Archiv der Kategorie: Die Welt da draußen

Soft reboot

Es ist überhaupt noch nicht klar, wie mein unfreiwilliges Gefecht mit einem offenbar sehr empfindlichen, mir finanziell weit überlegenen ehemaligen New Yorker, ich nenne es mal in sehr absichtlichen An- und Abführungszeichen, “Kulturschaffenden” und politisch sehr bestimmt auftretenden Herren alter, sehr alter (aber in meinen Augen nicht sehr kultivierter) Schule ausgehen oder sich überhaupt nur weiter entwickeln wird. Man lässt mich im Unklaren. Zermürbungstaktik. Amerikaner eben. Wer gerne schießt, schießt auch gerne mit Kanonen auf einen Spatzen wie mich.

In meinem Bildungsinstitut bin ich “angekommen”. Kollegium klasse, Leitung hervorragend, kompetent und fürsorglich, Schülerschaft (wie es meinen bisherigen Erfahrungen in meinem alten Beruf ebenfalls entspricht) weit, weit besser als das, was man ihr so nachsagt. Alles schön.

Als softer Reboot meines aufgrund des Schlags von Übersee dümpelnden Blogs hier ein Text von mir. Ich gebe damit für meine Schüler eine Einführung in Erdkunde zum Thema Astronomie. Dieser Text ist zum Durcharbeiten und Weiterfragen erstellt. Seine Aufgabe ist, die Grundvorstellungen über die Realität zu ordnen. Bitte sehr:

Unser Platz im Universum

Das Universum wird auch der Kosmos oder das Weltall genannt. Alles, Zeit und Raum, jede Materie und Energie befindet sich im Universum.

Die Grundkräfte der Physik ordnen alles im Universum:

  1. Gravitation: Die Gravitation sorgt dafür, dass Materie durch ihre Masse andere Materie sozusagen „anzieht“. Durch diese Anziehung entstehen beispielsweise Sterne (also Sonnen). Wir spüren zum Beispiel die Gravitation der Erde durch unser eigenes Gewicht. Die Gravitation hält uns und sogar unsere Luft, also unsere Atmosphäre, auf der Erde. Bei kleineren Planeten, bei unserem Mond und bei noch kleineren Objekten im All reicht die Gravitation nicht aus, um eine Atmosphäre festzuhalten. Die Gravitation des Mondes wirkt aber auch auf die Erde und lässt bei uns Ebbe und Flut der Ozeane entstehen.
  2. Starke und schwache Kernkraft: In den Sternen ist so viel Materie zusammen, dass durch dieses Gewicht in den Sternen alle Elemente entstehen, aus denen alles besteht. Beispielsweise entsteht in unserem Stern, den wir Sonne nennen, aus dem einfachsten und leichtesten Element Wasserstoff das Helium. Dabei wird so viel Energie frei, dass sie als Sonnenlicht und als Teilchenstrom (man nennt ihn den „Sonnenwind“) abgegeben wird. Die starke und die schwache Kernkraft sind dabei die Kräfte, welche die kleinsten Teile der Materie zusammenhalten.
  3. Elektromagnetismus: Wir nutzen die Physik des Elektromagnetismus, um Energie nutzbar zu machen. Ohne diese Technik hätten wir keinen Strom. Darüber hinaus ist Elektromagnetismus aber sogar dafür verantwortlich, dass wir überhaupt etwas sehen können! Denn das sichtbare Licht ist ein Teil der elektromagnetischen Strahlung, die man auch als elektromagnetisches Wellenspektrum bezeichnen kann. Zwischen den ungefährlichen langen Wellen und den gefährlichen sehr kurzen Wellen liegen die Wellenlängen des für uns sichtbaren Lichts. Wir benutzen die völlig ungefährlichen langen Wellen zum Beispiel für Handys und WLAN, die durch Radiowellen funktionieren. Mikrowellen gehören auch zu den langen Wellen, und wir nutzen sie zum Beispiel, um im Mikrowellen-Gerät Essen zu erwärmen und die langwellige Infrarotstrahlung beispielsweise für Nachtsichtgeräte. Zwischen diesen langen Wellen und den kurzen Wellen liegt der kleine Wellenbereich des für uns sichtbaren Lichts. Gefährlich können nur die kurzen Wellen (Ultraviolett, Röntgen- und Gammastrahlung) sein. Durch den Elektromagnetismus entsteht das Magnetfeld der Erde. Dieses wird durch die Drehung der Erde und ihres Kerns erzeugt. Wir nutzen das Erdmagnetfeld für die Orientierung durch Magnet­-Kompasse. Einige Tiere wie etwa Tauben oder Haie können sich am Erdmagnetfeld orientieren. Dieses Magnetfeld schirmt die Erde gegen die in der Sonne entstehenden und auf die Erde einprasselnden Teilchen des Sonnenwindes ab. Diese Teilchen erzeugen in der Nähe der Pole die Polarlichter.

