Archiv der Kategorie: Die Welt da draußen

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Fun with an idiot

Ich dachte, ich schreibe mal etwas Lustiges:

“Wir begrenzen die staatliche Zulassungszeit für Großprojekte runter auf zwei Jahre. Und idealerweise versuchen wir sogar darunter zu kommen, sodass man anstelle dessen auf 21, 22, 25 [!], 8, 9, 12, 15 … [Monate kommt].” Ein Zahlenfuchs am Werk.

“Ich spende meine Vergütungen, 450.000, etwa 450.000 präsidiale Vergütung. Ich spende sie! Sie gehen an – normalerweise verwende ich sie für Drogen …” Wahrscheinlich wollte er sagen, dass er sie für den Kampf gegen Drogenmissbrauch spendet. Was sicher eine Lüge ist.

“Ich sprach gestern mit dem Generalsekretär und wir hatten eine großartige Unterhaltung. Er war sehr, ähm, äh, ich denke, er war tatsächlich erregt davon, und ich hatte tatsächlich einen Namen: NATO und dann hast du ME: Middle East (mittlerer Osten)! Man kann das NATOME nennen! Ich sagte: Was für ein wunderschöner Name! NATOME!” Die NATO soll also in Zukunft “Organisation des Nordatlantikvertrags mittlerer Osten” heißen. Genial.

Das ist der Mann, der durch den einseitigen Rückzug aus dem internalen Abkommen mit dem Iran die gefährlichste weltpolitische Krise, neben der Klimafrage, dieser Jahre verursacht hat, die bereits über hundert zivile Opfer forderte: Donald Trump. Aber, immerhin: Er ist “good in naming things”, wie er meint.

Ich dachte, ich schreibe mal etwas Lustiges…

Aber wenn man nicht verzweifeln will, muss man lachen:

Mein Problem mit Social Media, Vol. III

Es gibt so etwas wie faktenlose Hassrede. Der strafrechtliche Term ist “Volksverhetzung”, in Amerika wird das ohne Strafbewehrung “hate speech” genannt. Dagegen sei man, sagen YouTube und Facebook und Twitter.

Meine persönliche Erfahrung: Mir ist es nicht gelungen, mich erfolgreich sogar gegen persönliche Bedrohungen zu wehren. Freie Meinungsäußerung und die angebliche Unmöglichkeit, die reale Person hinter dem Fake Account zu ermitteln, standen im Weg.

YouTube hat einen Algorithmus, der Hate Speech unterbinden soll. Was er aber tut, ist Berichte (!) und Widersprüche gegen solche Auswüchse zu unterbinden. Wenn man sich dagegen wehrt, wird ein anderer Pfeil aus dem Köcher gezogen: Der Bericht sei vielleicht nicht angemessen für das Publikum.

Soll das ein Witz sein, höre ich die Frage. Nein. Sieht so aus:

Aber Facebook ist doch sicher fair und so, richtig?

Nun ja, Mark Zuckerberg traf sich mehrfach mit Donald Trump und verweigert hartnäckig, gegen politische Lügen auf seiner Plattform vorzugehen. Es ist ihm egal, ob gekaufte Anzeigen dazu benutzt werden, mit Lügen und Verleumdung gegen junge Politikerinnen wie Ilhan Omar oder Alexandria Ocasio-Cortez so scharf zu hetzen, dass sie Morddrohungen erhalten. Er behauptet, das Volk solle das sehen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Lüge und Wahrheit sind für YouTube und Facebook eben nur “Meinungen”. Nicht einmal gleichwertig. Denn unterstützt werden die Lügen, während die Ehrlichen an ihrer Ehrlichkeit scheitern.

Mein Problem mit Social Media, Vol. II

Ich bin nicht mehr dabei. Oder fast nicht. Ich bin nur noch sehr regelmäßiger Gast und begeisterter Leser eines Blogs von einem Freund, gelegentlicher Leser verschiedener Blogs mit verschiedenen Themen. Bei dem Freund kommentiere ich nur noch Belangloses. Ehrliches Lob für die unterhaltsamen, treffsicheren, sprachgewandten Artikel und Kommentare dort. Manchmal etwas Persönliches, wenn es passt, oder ich meine, dass es das tut. Ganz selten noch lasse ich mich zu Auseinandersetzungen hinreißen.

Im Wesentlichen habe ich mich auf den Konsum zurückgezogen. Wenn man vertrauenswürdige Quellen gefunden hat, ist im Internet viel Interessantes zu sehen. Schafft auch nur eine Wissenschaftssendung des öffentlich rechtlichen Fernsehens, tief in wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit einzusteigen? Die onkelhaft joviale Art Harald Leschs geht mir persönlich jedenfalls gegen den Strich. Er versucht sich als Peter Lustig für Erwachsene ohne lustig. Über die Gravitationswellen-Entdeckung habe ich im Netz gelernt, auch habe ich dort gelernt, warum das revolutionäre Bild des Schwarzen Lochs dieses Phänomen so eindrucksvoll zeigt.

