Archiv der Kategorie: Gedanken zur Sprache

Rostige Rüstung

Ich musste mir bis vor etwa vier Jahren oft die Nächte um die Ohren schlagen. Das hat nun ein glückliches Ende gefunden. In jener Zeit aber hatte ich mir angewöhnt, im Internet zu debattieren. Einige dieser Debatten halte ich auch in der Nachbetrachtung für ausgesprochen sinnvoll, weil sie mir etwas brachten, sogar mein Weltbild positiv beeinflussten. Auf eine besondere bin ich sogar ein wenig stolz; wo das war und worum es ging, möchte ich aber nicht veröffentlichen.

Jetzt hat ein Freund auf seinem Blog einen, wie eigentlich immer, tollen Artikel über einen Artikel eines anderen Autoren geschrieben, der “unserer” Generation vorwirft, ohne Argumente die gendergerechte Sprache abzulehnen. Es schlugen Kommentatoren auf, die das auch so sehen.

Also warf ich mich noch einmal in meine rostig abgeschrabbelte Rüstung des Internetkriegers und ritt in die Schlacht. Die Kommentare, auf die ich antworte, veröffentliche natürlich nicht; worauf ich aber reagiere, kann man an meinen Antworten sehen. Der Mann meinte übrigens, er würde vollständig “inkludierend” grundsätzlich in der weiblichen Form schreiben. Das hat mich getriggert (Tippfehler bitte verzeihen, man schreibt eben doch etwas oberflächlich in Kommentaren):

Dietmar
 26. September, 2020 19:08

Moment mal: “Ironisches Gendern von Begriffen, bei denen es keinen Sinn ergibt”? Das sehen wir uns doch mal genauer an:

Ironie bedeutet, dass ein Begriff, der nach deinem Sprachverständnis als eindeutig einzustufen wäre, umgedeutet würde. Wie Heinz Erhardt, als er sagte, man betrete den Wald und links stehe ein Baum, rechts eine Bäumin. Nur ist beispielsweise “Bürger” ein solch eindeutiger Begriff. Ganz eindeutig! Er kommt Dir nur nicht mehr so vor, weil durch die ständige, anbiedernde Benutzung von “Bürgerinnen und Bürger” das Sprachgefühl per Willensakt gebeugt ist. “Bürger” entspricht “Gast”. Bei “Gast” spüren wir den Fehler noch, bei “Bürger” nicht mehr.

Die Gender-Ideologie, und nichts anderes ist sie als eine Ideologie, geht davon aus, dass die Genera geschlechtlich sind, aber das sind sie eben nicht. Wenn sie das wären, hätten die Frauen echt Pech! Denn “Frau” kommt von “frouwe” und “frouwe” entspricht dem “Herren”. Deshalb heißt der Feiertag “Leichnam des Herren” auch “Frohnleichnam”.

Die Genera sind in der indogermanischen Sprache, die unserer Sprache zugrunde liegt, aus einer sprachlichen Notwendigkeit heraus entstanden, um syntaktischen (!) Sinn zu ergeben. Es ist komplett albern anzunehmen, dass sich die Menschen darüber Gedanken gemacht hätten, welches Geschlecht etwas hätte. Zumal sie sich ständig bei jedem Wort einigen müssten.

Das Maskulinum ist der Standardgenus, in das alles fällt, was nicht Verlauf oder Ergebnis eines Geschehens ist; auch, wenn diese Herkunft uns verborgen sein mag: Unser Sprachzentrum “weiß” das automatisch. So automatisch, wie der Darm verdaut. Denn Gehirnfunktionen sind Körperfunktionen und unterliegen damit evolutiven Prozessen.

Wir nennen “der” maskulin, “die” feminin und “das” weiblich. Würde Sprache sich um Genera scheren, müssten die Fragewörter dem entsprechen. “Wer” fragt aber nicht (!) nach den Männern sondern nach allen Personen! Das -er als Suffix ist kein (!) Zeichen des Maskulinum. Die weibliche Frage müsste, entsprechend dem “sie”, “wie” lauten. Gibt es aber nicht, ist vielmehr die Frage nach der Art und Weise.

Maskulinum, Femininum und Neutrum bezeichnen keine natürlichen Geschlechter. Die Tür ist keine Frau, und es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass sich die Indogermanen eine Frau vorstellten, als sie das Wort “dhwer” aus ihrer Vorgänger-Sprache entwickelten.

Dietmar
 26. September, 2020 20:52

(Oh verdammt! Ich verfalle gerade in ein altes, überwunden geglaubtes Muster: Ich fange an, ausführlich zu debattieren. Schreiben wir es als vorübergehenden Rückfall ab, bitte!)

Mit Deinem Kommentar habe ich, abgesehen von dem schon Bemerkten, doch noch ein paar Probleme:

  • “In der Linguistik…” Schön. Aber sprachwissenschaftlich ist es falsch, den Genera ein natürliches Geschlecht zu unterstellen und dem Sprachzentrum etwas anderes als die Ordnung nach rein sprachlichen Mustern.
  • “In der Psychologie…” Gender Studies, das ist die Keimzelle dieser Idiotie, ist aber keine Psychologie und nicht einmal ein ernsthaftes, wissenschaftliches Forschungsfeld. Ich renoviere gerade mein Arbeitszimmer, kann also nicht auf die Quellen zugreifen, aber bei den Gender Studies ist es die grundannehmende Voraussetzung (!), dass die Sprach männlich dominiert ist. Sprache hat psychische Folgen. Dass der Standardgenus als männlich bezeichnet wird und, weil Standard, häufig ist, hat solche Folgen nicht.
  • “Inklusiver Formulieren” Ich arbeite als Lehrer. Das Kollegium ist zu 80 % weiblich. Wie ungerecht von mir, Frauen nicht in meinen Männerkreis aufzunehmen und mit einem männlichen Löffel morgens meinen Kaffee umzurühren.
  • “Möglichst inklusiv schreiben” Frauen sind Bestandteil der Gesellschaft. Sie sind nicht exkludiert. Waren sie nie. Es gab und gibt Benachteiligungen. Mehr Frauen als Männern gegenüber, möglicherweise. Aber “Inklusion” ist so derartig albern überzogen, dass es mir tatsächlich schwer fällt, Dich und Deine Motive ernst zu nehmen.
  • “…erwarte nicht, dass jemand, die das hier liest…” Inkonsequent. Es muss heißen: “…erwarte nicht, dass jefraut, die das hier liest…” Das ist mein Ernst. Du fragst nach jemandem mit “wer”, dem maskulinen Fragewort. In “jemand” steckt das Lexem “man”, und darauf muss das maskuline Reflexivpronomen folgen, also “der”.

Aber vielen Dank: Hier zeigt sich wieder, dass man sich mit dem Sprachzentrum nicht anlegen kann, ohne unauflösliche Widersprüche zu erzeugen. Gendersprache ist nicht gleichzusetzen mit dem gerechtfertigten bewussten Änderungen im Sprachgebrauch (beispielsweise die Regionen südlich der Sahara nicht mehr als “Schwarzafrika” zu bezeichnen). Sprache ist eine evolutiv wachsende Eigenschaft des Körpers, nämlich des Gehirns. Und das “weiß”, warum die Straße weiblich ist, das Auto sächlich und der Idiot immer männlich. Es sei denn, die Geschlechtsmerkmale spielten irgendeine Rolle. Was sie beispielsweise bei einer Gabel oder einem Löffel selten tun.

Aber künftig rühre ich dann eben mit einer Löffelin in meiner Kaffeein, damit sich meine Kolleginnen inkludiert fühlen.

