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Einzelhaft am Instrument

Das Wichtigste vorweg: Das fehlende Teilchen ist jetzt da, denn letzte Woche wurde mir von meinem Dienststellenleiter bestätigt, dass mein Zeitvertrag in eine Festanstellung übergehen wird! Seit ich an dieser Dienststelle arbeite, führe ich ein normales, gesundes, entspanntes, hobbit-gleich geruhsames Leben. Eine ganz neue Erfahrung. Ich gehe pünktlich zur Arbeit, gehe pünktlich nach Hause. Niemand spielt mit mir irgendwelche Machtspielchen. Ich habe ein klares Aufgabengebiet und kann meine Kompetenzen frei einsetzen. Die Kollegen sind offen, freundlich, sachorientiert und angenehm albern. Meine Aufgaben sind spannend.

Habe ich Grund zur Klage? Nein. Bin ich froh über die Situation? Und wie!

Ich lebe anders. Bis 2018 war mein Leben von unbedingter Zielstrebigkeit bestimmt. Carl Czerny prägte den Begriff der “Einzelhaft am Klavier”, der auf jedes Instrument, das man ernsthaft studiert, übertragen werden kann. Wenn man nicht angemessen üben kann, rächt sich das bitter. Übt man angemessen, muss man verzichten. Man muss sich der Musik voll und ganz widmen. Aber das ist nur die Grundbedingung für eine minimale Erfolgsaussicht.

Seit mehreren Monaten, länger als je zuvor in meinem Leben, mache ich freiwillig Gefängnisurlaub vom Instrument. Ich arbeite normal, mache täglich Sport, pflanze und säe, lese, koche mit Genuss und schaue Filme, schreibe hier ein bisschen. Vorgestern war ich zur letzten Kontrolle bei meiner wunderbaren Hausärztin, der ich buchstäblich mein Leben verdanke: Es ist alles wieder im Lot, ich habe mich vollständig erholt. Sie fragte, wie es mir ginge. “Klingt vielleicht wie ein Klischee, aber mir geht es von Tag zu Tag besser”, antwortete ich. So fühle ich mich gerade. Dieses ausgedehnte Gefühl des Nicht-getrieben-Seins hatte ich zuletzt in meiner Kindheit. Die Aufgaben, die mir zufallen, nehme ich an und erfülle sie mit Gelassenheit. Zu mehr dränge und zwinge ich mich nicht mehr. Und das tut mir gut. Das habe ich mir verdient.

Ich bin aus den Knochenmühlen raus, in denen ich in den Vereinen und Verbänden und nach der Betriebsaufgabe in der alten Dienstelle steckte. Je weiter ich mich davon entferne, desto klarer wird mir, wie zerstörerisch, zynisch und rücksichtslos mein Idealismus ausgenutzt wurde, der mich in die vollständige Selbstausbeutung trieb. Das Problem ist, dass von diesem selbstausbeuterischen Idealismus die gesamte Musikszene lebt.

Meine Ärztin ist eine richtige Ärztin. Ohne Alternativ-Hokuspokus, mit echter Medizin. “Ich hatte ernste Sorge, dass das organisch vielleicht noch nicht alles war. Aber jetzt sieht es ja doch danach aus. Das ist sehr schön!” sagte meine Ärztin und fragte, ob ich jetzt vernünftiger leben würde. “Naja,” antwortete ich, “ich arbeite jetzt bei einem tollen Arbeitgeber und bin aus der Knochenmühle raus. Das ist kein Vergleich zum Druck und Stress, den ich vorher ständig hatte.” – “Was haben sie denn vorher gemacht?” Wir haben nie, obwohl sie jetzt schon viele Jahre die Ärztin meines Vertrauens ist, über meinen Beruf gesprochen. “Ich habe Musik studiert, habe als Selbständiger für Vereine unterrichtet und dirigiert und zuletzt eine eigene kleine Musikschule betrieben.” – “Die Situation der Musikschaffenden ist so schlimm geworden! Ich spiele auch Klavier und habe es immer geliebt, quasi “autistisch” am Instrument zu sitzen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Musik zu studieren. Aber wenn man das dann sieht! Wer das macht, steckt so viel Arbeit da rein! Und bekommt doch keine Wertschätzung, und niemand ist bereit, angemessen zu bezahlen. Dabei ist Musik so wichtig! Die Arbeit ist so wertvoll!” Ich hätte sie dafür gerne umarmt. Sie sprach mir aus dem Herzen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video des großartigen Daniel Barenboim gesehen. Er beantwortete die Frage eines jungen Menschen, ob er Musik studieren solle und ob Barenboim ihm zum Studium raten würde. Ich bewundere Barenboim aufrichtig. Aber seine Antwort halte ich für schlichtweg verantwortungslos. Irgendwann werde ich sie hier mal darstellen.

Der Kuchen ist kleiner geworden, um die letzten Krümel wird bis aufs Messer gekämpft. In der Akkordeon-Szene herrscht eine unerträgliche Ellenbogen-raus-Geiz-ist-geil-Hier-komm´-ich-Mentalität von Profis wie von Laien. Wer sich zum Dirigenten “berufen” fühlt, kann sich vor ein Orchester stellen, das das zulässt, und – schwupps – ist man “Dirigent”. Die Verbände bedienen die, die dazu gehören, weil sie die richtigen Lehrgänge bei den richtigen Leuten gemacht oder an den richtigen Instituten studiert haben. Wer das nicht hat, kriegt das zu spüren.

Deshalb wollte mich der Vorstand des Langenhagener Vereins dazu vergattern, dass ich die Lehrgänge von D bis C mache. Ich habe studiert, ich habe ein Diplom, ich könnte auf Lehrgängen den Stoff unterrichten und unterrichtete ihn ja auch im – Unterricht! Dafür ist der ja da. Aber nein: Ich sollte zu den Lehrgängen fahren, “Das bezahlen wir dir auch!”, und bei meinen Kollegen Notenwerte und Dirigieren lernen! Ich sollte trotz sehr erfolgreich abgeschlossenen Studiums und inzwischen einen Jahrzehnts an Erfahrung als Dirigent statt zu üben, zu arrangieren und komponieren noch einmal Zeit aufwenden, um Lehrgänge zu besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß, dass ich mich wiederhole)! Ich bin zu Meisterkursen gefahren, um Impulse zu erhalten. Aber ich sollte zusätzlich noch Lehrgänge besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß…)! Ein Vorstandsmitglied war meine geringfügig beschäftigt Angestellte. Sie stellte diese Forderung an mich auch. Sie selbst brach nach zwei D-Lehrgängen (den Basis-Lehrgängen, vor denen sie massiv Angst hatte, sie nicht zu bestehen!) ihre “Qualifikation” ab, weil ihr das nichts brächte, sagte sie. Ich hatte aber studiert! Und ich sollte – auch nach ihrer Meinung – zu meiner Qualifikation Lehrgänge für Laien besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (…)!Mit anderen Worten: Mein Diplom ist nichts wert. Sieht gut aus, liest sich nett als Werbung, reicht aber nicht, Dietmar! Es zählen die Lehrgänge, die dafür konzipiert worden sind, Laien etwas zu qualifizieren.

Bei meinem ersten Wettbewerb für den Langenhagener Verein stand dann auch ein Verbandsfunktionär während des Jurorengesprächs (in dem man mir erklärte, ich wisse offenbar nicht, was Dur und Moll wären, und dass man mit zweichörigen Kinderinstrumenten einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen” könne) hinter der Jury und sprach mich an: “Der DHV bietet Lehrgänge an, wenn sie dirigieren lernen wollen!” – “Ich habe an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Orchesterleitung belegt.” – “Oh!” – “Ich habe sogar als Jahrgangsbester mit 1,0 abgeschlossen.” Er entschuldigte sich und zog sich zurück. Unglaublich, aber wahr, dies ist exakt der Dialog, der da stattfand. Als wir uns Jahre später das letzte Mal sahen, wenige Wochen nach meiner vollständigen Vernichtung bei meiner letzten Wettbewerbsteilnahme, sah ich ihm an, dass er mit sich rang, mich anzusprechen. Er ist kein schlechter Mensch, und ich bin sicher, er wollte mir etwas Ermutigendes oder Freundliches sagen. Aber mir war da schon klar, dass meine Zeit im Langenhagener Verein abgelaufen und mein Name verbrannt sein würde, und so ging ich nicht auf ihn zu, um ihm den Kontakt zu erleichtern. An der Wand stehend blickte er ständig zu mir und machte immer wieder mal einen Schritt in meine Richtung, rang sich aber schließlich nicht durch.

Einer meiner Konkurrenten kam nach dem Wettbewerb, der der Jury meine Unkenntnis von Dur und Moll enthüllte, auf mich zu: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst Erster oder ich! Das war wirklich toll!” Glücklicherweise war ich von seinem Beitrag gleichfalls sehr beeindruckt und sagte das aufrichtig. – Ich wurde Letzter. Zum zweiten Mal bei meiner zweiten Teilnahme bei diesen Wettbewerben. Er schaute mich bei der Ergebnis-Verkündung erschüttert an, wurde aber schnell durch seinen ersten Platz getröstet.

Als ich, für kurze Zeit, denn dann bot sich die Gelegenheit für eine Hobby-Dirigentin, die sich gerne als führende Künstlerin geriert, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sodass ich nicht wieder diese Funktion bekam, Bezirksvorsitzender des Verbandes war, sah ich es als meine Aufgabe an, den Verband gegenüber den Vereinen zu repräsentieren und möglichst viele Konzerte zu besuchen. Es ist mehrfach passiert, dass ich von alten Vorstandsmitgliedern angesprochen und dafür gelobt worden bin, dass ich der erste Verbandsvertreter in der teilweise langen Geschichte der Vereine gewesen sei, der Konzerte persönlich besucht hat. Ich fragte aktiv in den Vereinen nach zu ehrenden Mitgliedern, anstelle auf Vereinsmeldungen zu warten, weil ich es für wichtig hielt, dass der Verband sein Interesse nicht nur bekundet, sondern tätig zeigt und lebt. Sehr gerne sprang ich auch für andere Bezirksvorsitzende ein, wenn sie verhindert waren. Die Ehrungen versuchte ich freundlich und fröhlich mit persönlichen Worten zu gestalten und kaufte immer, auf meine Kosten, denn im Verband waren dafür keine Mittel vorgesehen, Blumen für die zu Ehrenden.

Für jeden Verein, für jede Ehrung schaute ich mir vorher den Verein und verfügbare Infos über die Personen an. Als ich beispielsweise eine zeitlich verhinderte Bezirksvorsitzende bei einer Ehrung vertrat, begann ich meine Ehrung nach meiner Begrüßung mit den Worten: “Ich habe mich immer gefragt, warum dieses Orchester so erfolgreich ist: Es sind tolle Musiker an den Instrumenten! Aber dieser Dirigent: Der ist richtig gut!” Ihn hat das vollkommen überrascht, er sich sehr gefreut. Vor allem: Ich meinte das ehrlich. Ich bekam nach den Ehrungen Applaus, alle waren gelöster Stimmung, das Konzert war unterhaltsam und qualitätvoll. Der Dirigent sprach mit mir nach dem Konzert einige Zeit, ich kam mit zur Nachfeier. So soll es sein, mir gefiel das.

Als ich einen Dirigenten ermittelt hatte, der mehrere Jahrzehnte Orchester geleitet hatte, sprach ich mit jemandem aus dem Vorstand, damit die entsprechende Ehrung durchgeführt werde. Wir vereinbarten, dass wir den Dirigenten auf dem Konzert damit überraschen wollten. Der Vorstand bedankte sich bei mir, weil ihm selbst das möglicherweise durch die Lappen gegangen wäre. Alles lief wie geplant. Das Konzert erreichte den vereinbarten Zeitpunkt, der Moderator erklärte, es sei ein Vertreter des Verbandes anwesend, dem er jetzt das Mikrofon überreiche. Ich ging auf die Bühne, begrüßte kurz im Namen des Verbandes, sagte, dass ich das Konzert sehr genieße und lobte Qualität und Spielfreude. Dann erklärte ich (so steht es stichpunktartig in meinen Notizen, die mir beim finalen Aufräumen in die Hände gefallen sind): “Wenn der Verband ehrt, ehrt er für die in dieser Funktion geleisteten Jahre. Ich möchte diese Ehrung aber noch etwas weiter gefasst verstanden sehen: Ich darf hier heute einen Dirigenten ehren, der Wertvolles für die Akkordeon-Szene geleistet hat und einige großartige Wettbewerbserfolge vorweisen kann.” Dann sagte ich noch ein wenig Konkretes lobend über die Stücke und die Interpretation des Abends, was ich inzwischen vergessen habe. Lob, Lob, Lob und höchste Anerkennung.

Der Dirigent nimmt die Ehrung entgegen, freut sich sichtlich, ich verlasse die Bühne. Als ich auf meinem Platz sitze und mich über die gelungene Überraschung und die dem Dirigenten bereitete Freude freue, greift er zum Mikrofon: “Vielen Dank für die Ehrung! Ich denke gerne an die Wettbewerbe und an die hervorragenden Platzierungen. Da musst du erst mal noch hinkommen, Dietmar!” Mir sackt das Blut aus dem Kopf.

Applaus gab es dafür nicht, irgendeine andere Reaktion des Publikums habe ich nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es hätte betretene Stille gegeben. Aber ich war zu getroffen, um irgend etwas zu realisieren. Kurz darauf startete ich meine letzte Wettbewerbsteilnahme mit tollem Ergebnis für mein Winser Orchester, hoch erfreulichem für mein heute so sehr von mir vermisstes Jugendorchester und absolut vernichtendem letzten Platz für mein Langenhagener Orchester und zum dritten mal letzten Platz für mich. Präludium zum Ende meiner Geschichte als Musiker. Ich werde da also nicht mehr “hinkommen”. Freut den Dirigenten-Kollegen sicher. Und nicht nur den.

Die Musik-Szene insgesamt lebt von der Selbstausbeutung der Profis, die nicht mehr von diesem Beruf leben können. Auf den mageren Markt, der den Begriff Markt nicht mehr verdient, drängen osteuropäische und asiatische junge Künstler, am Instrument ausgezeichnet befähigt, nur um nach kurzer Zeit zu sehen, dass es den Markt nicht gibt. Legal kann man sich kaum halten. Und so versuchen dann beispielsweise russische Konzertsolisten ohne pädagogische Ausbildung quer einsteigend in den Schuldienst zu gelangen.

Die Großkotze haben gewonnen. Ausbaden muss es die Gesellschaft von heute und der Zukunft.

Das fehlende Teilchen

99,9 %. Das sagte mir mein jetziger Dienststellenleiter. 99,9 % Wahrscheinlichkeit, dass ich bei ihm fest angestellt würde. Ich vertraue ihm und war erleichtert und froh.

Es würde Zeit, dass Ruhe und Gleichlauf in mein berufliches Leben einkehren. Zu viele Versprechungen mir gegenüber waren in meiner bisherigen “Karriere” gebrochen worden oder konnten durch widrige Umstände nicht gehalten werden, bevor ich hier angestellt wurde. Ich ging also bis zu diesem Gespräch davon aus, dass ich die Stelle letztendlich doch nicht bekommen würde und habe mich ernsthaft nach beruflichen Alternativen umgesehen. Nerven zerrüttend.

Mir wurde erklärt, dass ich trotz Ausplanung und Abordnung bei meiner vorigen Dienststelle einen Versetzungsantrag stellen müsse, der dort zu genehmigen sei. Umstände, die ich aus nahe liegenden Gründen beunruhigend fand. Aber, zu meiner ehrlichen Überraschung, erfolgte die Genehmigung reibungslos und prompt.

Damit sollte der Weg frei sein in eine endlich sichere und ruhigere berufliche Zukunft. Ganz entspannt bin ich noch nicht; dafür habe ich einfach zu viel erlebt, um jetzt schon beruhigt zu sein. Ich kann mir nämlich folgendes Szenario als durchaus möglich vorstellen: Die Versetzung ist genehmigt, meine jetzige Dienststelle möchte mich fest anstellen. Oberster Dienstherr ist aber die Landesbehörde. Die könnte einzuhaltende Fristen (als ehemaliger Personalrat könnte ich mir auch vorstellen, welche) oder Formalitäten (auch da hätte ich eine Idee) heranziehen und damit begründen, dass eine Einstellung nur später möglich sei. Das könnte bedeuten, dass ich bis dahin ohne Einkommen wäre. Dies könnte ich mir nicht leisten und müsste mich nach anderer Arbeit umsehen. Somit wäre ich aus diesem Beruf komplett und endgültig raus.

Ob ich glaube, dass das so gemacht wird? Etwa, um Personalkosten zu sparen? Wirklich: Ich habe keinerlei Ahnung. Es ist ziemlich gruselig, aber ich bin tatsächlich durch meine Erfahrungen bis in den Kern erschüttert und besitze keinerlei positive Naivität mehr, wenn solche Entscheidungen anderer über mich vor mir liegen. Sie wurde von zynischem Pessimismus abgelöst.

Deshalb halte ich das fehlende 0,1 % für eine bedrohliche und realistische Möglichkeit.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Abschiedsgeschenk

Heute bekam ich Post. Ein großer Umschlag. Darin war eine aufwändig und schön gestaltete Mappe mit einem Klassenfoto vorne drauf. Alle Kinder einer Lerngruppe meiner ehemaligen Schule bemalten und beschrieben individuelle Seiten mit Grußbotschaften an mich. Auf den Seiten sieht man etwas von ihrer Persönlichkeit, ich sehe, dass mein Unterricht etwas bedeutet hat und Wert hatte und dass ich mir den guten Kontakt und die vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern nicht eingebildet habe.

Mir zeigt das noch einmal, wie widersinnig, unnötig und schlichtweg falsch die Entwicklung in meiner Personalie war. Aber das muss ich jetzt, nachdem ich alle Möglichkeiten einer deutlichen Antwort ausgeschöpft habe, so stehen lassen, beobachte die mich bestätigende ähnliche Entwicklung anderen Lehrkräften gegenüber und freue mich über dieses besondere Geschenk und meine neue Arbeitsstelle.

Nein, nicht mit mir

Man kann ja gerne mal nachschauen: Mein erster Beitrag über meine Ausplanung war vollkommen neutral gehalten, wies niemandem irgendeine Schuld zu und reflektierte nur und einzig und allein meine Überraschung, Enttäuschung und mein Bedauern den Schülerinnen und Schülern gegenüber. Zitat: “Das war der zweit schönste Beruf nach meinem eigentlichen, den ich als schönsten empfunden habe. Ich habe wahnsinnig gerne mit den Schülerinnen und Schülern und dem gesamten Kollegium und der Schulleitung zusammengearbeitet. Die Enttäuschung kann nicht größer sein.”

Aber das war schon zu viel: “Dietmar, wie kannst Du nur?!” Ja, wie kann ich nur? Wie ist das wohl, ahnungslos zum Dienst zu erscheinen und aufgefordert zu werden, umgehend wieder zu fahren, damit man den Nachfolger nicht treffe, weil das ja “sicher unangenehm” für einen wäre? Und wie ist das wohl, wenn man erfahren muss, dass die Leitung das Sichern wichtiger Daten und Kontakte durch Löschung des Accounts sabotieren lässt (die nicht gesicherten Daten sind nämlich endgültig verloren)? Wie ist das wohl, wenn diese Leitung noch an dem Tag, wo man schwer erkrankt nachhause muss, einen als unverzichtbar preist und Loyalität einfordert und einem dann den Stuhl vor die Tür stellt?

Wie ist das wohl, wenn man an der Dienstbesprechung, zu der man eingeladen war, plötzlich nicht teilnehmen darf, weil man nicht mehr zum Kollegium gehöre? Wie ist das wohl, wenn einem die Leitung versucht einzureden, man hätte die Einladung gar nicht erhalten, sondern die vom letzten Jahr gelesen und sei deswegen da? Wie ist das wohl, dann stundenlang im Werkraum auf- und abtigernd mit dem Handy zu versuchen, den Abtransport des kostenlos aus Idealismus zur Verfügung gestellten Flügels zu organisieren – während das neu zusammengestellte Kollegium ein Frühstück genießt? Wie mag das wohl sein? “Du darfst Dir gerne ein Brötchen nehmen!” Besten Dank …

Wie ist das wohl, sich dann auf sein Fahrrad zu schwingen und in eigenen Gedanken versunken über 40 km nachhause zu fahren? Wie ist das wohl, mit Anfang 50 plötzlich nicht zu wissen, wie es weiter geht – nachdem man sich gerade von einer schweren Erkrankung erholt hat? Wie mag das wohl sein?

Wie ist das wohl, wenn einem dann ein Kollege sagt, die Leitung hätte einem gegenüber keine Fürsorgepflicht?

Wie ist das wohl, wenn der Kollege sagt, man habe der Leitung durch den Homepage-Artikel keine Wahl gelassen, als zu erklären, dass man inkompetent sei?

Es ist so, dass man versteht, nur der nützliche Idiot gewesen zu sein, der brav immer in jede Bresche sprang, weil er sich vollständig mit dem Institut und der Leitung und dem Kollegium und der Aufgabe identifizierte.

Wenn man dann von verschiedenen Seiten hört, dass die Leitung zur eigenen Gesichtswahrung behauptet, man hätte sich wegbeworben und die Trennung wäre einvernehmlich gewesen: wie ist das wohl?

Es ist so, dass ich mir sage, nicht mit mir. Es ist so, dass ich jetzt nicht nur enttäuscht, sondern so ärgerlich bin, das nicht einfach so dahingehen zu lassen.