Zu allem, was mich interessiert, gibt es auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus herausragende und informative Veröffentlichungen in Text, Bild und Ton. Zu allem habe ich vertrauenswürdige Quellen gefunden, entdecke gelegentlich neue, und habe nach Recherchen Quellen als nicht vertrauenswürdig verworfen. Man muss selbst aktiv sein, um sich da zurecht zu finden.

Jeder kennt ja nun das Problem: Die Bildung einer Echokammer oder Informationsblase, in denen man nur das auswählt, was die eigene Meinung verstärkt und keinesfalls hinterfragt. Wie man weiß, kann das zur politischen Radikalisierung führen. Besonders männliche Jugendliche radikalisieren sich gelegentlich innerhalb kürzester Zeit im Internet.

Jedenfalls ist YouTube ursprünglich so konfiguriert, dass auf der Seitenleiste Empfehlungen des Kanals auftauchen, die der Neigung entsprechend das Nutzerverhalten widerspiegeln sollen. Als YouTuber mit eigenen Inhalten erhält man von YouTube sogar Rückmeldung, wie häufig aufgrund dieser Empfehlungen Videos des eigenen Kanals angeklickt werden (das wird “Impression” genannt).

Kleine Kanäle, wie meiner, werden kaum empfohlen. Kanäle, die tausende Klicks pro Video haben, öfter, große Kanäle sehr häufig. Also auch im Netz: Ich werde keinen Durchbruch mehr erleben, denn diese Selbstverstärkung ist für einen kleinen Kanal wie meinen von einem Noname wie mich nicht zu durchbrechen. Das ist aber nicht mein Problem.

Mein Problem ist, dass man diese Seitenleiste, so die ursprüngliche Idee, selbst anpassen kann, indem man Angebote, die einen nicht interessieren, als nicht interessant markiert und dies berücksichtigt wird. Hier hat YouTube aber seinen Algorithmus verändert: Das funktioniert nur noch als Placebo! Angebote, vor allem politische Kanäle, die man als uninteressant bzw. unerwünscht gekennzeichnet hat, tauchen weiter auf, wenn sie von großen Medienkonzernen insbesondere der USA betrieben werden.

Wer sich für weltweites politisches Geschehen interessiert, wird ständig mit den weitgehend faktenlos agitierenden Sprachrohren des faschistoid rechtslastigen Medienkonzerns Fox behelligt. Man kann nichts daran ändern. Ich höre nebenbei einer interessanten Diskussion zu, die ist zu Ende, der nächste automatisch abgespielte Beitrag ist der amerikanische Wutbürger Tucker Carlson, der wieder einmal darüber herzieht, wie dreckig (wörtlich) Latein- und Afroamerikaner seien, dass Tacos nicht mexikanisches sondern amerikanisches Essen seien (denn, so seine “Logik”, sie würden ja von Amerikanern gegessen), Spaghetti und Pizza nicht italienisch sondern ebenfalls amerikanisch und deshalb Mexikaner und Italiener dieses Essen nicht mehr als mexikanisch oder italienisch für sich beanspruchen dürften. Wie bitte? Ja, genau: Dämlicher, belangloser Schwachsinn, der nur die Aufgabe hat, gegen alle Unliebsamen aufzuhetzen.

Unabhängige Journalisten in den USA haben sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren im Netz und gerade auf YouTube einen Namen machen können, weil sie bei ihren Analysen viel tiefer in die Problemlagen einsteigen konnten und ausführlicher darstellen, als es ihnen für Konzerne möglich ist. Vor allem sind sie nur, wenn sie sich nicht Konzernen oder Politikern gegen Geld angedient haben oder von diesen engagiert worden sind, ihrem eigenem Gewissen verantwortlich. Das führt zu ganz großartiger Berichterstattung. YouTube hat vor einigen Tagen erklärt, dass die Änderung des Algorithmus jetzt vor allem die Medienkonzerne in den Vordergrund stellen soll. Offiziell, um Qualitätsanspruch zu erheben. Tatsächlich aber, um die Unabhängigen vom Markt zu drängen.

