Archiv der Kategorie: Scheitern im freien Beruf

Einzelhaft am Instrument

Das Wichtigste vorweg: Das fehlende Teilchen ist jetzt da, denn letzte Woche wurde mir von meinem Dienststellenleiter bestätigt, dass mein Zeitvertrag in eine Festanstellung übergehen wird! Seit ich an dieser Dienststelle arbeite, führe ich ein normales, gesundes, entspanntes, hobbit-gleich geruhsames Leben. Eine ganz neue Erfahrung. Ich gehe pünktlich zur Arbeit, gehe pünktlich nach Hause. Niemand spielt mit mir irgendwelche Machtspielchen. Ich habe ein klares Aufgabengebiet und kann meine Kompetenzen frei einsetzen. Die Kollegen sind offen, freundlich, sachorientiert und angenehm albern. Meine Aufgaben sind spannend.

Habe ich Grund zur Klage? Nein. Bin ich froh über die Situation? Und wie!

Ich lebe anders. Bis 2018 war mein Leben von unbedingter Zielstrebigkeit bestimmt. Carl Czerny prägte den Begriff der “Einzelhaft am Klavier”, der auf jedes Instrument, das man ernsthaft studiert, übertragen werden kann. Wenn man nicht angemessen üben kann, rächt sich das bitter. Übt man angemessen, muss man verzichten. Man muss sich der Musik voll und ganz widmen. Aber das ist nur die Grundbedingung für eine minimale Erfolgsaussicht.

Seit mehreren Monaten, länger als je zuvor in meinem Leben, mache ich freiwillig Gefängnisurlaub vom Instrument. Ich arbeite normal, mache täglich Sport, pflanze und säe, lese, koche mit Genuss und schaue Filme, schreibe hier ein bisschen. Vorgestern war ich zur letzten Kontrolle bei meiner wunderbaren Hausärztin, der ich buchstäblich mein Leben verdanke: Es ist alles wieder im Lot, ich habe mich vollständig erholt. Sie fragte, wie es mir ginge. “Klingt vielleicht wie ein Klischee, aber mir geht es von Tag zu Tag besser”, antwortete ich. So fühle ich mich gerade. Dieses ausgedehnte Gefühl des Nicht-getrieben-Seins hatte ich zuletzt in meiner Kindheit. Die Aufgaben, die mir zufallen, nehme ich an und erfülle sie mit Gelassenheit. Zu mehr dränge und zwinge ich mich nicht mehr. Und das tut mir gut. Das habe ich mir verdient.

Ich bin aus den Knochenmühlen raus, in denen ich in den Vereinen und Verbänden und nach der Betriebsaufgabe in der alten Dienstelle steckte. Je weiter ich mich davon entferne, desto klarer wird mir, wie zerstörerisch, zynisch und rücksichtslos mein Idealismus ausgenutzt wurde, der mich in die vollständige Selbstausbeutung trieb. Das Problem ist, dass von diesem selbstausbeuterischen Idealismus die gesamte Musikszene lebt.

Meine Ärztin ist eine richtige Ärztin. Ohne Alternativ-Hokuspokus, mit echter Medizin. “Ich hatte ernste Sorge, dass das organisch vielleicht noch nicht alles war. Aber jetzt sieht es ja doch danach aus. Das ist sehr schön!” sagte meine Ärztin und fragte, ob ich jetzt vernünftiger leben würde. “Naja,” antwortete ich, “ich arbeite jetzt bei einem tollen Arbeitgeber und bin aus der Knochenmühle raus. Das ist kein Vergleich zum Druck und Stress, den ich vorher ständig hatte.” – “Was haben sie denn vorher gemacht?” Wir haben nie, obwohl sie jetzt schon viele Jahre die Ärztin meines Vertrauens ist, über meinen Beruf gesprochen. “Ich habe Musik studiert, habe als Selbständiger für Vereine unterrichtet und dirigiert und zuletzt eine eigene kleine Musikschule betrieben.” – “Die Situation der Musikschaffenden ist so schlimm geworden! Ich spiele auch Klavier und habe es immer geliebt, quasi “autistisch” am Instrument zu sitzen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Musik zu studieren. Aber wenn man das dann sieht! Wer das macht, steckt so viel Arbeit da rein! Und bekommt doch keine Wertschätzung, und niemand ist bereit, angemessen zu bezahlen. Dabei ist Musik so wichtig! Die Arbeit ist so wertvoll!” Ich hätte sie dafür gerne umarmt. Sie sprach mir aus dem Herzen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video des großartigen Daniel Barenboim gesehen. Er beantwortete die Frage eines jungen Menschen, ob er Musik studieren solle und ob Barenboim ihm zum Studium raten würde. Ich bewundere Barenboim aufrichtig. Aber seine Antwort halte ich für schlichtweg verantwortungslos. Irgendwann werde ich sie hier mal darstellen.

Der Kuchen ist kleiner geworden, um die letzten Krümel wird bis aufs Messer gekämpft. In der Akkordeon-Szene herrscht eine unerträgliche Ellenbogen-raus-Geiz-ist-geil-Hier-komm´-ich-Mentalität von Profis wie von Laien. Wer sich zum Dirigenten “berufen” fühlt, kann sich vor ein Orchester stellen, das das zulässt, und – schwupps – ist man “Dirigent”. Die Verbände bedienen die, die dazu gehören, weil sie die richtigen Lehrgänge bei den richtigen Leuten gemacht oder an den richtigen Instituten studiert haben. Wer das nicht hat, kriegt das zu spüren.

