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Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Nutzlose Auseinandersetzungen

Mir wurde, gelegentlich wird, immer mal vorgeworfen, nicht “durchzugreifen”, nicht “den Hut auf zu haben”, wenn es um Auseinandersetzungen insbesondere in Orchestern geht. Auf der anderen Seite würde ich mich zu sehr in Auseinandersetzungen ergehen, die mir keinen Nutzen bringen. Wie jetzt eben in meinem Mail-Verkehr mit dem Deutschen Harmonika-Verband.

Ich bin mit dem Thema freiberuflicher Musiker durch, brauche den Verband, der mir nichts genutzt hat, nicht und orientiere mich erfolgreich beruflich neu. Es ist also richtig: Das Leben geht weiter und Zurückblicken bringt gar nichts.

Nun, zunächst einmal kann nur “durchgreifen”, wer echte Macht hat. Die habe ich nicht und ich beanspruche sie für mich auch nicht. Denn die Zeit des Pultdespoten ist einfach vorbei. Und das absolut zu recht. Denn Musik ist ein kreativer Prozess und was an Impulsen aus dem Orchester kommt, ist wertvoll. Da sitzen keine Volldeppen dumpf herum, sondern vielmehr versuchen dort Menschen mit Persönlichkeit, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen etwas Schönes zu gestalten. Ein Idiot, der das nicht nutzt. Ich bin, trotz der Tatsache, dass ich mich letztendlich in Jahrzehnten nicht etablieren konnte, froh und glücklich studiert zu haben. Denn dadurch kann ich eine Menge einbringen und bin, um Marius Bazu wieder zu zitieren, ein Musiker mit einem lebendigem Instrument.

Eben: lebendig! Kein Stück Holz, dem man Töne entlockt. Will ich gute Ergebnisse haben, brauche ich eine gelöste, durchlässige Stimmung. Ich brauche Musizieren. Es ist Blödsinn, Spieler dazu bewegen zu wollen, alles absolut exakt zu jedem Zeitpunkt genau so zu machen, wie ich es haben will. Es gibt Richtlinien, Rahmen, Ziele, aber keine Gesetze, und ich bin nicht Scheriff und Richter in einem. Das gleiche Stück unter meiner Leitung mit jeweils anderen Orchestern war in Nuancen unterschiedlich, weil es auch abhängig von den Spielerpersönlichkeiten ist. Das gleiche Stück mit dem selben Orchester zu verschiedenen Gelegenheiten ist ebenso unterschiedlich, weil es ebenso abhängig von persönlichen Seelenzuständen, meinen wie denen des Orchesters, ist. Despotismus nutzt da gar nichts.

Das letzte Mal habe ich einen Pultdespoten vor einigen Jahren beobachten können: Es war eine Generalprobe vor einem großen Gemeinschaftskonzert, meinem wahrscheinlich letzten Konzert mit einem großen Gemeinschaftsorchester, bei dem der Dirigent, nebenberuflich dhv-zertifiziert, ständig nach wenigen Takten unterbrach, Forderungen stellte und unablässig an kleinen Stellen herumfeilte. Wenn ich seinem Dirigieren in irgendeiner Weise hätte entnehmen können, was er da wollte, wäre das ja noch vielleicht einsehbar gewesen. So aber war das einfach nur willkürlich, unvorhersehbar und, ja, despotisch. Ich selbst mag es durchaus auch, bei Generalproben neue Gedanken anzustoßen, bis dahin nicht gekannte Impulse zu geben, und halte das für gesund und hilfreich. Das öffnet einen neuen Zugang zum Stück und schafft eine neue Aufmerksamkeit, auch wenn das immer mal Orchesterspieler nicht einsehen. Das aber ging deutlich darüber hinaus und war viel fundamentaler. So etwas bewältigt oder toleriert nur ein standfestes Orchester; das es ihm nutzt, bezweifele ich.