Der erste Schritt war die Demonitarisierung dieser Kanäle. Jetzt fließt das Geld verstärkt zu den Medienkonzernen. Das einzige, was man da machen könnte, wäre, den Kanälen, denen man vertraut, direkt etwas für ihre Veröffentlichungen zu zahlen; also das Internet wie einen Zeitschriftenkiosk zu verwenden. Die Zeit des kostenlos freien Ideenaustauschs dürfte vorüber sein. Der Grund dahinter: Die freien Journalisten sind zu mächtig geworden und hinterfragen massiv und effektiv die Vertrauenswürdigkeit der Medienkonzerne der USA.

Diese Konzerne sind weitgehend keine “Fake News”, dass das mal klar gesagt ist. Aber sie sind in den USA werbefinanziert und klar interessengesteuert. Wenn man den derzeitigen Vorwahlkampf beobachtet, sieht man deutlich, was für Auswirkungen das hat. 2016 waren sie verheerend. Und, so erschreckend es ist, es besteht eindeutig die Gefahr, dass das 2020 ähnlich wird.

Ein Beispiel, worum es dabei geht: In den medienkonzern-betriebenen Interviews wurde der scheidende Gouverneur von Kentucky, Mett Bevin, ein sehr unbeliebter, man darf wohl sagen rassistischer Nationalist, zu einer Begnadigung befragt, die er nach Abwahl aus seinem Amt scheidend noch vornahm. Es ging dabei um Micah Schoettle, einen wegen der dauernden Vergewaltigung einer Neunjährigen und ihrer Schwester Verurteilten, der aufgrund dieser Begnadigung nach kurzer Zeit in Haft wieder auf freiem Fuß ist. Bevin verteidigt diese Entscheidung, weil das ein Indizienprozess gewesen wäre, das andere Mädchen sich an Vergewaltigungen nicht erinnern könne und zum Zeitpunkt des Prozesses keine Verletzungen bei der Neunjährigen feststellbar gewesen wären, die er, Gouverneur Mett Bevin, erwarten würde. Man müsse ihm vertrauen, dass er wisse, wie diese Verletzungen aussähen, wenn es diese Vergewaltigung gegeben hätte. Der Widerspruch der medizinischen Fachleute ist gewaltig: Die von Bevins Pseudo-Expertise erwarteten Verletzungen treten nur bei etwa 2 % der kindlichen Vergewaltigungsopfer auf. Dieser eindeutige und kraftvolle Widerspruch zerschellt effektlos an der Unverfrorenheit Bevins.

Auch, weil Bevin in Interviews mit diesem Argument nicht konfrontiert wird. Was diese Journalisten außerdem aber nicht thematisieren, so sehr sie auch Mr. Bevin zurecht ins Kreuzfeuer für diese Begnadigung nehmen (das er aber, ganz rechter Ideologe, an sich abprallen lässt), ist, dass er gleichzeitig 428 (!) verurteilte Schwerverbrecher in Kentucky begnadigt hat! Mörder und Vergewaltiger nun wieder auf freiem Fuß. Ohne Kontrolle, ohne Überwachung, ohne Therapie. Vollständig begnadigt und damit unbeschriebene Blätter.

Dafür hat er zwei Gründe:

  1. “Ihr habt mich abgewählt?! Dann seht mal, was ihr davon habt!” (Ich umschreibe hier.)
  2. Patrick Baker, ein verurteilter Mörder und Bankräuber, war zwei Jahre von neunzehn im Gefängnis. Seine Familie brachte 21.500 US-Dollar auf, um die Wahlkampagne Bevins zu fördern (politische Bestechung ist in den USA legal; kein Scherz). Seine Begnadigung ist die Gegenleistung. Damit das nicht offensichtlich ist, wird sie mit der Entlassung eines regelrechten Schwarms Verurteilter vertuscht.

Hätte ähnliches ein Demokrat veranstaltet, würden die USA darüber politisch brennen. Ein “harter” Republikaner hat das gemacht, also berichten die Konzern-Medien darüber nicht. Die Zahlen sind öffentlich und belegbar. Verfolgt wird das nur von unabhängigen Journalisten.

Und denen wird jetzt auf YouTube der Hahn zugedreht.

Die sozialen Medien werden immer asozialer.

Mein Problem mit Social Media

Ich finde “Borat” nicht lustig. Nur eklig und langweilig. Nicht mein Humor. Ich fand bisher nichts, was ich von Sacha Baron Cohen gesehen habe, lustig.

Aus Facebook bin ich raus, nachdem eine Freundin auf dieser Plattform, auf der sie selber nicht einmal ist, ekelhaft angegriffen wurde, weil sie der Zeitung mit Fotobeweisen eine Wolfssichtung in der Nähe eines Kindergartens berichtete. Die selbsternannten Experten erkannten sofort, dass das kein Wolf wäre, sie keine Ahnung habe, sie den Wolf, der nach deren Meinung aber keiner war, wahrscheinlich selbst angefüttert hätte, sie etwas gegen Umweltschutz hätte und so weiter und so fort. Ich habe mich da zur Verteidigung etwas reingehängt und erneut gemerkt, dass die Freude an der vermeintlich gerechten Empörung viel schwerer wiegt als jedes Argument. Zeitgleich erhielt ich aus gewissen Kreisen öffentlich und per privatem Messenger Drohungen gegen mich und meine Schüler, weil ich durch kostenlosen Unterricht versuchte, Migrations-Kinder aus Nigeria zu unterstützen. Schließlich gab es mit Facebook-Freunden eine heftige Diskussion über etwas Nebensächliches, bei dem mein Einlenken von ihnen als “passiv-aggressives Verhalten” umgedeutet wurde und man deshalb erst so richtig zulangte.

Wo kommt es her, dass Pseudowissenschaft, radikale Meinungen, falsche Tatsachenbehauptungen und jede Form von Hetze so prosperieren?

Ich lasse das mal jemanden beschreiben, den ich eigentlich nicht mag, dem ich aber vollkommen zustimme. Sehr intelligent, sehr durchdacht; Sacha Baron Cohen hat das Wort:

 

Der Sinn dieser Seite

Ich war mir eine ganze Weile nicht klar, was ich mit dieser Seite anfangen soll, nachdem sie ja nun keinen beruflichen Sinn mehr hat. Welche Identität soll sie haben?

Das persönliche Abenteuer und die Ärgernisse in meinem vorigen Beruf habe ich hier durchgekaut, die Trennung vom letzten Arbeitgeber viel ausführlicher als geplant, als ich den ersten Artikel darüber veröffentlichte. Aber das lag mir einfach zu sehr quer und der Ärger wurde durch weitere dort verursachte Unannehmlichkeiten am Leben gehalten (bis heute bekomme ich regelmäßig, wenn ich meinen Computer hochfahre, eine nervige nicht abzuschaltende Fehlermeldung, weil nicht ich meinen Account beendete, sondern dieser von meinem Arbeitgeber einfach gelöscht wurde, wobei die verbliebenen Daten vernichtet worden sind).

Die Besucherzahlen zeigen, dass diese Seite kein übergroßes Interesse weckt, aber es gibt durchaus zuverlässige, interessierte Leser in einer erfreulichen Zahl. Sehr häufig wird erfreulicher Weise die Seite, die ich hier für mein Orchester eingerichtet habe, angesteuert. Das Interesse an meinen Artikeln war insbesondere für meine Erlebnisse mit und meine Kritik an meinem vorigen Arbeitgeber groß. Seit ich das Thema abgeschlossen habe, ist der Traffic auf etwa ein Viertel zurückgegangen.

Mit dieser Homepage verfolge ich keinerlei wirtschaftliches Interesse. Deshalb sind solche Zahlen eigentlich unerheblich. Ich habe einen großen Freundeskreis, ich habe großartige Freunde und eine glückliche Familie, im Beruf wird viel auf mich gehört. Diese Seite zu schließen würde mich also nicht beeinträchtigen.

Sie ist aber nun einmal jetzt da, sie zu erhalten bedeutet nicht viel Aufwand. Also schreibe ich hier weiter.

Das Kernthema meiner Artikel wird musik- und sprachwissenschaftlicher Natur sein, und es wird Ausflüge in gesellschaftspolitische Bereiche geben. Themen, die auf Facebook dazu führten, dass ich und über mich indirekt meine Schüler und Familie per privaten Messenger handfest bedroht wurden, veranlassten mich, meinen Facebook-Account zu kündigen und spielten bei der Überlegung, meinen Betrieb einzustellen, ebenfalls eine Rolle. Diese Themen werde ich zu meinem Schutz, dem meiner Familie und meinen jetzigen Schülern hier meiden. Ich habe mich in der lokalen Presse klar positioniert, tue das ggf. wieder, aber das Internet ist in gewisser Weise ein anderer Ort.

Wenn ich mich das nächste Mal an einen Artikel setze, wird er musikwissenschaftlicher Natur sein. Ich habe schon eine Idee und freue mich auf die Umsetzung.

Ich halte eigentlich eine Kategorisierung meiner Artikel für sinnvoll, habe mich aber noch nicht eingearbeitet, wie das auf dieser Plattform geht. Sollte das zu aufwendig sein, werde ich da nicht ran gehen.

Das Glück im Kleinen

Vor anderthalb Jahren habe ich das gepostet:

(Weil mir das gerade begegnet ist: 1N73LL163NC3 15 7H3 481L17Y 70 4D4P7 70 CH4N63 573PH3N H4WK1N6)

In der Zeit haderte ich sehr damit, meinen geliebten Beruf so (ich empfinde das immer noch so, wenn ich ehrlich (zu mir selbst) bin) ruhmlos unglücklich aufgegeben zu haben. Dieses als Zahlen- und Buchstabensalat erscheinende Gebilde begegnete mir ähnlich, ich musste das aus der Erinnerung rekonstruieren, als T-Shirt-Aufdruck und besagt: “Intelligence is the ability to adapt to change – Stephen Hawking” Also: “Intelligenz ist die Fähigkeit, sich Änderungen anzupassen – Stephen Hawking” Das ist für mich trostreich, und es ist durch das Spiel mit den Buchstaben und Zahlen als Herausforderung zur Anpassung für eben die Intelligenz witzig.

Damals ging ich davon aus, dass mein Wechsel in den öffentlichen Dienst an jene Schule der letzte berufliche Einschnitt sein würde, musste aber erfahren, dass ich mich seitdem zuverlässig vierteljährlich erheblichen Änderungen anpassen musste, was sich als lebensbedrohlich unmöglich herausstellte. Jetzt erst bin ich dank der derzeitigen Stelle, ihrer Leitung und meinen Kollegen in einem ruhigen Fahrwasser und kann mich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren, die bei meinem vorigen Hauptarbeitgeber zur Nebensache verkam.

Ich erlebe also berufliche Ordnung und qualitative Zusammenarbeit und kann mich auf meine Schüler (generischer Maskulin; ja, den gibt es und dieses Wort bedeutet zwar “männlich”, das ist aber leider ein aus der antiken griechischen Philosophie erlernter Unsinn in der Kategorisierung der Sprache, der nichts mit der Wirklichkeit der Sprache und des Sprachzentrums im Gehirn zu tun hat. Die Sprachwissenschaft der Antike war ähnlich entwickelt wie Chemie, Astro- oder Atomphysik. Also anerkennenswerte und wertvolle intellektuelle Leistungen der damaligen Intelligenz aber ohne die ausgefeilte wissenschaftliche Methode und den wissenschaftlichen Apparat. Ähm – merkt man, dass ich Lehrer bin? Entschuldigung. Wo war ich doch gleich? Ah:) und die Lehrinhalte und Lehrinhaltinnen (damit es nicht zu maskulin wird. Haha. – Nochmal Entschuldigung…) konzentrieren. Und es gibt da niemanden, der das vielleicht durch schweifende Gedankenlosigkeit und fehlendes Fokussieren durcheinander bringen könnte. Wirklich nicht …

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwie bin ich diese Woche täglich verpeilt zu falschen Zeiten an falschen Orten gewesen. Jedes Mal habe ich gedacht, du Schussel, passiert dir nicht nochmal. – Dann passierte es nochmal. Das letzte Mal gestern, als ich eine Stunde zu spät zur Fortbildung kam. Alle waren nett, die Seminarleiterin sowieso umwerfend toll, ich kannte den Stoff, kein Problem, aber irgendwie unnötig und auch etwas peinlich. Das letzte Mal war also gestern.

Dachte ich gestern.

Heute Morgen klingelte mein Wecker, ich ließ mir angemessen Zeit, genoss den Morgen, sah beiläufig zur Uhr und mir fuhr der Schreck in die Glieder: Ich war viel zu spät! Verzicht auf Frühstück, gezielter Sprung in die Fahrradkleidung, Wechselkleidung in den Rucksack, Sprintfahrt zur Arbeit: Ich war zwei Stunden zu früh da. Denn es ist Freitag. Wir haben einen Kalender. Ich habe einen Stundenplan. Diese Quellenlage hätte mich überfordert.

Ein sehr ärgerlicher Fehler, der nach sofortigem Trost förmlich schrie! Also ging ich in die Stadt, um mich in einem Café mit einem Mandelhörnchen und einem Tee zu befrühstücken und trösten.

Ich lungerte da also glücklich herum und amüsierte mich zufrieden innerlich über mich selbst, als der Vater einer meiner ersten Schülerinnen das Café für eine kurze Pause betrat. Das war großartig! Eine wahnsinnig nette Familie, eine tolle Schülerin. Es war so schön, von ihr zu hören! Was für ein Morgen!

Das Gespräch kam auf “diese Jugend von heute”: Als wir über den Beruf der ehemaligen Schülerin und ihr glückliches Privatleben sprachen, sagte ihr Vater, dass er überhaupt nicht sehen könne, dass die heutige Jugend in irgendeiner Weise besonders problematisch sein sollte. In jeder Generation habe es einen Anteil gegeben, der problematisch gewesen sei, das sei jetzt überhaupt nicht anders.

Ihn zu treffen, von Christina zu hören, ein nettes Gespräch zu führen, sich ungefragt in seiner Meinung bestätigt sehen: Das ist Glück im Kleinen.

Im Grunde bin ich ein sehr organisierter Mensch, sonst hätte ich nichts von dem geschafft, was ich geschafft habe. (Und ich finde, ich bin mit Recht stolz darauf. Dass die Anerkennung von gewissen Kollegen oder Verbänden, Vereinen und Hobbymusikern und Mitläufern fehlt, ist eher deren Arroganz und so weiter zuzuschreiben als meinen vermeintlichen Fehlern.) Aber solche Schusselphasen sind manchmal einfach schön. Mein Ordnungs-Ich schüttelt grinsend den Kopf über meinen inneren Chaoten. Dieses Treffen und das Hören von einer ehemaligen Schülerin war den unnötigen Schrecken am Morgen wert. Dank der Schusseligkeit!

Diese Jugend von heute

ist großartig.

Punkt.

Artikel fertig.

Na gut, hole ich doch noch ein wenig aus:

Als ich Jugendlicher war, wurde uns immer alles Mögliche vorgeworfen: Faulheit, Respektlosigkeit, mangelnde Bildung, Desinteresse, Anspruchsdenken und so weiter und so fort. Von Platon sind bereits solche Vorwürfe überliefert.

Ich konnte das für meine Generation schon nicht einsehen, nicht nur für mich persönlich nicht, sondern für uns allgemein. Von den gut 300 Schülerinnen und Schülern und den Jugendlichen der Orchester könnte ich nicht einmal eine handvoll nennen, mit denen ich echte Probleme hatte. Und nur einen einzigen, der sich unfassbar selbstgefällig, arrogant, unverschämt und offen gesagt asozial verhalten hat. Er wollte den Unterricht bestimmen, die Gruppe kontrollieren, das Geschehen in der Hand haben. Ich bin kein Therapeut und es hilft nichts, in solchen Fällen nach den Ursachen zu suchen. Aber als dann eines Tages seine Mutter sich die Ehre einer gnädigen Visitation gab, war klar, wo seine Einstellung herkam. Es kam nicht allzu selten vor, dass mir immer wieder Leute mehr als deutlich zeigten, dass ich in ihren Augen so eine Art musikalischer Hofnarr bin, den man nicht ernst nehmen muss; Musiker eben. Diese Frau nun zeigte deutlich: Ich bin nur ihr Lakai. Und Musik ist auch kein echtes Studium. Das kann man so. Ihr Sohn sah also nicht ein, wenn ich bestimmte Fingersätze gab, die Haltung korrigierte, fachlich etwas erklärte. Er “wusste” alles besser, eben, weil er es wusste und weil das, was von mir kam, falsch sein musste. Denn wer war ich schon? War ich irgendwann im Fernsehen? War ich berühmt? Kannte mich David Garrett? Nein. Na bitte!

Der einzige Schüler, den ich je aus dem Unterricht warf, war dieser. Als die Mutter zum Beschweren kam, warf ich sie gleich hinterher. Ich hörte, dass er danach keinen Unterricht mehr nahm, denn Mama hat ihm ein Keyboard gekauft. Darauf konnte er dann ganz von selbst ganz ohne Lehrer ganz schnell ganz viele ganz tolle Lieder spielen, meinte die ganz doll stolze Mutter. Schön, ein Instrument zu haben, das einem die Arbeit (und damit den eigentlichen Wert und das eigentliche Vergnügen; aber was weiß so ein Möchtegern-Musiker wie ich schon) abnimmt und wenn die Eltern diese Genialität des Kindes unterstützen.

Ein zweites Kind, das sehr problematisch war, war ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Sehr still, sehr schüchtern. Sie schaute mich nie an. Saß immer eher kauernd am Instrument, übte nur wenig. Ich war als Instrumentallehrer immer darauf bedacht, den Unterricht sehr transparent zu halten und nicht mit Schülern irgendwie in einen stillen Unterrichtsraum zu verschwinden. Ich habe auch weitestgehend vermieden, Schüler durch Berührungen zu führen oder auf diese Weise Haltungen zu korrigieren. Dies zu tun, kann effektiv sein, aber ich beschränkte das, so weit es eben ging. Wenn ich Schüler berührte, fragte ich vorher, ob ich beispielsweise das Handgelenk anfassen dürfe, um etwas zu zeigen, und wartete die Antwort ab. Bei dieser Schülerin tat ich das gar nicht, gab zur Begrüßung nicht einmal die Hand und hielt auch einen deutlich größeren Abstand zu ihr als üblich und sinnvoll, weil ich nicht wissen konnte, ob nicht sogar irgendein Trauma hinter ihrem auffälligen Verhalten steckte. Sie kam aber treu und schien, sich im Unterricht immer mehr zu entspannen. Irgendwann begann sie auch, von sich zu erzählen und ihr Verhalten normalisierte sich zunehmend.

Eines Tages kam sie plötzlich wieder eigenartig still in meinen Unterricht und erklärte mir nach dem Vorspielen ihrer Hausaufgabe, dass sie den Unterricht bei mir beenden würde und nicht mehr wieder käme. Ich sagte ihr, dass ich das schade fände, und meinte, dass sie das ganz gut mache und Talent habe. Ob sie ein anderes Instrument spielen würde, fragte ich. Sie sagte, sie würde weiter Klavier spielen, aber nicht mehr bei mir. Das fände ich schade, aber es sei richtig, dass sie weiterspiele. Es gebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen und man müsse eben sehen, wer gut zu einem passe. Wo sie denn hin ginge. Sie sagte, sie wisse den Namen nicht. “Eine Frau.” Ihre Eltern hätten sie ausgesucht, weil sie mit den Fortschritten bei mir nicht zufrieden seien (beide spielten kein Instrument). “Ja,” sagte ich: “es kann sein, dass Du bei einer anderen Lehrerin, die besser zu Dir passt, schneller lernst. Wichtig ist nur, dass Du weiter machst!” Ich würde sie sofort aus dem Vertrag ohne Kündigungsfrist entlassen, damit ihre Eltern nicht doppelt zahlen müssten. Jetzt würden wir zum Abschluss noch einmal etwas Musik machen und alles ist in Ordnung. Das Mädchen spielte mit mir unser kleines Duett, schaute mich nicht an und sagte keinen Ton mehr. Ich verabschiedete sie, wünschte ihr alles Gute und nahm den nächsten Schüler in Empfang.

Der neunjährige Junge war gerade etwa 10 Minuten sehr fröhlich in seinem Unterricht und spielte begeistert sein fertig geübtes Stück, als die Tür aufflog und gegen den Heizkörper knallte. Ein mir unbekannter Mann stürmte herein und schrie mich an, was mir denn einfiele und was ich denn mit seiner Tochter angestellt hätte. Völlig erschrocken und entgeistert schaute mich mein Schüler mit großen Augen an. Ich stand auf und fragte den zornroten Mann, wer er sei und wie er dazu käme, meinen Unterricht derart zu stören. Seine Tochter säße weinend im Auto und er wolle wissen, was ich mit ihr angestellt hätte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und es stellte sich heraus, dass er der Vater der gerade verabschiedeten Schülerin war. Ich erklärte ihm ruhig, dass ein Lehrerwechsel kein Problem sei, ich den Vertrag aus Kulanz aufhebe, damit nicht doppelt bezahlt werden müsse und versuchte, das Abschiedsgespräch mit seiner Tochter kurz zu skizzieren. Er unterbrach mich: Dass ich den Vertrag aufheben würde, sei ja wohl das Mindeste und mein Verhalten eine Unverschämtheit und ich pädagogisch ahnungslos. Da war bei mir der Punkt erreicht, mit unmissverständlicher Körpersprache auf ihn zu zu gehen und ihn mit bedrohlich gesengter Stimme langsam und deutlich sprechend aufzufordern, den Unterrichtsraum sofort zu verlassen. Dies tat er und ging laut über mich schimpfend mit triumphierender Körperhaltung breitbeinig die Straße entlang.

Ein dritter Schüler im Erstklässleralter fällt mir noch ein, der keinerlei Lust auf Musik hatte. Er war in einem Gruppenunterricht angemeldet, weil die Eltern dies aus Kostengründen so gewählt hatten. Jede Unterrichtsstunde begann mit einer Auseinandersetzung zwischen ihm un seiner Mutter. Meistens waren sie schon zankend von Weitem zu hören, wenn sie sich dem Unterrichtsraum näherten. Die anderen Kinder litten darunter, der Unterricht verzögerte sich, mir tat der Junge leid. Wenn er erstmal saß, in der Regel nach etwa 15 Minuten, machte er ganz ordentlich mit und schien auch sich ganz wohl zu fühlen. Er übte sehr zuverlässig – nie. Und jedes Mal gab es vor Unterrichtsbeginn das gleiche Theater. Ich versuchte mit der Mutter ein Gespräch, aber sie kenne ihr Kind als Mutter besser als ich, meinte sie. So etwas lerne man in keinem Studium. Nun, wenn sie meinte.

