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Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-Mir-Nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”

Stärke in der Krise

Wer hier liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich von den musikalischen Dachverbänden enttäuscht bin und von den Akkordeon-Dachverbänden sogar mehr als das.

Aber Lob muss sein, wenn es geboten ist: In der derzeitigen Krise zeigen der Deutsche Harmonika-Verband (DHV) und der Landesmusikrat Niedersachsen (LMR) schnelles und sachgerechtes Handeln. Ich nehme beiden nicht übel, dass sie mich unter diesen Umständen weiter anschreiben, obwohl ich mehrfach erklärte, nicht mehr als Musiklehrer/Musiker/Arrangeur oder ähnliches aktiv zu sein. Das ist eine Lächerlichkeit angesichts der Lage.

Der LMR hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um Orientierung über ihre Situation zu bekommen. Die ist desaströs: Der weit größte Teil, nahe 90 %, arbeitet als Solo-Musiker und ist auf individuelles und direkt erzieltes Einkommen angewiesen. Ich war einer von diesen Kollegen. Jetzt stehen sie vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz.

Über die Hilfen, die es gibt, informierten beide Verbände zügig, umfassend, klar und hilfsbereit. Wäre ich noch in meinem Beruf, hätte ich tiefe Existenzangst und wäre für diese Leistung unglaublich dankbar.

Was hier geleistet wird, ist ein Verdienst der administrativen Teile beider Verbände. Meine nicht so gute Meinung über die  Fachkollegen und ihrem Verhalten bleibt aber bestehen.

Dafür wiederhole ich ein Beispiel: In einer DHV-Mail wurde ich zu mehr Mitarbeit aufgefordert, nachdem ich mich aber bereits aus dem Beruf zurückgezogen hatte. Darin fand sich die Aussage, man möge doch mal Vorschläge machen, was der Verband leisten solle und mokierte sich etwas über Ehrungen als etwas Beiläufiges, Unbedeutendes. Ich finde das aber nicht unbedeutend. Ich, und da bin ich sicher nicht alleine, bin stolz auf meine Arbeit und die vielen Jahre, die ich sie verrichtete bzw. als Leiter meines Orchesters noch verrichte.

Der DHV ehrt Dirigenten wie folgt:

10 Jahre Dirigentennadel silber

20 Jahre Dirigentennadel gold

30 Jahre Dirigentennadel gold mit Auszeichnung

und so weiter.

Ich startete als Dirigent 1993. 2003 erhielt ich keine Nadel dafür. Gut, dachte ich, man geht vom vollen Jahr, also 1994 und damit Ehrung 2004, aus. Aber nichts passierte. Aber 2009 endlich erhielt ich die Nadel in silber! Warum dann? Weil der Akkordeon-Club Langenhagen einen Anlass für einen Artikel in der Zeitung haben wollte. Dafür werden dann mal eben sechs Jahre Arbeit unterschlagen und wird die Ehrungsuhr zurückgesetzt, und von mir wurde selbstverständlich erwartet, trotz dieser Unterschlagung, was ich auch tat, dankbar und glücklich in die Kamera zu lächeln. Erhielt ich also 2013 die fällige Nadel in gold für 20 Jahre? Nein. Ach ja: Immer volles Jahr, also 2014, richtig? Falsch. Denn ich war mittlerweile und schon vor 2013 im Langenhagener Club in Ungnade gefallen und man wollte mir zeigen, wer das Sagen hat und was man von mir eigentlich hält. Da passt dann eine Ehrung nicht. Wäre ja noch schöner. Mir wurde von anderer Seite zusätzlich stattdessen, fälschlicherweise aber nachdrücklich, erklärt, die Ehrung gäbe es erst für 25 Jahre. Also erhielt ich 2018 die Nadel in gold? Wieder nicht. “Natürlich!”, dachte ich: “Die rechnen jetzt 10 Jahre von der ersten Ehrung aus!” Rechnet man von der ersten Ehrung aus, hätte ich also die Ehrung für 20 Jahre dann 2019 erhalten müssen, was auch mit den vermeintlichen 25 Jahren zusammengefallen wäre. Und? Ja: Hätte. Passierte  ebenfalls nicht. Aber dafür erhielt ich eine Mail, die mir sagt, Ehrungen seien ja eigentlich lächerlich aber würden als Pflichtübung absolviert. Nicht einmal dieses bisschen Anerkennung und tatsächlich auch Werbung, die ich wirklich für meinen Betrieb dringend hätte gebrauchen können, habe ich von dem Verband erhalten.

Meine Urkunde für 10 Jahre hängt noch in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht räume ich zu wenig auf. Dank des DHV für herausragende Arbeit für die Akkordeon-Orchester-Szene wird da beurkundet. Jeder, auch jeder Hampelmann, und die gibt es, der irgendwie 10 Jahre vor einem Akkordeon-Orchester steht und dessen Ehrung von jemandem betrieben wird, leistet also Herausragendes. Also ja: Eigentlich sind diese Ehrungen lächerlich. Und sie sind nicht ernst gemeint, denn dem Verband bin ich egal und bestenfalls ein klein wenig lästig.

Der Deutsche Akkordeon-Lehrer-Verband (DALV), dem ich über 10 Jahre angehörte, hat mich übrigens auch nie dafür geehrt, obwohl das vorgesehen ist. DALV und DHV arbeiten zusammen. Es gibt Personalunionen, man kennt sich. Und man weiß, wen man nicht ehren möchte.

Und gerade deshalb ist es wichtig anzuerkennen, wenn etwas großartig gemacht wird: Der DHV und der LMR leisten gerade ausgezeichnete Arbeit.

 

Kampf gegen die Pandemie

Wo stehen wir?

Im Kleinen: Zwei Dachverbände haben mich gerade angeschrieben, dass es für Kleinunternehmen, wie meines eines war, Hilfen gebe. Dafür kann man nur Danke sagen und Lob ausschütten. Für die Hilfe und für die schnelle Arbeit des Deutschen Harmonika-Verbandes und des Landesmusikrates. Für mich persönlich bedeutet das natürlich keine Hilfe, weil mein Betrieb nicht mehr existiert, aber ich leite dies weiter. Dass ich trotz meiner Betriebseinstellung wieder von den Verbänden angeschrieben wurde, kann ich nicht kritisieren. Es ist eben eine besondere Situation und ich leite ja ein Orchester. Wer soll sich da Gedanken darüber machen, ob ich das noch beruflich mache oder nicht, und ich bin in den Verbänden eben doch nicht besonders bekannt, denke ich.

Im Großen: Die Schritte, die Ausbreitung zu verlangsamen, halte ich für notwendig und richtig. Deshalb war ich mir sicher, dass bald jemand mit genau der gegenteiligen Meinung um die Ecke kommt. Und das ist wieder mal in seiner narzisstischen Arroganz und Mangelbildung zuverlässig der orange Utan im Weißen Haus, Donald Trump: Er möchte die Empfehlungen zu Ostern wieder aufheben, damit die Ökonomie einen Schub bekommt.

Im Durchschnitt, nach dem, was man zuverlässig sagen kann, liegt die alters- und gefährdungsabhängige Todesrate des SARS-CoV-2-Virus (Corona) bei 2 %. Bei gut 335 Millionen US-Bürgern entspräche das knapp 7 Millionen Toten. Zudem würde es die weltweiten Bemühungen unterlaufen und zu weltweit mehr Todesfällen führen.

Der Mann ist ein Vollidiot. Und weil die Medien der USA und das demokratische Establishment um Clinton und Co. seit mittlerweile vier Jahren eine Verleumdungskampagne gegen Bernie Sanders fahren, der keineswegs “radikal” ist, sondern die Sozialstandards etwa Deutschlands in den USA einführen will, wird der demokratische Kandidat Joe Biden nominiert werden. Der wiederum wird das gleiche Schicksal wie Hillary Clinton erfahren, weil er wie sie für die Politik des sozialen Stillstands steht: Er wird plattgewalzt und später vom Electoral College nicht ins Amt gehoben, selbst wenn er unwahrscheinlicher Weise mit deutlicher Mehrheit (wie Clinton) gewählt werden sollte.

Deshalb befürchte ich weitere vier Jahre Chaos in Amerika und damit auf der Welt.

Auf der positiven Seite: Sollte Trump diese Ankündigung wahr machen, ist damit vielleicht ja seine Idee vom Tisch, das Militär einzusetzen, um seine Amtszeit zu verlängern, weil man wegen der Pandemie ja nicht wählen könne. (Ich hoffe, der Sarkasmus scheint durch.)

Aber hören wir doch mal das “sehr stabile Genie” (seine Selbstbeschreibung) Donald Trump zu diesem Thema: “Wir werden relativ bald wieder öffnen und wir werden – die Zeit naht – und Montag oder Dienstag sind – du weißt, sie erlauben zwei Wochen, aber wir bleiben ein wenig länger als das, aber wir wollen ziemlich bald öffnen, ich denke, da ist ein großer Grund, es ging hoch, ich denke auch, dass die Tatsache, dass der Senat und das Haus, ich – wir scheinen klar zu kommen, so viel man klar kommen kann – wir scheinen über einen Gesetzentwurf einig zu werden – ich denke, das hatte sogar weniger eines Einflusses als die Tatsache, dass wir dieses unfassbare Land öffnen werden. Wir haben das zu machen! Ich würde es lieben, das zu Ostern offen zu haben. Okay? Ich würde es lieben, das zu Ostern offen zu haben, das werde ich dir genau jetzt sagen: Ich würde es lieben, es zu haben – das ist so ein wichtiger Tag wegen anderer Gründe, aber ich werde es zu einem wichtigen Tag für uns machen.”

Wer wollte da widersprechen. Deutlich über unser aller intellektuellem Niveau. Zu Ostern könnten dann die bibelfesten Amerikaner also wieder in Massen in ihre Großkirchen strömen. Wie schön. Für den Virus.

Zuständig für die medizinisch-wissenschaftlich Seite ist im Weißen Haus Dr. Fauci. Ein sehr vernünftiger Mann, der den Ernst der Lage erkennt und immer wieder darum bemüht ist, wissenschaftliche Fakten darzulegen, um Trumps Unsinn zu ordnen. Bei der letzten Pressekonferenz zum Thema war Dr. Fauci nicht mehr dabei. Er steht auf der Abschussliste, denn Trump duldet keinen Widerspruch.

Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

Fahrplan

Letztes Wochenende war ich auf Probenfreizeit mit meinem Orchester. Wir haben viel gearbeitet und hatten tonnenweise Spaß. Und wir haben gemeinsam unseren Fahrplan für diese Saison erstellt:

Wir werden drei konzertant große Werke spielen:

  1. Das Medley über Stücke der Gruppe “Supertramp”. Das Potpourri von Wolfgang Ruß haben wir nach vielen Jahren wieder in das Programm gehoben, weil es Spaß macht und toll klingt. Der letzte Titel der Folge ist “It´s Raining Again”. Da habe ich mir die Freiheit genommen, den kompletten Titel in eigener Bearbeitung auszuspielen, weil ich meinen Solistinnen Gelegenheit geben möchte, die schönen Soli vorzutragen und das Stück einfach gute Laune macht.
  2.  “The Star Wars Trilogy” habe ich vor der Jahrhundertwende handschriftlich arrangiert und seit über einem Jahrzehnt nicht mehr aufgeführt. Ich weiß, dass es meinen Arrangements gehen wird, wie denen Enno Meyenburgs: Sie werden in naher Zukunft verschwunden und verloren sein. Dies, weil sie nicht veröffentlicht sind, die Akkordeon-Orchester-Szene sich selbst erledigt und aber auch unter dem Druck der gesellschaftlichen Entwicklung einknickt. Aber vor allem, weil sie nur diejenigen Arrangeure und Komponisten pflegt, die dem elitären Kreis genehm sind (bei den “Chefs” Lehrgänge besucht haben und Duzfreunde sind, der Arrangement-Folklore folgen etc.). Dies ist mein zweites großes Arrangement, von Aufnahmen heruntergehört, mit Bleistift und Lineal auf Partiturpapier geschrieben. Mein erstes war “Legenda”, der zweite Satz aus Dvoraks Sinfonie “Aus der neuen Welt”. (Wurde nicht verlegt. Verlegte jemand aus dem Dunstkreis der “Platzhirsche”, die niemand anderes zulassen, wie mir der Verlag mal am Telefon wörtlich (!) mitteilte.)
  3. “Back To The Future” ist ein neues Medley von mir (keine Chance auf Verlag des Werkes; ich versuche es gar nicht erst). Das ist noch nicht ganz fertig, und ich kann erst übernächste Woche daran weiterarbeiten, weil ich noch meine letzte Lehrprobe vorbereiten und abliefern muss. Auf der Freizeit wurde sich ein weiterer Titel gewünscht, sodass ich jetzt nicht, wie gedacht, 2/3, sondern etwa nur die Hälfte bereits fertig habe.

“Back To The Future” wäre weiter gewesen, aber das Notenschreib-Programm lief nicht sauber, und ich hatte deshalb viel technische Probleme zu beheben, die Zeit kosteten. Der Zug der Zeit. Bei “The Star Wars Trilogy” war das Geschriebene geschrieben. Bei “Back To The Future” war das Geschriebene nicht unbedingt wirklich da.

“I Don´t Know Why She Loves Chicago” von Detlef Höhlein ist nahezu fertig geprobt. Es fehlen noch Routine und Selbstverständlichkeit. Aber verstanden hat mein Orchester das Stück quasi sofort. Wäre ein schönes Original-Werk für Akkordeon-Orchester. Aber weil ich der Bearbeiter bin, ist Skepsis erlaubt, ob es gelingen kann, das Werk zu verlegen. Vielleicht lässt sich ein Weg finden, mal sehen. Ich hänge mich aber nicht mehr in Auseinandersetzungen rein.

Die “Heidewanderung” werde ich leider für dieses Jahr nicht mehr ausarbeiten, weil “The Star Wars Trilogy” einen ausgesprochen hohen Schwierigkeitsgrad hat, auch “Back To The Future” echtes Konzertniveau zeigt und weil drei lange Werke im Programm genug sind. Aber das mit dem Konzertniveau meiner Werke sehen gewisse Kollegen ja anders: “Ich höre nur Klangkaskaden.” Tja, nichts zu machen. Zum Glück mache ich Musik nicht für diese Kollegen, sondern für mein Orchester, unser Publikum und mich.

Die Aufführung von “The Star Wars Trilogy” hatte ich für letztes Jahr geplant gehabt, weil das Stück da zwanzig Jahre alt geworden ist. Stattdessen wurde ich beruflich derart durch den Wolf gedreht, dass daran nicht zu denken war und das Matinee-Konzert nur möglich, weil das Orchester zueinander und zu mir (!) (Hätten andere Orchester sich auch nur annähernd so loyal verhalten, wäre ich noch da; und die Orchester würden noch existieren bzw. ihre Schüler haben.) hielt und konsequent arbeitete. Das Arrangement der “Heidewanderung” nehme ich mir für die Sommerferien vor.

Echos einer verlorenen Zeit

Heute war ein wunderschöner Tag: Ich habe mich morgens etwas eingespielt und bin zu den Fortbildungsseminaren gefahren. Dort haben wir uns auf die heutige Verabschiedung der erfolgreichen Absolventen vorbereitet, die musikalischen Generalproben abgehalten und sind schließlich mit unserem Programm aufgetreten. Heute Abend stand ich schließlich wieder vor meinem Orchester und probte an unserem neuen Programm.

Der ganze Tag voll Musik und allem, was dazu gehört.

Viele Seminar-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen, die eindeutige Mehrheit ist weiblich, habe ich in mein Herz geschlossen. Die Seminarleiterin und der -Leiter sind wunderbar. Vor diesem Publikum mit meinen Kolleginnen und unserem Chef zu musizieren, habe ich richtig genossen. Ein Stück von Mozart im Chor als etwas geschulter Tenor zu singen war beglückend. Das popmusikalische Duett mit der absolut umwerfenden Anna-Lena, einer tollen Klavier- und E-Gitarren-Begleitung und Chor anders angelegt zu intonieren war eine reine Freude.

Eine der Absolventinnen ist eine Instrumentalschülerin von mir gewesen. Sonniges Gemüt, gutmütig, fröhlich, angemessen albern, einsatzfreudig, intelligent, musikalisch. Nach fünf Jahren Unterricht übernahm sie schon mit größter Sicherheit Soli im Orchester. Dem Erwachsenen-Orchester! Es ist schön zu sehen, wie sie ihren Weg gemacht hat, wie aus einem lustigen Mädchen eine tolle Frau geworden ist, die klar orientiert ist und ihren Schülern viel geben kann, und wie sehr sich die Beschreibung ihrer Person in der Laudatio mit dem deckt, wie ich sie kenne. Während der Veranstaltung kamen mir laufend verschiedene gemeinsame Erlebnisse in den Sinn. Ich bin glücklich darüber und im guten Sinn stolz darauf. Auf meine Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Auf meinen Unterricht, meine Stücke und meine Orchesterarbeit. Auf sie. Und jetzt machte ich Musik für sie, ihre Familie und Freund und Absolventen ihres Alters.

Auf dem Weg vom Auftritt nachhause, um meine Frau abzuholen und meine Sachen für die Probe mitzunehmen, hatte ich wieder das überwältigende Gefühl: “Das willst du machen! Das und nichts anderes!” Das (!) bin ich! Das hat mich motiviert durchzuhalten, zu arbeiten, zu kämpfen. Dafür habe ich gebrannt.

Aber das ist nicht mehr meine Wirklichkeit. Nur noch Erinnerung, Schatten, Echo. Es war schön, mal wieder in solch einem Tag zu baden.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Säulen

Vor kurzem hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit einem Bekannten. Wir sehen uns nur selten und er ist irgendwann auf meine Seite gestoßen und hat hier gelesen. Er fand das alles ganz interessant aber kritisierte, dass einige meiner Beiträge auf ihn zu negativ und ärgerlich wirken würden.

Das ist eine gute Kritik. Denn ich bin ja über einiges ärgerlich oder ärgerlich gewesen und versuche, diesen Ärger plausibel und nachvollziehbar darzustellen. “Negativ” ist aber so ein Totschlagargument (er hat das nicht so benutzt oder so ablehnend gemeint, denke ich), das ich nicht so stehen lassen möchte. Ich schimpfe, weil mir die Sache am Herzen liegt und ich verbittert bin. Man könnte das lesen und sich überlegen, was man daraus schlussfolgern könnte, um etwas besser zu machen. Aber das passiert sicher nicht, und vor allem schreibe ich mir hier etwas den Frust von der Seele; billiger als eine Therapie, denke ich. (Das mit der Therapie ist ein Scherz!)

Aber abgesehen von der Freude, ihn mal wieder gesehen und gesprochen zu haben, möchte ich wegen des Gesprächs mal etwas Schönes über die Akkordeon-Szene schreiben. Was ist positiv, was gelingt, was sollte man tun?

Mit Birgit verbindet mich nicht nur eine aus unserer gemeinsamen Tätigkeit gewachsene Freundschaft sondern auch ein gemeinsames Konzept, einen Unterrichtsbetrieb zu führen. Das hat immer, wenn wir zusammen gearbeitet haben, ausgezeichnet funktioniert und wäre auf Vereine übertragbar. Ich selbst habe es für einige Zeit erfolgreich auf andere Vereine übertragen können, teilweise mit, einmal leider ohne Birgit. Dies ging trotzdem solange gut, wie die beteiligte Kraft wenigstens ein bisschen mitspielte. Das tat sie aber irgendwann gar nicht mehr, und das Ganze ging in die Brüche.

Wohl die einzige öffentliche Anerkennung des Dach-Verbandes für meine Arbeit war, dass ich zu einer Sitzung eingeladen worden bin, um dieses Konzept den anderen Vereinen vorzustellen. Das lief gar nicht gut: Nachdem mir das Wort erteilt worden war und ich wenige Sätze gesagt hatte, schaltete sich ein Vereinsvorsitzender ein, um mir vorzuwerfen, ich würde zu streng und nicht zeitgemäß unterrichten – natürlich ohne je einen Unterricht von mir gesehen, einen Schüler gehört oder ein Konzert besucht zu haben. Und vor allem: Ohne selbst eine noch so geartete Qualifikation zu haben, das zu beurteilen. (Später lernte ich, dass er von einer dhv-zertifizierten Dirigentin darüber “informiert” wurde, was für ein schrecklicher Mensch ich sei.) Ein anderer Orchesterleiter zog plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich, um zu erzählen, dass in seinem Verein Melodica-Unterricht zum Einstieg angeboten würde. Schön für die insgesamt acht Schüler des Vereins. Schließlich begann mein damaliger Vereinsvorsitzender zu erzählen, dass der Erfolg an seiner Planung und der Arbeit der anderen Lehrkraft läge. So versandete die Vorstellung dieses Konzepts darin, dass jeder etwas Kluges sagen wollte und auch ganz wichtig war. Letztlich funktioniert mein Konzept aber sowieso jetzt nicht mehr, weil man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

Aber es gibt aber noch ein anderes: Das Konzept “Akkordeon-Verein Winsen (Aller)”! Ich meine, ich habe das vor dem Orchester, dem Verein, dem Konzertpublikum und hier auf meiner Homepage schon und auch wiederholt deutlich gemacht, aber es schadet nichts, es einmal klar zu sagen, wie sehr mir das Verhalten im Verein gefällt.

Als ich vor mehr als 10 Jahren Dirigent des 1. Orchesters und 1. musikalischer Leiter wurde, war meine erste Amtshandlung: nicht einmischen! Denn es lief. Ich hätte durchaus das Eine oder Andere anders machen wollen und auch Verbesserungsideen gehabt (auch vorsichtig eingebracht, so ist das ja nicht), aber ich habe mich zurückgehalten. Eben weil es lief. Da sah ich einen Verein, der wirklich gewachsen ist und stürmische Zeiten souverän überstanden hat. Die Rollen, die Aufgaben, offizielle wie inoffizielle, waren klar geordnet. Jedes energische Eingreifen von mir wäre falsch gewesen.

Der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) (AVW) ist auch der erste Akkordeon-Verein in meiner Laufbahn, in der die Beziehung zwischen Profi und Amateur (und das ist in keiner Weise abwertend gemeint: “Amateur” kommt aus dem lateinischen “Amator”, dem Liebhaber. Jemand, der etwas aus Leidenschaft tut.) kein hart ausgefochtener Wettkampf ist.

Ein Beispiel? Wo gibt es das, dass eine bisherige erfolgreiche Leiterin quasi zurück tritt und wieder unter der neuen Leitung im Orchester zuverlässig, kompetent und fröhlich mitspielt? Wer würde so etwas schon machen? Und dann noch wie zu eigener Leitungszeit Organisation bis zum Abwinken übernehmen? Gunda Falke hier im AVW.

In meinen Artikeln schreibe ich öfter darüber, verkürzt und überspitzt gesagt, dass Amateure zu Profis in Konkurrenz stehen. Das ist pauschal und grob dargestellt. Ich sehe das differenzierter, als es durch diese Äußerungen scheint: In meinen Augen kommt es auf die Haltung, das Engagement, die Persönlichkeit insgesamt an. Wenn beispielsweise jemand nach dem Besuch eines oder zweier Grundlehrgänge befindet, er habe sie nicht nötig, und sich als bescheidene, aber kompetente und nette Lehrkraft verkauft und mit einer wirklichen Fachkraft nicht nur auf eine Stufe, sondern sogar darüber stellt, stimmt etwas nicht. Bei uns ist das anders: Da wurden alle möglichen Lehrgänge absolviert und es steht eine jahrzehntelange, sorgsam aufgebaute Unterrichtserfahrung hinter dem Tun.

Könnte ich zum Unterricht etwas beitragen? Selbstverständlich. Dafür habe ich meine Ausbildung. Ich hätte mich gerne als weiterführende Lehrkraft eingebracht. Das wäre für Schüler und Verein sinnvoll und schön gewesen und später für den Fortbestand meines Betriebes vielleicht auch notwendig, aber die Gelegenheit ist nicht entstanden und mehr als anbieten kann ich mich nicht. Der Unterricht, der stattfindet, ist aber fundiert und zeigt ja auch schöne Erfolge. Nicht dran rütteln, nur weiter wachsen lassen, denn das ist ein guter Kurs.

Zum Reifen des Vereins gehören Leute, die dieses Wachsen prägen. Sebastian Truffel ist einer der Spieler meines Orchesters, die auch Musik hätten studieren können. Die Virtuosität, die Intelligenz, der Spielwitz, das Gefühl: alles da. Klugerweise studiert er nicht Musik. Er macht etwas in meinen Augen Großartiges und Wertvolles für die Gesellschaft und studiert Medizin. Und schreibt ganz nebenbei ständig neue Arrangements für alle Klangkörper des Vereins, die Spaß machen, gut klingen, während er unauffällig, mit hintergründigem Humor im 1. Orchester auf Anhieb alles spielt, wo auch immer er gerade gebraucht wird. Damit es nicht langweilig wird, kommt er immer wieder mit neuen Ideen um die Ecke, wie man im Kleinen wie Großen den Verein weiter ausbauen kann.

Damit fühle ich mich verbunden: Ich selbst bin so in meinem Heimatverein groß geworden, habe mich gerne in jeder Stimme einsetzen lassen und schließlich Musik studiert. Die Unterschiede sind, dass das im Gegensatz zu mir meinem damaligen Leiter nicht willkommen war und er mich als Konkurrenz und nicht als wertvolle Unterstützung sah. Zudem sahen wichtige Spieler im Verein und Vereinseminenzen eher neidisch als froh auf solch eine Entwicklung bei mir. (Mir fallen sofort wieder Geschichten dazu ein. Aber ich will ja positiv bleiben.) Ich war damals beispielsweise dafür federführend, das Orchester von “1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.” aufgrund der unglaublichen Zahl von Enno Meyenburgs Bearbeitungen und seines besonderen Stils griffiger in “akkordeon-sound-orchester” umzubenennen. Ebenso hatte ich die technische Aufrüstung der elektronischen Instrumente vorangetrieben und für einen vernünftigen Bassverstärker gesorgt und anderes mehr. Dies hefteten sich aber immer sehr schnell andere an die Brust. War mir damals relativ egal, weil mir wichtiger war, dass etwas Gutes passiert. Solch eine Missgunst und so ein Neid sind hier nicht zu finden.

Genauso geräuscharm und effektiv arbeitet der 1. Vorsitzende Sven Krüger sachgerecht an lästigem Verwaltungskram und führt den Verein.

Nur drei Beispiele aus dem AVW. Es gäbe so viele mehr.

Solche Säulen von Vereinen lassen mich hoffen, dass es die Szene vielleicht doch noch schaffen könnte, das selbst mit zu verantwortende Desaster, dass in den Vereinen aufgewachsene Profis nicht mehr überleben können, zu überstehen.

Das Problem dabei: Das Konzept AVW lässt sich nicht so einfach übertragen wie meines und Birgits. Es ist gewachsen. Es hängt an der gereiften Freundschaft untereinander. Und an den Charakteren. Die sind nämlich ziemlich einzigartig.

Und deshalb fühle ich mich da so wohl, wie in keinem anderen Akkordeon-Verein zuvor.

Falls mein Bekannter J. dies also liest: Bitte! So negativ bin ich doch gar nicht.

Frischer Wind

Umbrüche im Leben muss man überlegt angehen. Auf meinem spannenden beruflichen Weg habe ich ein Ritual entwickelt, das mir bei der Orientierung immer hilft: Stundenlanges, nicht zielgerichtetes Fahrradfahren.

Ich sitze gerne und ziemlich oft im Sattel. Weil mir sportliche Wettbewerbe zuwider sind, bin ich mein einziger Gegner. Das reicht mir. Hin und wieder habe ich mich bis zur absoluten Erschöpfung angespornt, meistens reicht mir einfaches Fahren. Die Gedanken schweifen, ich fühle mich wohl. Das war so, seit ich Fahrrad fahren kann. Der Anfang meiner Symphonietta rustica beschreibt nach der langsamen Eröffnung mich als Kind auf meinem Rad dahin flitzend und fröhlich vor mich hin singend.

Wenn also tiefgreifende Veränderungen anstehen, schwinge ich mich gerne auf mein Rad und fahre ungerichtet los. Wenn mich diese Veränderungen überfallen und ich schnell reagieren muss, fehlt mir das. Das heißt nicht, dass ich die Entscheidungen, die ich in solchen Fällen getroffen habe, jetzt bereuen würde. Aber dennoch. Für mein Wohlbefinden, für meine Selbstsicherheit über diese Entscheidungen wäre das besser gewesen.

Der Entschluss, den Realschulabschluss zu machen, der, den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr zu leisten, Abitur zu machen, aus dem Beruf auszusteigen und zu studieren und so weiter und so fort: geboren im Fahrradsattel.

Keine Zeit für solche Fahrten hatte ich in den Konflikten mit den Akkordeon-Vereinen in Walsrode, Celle und Langenhagen. Ich war gezwungen aktiv zu werden und zu reagieren und tat das Notwendige. Als ich (immer noch unglaublich: im öffentlichen Dienst!) ohne Vorwarnung urplötzlich vor die Tür gesetzt wurde, hatte ich nur eine dreiviertel Stunde Fahrzeit nach Hause und musste sofort organisieren. Keine Zeit für eine Fahrradtour.