Als ich sein Verhalten beobachtete, dachte ich darüber nach, warum das Orchester dies mit sich machen ließ. Da spielen viele Dinge eine Rolle, aber vor allem wohl, dass man ein gemeinsames Ziel mit Erfolg verfolgen will und dies nicht durch Auseinandersetzungen mit dem Dirigenten aufs Spiel setzen. Sicher sieht man solch eine Führung auch als “stark” an.

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mir ähnliches auch herausnehmen könnte. Aber das ist eben das Problem: Ich würde mir das herausnehmen (!) müssen. Und das geht nicht. Das verbietet mir der Respekt vor meinem Orchester, den Persönlichkeiten darin und mein menschlicher Anstand. Ich will mir nichts herausnehmen. Ich will zusammenarbeiten. Ich will gemeinsam musizieren. Ich habe die zentrale Führungsrolle, bin mir derer immer voll bewusst und erwarte, dass sie anerkannt wird. Das ist schon eine Menge!

Ich hatte auch schwerwiegende Auseinandersetzungen mit Orchestern, Vorständen, Kollegen und dem Verband, wenn diese Anerkennung der Fachautorität fehlte, und vertrete meine Position durchaus selbstbewusst. Aber letztlich hatte das nur zeitlich begrenzten Erfolg, wenn überhaupt. Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, warum ich um solche Anerkennung immer wieder kämpfen musste. Ein Beispiel mag zeigen, wie die aussehen:

Wegen der aufwändigen Organisation des genannten Gemeinschaftskonzerts wurde im Trubel der Generalprobe aller Klangkörper das Notenpult für den Dirigenten versehentlich abgeräumt und befand sich zu Konzertbeginn nicht mehr auf der Bühne. Vor seinem Auftritt mit seinem Orchester standen besagter Dirigent und ich unsichtbar für das Publikum gemeinsam links im Bühnenhintergrund und beobachteten den Orchesteraufbau. Sein Orchester nahm Platz. Der dhv-zertifizierte Maestro hatte, wie es auch bei dieser Art Kollegen nicht so selten ist, keinen Blick und kein Wort für mich, als ich neben ihm stand. Er rührte sich nicht, als im Saal Ruhe einkehrte. Alles wartete – er bewegte sich nicht. Partituren unter dem linken Arm, rechte Hand in der Hosentasche. Stille. Vereinzeltes Husten im Saal. Ich sah, dass das Pult nicht da stand und fragte ihn, ob er wüsste, wo das ist. Er zuckte nur mit den Schultern und wartete weiter. Niemand kam mit dem Pult auf die Bühne. Also tat ich ohne viel Aufhebens das Notwendige, holte schnell mein eigenes Dirigentenpult, stellte es mit einer beiläufig launigen Bemerkung für das dadurch amüsierte Publikum vor das Orchester und richtete die Höhe ein. Der Kollege wartete, bis ich die Bühne verlassen hatte, zögerte noch etwas, ging dann gruß- und danklos an mir vorbei, holte sich seinen Auftrittsapplaus ab und dirigierte mit großer Geste sein Orchester. Auch nach dem Konzert und auf der anschließenden gemeinsamen Feier hatte er kein Wort für mich übrig und versuchte den Eindruck zu erwecken,  deutlich über meinem Niveau dahinzuschweben.

Meine Mutter las mir am nächsten Tag ziemlich die Leviten: Ich hätte mich für alle klar sichtbar mit dem eilfertigen Aufstellen des Pults ihm deutlich untergeordnet und ich solle endlich mal lernen, mich nicht immer kleiner als andere zu machen. Ich hatte das nicht so gesehen. Ich sah nur, dass das Konzert reibungslos klappen sollte, konnte schnell und funktionierend eingreifen und tat das also. Aber: Sie hatte recht! Denn zumindest der Kollege hat es exakt so gesehen. Ihm ging es eben genau um diese Rangordnung. Ganz sicher ist das auch bei vielen exakt so angekommen.