Eines Tages war die Unterrichtszeit angebrochen, die anderen beiden Schüler waren nicht da (ich habe eine Klassenfahrt in Erinnerung, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), ich saß im Unterrichtsraum und übte für mich, war voll konzentriert und nahm den Lärm auf dem Flur zwar wahr, aber ignorierte ihn. Da wurde die Tür mit Schwung geöffnet, buchstäblich mit der Fußsohle (!) tretend stieß die Mutter den Jungen in den Unterrichtsraum, er kugelte schreiend über den Boden, sie stellte das Akkordeon in den Raum, schloss die Tür und hielt die Klinke von draußen fest, damit der Junge, der sich wieder aufgerappelt hatte, die Tür nicht von innen öffnen konnte. Beste Unterrichtsvoraussetzungen. Dieses Ereignis und das des Mädchens waren die einzigen, die mich daran denken ließen, ernsthafte Schritte gegen Eltern einzuleiten.

Ich führte mit dem Jungen ein Gespräch, in dem ich ihn viel reden ließ. Es gab keine Indizien für irgendeinen Missbrauch. Die Mutter hatte nur eben keine Hand frei. Was soll man da auch machen? In der einen Hand das Akkordeon, in der anderen die Tür, die man ja schnell wieder schließen muss, damit das Kind nicht entwischt, und das Kind muss ja unbedingt zu diesem Akkordeon-Heini! Da muss man das Kind eben mit dem Fuß in den Raum befördern. Ist doch klar! So etwas weiß man als Mutter. So etwas lernt man in keinem Studium.

Ich erklärte der Mutter, dass ein Unterricht für ihren Sohn bei mir nicht mehr infrage komme und entließ sie sofort aus dem Vertrag.

Und das waren sie schon! Mehr echte Problemfälle hatte ich nicht.

Vielmehr hatte ich unfassbar entzückende, talentierte, witzige, fröhliche, liebenswerte, wunderschöne Mädchen und Jungen als Schüler! Über 300! Ist das zu fassen? Sie zu begleiten, während sie heranwachsen, mit ihnen zu musizieren und gemeinsam Konzerte und Auftritte zu gestalten, ihnen auf Freizeiten zuzuhören und etwas zu erzählen, Halt geben, Orientierung: Das war wirklich eine Erfüllung!

Ich war wegen dieser Mädchen und Jungen immer der Meinung, diese Jugend ist klasse. Wurde gerade im letzten Verein, für den ich unterrichtete, nicht so gesehen. Das ließ man den Nachwuchs spüren, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Reife erreichte. In jeder Suppe fand man ein Haar, bei jeder gemeinsamen Probe und jedem gemeinsamen Auftritt wurde “erzogen”. Bis die Mädchen entnervt aufgaben, nachdem viele Tränen geflossen waren. Dabei waren das so großartige, intelligente, liebe, hübsche Mädchen!

Schöne Erinnerungen!

Nun, jetzt bin ich staatlich angestellter Pädagoge für Jugendliche im Alter von 11 bis 16. Mein Kollege unterrichtet gerade zum Thema Musik in Filmen in unserer Lerngruppe, die fast nur aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Dazu bereitete er ein Quiz vor. Die etwa 20 Schüler starke Klasse im Alter von etwa 14 Jahren wurde in vier Gruppen zu fünf bzw. sechs Schülern aufgeteilt und sie bekamen Filmmusik aus Filmen wie “Der Pate”, “Spiel mir das Lied vom Tod”, “James Bond”, “Der weiße Hai”, “Fluch der Karibik”, “Herr der Ringe”, “Indiana Jones” und so weiter zu hören. Etwa 20 Titel aus Filmen von 1960 bis heute.

Wer mag raten, wie viele Titel erkannt wurden? Ich lasse auch ein bisschen Zeit. Zeit läuft ab jetzt…

So: Fertig geschätzt? Und?

Ich löse auf: Alle!

Es wurden nicht nur alle Titel erkannt und richtig zugeordnet, sondern auch von vielen Schülern gleichermaßen! Die meisten Titel wurden erkannt, bevor ein Takt komplett gespielt worden war. Der erste Klang ertönte, einer läutete seine Glocke und rief den Titel. Meistens sogar den englischen Original-Titel.

Ich fragte, woher sie das denn wüssten. Ein Schüler antwortete mit leuchtenden Augen: “Ich liebe (!) alte Filme!”

Diese Jugend von heute ist – normal. Und deshalb großartig.

 

Dienstantritt

Meine plötzliche Ausplanung hat einige Probleme geschaffen, die unglaublich schnell (von wegen “Behörden arbeiten langsam”. Hier alles andere als das!) gelöst worden sind und ich trete morgen dann nach einigen Überbrückungsmaßnahmen an meinem neuen Arbeitsplatz zum Dienst an.

Außerdem war heute unsere Matinee des 1. Akkordeon-Orchesters Winsen (Aller).

Meine Stimmung ist also so: