Archiv der Kategorie: Scheitern im freien Beruf

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Nutzlose Auseinandersetzungen

Mir wurde, gelegentlich wird, immer mal vorgeworfen, nicht “durchzugreifen”, nicht “den Hut auf zu haben”, wenn es um Auseinandersetzungen insbesondere in Orchestern geht. Auf der anderen Seite würde ich mich zu sehr in Auseinandersetzungen ergehen, die mir keinen Nutzen bringen. Wie jetzt eben in meinem Mail-Verkehr mit dem Deutschen Harmonika-Verband.

Ich bin mit dem Thema freiberuflicher Musiker durch, brauche den Verband, der mir nichts genutzt hat, nicht und orientiere mich erfolgreich beruflich neu. Es ist also richtig: Das Leben geht weiter und Zurückblicken bringt gar nichts.

Nun, zunächst einmal kann nur “durchgreifen”, wer echte Macht hat. Die habe ich nicht und ich beanspruche sie für mich auch nicht. Denn die Zeit des Pultdespoten ist einfach vorbei. Und das absolut zu recht. Denn Musik ist ein kreativer Prozess und was an Impulsen aus dem Orchester kommt, ist wertvoll. Da sitzen keine Volldeppen dumpf herum, sondern vielmehr versuchen dort Menschen mit Persönlichkeit, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen etwas Schönes zu gestalten. Ein Idiot, der das nicht nutzt. Ich bin, trotz der Tatsache, dass ich mich letztendlich in Jahrzehnten nicht etablieren konnte, froh und glücklich studiert zu haben. Denn dadurch kann ich eine Menge einbringen und bin, um Marius Bazu wieder zu zitieren, ein Musiker mit einem lebendigem Instrument.

Eben: lebendig! Kein Stück Holz, dem man Töne entlockt. Will ich gute Ergebnisse haben, brauche ich eine gelöste, durchlässige Stimmung. Ich brauche Musizieren. Es ist Blödsinn, Spieler dazu bewegen zu wollen, alles absolut exakt zu jedem Zeitpunkt genau so zu machen, wie ich es haben will. Es gibt Richtlinien, Rahmen, Ziele, aber keine Gesetze, und ich bin nicht Scheriff und Richter in einem. Das gleiche Stück unter meiner Leitung mit jeweils anderen Orchestern war in Nuancen unterschiedlich, weil es auch abhängig von den Spielerpersönlichkeiten ist. Das gleiche Stück mit dem selben Orchester zu verschiedenen Gelegenheiten ist ebenso unterschiedlich, weil es ebenso abhängig von persönlichen Seelenzuständen, meinen wie denen des Orchesters, ist. Despotismus nutzt da gar nichts.

Das letzte Mal habe ich einen Pultdespoten vor einigen Jahren beobachten können: Es war eine Generalprobe vor einem großen Gemeinschaftskonzert, meinem wahrscheinlich letzten Konzert mit einem großen Gemeinschaftsorchester, bei dem der Dirigent, nebenberuflich dhv-zertifiziert, ständig nach wenigen Takten unterbrach, Forderungen stellte und unablässig an kleinen Stellen herumfeilte. Wenn ich seinem Dirigieren in irgendeiner Weise hätte entnehmen können, was er da wollte, wäre das ja noch vielleicht einsehbar gewesen. So aber war das einfach nur willkürlich, unvorhersehbar und, ja, despotisch. Ich selbst mag es durchaus auch, bei Generalproben neue Gedanken anzustoßen, bis dahin nicht gekannte Impulse zu geben, und halte das für gesund und hilfreich. Das öffnet einen neuen Zugang zum Stück und schafft eine neue Aufmerksamkeit, auch wenn das immer mal Orchesterspieler nicht einsehen. Das aber ging deutlich darüber hinaus und war viel fundamentaler. So etwas bewältigt oder toleriert nur ein standfestes Orchester; das es ihm nutzt, bezweifele ich.

Als ich sein Verhalten beobachtete, dachte ich darüber nach, warum das Orchester dies mit sich machen ließ. Da spielen viele Dinge eine Rolle, aber vor allem wohl, dass man ein gemeinsames Ziel mit Erfolg verfolgen will und dies nicht durch Auseinandersetzungen mit dem Dirigenten aufs Spiel setzen. Sicher sieht man solch eine Führung auch als “stark” an.

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mir ähnliches auch herausnehmen könnte. Aber das ist eben das Problem: Ich würde mir das herausnehmen (!) müssen. Und das geht nicht. Das verbietet mir der Respekt vor meinem Orchester, den Persönlichkeiten darin und mein menschlicher Anstand. Ich will mir nichts herausnehmen. Ich will zusammenarbeiten. Ich will gemeinsam musizieren. Ich habe die zentrale Führungsrolle, bin mir derer immer voll bewusst und erwarte, dass sie anerkannt wird. Das ist schon eine Menge!

Ich hatte auch schwerwiegende Auseinandersetzungen mit Orchestern, Vorständen, Kollegen und dem Verband, wenn diese Anerkennung der Fachautorität fehlte, und vertrete meine Position durchaus selbstbewusst. Aber letztlich hatte das nur zeitlich begrenzten Erfolg, wenn überhaupt. Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, warum ich um solche Anerkennung immer wieder kämpfen musste. Ein Beispiel mag zeigen, wie die aussehen:

Wegen der aufwändigen Organisation des genannten Gemeinschaftskonzerts wurde im Trubel der Generalprobe aller Klangkörper das Notenpult für den Dirigenten versehentlich abgeräumt und befand sich zu Konzertbeginn nicht mehr auf der Bühne. Vor seinem Auftritt mit seinem Orchester standen besagter Dirigent und ich unsichtbar für das Publikum gemeinsam links im Bühnenhintergrund und beobachteten den Orchesteraufbau. Sein Orchester nahm Platz. Der dhv-zertifizierte Maestro hatte, wie es auch bei dieser Art Kollegen nicht so selten ist, keinen Blick und kein Wort für mich, als ich neben ihm stand. Er rührte sich nicht, als im Saal Ruhe einkehrte. Alles wartete – er bewegte sich nicht. Partituren unter dem linken Arm, rechte Hand in der Hosentasche. Stille. Vereinzeltes Husten im Saal. Ich sah, dass das Pult nicht da stand und fragte ihn, ob er wüsste, wo das ist. Er zuckte nur mit den Schultern und wartete weiter. Niemand kam mit dem Pult auf die Bühne. Also tat ich ohne viel Aufhebens das Notwendige, holte schnell mein eigenes Dirigentenpult, stellte es mit einer beiläufig launigen Bemerkung für das dadurch amüsierte Publikum vor das Orchester und richtete die Höhe ein. Der Kollege wartete, bis ich die Bühne verlassen hatte, zögerte noch etwas, ging dann gruß- und danklos an mir vorbei, holte sich seinen Auftrittsapplaus ab und dirigierte mit großer Geste sein Orchester. Auch nach dem Konzert und auf der anschließenden gemeinsamen Feier hatte er kein Wort für mich übrig und versuchte den Eindruck zu erwecken,  deutlich über meinem Niveau dahinzuschweben.

Meine Mutter las mir am nächsten Tag ziemlich die Leviten: Ich hätte mich für alle klar sichtbar mit dem eilfertigen Aufstellen des Pults ihm deutlich untergeordnet und ich solle endlich mal lernen, mich nicht immer kleiner als andere zu machen. Ich hatte das nicht so gesehen. Ich sah nur, dass das Konzert reibungslos klappen sollte, konnte schnell und funktionierend eingreifen und tat das also. Aber: Sie hatte recht! Denn zumindest der Kollege hat es exakt so gesehen. Ihm ging es eben genau um diese Rangordnung. Ganz sicher ist das auch bei vielen exakt so angekommen.

Gegen diese selbstverschuldete Unterordnung ist nichts mehr zu machen. Das ist gesetzt, bleibt so und keine Diskussion würde das ändern können. Das gilt absolut genau so für die Auseinandersetzung, die ich kürzlich mit dem Verbandsrepräsentanten geführt hatte. Nichts, was ich sage oder schreibe, wird seine eher deutlich abfällige Meinung über mich revidieren können. (Weder seine noch die irgendeines Jurors, der z. B. ernsthaft meinte sagen zu müssen, ich wisse nicht, was Dur und Moll wäre.) Einerseits sieht er sich deutlich über meinem Niveau, und das lässt er deutlich spüren. Andererseits habe ich gerade dadurch, dass ich Geschehnisse von vor einigen Jahren argumentativ heranzog, seine eher negative Meinung über mich nur noch verhärtet. Wäre ich noch interessiert daran, im DHV irgendein Standing zu haben, hätte ich mir aus diesem Grund meine Kritik vielleicht (wahrscheinlich aber wohl doch nicht) auch verkniffen.

Das Problem ist einfach, dass meine Kritik ja nun einmal mit diesen Ereignissen begründbar ist. Es sind eben echte, tiefgreifende Folgen, die meine berufliche Existenz fundamental betrafen, entstanden. Wenn er mir dann schreibt, er hätte gehofft, dass ich darüber einen Abschluss gefunden hätte, wischt das mit gönnerhafter Geste herablassend die Folgenschwere vom Tisch und zeigt dabei deutlich, dass meine berufliche Existenz als Orchesterleiter und Musiker in seinen Augen nicht ernst zu nehmen ist. Für ihn bin ich einer von den vielen Hobby-Trullies, die Dirigent und Komponist spielen wollen.

Es dürfte jetzt etwa dreißig Jahre her sein, da wurde dieser Kollege als Newcomer von der Verbandszeitschrift in der Rubrik “Komponisten für das Akkordeon” (oder so ähnlich) interviewt. In dem Artikel wurde er gefragt, ob er denn für die Orchesterleiter, die seine Stücke spielen lassen würden, Hinweise zur Interpretation hätte. Er antwortete darauf lachend, wie der Interviewer bemerkte, dass man bei der Qualität der Dirigenten von Akkordeon-Orchestern froh sein könne, wenn sie den Notentext erfüllen würden. Damit wäre schon viel erreicht.

Vollprofis wie er, dhv-zertifizierte Dirigenten wie aus dem obigen Beispiel und Hobby-Dirigenten und Lehrer ohne jedwede Qualifikation ergehen sich in einer Selbstherrlichkeit, die nichts und niemanden neben sich duldet. Wer sich davon nicht erdrücken lässt, dem werden nach Möglichkeit alle möglichen Stöcke zwischen die Beine geworfen. Dabei geht es aber nicht um den jeweiligen Gegner! Es geht vielmehr nur um die eigene Großartigkeit.

Ich weiß deshalb, dass Ärger über mich nur wenig mit mir zu tun hat. Ich kann nichts daran machen, dass sich mal jemand über mich ärgert. Ich kann auch nichts dafür tun, dass sich diese Person nicht mehr ärgert. Wer seinem Ärger Luft macht, tut das begründet. Man hat nämlich immer einen Grund für jedes Verhalten. Diese Gründe müssen nicht sachlich sondern können rein emotional sein und es kann nicht meine Aufgabe sein, diese Gründe herauszuarbeiten oder zu erkennen und schon gar nicht, an ihnen zu arbeiten. Ich kann nur in der Sache abwägen. Diese Abwägungen haben mich aus der Akkordeon-Szene hinaus getrieben. Wäre ich geblieben, wäre ich zugrunde gegangen. Buchstäblich. Der Szene ist das so egal, wie ihr mein Dazugehören egal war. Deshalb ist es auch egal, wenn ich gewissen Platzhirschen solche Texte schreibe. Es wäre auch egal, wenn ich das nicht täte. Denn es ist denen wirklich vollkommen egal.

Wenn es aber egal ist, kann ich es ja auch machen. Ich trage eben Hut.

Ich kann nur mein Bestes geben. Und das tue ich immer. Wer sich an mir stört, dem kann ich ehrlich nichts bieten, was ihn fröhlicher stimmen könnte.

Mehr als ein Werkzeug

Heute Abend musste ich mich endlich entscheiden: Seit meiner Ausplanung bei meinem vorigen Arbeitgeber steht mein Flügel eingelagert ungenutzt, weil ich zuhause keinen Platz habe.

Meine Idee, ihn bei meinem jetzigen Arbeitgeber einzusetzen, wurde nicht so enthusiastisch begrüßt, wie ich es mir wünschen würde: Die dortigen Instrumente sind nicht mehr funktionstüchtig und müssten beseitigt werden, um Platz für meinen neuwertigen Flügel zu schaffen, den ich kostenlos zur Verfügung stellen wollte. Dies wird nicht in Angriff genommen, ich kann meinen Flügel aber nicht monatelang im Lager stehen lassen. Das Instrument muss genutzt werden.

Also hat mir heute Abend “mein” Klavierhaus eine Rücknahmevereinbarung angeboten, die ich angenommen habe.

Ich habe keinen Flügel mehr. Mir blutet das Herz.

ad infinitum

Der Verband hat auf meine Antwort zum Wettbewerb reagiert: Ich erhielt eine sehr freundliche, etwas bestürzte und offene erste Reaktion mit der Erklärung, meine Mail an andere Stellen weiterzuleiten. Wir wünschten einander eine schöne Adventszeit, grüßten herzlich, ich habe mich über diese Reaktion ehrlich gefreut und für mich wäre es damit erledigt gewesen.

Wäre.

Dann erhielt ich heute die Mail eines führenden Kollegen des Verbandes (nach dem Ton nicht nur dieser Mail zu urteilen ist ziemlich klar, dass er mich nicht auf seiner Augenhöhe sieht, um es mal vorsichtig auszudrücken). Die veröffentliche ich natürlich nicht! Ich gebe auch keinerlei Hinweis auf seine Identität. Aber meine Antwort veröffentliche ich:

Sehr geehrter Herr XY,

wenn Sie gelesen haben, dass ich länger krank war, haben sie falsch gelesen: Ich musste nach den Auseinandersetzungen im Langenhagener Akkordeon-Club mit lebensgefährdendem stressbedingtem Krankheitsbild in das Krankenhaus, wurde dort behandelt und habe mich schnell wieder erholt. Aber ich danke für die guten Wünsche.

Ich könnte jetzt ohne Schwierigkeiten mit Namensnennung Beispiele von “Fehlverhalten” bringen: Sie würden dabei bleiben, dass das Einzelfälle wären und das nicht dem DHV anzulasten wäre. Nur besteht der DHV aus Einzelnen. Juroren, die mir nach Wettbewerbsbeiträgen wörtlich erklären, ich wüsste nicht, was Dur und Moll wäre, oder ich solle mal einen C1 Lehrgang besuchen, damit ich dirigieren lerne, oder man könne, als ich mit einem Kinderorchester spielte, mit zweichörigen Schüler-Akkordeons einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen”, was ich versäumt hätte (drei Beispiele dreier Wettbewerbsbesuche), sind ebenso grenzwertig.

Mir ist klar, dass Sie gehofft hatten, dass das Kapitel für mich “abgeschlossen” wäre. War es auch: Die Hälfte des Orchesters bei dem Wettbewerb bestand aus meinen Schülern, die danach die Orchestermitgliedschaft kündigten und ich habe nach turbulenten, arbeitsintensiven, streitvollen und krankmachenden Jahren im Anschluss an diese Teilnahme das Engagement nach gut 10 Jahren verloren, weil man nun den Beleg hatte, dass ich nichts könne bzw. “ausgebrannt” wäre. Das kann man durchaus als “Abschluss” bezeichnen; vielen Dank. Und jetzt lassen Sie mich raten: Sie kommen mit dem Argument, dass das auch andere Gründe haben müsse, oder ähnlichem. Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.

Mir den Wunsch anzubieten, nicht weiter eingeladen zu werden, zeigt deutlich, dass Sie nicht verstehen wollen, worum es geht. Diesen Eindruck habe ich nicht das erste Mal: Als ich offenbar am Ende vergeblich versuchte, für ein besonderes Festival-Ereignis des NDR in Niedersachsen Aufmerksamkeit beim DHV zu erzeugen und Ihnen den Link als Information schickte, bewerteten Sie unaufgefordert am Sinn der Veranstaltung und des Stücks vorbei die vermeintliche Qualität meines Arrangements und kritisierten den Sinn des Werkes. Dabei war das Werk genau so anzulegen, denn exakt das, was ich da getan hatte, war meine Aufgabe, um Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, der jüngste Teilnehmer des Auftritts war erst neun Jahre, Musik von Sofia Gubaidulina auf Orchester-Ebene erfahrbar zu machen. Ich finde, ich habe da etwas sehr Wertvolles in Zusammenarbeit mit Elsbeth Moser und den Solisten für den DHV hinsichtlich der Laienmusik geleistet! Unbemerkt vom DHV. Aber Ihnen war wichtiger, mir unbedingt klar zu machen, dass ich kein ernst zu nehmender Komponist oder Arrangeur sei.

Sie selbst erklärten mir, dass, wenn ich im DHV Erfolg haben wolle, ich einen Mentoren bräuchte. Wertvoller Hinweis. Wir beide sind exakt gleich alt. Suchen Sie noch als jugendlicher Newcomer Mentoren? Ich kann das nicht und konnte das nicht, denn ich hatte einen ziemlich steinigen und langen Weg bis zum Diplom. Aber Hamburg ist eben irgendwie nicht Trossingen, nicht wahr?

Es geht nicht darum, dass ich nicht zu Wettbewerben eingeladen werden möchte; Sie lassen meine Aussagen schon sehr routiniert abperlen, Kompliment! Wettbewerbe haben für mich nur eben keinen beruflichen Sinn mehr. Ich hatte sie für sinnvoll gehalten, um Orchester und Orchesterspieler aufzubauen, Gemeinschaft zu kreieren, Klangkörper zu formen undnatürlich als Werbung für mein berufliches Angebot. Das war ein schwerer Fehler! Sie haben mir geschadet und waren ein wesentlicher Grund, warum ich den Beruf aufgeben musste.

Ich kann den Beruf also nicht mehr ausüben. Da allerdings haben mir der DHV und die Wettbewerbs-Juroren sehr geholfen…

Ich habe vor diesem Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten, die guten Wünsche als solche ernst zu nehmen. Das ist in meinen Augen verbandspolitisches Gerede ohne Inhalt. Tut mir leid. Ich kann da nach 43 Jahren im DHV keine Substanz mehr erkennen.

Klingt verbittert? Gut erkannt. Aber sagen Sie nicht, ich wäre der erste, dem das so ginge! Wir wissen alle um die grandios an die Wand gefahrenen Existenzen in der Akkordeon-Szene, oder?

Ich erwarte nichts mehr vom DHV und arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und nicht mehr als Instrumentallehrer und Orchesterleiter; wir können es also dabei belassen.

Alles Gute

Dietmar Steinhaus

Nicht mehr für mich

Vorgestern erhielt ich die Ausschreibung des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV) zu einem Wettbewerb insbesondere für jugendliche Schüler. Allein schon aufgrund meiner Betriebseinstellung bin ich nicht der Richtige für eine Teilnahme. Aber auch grundsätzlich sehe ich in Wettbewerben für mich keinen Sinn mehr.

Ich habe kein Problem damit, Themen ruhen zu lassen. Aber wenn man mich anschreibt, dann antworte ich. Das sieht dann so aus:

Sehr geehrte Frau S.,

bei meinem letzten Mitwirken auf dem Internationalen Akkordeon-Festival in Innsbruck mit drei von mir geleiteten Jugend- und Erwachsenen-Orchestern wurden eines meiner Orchester (Akkordeon-Club Langenhagen) und ich mit 13 von 50 Punkten so desaströs bewertet, dass ich kurze Zeit darauf die Arbeit für den Club trotz über zehn Jahren Tätigkeit dort wegen des irreparablen Vertrauensverlusts und durch dieses Wettbewerbsergebnis entfachten Machtkampfes einstellen musste und mit lebensgefährlichen Folgen im Krankenhaus landete. Im Ergebnis habe ich schließlich meinen Beruf als Orchesterleiter und Instrumentallehrer insgesamt nach gut zwei Jahrzehnten, in denen ich weit mehr als 300 Schüler im freien Beruf als selbständiger Unternehmer vor allem am Akkordeon unterrichtete, aufgeben müssen.

Ich arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und leite nur noch ein einziges Erwachsenen-Orchester auf Oberstufen-Niveau. Aufgrund der Erfahrungen im DHV auf jeder Ebene und insbesondere den meine Arbeit herabwürdigenden Aussagen der Kollegen auf Bundesebene habe ich keinerlei Interesse mehr, erneut an Wettbewerben des DHV teilzunehmen. Keine meiner Teilnahmen, auch wenn die Bewertungen gelegentlich zufriedenstellend waren, haben einen positiven Effekt auf meine Orchester, die Vereine oder meine Arbeit und mein Standing als Orchesterleiter im DHV gehabt. Die Wettbewerbe verursachten immer (!) vorher und nachher störende Auseinandersetzungen zwischen Spielern und heftige Attacken gegen meine Position von Laien, die sich für qualifizierter hielten.

Der Vorstand meines mir verbliebenen Vereins erwägt zukünftige Wettbewerbsteilnahmen. Ich habe davon abgeraten, würde aber mitwirken, wenn das beschlossen werden würde. Weil ich keine Instrumentalschüler mehr unterrichte und deshalb auch keine Jugend-Orchester oder -Ensembles mehr leite, bin ich jedenfalls der falsche Adressat für diese Ausschreibung.

Ich habe nicht mehr die Notwendigkeit, weil ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, und auch nicht mehr den Wunsch, mich in der Akkordeon-Szene und insbesondere dem DHV zu positionieren und etablieren. Ich erhalte schon lange nicht einmal Ehrungen für die Mitgliedschaft allein oder etwa die jahrzehntelange Orchesterleitung im DHV für verschiedene Vereine und sehe auch deshalb keine Veranlassung, mich in irgendeiner Weise einzubringen. Insbesondere auch, weil mir klar signalisiert worden ist, dass ich nicht damit rechnen dürfe, je eine Platzierung zu erreichen, die preiswürdig wäre. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich nicht Akkordeon und Orchesterleitung studiert habe, um auf Wettbewerben die Plätze unterhalb der üblichen Preisträger auszufüllen. Außerdem ist mir das schöne und herzliche Klima in meinem letzten Orchester viel zu wertvoll, um es wie mit dem Langenhagener Club für einen Wettbewerb aufs Spiel zu setzen.

Der DHV hat mir zu keiner Zeit als Diplom-Musiklehrer und Orchesterleiter für Akkordeon-Orchester in irgendeiner Weise geholfen, genutzt oder irgendeine Unterstützung geboten. Auf Landesebene wurde ich für kurze Zeit etwas bemerkt, aber auch das endete mit dem unfassbaren Bewertungsergebnis des Wettbewerbes. Vielmehr habe ich erlebt, dass sich ständig Hobby-Musiker zu “Dirigenten” aufschwangen oder den Unterricht übernahmen, während ich als studierter Berufsmusiker um meine Existenz und die meiner Familie ringen musste. Sogar heute noch sitzen gelegentlich dhv-zertifizierte Hobby-Dirigenten in den wenigen Konzerten, die ich noch dirigieren darf, um sich merklich während der Aufführungen über mich lustig zu machen; das ist weder Übertreibung noch irgendein Scherz. Dies und die fehlende Kollegialität unter Profis kann für mich nur bedeuten, mich auf meine Arbeit mit meinem letzten Orchester zurückzuziehen und alles andere zu ignorieren.

Mir ist vollkommen klar, dass dieses lange Statement nichts bewirken wird und das auch nicht kann, denn schließlich ist es für mich ja nun buchstäblich zu spät. Aber mir war es ein Bedürfnis, mit meiner durch Erfahrung gewonnenen Einstellung zum DHV und der Akkordeon-Szene nicht hinter dem Berg zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar Steinhaus

Instrumentallehrer: Traumberuf oder brotlose Kunst

Vor mittlerweile fünf Jahren erschien dieser Artikel bei der Rheinischen Post online. Er ist an mir vorbeigegangen; es gibt eben so viel im Netz. Jetzt fiel er mir auf und ich habe dazu kommentiert.

Der Artikel kommt wie der Kommentator “Felix Hartmann” zu dem, in meinen Augen leider falschen, Schluss, dass man diesen Beruf ergreifen soll und, wenn man bescheiden ist, zwar “nicht reich” wird, was eine zynischer Euphemismus ist, aber Zufriedenheit in der Schönheit der Tätigkeit findet. Sicher, schon klar. Rosamunde Pilcher, die Schwarzwaldklinik, die Regenbogenpresse und das gesamte öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm legen die Plätzchen beiseite, stellen die Teetasse auf das gehäkelte Deckchen und applaudieren mit gezierten Fingern bei im Hintergrund laufender Traumschiffmusik und dem fröhlich singenden Florian Silbereisen.

Aus Bequemlichkeit habe ich “Warum die Akkordeon-Szene stirbt” kopiert und als Kommentar dort platziert. Antworten oder Reaktionen erwarte ich nicht. Ich bin erstens unbedeutend und zweitens interessiert sich die Öffentlichkeit bzw. die Gesellschaft nicht für die Lage der Kulturträger an der Basis. Wir haben weder die Anerkennung, noch die Bedeutung früherer Zeiten (und das ist nicht der “Früher war alles besser”-Tropus).

Wie im Grunde peinlich das für uns alle sein sollte, zeigt die schön illustrierte und richtig dargestellte Tatsache aus dem Anfang des Artikels:

“Wer sich dazu entscheidet Instrumentallehrer zu werden braucht gewisse Voraussetzungen, um für ein Studium zugelassen zu werden. Man sollte nicht nur sein Instrument perfekt beherrschen, sondern auch das nötige Gespür für das Zwischenmenschliche haben.”

Hohe Ansprüche, die erfüllt werden müssen! Wert? Nichts mehr.

Unbemerkter Abschiedsbesuch

Nach meiner Betriebsaufgabe hatten sich die Ereignisse überschlagen und ich war kaum zur Ruhe gekommen: Zuerst war ich an mehreren Standorten eingesetzt, was mich durch die große Zahl der zu betreuenden Schüler und die vielen Aufgabenfelder sehr in Anspruch nahm, danach war ich nur an einem Standort, der es mühelos schaffte, jeden Kollegen (beschreibt nicht das natürliche Geschlecht) im ständigen Panikmodus zu halten, sodass in meiner Zeit (mich eingerechnet) drei Kollegen wegen dadurch verursachter gesundheitlicher Beeinträchtigung ausschieden, ein Kollege sich versetzen ließ, einer in den vorzeitigen Ruhestand ging und ein Kollege sich entschied, diesen Beruf nicht weiter auszuüben, bevor es zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen kommt.