Dietmar
 26. September, 2020 23:56

(Wow: Echt ein Rückfall! Will zu Bett gehen, und da fällt mir etwas ein, was ich noch schreiben wollte, dann aber nicht daran dachte. Muss jetzt raus:)

Wenn Du eine “echte” weibliche Bezeichnung für die Frau haben willst, kommst Du auch im Englischen nicht weit: Da sind Frauen “woman”, also Weibsmänner/Weibsmenschen. Die einzige richtige Frau ist die Queen (kommt aus dem indogermanischen kwen, was noch in Gyn- von Gynäkologie steckt). Das Weib an sich ist aber schon wieder sächlich.

Ach, ist das nicht irgendwie ärgerlich, dass so gar nichts richtig passt, wenn man meint, dass sprachliche Genera natürliche wären?

Die Funktion der Genera

Die Genera in der deutschen Sprache haben eine andere Aufgabe, als das natürliche oder ein imaginäres Geschlecht anzuzeigen. Täten sie das, wären alle Feminina als weiblich zu denken und alle Maskulina als männlich. Die Sprachfamilie hätte sich darüber einig sein müssen, welches Wort man sich wie vorzustellen habe und über jedes neue Wort hätte man sich neu klar werden und einigen müssen. Was für einen sprachlichen Sinn sollte so etwas haben? Quasi willkürlich und nicht nachvollziehbar Begriffe Geschlechtern zuordnen, um sie geschlechtlich zuzuordnen? Wozu? Welche sprachlich sinnvolle Funktion sollte das erfüllen? Das kann schlichtweg nicht sein.

Zugrunde liegt vielmehr ein Automatismus des Sprachzentrums, dem das Geschlecht einfach egal ist. Es kennt das nicht. Es kennt nur grammatikalische Funktionen und Automatismen.

Ich habe hier einmal eine willkürliche Liste von Nominalisierungen zusammengestellt:

Verben

ich tanze, du tanzt, er/sie/es tanzt

 

 

das Tanzen

 

 

die Tanzerei

ich schlafe, du schläfst, er/sie/es schläft das Schlafen der Schlaf
ich laufe, du läufst, er/sie/es läuft das Laufen die Lauferei
ich bade, du badest, er/sie/es badet das Baden das Bad
belegen das Belegen die Belegung
kapitulieren das Kapitulieren die Kapitulation
Adjektive

bedrohlich

 

 

das Bedrohen

 

 

die Bedrohung

ehrlich das Ehrliche die Ehrlichkeit
mutig das Mutige der Mut
selten das Seltene die Seltenheit
groß das Große die Größe
schnell das Schnelle die Schnelligkeit
einladend das Einladende die Einladung
offen das Offene die Offenheit

Wir sehen, dass die Genera nur in der dritten Person auftauchen, die erste und zweite in das Standardgenus fallen. Und wir sehen ein grundsätzliches Muster in der Nominalisierung: das Verb oder Adjektiv wird im ersten Schritt zu einem Neutrum, im zweiten zu einem Femininum. In meinen Beispielen gibt es da aber Ausnahmen: der Schlaf, das Bad, der Mut. Die sehen wir uns mal genauer an:

Der Schlaf ist eines dieser “neuen” *s-Wörter und im Gotischen als sleps nachgewiesen. Wikipedia setzt die Entstehung des Wortes später, nämlich im Althochdeutschen mit dem Wort slaf als Substantivierung des Verbs slafen an. Das halte ich für falsch, weil es die ältere gotische Form als *s-Wort gibt. Mit diesem verwandt sind einige Worte, die durch Wegfall des Schluss-S und des Anlaut-S nicht auf Anhieb ähnlich sehen, wie Lippe oder Lappen. Die Wurzel dafür haben wir schon kennengelernt: leb- für schlaff. Der Schlaf ist also nicht das Ergebnis der Nominalisierung des Verbs schlafen, sondern ein aus dem *er-Wort leber entstandenes *s-Wort slebs als Ursprung des Verbs.

Beim Begriff Mut stoße ich wieder an die Grenzen der Darstellbarkeit meiner Tastatur. Etymologisch taucht der Begriff als, grob vereinfacht geschrieben, moßim Gotischen als *s-Wort und maskulin auf. Auch hier gibt Wikipedia ein Verb als Ursprung, mo-, an, das für “sich mühen” stehe. Moßwird nach meinem etymologischen Wörterbuch im Gotischen in der Bedeutung von Mut und Zorn gebraucht. Den Zusammenhang, den Wikipedia findet, kann ich durchaus sehen. Aber auch hier scheint es mir eindeutig, dass das Nomen Mut früh als Maskulinum bestand.

Das Bad finde ich besonders erfreulich! Denn es hat eine Wortverwandtschaft zu einem althochdeutschen Wort für wärmenbajan. Wer weiß, dass das von mir studierte Instrument in Russland Bajan genannt wird, versteht, warum ich mich ein wenig freue. Diese Namensgleichheit ist aber reiner Zufall. Baen oder bajan kommt vom Indogermanischen bhe- für wärmen, rösten. (Obwohl ich gerade denke, da das Urindogermanische im Raum des heutigen Wolgograd beheimatet ist, kann es durchaus eine Verwandtschaft geben. Wer würde zum Beispiel auf den Gedanken kommen, dass unser Baum dem englischen beam, unsere Wolke dem englischen to walk entspricht? Die Bedeutungen sind völlig anders, aber dennoch sind das die selben Wörter, die in ihrem Ursprung dasselbe bedeuteten.)

Warum sind dann Schlaf und Mut maskulin, Bad aber sächlich? Bad bezeichnet ein Verlaufsgeschehen, Schlaf und Mut einen Zustand.

Wenn wir die Nominalisierungstabelle ansehen, erkennen wir abgesehen von diesen gerade betrachteten Ausnahmen eine klare Struktur: Das Neutrum bezeichnet ein aus dem Verb oder Adjektiv sprachlich hergeleitetes konkretes Ereignis oder Objekt, das Femininum bezeichnet eine Klasse, einen größeren Zusammenhang, über das Konkrete Hinausweisendes. So bezeichnet der eigenartige Begriff die Tanzerei ein allgemeines Geschehen und ist nicht mit dem Tanz zu verwechseln.

Es ist noch einiges zu tun, und ich befürchte fast, hier ist das etwas ins Unreine geschrieben. Aber ich wollte wenigstens signalisiert haben, dass ich an dem Thema weiter arbeite.

Diese Nominalisierung, die bei uns automatisch abläuft, spiegelt das Sprachgeschehen unserer Vorfahren. Genau auf diese Weise haben sich die Genera auch allgemein entwickelt. Denn würde irgendjemand klaren Verstandes ehrlich meinen, dass die Nominalisierungen sächlich sind, aber, wenn sie eine Klasse bezeichnen, weiblich? Warum gibt es denn keine männliche Nominalisierung, wenn die Sprache doch angeblich männlich dominiert ist? Solch eine Denkweise kann doch nur falsch sein.

Tatsächlich sind das keine Neutra oder Feminina sondern Genera, die nicht der Standardgenus sind.