Deshalb wollte mich der Vorstand des Langenhagener Vereins dazu vergattern, dass ich die Lehrgänge von D bis C mache. Ich habe studiert, ich habe ein Diplom, ich könnte auf Lehrgängen den Stoff unterrichten und unterrichtete ihn ja auch im – Unterricht! Dafür ist der ja da. Aber nein: Ich sollte zu den Lehrgängen fahren, “Das bezahlen wir dir auch!”, und bei meinen Kollegen Notenwerte und Dirigieren lernen! Ich sollte trotz sehr erfolgreich abgeschlossenen Studiums und inzwischen einen Jahrzehnts an Erfahrung als Dirigent statt zu üben, zu arrangieren und komponieren noch einmal Zeit aufwenden, um Lehrgänge zu besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß, dass ich mich wiederhole)! Ich bin zu Meisterkursen gefahren, um Impulse zu erhalten. Aber ich sollte zusätzlich noch Lehrgänge besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß…)! Ein Vorstandsmitglied war meine geringfügig beschäftigt Angestellte. Sie stellte diese Forderung an mich auch. Sie selbst brach nach zwei D-Lehrgängen (den Basis-Lehrgängen, vor denen sie massiv Angst hatte, sie nicht zu bestehen!) ihre “Qualifikation” ab, weil ihr das nichts brächte, sagte sie. Ich hatte aber studiert! Und ich sollte – auch nach ihrer Meinung – zu meiner Qualifikation Lehrgänge für Laien besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (…)!Mit anderen Worten: Mein Diplom ist nichts wert. Sieht gut aus, liest sich nett als Werbung, reicht aber nicht, Dietmar! Es zählen die Lehrgänge, die dafür konzipiert worden sind, Laien etwas zu qualifizieren.

Bei meinem ersten Wettbewerb für den Langenhagener Verein stand dann auch ein Verbandsfunktionär während des Jurorengesprächs (in dem man mir erklärte, ich wisse offenbar nicht, was Dur und Moll wären, und dass man mit zweichörigen Kinderinstrumenten einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen” könne) hinter der Jury und sprach mich an: “Der DHV bietet Lehrgänge an, wenn sie dirigieren lernen wollen!” – “Ich habe an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Orchesterleitung belegt.” – “Oh!” – “Ich habe sogar als Jahrgangsbester mit 1,0 abgeschlossen.” Er entschuldigte sich und zog sich zurück. Unglaublich, aber wahr, dies ist exakt der Dialog, der da stattfand. Als wir uns Jahre später das letzte Mal sahen, wenige Wochen nach meiner vollständigen Vernichtung bei meiner letzten Wettbewerbsteilnahme, sah ich ihm an, dass er mit sich rang, mich anzusprechen. Er ist kein schlechter Mensch, und ich bin sicher, er wollte mir etwas Ermutigendes oder Freundliches sagen. Aber mir war da schon klar, dass meine Zeit im Langenhagener Verein abgelaufen und mein Name verbrannt sein würde, und so ging ich nicht auf ihn zu, um ihm den Kontakt zu erleichtern. An der Wand stehend blickte er ständig zu mir und machte immer wieder mal einen Schritt in meine Richtung, rang sich aber schließlich nicht durch.

Einer meiner Konkurrenten kam nach dem Wettbewerb, der der Jury meine Unkenntnis von Dur und Moll enthüllte, auf mich zu: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst Erster oder ich! Das war wirklich toll!” Glücklicherweise war ich von seinem Beitrag gleichfalls sehr beeindruckt und sagte das aufrichtig. – Ich wurde Letzter. Zum zweiten Mal bei meiner zweiten Teilnahme bei diesen Wettbewerben. Er schaute mich bei der Ergebnis-Verkündung erschüttert an, wurde aber schnell durch seinen ersten Platz getröstet.

Als ich, für kurze Zeit, denn dann bot sich die Gelegenheit für eine Hobby-Dirigentin, die sich gerne als führende Künstlerin geriert, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sodass ich nicht wieder diese Funktion bekam, Bezirksvorsitzender des Verbandes war, sah ich es als meine Aufgabe an, den Verband gegenüber den Vereinen zu repräsentieren und möglichst viele Konzerte zu besuchen. Es ist mehrfach passiert, dass ich von alten Vorstandsmitgliedern angesprochen und dafür gelobt worden bin, dass ich der erste Verbandsvertreter in der teilweise langen Geschichte der Vereine gewesen sei, der Konzerte persönlich besucht hat. Ich fragte aktiv in den Vereinen nach zu ehrenden Mitgliedern, anstelle auf Vereinsmeldungen zu warten, weil ich es für wichtig hielt, dass der Verband sein Interesse nicht nur bekundet, sondern tätig zeigt und lebt. Sehr gerne sprang ich auch für andere Bezirksvorsitzende ein, wenn sie verhindert waren. Die Ehrungen versuchte ich freundlich und fröhlich mit persönlichen Worten zu gestalten und kaufte immer, auf meine Kosten, denn im Verband waren dafür keine Mittel vorgesehen, Blumen für die zu Ehrenden.

Für jeden Verein, für jede Ehrung schaute ich mir vorher den Verein und verfügbare Infos über die Personen an. Als ich beispielsweise eine zeitlich verhinderte Bezirksvorsitzende bei einer Ehrung vertrat, begann ich meine Ehrung nach meiner Begrüßung mit den Worten: “Ich habe mich immer gefragt, warum dieses Orchester so erfolgreich ist: Es sind tolle Musiker an den Instrumenten! Aber dieser Dirigent: Der ist richtig gut!” Ihn hat das vollkommen überrascht, er sich sehr gefreut. Vor allem: Ich meinte das ehrlich. Ich bekam nach den Ehrungen Applaus, alle waren gelöster Stimmung, das Konzert war unterhaltsam und qualitätvoll. Der Dirigent sprach mit mir nach dem Konzert einige Zeit, ich kam mit zur Nachfeier. So soll es sein, mir gefiel das.