Heute nahm ich mir die Zeit, um nachzudenken, und fuhr nicht lange, nur etwa 50 km, ungezielt durch die Gegend. Frischer Wind im Gesicht und die Gedanken kreisen lassend. Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Konkret arbeite ich an den letzten beiden Besuchen der Seminarleitungen. Über die bisherigen bin ich glücklich: Ich habe sehr viel Anerkennung und Lob erhalten und ausgesprochen wertvolle Tipps! Als alter Hase im Schul- und Universitätsbetrieb auf der Empfängerseite kann ich nur hervorheben, wie sehr ich solch eine Ausbildungsqualität und Fürsorge schätze.

Also: Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Ich denke, es wird nicht mehr möglich sein, selbst als Instrumentalist Konzerte zu geben. Nach meinem Studium habe ich immer wieder Anläufe genommen, mein Studienniveau wieder aufzubauen, aber es ist mir nicht gelungen. Im Beruf stehend ist es sowieso unglaublich schwer, genügend Zeit für eigenes Üben zu finden. Es kommt dabei ja auch nicht nur auf die Stundenzahl sondern auch auf die Qualität der Zeit an. Sich in der Nacht drei Stunden abzuarbeiten, nachdem man den ganzen Nachmittag unterrichtet hat und die Fahrten absolviert hat, ist wenig effektiv. Also bin ich morgens früh hoch und habe versucht, den Vormittag zu nutzen. Das ging aber nicht durchgehend und wenn mal, beispielsweise durch Orchesterfahrten oder persönliche Ereignisse, von denen es einige gab, längere Pausen entstanden, verlor ich meinen Arbeitsrhythmus.

Für die unterrichtsfreie Zeit über Weihnachten und Neujahr hatte ich mir die Arbeit der Arrangements von drei Stücken vorgenommen. Die Nachricht, dass ich die letzten Besuche im Januar absolvieren muss, hat mich diese Arbeit beiseite schieben lassen müssen. Aber Arrangieren wird wohl noch gehen, wenn erst einmal etwas mehr gleichmäßiger Fluss in mein Berufsleben gekommen sein wird.

Eigene Kompositionen wird es von mir sicher nicht mehr geben: Man muss ernsthaft über große Zeiträume an Stücken arbeiten und auch bereit sein, Arbeit von Stunden vollständig zu verwerfen, wenn sich das Werk anders entwickelt. Zum eigenen Vergnügen könnte ich das wohl machen, aber ich will mich nicht mehr vor ein Orchester stellen und eigene Werke anbieten, durchsetzen oder verteidigen. Das ist schon bei Arrangements manchmal sehr unangenehm, bei vollständig eigenen Werken richtig schmerzhaft.

Ich will nicht mehr erreichen, dass ich in der Szene Anerkennung finde. Das war für mich auch früher eher etwas Notwendiges, als etwas Gewünschtes. Ich wollte mit meinen Schülern und Orchestern Erfolg haben, damit sie sich wohl fühlen und Motivation darin finden und damit ich als, so die Überlegung, anerkannter und recht erfolgreicher Musiker für meine Vereine und später meinen Betrieb entsprechenden Zulauf gewinne. Diese Anerkennung gab es durchaus in der Szene, so ist das nicht! Aber meist nicht offiziell. Ich wurde sogar recht oft gelobt für Unterricht, Orchesterleistung, Arrangements und Dirigat. Aber immer (!) nur unter vier Augen. Sozusagen konspirativ, vertraulich. Passierte etwas Offizielles, wurde ich entweder ignoriert oder bekam auf die Mütze. Ich weiß, das hat nichts mit mir zu tun, sondern liegt an den Strukturen und so weiter, aber es ist nun einmal so. Und deshalb geht es mir nicht mehr um die Szene. Auf einen Orchester-Wettbewerb würde ich also für mich nicht mehr gehen, für das Orchester aber schon.

Möglich ist und erreichen will ich, ein in jeder Hinsicht guter Lehrer zu bleiben, und ich hoffe sehr, dass das an meinem jetzigen Einsatzort sein wird. Mein Orchester will ich weiter leiten, dafür arrangieren und tolle Konzerte gestalten. Als Hobby möchte ich mit meiner neuen Band jammen; unser erster, halböffentlicher Auftritt war ganz vielversprechend, aber es gibt noch richtig was zu tun. Künftige Auftritte zum Spaß sind mir willkommen. Mehrere Klangkörper zu leiten wird nicht mehr gehen.

Etwas neblige, recht windstille ca. anderthalb Stunden auf dem Fahrrad brachten schnelle Klarheit: Ich bin auf Kurs und fühle mich wohl damit!