt es her, dass Pseudowissenschaft, radikale Meinungen, falsche Tatsachenbehauptungen und jede Form von Hetze so prosperieren?

Ich lasse das mal jemanden beschreiben, den ich eigentlich nicht mag, dem ich aber vollkommen zustimme. Sehr intelligent, sehr durchdacht; Sacha Baron Cohen hat das Wort: