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Rostige Rüstung

Ich musste mir bis vor etwa vier Jahren oft die Nächte um die Ohren schlagen. Das hat nun ein glückliches Ende gefunden. In jener Zeit aber hatte ich mir angewöhnt, im Internet zu debattieren. Einige dieser Debatten halte ich auch in der Nachbetrachtung für ausgesprochen sinnvoll, weil sie mir etwas brachten, sogar mein Weltbild positiv beeinflussten. Auf eine besondere bin ich sogar ein wenig stolz; wo das war und worum es ging, möchte ich aber nicht veröffentlichen.

Jetzt hat ein Freund auf seinem Blog einen, wie eigentlich immer, tollen Artikel über einen Artikel eines anderen Autoren geschrieben, der “unserer” Generation vorwirft, ohne Argumente die gendergerechte Sprache abzulehnen. Es schlugen Kommentatoren auf, die das auch so sehen.

Also warf ich mich noch einmal in meine rostig abgeschrabbelte Rüstung des Internetkriegers und ritt in die Schlacht. Die Kommentare, auf die ich antworte, veröffentliche natürlich nicht; worauf ich aber reagiere, kann man an meinen Antworten sehen. Der Mann meinte übrigens, er würde vollständig “inkludierend” grundsätzlich in der weiblichen Form schreiben. Das hat mich getriggert (Tippfehler bitte verzeihen, man schreibt eben doch etwas oberflächlich in Kommentaren):

Dietmar
 26. September, 2020 19:08

Moment mal: “Ironisches Gendern von Begriffen, bei denen es keinen Sinn ergibt”? Das sehen wir uns doch mal genauer an:

Ironie bedeutet, dass ein Begriff, der nach deinem Sprachverständnis als eindeutig einzustufen wäre, umgedeutet würde. Wie Heinz Erhardt, als er sagte, man betrete den Wald und links stehe ein Baum, rechts eine Bäumin. Nur ist beispielsweise “Bürger” ein solch eindeutiger Begriff. Ganz eindeutig! Er kommt Dir nur nicht mehr so vor, weil durch die ständige, anbiedernde Benutzung von “Bürgerinnen und Bürger” das Sprachgefühl per Willensakt gebeugt ist. “Bürger” entspricht “Gast”. Bei “Gast” spüren wir den Fehler noch, bei “Bürger” nicht mehr.

Die Gender-Ideologie, und nichts anderes ist sie als eine Ideologie, geht davon aus, dass die Genera geschlechtlich sind, aber das sind sie eben nicht. Wenn sie das wären, hätten die Frauen echt Pech! Denn “Frau” kommt von “frouwe” und “frouwe” entspricht dem “Herren”. Deshalb heißt der Feiertag “Leichnam des Herren” auch “Frohnleichnam”.

Die Genera sind in der indogermanischen Sprache, die unserer Sprache zugrunde liegt, aus einer sprachlichen Notwendigkeit heraus entstanden, um syntaktischen (!) Sinn zu ergeben. Es ist komplett albern anzunehmen, dass sich die Menschen darüber Gedanken gemacht hätten, welches Geschlecht etwas hätte. Zumal sie sich ständig bei jedem Wort einigen müssten.

Das Maskulinum ist der Standardgenus, in das alles fällt, was nicht Verlauf oder Ergebnis eines Geschehens ist; auch, wenn diese Herkunft uns verborgen sein mag: Unser Sprachzentrum “weiß” das automatisch. So automatisch, wie der Darm verdaut. Denn Gehirnfunktionen sind Körperfunktionen und unterliegen damit evolutiven Prozessen.

Wir nennen “der” maskulin, “die” feminin und “das” weiblich. Würde Sprache sich um Genera scheren, müssten die Fragewörter dem entsprechen. “Wer” fragt aber nicht (!) nach den Männern sondern nach allen Personen! Das -er als Suffix ist kein (!) Zeichen des Maskulinum. Die weibliche Frage müsste, entsprechend dem “sie”, “wie” lauten. Gibt es aber nicht, ist vielmehr die Frage nach der Art und Weise.

Maskulinum, Femininum und Neutrum bezeichnen keine natürlichen Geschlechter. Die Tür ist keine Frau, und es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass sich die Indogermanen eine Frau vorstellten, als sie das Wort “dhwer” aus ihrer Vorgänger-Sprache entwickelten.

Dietmar
 26. September, 2020 20:52

(Oh verdammt! Ich verfalle gerade in ein altes, überwunden geglaubtes Muster: Ich fange an, ausführlich zu debattieren. Schreiben wir es als vorübergehenden Rückfall ab, bitte!)

Mit Deinem Kommentar habe ich, abgesehen von dem schon Bemerkten, doch noch ein paar Probleme:

  • “In der Linguistik…” Schön. Aber sprachwissenschaftlich ist es falsch, den Genera ein natürliches Geschlecht zu unterstellen und dem Sprachzentrum etwas anderes als die Ordnung nach rein sprachlichen Mustern.
  • “In der Psychologie…” Gender Studies, das ist die Keimzelle dieser Idiotie, ist aber keine Psychologie und nicht einmal ein ernsthaftes, wissenschaftliches Forschungsfeld. Ich renoviere gerade mein Arbeitszimmer, kann also nicht auf die Quellen zugreifen, aber bei den Gender Studies ist es die grundannehmende Voraussetzung (!), dass die Sprach männlich dominiert ist. Sprache hat psychische Folgen. Dass der Standardgenus als männlich bezeichnet wird und, weil Standard, häufig ist, hat solche Folgen nicht.
  • “Inklusiver Formulieren” Ich arbeite als Lehrer. Das Kollegium ist zu 80 % weiblich. Wie ungerecht von mir, Frauen nicht in meinen Männerkreis aufzunehmen und mit einem männlichen Löffel morgens meinen Kaffee umzurühren.
  • “Möglichst inklusiv schreiben” Frauen sind Bestandteil der Gesellschaft. Sie sind nicht exkludiert. Waren sie nie. Es gab und gibt Benachteiligungen. Mehr Frauen als Männern gegenüber, möglicherweise. Aber “Inklusion” ist so derartig albern überzogen, dass es mir tatsächlich schwer fällt, Dich und Deine Motive ernst zu nehmen.
  • “…erwarte nicht, dass jemand, die das hier liest…” Inkonsequent. Es muss heißen: “…erwarte nicht, dass jefraut, die das hier liest…” Das ist mein Ernst. Du fragst nach jemandem mit “wer”, dem maskulinen Fragewort. In “jemand” steckt das Lexem “man”, und darauf muss das maskuline Reflexivpronomen folgen, also “der”.

Aber vielen Dank: Hier zeigt sich wieder, dass man sich mit dem Sprachzentrum nicht anlegen kann, ohne unauflösliche Widersprüche zu erzeugen. Gendersprache ist nicht gleichzusetzen mit dem gerechtfertigten bewussten Änderungen im Sprachgebrauch (beispielsweise die Regionen südlich der Sahara nicht mehr als “Schwarzafrika” zu bezeichnen). Sprache ist eine evolutiv wachsende Eigenschaft des Körpers, nämlich des Gehirns. Und das “weiß”, warum die Straße weiblich ist, das Auto sächlich und der Idiot immer männlich. Es sei denn, die Geschlechtsmerkmale spielten irgendeine Rolle. Was sie beispielsweise bei einer Gabel oder einem Löffel selten tun.

Aber künftig rühre ich dann eben mit einer Löffelin in meiner Kaffeein, damit sich meine Kolleginnen inkludiert fühlen.

Dietmar
 26. September, 2020 23:56

(Wow: Echt ein Rückfall! Will zu Bett gehen, und da fällt mir etwas ein, was ich noch schreiben wollte, dann aber nicht daran dachte. Muss jetzt raus:)

Wenn Du eine “echte” weibliche Bezeichnung für die Frau haben willst, kommst Du auch im Englischen nicht weit: Da sind Frauen “woman”, also Weibsmänner/Weibsmenschen. Die einzige richtige Frau ist die Queen (kommt aus dem indogermanischen kwen, was noch in Gyn- von Gynäkologie steckt). Das Weib an sich ist aber schon wieder sächlich.

Ach, ist das nicht irgendwie ärgerlich, dass so gar nichts richtig passt, wenn man meint, dass sprachliche Genera natürliche wären?

Einzelhaft am Instrument

Das Wichtigste vorweg: Das fehlende Teilchen ist jetzt da, denn letzte Woche wurde mir von meinem Dienststellenleiter bestätigt, dass mein Zeitvertrag in eine Festanstellung übergehen wird! Seit ich an dieser Dienststelle arbeite, führe ich ein normales, gesundes, entspanntes, hobbit-gleich geruhsames Leben. Eine ganz neue Erfahrung. Ich gehe pünktlich zur Arbeit, gehe pünktlich nach Hause. Niemand spielt mit mir irgendwelche Machtspielchen. Ich habe ein klares Aufgabengebiet und kann meine Kompetenzen frei einsetzen. Die Kollegen sind offen, freundlich, sachorientiert und angenehm albern. Meine Aufgaben sind spannend.

Habe ich Grund zur Klage? Nein. Bin ich froh über die Situation? Und wie!

Ich lebe anders. Bis 2018 war mein Leben von unbedingter Zielstrebigkeit bestimmt. Carl Czerny prägte den Begriff der “Einzelhaft am Klavier”, der auf jedes Instrument, das man ernsthaft studiert, übertragen werden kann. Wenn man nicht angemessen üben kann, rächt sich das bitter. Übt man angemessen, muss man verzichten. Man muss sich der Musik voll und ganz widmen. Aber das ist nur die Grundbedingung für eine minimale Erfolgsaussicht.

Seit mehreren Monaten, länger als je zuvor in meinem Leben, mache ich freiwillig Gefängnisurlaub vom Instrument. Ich arbeite normal, mache täglich Sport, pflanze und säe, lese, koche mit Genuss und schaue Filme, schreibe hier ein bisschen. Vorgestern war ich zur letzten Kontrolle bei meiner wunderbaren Hausärztin, der ich buchstäblich mein Leben verdanke: Es ist alles wieder im Lot, ich habe mich vollständig erholt. Sie fragte, wie es mir ginge. “Klingt vielleicht wie ein Klischee, aber mir geht es von Tag zu Tag besser”, antwortete ich. So fühle ich mich gerade. Dieses ausgedehnte Gefühl des Nicht-getrieben-Seins hatte ich zuletzt in meiner Kindheit. Die Aufgaben, die mir zufallen, nehme ich an und erfülle sie mit Gelassenheit. Zu mehr dränge und zwinge ich mich nicht mehr. Und das tut mir gut. Das habe ich mir verdient.

Ich bin aus den Knochenmühlen raus, in denen ich in den Vereinen und Verbänden und nach der Betriebsaufgabe in der alten Dienstelle steckte. Je weiter ich mich davon entferne, desto klarer wird mir, wie zerstörerisch, zynisch und rücksichtslos mein Idealismus ausgenutzt wurde, der mich in die vollständige Selbstausbeutung trieb. Das Problem ist, dass von diesem selbstausbeuterischen Idealismus die gesamte Musikszene lebt.

Meine Ärztin ist eine richtige Ärztin. Ohne Alternativ-Hokuspokus, mit echter Medizin. “Ich hatte ernste Sorge, dass das organisch vielleicht noch nicht alles war. Aber jetzt sieht es ja doch danach aus. Das ist sehr schön!” sagte meine Ärztin und fragte, ob ich jetzt vernünftiger leben würde. “Naja,” antwortete ich, “ich arbeite jetzt bei einem tollen Arbeitgeber und bin aus der Knochenmühle raus. Das ist kein Vergleich zum Druck und Stress, den ich vorher ständig hatte.” – “Was haben sie denn vorher gemacht?” Wir haben nie, obwohl sie jetzt schon viele Jahre die Ärztin meines Vertrauens ist, über meinen Beruf gesprochen. “Ich habe Musik studiert, habe als Selbständiger für Vereine unterrichtet und dirigiert und zuletzt eine eigene kleine Musikschule betrieben.” – “Die Situation der Musikschaffenden ist so schlimm geworden! Ich spiele auch Klavier und habe es immer geliebt, quasi “autistisch” am Instrument zu sitzen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Musik zu studieren. Aber wenn man das dann sieht! Wer das macht, steckt so viel Arbeit da rein! Und bekommt doch keine Wertschätzung, und niemand ist bereit, angemessen zu bezahlen. Dabei ist Musik so wichtig! Die Arbeit ist so wertvoll!” Ich hätte sie dafür gerne umarmt. Sie sprach mir aus dem Herzen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video des großartigen Daniel Barenboim gesehen. Er beantwortete die Frage eines jungen Menschen, ob er Musik studieren solle und ob Barenboim ihm zum Studium raten würde. Ich bewundere Barenboim aufrichtig. Aber seine Antwort halte ich für schlichtweg verantwortungslos. Irgendwann werde ich sie hier mal darstellen.

Der Kuchen ist kleiner geworden, um die letzten Krümel wird bis aufs Messer gekämpft. In der Akkordeon-Szene herrscht eine unerträgliche Ellenbogen-raus-Geiz-ist-geil-Hier-komm´-ich-Mentalität von Profis wie von Laien. Wer sich zum Dirigenten “berufen” fühlt, kann sich vor ein Orchester stellen, das das zulässt, und – schwupps – ist man “Dirigent”. Die Verbände bedienen die, die dazu gehören, weil sie die richtigen Lehrgänge bei den richtigen Leuten gemacht oder an den richtigen Instituten studiert haben. Wer das nicht hat, kriegt das zu spüren.

Deshalb wollte mich der Vorstand des Langenhagener Vereins dazu vergattern, dass ich die Lehrgänge von D bis C mache. Ich habe studiert, ich habe ein Diplom, ich könnte auf Lehrgängen den Stoff unterrichten und unterrichtete ihn ja auch im – Unterricht! Dafür ist der ja da. Aber nein: Ich sollte zu den Lehrgängen fahren, “Das bezahlen wir dir auch!”, und bei meinen Kollegen Notenwerte und Dirigieren lernen! Ich sollte trotz sehr erfolgreich abgeschlossenen Studiums und inzwischen einen Jahrzehnts an Erfahrung als Dirigent statt zu üben, zu arrangieren und komponieren noch einmal Zeit aufwenden, um Lehrgänge zu besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß, dass ich mich wiederhole)! Ich bin zu Meisterkursen gefahren, um Impulse zu erhalten. Aber ich sollte zusätzlich noch Lehrgänge besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß…)! Ein Vorstandsmitglied war meine geringfügig beschäftigt Angestellte. Sie stellte diese Forderung an mich auch. Sie selbst brach nach zwei D-Lehrgängen (den Basis-Lehrgängen, vor denen sie massiv Angst hatte, sie nicht zu bestehen!) ihre “Qualifikation” ab, weil ihr das nichts brächte, sagte sie. Ich hatte aber studiert! Und ich sollte – auch nach ihrer Meinung – zu meiner Qualifikation Lehrgänge für Laien besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (…)!Mit anderen Worten: Mein Diplom ist nichts wert. Sieht gut aus, liest sich nett als Werbung, reicht aber nicht, Dietmar! Es zählen die Lehrgänge, die dafür konzipiert worden sind, Laien etwas zu qualifizieren.

Bei meinem ersten Wettbewerb für den Langenhagener Verein stand dann auch ein Verbandsfunktionär während des Jurorengesprächs (in dem man mir erklärte, ich wisse offenbar nicht, was Dur und Moll wären, und dass man mit zweichörigen Kinderinstrumenten einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen” könne) hinter der Jury und sprach mich an: “Der DHV bietet Lehrgänge an, wenn sie dirigieren lernen wollen!” – “Ich habe an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Orchesterleitung belegt.” – “Oh!” – “Ich habe sogar als Jahrgangsbester mit 1,0 abgeschlossen.” Er entschuldigte sich und zog sich zurück. Unglaublich, aber wahr, dies ist exakt der Dialog, der da stattfand. Als wir uns Jahre später das letzte Mal sahen, wenige Wochen nach meiner vollständigen Vernichtung bei meiner letzten Wettbewerbsteilnahme, sah ich ihm an, dass er mit sich rang, mich anzusprechen. Er ist kein schlechter Mensch, und ich bin sicher, er wollte mir etwas Ermutigendes oder Freundliches sagen. Aber mir war da schon klar, dass meine Zeit im Langenhagener Verein abgelaufen und mein Name verbrannt sein würde, und so ging ich nicht auf ihn zu, um ihm den Kontakt zu erleichtern. An der Wand stehend blickte er ständig zu mir und machte immer wieder mal einen Schritt in meine Richtung, rang sich aber schließlich nicht durch.

Einer meiner Konkurrenten kam nach dem Wettbewerb, der der Jury meine Unkenntnis von Dur und Moll enthüllte, auf mich zu: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst Erster oder ich! Das war wirklich toll!” Glücklicherweise war ich von seinem Beitrag gleichfalls sehr beeindruckt und sagte das aufrichtig. – Ich wurde Letzter. Zum zweiten Mal bei meiner zweiten Teilnahme bei diesen Wettbewerben. Er schaute mich bei der Ergebnis-Verkündung erschüttert an, wurde aber schnell durch seinen ersten Platz getröstet.

Als ich, für kurze Zeit, denn dann bot sich die Gelegenheit für eine Hobby-Dirigentin, die sich gerne als führende Künstlerin geriert, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sodass ich nicht wieder diese Funktion bekam, Bezirksvorsitzender des Verbandes war, sah ich es als meine Aufgabe an, den Verband gegenüber den Vereinen zu repräsentieren und möglichst viele Konzerte zu besuchen. Es ist mehrfach passiert, dass ich von alten Vorstandsmitgliedern angesprochen und dafür gelobt worden bin, dass ich der erste Verbandsvertreter in der teilweise langen Geschichte der Vereine gewesen sei, der Konzerte persönlich besucht hat. Ich fragte aktiv in den Vereinen nach zu ehrenden Mitgliedern, anstelle auf Vereinsmeldungen zu warten, weil ich es für wichtig hielt, dass der Verband sein Interesse nicht nur bekundet, sondern tätig zeigt und lebt. Sehr gerne sprang ich auch für andere Bezirksvorsitzende ein, wenn sie verhindert waren. Die Ehrungen versuchte ich freundlich und fröhlich mit persönlichen Worten zu gestalten und kaufte immer, auf meine Kosten, denn im Verband waren dafür keine Mittel vorgesehen, Blumen für die zu Ehrenden.

Für jeden Verein, für jede Ehrung schaute ich mir vorher den Verein und verfügbare Infos über die Personen an. Als ich beispielsweise eine zeitlich verhinderte Bezirksvorsitzende bei einer Ehrung vertrat, begann ich meine Ehrung nach meiner Begrüßung mit den Worten: “Ich habe mich immer gefragt, warum dieses Orchester so erfolgreich ist: Es sind tolle Musiker an den Instrumenten! Aber dieser Dirigent: Der ist richtig gut!” Ihn hat das vollkommen überrascht, er sich sehr gefreut. Vor allem: Ich meinte das ehrlich. Ich bekam nach den Ehrungen Applaus, alle waren gelöster Stimmung, das Konzert war unterhaltsam und qualitätvoll. Der Dirigent sprach mit mir nach dem Konzert einige Zeit, ich kam mit zur Nachfeier. So soll es sein, mir gefiel das.

Als ich einen Dirigenten ermittelt hatte, der mehrere Jahrzehnte Orchester geleitet hatte, sprach ich mit jemandem aus dem Vorstand, damit die entsprechende Ehrung durchgeführt werde. Wir vereinbarten, dass wir den Dirigenten auf dem Konzert damit überraschen wollten. Der Vorstand bedankte sich bei mir, weil ihm selbst das möglicherweise durch die Lappen gegangen wäre. Alles lief wie geplant. Das Konzert erreichte den vereinbarten Zeitpunkt, der Moderator erklärte, es sei ein Vertreter des Verbandes anwesend, dem er jetzt das Mikrofon überreiche. Ich ging auf die Bühne, begrüßte kurz im Namen des Verbandes, sagte, dass ich das Konzert sehr genieße und lobte Qualität und Spielfreude. Dann erklärte ich (so steht es stichpunktartig in meinen Notizen, die mir beim finalen Aufräumen in die Hände gefallen sind): “Wenn der Verband ehrt, ehrt er für die in dieser Funktion geleisteten Jahre. Ich möchte diese Ehrung aber noch etwas weiter gefasst verstanden sehen: Ich darf hier heute einen Dirigenten ehren, der Wertvolles für die Akkordeon-Szene geleistet hat und einige großartige Wettbewerbserfolge vorweisen kann.” Dann sagte ich noch ein wenig Konkretes lobend über die Stücke und die Interpretation des Abends, was ich inzwischen vergessen habe. Lob, Lob, Lob und höchste Anerkennung.

Der Dirigent nimmt die Ehrung entgegen, freut sich sichtlich, ich verlasse die Bühne. Als ich auf meinem Platz sitze und mich über die gelungene Überraschung und die dem Dirigenten bereitete Freude freue, greift er zum Mikrofon: “Vielen Dank für die Ehrung! Ich denke gerne an die Wettbewerbe und an die hervorragenden Platzierungen. Da musst du erst mal noch hinkommen, Dietmar!” Mir sackt das Blut aus dem Kopf.

Applaus gab es dafür nicht, irgendeine andere Reaktion des Publikums habe ich nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es hätte betretene Stille gegeben. Aber ich war zu getroffen, um irgend etwas zu realisieren. Kurz darauf startete ich meine letzte Wettbewerbsteilnahme mit tollem Ergebnis für mein Winser Orchester, hoch erfreulichem für mein heute so sehr von mir vermisstes Jugendorchester und absolut vernichtendem letzten Platz für mein Langenhagener Orchester und zum dritten mal letzten Platz für mich. Präludium zum Ende meiner Geschichte als Musiker. Ich werde da also nicht mehr “hinkommen”. Freut den Dirigenten-Kollegen sicher. Und nicht nur den.

Die Musik-Szene insgesamt lebt von der Selbstausbeutung der Profis, die nicht mehr von diesem Beruf leben können. Auf den mageren Markt, der den Begriff Markt nicht mehr verdient, drängen osteuropäische und asiatische junge Künstler, am Instrument ausgezeichnet befähigt, nur um nach kurzer Zeit zu sehen, dass es den Markt nicht gibt. Legal kann man sich kaum halten. Und so versuchen dann beispielsweise russische Konzertsolisten ohne pädagogische Ausbildung quer einsteigend in den Schuldienst zu gelangen.

Die Großkotze haben gewonnen. Ausbaden muss es die Gesellschaft von heute und der Zukunft.

Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Die Funktion der Genera

Die Genera in der deutschen Sprache haben eine andere Aufgabe, als das natürliche oder ein imaginäres Geschlecht anzuzeigen. Täten sie das, wären alle Feminina als weiblich zu denken und alle Maskulina als männlich. Die Sprachfamilie hätte sich darüber einig sein müssen, welches Wort man sich wie vorzustellen habe und über jedes neue Wort hätte man sich neu klar werden und einigen müssen. Was für einen sprachlichen Sinn sollte so etwas haben? Quasi willkürlich und nicht nachvollziehbar Begriffe Geschlechtern zuordnen, um sie geschlechtlich zuzuordnen? Wozu? Welche sprachlich sinnvolle Funktion sollte das erfüllen? Das kann schlichtweg nicht sein.

Zugrunde liegt vielmehr ein Automatismus des Sprachzentrums, dem das Geschlecht einfach egal ist. Es kennt das nicht. Es kennt nur grammatikalische Funktionen und Automatismen.

Ich habe hier einmal eine willkürliche Liste von Nominalisierungen zusammengestellt:

Verben

ich tanze, du tanzt, er/sie/es tanzt

 

 

das Tanzen

 

 

die Tanzerei

ich schlafe, du schläfst, er/sie/es schläft das Schlafen der Schlaf
ich laufe, du läufst, er/sie/es läuft das Laufen die Lauferei
ich bade, du badest, er/sie/es badet das Baden das Bad
belegen das Belegen die Belegung
kapitulieren das Kapitulieren die Kapitulation
Adjektive

bedrohlich

 

 

das Bedrohen

 

 

die Bedrohung

ehrlich das Ehrliche die Ehrlichkeit
mutig das Mutige der Mut
selten das Seltene die Seltenheit
groß das Große die Größe
schnell das Schnelle die Schnelligkeit
einladend das Einladende die Einladung
offen das Offene die Offenheit

Wir sehen, dass die Genera nur in der dritten Person auftauchen, die erste und zweite in das Standardgenus fallen. Und wir sehen ein grundsätzliches Muster in der Nominalisierung: das Verb oder Adjektiv wird im ersten Schritt zu einem Neutrum, im zweiten zu einem Femininum. In meinen Beispielen gibt es da aber Ausnahmen: der Schlaf, das Bad, der Mut. Die sehen wir uns mal genauer an:

Der Schlaf ist eines dieser “neuen” *s-Wörter und im Gotischen als sleps nachgewiesen. Wikipedia setzt die Entstehung des Wortes später, nämlich im Althochdeutschen mit dem Wort slaf als Substantivierung des Verbs slafen an. Das halte ich für falsch, weil es die ältere gotische Form als *s-Wort gibt. Mit diesem verwandt sind einige Worte, die durch Wegfall des Schluss-S und des Anlaut-S nicht auf Anhieb ähnlich sehen, wie Lippe oder Lappen. Die Wurzel dafür haben wir schon kennengelernt: leb- für schlaff. Der Schlaf ist also nicht das Ergebnis der Nominalisierung des Verbs schlafen, sondern ein aus dem *er-Wort leber entstandenes *s-Wort slebs als Ursprung des Verbs.

Beim Begriff Mut stoße ich wieder an die Grenzen der Darstellbarkeit meiner Tastatur. Etymologisch taucht der Begriff als, grob vereinfacht geschrieben, moßim Gotischen als *s-Wort und maskulin auf. Auch hier gibt Wikipedia ein Verb als Ursprung, mo-, an, das für “sich mühen” stehe. Moßwird nach meinem etymologischen Wörterbuch im Gotischen in der Bedeutung von Mut und Zorn gebraucht. Den Zusammenhang, den Wikipedia findet, kann ich durchaus sehen. Aber auch hier scheint es mir eindeutig, dass das Nomen Mut früh als Maskulinum bestand.

Das Bad finde ich besonders erfreulich! Denn es hat eine Wortverwandtschaft zu einem althochdeutschen Wort für wärmenbajan. Wer weiß, dass das von mir studierte Instrument in Russland Bajan genannt wird, versteht, warum ich mich ein wenig freue. Diese Namensgleichheit ist aber reiner Zufall. Baen oder bajan kommt vom Indogermanischen bhe- für wärmen, rösten. (Obwohl ich gerade denke, da das Urindogermanische im Raum des heutigen Wolgograd beheimatet ist, kann es durchaus eine Verwandtschaft geben. Wer würde zum Beispiel auf den Gedanken kommen, dass unser Baum dem englischen beam, unsere Wolke dem englischen to walk entspricht? Die Bedeutungen sind völlig anders, aber dennoch sind das die selben Wörter, die in ihrem Ursprung dasselbe bedeuteten.)

Warum sind dann Schlaf und Mut maskulin, Bad aber sächlich? Bad bezeichnet ein Verlaufsgeschehen, Schlaf und Mut einen Zustand.

Wenn wir die Nominalisierungstabelle ansehen, erkennen wir abgesehen von diesen gerade betrachteten Ausnahmen eine klare Struktur: Das Neutrum bezeichnet ein aus dem Verb oder Adjektiv sprachlich hergeleitetes konkretes Ereignis oder Objekt, das Femininum bezeichnet eine Klasse, einen größeren Zusammenhang, über das Konkrete Hinausweisendes. So bezeichnet der eigenartige Begriff die Tanzerei ein allgemeines Geschehen und ist nicht mit dem Tanz zu verwechseln.

Es ist noch einiges zu tun, und ich befürchte fast, hier ist das etwas ins Unreine geschrieben. Aber ich wollte wenigstens signalisiert haben, dass ich an dem Thema weiter arbeite.

Diese Nominalisierung, die bei uns automatisch abläuft, spiegelt das Sprachgeschehen unserer Vorfahren. Genau auf diese Weise haben sich die Genera auch allgemein entwickelt. Denn würde irgendjemand klaren Verstandes ehrlich meinen, dass die Nominalisierungen sächlich sind, aber, wenn sie eine Klasse bezeichnen, weiblich? Warum gibt es denn keine männliche Nominalisierung, wenn die Sprache doch angeblich männlich dominiert ist? Solch eine Denkweise kann doch nur falsch sein.

Tatsächlich sind das keine Neutra oder Feminina sondern Genera, die nicht der Standardgenus sind.

Die neuen Wörter

In den letzten beiden Artikeln beschäftigte ich mich mit den ältesten Wörtern, die aus der urindogermanischen Sprache erhalten sind, den Wörtern die auf *er enden. Um weiter zu machen, wollte ich mir ein indogermanisches etymologisches Wörterbuch kaufen; aus der Erinnerung zu schreiben, ist zwar irgendwie bequem, aber auch fehleranfällig. Ich war einigermaßen entsetzt, als ich feststellen musste, dass es so etwas nur noch antiquarisch zu erwerben gibt! Brauchen beispielsweise Germanisten so etwas nicht mehr? Hat Expertise auf gar keinem Gebiet mehr eine Bedeutung? Kein Wunder, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird …

Jedenfalls, ich bin kein Germanist und möchte als interessierter Laie möglichst Richtiges zusammenschreiben. Also habe ich dieses zweibändige Wörterbuch antiquarisch teuer erworben, um darin zu forschen. Als erstes sah ich meine bisherigen Beispiele nach, um die ältesten Formen zu ermitteln. “Schwester” fand ich nicht auf Anhieb. Mir war klar, dass “sch” “s” gewesen sein muss und “w” “u” (nicht in der Schrift, denn die hatten die Urindogermanen nicht). Der Wortstamm musste also “sue-” gewesen sein. Habe ich trotzdem nicht gefunden (ist aber da: ich habe es einfach übersehen). Also dachte ich, ich leite das falsch her und schaute im Netz nach, unvermeidlicher Weise Wikipedia. Dort steht dann ebenso unvermeidlicher Weise sehr “woke”, unrassistisch und genderneutral, das Wort sei “indoeuropäischen” Ursprungs und heiße “suesor” (das “u” muss man etwas anders schreiben, aber ich verfüge nicht über diese Buchstaben). “Suesor” stimmt, das habe ich jetzt im Wörterbuch gefunden. “Indoeuropäisch” stimmt nicht. Es ist nicht rassistisch oder deutschnational sondern einfach fachlich richtig, dass die Sprache “indogermanisch” heißt. Aus dem Urindogermanischen gingen das Uritalische, das Urgermanische und das Urindoiranische hervor. Daraus wiederum jeweils das Lateinische, das Deutsche und das Vedische. Zu den germanischen Sprachen gehören Deutsch, Niederländisch, Gotisch, Friesisch, Dänisch, Englisch, Schwedisch, Faröisch und Isländisch. Das hat gar nichts damit zu tun, dass unser Land international auch als Germanien und wir als Germanen bezeichnet werden. Sondern: “Europäisch” ist keine Sprache und keine Sprachfamilie. Germanisch aber schon. Europa ist ein Kontinent und ein sinnvolles und sehr wichtiges Staatengebilde, aber keine sprachliche Identität.

Zurück zum Kern: Die ältesten Wörter sind also *er-Wörter wie etwa Leb*er, Diet*er, Somm*er etc. Da das Urindogermanische keine bestimmten Artikel kannte, wusste niemand, dass die Leber weiblich war. Aber irgendwann wurde sie das. Warum? Wann hatten die Menschen vor etwa 10.000 Jahren etwas mit diesem Organ zu tun, das dazu führte, dass es in das “weibliche” Genus fiel?

Vor 10.000 Jahren vollzog sich immer noch der Wechsel aus der neolithischen Revolution. Die Urindogermanen zogen im Raum Wolgograds (früher Stalingrad) nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres nomadisierend und land-bebauend umher. Niemand weiß bisher, was dazu führte, dass sie in mehreren Wellen von dort aus Richtung Europa und den nahen Osten zogen. Jedenfalls taten sie das offenbar und nahmen ihre Sprache und Dialekte mit, welche die bis dahin dort jeweils gesprochenen Sprachen verdrängten. Das passierte überall gleichermaßen. Irgend etwas an der Sprache der indogermanischen Völker oder an ihren mitgebrachten Kompetenzen muss so vorteilhaft gewesen sein, dass sich ihre Sprache so durchsetzen konnte.

Wenn man also gejagtes Wild ausweidet oder Tiere schlachtet, lernt man die verschiedenen Organe kennen und benennt sie. Die Urindogermanen wussten nichts von Vitaminen. Sie waren aber keine uga-uga-rufenden Primitivlinge sondern verstanden sehr wohl, dass gebratene Leber gut schmeckt. Was gut schmeckt, ist grundsätzlich gut; jedenfalls, wenn man nicht an einem Überangebot von Kohlenhydraten leidet, einem ein wohlstandsverwöhnter Geschmack nicht im Wege steht oder das Essen nicht Ausdruck einer Ideologie ist. Leber und Fisch waren die Lebensmittel der Wahl, um den Körper mit Vitamin D zu versorgen, wenn die Tage kürzer und die Sonneneinstrahlung geringer wurde. Das Organ bekam seinen Namen durch seine Erscheinung: ein glibbriges, glattes, schlaffes Gebilde. Der Wortstamm leb- bedeutet so viel wie “schlaff herabhängen”. (Das finde ich übrigens sehr ärgerlich! Denn es gab eine sehr überzeugende Erklärung für den Namen Leber bzw. liver in der Fernsehserie “Dr. House”, bevor sie in den letzten Staffeln lächerlich wurde: Dr. House erklärte, dass man ohne die Leber nicht leben könne, weswegen sie eben Leber hieße. Ich fand das in der Szene sehr amüsant und als Erklärung so attraktiv, klug und überzeugend, dass ich das glaubte. Bis ich jetzt echte Quellen nachschlug. Sprache ist spannend und Wissenschaft voller Entdeckungen. Was einem schön und richtig erscheint, ist aber nicht zwangsläufig wahr, und man muss bereit sein, sich von Liebgewonnenem zu verabschieden, wenn man ehrlich ist.) Das ist das, was die Leber tut, wenn man sie entnimmt. Als Wort, das aus einem Tun entwachsen ist, ist es entweder Neutrum oder Femininum. Die Lippe ist ebenfalls feminin und entstammt dem gleichen urindogermanischen Wort.

Die *er-Wörter haben also ein Genus erhalten, nachdem (!) sie sich entwickelt hatten; erst waren die Wörter da, dann erhielten sie ihr Genus. Der Ursprung ist, mir jedenfalls, denn ich konnte dazu nichts finden, unklar, aber nach diesen *er-Wörtern tauchten die *s-Wörter auf. Sie machen auch heute noch den oder zumindest einen Großteil der Nomina aus. Der Stein war gotisch noch stain*s. Das “s” ist verloren gegangen wie in “Tag”, der gotisch noch dag*s hieß. So heißt der große Krieger der Gallier, der dem Cäser final unterlegene Vercingetorix, also Vercingetorik*s. Mit dem Auftauchen der *s-Wörter oder um dieses Auftauchen herum ist also offenbar in der indogermanischen Sprache etwas passiert, das die Genera entstehen ließ. Irgendetwas machte Genera notwendig, um sich sinnvoll mitzuteilen, oder irgendein sprachlicher Vorteil entstand mit diesen.

Die *s-Wörter und ihre Entwicklung in den Sprachen indogermanischen Ursprungs sind sehr interessant, und hier wird tiefere Recherche erforderlich. Wie gesagt möchte ich nicht einfach nur aus der Erinnerung zusammenschwadronieren. Das machen andere, und ich finde so etwas extrem ärgerlich. Wenn z. B. solche selbsternannten Experten wie Sebastian Sick über den vermeintlichen Schwund des Genitiv parlieren, glauben das viele. Sebastian Sick ist ein Journalist. Ich bin ein Musiker (gewesen). Beide Berufe sind keine sprachwissenschaftlichen Berufe. Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigen will, muss man das besonders sorgfältig tun. Ich bin mir über einige Fragen noch nicht klar, und solange ich das noch nicht bin, schreibe ich darüber noch nicht. Es geht mir im Gegensatz zu Sebastian Sick auch nicht darum, mit vermeintlich korrektem Wissen Spracherziehung zu betreiben und mit reißerischen Thesen Geld zu verdienen (obwohl es bei ihm eigentlich nur eine ist; zu mehr reicht es da nicht). Ich möchte verstehen, woher das Genus in der Sprache kommt und teile diese Entdeckungsreise öffentlich. Wir sind nah dran! Aber jetzt wird es etwas dauern bis zum nächsten Artikel. Denn ich muss mich gründlicher damit beschäftigen, wann genau ein einem Tun oder einer Entwicklung entstammendes Wort nun feminin und wann neutral ist; das ist mir nur ahnungsweise dunkel klar. Ich hätte da gerne ein klares System. Das sollte es geben, denn sonst würde Sprache nicht funktionieren.

Das fehlende Teilchen

99,9 %. Das sagte mir mein jetziger Dienststellenleiter. 99,9 % Wahrscheinlichkeit, dass ich bei ihm fest angestellt würde. Ich vertraue ihm und war erleichtert und froh.

Es würde Zeit, dass Ruhe und Gleichlauf in mein berufliches Leben einkehren. Zu viele Versprechungen mir gegenüber waren in meiner bisherigen “Karriere” gebrochen worden oder konnten durch widrige Umstände nicht gehalten werden, bevor ich hier angestellt wurde. Ich ging also bis zu diesem Gespräch davon aus, dass ich die Stelle letztendlich doch nicht bekommen würde und habe mich ernsthaft nach beruflichen Alternativen umgesehen. Nerven zerrüttend.

Mir wurde erklärt, dass ich trotz Ausplanung und Abordnung bei meiner vorigen Dienststelle einen Versetzungsantrag stellen müsse, der dort zu genehmigen sei. Umstände, die ich aus nahe liegenden Gründen beunruhigend fand. Aber, zu meiner ehrlichen Überraschung, erfolgte die Genehmigung reibungslos und prompt.

Damit sollte der Weg frei sein in eine endlich sichere und ruhigere berufliche Zukunft. Ganz entspannt bin ich noch nicht; dafür habe ich einfach zu viel erlebt, um jetzt schon beruhigt zu sein. Ich kann mir nämlich folgendes Szenario als durchaus möglich vorstellen: Die Versetzung ist genehmigt, meine jetzige Dienststelle möchte mich fest anstellen. Oberster Dienstherr ist aber die Landesbehörde. Die könnte einzuhaltende Fristen (als ehemaliger Personalrat könnte ich mir auch vorstellen, welche) oder Formalitäten (auch da hätte ich eine Idee) heranziehen und damit begründen, dass eine Einstellung nur später möglich sei. Das könnte bedeuten, dass ich bis dahin ohne Einkommen wäre. Dies könnte ich mir nicht leisten und müsste mich nach anderer Arbeit umsehen. Somit wäre ich aus diesem Beruf komplett und endgültig raus.

Ob ich glaube, dass das so gemacht wird? Etwa, um Personalkosten zu sparen? Wirklich: Ich habe keinerlei Ahnung. Es ist ziemlich gruselig, aber ich bin tatsächlich durch meine Erfahrungen bis in den Kern erschüttert und besitze keinerlei positive Naivität mehr, wenn solche Entscheidungen anderer über mich vor mir liegen. Sie wurde von zynischem Pessimismus abgelöst.

Deshalb halte ich das fehlende 0,1 % für eine bedrohliche und realistische Möglichkeit.

Musiklehrer: brotlose Kunst

Ich habe bei der Rheinischen Post einen Kommentar abgesetzt und darüber hier berichtet. Es gab vor einiger Zeit eine Reaktion darauf, die ich zunächst so stehen lassen wollte. Nach einigem Überlegen, denke ich aber doch, es ist richtig, darauf zu reagieren. Hier der Kommentar eines Kollegen und meine Antwort darauf:

  • Hallo,
    im letzten Jahr habe ich nach 25 Jahren Unterrichtstätigkeit im Fach Gitarre das arbeiten aufgehört. Nicht, weil es keinen Spaß oder keine Geld gebracht hatte, sondern aus Altersgründen und weil meine Frau und ich etwas Reisen möchten.

    Es war eine sehr spannende und lehrreiche gute Zeit. Ich täte es wieder so tun. Als reiner Autoditakt habe ich es sogar bis zur staatl. Anerkennung zum Musiklehrer geschafft.
    Zugegeben, es war nicht immer leicht, aber der Spaß ging nie weg. Und mit Menschen arbeiten hat mir unheimlich viel gebracht.
    Angefangen hatte ich mit an der VHS mit geben von Gitarrenkursen. Von Anfangs einem, hatte ich später dann 10 und mehr. Meine Abende waren die ganze Woche gefüllt.
    So lernte ich mit vielen Situationen umgehen. Auch bin ich zu Schülern anfangs hin gefahren und habe Hausbesuche gemacht. Das ist zwar stressig gewesen, hat mir aber einen guten Ruf eingebracht.
    Nach ein paar Jahren wurde es dann zum Selbstläufer und ich bin in einer privaten Musikschule untergekommen.
    Nebenbei hatte ich noch meine eigenen Kompositionen mit einem Trio Deutschlandweit aufgeführt.
    Es ist keine brotlose Kunst, aber man muss sich bewegen. Dran bleiben. Weiter entwickeln und bilden. Meiner Persönlichkeit hat das gut getan und ich habe sehr viele schöne Beziehungen dadurch bekommen.
    Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Ferien im Jahr. Was will man mehr?

    Habt Mut. Seit fleißig und glaubt an euch selbst.

    MfG

    Peter Jäger
    www.flowermusic.d

  • Sehr geehrter Herr Jäger, ich habe einige Zeit überlegt, ob ich diese Antwort nicht einfach stehen lassen sollte. Aber für alle, die die Widersprüchlichkeit in der Argumentation nicht sehen, will ich sie doch mal herausstellen:

    Sie sagen, dass Sie 25 in dem Beruf gearbeitet haben und jetzt im Ruhestand sind. Zunächst einmal gratuliere ich zu Ihrem Erfolg. Der Punkt ist aber, dass gerade in den letzten Jahren insbesondere die Einkommens-Situation für freiberufliche (damit meine ich nicht unqualifizierte) Musiklehrer eingebrochen ist. Nahezu niemand mehr ist in der Lage, von diesem Beruf auskömmlich zu leben. Es ist nicht einmal mehr möglich, den Inflationsausgleich bei den Schülern durchzusetzen.

    Sie stellen heraus, dass der Beruf Ihnen immer Spaß gemacht und viel gebracht hätte. Geht mir genauso. Das ist aber kein Argument dagegen, dass man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

    Schön, dass Sie eine eigene Komposition aufgeführt haben. Ich habe mehrere Orchesterwerke komponiert und arrangiert, aufgeführt und einige Kompositionen und Arrangements von mir wurden sogar von anderen Orchestern aufgeführt. Und jetzt? Verdienen kann man daran nichts.

    Geradezu lächerlich wird es, als sie sagen: „Man muss sich bewegen … Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Urlaub im Jahr.“ Da gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Sie lügen. Denn niemand, der nicht an der absoluten Spitze der Pyramide steht, hat einen Verdienst, der „nicht schlecht“ ist. Im Durchschnitt verdient man in unserem Beruf etwa 13.000 € im Jahr. Brutto! Die breite Basis verdient weit weniger und muss nach wenigen Jahren aufgeben. Wenn sie nicht finanziell und gesundheitlich daran zugrunde geht. Weil ich recht erfolgreich war, lag mein Einkommen gut doppelt so hoch. Aber wie gesagt: brutto! Als Selbständiger. Wer nicht versteht, dass das nicht geht, versteht nichts von Selbständigkeit oder begeht aktiv Steuer- und Versicherungsbetrug.

    2. Sie unterschlagen, dass man zusätzlich zum eigentlichen Beruf irgendwelche Einkommensquellen schaffen muss. Das heißt, in weiteren Jobs arbeiten.

    Zudem sind die „13 Wochen Urlaub“ keineswegs Urlaub, wenn man den Beruf ernsthaft ausübt. Das sollten Sie wissen! Wenn man nicht selbst ständig übt, brechen die instrumentalen Fähigkeiten ein. Man hat Unterrichte oder Konzerte zu planen oder durchzuführen oder schreibt an seinen Stücken. Urlaub ist etwas anderes. Wenn man den Beruf ernst nimmt.

    Mut, Fleiß und Glaube an sich selbst sind hohle Phrasen geworden, die in Mutmach-Videos und Coming-of-age-Filmchen herumgeworfen werden. Es ist aber keine Frage der Selbstmotivation und auch keine, dass es haufenweise talentierte junge Leute gibt. Die Frage ist, ob man von diesem Beruf noch leben kann. Die Antwort ist klar: Nein.

Das neue Werk

Irgendwie kann ich nicht aus meiner Haut: Für unsere Matinee im September, von der ich befürchte, dass sie wegen der Pandemie wird ausfallen müssen, hatte ich ursprünglich vor, die Titelmusik von “Zurück in die Zukunft” zu arrangieren. Nur das. Episch, sinfonisch, spannungsgeladen, treibend. Spielzeit deutlich unter 10 Minuten. Überschaubarer Aufwand in meiner Freizeit. Dann wollte ich doch lieber ein kurzes Medley machen. Dazu kamen noch Wünsche aus dem Orchester, und das Stück wurde größer, wir probten schon an den fertigen Teilen. Vorletzte Woche blieb ich etwas hängen und legte die Arbeit daran zu Seite.

Vorgestern nahm ich sie mir wieder vor. Und dann kam mein, ja, was ist das eigentlich? Ehrgeiz? Was ich da schreibe, interessiert nur mich und mein Orchester. Kollegen noch nie wirklich. Also welcher Ehrgeiz und nach was? Nein, Ehrgeiz ist das nicht. Das ist immer noch Idealismus. Der hat jedenfalls dazu geführt, dass das Medley über Musik aus der Trilogie mein größtes Werke wird. Alles bis auf der letzte Teil des Finales ist jetzt fertig. Ich habe eine klare Vorstellung, wie ich den letzten Teil des Finales gestalten werde. Wenn alles fertig ist, kommt die immer etwas mühselige Arbeit am Layout (Register, Vortragsanweisungen etc.).

Dann ist ein neues, großes Arrangement von mir fertig. Knapp doppelt so lang, wie ursprünglich geplant. Ich freue mich auf die Proben daran! Wenn das erst nächstes Jahr werden sollte: Auch gut. Hauptsache, wir kommen alle gut durch diese Lage.

Der Irrtum der Selbstverständlichkeit

In meinem letzten Artikel hab ich darauf geguckt, wie die *er-Wörter scheinbar das natürliche Geschlecht widerspiegeln. Die Frage ist nun, ist das Zufall oder steckt dahinter schon das Muster unserer Genera? Daniel Scholten sagt dazu:

In der Sprache ist nichts, wie es scheint. Wir können Sie nicht aus unserem Verstand durchblicken, sondern müssen sie erforschen. Das Forschungsergebnis fällt immer erstaunlich anders aus, als man erwartet hat.

Den erste Hinweis darauf, dass das so einfach nicht sein kann, zeigt schon die Tatsache, dass Eimer als *er-Wort, und damit vermutlich alt, eindeutig eine Sache ist, aber als Maskulinum eingestuft wird.

Damit niemand zum alten Artikel zurückgehen muss, fasse ich das Wesentliche hier kurz zusammen: Die indogermanische Sprache lässt sich rekonstruieren und ist zirka 10.000 Jahre alt. Wir können die ältesten Wörter als *er-Wörter identifizieren. Dabei ist in einer Tabelle aufgefallen, dass das natürliche Geschlecht dem grammatikalischen Geschlecht bei Kernwörtern entsprach. Das Problem dabei ist, dass sich die damals Sprechenden bei jedem Nomen darüber hätten einig werden müssen, ob das bezeichnete Ding nun Mann, Frau oder Sache ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es im Sprachzentrum einen Automatismus gibt, der uns Muttersprachler befähigt, diese Genera automatisch zuzuordnen.

Die Vermutung muss sein, dass Genera irgendwann aus sprachlicher Notwendigkeit heraus entstanden sind. Und wie das Beispiel Eimer zeigt, werden diese Genera eben nicht ein natürliches Geschlecht bezeichnen. Es muss eine sprachliche Notwendigkeit gegeben haben, die dazu geführt hat, drei Genera zu verwenden. Das kann kein bewusster Prozess gewesen, sondern muss zwangsläufig ein evolutiver sein. Denn Sprache als Ausdruck einer Gehirnfunktion, und damit einer Körperfunktion, folgt evolutiven Prozessen. Seit wir Schriftsprache haben, kann man das sehr leicht in historischer Zeit nachweisen. Diese Prozesse griffen auch, bevor der Mensch die Schrift kannte, und man kann anhand solcher Sprachbildungsprozesse und Sprachwandlungsprozesse auf die urindogermanische Sprache zurückleiten.

Nicht alle aus dem Indogermanischen entstandene Sprachen haben diese Genera beibehalten, sondern sie sind offenbar in einigen geschwunden. Wir müssten nun gucken, ob dieses Schwinden wie auch das Entstehen ebenfalls sprachlicher Notwendigkeit folgte. Am besten fangen wir vorne an und tauchen noch einmal in die Urgründe der Sprachentstehung. Da kommen wir einerseits nicht weit, denn wie gesagt können wir nur maximal bis 10.000 Jahre zuverlässig zurückgehen. Andererseits ist das enorm! Immerhin liegt das vor der Entwicklung der Schriftsprache. Was vor dieser urindogermanischen Sprache war: Keiner weiß es. Es wird auch nie eine Möglichkeit geben, dies mit einiger Verlässlichkeit zu ermitteln. Wir wissen einfach auch nicht einmal, wie lange es schon Sprache gibt. Was wir mit einiger Sicherheit annehmen können, ist, dass wir als Homo sapiens bereits voll funktional sprachen. Die Gattung Homo reicht etwa 250.000 Jahre zurück, und es ist anzunehmen, dass hier bereits sprachliche Kommunikation stattgefunden hat, die voll entwickelt alle Merkmale der Sprache erfüllt. Denn entsprechende Experimente mit unseren nächsten Verwandten, die gemeinsamen Primaten-Vorfahren des Homo entspringen, zeigen deutlich, dass Begriffverstehen im Gehirn so angelegt ist, dass Begriffe zugeordnet und sogar Satzaussagen gebildet werden können. Es scheint also nur davon abzuhängen, dass der Sprechapparat anatomisch so ausgebildet ist, diese Fähigkeiten auch in aktive Sprache umzusetzen.

Meine Vermutung ist daher, dass die Komplexität des Gehirns sozusagen als Beiwerk und als Folge der Notwendigkeit zur Kommunikation Sprachvermögen bereitgestellt und quasi nur darauf gewartet hat, dass die Anatomie dieser Hirnanlage folgt. Wer nun meint, das sei völlig abwegig, den möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Erstens haben die Menschenaffen und wir gemeinsame Vorfahren. Wenn Menschenaffen, wie nachgewiesen, wie wir über, wenn auch rudimentäres, Sprachvermögen im Gehirn verfügen, bedeutet das, dass dieses Vermögen von den gemeinsamen Vorfahren geerbt ist. Zweitens ist eindeutig nachgewiesen, dass etwa Papageien und Delfine ebenfalls über Sprachvermögen verfügen. Auch Hunde verstehen sprachgegebene Kommandos. Das bedeutet, dass Sprache offenbar zwangsläufig eine fundamentale Folge von Hirnkomplexität ist. Der Anfang der menschlichen Sprache liegt also meines Erachtens deutlich vor der Menschwerdung selbst und somit in den Tiefen der Zeit verborgen.

Unser Verständnis von der Sprache geht von grundlegenden Voraussetzungen aus, die allerdings alles andere als selbstverständlich sind. Für uns scheint es beispielsweise selbstverständlich zu sein, dass man Farben benennt und Zahlworte hat. Das Volk der Piraha in Brasilien nutzt aber nur relative Mengenangaben und hat keine Zahlworte für konkrete Mengen. Genau so wenig benutzen diese Leute Begriffe für Farben. Das ist natürlich keine Frage vielleicht von „Primitivität“ oder mangelnder Intelligenz, sondern einfach eine Frage, wie ihre Sprache funktioniert. Für uns beispielsweise ist es selbstverständlich anzunehmen, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns. Etwa 3,5 Millionen Menschen in Bolivien sehen das aber nicht so: Die Aymara fassen die Zukunft als hinter sich liegend und die Vergangenheit als vor sich liegend auf. Vielleicht ist diese Auffassung dadurch zu erklären, dass man seine Zukunft genauso wenig sehen kann, wie das, was hinter einem liegt, und umgekehrt die Vergangenheit im Gegensatz dazu für einen sichtbar ist, wie etwas, das vor einem liegt.

Diese Beispiele zeigen, dass einfach Annahmen über das Funktionieren von Sprache zunächst einmal grundsätzlich fragwürdig sind und nur dann sinnvoll, wenn sie durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Zudem sehen wir, dass Sprache ganz offensichtlich an Notwendigkeiten orientiert funktioniert und nicht zwangsläufig daran, was der Mensch erkenntnistheoretisch für gegeben hält. Um es einfach auszudrücken: Erkenntnistheoretisch mag man sagen, die Zukunft liegt vor uns, aber die Sprache kann das durchaus anders ausdrücken. Ob dahinter nun eine erkenntnistheoretische Idee steckt, das ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass die Sprachbildung ein selbstverständlich funktionierender Automatismus ist, der aufgrund evolutiver Prozesse existiert.

Die Annahme also, dass Genera das natürliche Geschlecht repräsentieren würden, ist zwar verführerisch naheliegend, weil man scheinbar Geschlechtsbezeichnung für Lebewesen und eine eigene Bezeichnung für Sachen benutzt, aber nicht zwangsläufig auch richtig. Im nächsten Artikel sehen wir also nach, was sich nachweisbar in der Entwicklung der urindogermanische Sprache beziehungsweise in der Folge in der Sprache getan hat und überprüfen, welchen Sinn Genera möglicherweise wirklich haben. Dafür halten wir fest, dass wir *er-Wörter als die ältesten Wörter (Brud*er, Mutt*er, Vat*er, Tocht*er, Wass*er, Feu*er) unserer Sprache identifiziert haben und sehen uns an, wo die anderen Worte, die nicht auf *er enden, herkommen und welchen sprachlichen Sinn, denn um nichts anderes geht es, sie haben.

Der, die, das

Wir Menschen, Sie und Du und ich und alle anderen, wir sind mustererkennende, mustersuchende und musterbildende Wesen. Muster verschaffen uns Erkenntnis und Befriedigung. Oder auch nicht, wenn wir Muster als langweilig oder abgegriffen empfinden.

Diese Muster müssen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, und wir interpretieren gerne Muster in Erscheinungen hinein. Flüchtige Erscheinungen wie Wolken sehen für uns wie ein Auto oder Krokodil aus, der Mond hat ein Gesicht und auch eine alte Mars-Fotografie eines Berges scheint ein Menschengesicht zu zeigen. Solche objektiv falschen Interpretationen können für uns so überzeugend sein, dass wir Argumente, die in andere Richtungen weisen, ignorieren oder sogar kategorisch ablehnen.

Wir erkennen Muster im Gegenständlichen und im Abstrakten. Wegen der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns haben wir folgerichtig bildende und darstellende Kunst entwickelt, die uns Menschen eigen ist. Diese Mustererkennungs-Kompetenz ist aus der Notwendigkeit entstanden, beispielsweise verborgene Angreifer an nur einem kleinen erkennbaren Merkmal auszumachen, oder sich merken zu können, dass er sich nur verborgen hat, aber noch da ist. Jetzt hören wir Sinfonien, wissen, wie sie aufgebaut sind, erkennen Motive, Melodien, Themen, können sie ordnen und mit Sinn erfüllen und vor allem wiedererkennen. Wir können den Aufbau eines Gemäldes würdigen, Formen der Architektur bewundern.

Mathematik ist ein Werkzeug der Mustererkennung und wir können sogar die Muster auf der höheren Abstraktionsebene erschließen, die der Mathematik zugrunde liegen. Analyse, Mathematik, Wissenschaft an sich ist die intellektuelle Mustersuche, bei der die persönliche Voreingenommenheit ausgeschlossen wird, bzw. sachliche Objektivität die persönliche Intuition in ihrer Bedeutung zu überstrahlen hat. Niemandem dürfte anschaulich klar sein, dass Raum, Zeit und Gravitation miteinander verknüpft sind. Einsteins Formel E = mc^2 zeigt aber genau das, wurde in ihrer Richtigkeit nicht nur eindeutig bestätigt, sondern die daraus abgeleiteten Folgen haben Bedeutung für unser alltägliches Leben (zum Beispiel wird die „Zeitverzerrung“ beim Global Positioning System berücksichtigt).

Mustererkennung läuft oft überwältigend automatisch ab und ist deshalb so überzeugend. Bereits ein Säugling erkennt in entsprechend angeordneten Punkten und Linien ein Gesicht und reagiert emotional darauf, je nachdem ob das vermeintliche Gesicht freundlich oder bedrohlich aussieht. Solch ein Automatismus greift auch bei der Sprache. Die Komplexität unseres Gehirns bildet ein System, das man Sprachzentrum nennen kann. Hier entsteht Sprache und hier sind ihre Muster etabliert. Das Problem hierbei ist in meinen Augen zweigeteilt: Einerseits erfolgt die Musterbildung und -erkennung unbewusst und automatisch, andererseits analysieren wir unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch, erkennen Muster bewusst und versuchen aufgrund dieser bewussten Erkenntnis unsere Sprache korrekter, schlüssiger, logischer und überzeugender zu machen. Dieses bewusste Bild, das wir von unserer Sprache haben, kann aber durchaus falsch sein. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen: Ich fürchte, das ist es häufig – sehr häufig  – vielleicht sogar meistens – auch.