Als ich einen Dirigenten ermittelt hatte, der mehrere Jahrzehnte Orchester geleitet hatte, sprach ich mit jemandem aus dem Vorstand, damit die entsprechende Ehrung durchgeführt werde. Wir vereinbarten, dass wir den Dirigenten auf dem Konzert damit überraschen wollten. Der Vorstand bedankte sich bei mir, weil ihm selbst das möglicherweise durch die Lappen gegangen wäre. Alles lief wie geplant. Das Konzert erreichte den vereinbarten Zeitpunkt, der Moderator erklärte, es sei ein Vertreter des Verbandes anwesend, dem er jetzt das Mikrofon überreiche. Ich ging auf die Bühne, begrüßte kurz im Namen des Verbandes, sagte, dass ich das Konzert sehr genieße und lobte Qualität und Spielfreude. Dann erklärte ich (so steht es stichpunktartig in meinen Notizen, die mir beim finalen Aufräumen in die Hände gefallen sind): “Wenn der Verband ehrt, ehrt er für die in dieser Funktion geleisteten Jahre. Ich möchte diese Ehrung aber noch etwas weiter gefasst verstanden sehen: Ich darf hier heute einen Dirigenten ehren, der Wertvolles für die Akkordeon-Szene geleistet hat und einige großartige Wettbewerbserfolge vorweisen kann.” Dann sagte ich noch ein wenig Konkretes lobend über die Stücke und die Interpretation des Abends, was ich inzwischen vergessen habe. Lob, Lob, Lob und höchste Anerkennung.

Der Dirigent nimmt die Ehrung entgegen, freut sich sichtlich, ich verlasse die Bühne. Als ich auf meinem Platz sitze und mich über die gelungene Überraschung und die dem Dirigenten bereitete Freude freue, greift er zum Mikrofon: “Vielen Dank für die Ehrung! Ich denke gerne an die Wettbewerbe und an die hervorragenden Platzierungen. Da musst du erst mal noch hinkommen, Dietmar!” Mir sackt das Blut aus dem Kopf.

Applaus gab es dafür nicht, irgendeine andere Reaktion des Publikums habe ich nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es hätte betretene Stille gegeben. Aber ich war zu getroffen, um irgend etwas zu realisieren. Kurz darauf startete ich meine letzte Wettbewerbsteilnahme mit tollem Ergebnis für mein Winser Orchester, hoch erfreulichem für mein heute so sehr von mir vermisstes Jugendorchester und absolut vernichtendem letzten Platz für mein Langenhagener Orchester und zum dritten mal letzten Platz für mich. Präludium zum Ende meiner Geschichte als Musiker. Ich werde da also nicht mehr “hinkommen”. Freut den Dirigenten-Kollegen sicher. Und nicht nur den.

Die Musik-Szene insgesamt lebt von der Selbstausbeutung der Profis, die nicht mehr von diesem Beruf leben können. Auf den mageren Markt, der den Begriff Markt nicht mehr verdient, drängen osteuropäische und asiatische junge Künstler, am Instrument ausgezeichnet befähigt, nur um nach kurzer Zeit zu sehen, dass es den Markt nicht gibt. Legal kann man sich kaum halten. Und so versuchen dann beispielsweise russische Konzertsolisten ohne pädagogische Ausbildung quer einsteigend in den Schuldienst zu gelangen.

Die Großkotze haben gewonnen. Ausbaden muss es die Gesellschaft von heute und der Zukunft.

Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Musiklehrer: brotlose Kunst

Ich habe bei der Rheinischen Post einen Kommentar abgesetzt und darüber hier berichtet. Es gab vor einiger Zeit eine Reaktion darauf, die ich zunächst so stehen lassen wollte. Nach einigem Überlegen, denke ich aber doch, es ist richtig, darauf zu reagieren. Hier der Kommentar eines Kollegen und meine Antwort darauf:

  • Hallo,
    im letzten Jahr habe ich nach 25 Jahren Unterrichtstätigkeit im Fach Gitarre das arbeiten aufgehört. Nicht, weil es keinen Spaß oder keine Geld gebracht hatte, sondern aus Altersgründen und weil meine Frau und ich etwas Reisen möchten.

    Es war eine sehr spannende und lehrreiche gute Zeit. Ich täte es wieder so tun. Als reiner Autoditakt habe ich es sogar bis zur staatl. Anerkennung zum Musiklehrer geschafft.
    Zugegeben, es war nicht immer leicht, aber der Spaß ging nie weg. Und mit Menschen arbeiten hat mir unheimlich viel gebracht.
    Angefangen hatte ich mit an der VHS mit geben von Gitarrenkursen. Von Anfangs einem, hatte ich später dann 10 und mehr. Meine Abende waren die ganze Woche gefüllt.
    So lernte ich mit vielen Situationen umgehen. Auch bin ich zu Schülern anfangs hin gefahren und habe Hausbesuche gemacht. Das ist zwar stressig gewesen, hat mir aber einen guten Ruf eingebracht.
    Nach ein paar Jahren wurde es dann zum Selbstläufer und ich bin in einer privaten Musikschule untergekommen.
    Nebenbei hatte ich noch meine eigenen Kompositionen mit einem Trio Deutschlandweit aufgeführt.
    Es ist keine brotlose Kunst, aber man muss sich bewegen. Dran bleiben. Weiter entwickeln und bilden. Meiner Persönlichkeit hat das gut getan und ich habe sehr viele schöne Beziehungen dadurch bekommen.
    Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Ferien im Jahr. Was will man mehr?

    Habt Mut. Seit fleißig und glaubt an euch selbst.

    MfG

    Peter Jäger
    www.flowermusic.d

  • Sehr geehrter Herr Jäger, ich habe einige Zeit überlegt, ob ich diese Antwort nicht einfach stehen lassen sollte. Aber für alle, die die Widersprüchlichkeit in der Argumentation nicht sehen, will ich sie doch mal herausstellen:

    Sie sagen, dass Sie 25 in dem Beruf gearbeitet haben und jetzt im Ruhestand sind. Zunächst einmal gratuliere ich zu Ihrem Erfolg. Der Punkt ist aber, dass gerade in den letzten Jahren insbesondere die Einkommens-Situation für freiberufliche (damit meine ich nicht unqualifizierte) Musiklehrer eingebrochen ist. Nahezu niemand mehr ist in der Lage, von diesem Beruf auskömmlich zu leben. Es ist nicht einmal mehr möglich, den Inflationsausgleich bei den Schülern durchzusetzen.

    Sie stellen heraus, dass der Beruf Ihnen immer Spaß gemacht und viel gebracht hätte. Geht mir genauso. Das ist aber kein Argument dagegen, dass man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

    Schön, dass Sie eine eigene Komposition aufgeführt haben. Ich habe mehrere Orchesterwerke komponiert und arrangiert, aufgeführt und einige Kompositionen und Arrangements von mir wurden sogar von anderen Orchestern aufgeführt. Und jetzt? Verdienen kann man daran nichts.

    Geradezu lächerlich wird es, als sie sagen: „Man muss sich bewegen … Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Urlaub im Jahr.“ Da gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Sie lügen. Denn niemand, der nicht an der absoluten Spitze der Pyramide steht, hat einen Verdienst, der „nicht schlecht“ ist. Im Durchschnitt verdient man in unserem Beruf etwa 13.000 € im Jahr. Brutto! Die breite Basis verdient weit weniger und muss nach wenigen Jahren aufgeben. Wenn sie nicht finanziell und gesundheitlich daran zugrunde geht. Weil ich recht erfolgreich war, lag mein Einkommen gut doppelt so hoch. Aber wie gesagt: brutto! Als Selbständiger. Wer nicht versteht, dass das nicht geht, versteht nichts von Selbständigkeit oder begeht aktiv Steuer- und Versicherungsbetrug.

    2. Sie unterschlagen, dass man zusätzlich zum eigentlichen Beruf irgendwelche Einkommensquellen schaffen muss. Das heißt, in weiteren Jobs arbeiten.

    Zudem sind die „13 Wochen Urlaub“ keineswegs Urlaub, wenn man den Beruf ernsthaft ausübt. Das sollten Sie wissen! Wenn man nicht selbst ständig übt, brechen die instrumentalen Fähigkeiten ein. Man hat Unterrichte oder Konzerte zu planen oder durchzuführen oder schreibt an seinen Stücken. Urlaub ist etwas anderes. Wenn man den Beruf ernst nimmt.

    Mut, Fleiß und Glaube an sich selbst sind hohle Phrasen geworden, die in Mutmach-Videos und Coming-of-age-Filmchen herumgeworfen werden. Es ist aber keine Frage der Selbstmotivation und auch keine, dass es haufenweise talentierte junge Leute gibt. Die Frage ist, ob man von diesem Beruf noch leben kann. Die Antwort ist klar: Nein.

Stärke in der Krise

Wer hier liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich von den musikalischen Dachverbänden enttäuscht bin und von den Akkordeon-Dachverbänden sogar mehr als das.

Aber Lob muss sein, wenn es geboten ist: In der derzeitigen Krise zeigen der Deutsche Harmonika-Verband (DHV) und der Landesmusikrat Niedersachsen (LMR) schnelles und sachgerechtes Handeln. Ich nehme beiden nicht übel, dass sie mich unter diesen Umständen weiter anschreiben, obwohl ich mehrfach erklärte, nicht mehr als Musiklehrer/Musiker/Arrangeur oder ähnliches aktiv zu sein. Das ist eine Lächerlichkeit angesichts der Lage.

Der LMR hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um Orientierung über ihre Situation zu bekommen. Die ist desaströs: Der weit größte Teil, nahe 90 %, arbeitet als Solo-Musiker und ist auf individuelles und direkt erzieltes Einkommen angewiesen. Ich war einer von diesen Kollegen. Jetzt stehen sie vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz.

Über die Hilfen, die es gibt, informierten beide Verbände zügig, umfassend, klar und hilfsbereit. Wäre ich noch in meinem Beruf, hätte ich tiefe Existenzangst und wäre für diese Leistung unglaublich dankbar.

Was hier geleistet wird, ist ein Verdienst der administrativen Teile beider Verbände. Meine nicht so gute Meinung über die  Fachkollegen und ihrem Verhalten bleibt aber bestehen.

Dafür wiederhole ich ein Beispiel: In einer DHV-Mail wurde ich zu mehr Mitarbeit aufgefordert, nachdem ich mich aber bereits aus dem Beruf zurückgezogen hatte. Darin fand sich die Aussage, man möge doch mal Vorschläge machen, was der Verband leisten solle und mokierte sich etwas über Ehrungen als etwas Beiläufiges, Unbedeutendes. Ich finde das aber nicht unbedeutend. Ich, und da bin ich sicher nicht alleine, bin stolz auf meine Arbeit und die vielen Jahre, die ich sie verrichtete bzw. als Leiter meines Orchesters noch verrichte.

Der DHV ehrt Dirigenten wie folgt:

10 Jahre Dirigentennadel silber

20 Jahre Dirigentennadel gold

30 Jahre Dirigentennadel gold mit Auszeichnung

und so weiter.

Ich startete als Dirigent 1993. 2003 erhielt ich keine Nadel dafür. Gut, dachte ich, man geht vom vollen Jahr, also 1994 und damit Ehrung 2004, aus. Aber nichts passierte. Aber 2009 endlich erhielt ich die Nadel in silber! Warum dann? Weil der Akkordeon-Club Langenhagen einen Anlass für einen Artikel in der Zeitung haben wollte. Dafür werden dann mal eben sechs Jahre Arbeit unterschlagen und wird die Ehrungsuhr zurückgesetzt, und von mir wurde selbstverständlich erwartet, trotz dieser Unterschlagung, was ich auch tat, dankbar und glücklich in die Kamera zu lächeln. Erhielt ich also 2013 die fällige Nadel in gold für 20 Jahre? Nein. Ach ja: Immer volles Jahr, also 2014, richtig? Falsch. Denn ich war mittlerweile und schon vor 2013 im Langenhagener Club in Ungnade gefallen und man wollte mir zeigen, wer das Sagen hat und was man von mir eigentlich hält. Da passt dann eine Ehrung nicht. Wäre ja noch schöner. Mir wurde von anderer Seite zusätzlich stattdessen, fälschlicherweise aber nachdrücklich, erklärt, die Ehrung gäbe es erst für 25 Jahre. Also erhielt ich 2018 die Nadel in gold? Wieder nicht. “Natürlich!”, dachte ich: “Die rechnen jetzt 10 Jahre von der ersten Ehrung aus!” Rechnet man von der ersten Ehrung aus, hätte ich also die Ehrung für 20 Jahre dann 2019 erhalten müssen, was auch mit den vermeintlichen 25 Jahren zusammengefallen wäre. Und? Ja: Hätte. Passierte  ebenfalls nicht. Aber dafür erhielt ich eine Mail, die mir sagt, Ehrungen seien ja eigentlich lächerlich aber würden als Pflichtübung absolviert. Nicht einmal dieses bisschen Anerkennung und tatsächlich auch Werbung, die ich wirklich für meinen Betrieb dringend hätte gebrauchen können, habe ich von dem Verband erhalten.

Meine Urkunde für 10 Jahre hängt noch in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht räume ich zu wenig auf. Dank des DHV für herausragende Arbeit für die Akkordeon-Orchester-Szene wird da beurkundet. Jeder, auch jeder Hampelmann, und die gibt es, der irgendwie 10 Jahre vor einem Akkordeon-Orchester steht und dessen Ehrung von jemandem betrieben wird, leistet also Herausragendes. Also ja: Eigentlich sind diese Ehrungen lächerlich. Und sie sind nicht ernst gemeint, denn dem Verband bin ich egal und bestenfalls ein klein wenig lästig.

Der Deutsche Akkordeon-Lehrer-Verband (DALV), dem ich über 10 Jahre angehörte, hat mich übrigens auch nie dafür geehrt, obwohl das vorgesehen ist. DALV und DHV arbeiten zusammen. Es gibt Personalunionen, man kennt sich. Und man weiß, wen man nicht ehren möchte.

Und gerade deshalb ist es wichtig anzuerkennen, wenn etwas großartig gemacht wird: Der DHV und der LMR leisten gerade ausgezeichnete Arbeit.

 

Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

Fahrplan

Letztes Wochenende war ich auf Probenfreizeit mit meinem Orchester. Wir haben viel gearbeitet und hatten tonnenweise Spaß. Und wir haben gemeinsam unseren Fahrplan für diese Saison erstellt:

Wir werden drei konzertant große Werke spielen:

  1. Das Medley über Stücke der Gruppe “Supertramp”. Das Potpourri von Wolfgang Ruß haben wir nach vielen Jahren wieder in das Programm gehoben, weil es Spaß macht und toll klingt. Der letzte Titel der Folge ist “It´s Raining Again”. Da habe ich mir die Freiheit genommen, den kompletten Titel in eigener Bearbeitung auszuspielen, weil ich meinen Solistinnen Gelegenheit geben möchte, die schönen Soli vorzutragen und das Stück einfach gute Laune macht.
  2.  “The Star Wars Trilogy” habe ich vor der Jahrhundertwende handschriftlich arrangiert und seit über einem Jahrzehnt nicht mehr aufgeführt. Ich weiß, dass es meinen Arrangements gehen wird, wie denen Enno Meyenburgs: Sie werden in naher Zukunft verschwunden und verloren sein. Dies, weil sie nicht veröffentlicht sind, die Akkordeon-Orchester-Szene sich selbst erledigt und aber auch unter dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklung einknickt. Aber vor allem, weil sie nur diejenigen Arrangeure und Komponisten pflegt, die dem elitären Kreis genehm sind (bei den “Chefs” Lehrgänge besucht haben und Duzfreunde sind, der Arrangement-Folklore folgen etc.). Dies ist mein zweites großes Arrangement, von Aufnahmen heruntergehört, mit Bleistift und Lineal auf Partiturpapier geschrieben. Mein erstes war “Legenda”, der zweite Satz aus Dvoraks Sinfonie “Aus der neuen Welt”. (Wurde nicht verlegt. Verlegte jemand aus dem Dunstkreis der “Platzhirsche”, die niemand anderes zulassen, wie mir der Verlag mal am Telefon wörtlich (!) mitteilte.)
  3. “Back To The Future” ist ein neues Medley von mir (keine Chance auf Verlag des Werkes; ich versuche es gar nicht erst). Das ist noch nicht ganz fertig, und ich kann erst übernächste Woche daran weiterarbeiten, weil ich noch meine letzte Lehrprobe vorbereiten und abliefern muss. Auf der Freizeit wurde sich ein weiterer Titel gewünscht, sodass ich jetzt nicht, wie gedacht, 2/3, sondern etwa nur die Hälfte bereits fertig habe.

“Back To The Future” wäre weiter gewesen, aber das Notenschreib-Programm lief nicht sauber, und ich hatte deshalb viel technische Probleme zu beheben, die Zeit kosteten. Der Zug der Zeit. Bei “The Star Wars Trilogy” war das Geschriebene geschrieben. Bei “Back To The Future” war das Geschriebene nicht unbedingt wirklich da.

“I Don´t Know Why She Loves Chicago” von Detlef Höhlein ist nahezu fertig geprobt. Es fehlen noch Routine und Selbstverständlichkeit. Aber verstanden hat mein Orchester das Stück quasi sofort. Wäre ein schönes Original-Werk für Akkordeon-Orchester. Aber weil ich der Bearbeiter bin, ist Skepsis erlaubt, ob es gelingen kann, das Werk zu verlegen. Vielleicht lässt sich ein Weg finden, mal sehen. Ich hänge mich aber nicht mehr in Auseinandersetzungen rein.

Die “Heidewanderung” werde ich leider für dieses Jahr nicht mehr ausarbeiten, weil “The Star Wars Trilogy” einen ausgesprochen hohen Schwierigkeitsgrad hat, auch “Back To The Future” echtes Konzertniveau zeigt und weil drei lange Werke im Programm genug sind. Aber das mit dem Konzertniveau meiner Werke sehen gewisse Kollegen ja anders: “Ich höre nur Klangkaskaden.” Tja, nichts zu machen. Zum Glück mache ich Musik nicht für diese Kollegen, sondern für mein Orchester, unser Publikum und mich.

Die Aufführung von “The Star Wars Trilogy” hatte ich für letztes Jahr geplant gehabt, weil das Stück da zwanzig Jahre alt geworden ist. Stattdessen wurde ich beruflich derart durch den Wolf gedreht, dass daran nicht zu denken war und das Matinee-Konzert nur möglich, weil das Orchester zueinander und zu mir (!) (Hätten andere Orchester sich auch nur annähernd so loyal verhalten, wäre ich noch da; und die Orchester würden noch existieren bzw. ihre Schüler haben.) hielt und konsequent arbeitete. Das Arrangement der “Heidewanderung” nehme ich mir für die Sommerferien vor.

Echos einer verlorenen Zeit

Heute war ein wunderschöner Tag: Ich habe mich morgens etwas eingespielt und bin zu den Fortbildungsseminaren gefahren. Dort haben wir uns auf die heutige Verabschiedung der erfolgreichen Absolventen vorbereitet, die musikalischen Generalproben abgehalten und sind schließlich mit unserem Programm aufgetreten. Heute Abend stand ich schließlich wieder vor meinem Orchester und probte an unserem neuen Programm.

Der ganze Tag voll Musik und allem, was dazu gehört.

Viele Seminar-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen, die eindeutige Mehrheit ist weiblich, habe ich in mein Herz geschlossen. Die Seminarleiterin und der -Leiter sind wunderbar. Vor diesem Publikum mit meinen Kolleginnen und unserem Chef zu musizieren, habe ich richtig genossen. Ein Stück von Mozart im Chor als etwas geschulter Tenor zu singen war beglückend. Das popmusikalische Duett mit der absolut umwerfenden Anna-Lena, einer tollen Klavier- und E-Gitarren-Begleitung und Chor anders angelegt zu intonieren war eine reine Freude.

Eine der Absolventinnen ist eine Instrumentalschülerin von mir gewesen. Sonniges Gemüt, gutmütig, fröhlich, angemessen albern, einsatzfreudig, intelligent, musikalisch. Nach fünf Jahren Unterricht übernahm sie schon mit größter Sicherheit Soli im Orchester. Dem Erwachsenen-Orchester! Es ist schön zu sehen, wie sie ihren Weg gemacht hat, wie aus einem lustigen Mädchen eine tolle Frau geworden ist, die klar orientiert ist und ihren Schülern viel geben kann, und wie sehr sich die Beschreibung ihrer Person in der Laudatio mit dem deckt, wie ich sie kenne. Während der Veranstaltung kamen mir laufend verschiedene gemeinsame Erlebnisse in den Sinn. Ich bin glücklich darüber und im guten Sinn stolz darauf. Auf meine Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Auf meinen Unterricht, meine Stücke und meine Orchesterarbeit. Auf sie. Und jetzt machte ich Musik für sie, ihre Familie und Freund und Absolventen ihres Alters.

Auf dem Weg vom Auftritt nachhause, um meine Frau abzuholen und meine Sachen für die Probe mitzunehmen, hatte ich wieder das überwältigende Gefühl: “Das willst du machen! Das und nichts anderes!” Das (!) bin ich! Das hat mich motiviert durchzuhalten, zu arbeiten, zu kämpfen. Dafür habe ich gebrannt.

Aber das ist nicht mehr meine Wirklichkeit. Nur noch Erinnerung, Schatten, Echo. Es war schön, mal wieder in solch einem Tag zu baden.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Nutzlose Auseinandersetzungen

Mir wurde, gelegentlich wird, immer mal vorgeworfen, nicht “durchzugreifen”, nicht “den Hut auf zu haben”, wenn es um Auseinandersetzungen insbesondere in Orchestern geht. Auf der anderen Seite würde ich mich zu sehr in Auseinandersetzungen ergehen, die mir keinen Nutzen bringen. Wie jetzt eben in meinem Mail-Verkehr mit dem Deutschen Harmonika-Verband.

Ich bin mit dem Thema freiberuflicher Musiker durch, brauche den Verband, der mir nichts genutzt hat, nicht und orientiere mich erfolgreich beruflich neu. Es ist also richtig: Das Leben geht weiter und Zurückblicken bringt gar nichts.

Nun, zunächst einmal kann nur “durchgreifen”, wer echte Macht hat. Die habe ich nicht und ich beanspruche sie für mich auch nicht. Denn die Zeit des Pultdespoten ist einfach vorbei. Und das absolut zu recht. Denn Musik ist ein kreativer Prozess und was an Impulsen aus dem Orchester kommt, ist wertvoll. Da sitzen keine Volldeppen dumpf herum, sondern vielmehr versuchen dort Menschen mit Persönlichkeit, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen etwas Schönes zu gestalten. Ein Idiot, der das nicht nutzt. Ich bin, trotz der Tatsache, dass ich mich letztendlich in Jahrzehnten nicht etablieren konnte, froh und glücklich studiert zu haben. Denn dadurch kann ich eine Menge einbringen und bin, um Marius Bazu wieder zu zitieren, ein Musiker mit einem lebendigem Instrument.

Eben: lebendig! Kein Stück Holz, dem man Töne entlockt. Will ich gute Ergebnisse haben, brauche ich eine gelöste, durchlässige Stimmung. Ich brauche Musizieren. Es ist Blödsinn, Spieler dazu bewegen zu wollen, alles absolut exakt zu jedem Zeitpunkt genau so zu machen, wie ich es haben will. Es gibt Richtlinien, Rahmen, Ziele, aber keine Gesetze, und ich bin nicht Scheriff und Richter in einem. Das gleiche Stück unter meiner Leitung mit jeweils anderen Orchestern war in Nuancen unterschiedlich, weil es auch abhängig von den Spielerpersönlichkeiten ist. Das gleiche Stück mit dem selben Orchester zu verschiedenen Gelegenheiten ist ebenso unterschiedlich, weil es ebenso abhängig von persönlichen Seelenzuständen, meinen wie denen des Orchesters, ist. Despotismus nutzt da gar nichts.

Das letzte Mal habe ich einen Pultdespoten vor einigen Jahren beobachten können: Es war eine Generalprobe vor einem großen Gemeinschaftskonzert, meinem wahrscheinlich letzten Konzert mit einem großen Gemeinschaftsorchester, bei dem der Dirigent, nebenberuflich dhv-zertifiziert, ständig nach wenigen Takten unterbrach, Forderungen stellte und unablässig an kleinen Stellen herumfeilte. Wenn ich seinem Dirigieren in irgendeiner Weise hätte entnehmen können, was er da wollte, wäre das ja noch vielleicht einsehbar gewesen. So aber war das einfach nur willkürlich, unvorhersehbar und, ja, despotisch. Ich selbst mag es durchaus auch, bei Generalproben neue Gedanken anzustoßen, bis dahin nicht gekannte Impulse zu geben, und halte das für gesund und hilfreich. Das öffnet einen neuen Zugang zum Stück und schafft eine neue Aufmerksamkeit, auch wenn das immer mal Orchesterspieler nicht einsehen. Das aber ging deutlich darüber hinaus und war viel fundamentaler. So etwas bewältigt oder toleriert nur ein standfestes Orchester; dass es ihm nutzt, bezweifele ich.

Als ich sein Verhalten beobachtete, dachte ich darüber nach, warum das Orchester dies mit sich machen ließ. Da spielen viele Dinge eine Rolle, aber vor allem wohl, dass man ein gemeinsames Ziel mit Erfolg verfolgen will und dies nicht durch Auseinandersetzungen mit dem Dirigenten aufs Spiel setzen. Sicher sieht man solch eine Führung auch als “stark” an.

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mir ähnliches auch herausnehmen könnte. Aber das ist eben das Problem: Ich würde mir das herausnehmen (!) müssen. Und das geht nicht. Das verbietet mir der Respekt vor meinem Orchester, den Persönlichkeiten darin und mein menschlicher Anstand. Ich will mir nichts herausnehmen. Ich will zusammenarbeiten. Ich will gemeinsam musizieren. Ich habe die zentrale Führungsrolle, bin mir derer immer voll bewusst und erwarte, dass sie anerkannt wird. Das ist schon eine Menge!

Ich hatte auch schwerwiegende Auseinandersetzungen mit Orchestern, Vorständen, Kollegen und dem Verband, wenn diese Anerkennung der Fachautorität fehlte, und vertrete meine Position durchaus selbstbewusst. Aber letztlich hatte das nur zeitlich begrenzten Erfolg, wenn überhaupt. Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, warum ich um solche Anerkennung immer wieder kämpfen musste. Ein Beispiel mag zeigen, wie die aussehen:

Wegen der aufwändigen Organisation des genannten Gemeinschaftskonzerts wurde im Trubel der Generalprobe aller Klangkörper das Notenpult für den Dirigenten versehentlich abgeräumt und befand sich zu Konzertbeginn nicht mehr auf der Bühne. Vor seinem Auftritt mit seinem Orchester standen besagter Dirigent und ich unsichtbar für das Publikum gemeinsam links im Bühnenhintergrund und beobachteten den Orchesteraufbau. Sein Orchester nahm Platz. Der dhv-zertifizierte Maestro hatte, wie es auch bei dieser Art Kollegen nicht so selten ist, keinen Blick und kein Wort für mich, als ich neben ihm stand. Er rührte sich nicht, als im Saal Ruhe einkehrte. Alles wartete – er bewegte sich nicht. Partituren unter dem linken Arm, rechte Hand in der Hosentasche. Stille. Vereinzeltes Husten im Saal. Ich sah, dass das Pult nicht da stand und fragte ihn, ob er wüsste, wo das ist. Er zuckte nur mit den Schultern und wartete weiter. Niemand kam mit dem Pult auf die Bühne. Also tat ich ohne viel Aufhebens das Notwendige, holte schnell mein eigenes Dirigentenpult, stellte es mit einer beiläufig launigen Bemerkung für das dadurch amüsierte Publikum vor das Orchester und richtete die Höhe ein. Der Kollege wartete, bis ich die Bühne verlassen hatte, zögerte noch etwas, ging dann gruß- und danklos an mir vorbei, holte sich seinen Auftrittsapplaus ab und dirigierte mit großer Geste sein Orchester. Auch nach dem Konzert und auf der anschließenden gemeinsamen Feier hatte er kein Wort für mich übrig und versuchte den Eindruck zu erwecken,  deutlich über meinem Niveau dahinzuschweben.

Meine Mutter las mir am nächsten Tag ziemlich die Leviten: Ich hätte mich für alle klar sichtbar mit dem eilfertigen Aufstellen des Pults ihm deutlich untergeordnet und ich solle endlich mal lernen, mich nicht immer kleiner als andere zu machen. Ich hatte das nicht so gesehen. Ich sah nur, dass das Konzert reibungslos klappen sollte, konnte schnell und funktionierend eingreifen und tat das also. Aber: Sie hatte recht! Denn zumindest der Kollege hat es exakt so gesehen. Ihm ging es eben genau um diese Rangordnung. Ganz sicher ist das auch bei vielen exakt so angekommen.

Gegen diese selbstverschuldete Unterordnung ist nichts mehr zu machen. Das ist gesetzt, bleibt so und keine Diskussion würde das ändern können. Das gilt absolut genau so für die Auseinandersetzung, die ich kürzlich mit dem Verbandsrepräsentanten geführt hatte. Nichts, was ich sage oder schreibe, wird seine eher deutlich abfällige Meinung über mich revidieren können. (Weder seine noch die irgendeines Jurors, der z. B. ernsthaft meinte sagen zu müssen, ich wisse nicht, was Dur und Moll wäre.) Einerseits sieht er sich deutlich über meinem Niveau, und das lässt er deutlich spüren. Andererseits habe ich gerade dadurch, dass ich Geschehnisse von vor einigen Jahren argumentativ heranzog, seine eher negative Meinung über mich nur noch verhärtet. Wäre ich noch interessiert daran, im DHV irgendein Standing zu haben, hätte ich mir aus diesem Grund meine Kritik vielleicht (wahrscheinlich aber wohl doch nicht) auch verkniffen.

Das Problem ist einfach, dass meine Kritik ja nun einmal mit diesen Ereignissen begründbar ist. Es sind eben echte, tiefgreifende Folgen, die meine berufliche Existenz fundamental betrafen, entstanden. Wenn er mir dann schreibt, er hätte gehofft, dass ich darüber einen Abschluss gefunden hätte, wischt das mit gönnerhafter Geste herablassend die Folgenschwere vom Tisch und zeigt dabei deutlich, dass meine berufliche Existenz als Orchesterleiter und Musiker in seinen Augen nicht ernst zu nehmen ist. Für ihn bin ich einer von den vielen Hobby-Trullies, die Dirigent und Komponist spielen wollen.

Es dürfte jetzt etwa dreißig Jahre her sein, da wurde dieser Kollege als Newcomer von der Verbandszeitschrift in der Rubrik “Komponisten für das Akkordeon” (oder so ähnlich) interviewt. In dem Artikel wurde er gefragt, ob er denn für die Orchesterleiter, die seine Stücke spielen lassen würden, Hinweise zur Interpretation hätte. Er antwortete darauf lachend, wie der Interviewer bemerkte, dass man bei der Qualität der Dirigenten von Akkordeon-Orchestern froh sein könne, wenn sie den Notentext erfüllen würden. Damit wäre schon viel erreicht.

Vollprofis wie er, dhv-zertifizierte Dirigenten wie aus dem obigen Beispiel und Hobby-Dirigenten und Lehrer ohne jedwede Qualifikation ergehen sich in einer Selbstherrlichkeit, die nichts und niemanden neben sich duldet. Wer sich davon nicht erdrücken lässt, dem werden nach Möglichkeit alle möglichen Stöcke zwischen die Beine geworfen. Dabei geht es aber nicht um den jeweiligen Gegner! Es geht vielmehr nur um die eigene Großartigkeit.

Ich weiß deshalb, dass Ärger über mich nur wenig mit mir zu tun hat. Ich kann nichts daran machen, dass sich mal jemand über mich ärgert. Ich kann auch nichts dafür tun, dass sich diese Person nicht mehr ärgert. Wer seinem Ärger Luft macht, tut das begründet. Man hat nämlich immer einen Grund für jedes Verhalten. Diese Gründe müssen nicht sachlich sondern können rein emotional sein und es kann nicht meine Aufgabe sein, diese Gründe herauszuarbeiten oder zu erkennen und schon gar nicht, an ihnen zu arbeiten. Ich kann nur in der Sache abwägen. Diese Abwägungen haben mich aus der Akkordeon-Szene hinaus getrieben. Wäre ich geblieben, wäre ich zugrunde gegangen. Buchstäblich. Der Szene ist das so egal, wie ihr mein Dazugehören egal war. Deshalb ist es auch egal, wenn ich gewissen Platzhirschen solche Texte schreibe. Es wäre auch egal, wenn ich das nicht täte. Denn es ist denen wirklich vollkommen egal.

Wenn es aber egal ist, kann ich es ja auch machen. Ich trage eben Hut.

Ich kann nur mein Bestes geben. Und das tue ich immer. Wer sich an mir stört, dem kann ich ehrlich nichts bieten, was ihn fröhlicher stimmen könnte.