Die neuen Wörter

In den letzten beiden Artikeln beschäftigte ich mich mit den ältesten Wörtern, die aus der urindogermanischen Sprache erhalten sind, den Wörtern die auf *er enden. Um weiter zu machen, wollte ich mir ein indogermanisches etymologisches Wörterbuch kaufen; aus der Erinnerung zu schreiben, ist zwar irgendwie bequem, aber auch fehleranfällig. Ich war einigermaßen entsetzt, als ich feststellen musste, dass es so etwas nur noch antiquarisch zu erwerben gibt! Brauchen beispielsweise Germanisten so etwas nicht mehr? Hat Expertise auf gar keinem Gebiet mehr eine Bedeutung? Kein Wunder, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird …

Jedenfalls, ich bin kein Germanist und möchte als interessierter Laie möglichst Richtiges zusammenschreiben. Also habe ich dieses zweibändige Wörterbuch antiquarisch teuer erworben, um darin zu forschen. Als erstes sah ich meine bisherigen Beispiele nach, um die ältesten Formen zu ermitteln. “Schwester” fand ich nicht auf Anhieb. Mir war klar, dass “sch” “s” gewesen sein muss und “w” “u” (nicht in der Schrift, denn die hatten die Urindogermanen nicht). Der Wortstamm musste also “sue-” gewesen sein. Habe ich trotzdem nicht gefunden (ist aber da: ich habe es einfach übersehen). Also dachte ich, ich leite das falsch her und schaute im Netz nach, unvermeidlicher Weise Wikipedia. Dort steht dann ebenso unvermeidlicher Weise sehr “woke”, unrassistisch und genderneutral, das Wort sei “indoeuropäischen” Ursprungs und heiße “suesor” (das “u” muss man etwas anders schreiben, aber ich verfüge nicht über diese Buchstaben). “Suesor” stimmt, das habe ich jetzt im Wörterbuch gefunden. “Indoeuropäisch” stimmt nicht. Es ist nicht rassistisch oder deutschnational sondern einfach fachlich richtig, dass die Sprache “indogermanisch” heißt. Aus dem Urindogermanischen gingen das Uritalische, das Urgermanische und das Urindoiranische hervor. Daraus wiederum jeweils das Lateinische, das Deutsche und das Vedische. Zu den germanischen Sprachen gehören Deutsch, Niederländisch, Gotisch, Friesisch, Dänisch, Englisch, Schwedisch, Faröisch und Isländisch. Das hat gar nichts damit zu tun, dass unser Land international auch als Germanien und wir als Germanen bezeichnet werden. Sondern: “Europäisch” ist keine Sprache und keine Sprachfamilie. Germanisch aber schon. Europa ist ein Kontinent und ein sinnvolles und sehr wichtiges Staatengebilde, aber keine sprachliche Identität.

Zurück zum Kern: Die ältesten Wörter sind also *er-Wörter wie etwa Leb*er, Diet*er, Somm*er etc. Da das Urindogermanische keine bestimmten Artikel kannte, wusste niemand, dass die Leber weiblich war. Aber irgendwann wurde sie das. Warum? Wann hatten die Menschen vor etwa 10.000 Jahren etwas mit diesem Organ zu tun, das dazu führte, dass es in das “weibliche” Genus fiel?

Vor 10.000 Jahren vollzog sich immer noch der Wechsel aus der neolithischen Revolution. Die Urindogermanen zogen im Raum Wolgograds (früher Stalingrad) nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres nomadisierend und land-bebauend umher. Niemand weiß bisher, was dazu führte, dass sie in mehreren Wellen von dort aus Richtung Europa und den nahen Osten zogen. Jedenfalls taten sie das offenbar und nahmen ihre Sprache und Dialekte mit, welche die bis dahin dort jeweils gesprochenen Sprachen verdrängten. Das passierte überall gleichermaßen. Irgend etwas an der Sprache der indogermanischen Völker oder an ihren mitgebrachten Kompetenzen muss so vorteilhaft gewesen sein, dass sich ihre Sprache so durchsetzen konnte.

Wenn man also gejagtes Wild ausweidet oder Tiere schlachtet, lernt man die verschiedenen Organe kennen und benennt sie. Die Urindogermanen wussten nichts von Vitaminen. Sie waren aber keine uga-uga-rufenden Primitivlinge sondern verstanden sehr wohl, dass gebratene Leber gut schmeckt. Was gut schmeckt, ist grundsätzlich gut; jedenfalls, wenn man nicht an einem Überangebot von Kohlenhydraten leidet, einem ein wohlstandsverwöhnter Geschmack nicht im Wege steht oder das Essen nicht Ausdruck einer Ideologie ist. Leber und Fisch waren die Lebensmittel der Wahl, um den Körper mit Vitamin D zu versorgen, wenn die Tage kürzer und die Sonneneinstrahlung geringer wurde. Das Organ bekam seinen Namen durch seine Erscheinung: ein glibbriges, glattes, schlaffes Gebilde. Der Wortstamm leb- bedeutet so viel wie “schlaff herabhängen”. (Das finde ich übrigens sehr ärgerlich! Denn es gab eine sehr überzeugende Erklärung für den Namen Leber bzw. liver in der Fernsehserie “Dr. House”, bevor sie in den letzten Staffeln lächerlich wurde: Dr. House erklärte, dass man ohne die Leber nicht leben könne, weswegen sie eben Leber hieße. Ich fand das in der Szene sehr amüsant und als Erklärung so attraktiv, klug und überzeugend, dass ich das glaubte. Bis ich jetzt echte Quellen nachschlug. Sprache ist spannend und Wissenschaft voller Entdeckungen. Was einem schön und richtig erscheint, ist aber nicht zwangsläufig wahr, und man muss bereit sein, sich von Liebgewonnenem zu verabschieden, wenn man ehrlich ist.) Das ist das, was die Leber tut, wenn man sie entnimmt. Als Wort, das aus einem Tun entwachsen ist, ist es entweder Neutrum oder Femininum. Die Lippe ist ebenfalls feminin und entstammt dem gleichen urindogermanischen Wort.

Die *er-Wörter haben also ein Genus erhalten, nachdem (!) sie sich entwickelt hatten; erst waren die Wörter da, dann erhielten sie ihr Genus. Der Ursprung ist, mir jedenfalls, denn ich konnte dazu nichts finden, unklar, aber nach diesen *er-Wörtern tauchten die *s-Wörter auf. Sie machen auch heute noch den oder zumindest einen Großteil der Nomina aus. Der Stein war gotisch noch stain*s. Das “s” ist verloren gegangen wie in “Tag”, der gotisch noch dag*s hieß. So heißt der große Krieger der Gallier, der dem Cäser final unterlegene Vercingetorix, also Vercingetorik*s. Mit dem Auftauchen der *s-Wörter oder um dieses Auftauchen herum ist also offenbar in der indogermanischen Sprache etwas passiert, das die Genera entstehen ließ. Irgendetwas machte Genera notwendig, um sich sinnvoll mitzuteilen, oder irgendein sprachlicher Vorteil entstand mit diesen.

Die *s-Wörter und ihre Entwicklung in den Sprachen indogermanischen Ursprungs sind sehr interessant, und hier wird tiefere Recherche erforderlich. Wie gesagt möchte ich nicht einfach nur aus der Erinnerung zusammenschwadronieren. Das machen andere, und ich finde so etwas extrem ärgerlich. Wenn z. B. solche selbsternannten Experten wie Sebastian Sick über den vermeintlichen Schwund des Genitiv parlieren, glauben das viele. Sebastian Sick ist ein Journalist. Ich bin ein Musiker (gewesen). Beide Berufe sind keine sprachwissenschaftlichen Berufe. Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigen will, muss man das besonders sorgfältig tun. Ich bin mir über einige Fragen noch nicht klar, und solange ich das noch nicht bin, schreibe ich darüber noch nicht. Es geht mir im Gegensatz zu Sebastian Sick auch nicht darum, mit vermeintlich korrektem Wissen Spracherziehung zu betreiben und mit reißerischen Thesen Geld zu verdienen (obwohl es bei ihm eigentlich nur eine ist; zu mehr reicht es da nicht). Ich möchte verstehen, woher das Genus in der Sprache kommt und teile diese Entdeckungsreise öffentlich. Wir sind nah dran! Aber jetzt wird es etwas dauern bis zum nächsten Artikel. Denn ich muss mich gründlicher damit beschäftigen, wann genau ein einem Tun oder einer Entwicklung entstammendes Wort nun feminin und wann neutral ist; das ist mir nur ahnungsweise dunkel klar. Ich hätte da gerne ein klares System. Das sollte es geben, denn sonst würde Sprache nicht funktionieren.

Der Irrtum der Selbstverständlichkeit

In meinem letzten Artikel hab ich darauf geguckt, wie die *er-Wörter scheinbar das natürliche Geschlecht widerspiegeln. Die Frage ist nun, ist das Zufall oder steckt dahinter schon das Muster unserer Genera? Daniel Scholten sagt dazu:

In der Sprache ist nichts, wie es scheint. Wir können Sie nicht aus unserem Verstand durchblicken, sondern müssen sie erforschen. Das Forschungsergebnis fällt immer erstaunlich anders aus, als man erwartet hat.

Den erste Hinweis darauf, dass das so einfach nicht sein kann, zeigt schon die Tatsache, dass Eimer als *er-Wort, und damit vermutlich alt, eindeutig eine Sache ist, aber als Maskulinum eingestuft wird.

Damit niemand zum alten Artikel zurückgehen muss, fasse ich das Wesentliche hier kurz zusammen: Die indogermanische Sprache lässt sich rekonstruieren und ist zirka 10.000 Jahre alt. Wir können die ältesten Wörter als *er-Wörter identifizieren. Dabei ist in einer Tabelle aufgefallen, dass das natürliche Geschlecht dem grammatikalischen Geschlecht bei Kernwörtern entsprach. Das Problem dabei ist, dass sich die damals Sprechenden bei jedem Nomen darüber hätten einig werden müssen, ob das bezeichnete Ding nun Mann, Frau oder Sache ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es im Sprachzentrum einen Automatismus gibt, der uns Muttersprachler befähigt, diese Genera automatisch zuzuordnen.

Die Vermutung muss sein, dass Genera irgendwann aus sprachlicher Notwendigkeit heraus entstanden sind. Und wie das Beispiel Eimer zeigt, werden diese Genera eben nicht ein natürliches Geschlecht bezeichnen. Es muss eine sprachliche Notwendigkeit gegeben haben, die dazu geführt hat, drei Genera zu verwenden. Das kann kein bewusster Prozess gewesen, sondern muss zwangsläufig ein evolutiver sein. Denn Sprache als Ausdruck einer Gehirnfunktion, und damit einer Körperfunktion, folgt evolutiven Prozessen. Seit wir Schriftsprache haben, kann man das sehr leicht in historischer Zeit nachweisen. Diese Prozesse griffen auch, bevor der Mensch die Schrift kannte, und man kann anhand solcher Sprachbildungsprozesse und Sprachwandlungsprozesse auf die urindogermanische Sprache zurückleiten.

Nicht alle aus dem Indogermanischen entstandene Sprachen haben diese Genera beibehalten, sondern sie sind offenbar in einigen geschwunden. Wir müssten nun gucken, ob dieses Schwinden wie auch das Entstehen ebenfalls sprachlicher Notwendigkeit folgte. Am besten fangen wir vorne an und tauchen noch einmal in die Urgründe der Sprachentstehung. Da kommen wir einerseits nicht weit, denn wie gesagt können wir nur maximal bis 10.000 Jahre zuverlässig zurückgehen. Andererseits ist das enorm! Immerhin liegt das vor der Entwicklung der Schriftsprache. Was vor dieser urindogermanischen Sprache war: Keiner weiß es. Es wird auch nie eine Möglichkeit geben, dies mit einiger Verlässlichkeit zu ermitteln. Wir wissen einfach auch nicht einmal, wie lange es schon Sprache gibt. Was wir mit einiger Sicherheit annehmen können, ist, dass wir als Homo sapiens bereits voll funktional sprachen. Die Gattung Homo reicht etwa 250.000 Jahre zurück, und es ist anzunehmen, dass hier bereits sprachliche Kommunikation stattgefunden hat, die voll entwickelt alle Merkmale der Sprache erfüllt. Denn entsprechende Experimente mit unseren nächsten Verwandten, die gemeinsamen Primaten-Vorfahren des Homo entspringen, zeigen deutlich, dass Begriffverstehen im Gehirn so angelegt ist, dass Begriffe zugeordnet und sogar Satzaussagen gebildet werden können. Es scheint also nur davon abzuhängen, dass der Sprechapparat anatomisch so ausgebildet ist, diese Fähigkeiten auch in aktive Sprache umzusetzen.

Meine Vermutung ist daher, dass die Komplexität des Gehirns sozusagen als Beiwerk und als Folge der Notwendigkeit zur Kommunikation Sprachvermögen bereitgestellt und quasi nur darauf gewartet hat, dass die Anatomie dieser Hirnanlage folgt. Wer nun meint, das sei völlig abwegig, den möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Erstens haben die Menschenaffen und wir gemeinsame Vorfahren. Wenn Menschenaffen, wie nachgewiesen, wie wir über, wenn auch rudimentäres, Sprachvermögen im Gehirn verfügen, bedeutet das, dass dieses Vermögen von den gemeinsamen Vorfahren geerbt ist. Zweitens ist eindeutig nachgewiesen, dass etwa Papageien und Delfine ebenfalls über Sprachvermögen verfügen. Auch Hunde verstehen sprachgegebene Kommandos. Das bedeutet, dass Sprache offenbar zwangsläufig eine fundamentale Folge von Hirnkomplexität ist. Der Anfang der menschlichen Sprache liegt also meines Erachtens deutlich vor der Menschwerdung selbst und somit in den Tiefen der Zeit verborgen.

Unser Verständnis von der Sprache geht von grundlegenden Voraussetzungen aus, die allerdings alles andere als selbstverständlich sind. Für uns scheint es beispielsweise selbstverständlich zu sein, dass man Farben benennt und Zahlworte hat. Das Volk der Piraha in Brasilien nutzt aber nur relative Mengenangaben und hat keine Zahlworte für konkrete Mengen. Genau so wenig benutzen diese Leute Begriffe für Farben. Das ist natürlich keine Frage vielleicht von „Primitivität“ oder mangelnder Intelligenz, sondern einfach eine Frage, wie ihre Sprache funktioniert. Für uns beispielsweise ist es selbstverständlich anzunehmen, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns. Etwa 3,5 Millionen Menschen in Bolivien sehen das aber nicht so: Die Aymara fassen die Zukunft als hinter sich liegend und die Vergangenheit als vor sich liegend auf. Vielleicht ist diese Auffassung dadurch zu erklären, dass man seine Zukunft genauso wenig sehen kann, wie das, was hinter einem liegt, und umgekehrt die Vergangenheit im Gegensatz dazu für einen sichtbar ist, wie etwas, das vor einem liegt.

Diese Beispiele zeigen, dass einfach Annahmen über das Funktionieren von Sprache zunächst einmal grundsätzlich fragwürdig sind und nur dann sinnvoll, wenn sie durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Zudem sehen wir, dass Sprache ganz offensichtlich an Notwendigkeiten orientiert funktioniert und nicht zwangsläufig daran, was der Mensch erkenntnistheoretisch für gegeben hält. Um es einfach auszudrücken: Erkenntnistheoretisch mag man sagen, die Zukunft liegt vor uns, aber die Sprache kann das durchaus anders ausdrücken. Ob dahinter nun eine erkenntnistheoretische Idee steckt, das ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass die Sprachbildung ein selbstverständlich funktionierender Automatismus ist, der aufgrund evolutiver Prozesse existiert.

Die Annahme also, dass Genera das natürliche Geschlecht repräsentieren würden, ist zwar verführerisch naheliegend, weil man scheinbar Geschlechtsbezeichnung für Lebewesen und eine eigene Bezeichnung für Sachen benutzt, aber nicht zwangsläufig auch richtig. Im nächsten Artikel sehen wir also nach, was sich nachweisbar in der Entwicklung der urindogermanische Sprache beziehungsweise in der Folge in der Sprache getan hat und überprüfen, welchen Sinn Genera möglicherweise wirklich haben. Dafür halten wir fest, dass wir *er-Wörter als die ältesten Wörter (Brud*er, Mutt*er, Vat*er, Tocht*er, Wass*er, Feu*er) unserer Sprache identifiziert haben und sehen uns an, wo die anderen Worte, die nicht auf *er enden, herkommen und welchen sprachlichen Sinn, denn um nichts anderes geht es, sie haben.

Der, die, das

Wir Menschen, Sie und Du und ich und alle anderen, wir sind mustererkennende, mustersuchende und musterbildende Wesen. Muster verschaffen uns Erkenntnis und Befriedigung. Oder auch nicht, wenn wir Muster als langweilig oder abgegriffen empfinden.

Diese Muster müssen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, und wir interpretieren gerne Muster in Erscheinungen hinein. Flüchtige Erscheinungen wie Wolken sehen für uns wie ein Auto oder Krokodil aus, der Mond hat ein Gesicht und auch eine alte Mars-Fotografie eines Berges scheint ein Menschengesicht zu zeigen. Solche objektiv falschen Interpretationen können für uns so überzeugend sein, dass wir Argumente, die in andere Richtungen weisen, ignorieren oder sogar kategorisch ablehnen.

Wir erkennen Muster im Gegenständlichen und im Abstrakten. Wegen der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns haben wir folgerichtig bildende und darstellende Kunst entwickelt, die uns Menschen eigen ist. Diese Mustererkennungs-Kompetenz ist aus der Notwendigkeit entstanden, beispielsweise verborgene Angreifer an nur einem kleinen erkennbaren Merkmal auszumachen, oder sich merken zu können, dass er sich nur verborgen hat, aber noch da ist. Jetzt hören wir Sinfonien, wissen, wie sie aufgebaut sind, erkennen Motive, Melodien, Themen, können sie ordnen und mit Sinn erfüllen und vor allem wiedererkennen. Wir können den Aufbau eines Gemäldes würdigen, Formen der Architektur bewundern.

Mathematik ist ein Werkzeug der Mustererkennung und wir können sogar die Muster auf der höheren Abstraktionsebene erschließen, die der Mathematik zugrunde liegen. Analyse, Mathematik, Wissenschaft an sich ist die intellektuelle Mustersuche, bei der die persönliche Voreingenommenheit ausgeschlossen wird, bzw. sachliche Objektivität die persönliche Intuition in ihrer Bedeutung zu überstrahlen hat. Niemandem dürfte anschaulich klar sein, dass Raum, Zeit und Gravitation miteinander verknüpft sind. Einsteins Formel E = mc^2 zeigt aber genau das, wurde in ihrer Richtigkeit nicht nur eindeutig bestätigt, sondern die daraus abgeleiteten Folgen haben Bedeutung für unser alltägliches Leben (zum Beispiel wird die „Zeitverzerrung“ beim Global Positioning System berücksichtigt).

Mustererkennung läuft oft überwältigend automatisch ab und ist deshalb so überzeugend. Bereits ein Säugling erkennt in entsprechend angeordneten Punkten und Linien ein Gesicht und reagiert emotional darauf, je nachdem ob das vermeintliche Gesicht freundlich oder bedrohlich aussieht. Solch ein Automatismus greift auch bei der Sprache. Die Komplexität unseres Gehirns bildet ein System, das man Sprachzentrum nennen kann. Hier entsteht Sprache und hier sind ihre Muster etabliert. Das Problem hierbei ist in meinen Augen zweigeteilt: Einerseits erfolgt die Musterbildung und -erkennung unbewusst und automatisch, andererseits analysieren wir unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch, erkennen Muster bewusst und versuchen aufgrund dieser bewussten Erkenntnis unsere Sprache korrekter, schlüssiger, logischer und überzeugender zu machen. Dieses bewusste Bild, das wir von unserer Sprache haben, kann aber durchaus falsch sein. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen: Ich fürchte, das ist es häufig – sehr häufig  – vielleicht sogar meistens – auch.

Es gibt viele Schwierigkeiten, die Sprachlerner haben, wenn sie auf die deutsche Sprache treffen und sie anwenden sollen. Nicht, weil sie irgendwie dumm oder so etwas wären, oder vielleicht nicht sprachbegabt. Die Schwierigkeiten macht das ihnen eigene Sprachzentrum, das teilweise nach anderen Mustern arbeitet, die ihnen genauso unbewusst sind, wie die unseren uns. Das Türkische beispielsweise kennt keinen Genus. Trotzdem gibt es türkische Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und alle möglichen Weibchen und Männchen der Tierwelt und sonstige, unbelebte Sachen. Aber „Der, die, das. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ ergibt im Türkischen keinen Sinn wegen der, die, das. Was die Kinder, wenn sie die Sesamstraße kennen, stattdessen angeboten bekommen, weiß ich nicht. Wie soll man nun von irgendjemandem, der beispielsweise diese Geschlechtsbildung in der Sprache nicht kennt, verlangen, dass er versteht, was da im Deutschen vor sich geht? Der Punkt ist: Die meisten Muttersprachler verstehen es ja selbst nicht. Müssen wir auch nicht! Wir müssen nur sprechen, denn das Sprachzentrum regelt das so selbstverständlich wie unser Verdauungssystem den lecker gekochten Naturreis.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Genussystems in der deutschen Sprache und versuchen wir, die Verwirrung zu entwirren!

Das ist ja zunächst einfach, sollte man denken, und so erklärt man es auch wackeren, verzweifelnden Sprachlernern: Wir haben drei Geschlechter in der Sprache, die wir männlich (Maskulinum), weiblich (Femininum) und sächlich (Neutrum) nennen. Was männlich ist, besitzt den männlichen Genus, das, was weiblich ist, den weiblichen Genus, und alles Sächliche ist neutral. Das ist seit Urzeiten so und repräsentiert ganz natürlich die Sprachentwicklung, nicht wahr?

Nehmen wir an, die Menschen lebten früher, in grauer Vorzeit in Verbänden aus wenigen Leuten. Was werden diese Leute miteinander zu tun gehabt haben, die für das Leben wichtig waren? Es werden sein: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Was wird für ihr Überleben wichtig gewesen sein? Feuer und Wasser. Und wir sehen eine schöne Ordnung:

der Vater

die Mutter

der Bruder

die Schwester

das Feuer

das Wasser

Uns fällt noch etwas auf: Alle diese Worte bestehen aus Lexem, das den „Gegenstand“ benennt (Vat-, Mut-, Brud-, Schwest-, Feu-, Was-), und dem einheitlichen Suffix *er. Wir haben Muster! Und zwar simple, einsilbige Lexeme, eine einheitliche Endung als Anhang an das Lexem und die Übereinstimmung von tatsächlichem und sprachlichen Geschlecht. Für mich bedeutete das lange, lange Zeit, dass diese *er-Wörter die ältesten der deutschen Sprache sein müssten (da können wir einen Haken hinter machen, denn das stimmt) und dass wir hier die Zeit widergespiegelt sehen, in der das natürliche Geschlecht in der Sprache als Ursprung nachgewiesen ist. Aber das ist, ich möchte es deutlich sagen, absoluter Blödsinn.

Wie viele meiner vielen Irrtümer wird mir dieser immer peinlich bleiben. Der Blödsinn entlarvt sich nach nur ein bisschen Nachdenken als solcher: Nehmen wir mal ein *er-Wort. Wie wäre es mit Eimer. Wenn meine Vorstellung stimmen würde, wäre irgendwann das uralte Wort Eimer entstanden und es wäre männlich gewesen. Wieso ist der Eimer ein Mann? Gut, werden einige Frauen einwenden – und ich werde nicht widersprechen – manche Männer sind echte Eimer. Aber was macht umgekehrt den Eimer zum Mann, warum ist er männlich? Wer hatte diese Idee und warum und wie hat sie sich durchgesetzt?