Aus dem System geworfen

Als ich gestern meinen Dienstaccount öffnen wollte, musste ich feststellen, dass ich keinen Zugang mehr habe. Heute noch einmal probiert: Nein, geht nicht. Am Samstag holte ich meinen Flügel ab und benachrichtigte darüber die Leitung. Ebenfalls erklärte ich, dass ich zeitnah den Account bei der IT-Stelle beenden werde, aber gerade aufgrund der überraschenden Ausplanung andere Dinge zu tun habe.

Und jetzt ist der Zugang gesperrt.

Problematisch? Nun: Ich habe zum Glück schon etwas getan und einige dienstliche Mails, die meine Anstellung beim Land Niedersachsen und die Seminare betreffen, gesichert und auf einen neuen Account weitergeleitet. Aber eben nicht alle, die wichtig sind!

Aber das ist egal: Weg mit dem Typen! Der funktioniert nicht mehr brav, also schmeißen wir den mal raus! Erst persönlich und jetzt virtuell. Angestellter des Landes? Personalrat? Pfff, egal …

Wenn ich keinen Zugang mehr erhalte, muss ich alle noch nicht gesicherten Kontaktdaten neu finden, senden Landesbehörde, Kollegen, Eltern und Seminarleitung ihre Mails an einen toten Briefkasten und sind die noch nicht gesicherten Dienstmails verloren.

Von Eltern habe ich vor Sperrung meines Accounts erfahren, dass meine Lerngruppe anlässlich ihres Wechsels für mich ein Abschiedsgeschenk gemacht hat. Ich freue mich sehr über die Geste. Über das Geschenk kann ich mich nicht freuen: Ich habe es von der Leitung nicht erhalten.

Und immer mehr zeigen bestimmte Leute ihr wahres Gesicht.

Schlussbetrachtungen

Freunde erkennt man an ihrem Handeln und aufrichtigen Worten und Loyalität sollte keine Einbahnstraße sein. Wenn es persönlich schwierig wird, dann erkennt man, wer es ehrlich mit einem meint und wer einen nur ausnutzt.

Die größte Enttäuschung meines Erwachsenenlebens ist unser Trauzeuge gewesen, der sich selbst zu meinem Opfer und gleichzeitig zum selbstlosen, engagierten Retter stilisierend mich um mein erstes Honorar-Engagement brachte, um ohne jede Qualifikation die Orchesterleitung zu übernehmen, als ich durch meinen Studienabschluss, die Geburt unseres Sohnes und Hauskauf- und Renovierung unter Druck geraten war. An die, auch öffentliche, Häme und den Spott, unter anderem mit anonymen Briefen, kann ich mich noch gut erinnern. Unvergessen bleiben auch die unter Pseudonym geschriebenen persönlichen Angriffe, in denen ich klar die realen Personen erkennen konnte, die sich aber durch die Anonymisierung unangreifbar machten. Es ging um meine Existenz und die meiner jungen Familie! Aber da wurde beispielsweise tatsächlich hämisch geschrieben, ich würde heulen, wie ein Kind im Sandkasten, dem man sein Schäufelchen weggenommen hätte. Was für ein grandioses “Argument”. So “erwachsen”.

Vielsagend auch die Attacke einer gestandenen erwachsenen Frau, die seit Jahrzehnten sehr bemüht ist, in unserer Region eine Person öffentlicher Wahrnehmung zu sein: Ich hätte nur “herumstudiert”, mein Leben nicht im Griff und sei unorganisiert. Klar, so etwas ist Rufmord und üble Nachrede. Aber was will man machen? Steckt man weg.

Das zog sich durch mein gesamtes Leben. Als ich als Hauptschüler den Realschulabschluss machen wollte, als ich die Ausbildung anfing, als ich Abitur machen wollte, als ich studieren wollte: Sie sind immer da gewesen. Die, die wussten, dass ich das nicht packen werde. Keinesfalls. (Einer meiner Chefs in einem der Ämter: “Sie sind kein Sportwagen. Sie haben einen 25-PS-Motor im Kopf. Wir müssten sehen, dass wir sie auf 100 PS bringen. Aber ich glaube nicht, dass das geht.”) Als das dann alles funktionierte, und alles andere als schlecht, tat man so, als hätte man nie etwas gesagt. Bei der nächsten Herausforderung für mich war man dann aber wieder zur Stelle, wusste und sagte: Das schafft der/schaffst du nie!

Sie waren auch immer da in meiner Zeit als professioneller Musiker. Davon ließ ich mich schon lange nicht mehr unterkriegen. Später beobachtete ich, dass von mir hoch geachtete Kollegen (Kolleginnen waren interessanter Weise nicht unter den Opfern solcher Attacken) auch unter solchen Angriffen litten und daran sogar zugrunde gingen, zu früh starben, dem Alkohol verfielen oder finanziell ruiniert wurden.

Als ich auch in Langenhagen merken musste, dass selbst über zehn Jahre professionelles, warmherziges, ehrliches, zielstrebiges und erfolgreiches Engagement und das Wegstecken der üblen Launen und beleidigenden Sprüche gewisser toupierter Damen nicht davor schützt, dass man in Ungnade fällt und auf primitivste Art angegriffen wird, blieb mir keine Wahl, als zum Schutz meiner Gesundheit aufzugeben.

Die letzten Gespräche mit dem Vereinsvorsitzenden machte mir klar, dass ich keine Chance mehr hatte: Auf der letzten Konzertreise war das Orchester mehr als unaufmerksam bei den Proben. Nach den Proben traf ich kopfschüttelnd auf den Vorsitzenden, der mir sagte, man sei eben nur zum Spaß da und Spaß könne man eben besser ohne mich haben. Im letzten Gespräch eröffnete er mir, mein Problem sei, dass ich Ziele immer knapp verfehlen würde und knapp unterhalb des zu Erreichenden bliebe. Das sagte er mir so ins Gesicht. Man arbeitet sich von der Hauptschule bis zum akademischen Grad hoch (allein schon altersbedingt wäre ein Konzertexamen nicht mehr möglich gewesen und eine Doktorarbeit brächte mir keinen Nutzen) und dann sitzt da ein 1. Vorsitzender ohne musikalische Qualifikation, der meint, er muss seinem Orchesterleiter erst einmal sagen, was für ein Underachiever er doch ist.

So führte mein Weg schließlich in den öffentlichen Dienst als Pädagoge. Wieder engagierte ich mich total. Ich identifizierte mich wie zuvor in Walsrode, Celle, Hamburg und Langenhagen (und anderen Orten) vollständig mit der Aufgabe. Wie in den Vereinen und Musikschulen übernahm ich alle Aufgaben, um die ich gebeten worden bin, obwohl meine Stelle das nicht vorsah. Dieses Mal warf mich ein Virusinfekt massiv auf die Bretter. Ich ließ mich davon nicht unterkriegen, erholte mich schnell. Nur um feststellen zu müssen, dass mein Stuhl vor der Tür steht.

Loyalität ist eine Einbahnstraße gewesen. Kollegen (generischer Maskulin in neutraler Funktion, um die Identität zu schützen; denn ja: Die Vertretung als Neutrum ist die eigentliche Aufgabe des Maskulin. Aber dies ist eine völlig andere Debatte und der Pseudofeminismus hat da bereits gewonnen.), die vorher selbst unter ähnlichem litten, kritisieren mich jetzt, weil und wie ich mich wehre. Und die, die “immer schon” wussten, dass ich “es” nicht schaffe, freuen sich wieder ein Loch in die Mütze. Wer, ich kann aber versichern nur scheinbar (!), auf dem Boden liegt, wird getreten.

In den USA gab es gestern einen Protest einer jüdischen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor rechten Tendenzen zu warnen, um ähnliches wie den Holocaust zu verhindern. Sie veranstaltete deshalb einen Sitzstreik und blockierte die Zufahrt zum Parkplatz einer dieser unsäglichen konzentrationslager-ähnlichen Unterbringungen für mittelamerikanische Flüchtlinge. Einer der Wachleute fuhr mit einem Truck auf die Sitzenden zu. Sie sprangen erschreckt auf. Er hielt. Dann gab er erneut Gas. Er fuhr in sie hinein. Es gab Verletzte, eine Person brach sich ein Bein. Unter normalen Umständen haben die Demonstranten ihr Recht auf freie Meinungsäußerung genutzt und die Fahrt war ein Angriff mit einer tödlichen Waffe. Der Präsident ist aber Trump und es gibt seinen Propaganda-Sender Fox, die den friedlichen Protest als Angriff und den Fahrer als das Opfer darstellen, das sich mit dem Anfahren der Protestierenden nur rechtmäßig wehren würde.

Das ist extrem und mit meiner Situation nicht gleichsetzbar, aber folgt einer ähnlich verdrehten Logik:

1. Der Verein ist das Opfer/Dem Institut wird übel mitgespielt. Denn diese sind immer gut und machen und wollen doch nur das Beste. Man will doch, dass alles gut aussieht! Man ist doch eine Einheit! Und jetzt kommt da jemand daher, der aus dieser Einheit entfernt wurde, und meint, weil er ein kleines bisschen ärgerlich ist – “Ich verstehe ja, dass Du Dich ärgerst! Aber … also …. Nein!” -, dass er dieses schöne Bild stören muss? Unverschämtheit. Was für ein fieser Charakter.