Die Sterne im Universum bilden aufgrund der Gravitation Galaxien, um deren Zentrum sie kreisen. In diesem Zentrum befindet sich meistens ein Schwarzes Loch. Schwarze Löcher sind Sterne, die so groß geworden sind, dass sie durch ihr eigenes Gewicht, also durch die gewaltige Gravitation, sehr klein „zusammengedrückt“ sind. Dadurch ist dann sogar das Licht zu schwer, um von ihnen weg zu kommen. Auch in unserer Galaxie befindet sich in der Mitte ein schwarzes Loch. Wir drehen uns mit unserer Sonne um diese Mitte unserer Galaxie. Alle Sterne, die wir nachts sehen, gehören zu unserer Galaxie und bewegen sich ebenfalls mit uns in die gleiche Richtung um das Zentrum der Galaxie herum. In klaren und dunklen Nächten kann man einen Teil unserer Galaxie als sogenannte „Milchstraße“ am Himmel sehen. Denn die Sterne der Milchstraße sind so weit weg, dass wir sie nicht einmal mehr als Punkt erkennen können, sondern nur eine Art milchigen Schleier am Himmel sehen. Weil es in der Galaxie sehr viele lichtschluckende Staubwolken gibt, sieht man aber nur den kleinen Teil der Galaxie, der in unserer Nähe ist. Wären diese Staubwolken nicht da, wäre unser Nachthimmel durch die Sterne unserer Galaxie viel heller. Unsere Galaxie ist so gewaltig groß, dass das Licht von einer Seite zur anderen ungefähr 200.000 Jahre braucht.

Unser Sonnensystem besteht aus der Sonne und ihren acht Planeten, die sie umkreisen. Monde umkreisen wiederum Planeten. Von der Sonne aus aufgezählt sind die Planeten die vier Gesteinsplaneten Merkur, Venus, Erde und Mars, und dann folgen die vier großen Gasplaneten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Leicht beobachten lässt sich die Venus (sie ist oft der erste sichtbare „Stern“ am Abend oder der letzte am Morgen und wird deshalb auch „Abendstern“ und „Morgenstern“ genannt). Merkur sieht man eher selten, weil er so nah an der Sonne ist. Mars, Jupiter und Saturn kann man sehr gut sehen, wenn sie günstig stehen. Uranus und Neptun sind immer zu weit weg, um von uns ohne Teleskop gesehen werden zu können. Sterne „flackern“ oder „glitzern“ und leuchten weiß, weil sie so weit weg sind, dass sie nur als leuchtender Punkt zu sehen sind. Planeten leuchten viel ruhiger und man sieht besonders beim Mars auch ihre Farbe, weil sie eine von uns aus gesehen größere Oberfläche haben.

Sonne, Mond und alle Planeten bewegen sich von uns aus gesehen auf ähnlichen Linien über den Himmel. Diese Bahn nennt man Ekliptik. Die Ekliptik ist also die Ebene, auf der die Planeten die Sonne umkreisen. Auf der Nordhalbkugel der Erde, wo wir uns gerade befinden, liegt die Ekliptik in Richtung Süden, und Sonne, Mond und Planeten bewegen sich scheinbar von links nach rechts. Auf der Südhalbkugel müssten wir Richtung Norden sehen, der Mond würde „auf dem Kopf“ stehen, und Sonne, Mond und Planeten bewegen sich von rechts nach links über den Himmel.

Um Orte auf der Erde eindeutig angeben zu können, benutzt man Koordinaten. Dies sind gedachte Linien, welche die Erde in Abschnitte einteilen. Längengrade verlaufen zwischen den Polen, verbinden also Nord und Süd, Breitengrade verlaufen wie der Äquator um die Erde herum und verbinden Ost und West. Orte sind also östlich oder westlich eines bestimmten Längengrades oder nördlich oder südlich eines bestimmten Breitengrades.

Stärke in der Krise

Wer hier liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich von den musikalischen Dachverbänden enttäuscht bin und von den Akkordeon-Dachverbänden sogar mehr als das.

Aber Lob muss sein, wenn es geboten ist: In der derzeitigen Krise zeigen der Deutsche Harmonika-Verband (DHV) und der Landesmusikrat Niedersachsen (LMR) schnelles und sachgerechtes Handeln. Ich nehme beiden nicht übel, dass sie mich unter diesen Umständen weiter anschreiben, obwohl ich mehrfach erklärte, nicht mehr als Musiklehrer/Musiker/Arrangeur oder ähnliches aktiv zu sein. Das ist eine Lächerlichkeit angesichts der Lage.

Der LMR hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um Orientierung über ihre Situation zu bekommen. Die ist desaströs: Der weit größte Teil, nahe 90 %, arbeitet als Solo-Musiker und ist auf individuelles und direkt erzieltes Einkommen angewiesen. Ich war einer von diesen Kollegen. Jetzt stehen sie vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz.

Über die Hilfen, die es gibt, informierten beide Verbände zügig, umfassend, klar und hilfsbereit. Wäre ich noch in meinem Beruf, hätte ich tiefe Existenzangst und wäre für diese Leistung unglaublich dankbar.

Was hier geleistet wird, ist ein Verdienst der administrativen Teile beider Verbände. Meine nicht so gute Meinung über die  Fachkollegen und ihrem Verhalten bleibt aber bestehen.