Gegen diese selbstverschuldete Unterordnung ist nichts mehr zu machen. Das ist gesetzt, bleibt so und keine Diskussion würde das ändern können. Das gilt absolut genau so für die Auseinandersetzung, die ich kürzlich mit dem Verbandsrepräsentanten geführt hatte. Nichts, was ich sage oder schreibe, wird seine eher deutlich abfällige Meinung über mich revidieren können. (Weder seine noch die irgendeines Jurors, der z. B. ernsthaft meinte sagen zu müssen, ich wisse nicht, was Dur und Moll wäre.) Einerseits sieht er sich deutlich über meinem Niveau, und das lässt er deutlich spüren. Andererseits habe ich gerade dadurch, dass ich Geschehnisse von vor einigen Jahren argumentativ heranzog, seine eher negative Meinung über mich nur noch verhärtet. Wäre ich noch interessiert daran, im DHV irgendein Standing zu haben, hätte ich mir aus diesem Grund meine Kritik vielleicht (wahrscheinlich aber wohl doch nicht) auch verkniffen.

Das Problem ist einfach, dass meine Kritik ja nun einmal mit diesen Ereignissen begründbar ist. Es sind eben echte, tiefgreifende Folgen, die meine berufliche Existenz fundamental betrafen, entstanden. Wenn er mir dann schreibt, er hätte gehofft, dass ich darüber einen Abschluss gefunden hätte, wischt das mit gönnerhafter Geste herablassend die Folgenschwere vom Tisch und zeigt dabei deutlich, dass meine berufliche Existenz als Orchesterleiter und Musiker in seinen Augen nicht ernst zu nehmen ist. Für ihn bin ich einer von den vielen Hobby-Trullies, die Dirigent und Komponist spielen wollen.

Es dürfte jetzt etwa dreißig Jahre her sein, da wurde dieser Kollege als Newcomer von der Verbandszeitschrift in der Rubrik “Komponisten für das Akkordeon” (oder so ähnlich) interviewt. In dem Artikel wurde er gefragt, ob er denn für die Orchesterleiter, die seine Stücke spielen lassen würden, Hinweise zur Interpretation hätte. Er antwortete darauf lachend, wie der Interviewer bemerkte, dass man bei der Qualität der Dirigenten von Akkordeon-Orchestern froh sein könne, wenn sie den Notentext erfüllen würden. Damit wäre schon viel erreicht.

Vollprofis wie er, dhv-zertifizierte Dirigenten wie aus dem obigen Beispiel und Hobby-Dirigenten und Lehrer ohne jedwede Qualifikation ergehen sich in einer Selbstherrlichkeit, die nichts und niemanden neben sich duldet. Wer sich davon nicht erdrücken lässt, dem werden nach Möglichkeit alle möglichen Stöcke zwischen die Beine geworfen. Dabei geht es aber nicht um den jeweiligen Gegner! Es geht vielmehr nur um die eigene Großartigkeit.

Ich weiß deshalb, dass Ärger über mich nur wenig mit mir zu tun hat. Ich kann nichts daran machen, dass sich mal jemand über mich ärgert. Ich kann auch nichts dafür tun, dass sich diese Person nicht mehr ärgert. Wer seinem Ärger Luft macht, tut das begründet. Man hat nämlich immer einen Grund für jedes Verhalten. Diese Gründe müssen nicht sachlich sondern können rein emotional sein und es kann nicht meine Aufgabe sein, diese Gründe herauszuarbeiten oder zu erkennen und schon gar nicht, an ihnen zu arbeiten. Ich kann nur in der Sache abwägen. Diese Abwägungen haben mich aus der Akkordeon-Szene hinaus getrieben. Wäre ich geblieben, wäre ich zugrunde gegangen. Buchstäblich. Der Szene ist das so egal, wie ihr mein Dazugehören egal war. Deshalb ist es auch egal, wenn ich gewissen Platzhirschen solche Texte schreibe. Es wäre auch egal, wenn ich das nicht täte. Denn es ist denen wirklich vollkommen egal.