Jetzt dürfte jedem klar sein, warum mir meine, lange so zufrieden und mit mir in dieser Frage im Reinen in meinem Kopf herumgetragene, Idee falsch sein muss. Denn es ist absolut abwegig anzunehmen, dass das Objekt „Eimer“ als solcher benannt wird und für alle festgelegt, dass der männlich und das somit ein Maskulinum ist. Es ist genauso absolut abwegig anzunehmen, dass sich jeder, der das hört und lernt, dies auch richtig merkt und weitergibt. Es muss vielmehr ganz zwangsläufig ein Sprachmuster geben, das den Muttersprachler geradezu zwingt, den Eimer als Maskulinum anzusprechen. Anders kann es doch gar nicht sein, als dass da ein Muster zugrunde liegen muss, welches absolut nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hat. Machen wir einen kleinen Schlenker, bevor wir zu dieser Frage wieder zurückkommen.

In meiner Kindheit, und ich habe den Klang genau im Ohr, sangen also die Kinder der Sesamstraße: „Wer, wie, was. Der, die, das.“ Darauf werfen wir doch mal einen Blick:

wer: Fragepronomen, Maskulinum, singular

wie: Fragewort nach der Art und Weise

was: Fragepronomen, Neutrum, singular

Die deutsche Sprache kennt das Fragewort weiblicher Form nicht. Wenn „Wer?“ gefragt wird, kann die Antwort sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Verursacher für irgendetwas nennen. Wie naheliegend sollte es sein, dass sich vorgeschichtliche Sprecher darüber Gedanken gemacht hätten, ihre Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sorgfältig und erfolgreich darauf zu achten, dass das von allen so gemacht und verstanden wird, aber bei den Fragewörtern die Frauen unberücksichtig zu lassen? Wir kennen es nur so, und deshalb kommt es uns komisch vor, dass es eine weibliche Form geben müsste. Aber es müsste sie geben, wenn es tatsächlich um Weiblichkeit gegangen wäre. Ging es aber nicht. Sprache entwickelt sich evolutiv anhand der Gegebenheiten. So wie sich alle unsere Körperfunktionen an Umstände angepasst haben, hat sich die Sprache als Körperfunktion des Gehirns angepasst. Genauso automatisch arbeitet sie auch.

Dieses automatische, rein sprachliche, vom jeweiligen Objekt vollkommen unabhängige Arbeiten des Sprachzentrums hat Daniel Scholten in seinem Buch „Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?“ mit einer wunderbaren, wie er sie nennt, Schauergeschichte humorvoll veranschaulicht, die ich hier zitieren wollte. Weil ich noch keine Antwort erhalten habe, umreiße ich die Geschichte mit eigenen Worten; natürlich geht dabei der subtile Humor und Wortwitz leider verloren:

Scholten stellt die Sprache als Halbgöttin Germania dar, die auf der Loreley thronend von Mark Twain besucht wird. Twain fragt sie, wie es sein kann, dass die Genera so durcheinander sind. Germania versteht die Frage nicht, Twain versucht vergeblich, sie zu erklären, und Germania entschwebt. Twain bleibt zurück mit der vagen Vermutung, dass sie aneinander vorbei geredet hätten. Daniel Scholtens Buch ist leider nur noch lexikalisch zu erwerben. Sein ausgesprochen lehrreicher und humorvoller Blog „BellesLetres – Deutsch für Dichter und Denker“ ist aktiv und wärmstens zu empfehlen.

Unser Sprachzentrum „weiß“ also schlichtweg nicht, was eine Frau ist und was ein Mann und was ein Eimer! Unser Bewusstsein weiß das. Unser Sprachzentrum nicht. Wir wissen, was Naturreis ist und dass der lecker und nahrhaft und gesund und so weiter ist. Unserem Verdauungssystem ist das egal. Das nimmt, was kommt, und macht das Beste daraus. Eiweiß als Baustoff, Kohlenhydrate als Brennstoff etc. Wir sitzen herum, genießen den Reis, plaudern mit der Familie und verdauen, ohne uns darum kümmern zu müssen. Was wir essen, entscheiden wir, wie wir verdauen, entscheidet niemand. Das passiert. Ziemlich genau das passiert in unserem Sprachzentrum: Es gibt einen Wort-Input, der wird unbewusst verarbeitet, und es gibt ein Ergebnis. Wir können versuchen, die Muster zu erkennen, nach dem das Sprachzentrum arbeitet, aber egal wie ausgefeilt wir da analysieren, arbeitet das Sprachzentrum doch automatisch. Automatisch und unabhängig davon, was eine Sache in unserem Bewusstsein wirklich ist!

Wenn diese Genera aber nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben, wo kommen sie denn dann her? Das ist eine interessante Geschichte, die es zu erzählen gibt. Im nächsten Artikel.

Die Kuh auf dem Eis

Die müsste erst einmal da runter. Kann ich aber nicht machen. Ich kann nur auf sie zeigen und sagen: “Da ist eine Kuh auf dem Eis! Die gehört da nicht hin!” Und ich kann auch sagen, dass die, die die Kuh da rauf gestellt haben, Idioten sind. Sie werden das aber weiterhin für eine super Idee halten.

Aber so ist das mit Ideen: An sich sind Ideen eine tolle Sache. Aber es gibt auch schlechte und sogar falsche Ideen. Wenn man an diesen Ideen festhält, werden sie zur fixen Idee und Ideologie. Wenn man dann alles durch diese ideologischen Brille betrachtet, wird der Ideologe zum Idioten und stellt voller Überzeugung Kühe auf Eisflächen.

So ist das mit der “gendergerechten Sprache”. Ich werde sie hier nicht verwenden, weil sie eine Idiotie ist. Ich bin natürlich kein Sprachwissenschaftler. Aber ich kann ganz gut begründen, warum diese Ideologie, die sich mit dem Begriff “Gender Studies” als Wissenschaft zu tarnen versucht, eine Idiotie ist.

Der Begriff “gendergerecht” sagt aus, dass es vorher “genderungerecht” gewesen wäre. Die Ideologie dahinter ist, dass die Menschenmännchen die Sprache als ein Vehikel benutzen, die Menschenweibchen zu unterdrücken und gleichzeitig die Sprache diese Unterdrückung der Menschenweibchen durch die Menschenmännchen widerspiegelt.

Geschlechterkampf in der älteren Vorgeschichte?

Warum schreibe ich “Menschenmännchen” und “-weibchen”? Der Grund ist, dass unsere Art, also wir als richtige Menschen, so, wie wir jetzt sind, etwa 200.000 Jahre alt ist. Damit sind wirklich wir gemeint! Da lief niemand “Uga, uga!” schreiend über die Steppe, schlug ein Steinzeitmädchen mit der Keule bewusstlos und zog es zwecks Begattung an den Haaren in seine Höhle. Göbekli Tepe weist auf eine erste Nutzung von vor über 10.000 Jahren hin, ausgefeilt gebaute Knochenflöten haben ein Alter von etwa 42.000 Jahren. Weil Musik Sprache spiegelt und die Flöten handwerkliche Kunstwerke sind, ist neben den gleichzeitigen, ausgesprochen kunstvollen Höhlenmalereien und kunsthandwerklichen Funden klar belegt, dass es “primitive” Höhlenmenschen nicht gab. Ich finde “Nachts im Museum” herrlich und Ben Stiller als Höhlenmensch bringt mich immer zum Lachen. Aber: Es gab sie so nicht.

Göbekli Tepe, das viel jüngere Stonehenge und andere archäologische Befunde zeigen eindeutig, dass die Menschen damals Kultur betrieben. Die Frage, warum Hochkulturen, Schrift und letztlich sogar Wissenschaft erst in den letzten wenigen Jahrtausenden bzw. Jahrhunderten entstanden, ist ganz leicht zu erklären: Die höhere Bevölkerungsdichte erlaubte schnelleres, effektiveres Kommunizieren und den Austausch und die Akkumulation von Ideen. Davor waren die Menschen nicht “primitiver” oder dümmer. Sie waren ziemlich genau wie wir. Sie waren aber eben weit verstreut und trafen sich nur selten. Beispielsweise in Göbekli Tepe. Da wurde dann gefeiert und man tauschte sich intellektuell und sexuell aus.

Es deutet einiges darauf hin, dass von den anderen Menschenarten der Neandertaler ebenfalls über Sprache verfügte, vom Denisova-Menschen existieren zu wenig aussagekräftige Funde, um die Beschaffenheit des Mund- und Rachenraums zu beschreiben, über den Floresmenschen weiß ich diesbezüglich zu wenig. Ich persönlich würde aber aufgrund der Schädelbeschaffenheit und des Schädelvolumens davon ausgehen, dass die Sprache schon vor unseren Menschenarten entstanden ist; weil Weichteilgewebe nicht fossilisiert vorliegt, kann man das nicht sicher sagen. Es gab aber Genaustausch mit den Neandertalern (ich meine, auch mit dem Denisova-Menschen, aber kann die Quelle nicht finden). Auf die Idee, sich mit sprachlosen Wesen zu paaren, wird wohl niemand gekommen sein. Man wird sich auch verbal verständigt haben. Wenn aber Sprachvermögen des Neandertalers ziemlich sicher ist, halte ich die Vermutung für gerechtfertigt, dass es eine Sprache vor dem Homo sapiens gab.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art
  2. Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns irgendwann im Laufe der Zeit

Zur Hypothese 1: Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art

Wenn es die Genderungerechtigkeit in diesen verlorenen Sprachen seit mehr als 200.000 Jahren gab, muss sie einen tatsächlichen Machtkampf zwischen den Geschlechtern widerspiegeln. Denn das ist ja die Idee der gendergerechten Sprache: Es gebe eine aktive, bewusste und unbewusste Unterdrückung der Frau durch den Mann, die durch Gendergerechtigkeit abgeschafft werden soll. Also müsste es bei den Homo-Arten vor uns diese Unterdrückung gegeben haben.

Man kann sie nicht mehr fragen, Funde lassen keine Schlüsse zu. Was kann man tun, um diese Frage zu klären? Sich umsehen, ob es Hinweise auf solch einen Machtkampf zwischen den Geschlechtern woanders gibt. Unsere nahsten Verwandten sind Menschenaffen wie Schimpansen, die fröhlich vor sich hin kopulierenden Bonobos und Gorillas. Was sehen wir da? Wir sehen verschiedene Sozialstrukturen. Beispielsweise einen Pascha mit Harem. Was wir nicht sehen, ist, dass Männchen gegen Weibchen um die Führung kämpfen. Wir sehen, dass Männchen untereinander um die Führung kämpfen.

Warum ist das so? Wir Männchen produzieren billig, wenig aufwendig, sehr viele Reproduktions-Zellen, die wir, wenn man uns lässt, fröhlich herum verteilen. Die Weibchen produzieren wenige, große, aufwendige, Kraft kostende Reproduktions-Zellen unter großen Opfern wie häufigem Blutverlust, tragen dann den Nachwuchs aus und betreiben Brutpflege. Weil wir große Hirne haben, ist die Geburt risikoreich und dauert die Aufzucht lange. In dieser Zeit sind Weibchen und Nachwuchs in Gefahr. Männchen scharen sich um sie, um sie zu beschützen. Die Unterdrückung der Frau gibt es durchaus. Sie ist eine gesellschaftliche Pervertierung dieses Schutzverhaltens.

In der Natur finden wir überall alle möglichen sexuellen Rangordnungen und Verhaltensweisen. Wir finden aber nicht: einen intersexuellen Konkurrenz-Kampf um die Führung der Gruppe. Als Männchen Pascha zu sein ist nahe liegend. Das Männchen produziert viele einfache Reproduktions-Zellen, die Weibchen individuell wenige, denn aufwendige. Also muss eine erfolgreiche Population aus vielen Weibchen bestehen, braucht aber nur ein Männchen. Wenn es denn da bleiben darf, guckt es ständig in den Dschungel, ob sich Böswatze nähern, während der Harem Brutpflege betreibt. Wenn das Männchen seine Leistung nicht mehr bringt, die es jährlich in Kämpfen gegen andere Männchen beweisen muss, verliert es seinen Posten. Männchen sind  austauschbar.

Produziert das Weibchen viele Reproduktions-Zellen, ergibt sich in der Natur plötzlich ein anderes Bild: Eine Königin legt Eier, die auch hier austauschbaren Männchen kommen in großer Zahl zur Befruchtung.

Wie auch immer die frühzeitliche Sprachentwicklung in der Entfernung von Jahrhunderttausenden oder Jahrmillionen ausgesehen haben mag: Wir haben keinerlei Anlass zu vermuten, dass in den Ursprüngen der Sprachentstehung unsere Homo-Vorfahren eine Ausnahme waren und einen intersexuellen Machtkampf ausübten, den es sonst nicht gibt, der sich in der Sprache niedergeschlagen haben könnte.

Zur Hypothese 2: Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns im Laufe der Zeit:

Das müssen wir getrennt betrachten:

Geschlechterkampf in der jüngeren Vorgeschichte?

Angesichts der unfassbar langen Zeit, in der wir existieren, können wir nur lächerlich wenig weit in der Sprachentwicklung zurück sehen, aber diese verhältnismäßig kurze Spanne ist absolut beeindruckend! Vor etwa 5.000 Jahren (EDIT: etwa 10.000 Jahren; ein Fehler, der mir beim Schreiben hätte auffallen müssen) lebte am Schwarzen Meer eine Bevölkerungsgruppe, die eine Sprache benutzte, die heute schlüssig als urindogermanische Stammsprache rekonstruiert werden kann. Weiter zurück kann man nicht blicken. Wir werden nie erfahren, wie sich die Erbauer von Göbekli Tepe, ganz zu schweigen von den nomadisierenden Jägern der Mammute in der europäischen Tundra, verständigten und wie die Sprache der Neandertaler klang.

Für unser Problem der Gendergerechtigkeit ist das aber nicht erforderlich! Denn diese Sprachen müssen vor der urindogermanischen gelegen haben und sie wird daraus hervorgegangen sein müssen. Die Frage lautet also: Finden wir in der urindogermanischen Sprache eine Genderungerechtigkeit?

Im Urindogermanischen gab es keinen bestimmten Artikel (der, die, das). Wie es beispielsweise das Latein beibehielt, erfüllten beugende Anhänge am Wort die erforderlichen Funktionen. Hier gab es zunächst genau zwei Formen von Nomina: Dinge, die Subjekt eines Satzes sein konnten, und Dinge, die das nicht sein konnten. Dinge, die nicht Subjekt eines Satzes sein konnten, waren Dinge, die selbst nichts tun konnten, sondern mit denen etwas getan wird oder eine Entwicklung oder Verlauf abbildeten. Subjekte eines Satzes fielen in das Standard-Genus. Dieses Standard-Genus wird heute “maskulin” genannt.

Es wird also unterstellt, dass diese Leute dachten, hey, alles ist männlich! Wir sind viel toller als Frauen und ihnen überlegen! So funktioniert Sprache aber nicht. Auch diese Menschen haben wie wir ein Sprachzentrum ererbt, das funktioniert, ohne dass wir echten Einblick hätten, wie. Wir können rekonstruieren, Annahmen untersuchen.