Dafür wiederhole ich ein Beispiel: In einer DHV-Mail wurde ich zu mehr Mitarbeit aufgefordert, nachdem ich mich aber bereits aus dem Beruf zurückgezogen hatte. Darin fand sich die Aussage, man möge doch mal Vorschläge machen, was der Verband leisten solle und mokierte sich etwas über Ehrungen als etwas Beiläufiges, Unbedeutendes. Ich finde das aber nicht unbedeutend. Ich, und da bin ich sicher nicht alleine, bin stolz auf meine Arbeit und die vielen Jahre, die ich sie verrichtete bzw. als Leiter meines Orchesters noch verrichte.

Der DHV ehrt Dirigenten wie folgt:

10 Jahre Dirigentennadel silber

20 Jahre Dirigentennadel gold

30 Jahre Dirigentennadel gold mit Auszeichnung

und so weiter.

Ich startete als Dirigent 1993. 2003 erhielt ich keine Nadel dafür. Gut, dachte ich, man geht vom vollen Jahr, also 1994 und damit Ehrung 2004, aus. Aber nichts passierte. Aber 2009 endlich erhielt ich die Nadel in silber! Warum dann? Weil der Akkordeon-Club Langenhagen einen Anlass für einen Artikel in der Zeitung haben wollte. Dafür werden dann mal eben sechs Jahre Arbeit unterschlagen und wird die Ehrungsuhr zurückgesetzt, und von mir wurde selbstverständlich erwartet, trotz dieser Unterschlagung, was ich auch tat, dankbar und glücklich in die Kamera zu lächeln. Erhielt ich also 2013 die fällige Nadel in gold für 20 Jahre? Nein. Ach ja: Immer volles Jahr, also 2014, richtig? Falsch. Denn ich war mittlerweile und schon vor 2013 im Langenhagener Club in Ungnade gefallen und man wollte mir zeigen, wer das Sagen hat und was man von mir eigentlich hält. Da passt dann eine Ehrung nicht. Wäre ja noch schöner. Mir wurde von anderer Seite zusätzlich stattdessen, fälschlicherweise aber nachdrücklich, erklärt, die Ehrung gäbe es erst für 25 Jahre. Also erhielt ich 2018 die Nadel in gold? Wieder nicht. “Natürlich!”, dachte ich: “Die rechnen jetzt 10 Jahre von der ersten Ehrung aus!” Rechnet man von der ersten Ehrung aus, hätte ich also die Ehrung für 20 Jahre dann 2019 erhalten müssen, was auch mit den vermeintlichen 25 Jahren zusammengefallen wäre. Und? Ja: Hätte. Passierte  ebenfalls nicht. Aber dafür erhielt ich eine Mail, die mir sagt, Ehrungen seien ja eigentlich lächerlich aber würden als Pflichtübung absolviert. Nicht einmal dieses bisschen Anerkennung und tatsächlich auch Werbung, die ich wirklich für meinen Betrieb dringend hätte gebrauchen können, habe ich von dem Verband erhalten.

Meine Urkunde für 10 Jahre hängt noch in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht räume ich zu wenig auf. Dank des DHV für herausragende Arbeit für die Akkordeon-Orchester-Szene wird da beurkundet. Jeder, auch jeder Hampelmann, und die gibt es, der irgendwie 10 Jahre vor einem Akkordeon-Orchester steht und dessen Ehrung von jemandem betrieben wird, leistet also Herausragendes. Also ja: Eigentlich sind diese Ehrungen lächerlich. Und sie sind nicht ernst gemeint, denn dem Verband bin ich egal und bestenfalls ein klein wenig lästig.

Der Deutsche Akkordeon-Lehrer-Verband (DALV), dem ich über 10 Jahre angehörte, hat mich übrigens auch nie dafür geehrt, obwohl das vorgesehen ist. DALV und DHV arbeiten zusammen. Es gibt Personalunionen, man kennt sich. Und man weiß, wen man nicht ehren möchte.

Und gerade deshalb ist es wichtig anzuerkennen, wenn etwas großartig gemacht wird: Der DHV und der LMR leisten gerade ausgezeichnete Arbeit.

 

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Der Sinn dieser Seite

Ich war mir eine ganze Weile nicht klar, was ich mit dieser Seite anfangen soll, nachdem sie ja nun keinen beruflichen Sinn mehr hat. Welche Identität soll sie haben?

Das persönliche Abenteuer und die Ärgernisse in meinem vorigen Beruf habe ich hier durchgekaut, die Trennung vom letzten Arbeitgeber viel ausführlicher als geplant, als ich den ersten Artikel darüber veröffentlichte. Aber das lag mir einfach zu sehr quer und der Ärger wurde durch weitere dort verursachte Unannehmlichkeiten am Leben gehalten (bis heute bekomme ich regelmäßig, wenn ich meinen Computer hochfahre, eine nervige nicht abzuschaltende Fehlermeldung, weil nicht ich meinen Account beendete, sondern dieser von meinem Arbeitgeber einfach gelöscht wurde, wobei die verbliebenen Daten vernichtet worden sind).

Die Besucherzahlen zeigen, dass diese Seite kein übergroßes Interesse weckt, aber es gibt durchaus zuverlässige, interessierte Leser in einer erfreulichen Zahl. Sehr häufig wird erfreulicher Weise die Seite, die ich hier für mein Orchester eingerichtet habe, angesteuert. Das Interesse an meinen Artikeln war insbesondere für meine Erlebnisse mit und meine Kritik an meinem vorigen Arbeitgeber groß. Seit ich das Thema abgeschlossen habe, ist der Traffic auf etwa ein Viertel zurückgegangen.

Mit dieser Homepage verfolge ich keinerlei wirtschaftliches Interesse. Deshalb sind solche Zahlen eigentlich unerheblich. Ich habe einen großen Freundeskreis, ich habe großartige Freunde und eine glückliche Familie, im Beruf wird viel auf mich gehört. Diese Seite zu schließen würde mich also nicht beeinträchtigen.

Sie ist aber nun einmal jetzt da, sie zu erhalten bedeutet nicht viel Aufwand. Also schreibe ich hier weiter.

Das Kernthema meiner Artikel wird musik- und sprachwissenschaftlicher Natur sein, und es wird Ausflüge in gesellschaftspolitische Bereiche geben. Themen, die auf Facebook dazu führten, dass ich und über mich indirekt meine Schüler und Familie per privaten Messenger handfest bedroht wurden, veranlassten mich, meinen Facebook-Account zu kündigen und spielten bei der Überlegung, meinen Betrieb einzustellen, ebenfalls eine Rolle. Diese Themen werde ich zu meinem Schutz, dem meiner Familie und meinen jetzigen Schülern hier meiden. Ich habe mich in der lokalen Presse klar positioniert, tue das ggf. wieder, aber das Internet ist in gewisser Weise ein anderer Ort.

Wenn ich mich das nächste Mal an einen Artikel setze, wird er musikwissenschaftlicher Natur sein. Ich habe schon eine Idee und freue mich auf die Umsetzung.

Ich halte eigentlich eine Kategorisierung meiner Artikel für sinnvoll, habe mich aber noch nicht eingearbeitet, wie das auf dieser Plattform geht. Sollte das zu aufwendig sein, werde ich da nicht ran gehen.

Das Glück im Kleinen

Vor anderthalb Jahren habe ich das gepostet:

(Weil mir das gerade begegnet ist: 1N73LL163NC3 15 7H3 481L17Y 70 4D4P7 70 CH4N63 573PH3N H4WK1N6)

In der Zeit haderte ich sehr damit, meinen geliebten Beruf so (ich empfinde das immer noch so, wenn ich ehrlich (zu mir selbst) bin) ruhmlos unglücklich aufgegeben zu haben. Dieses als Zahlen- und Buchstabensalat erscheinende Gebilde begegnete mir ähnlich, ich musste das aus der Erinnerung rekonstruieren, als T-Shirt-Aufdruck und besagt: “Intelligence is the ability to adapt to change – Stephen Hawking” Also: “Intelligenz ist die Fähigkeit, sich Änderungen anzupassen – Stephen Hawking” Das ist für mich trostreich, und es ist durch das Spiel mit den Buchstaben und Zahlen als Herausforderung zur Anpassung für eben die Intelligenz witzig.

Damals ging ich davon aus, dass mein Wechsel in den öffentlichen Dienst an jene Schule der letzte berufliche Einschnitt sein würde, musste aber erfahren, dass ich mich seitdem zuverlässig vierteljährlich erheblichen Änderungen anpassen musste, was sich als lebensbedrohlich unmöglich herausstellte. Jetzt erst bin ich dank der derzeitigen Stelle, ihrer Leitung und meinen Kollegen in einem ruhigen Fahrwasser und kann mich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren, die bei meinem vorigen Hauptarbeitgeber zur Nebensache verkam.

Ich erlebe also berufliche Ordnung und qualitative Zusammenarbeit und kann mich auf meine Schüler (generischer Maskulin; ja, den gibt es und dieses Wort bedeutet zwar “männlich”, das ist aber leider ein aus der antiken griechischen Philosophie erlernter Unsinn in der Kategorisierung der Sprache, der nichts mit der Wirklichkeit der Sprache und des Sprachzentrums im Gehirn zu tun hat. Die Sprachwissenschaft der Antike war ähnlich entwickelt wie Chemie, Astro- oder Atomphysik. Also anerkennenswerte und wertvolle intellektuelle Leistungen der damaligen Intelligenz aber ohne die ausgefeilte wissenschaftliche Methode und den wissenschaftlichen Apparat. Ähm – merkt man, dass ich Lehrer bin? Entschuldigung. Wo war ich doch gleich? Ah:) und die Lehrinhalte und Lehrinhaltinnen (damit es nicht zu maskulin wird. Haha. – Nochmal Entschuldigung…) konzentrieren. Und es gibt da niemanden, der das vielleicht durch schweifende Gedankenlosigkeit und fehlendes Fokussieren durcheinander bringen könnte. Wirklich nicht …

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwie bin ich diese Woche täglich verpeilt zu falschen Zeiten an falschen Orten gewesen. Jedes Mal habe ich gedacht, du Schussel, passiert dir nicht nochmal. – Dann passierte es nochmal. Das letzte Mal gestern, als ich eine Stunde zu spät zur Fortbildung kam. Alle waren nett, die Seminarleiterin sowieso umwerfend toll, ich kannte den Stoff, kein Problem, aber irgendwie unnötig und auch etwas peinlich. Das letzte Mal war also gestern.

Dachte ich gestern.

Heute Morgen klingelte mein Wecker, ich ließ mir angemessen Zeit, genoss den Morgen, sah beiläufig zur Uhr und mir fuhr der Schreck in die Glieder: Ich war viel zu spät! Verzicht auf Frühstück, gezielter Sprung in die Fahrradkleidung, Wechselkleidung in den Rucksack, Sprintfahrt zur Arbeit: Ich war zwei Stunden zu früh da. Denn es ist Freitag. Wir haben einen Kalender. Ich habe einen Stundenplan. Diese Quellenlage hätte mich überfordert.

Ein sehr ärgerlicher Fehler, der nach sofortigem Trost förmlich schrie! Also ging ich in die Stadt, um mich in einem Café mit einem Mandelhörnchen und einem Tee zu befrühstücken und trösten.

Ich lungerte da also glücklich herum und amüsierte mich zufrieden innerlich über mich selbst, als der Vater einer meiner ersten Schülerinnen das Café für eine kurze Pause betrat. Das war großartig! Eine wahnsinnig nette Familie, eine tolle Schülerin. Es war so schön, von ihr zu hören! Was für ein Morgen!

Das Gespräch kam auf “diese Jugend von heute”: Als wir über den Beruf der ehemaligen Schülerin und ihr glückliches Privatleben sprachen, sagte ihr Vater, dass er überhaupt nicht sehen könne, dass die heutige Jugend in irgendeiner Weise besonders problematisch sein sollte. In jeder Generation habe es einen Anteil gegeben, der problematisch gewesen sei, das sei jetzt überhaupt nicht anders.

Ihn zu treffen, von Christina zu hören, ein nettes Gespräch zu führen, sich ungefragt in seiner Meinung bestätigt sehen: Das ist Glück im Kleinen.

Im Grunde bin ich ein sehr organisierter Mensch, sonst hätte ich nichts von dem geschafft, was ich geschafft habe. (Und ich finde, ich bin mit Recht stolz darauf. Dass die Anerkennung von gewissen Kollegen oder Verbänden, Vereinen und Hobbymusikern und Mitläufern fehlt, ist eher deren Arroganz und so weiter zuzuschreiben als meinen vermeintlichen Fehlern.) Aber solche Schusselphasen sind manchmal einfach schön. Mein Ordnungs-Ich schüttelt grinsend den Kopf über meinen inneren Chaoten. Dieses Treffen und das Hören von einer ehemaligen Schülerin war den unnötigen Schrecken am Morgen wert. Dank der Schusseligkeit!

Diese Jugend von heute

ist großartig.

Punkt.

Artikel fertig.

Na gut, hole ich doch noch ein wenig aus:

Als ich Jugendlicher war, wurde uns immer alles Mögliche vorgeworfen: Faulheit, Respektlosigkeit, mangelnde Bildung, Desinteresse, Anspruchsdenken und so weiter und so fort. Von Platon sind bereits solche Vorwürfe überliefert.

Ich konnte das für meine Generation schon nicht einsehen, nicht nur für mich persönlich nicht, sondern für uns allgemein. Von den gut 300 Schülerinnen und Schülern und den Jugendlichen der Orchester könnte ich nicht einmal eine handvoll nennen, mit denen ich echte Probleme hatte. Und nur einen einzigen, der sich unfassbar selbstgefällig, arrogant, unverschämt und offen gesagt asozial verhalten hat. Er wollte den Unterricht bestimmen, die Gruppe kontrollieren, das Geschehen in der Hand haben. Ich bin kein Therapeut und es hilft nichts, in solchen Fällen nach den Ursachen zu suchen. Aber als dann eines Tages seine Mutter sich die Ehre einer gnädigen Visitation gab, war klar, wo seine Einstellung herkam. Es kam nicht allzu selten vor, dass mir immer wieder Leute mehr als deutlich zeigten, dass ich in ihren Augen so eine Art musikalischer Hofnarr bin, den man nicht ernst nehmen muss; Musiker eben. Diese Frau nun zeigte deutlich: Ich bin nur ihr Lakai. Und Musik ist auch kein echtes Studium. Das kann man so. Ihr Sohn sah also nicht ein, wenn ich bestimmte Fingersätze gab, die Haltung korrigierte, fachlich etwas erklärte. Er “wusste” alles besser, eben, weil er es wusste und weil das, was von mir kam, falsch sein musste. Denn wer war ich schon? War ich irgendwann im Fernsehen? War ich berühmt? Kannte mich David Garrett? Nein. Na bitte!

Der einzige Schüler, den ich je aus dem Unterricht warf, war dieser. Als die Mutter zum Beschweren kam, warf ich sie gleich hinterher. Ich hörte, dass er danach keinen Unterricht mehr nahm, denn Mama hat ihm ein Keyboard gekauft. Darauf konnte er dann ganz von selbst ganz ohne Lehrer ganz schnell ganz viele ganz tolle Lieder spielen, meinte die ganz doll stolze Mutter. Schön, ein Instrument zu haben, das einem die Arbeit (und damit den eigentlichen Wert und das eigentliche Vergnügen; aber was weiß so ein Möchtegern-Musiker wie ich schon) abnimmt und wenn die Eltern diese Genialität des Kindes unterstützen.

Ein zweites Kind, das sehr problematisch war, war ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Sehr still, sehr schüchtern. Sie schaute mich nie an. Saß immer eher kauernd am Instrument, übte nur wenig. Ich war als Instrumentallehrer immer darauf bedacht, den Unterricht sehr transparent zu halten und nicht mit Schülern irgendwie in einen stillen Unterrichtsraum zu verschwinden. Ich habe auch weitestgehend vermieden, Schüler durch Berührungen zu führen oder auf diese Weise Haltungen zu korrigieren. Dies zu tun, kann effektiv sein, aber ich beschränkte das, so weit es eben ging. Wenn ich Schüler berührte, fragte ich vorher, ob ich beispielsweise das Handgelenk anfassen dürfe, um etwas zu zeigen, und wartete die Antwort ab. Bei dieser Schülerin tat ich das gar nicht, gab zur Begrüßung nicht einmal die Hand und hielt auch einen deutlich größeren Abstand zu ihr als üblich und sinnvoll, weil ich nicht wissen konnte, ob nicht sogar irgendein Trauma hinter ihrem auffälligen Verhalten steckte. Sie kam aber treu und schien, sich im Unterricht immer mehr zu entspannen. Irgendwann begann sie auch, von sich zu erzählen und ihr Verhalten normalisierte sich zunehmend.

Eines Tages kam sie plötzlich wieder eigenartig still in meinen Unterricht und erklärte mir nach dem Vorspielen ihrer Hausaufgabe, dass sie den Unterricht bei mir beenden würde und nicht mehr wieder käme. Ich sagte ihr, dass ich das schade fände, und meinte, dass sie das ganz gut mache und Talent habe. Ob sie ein anderes Instrument spielen würde, fragte ich. Sie sagte, sie würde weiter Klavier spielen, aber nicht mehr bei mir. Das fände ich schade, aber es sei richtig, dass sie weiterspiele. Es gebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen und man müsse eben sehen, wer gut zu einem passe. Wo sie denn hin ginge. Sie sagte, sie wisse den Namen nicht. “Eine Frau.” Ihre Eltern hätten sie ausgesucht, weil sie mit den Fortschritten bei mir nicht zufrieden seien (beide spielten kein Instrument). “Ja,” sagte ich: “es kann sein, dass Du bei einer anderen Lehrerin, die besser zu Dir passt, schneller lernst. Wichtig ist nur, dass Du weiter machst!” Ich würde sie sofort aus dem Vertrag ohne Kündigungsfrist entlassen, damit ihre Eltern nicht doppelt zahlen müssten. Jetzt würden wir zum Abschluss noch einmal etwas Musik machen und alles ist in Ordnung. Das Mädchen spielte mit mir unser kleines Duett, schaute mich nicht an und sagte keinen Ton mehr. Ich verabschiedete sie, wünschte ihr alles Gute und nahm den nächsten Schüler in Empfang.

Der neunjährige Junge war gerade etwa 10 Minuten sehr fröhlich in seinem Unterricht und spielte begeistert sein fertig geübtes Stück, als die Tür aufflog und gegen den Heizkörper knallte. Ein mir unbekannter Mann stürmte herein und schrie mich an, was mir denn einfiele und was ich denn mit seiner Tochter angestellt hätte. Völlig erschrocken und entgeistert schaute mich mein Schüler mit großen Augen an. Ich stand auf und fragte den zornroten Mann, wer er sei und wie er dazu käme, meinen Unterricht derart zu stören. Seine Tochter säße weinend im Auto und er wolle wissen, was ich mit ihr angestellt hätte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und es stellte sich heraus, dass er der Vater der gerade verabschiedeten Schülerin war. Ich erklärte ihm ruhig, dass ein Lehrerwechsel kein Problem sei, ich den Vertrag aus Kulanz aufhebe, damit nicht doppelt bezahlt werden müsse und versuchte, das Abschiedsgespräch mit seiner Tochter kurz zu skizzieren. Er unterbrach mich: Dass ich den Vertrag aufheben würde, sei ja wohl das Mindeste und mein Verhalten eine Unverschämtheit und ich pädagogisch ahnungslos. Da war bei mir der Punkt erreicht, mit unmissverständlicher Körpersprache auf ihn zu zu gehen und ihn mit bedrohlich gesengter Stimme langsam und deutlich sprechend aufzufordern, den Unterrichtsraum sofort zu verlassen. Dies tat er und ging laut über mich schimpfend mit triumphierender Körperhaltung breitbeinig die Straße entlang.

Ein dritter Schüler im Erstklässleralter fällt mir noch ein, der keinerlei Lust auf Musik hatte. Er war in einem Gruppenunterricht angemeldet, weil die Eltern dies aus Kostengründen so gewählt hatten. Jede Unterrichtsstunde begann mit einer Auseinandersetzung zwischen ihm un seiner Mutter. Meistens waren sie schon zankend von Weitem zu hören, wenn sie sich dem Unterrichtsraum näherten. Die anderen Kinder litten darunter, der Unterricht verzögerte sich, mir tat der Junge leid. Wenn er erstmal saß, in der Regel nach etwa 15 Minuten, machte er ganz ordentlich mit und schien auch sich ganz wohl zu fühlen. Er übte sehr zuverlässig – nie. Und jedes Mal gab es vor Unterrichtsbeginn das gleiche Theater. Ich versuchte mit der Mutter ein Gespräch, aber sie kenne ihr Kind als Mutter besser als ich, meinte sie. So etwas lerne man in keinem Studium. Nun, wenn sie meinte.