Es gibt viele Schwierigkeiten, die Sprachlerner haben, wenn sie auf die deutsche Sprache treffen und sie anwenden sollen. Nicht, weil sie irgendwie dumm oder so etwas wären, oder vielleicht nicht sprachbegabt. Die Schwierigkeiten macht das ihnen eigene Sprachzentrum, das teilweise nach anderen Mustern arbeitet, die ihnen genauso unbewusst sind, wie die unseren uns. Das Türkische beispielsweise kennt keinen Genus. Trotzdem gibt es türkische Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und alle möglichen Weibchen und Männchen der Tierwelt und sonstige, unbelebte Sachen. Aber „Der, die, das. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ ergibt im Türkischen keinen Sinn wegen der, die, das. Was die Kinder, wenn sie die Sesamstraße kennen, stattdessen angeboten bekommen, weiß ich nicht. Wie soll man nun von irgendjemandem, der beispielsweise diese Geschlechtsbildung in der Sprache nicht kennt, verlangen, dass er versteht, was da im Deutschen vor sich geht? Der Punkt ist: Die meisten Muttersprachler verstehen es ja selbst nicht. Müssen wir auch nicht! Wir müssen nur sprechen, denn das Sprachzentrum regelt das so selbstverständlich wie unser Verdauungssystem den lecker gekochten Naturreis.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Genussystems in der deutschen Sprache und versuchen wir, die Verwirrung zu entwirren!

Das ist ja zunächst einfach, sollte man denken, und so erklärt man es auch wackeren, verzweifelnden Sprachlernern: Wir haben drei Geschlechter in der Sprache, die wir männlich (Maskulinum), weiblich (Femininum) und sächlich (Neutrum) nennen. Was männlich ist, besitzt den männlichen Genus, das, was weiblich ist, den weiblichen Genus, und alles Sächliche ist neutral. Das ist seit Urzeiten so und repräsentiert ganz natürlich die Sprachentwicklung, nicht wahr?

Nehmen wir an, die Menschen lebten früher, in grauer Vorzeit in Verbänden aus wenigen Leuten. Was werden diese Leute miteinander zu tun gehabt haben, die für das Leben wichtig waren? Es werden sein: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Was wird für ihr Überleben wichtig gewesen sein? Feuer und Wasser. Und wir sehen eine schöne Ordnung:

der Vater

die Mutter

der Bruder

die Schwester

das Feuer

das Wasser

Uns fällt noch etwas auf: Alle diese Worte bestehen aus Lexem, das den „Gegenstand“ benennt (Vat-, Mut-, Brud-, Schwest-, Feu-, Was-), und dem einheitlichen Suffix *er. Wir haben Muster! Und zwar simple, einsilbige Lexeme, eine einheitliche Endung als Anhang an das Lexem und die Übereinstimmung von tatsächlichem und sprachlichen Geschlecht. Für mich bedeutete das lange, lange Zeit, dass diese *er-Wörter die ältesten der deutschen Sprache sein müssten (da können wir einen Haken hinter machen, denn das stimmt) und dass wir hier die Zeit widergespiegelt sehen, in der das natürliche Geschlecht in der Sprache als Ursprung nachgewiesen ist. Aber das ist, ich möchte es deutlich sagen, absoluter Blödsinn.

Wie viele meiner vielen Irrtümer wird mir dieser immer peinlich bleiben. Der Blödsinn entlarvt sich nach nur ein bisschen Nachdenken als solcher: Nehmen wir mal ein *er-Wort. Wie wäre es mit Eimer. Wenn meine Vorstellung stimmen würde, wäre irgendwann das uralte Wort Eimer entstanden und es wäre männlich gewesen. Wieso ist der Eimer ein Mann? Gut, werden einige Frauen einwenden – und ich werde nicht widersprechen – manche Männer sind echte Eimer. Aber was macht umgekehrt den Eimer zum Mann, warum ist er männlich? Wer hatte diese Idee und warum und wie hat sie sich durchgesetzt?

Jetzt dürfte jedem klar sein, warum mir meine, lange so zufrieden und mit mir in dieser Frage im Reinen in meinem Kopf herumgetragene, Idee falsch sein muss. Denn es ist absolut abwegig anzunehmen, dass das Objekt „Eimer“ als solcher benannt wird und für alle festgelegt, dass der männlich und das somit ein Maskulinum ist. Es ist genauso absolut abwegig anzunehmen, dass sich jeder, der das hört und lernt, dies auch richtig merkt und weitergibt. Es muss vielmehr ganz zwangsläufig ein Sprachmuster geben, das den Muttersprachler geradezu zwingt, den Eimer als Maskulinum anzusprechen. Anders kann es doch gar nicht sein, als dass da ein Muster zugrunde liegen muss, welches absolut nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hat. Machen wir einen kleinen Schlenker, bevor wir zu dieser Frage wieder zurückkommen.

In meiner Kindheit, und ich habe den Klang genau im Ohr, sangen also die Kinder der Sesamstraße: „Wer, wie, was. Der, die, das.“ Darauf werfen wir doch mal einen Blick:

wer: Fragepronomen, Maskulinum, singular

wie: Fragewort nach der Art und Weise

was: Fragepronomen, Neutrum, singular

Die deutsche Sprache kennt das Fragewort weiblicher Form nicht. Wenn „Wer?“ gefragt wird, kann die Antwort sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Verursacher für irgendetwas nennen. Wie naheliegend sollte es sein, dass sich vorgeschichtliche Sprecher darüber Gedanken gemacht hätten, ihre Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sorgfältig und erfolgreich darauf zu achten, dass das von allen so gemacht und verstanden wird, aber bei den Fragewörtern die Frauen unberücksichtig zu lassen? Wir kennen es nur so, und deshalb kommt es uns komisch vor, dass es eine weibliche Form geben müsste. Aber es müsste sie geben, wenn es tatsächlich um Weiblichkeit gegangen wäre. Ging es aber nicht. Sprache entwickelt sich evolutiv anhand der Gegebenheiten. So wie sich alle unsere Körperfunktionen an Umstände angepasst haben, hat sich die Sprache als Körperfunktion des Gehirns angepasst. Genauso automatisch arbeitet sie auch.

Dieses automatische, rein sprachliche, vom jeweiligen Objekt vollkommen unabhängige Arbeiten des Sprachzentrums hat Daniel Scholten in seinem Buch „Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?“ mit einer wunderbaren, wie er sie nennt, Schauergeschichte humorvoll veranschaulicht, die ich hier zitieren wollte. Weil ich noch keine Antwort erhalten habe, umreiße ich die Geschichte mit eigenen Worten; natürlich geht dabei der subtile Humor und Wortwitz leider verloren:

Scholten stellt die Sprache als Halbgöttin Germania dar, die auf der Loreley thronend von Mark Twain besucht wird. Twain fragt sie, wie es sein kann, dass die Genera so durcheinander sind. Germania versteht die Frage nicht, Twain versucht vergeblich, sie zu erklären, und Germania entschwebt. Twain bleibt zurück mit der vagen Vermutung, dass sie aneinander vorbei geredet hätten. Daniel Scholtens Buch ist leider nur noch lexikalisch zu erwerben. Sein ausgesprochen lehrreicher und humorvoller Blog „BellesLetres – Deutsch für Dichter und Denker“ ist aktiv und wärmstens zu empfehlen.

Unser Sprachzentrum „weiß“ also schlichtweg nicht, was eine Frau ist und was ein Mann und was ein Eimer! Unser Bewusstsein weiß das. Unser Sprachzentrum nicht. Wir wissen, was Naturreis ist und dass der lecker und nahrhaft und gesund und so weiter ist. Unserem Verdauungssystem ist das egal. Das nimmt, was kommt, und macht das Beste daraus. Eiweiß als Baustoff, Kohlenhydrate als Brennstoff etc. Wir sitzen herum, genießen den Reis, plaudern mit der Familie und verdauen, ohne uns darum kümmern zu müssen. Was wir essen, entscheiden wir, wie wir verdauen, entscheidet niemand. Das passiert. Ziemlich genau das passiert in unserem Sprachzentrum: Es gibt einen Wort-Input, der wird unbewusst verarbeitet, und es gibt ein Ergebnis. Wir können versuchen, die Muster zu erkennen, nach dem das Sprachzentrum arbeitet, aber egal wie ausgefeilt wir da analysieren, arbeitet das Sprachzentrum doch automatisch. Automatisch und unabhängig davon, was eine Sache in unserem Bewusstsein wirklich ist!

Wenn diese Genera aber nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben, wo kommen sie denn dann her? Das ist eine interessante Geschichte, die es zu erzählen gibt. Im nächsten Artikel.