Meine jetzige Arbeitsstelle ist, das kann ich jetzt nach der Einarbeitung sagen, sachlich und fachlich erheblich anspruchsvoller. Ich komme damit ausgezeichnet zurecht. Wie an meinen vorigen Stellen ist das Kollegium sehr nett, kompetent, hilfsbereit und engagiert. Und wie an der Arbeitsstelle, an die ich für mein erstes halbes Jahr abgeordnet war, ist die Leitung ebenso nett, kompetent, hilfsbereit und engagiert. Die Einrichtung wird wie dort effizient mit flacher Hierarchie geführt und hat jeden Respekt verdient. Das ist eine sehr erfüllende, wichtige Aufgabe, die mir sehr viel Freude macht!

Nachdem ich die letzten Ferien mit meinem Krankenhausaufenthalt, Behandlung und Rekonvaleszenz beschäftigt war, ist diese unterrichtsfreie Zeit die erste gewesen, die ich nutzen konnte, um die längst überfällige buchhalterische Betriebsabwicklung durchzuführen. Ich habe das immer wieder zwischendurch angefangen, wurde nicht fertig, musste es, oft wochen-, wenn nicht monatelang, liegen lassen, um mich dann wieder von vorne einarbeiten zu müssen. Jetzt nutzte ich die erste Woche für – Nichtstun. Und etwas Arrangieren, Komponieren, Üben und Jammen. Aber das ist jetzt ja Hobby. Die zweite Woche nutzte ich zur rechtlichen Betriebsabwicklung. Das ist enorm dringend, weil ich nicht einmal meine Steuererklärung für 2017 fertigstellen konnte, während ich nach Betriebseinstellung an meinem ersten Standort eingesetzt war. Und mit dem Finanzamt spaßt man nicht.

Zu dieser Abwicklung nun gehört unter anderem die Feststellung, wie hoch das in das Privateigentum übergehende Betriebsvermögen ist, das beispielsweise als Veräußerungsvermögen steuerlich relevant werden kann. Ich muss also den Wert meiner Instrumente und des sonstigen Inventars einschätzen lassen und den Marktwert gegen den Abschreibungswert stellen, um dieses Vermögen zu bestimmen.

Irgendwann in den 80-er Jahren kaufte ich von meinem Orchesterleiter, Enno Meyenburg, mein erstes wirklich hochwertiges Akkordeon. Er verkaufte mir ein neuwertiges Instrument sehr günstig, allerdings ohne jede Gewährleistung. Das Instrument ist hervorragend und wird heute noch von meiner Frau gespielt. Als ich ein kleines Problem mit der Registerschaltung hatte, empfahl mir unsere damalige Elektronium-Spielerin, die hervorragend spielende, immer fröhliche und liebenswerte Carola, das Fachgeschäft in Hamburg, wo sie ihr eigenes Akkordeon gekauft hatte. Seitdem war ich Kunde dort.

Als mir der Standard-Bass nicht mehr reichte, weil ich mich am Oktavsprung störte, als ich links mehr melodiös arbeiten wollte, kaufte ich dort ein Borsini-Converter-Akkordeon mit Piano-Tastatur und übte darauf autodidaktisch das Melodie-Bass-Spiel. Als mich Elsbeth Moser nach einem Konzert einlud ihr vorzuspielen, lobte sie mich für diese Leistung, forderte aber, dass ich auf Knopf-Tastatur im Diskant umsteigen muss, um bei ihr Unterricht zur Studienvorbereitung zu nehmen.

Ich war damals im Lehramtsstudium und konnte mir ein neues Instrument nicht leisten. Da zeigte sich Herr Brusch, der Inhaber des Geschäfts, von einer mich völlig überraschenden Seite: Er nahm mein Instrument, das ich fleißig spielte aber behandelte wie ein rohes Ei, nach zwei Jahren in meinem Gebrauch zurück und tauschte es kostenlos gegen ein höherwertiges Borsini-Converter-Knopfakkordeon ein! Seine Begründung: Er wollte mich fördern, weil wir immer wieder mal über meine Arbeit, mein Engagement für meinen Heimatverein, meinen Unterricht bei Elsbeth Moser (vorübergehend auf einem Leihinstrument der Hochschule) und mein Studienziel sprachen, er tatsächlich von Enno Meyenburg viel hielt und meinte, dass ich als Ennos und Wilhelm Hunns Schüler und durch ein Studium qualifiziert aufgebaut Traditionen fortführen und etwas Gutes für die Szene bewirken könnte. Es gab immer Menschen auf meinem Weg, die so etwas wie Hoffnung in mich setzten, mir einiges zutrauten und mir gut zusprachen. Immer. Darüber schreibe ich eigentlich nicht, weil das zu sehr nach Selbstbeweihräucherung aussieht, aber es gab sie bis zuletzt. Abgesehen davon war Herr Brusch aber tatsächlich der einzige, der mich durch diese Maßnahme massiv finanziell unterstützte.

Das Instrument ist natürlich studientauglich und hochwertig. Ich habe es gepflegt, generalüberholen lassen und spiele es, seitdem ich es erhalten habe.

Von den über 300 Schülern meiner Zeit als Instrumentallehrer habe ich einige zu diesem Fachhandel gebracht, wenn sie ein neues Instrument brauchten. Der Vorteil war, dass es hier immer eine große Auswahl verschiedenster Marken gibt und auch gebrauchte Instrumente so hervorragend aufbereitet sind, dass sie ohne Abstriche orchestertauglich sind und oft zu günstigeren Preisen mit der am weitesten verbreiten Marke leicht mithalten, wenn sie sie nicht sogar übertreffen.

Man kannte sich, vertraute einander, schätzte sich gegenseitig. Man begrüßte sich herzlich, die Schüler probierten verschiedene Instrumente, wir berieten gemeinsam, man trank einen Kaffee und redete über künftige Projekte, neue Werke oder Konzerterlebnisse. Dann zog sich Herr Brusch in den Ruhestand zurück und übergab sein Geschäft an Henning, der es trotz der problematischen Lage in unserem Geschäftszweig erfolgreich weiter aufbaute. Ich brachte weiterhin Schüler, man kannte sich, vertraute einander, schätzte einander, man arbeitete zusammen und plauderte bei einem Kaffee, zeigte sich gegenseitig Bilder der neu geborenen Kinder. Henning eröffnete seine Filialen, übergab die Leitung dieser Filiale an Geschäftsführer, wir lernten uns über die Jahre kennen, alles war wie vorher. Ich war dort viele Jahre anerkannter Profi auf Augenhöhe. Ein gutes Gefühl.

Dann endet meine Unterrichts-Arbeit für Akkordeon-Vereine und meine neuen eigenen Schüler konnte ich mit kleinen eigenen Instrumenten für den Anfangsunterricht versorgen. Also kam ich für ein paar Jahre nicht nach Hamburg in das Fachgeschäft.

Vorgestern rief ich an. Ich musste meinen Namen zweimal nennen: Der junge Mann am anderen Ende kannte ihn nicht, wusste nicht, wer ich bin. Ich vereinbarte einen Termin und fuhr gestern mit meinem Instrument für ein Wertgutachten hin. Ich musste meinen Namen noch einmal nennen, der junge Mann sah in den Computer, ich musste meinen Namen buchstabieren und dann sagte er: “Oh, Sie haben Ihr Instrument bei uns überholen lassen?” Stimmt. Ist nicht die ganze Wahrheit, aber gut genug. Dann wurde der neue Instrumentenbauer der Filiale hinzugezogen. Er stellte fest, dass die Klappen bald mal erneuert werden müssen, womit er recht hat, aber zur Zeit der Generalüberholung waren sie noch gut und sie gehen noch eine gute Weile. Ich stimmte ihm also wie selbstverständlich wortlos nickend zu. Daraufhin sah er mich kurz abschätzend, nicht abfällig aber eben abschätzend, an und klärte mich in professionell distanziertem Ton auf: “Knopf-Instrumente werden ja schnell gespielt.”

Solche Augenblicke machen mir immer wieder schmerzhaft klar, dass ich aus dem Beruf raus bin und dass das unfassbar schnell geschehen ist. Mir schossen leider nur vier Antwortmöglichkeiten durch den Kopf: Sarkastisch (“Ach? Das habe ich ja noch nie gehört.”), naiv/ironisch (“Langsam geht nicht?”), positionierend (“Naja, ich habe auf diesem Instrument hier in Hamburg studiert, ich kenne also die Möglichkeiten ganz gut.”) oder faktisch/ironisch (“Man sollte Klaviere mit Knopftastatur bauen, damit die Pianisten schneller spielen können.”; denn offen gesagt: Virtuosität hat absolut gar nichts mit dem Griffsystem zu tun! Aber manche Legenden sind offenbar für manche Leute zu schön zum Sterben.)

Ich stand also da – und sagte nichts dazu. Denn diese jungen Männer kennen mich nicht und es hat keinerlei Bedeutung, mich kennen zu lernen. Für die bin ich ein älterer Herr, der da mit einem Instrument ankommt, von dem er nicht weiß, was er da eigentlich genau in Händen hat.

Ich habe bis vor einigen Jahren sehr viele Schüler für verschiedene Vereine unterrichtet, wahnsinnig viele Konzerte gegeben und war ein echter Multiplikator für das Akkordeon. Und? Jetzt bin ich raus. Warum soll ich diesen jungen Leuten erklären, was ich denke, wer und was ich mal war? Oder wie ich mir wünschen würde, gesehen zu werden?

Gemessen an der Schülerzahl und am Umsatz aus Unterrichten gehörte ich zu den erfolgreichsten selbständigen Instrumentallehrern. Mein Brutto-Einkommen lag gut doppelt so hoch wie das durchschnittliche Einkommen in diesem Beruf (was bei lächerlichen 13.400 € im Jahr liegt). Und? Meine Buchführung von 2017 zeigt mir, dass das Einkommen wieder deutlich gestiegen ist, aber dieser Anstieg von der gleichfalls gestiegenen Miete mehr als vollständig aufgefressen wurde. “Erfolg” in diesem Beruf bedeutet eben nicht zufriedene und glückliche Schüler, schöne Konzerte, tolle Arrangements und so weiter, wie Naiv-Ich mal dachte, sondern: Kannst du dich halten, kannst du dich finanzieren? Und das geht in diesem Beruf einfach nicht oder nicht mehr.

Ich werde noch einmal Kunde im Fachhandel in Hamburg sein: Die Klappen müssen mal gemacht werden. Ich werde da hin gehen, das Instrument abgeben, überholen lassen, für die Arbeit bezahlen und mit meinem Bajan wieder abfahren. Das wird mein unbemerkter Abschiedsbesuch sein bei “meinem” Fachhandel. Ein echter, gleichwertiger, gegenseitig wertschätzender Partner, dem ich immer vertrauen konnte, der mich nicht nur durch mein Berufsleben begleitete, sondern aktiv förderte. Ein Partner, dem ich sagen wollen würde: “Ich habe es ehrlich versucht! Ich habe alles gegeben! Ich habe mich bis zum Umfallen reingehängt! Danke für alles und entschuldige bitte, dass ich Dein Vertrauen enttäuscht habe!”

Es ist nur niemand mehr da, der weiß, was das soll. Niemand mehr, den das interessiert.

Schlussbetrachtungen

Freunde erkennt man an ihrem Handeln und aufrichtigen Worten und Loyalität sollte keine Einbahnstraße sein. Wenn es persönlich schwierig wird, dann erkennt man, wer es ehrlich mit einem meint und wer einen nur ausnutzt.

Die größte Enttäuschung meines Erwachsenenlebens ist unser Trauzeuge gewesen, der sich selbst zu meinem Opfer und gleichzeitig zum selbstlosen, engagierten Retter stilisierend mich um mein erstes Honorar-Engagement brachte, um ohne jede Qualifikation die Orchesterleitung zu übernehmen, als ich durch meinen Studienabschluss, die Geburt unseres Sohnes und Hauskauf- und Renovierung unter Druck geraten war. An die, auch öffentliche, Häme und den Spott, unter anderem mit anonymen Briefen, kann ich mich noch gut erinnern. Unvergessen bleiben auch die unter Pseudonym geschriebenen persönlichen Angriffe, in denen ich klar die realen Personen erkennen konnte, die sich aber durch die Anonymisierung unangreifbar machten. Es ging um meine Existenz und die meiner jungen Familie! Aber da wurde beispielsweise tatsächlich hämisch geschrieben, ich würde heulen, wie ein Kind im Sandkasten, dem man sein Schäufelchen weggenommen hätte. Was für ein grandioses “Argument”. So “erwachsen”.

Vielsagend auch die Attacke einer gestandenen erwachsenen Frau, die seit Jahrzehnten sehr bemüht ist, in unserer Region eine Person öffentlicher Wahrnehmung zu sein: Ich hätte nur “herumstudiert”, mein Leben nicht im Griff und sei unorganisiert. Klar, so etwas ist Rufmord und üble Nachrede. Aber was will man machen? Steckt man weg.

Das zog sich durch mein gesamtes Leben. Als ich als Hauptschüler den Realschulabschluss machen wollte, als ich die Ausbildung anfing, als ich Abitur machen wollte, als ich studieren wollte: Sie sind immer da gewesen. Die, die wussten, dass ich das nicht packen werde. Keinesfalls. (Einer meiner Chefs in einem der Ämter: “Sie sind kein Sportwagen. Sie haben einen 25-PS-Motor im Kopf. Wir müssten sehen, dass wir sie auf 100 PS bringen. Aber ich glaube nicht, dass das geht.”) Als das dann alles funktionierte, und alles andere als schlecht, tat man so, als hätte man nie etwas gesagt. Bei der nächsten Herausforderung für mich war man dann aber wieder zur Stelle, wusste und sagte: Das schafft der/schaffst du nie!

Sie waren auch immer da in meiner Zeit als professioneller Musiker. Davon ließ ich mich schon lange nicht mehr unterkriegen. Später beobachtete ich, dass von mir hoch geachtete Kollegen (Kolleginnen waren interessanter Weise nicht unter den Opfern solcher Attacken) auch unter solchen Angriffen litten und daran sogar zugrunde gingen, zu früh starben, dem Alkohol verfielen oder finanziell ruiniert wurden.

Als ich auch in Langenhagen merken musste, dass selbst über zehn Jahre professionelles, warmherziges, ehrliches, zielstrebiges und erfolgreiches Engagement und das Wegstecken der üblen Launen und beleidigenden Sprüche gewisser toupierter Damen nicht davor schützt, dass man in Ungnade fällt und auf primitivste Art angegriffen wird, blieb mir keine Wahl, als zum Schutz meiner Gesundheit aufzugeben.

Die letzten Gespräche mit dem Vereinsvorsitzenden machte mir klar, dass ich keine Chance mehr hatte: Auf der letzten Konzertreise war das Orchester mehr als unaufmerksam bei den Proben. Nach den Proben traf ich kopfschüttelnd auf den Vorsitzenden, der mir sagte, man sei eben nur zum Spaß da und Spaß könne man eben besser ohne mich haben. Im letzten Gespräch eröffnete er mir, mein Problem sei, dass ich Ziele immer knapp verfehlen würde und knapp unterhalb des zu Erreichenden bliebe. Das sagte er mir so ins Gesicht. Man arbeitet sich von der Hauptschule bis zum akademischen Grad hoch (allein schon altersbedingt wäre ein Konzertexamen nicht mehr möglich gewesen und eine Doktorarbeit brächte mir keinen Nutzen) und dann sitzt da ein 1. Vorsitzender ohne musikalische Qualifikation, der meint, er muss seinem Orchesterleiter erst einmal sagen, was für ein Underachiever er doch ist.

So führte mein Weg schließlich in den öffentlichen Dienst als Pädagoge. Wieder engagierte ich mich total. Ich identifizierte mich wie zuvor in Walsrode, Celle, Hamburg und Langenhagen (und anderen Orten) vollständig mit der Aufgabe. Wie in den Vereinen und Musikschulen übernahm ich alle Aufgaben, um die ich gebeten worden bin, obwohl meine Stelle das nicht vorsah. Dieses Mal warf mich ein Virusinfekt massiv auf die Bretter. Ich ließ mich davon nicht unterkriegen, erholte mich schnell. Nur um feststellen zu müssen, dass mein Stuhl vor der Tür steht.

Loyalität ist eine Einbahnstraße gewesen. Kollegen (generischer Maskulin in neutraler Funktion, um die Identität zu schützen; denn ja: Die Vertretung als Neutrum ist die eigentliche Aufgabe des Maskulin. Aber dies ist eine völlig andere Debatte und der Pseudofeminismus hat da bereits gewonnen.), die vorher selbst unter ähnlichem litten, kritisieren mich jetzt, weil und wie ich mich wehre. Und die, die “immer schon” wussten, dass ich “es” nicht schaffe, freuen sich wieder ein Loch in die Mütze. Wer, ich kann aber versichern nur scheinbar (!), auf dem Boden liegt, wird getreten.

In den USA gab es gestern einen Protest einer jüdischen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor rechten Tendenzen zu warnen, um ähnliches wie den Holocaust zu verhindern. Sie veranstaltete deshalb einen Sitzstreik und blockierte die Zufahrt zum Parkplatz einer dieser unsäglichen konzentrationslager-ähnlichen Unterbringungen für mittelamerikanische Flüchtlinge. Einer der Wachleute fuhr mit einem Truck auf die Sitzenden zu. Sie sprangen erschreckt auf. Er hielt. Dann gab er erneut Gas. Er fuhr in sie hinein. Es gab Verletzte, eine Person brach sich ein Bein. Unter normalen Umständen haben die Demonstranten ihr Recht auf freie Meinungsäußerung genutzt und die Fahrt war ein Angriff mit einer tödlichen Waffe. Der Präsident ist aber Trump und es gibt seinen Propaganda-Sender Fox, die den friedlichen Protest als Angriff und den Fahrer als das Opfer darstellen, das sich mit dem Anfahren der Protestierenden nur rechtmäßig wehren würde.

Das ist extrem und mit meiner Situation nicht gleichsetzbar, aber folgt einer ähnlich verdrehten Logik:

1. Der Verein ist das Opfer/Dem Institut wird übel mitgespielt. Denn diese sind immer gut und machen und wollen doch nur das Beste. Man will doch, dass alles gut aussieht! Man ist doch eine Einheit! Und jetzt kommt da jemand daher, der aus dieser Einheit entfernt wurde, und meint, weil er ein kleines bisschen ärgerlich ist – “Ich verstehe ja, dass Du Dich ärgerst! Aber … also …. Nein!” -, dass er dieses schöne Bild stören muss? Unverschämtheit. Was für ein fieser Charakter.

2. Der wehrt sich und widerspricht! Dann muss an den Vorwürfen ja etwas dran sein! Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Und dann gibt es Freunde und Freundinnen. Die hören nicht nur zu. Die nicken nicht nur Beifall. Die rücken einem auch mal den Hals gerade. Bei kleinen wie bei großen Problemen.

Mehrere solcher Gespräche hatte ich in den letzten Tagen, um einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen. Dabei kam die Frage und Kritik auf, dass ich so etwas öffentlich aufschreibe und dies sehr ausführlich. Die Antwort ist: Über mich wurde, wie beschrieben, immer viel getratscht und gelästert; geht wohl vielen so. Wenn einem das dann begegnet und man verteidigt sich, dann tritt die obige verquere Logik in Kraft. Deshalb gebe ich die Narrative vor.

Das sind Schlussbetrachtungen, weil ich mit meiner bisherigen Arbeitsstelle abgeschlossen habe. Ich brauche nur noch den Termin für den Klavier-Transport, dann ist das Instrument dort wieder weg. Ab Montag arbeite ich an einer anderen Stelle in einem fortgeschrittenem Segment. Ich bin unglaublich froh, dass das so schnell für mich geordnet wurde!

Das sind Schlussbetrachtungen, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas Neues ausprobieren werde: Ich werde mich nicht mehr vollkommen mit der Aufgabe identifizieren. Ich werde nicht mehr Aufgaben übernehmen, weil ich mich besonders einbringen will oder die junge Leitung nach Kräften unterstützen etc. Ich werde sorgfältig, engagiert und mit Freude arbeiten. Aber nur das. Alles andere, dieses Mehr an Engagement, hat mir meine letzte Leitung ausgetrieben. Endgültig. Ich werde pünktlich und mit Freude zur Arbeit fahren, aber ich werde auch pünktlich und mit Freude wieder nachhause fahren. Ich werde Zeit haben, um für mich etwas zu tun. Ich werde Musik für meine Seele und für mein Wohlbefinden machen. Ich werde mit meinem Sohn nächtelang Sterne beobachten. Ich werde mit meiner Familie Essen und ins Kino und Theater gehen. Ich werde Freizeit haben. Ich werde das genießen.

Ich werde nicht mehr mich selbst aufopfernd, nicht mehr bis buchstäblich zum Umfallen arbeiten. Glückwunsch an alle 1. Vorsitzenden, Musiker-“Kollegen”, Chefs, grauen Eminenzen von Vereinen, Tratschtanten und -Onkel und so weiter! Es ist geschafft, Ihr habt es vollbracht: Ich stecke den Kopf nicht mehr raus.

Danke an alle Freunde und Freundinnen: Familie, Ihr und Lebensqualität zählen. Ich habe es überstanden. Ich habe verstanden. Ihr habt mir dabei geholfen.

Ohne Meike wäre ich nicht mehr da. Das ist mir vollkommen klar. Wenn ich jetzt weitermachen würde wie bisher, wäre das das Undankbarste, was ich machen könnte.

Überschlagsrechnung

Rechnen wir doch mal:

Ich unterrichtete in meinem letzten Jahr als freiberuflicher Musiklehrer gut 40 Schüler monatlich und leitete ein Orchester.

Einnahmen monatlich brutto: 2.306 €

Betriebsausgaben: 1.548 €

Künstlersozialversicherung: 100 €

Sonstige notwendige Ausgaben (z. B. Steuer, priv. Vorsorge): 400 €

Nettoeinkommen monatlich: 258 €

Zusammenfassend gesagt: Mehr als 40 Schüler, gemietete Unterrichtsräume, Abzahlung von Inventar und Instrumenten. Zuvor arbeitete ich zeitweise für mehrere Vereine bzw. Organisationen als Lehrer und Orchesterleiter mit einer Schülerzahl von etwa 30 ohne die Mietausgaben und Instrumentenkosten aber mit Lohn-, Lohnnebenkosten und Kosten für Personalbuchführung für eine geringfügig beschäftigt Angestellte, die sich für die eigentliche Chefin hielt, und ich habe dazu unter anderem noch kostenlos Auftritte dirigiert und Arrangements geschrieben.

Jeder dürfte sofort sehen: Davon zu existieren ist kein Spaß und eigentlich unmöglich.

Jetzt schauen wir doch mal, wie die Verhältnisse in einem beliebigen Verein/Club sind:

Ich zähle sechs Akkordeonschüler auf Fotos. Nie mehr. Sagen wir mal, es sind acht. Nehmen wir zudem an, etwa die gleiche Zahl an Keyboard- und/oder Klavierschülern wären da. Dann gibt es noch das Hauptorchester, ein „Spaßorchester“ und die Jugendlichen und Kinder als Klangkörper. Alle werden von einer guten Zahl Orchestermitgliedern unterstützt, sind also keine eigentlichen eigenen Klangkörper, sondern immer dieselben Personen unter anderen Namen mit eben weiteren Spielern. Drei Klangkörper also finanzieren irgendwie ihren Leiter, wobei von den jeweils etwa zwölf Orchesterspielern so ca. fünf in jedem Klangkörper sitzen. Man beschäftigt zwei professionelle Akkordeonisten mit Hochschulabschluss und eine „Lehrerin“, die gerade mal einen oder zwei D-Lehrgänge besucht hat, aber, natürlich, die große, dabei aber ach so bescheidene, Fachkraft spielen darf.

Über die Preise gibt es keine Transparenz.

Es ist keine rhetorische Frage sondern durch dieses Bild eindeutig beantwortbar: Wenn etwa 12 Akkordeon-Orchester-Mitglieder und etwa, großzügig geschätzt, 16 Instrumentalschüler in verschiedenen Besetzungen drei Klangkörper bilden, eine Person davon eine Hobbylehrerin für diesen Verein mit Honorar (!), während sich die echten Profis Unterricht und Klangkörper teilen, auf wessen Kosten wird da gearbeitet? Davon kann kein Mensch existieren, der rechtskonform arbeitet und sich entsprechend versichert! Das geht einfach nicht. Auch nicht, wenn da vielleicht noch irgendwo anders Einnahmen in gleicher Höhe bestehen, was ich bezweifele.

Mit Mitte 20 und Mitte 30, vielleicht ohne Kinder, mag man als Profi noch von sich selbst so begeistert sein, dass man denkt, das wäre zu schaffen: Ist es nicht. Damit ist nur programmiert, dass man vor die Hunde geht. Definitiv. Ich habe es mehrfach bezeugt, war selbst kurz davor und landete im Krankenhaus und es gibt hinreichend auch berühmte Beispiele großer Namen des Akkordeons.

So etwas kann sich ein solcher Verein nur erlauben, weil es für Profis keine Unterstützung gibt, sich niemand um die Scheinselbständigkeit von Fachkräften in Vereinen kümmert und sich heute zumeist osteuropäische professionelle Musiker für ein Appel und ein Ei zu verkaufen bereit sind. Auf den Folgen bleiben die jungen Kollegen selbst sitzen. Dem Verein ist die schiere Existenz der Lehrer egal. Dem geht es nur um die Selbstdarstellung der handelnden Vereinseminenzen und die eigene Großartigkeit.

Aber vielleicht irre ich mich ja und der Club ist in der Lage, beiden Lehrkräften ein insgesamt angemessenes Honorar zu zahlen. Das müsste überschläglich gerechnet für jeden der beiden Profis, wenn sie noch andere Einnahmen haben, bei 2.000 € brutto liegen; insgesamt muss man auf etwa 4.000 € brutto als Profi kommen, damit das Nettoeinkommen wenigstens ansatzweise der Qualifikation entspricht und man davon leben kann. Denn die Kosten der Selbständigkeit sind hoch und man muss Altersvorsorge betreiben.

Also: Zwei Profis, das bedeutet mindestens 4.000 € monatlich an Honorar, damit sie davon existieren können.

Aber die sind froh, dass sie überhaupt einen Job haben und als Künstler aktiv sein können. Und das weiß der Club genau. Solange sie hübsch gehorchen und schön nett sind, dürfen sie auch weiter für ein Einkommen arbeiten, das effektiv unter dem Mindestlohn liegt.

Dafür erzielt der Club an dem an ihnen gesparten Geld die Einnahmen, die ein Clubheim und Reisen finanzieren. Da darf man dann mitfahren. Natürlich arbeiten: Proben, Auftritte. Damit verdient man sich dann Unterkunft und Frühstück, in Jugendherbergen auch Mittag und Abendbrot. Honorar?! Nun mal nicht unverschämt werden!

Schöne, heile Akkordeon-Orchester-Welt, nicht wahr?