Eines Tages war die Unterrichtszeit angebrochen, die anderen beiden Schüler waren nicht da (ich habe eine Klassenfahrt in Erinnerung, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), ich saß im Unterrichtsraum und übte für mich, war voll konzentriert und nahm den Lärm auf dem Flur zwar wahr, aber ignorierte ihn. Da wurde die Tür mit Schwung geöffnet, buchstäblich mit der Fußsohle (!) tretend stieß die Mutter den Jungen in den Unterrichtsraum, er kugelte schreiend über den Boden, sie stellte das Akkordeon in den Raum, schloss die Tür und hielt die Klinke von draußen fest, damit der Junge, der sich wieder aufgerappelt hatte, die Tür nicht von innen öffnen konnte. Beste Unterrichtsvoraussetzungen. Dieses Ereignis und das des Mädchens waren die einzigen, die mich daran denken ließen, ernsthafte Schritte gegen Eltern einzuleiten.

Ich führte mit dem Jungen ein Gespräch, in dem ich ihn viel reden ließ. Es gab keine Indizien für irgendeinen Missbrauch. Die Mutter hatte nur eben keine Hand frei. Was soll man da auch machen? In der einen Hand das Akkordeon, in der anderen die Tür, die man ja schnell wieder schließen muss, damit das Kind nicht entwischt, und das Kind muss ja unbedingt zu diesem Akkordeon-Heini! Da muss man das Kind eben mit dem Fuß in den Raum befördern. Ist doch klar! So etwas weiß man als Mutter. So etwas lernt man in keinem Studium.

Ich erklärte der Mutter, dass ein Unterricht für ihren Sohn bei mir nicht mehr infrage komme und entließ sie sofort aus dem Vertrag.

Und das waren sie schon! Mehr echte Problemfälle hatte ich nicht.

Vielmehr hatte ich unfassbar entzückende, talentierte, witzige, fröhliche, liebenswerte, wunderschöne Mädchen und Jungen als Schüler! Über 300! Ist das zu fassen? Sie zu begleiten, während sie heranwachsen, mit ihnen zu musizieren und gemeinsam Konzerte und Auftritte zu gestalten, ihnen auf Freizeiten zuzuhören und etwas zu erzählen, Halt geben, Orientierung: Das war wirklich eine Erfüllung!

Ich war wegen dieser Mädchen und Jungen immer der Meinung, diese Jugend ist klasse. Wurde gerade im letzten Verein, für den ich unterrichtete, nicht so gesehen. Das ließ man den Nachwuchs spüren, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Reife erreichte. In jeder Suppe fand man ein Haar, bei jeder gemeinsamen Probe und jedem gemeinsamen Auftritt wurde “erzogen”. Bis die Mädchen entnervt aufgaben, nachdem viele Tränen geflossen waren. Dabei waren das so großartige, intelligente, liebe, hübsche Mädchen!

Schöne Erinnerungen!

Nun, jetzt bin ich staatlich angestellter Pädagoge für Jugendliche im Alter von 11 bis 16. Mein Kollege unterrichtet gerade zum Thema Musik in Filmen in unserer Lerngruppe, die fast nur aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Dazu bereitete er ein Quiz vor. Die etwa 20 Schüler starke Klasse im Alter von etwa 14 Jahren wurde in vier Gruppen zu fünf bzw. sechs Schülern aufgeteilt und sie bekamen Filmmusik aus Filmen wie “Der Pate”, “Spiel mir das Lied vom Tod”, “James Bond”, “Der weiße Hai”, “Fluch der Karibik”, “Herr der Ringe”, “Indiana Jones” und so weiter zu hören. Etwa 20 Titel aus Filmen von 1960 bis heute.

Wer mag raten, wie viele Titel erkannt wurden? Ich lasse auch ein bisschen Zeit. Zeit läuft ab jetzt…

So: Fertig geschätzt? Und?

Ich löse auf: Alle!

Es wurden nicht nur alle Titel erkannt und richtig zugeordnet, sondern auch von vielen Schülern gleichermaßen! Die meisten Titel wurden erkannt, bevor ein Takt komplett gespielt worden war. Der erste Klang ertönte, einer läutete seine Glocke und rief den Titel. Meistens sogar den englischen Original-Titel.

Ich fragte, woher sie das denn wüssten. Ein Schüler antwortete mit leuchtenden Augen: “Ich liebe (!) alte Filme!”

Diese Jugend von heute ist – normal. Und deshalb großartig.

 

Dienstantritt

Meine plötzliche Ausplanung hat einige Probleme geschaffen, die unglaublich schnell (von wegen “Behörden arbeiten langsam”. Hier alles andere als das!) gelöst worden sind und ich trete morgen dann nach einigen Überbrückungsmaßnahmen an meinem neuen Arbeitsplatz zum Dienst an.

Außerdem war heute unsere Matinee des 1. Akkordeon-Orchesters Winsen (Aller).

Meine Stimmung ist also so:

 

Die schönen Seiten des Lebens

Konzerte! Das ist eine schöne Seite des Lebens.

An diesem Sonntag, dem 1. September, findet ab 11.00 Uhr im Grooden Hus auf dem Museumshof Winsen (Aller) wieder die Matinee des Museumsvereins und des Akkordeonvereins Winsen (Aller) statt.

Ich freue mich darüber, dass wir eine neue Spielerin im Orchester begrüßen können! Die Spielerinnen sind aus der Nachwuchsarbeit von Gunda Falke in das 1. Orchester gekommen.

Durch meine plötzliche und etwas dauernde Erkrankung sieht das Programm etwas anders aus, als ich mir das ursprünglich vorstellte, aber auf das Orchester ist Verlass und es probte unter der Leitung von Gunda Falke und in Abstimmung mit mir an einem schönen Unterhaltungsprogramm.

Es gibt Bearbeitungen von Sebastian Truffel (“Journey to Jurassic Park” und “Chevaliers de Sangreal”) und von mir (“The Beatles-Medley” und “Born-Free-Fantasy”) zu hören. Dazu Easy Listening, weitere neu erarbeitete (“Caravans Theme”) Werke und wieder erarbeitete Repertoire-Stücke (“My Fair Lady”).

Ich freue mich sehr auf dieses Konzert!

Das Walsroder Krankenhaus: Weit, sehr weit besser als oft gesagt wird

Im Juli musste ich für einige Tage ins Krankenhaus. Krankenhausaufenthalte sind ja grundsätzlich, mal abgesehen von Geburten, nie wirklich erfreulich. Aber ich muss sagen, dass ich dem Walsroder Krankenhaus und seinem Arzt- und Pflegepersonal herzlich zu danken habe: Während meiner Diagnose und Behandlung hatte ich mit etwa zehn Ärztinnen und Ärzten zu tun, die in verschiedenen Fachbereichen und Aufgaben handelten. Alle waren ausgesprochen freundlich, zugewandt, mitfühlend und im besten Sinn routiniert. Auch die Spezialisten erörterten immer das Gesamtbild und erklärten mir verständlich die jeweiligen Details. Das Pflegepersonal war sehr freundlich, trotz großen Arbeitsanfalls gut gelaunt und hilfsbereit. Und jetzt kommt die größte Überraschung: Besonders für eine Großküche ist das Essen ausgesprochen gut!

Ich hatte in einigen Jahrzehnten mehrfach das Pech, durch ernste Unfälle oder Erkrankungen in das Walsroder Krankenhaus gehen zu müssen. Dabei habe ich aber immer diese Erfahrung gemacht, die ich gerade beschrieben habe. Das spricht dafür, dass auch die Krankenhausleitung etwas richtig macht.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann dies: Das Pflegepersonal muss besser und damit den gewaltigen Anforderungen entsprechender bezahlt werden und die Ärzte sollten weniger Verwaltungsaufgaben zu erfüllen haben.

Wie man den Ärzten Verwaltungsaufgaben aufgrund der notwendigen Dokumentationspflicht ersparen kann, weiß ich nicht. Für die erforderliche bessere Entlohnung des Pflegepersonals habe ich einen sofort umsetzbaren Vorschlag: Einsparungen der Mittel im Gesundheitswesen für esoterische und nachweislich wirkungslose Pseudomedizin. Ich würde es nämlich lieber sehen, einer Krankenpflegerin oder einem Krankenpfleger mehr Geld für ihre und seine wertvolle Arbeit zu geben, als lächerliches Pieksen mit kleinen Nädelchen und das Verabreichen von Zuckerperlchen (die es auf dem Jahrmarkt billiger und in Farbe gibt) zu fördern.

Rettung aus Gefahr

Klingt dramatisch? Ist auch so:

Eine häufig unterschätzte Gefahr sind Gewitter. Gestern fuhr ich mit meinem Rad von meiner Arbeit nachhause und hoffte, eine Gewitter-Lücke erwischt zu haben; etwas Regen schreckt mich nicht. Ich hatte mit 20 Kilometern noch nicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als ich um eine Biegung kommend sah, dass ich auf eine Gewitterwand zufuhr. Ich fuhr noch ein paar Kilometer und musste feststellen, dass sie sich nicht auflöste, in eine andere Richtung zog oder ähnliches, sondern ich bald direkt unter der Gewitterzelle mit dem Fahrrad unterwegs sein würde mit noch etwa 25 Kilometern vor mir und sah im Sattel aufgerichtet besorgt in den Himmel.

Da überholte mich ein Mercedes-Transporter, wurde langsamer, wendete und ein 1,90-Mann lehnte aus dem Fenster: “Wo musst du denn hin? Kann ich dich mitnehmen?” Einfach so. Das Ehepaar, in Begleitung zweier sehr freundlicher großer Hunde und auf der Suche nach Holundersträuchern für selbstgemachte Getränke, lud mich und mein Rad ein und fuhr mich bis vor meine Haustür, wobei sich herausstellte, dass der Starkregen, in den ich gefahren wäre, das Wasser hat mindestens knöcheltief über die Straßen strömen lassen.

Ich bin zwei netten, zuvorkommenden, fürsorglichen Menschen des Fanfarenzugs Meißendorf begegnet und kann nur sagen: Herzlichen Dank!

Nass zu werden ist als Radfahrer nicht so das Problem. Aber einem Gewitter ausgeliefert zu sein, das ist eine ernste Gefahr! Das war wirklich eine Rettung.