2. Der wehrt sich und widerspricht! Dann muss an den Vorwürfen ja etwas dran sein! Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Und dann gibt es Freunde und Freundinnen. Die hören nicht nur zu. Die nicken nicht nur Beifall. Die rücken einem auch mal den Hals gerade. Bei kleinen wie bei großen Problemen.

Mehrere solcher Gespräche hatte ich in den letzten Tagen, um einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen. Dabei kam die Frage und Kritik auf, dass ich so etwas öffentlich aufschreibe und dies sehr ausführlich. Die Antwort ist: Über mich wurde, wie beschrieben, immer viel getratscht und gelästert; geht wohl vielen so. Wenn einem das dann begegnet und man verteidigt sich, dann tritt die obige verquere Logik in Kraft. Deshalb gebe ich die Narrative vor.

Das sind Schlussbetrachtungen, weil ich mit meiner bisherigen Arbeitsstelle abgeschlossen habe. Ich brauche nur noch den Termin für den Klavier-Transport, dann ist das Instrument dort wieder weg. Ab Montag arbeite ich an einer anderen Stelle in einem fortgeschrittenem Segment. Ich bin unglaublich froh, dass das so schnell für mich geordnet wurde!

Das sind Schlussbetrachtungen, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben etwas Neues ausprobieren werde: Ich werde mich nicht mehr vollkommen mit der Aufgabe identifizieren. Ich werde nicht mehr Aufgaben übernehmen, weil ich mich besonders einbringen will oder die junge Leitung nach Kräften unterstützen etc. Ich werde sorgfältig, engagiert und mit Freude arbeiten. Aber nur das. Alles andere, dieses Mehr an Engagement, hat mir meine letzte Leitung ausgetrieben. Endgültig. Ich werde pünktlich und mit Freude zur Arbeit fahren, aber ich werde auch pünktlich und mit Freude wieder nachhause fahren. Ich werde Zeit haben, um für mich etwas zu tun. Ich werde Musik für meine Seele und für mein Wohlbefinden machen. Ich werde mit meinem Sohn nächtelang Sterne beobachten. Ich werde mit meiner Familie Essen und ins Kino und Theater gehen. Ich werde Freizeit haben. Ich werde das genießen.

Ich werde nicht mehr mich selbst aufopfernd, nicht mehr bis buchstäblich zum Umfallen arbeiten. Glückwunsch an alle 1. Vorsitzenden, Musiker-“Kollegen”, Chefs, grauen Eminenzen von Vereinen, Tratschtanten und -Onkel und so weiter! Es ist geschafft, Ihr habt es vollbracht: Ich stecke den Kopf nicht mehr raus.

Danke an alle Freunde und Freundinnen: Familie, Ihr und Lebensqualität zählen. Ich habe es überstanden. Ich habe verstanden. Ihr habt mir dabei geholfen.

Ohne Meike wäre ich nicht mehr da. Das ist mir vollkommen klar. Wenn ich jetzt weitermachen würde wie bisher, wäre das das Undankbarste, was ich machen könnte.

Es wird weitergehen

Nachdem ich aus für mich weiterhin nicht nachvollziehbaren Gründen bei meiner bisherigen Arbeitsstelle für mich vollkommen überraschend und unvermittelt ausgeplant worden war, gab es heute, 15.8., ein sehr ermutigendes Gespräch mit Entscheidungsträgern der übergeordneten Behörde. Ich bin froh und dankbar, dass man dort Wert darauf legt, mich als Pädagogen weiter im Dienst zu behalten und glücklich über die Wertschätzung, die man mir dort entgegenbringt; das ist nicht selbstverständlich. Jetzt wird nach einer neuen Wirkungsstätte für mich gesucht und es wurde mir eine schnelle Lösung in Aussicht gestellt.

Nach dem Schock am Montag kamen sehr schnell deutlich ermutigende Signale von der Behörde, als ich mich Rat suchend an sie wendete und jetzt kann ich beruhigt sein, dass es mit mir in diesem Beruf weitergeht.

Ich bin froh, erleichtert und insbesondere dankbar für die schnelle und fürsorgliche Reaktion der Landesbehörde und bin gespannt auf meine neue Wirkungsstätte, die Kollegen und Kolleginnen sowie die Schülerinnen und Schüler dort.