Wenn es aber egal ist, kann ich es ja auch machen. Ich trage eben Hut.

Ich kann nur mein Bestes geben. Und das tue ich immer. Wer sich an mir stört, dem kann ich ehrlich nichts bieten, was ihn fröhlicher stimmen könnte.

ad infinitum

Der Verband hat auf meine Antwort zum Wettbewerb reagiert: Ich erhielt eine sehr freundliche, etwas bestürzte und offene erste Reaktion mit der Erklärung, meine Mail an andere Stellen weiterzuleiten. Wir wünschten einander eine schöne Adventszeit, grüßten herzlich, ich habe mich über diese Reaktion ehrlich gefreut und für mich wäre es damit erledigt gewesen.

Wäre.

Dann erhielt ich heute die Mail eines führenden Kollegen des Verbandes (nach dem Ton nicht nur dieser Mail zu urteilen ist ziemlich klar, dass er mich nicht auf seiner Augenhöhe sieht, um es mal vorsichtig auszudrücken). Die veröffentliche ich natürlich nicht! Ich gebe auch keinerlei Hinweis auf seine Identität. Aber meine Antwort veröffentliche ich:

Sehr geehrter Herr XY,

wenn Sie gelesen haben, dass ich länger krank war, haben sie falsch gelesen: Ich musste nach den Auseinandersetzungen im Langenhagener Akkordeon-Club mit lebensgefährdendem stressbedingtem Krankheitsbild in das Krankenhaus, wurde dort behandelt und habe mich schnell wieder erholt. Aber ich danke für die guten Wünsche.

Ich könnte jetzt ohne Schwierigkeiten mit Namensnennung Beispiele von “Fehlverhalten” bringen: Sie würden dabei bleiben, dass das Einzelfälle wären und das nicht dem DHV anzulasten wäre. Nur besteht der DHV aus Einzelnen. Juroren, die mir nach Wettbewerbsbeiträgen wörtlich erklären, ich wüsste nicht, was Dur und Moll wäre, oder ich solle mal einen C1 Lehrgang besuchen, damit ich dirigieren lerne, oder man könne, als ich mit einem Kinderorchester spielte, mit zweichörigen Schüler-Akkordeons einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen”, was ich versäumt hätte (drei Beispiele dreier Wettbewerbsbesuche), sind ebenso grenzwertig.

Mir ist klar, dass Sie gehofft hatten, dass das Kapitel für mich “abgeschlossen” wäre. War es auch: Die Hälfte des Orchesters bei dem Wettbewerb bestand aus meinen Schülern, die danach die Orchestermitgliedschaft kündigten und ich habe nach turbulenten, arbeitsintensiven, streitvollen und krankmachenden Jahren im Anschluss an diese Teilnahme das Engagement nach gut 10 Jahren verloren, weil man nun den Beleg hatte, dass ich nichts könne bzw. “ausgebrannt” wäre. Das kann man durchaus als “Abschluss” bezeichnen; vielen Dank. Und jetzt lassen Sie mich raten: Sie kommen mit dem Argument, dass das auch andere Gründe haben müsse, oder ähnlichem. Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.

Mir den Wunsch anzubieten, nicht weiter eingeladen zu werden, zeigt deutlich, dass Sie nicht verstehen wollen, worum es geht. Diesen Eindruck habe ich nicht das erste Mal: Als ich offenbar am Ende vergeblich versuchte, für ein besonderes Festival-Ereignis des NDR in Niedersachsen Aufmerksamkeit beim DHV zu erzeugen und Ihnen den Link als Information schickte, bewerteten Sie unaufgefordert am Sinn der Veranstaltung und des Stücks vorbei die vermeintliche Qualität meines Arrangements und kritisierten den Sinn des Werkes. Dabei war das Werk genau so anzulegen, denn exakt das, was ich da getan hatte, war meine Aufgabe, um Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, der jüngste Teilnehmer des Auftritts war erst neun Jahre, Musik von Sofia Gubaidulina auf Orchester-Ebene erfahrbar zu machen. Ich finde, ich habe da etwas sehr Wertvolles in Zusammenarbeit mit Elsbeth Moser und den Solisten für den DHV hinsichtlich der Laienmusik geleistet! Unbemerkt vom DHV. Aber Ihnen war wichtiger, mir unbedingt klar zu machen, dass ich kein ernst zu nehmender Komponist oder Arrangeur sei.

Sie selbst erklärten mir, dass, wenn ich im DHV Erfolg haben wolle, ich einen Mentoren bräuchte. Wertvoller Hinweis. Wir beide sind exakt gleich alt. Suchen Sie noch als jugendlicher Newcomer Mentoren? Ich kann das nicht und konnte das nicht, denn ich hatte einen ziemlich steinigen und langen Weg bis zum Diplom. Aber Hamburg ist eben irgendwie nicht Trossingen, nicht wahr?

Es geht nicht darum, dass ich nicht zu Wettbewerben eingeladen werden möchte; Sie lassen meine Aussagen schon sehr routiniert abperlen, Kompliment! Wettbewerbe haben für mich nur eben keinen beruflichen Sinn mehr. Ich hatte sie für sinnvoll gehalten, um Orchester und Orchesterspieler aufzubauen, Gemeinschaft zu kreieren, Klangkörper zu formen undnatürlich als Werbung für mein berufliches Angebot. Das war ein schwerer Fehler! Sie haben mir geschadet und waren ein wesentlicher Grund, warum ich den Beruf aufgeben musste.

Ich kann den Beruf also nicht mehr ausüben. Da allerdings haben mir der DHV und die Wettbewerbs-Juroren sehr geholfen…

Ich habe vor diesem Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten, die guten Wünsche als solche ernst zu nehmen. Das ist in meinen Augen verbandspolitisches Gerede ohne Inhalt. Tut mir leid. Ich kann da nach 43 Jahren im DHV keine Substanz mehr erkennen.

Klingt verbittert? Gut erkannt. Aber sagen Sie nicht, ich wäre der erste, dem das so ginge! Wir wissen alle um die grandios an die Wand gefahrenen Existenzen in der Akkordeon-Szene, oder?

Ich erwarte nichts mehr vom DHV und arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und nicht mehr als Instrumentallehrer und Orchesterleiter; wir können es also dabei belassen.

Alles Gute

Dietmar Steinhaus

Nicht mehr für mich

Vorgestern erhielt ich die Ausschreibung des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV) zu einem Wettbewerb insbesondere für jugendliche Schüler. Allein schon aufgrund meiner Betriebseinstellung bin ich nicht der Richtige für eine Teilnahme. Aber auch grundsätzlich sehe ich in Wettbewerben für mich keinen Sinn mehr.

Ich habe kein Problem damit, Themen ruhen zu lassen. Aber wenn man mich anschreibt, dann antworte ich. Das sieht dann so aus:

Sehr geehrte Frau S.,

bei meinem letzten Mitwirken auf dem Internationalen Akkordeon-Festival in Innsbruck mit drei von mir geleiteten Jugend- und Erwachsenen-Orchestern wurden eines meiner Orchester (Akkordeon-Club Langenhagen) und ich mit 13 von 50 Punkten so desaströs bewertet, dass ich kurze Zeit darauf die Arbeit für den Club trotz über zehn Jahren Tätigkeit dort wegen des irreparablen Vertrauensverlusts und durch dieses Wettbewerbsergebnis entfachten Machtkampfes einstellen musste und mit lebensgefährlichen Folgen im Krankenhaus landete. Im Ergebnis habe ich schließlich meinen Beruf als Orchesterleiter und Instrumentallehrer insgesamt nach gut zwei Jahrzehnten, in denen ich weit mehr als 300 Schüler im freien Beruf als selbständiger Unternehmer vor allem am Akkordeon unterrichtete, aufgeben müssen.

Ich arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und leite nur noch ein einziges Erwachsenen-Orchester auf Oberstufen-Niveau. Aufgrund der Erfahrungen im DHV auf jeder Ebene und insbesondere den meine Arbeit herabwürdigenden Aussagen der Kollegen auf Bundesebene habe ich keinerlei Interesse mehr, erneut an Wettbewerben des DHV teilzunehmen. Keine meiner Teilnahmen, auch wenn die Bewertungen gelegentlich zufriedenstellend waren, haben einen positiven Effekt auf meine Orchester, die Vereine oder meine Arbeit und mein Standing als Orchesterleiter im DHV gehabt. Die Wettbewerbe verursachten immer (!) vorher und nachher störende Auseinandersetzungen zwischen Spielern und heftige Attacken gegen meine Position von Laien, die sich für qualifizierter hielten.

Der Vorstand meines mir verbliebenen Vereins erwägt zukünftige Wettbewerbsteilnahmen. Ich habe davon abgeraten, würde aber mitwirken, wenn das beschlossen werden würde. Weil ich keine Instrumentalschüler mehr unterrichte und deshalb auch keine Jugend-Orchester oder -Ensembles mehr leite, bin ich jedenfalls der falsche Adressat für diese Ausschreibung.

Ich habe nicht mehr die Notwendigkeit, weil ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, und auch nicht mehr den Wunsch, mich in der Akkordeon-Szene und insbesondere dem DHV zu positionieren und etablieren. Ich erhalte schon lange nicht einmal Ehrungen für die Mitgliedschaft allein oder etwa die jahrzehntelange Orchesterleitung im DHV für verschiedene Vereine und sehe auch deshalb keine Veranlassung, mich in irgendeiner Weise einzubringen. Insbesondere auch, weil mir klar signalisiert worden ist, dass ich nicht damit rechnen dürfe, je eine Platzierung zu erreichen, die preiswürdig wäre. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich nicht Akkordeon und Orchesterleitung studiert habe, um auf Wettbewerben die Plätze unterhalb der üblichen Preisträger auszufüllen. Außerdem ist mir das schöne und herzliche Klima in meinem letzten Orchester viel zu wertvoll, um es wie mit dem Langenhagener Club für einen Wettbewerb aufs Spiel zu setzen.

Der DHV hat mir zu keiner Zeit als Diplom-Musiklehrer und Orchesterleiter für Akkordeon-Orchester in irgendeiner Weise geholfen, genutzt oder irgendeine Unterstützung geboten. Auf Landesebene wurde ich für kurze Zeit etwas bemerkt, aber auch das endete mit dem unfassbaren Bewertungsergebnis des Wettbewerbes. Vielmehr habe ich erlebt, dass sich ständig Hobby-Musiker zu “Dirigenten” aufschwangen oder den Unterricht übernahmen, während ich als studierter Berufsmusiker um meine Existenz und die meiner Familie ringen musste. Sogar heute noch sitzen gelegentlich dhv-zertifizierte Hobby-Dirigenten in den wenigen Konzerten, die ich noch dirigieren darf, um sich merklich während der Aufführungen über mich lustig zu machen; das ist weder Übertreibung noch irgendein Scherz. Dies und die fehlende Kollegialität unter Profis kann für mich nur bedeuten, mich auf meine Arbeit mit meinem letzten Orchester zurückzuziehen und alles andere zu ignorieren.

Mir ist vollkommen klar, dass dieses lange Statement nichts bewirken wird und das auch nicht kann, denn schließlich ist es für mich ja nun buchstäblich zu spät. Aber mir war es ein Bedürfnis, mit meiner durch Erfahrung gewonnenen Einstellung zum DHV und der Akkordeon-Szene nicht hinter dem Berg zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar Steinhaus