Das Sprachzentrum selbst hat keine Vorstellung von Mann und Frau. Das ist ihm komplett egal. Das Sprachzentrum regelt Sprache, nicht Gesellschaft oder Sex. Das Sprachzentrum arbeitet im Unbewussten. Wir haben deshalb ein Sprach-Gefühl. Niemand denkt beim Sprechen oder Schreiben aktiv ständig über Deklination, Konjugation etc. nach. Das ist ein deskriptives Verfahren, das seinen Sinn haben kann, wenn man jemanden in Fremdsprachen unterrichtet. Sprache selbst findet aber auf einer ähnlichen Ebene wie das Atmen, das man ja auch willentlich in gewissem Rahmen steuern und bewusst ausführen kann, automatisiert statt.

Das, was wir heute “Maskulinum” nennen, ist dieses alte Subjekt. Es ist das, was etwas tut. Deshalb ist das weibliche Geschlechtsorgan im Kamasutra, yónis, der (!) yónis. Grammatikalisch ist das Geschlechtsorgan der Frau im Sanskrit “männlich”. Als indogermanische Sprache hat diese unsere Genera. Wieso kommen die da so durcheinander? Kommen sie nicht: Yónis ist der “Halter” beim Akt und während der Schwangerschaft. Warum ist in unserer Sprache die Scheide weiblich? Haben wir besser aufgepasst, dass Frauen Scheiden haben? Nein. Das ist sie immer: Die Wasserscheide ist auch weiblich, denn da wird Wasser voneinander geschieden. Feminina sind wie Neutra Worte, die einen Verlauf oder das Ergebnis eines Ereignisses darstellen, oder aufgrund ihrer Endung vom Sprachgefühl her in diese Kategorie fallen. Das Mädchen ist keine Sache, die Nase ist so wenig weiblich wie die Gabel. Feminina sind nur dann “weiblich”, wenn sie sich ausdrücklich auf Weiblichkeit beziehen.

“Ich fühle mich nicht gut. Ich glaube ich habe mir einen Virus eingefangen.” – “Welcher Virus ist das, was meinst Du?” – “Welches (!) Virus!” Dem Kranken wünsche ich, dass er lange Zeit im Bett verbringen muss. Ekelhafte Besserwisserei. Virus ist ein Wort aus dem Lateinischen. Der Lateiner oder der gebildet scheinen Wollende weiß, dass Virus im Lateinischen ein Neutrum ist. Das ist es, weil es den Verlauf von Vergiftung und Schleimen beschreibt. Für uns fällt es im Sprachgefühl in den Standardgenus, den wir leider “männlich” nennen. “Der Virus” sagt man aus vernünftigem Sprachgefühl. “Das Virus” sagt man, weil man Bildung zeigen will.

Was meint Ihr? “Der Tempel” oder “das Tempel”? Das ist genau wie mit “Virus”: templum steht in Latein für “Abstecken, Abzirkeln, Abgrenzen” und ist ein Neutrum. Diese Vorstellung haben wir aber nicht. Wir sind keine Lateiner und unser Sprachzentrum erkennt die Tätigkeit dahinter nicht wie in “das Laufen”. Und, plumps, fällt “Tempel” in den Standardgenus. Zu recht. Wer jetzt käme und erzählen wollte, es müsse “das Tempel” heißen, ist jemand, der beim Schulsport immer als letzter gewählt und zu keiner Party eingeladen wurde. Zu recht.

Wie kommt die Vorstellung der “Männlichkeit” in die Sprache?

Ich habe leider vergessen, wie der griechische Philosoph hieß (ich schreibe das hier alles als Gelegenheitsbeschäftigung in meiner Freizeit zu meinem eigenen Vergnügen als Erholung und habe keine Quellen zur Hand; ich habe nur einmal kurz auf Wikipedia geguckt und hatte den sofortigen Impuls, den Autoren für seinen Quatsch würgen zu wollen). Aber jedenfalls war es eine Idee der klassischen Antike, die Genera in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen.

Alles deutet darauf hin, dass die Vorstellungen zur Zeit, als urindogermanisch gesprochen worden ist, anders waren: Man (kommt aus dem gleichen Wortstamm wie homo und Mensch, der sich auf die Erde bezieht) sah sich als Bewohner der Erde im Gegensatz zu den Göttern, die keine “Erdlinge”, kein Homo, kein Mann, kein Mensch waren.

Test durch Sprachgefühl

Jetzt kann man ja sagen, alles schön und gut, Dietmar, aber trotzdem ist es so, dass das Maskulinum die Frauen unterdrücken hilft; und genau das wurde mir auf den Scienceblogs (!) vorgehalten. Von Wissenschaftlern.

Testen wir mal unser Sprachgefühl:

“Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserem Konzert!”

So banal begrüße ich, meine ich, nicht. Da fällt mir meist lustigeres ein. Aber formal alles super so. Aus Höflichkeit nenne ich die Damen zuerst, die Damen sind weiblich, die Herren männlich. Dazwischen liegt ein Kontinuum, das ich vollkommen in Ordnung finde, und jeder kann sich da einordnen, wie er veranlagt ist.

Dann begrüßt der Bürgermeister: “Liebe Bürgerinnen und Bürger, auch ich begrüße Sie zum Konzert!”

Das hat er nie so lächerlich gemacht! Ihm fällt immer etwas Lustiges und Herzliches ein. Abgesehen davon ist das formal falsch. Und jetzt kommt der sprachgefühlige Beweis dafür:

“Sehr geehrte Gästinnen und Gäste, herzlich willkommen!”

Gesehen? Wem da nicht der Draht aus der Mütze springt ist bereits so genderverblendet, dass ich hoffnungslos bin.

Erläuterung:

“Damen und Herren” bezeichnet ausdrücklich das Geschlecht der Zuhörer. “Bürger” ist aber der Oberbegriff für alle (!) in der Gemeinde mit Bürgerrechten ausgestatteten Bewohner. Das schließt die Frauen ein. Ebenso wie alle Blauäugigen, Krummbeinigen, Nasepopelnden etc. Man muss die nicht erwähnen, sie gehören dazu. Sprachlich müssten deshalb zuerst “Bürger” und dann “Bürgerinnen” als Bestandteil der Bürger genannt werden, wenn sie besonders erwähnt werden sollen. Das sagt unser Sprachzentrum, wenn es nicht vom Ideologen und seine Idiotie dauerbelästigt wird.

“Gast” ist ein eben solcher Oberbegriff, der noch nicht so verwurstet wurde und deshalb vielleicht eindeutiger fühlen lässt, wie unsinnig dieser Quatsch ist.

Schlussbemerkung

Wir müssen in Unterrichtsentwürfen “Schülerinnen und Schüler” schreiben und kürzen das mit “SuS” ab. Tun wir das nicht, unterdrücken wir die Mädchen und werden gerügt. Oder gewürgt. Das weiß ich nicht so genau.

Dieses Konzept geht davon aus, dass die Wortendung -er bei “Schüler” Männlichkeit andeutet, -in bei “Schülerin” Weiblichkeit. Nur ist auch in “Schülerin” das -er enthalten. Die “gendergerechte Sprache” geht also davon aus, dass ein “männliches” Wort durch eine angehängte Endung weiblich wird. Das Wort bleibt aber das Wort und das Sprachzentrum kennt kein Geschlecht. Nur die Bedeutung (!) wird auf den weiblichen Anteil spezifiziert, aber nicht das Wort geändert. “Schüler” ist 1. der Oberbegriff für alle, die beschult werden, und 2. bleibt dieses Wort im Standardgenus, auch wenn es die sprachliche Konkretisierung auf die weiblichen Schüler mit dem Wort “Schülerin” gibt. Würden die Endungen so funktionieren, wie es die “gendergerechte Sprache” gerne hätte, müsste es “Schüler” für die männlichen und “Schülin” für die weiblichen Schüler heißen. Tut es aber nicht, wie wir alle wissen.

Sprache funktioniert eben nicht so, wie es die Ideologen gerne hätten.

Die Kuh steht also auf dem Eis. Aber egal, wie toll die Idioten es finden, dass sie dort steht: sie wird dort nie anfangen zu grasen.