Archiv der Kategorie: Berufliches

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig …So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Säulen

Vor kurzem hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit einem Bekannten. Wir sehen uns nur selten und er ist irgendwann auf meine Seite gestoßen und hat hier gelesen. Er fand das alles ganz interessant aber kritisierte, dass einige meiner Beiträge auf ihn zu negativ und ärgerlich wirken würden.

Das ist eine gute Kritik. Denn ich bin ja über einiges ärgerlich oder ärgerlich gewesen und versuche, diesen Ärger plausibel und nachvollziehbar darzustellen. “Negativ” ist aber so ein Totschlagargument (er hat das nicht so benutzt oder so ablehnend gemeint, denke ich), das ich nicht so stehen lassen möchte. Ich schimpfe, weil mir die Sache am Herzen liegt und ich verbittert bin. Man könnte das lesen und sich überlegen, was man daraus schlussfolgern könnte, um etwas besser zu machen. Aber das passiert sicher nicht, und vor allem schreibe ich mir hier etwas den Frust von der Seele; billiger als eine Therapie, denke ich. (Das mit der Therapie ist ein Scherz!)

Aber abgesehen von der Freude, ihn mal wieder gesehen und gesprochen zu haben, möchte ich wegen des Gesprächs mal etwas Schönes über die Akkordeon-Szene schreiben. Was ist positiv, was gelingt, was sollte man tun?

Mit Birgit verbindet mich nicht nur eine aus unserer gemeinsamen Tätigkeit gewachsene Freundschaft sondern auch ein gemeinsames Konzept, einen Unterrichtsbetrieb zu führen. Das hat immer, wenn wir zusammen gearbeitet haben, ausgezeichnet funktioniert und wäre auf Vereine übertragbar. Ich selbst habe es für einige Zeit erfolgreich auf andere Vereine übertragen können, teilweise mit, einmal leider ohne Birgit. Dies ging trotzdem solange gut, wie die beteiligte Kraft wenigstens ein bisschen mitspielte. Das tat sie aber irgendwann gar nicht mehr, und das Ganze ging in die Brüche.

Wohl die einzige öffentliche Anerkennung des Dach-Verbandes für meine Arbeit war, dass ich zu einer Sitzung eingeladen worden bin, um dieses Konzept den anderen Vereinen vorzustellen. Das lief gar nicht gut: Nachdem mir das Wort erteilt worden war und ich wenige Sätze gesagt hatte, schaltete sich ein Vereinsvorsitzender ein, um mir vorzuwerfen, ich würde zu streng und nicht zeitgemäß unterrichten – natürlich ohne je einen Unterricht von mir gesehen, einen Schüler gehört oder ein Konzert besucht zu haben. Und vor allem: Ohne selbst eine noch so geartete Qualifikation zu haben, das zu beurteilen. (Später lernte ich, dass er von einer dhv-zertifizierten Dirigentin darüber “informiert” wurde, was für ein schrecklicher Mensch ich sei.) Ein anderer Orchesterleiter zog plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich, um zu erzählen, dass in seinem Verein Melodica-Unterricht zum Einstieg angeboten würde. Schön für die insgesamt acht Schüler des Vereins. Schließlich begann mein damaliger Vereinsvorsitzender zu erzählen, dass der Erfolg an seiner Planung und der Arbeit der anderen Lehrkraft läge. So versandete die Vorstellung dieses Konzepts darin, dass jeder etwas Kluges sagen wollte und auch ganz wichtig war. Letztlich funktioniert mein Konzept aber sowieso jetzt nicht mehr, weil man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

Aber es gibt aber noch ein anderes: Das Konzept “Akkordeon-Verein Winsen (Aller)”! Ich meine, ich habe das vor dem Orchester, dem Verein, dem Konzertpublikum und hier auf meiner Homepage schon und auch wiederholt deutlich gemacht, aber es schadet nichts, es einmal klar zu sagen, wie sehr mir das Verhalten im Verein gefällt.

Als ich vor mehr als 10 Jahren Dirigent des 1. Orchesters und 1. musikalischer Leiter wurde, war meine erste Amtshandlung: nicht einmischen! Denn es lief. Ich hätte durchaus das Eine oder Andere anders machen wollen und auch Verbesserungsideen gehabt (auch vorsichtig eingebracht, so ist das ja nicht), aber ich habe mich zurückgehalten. Eben weil es lief. Da sah ich einen Verein, der wirklich gewachsen ist und stürmische Zeiten souverän überstanden hat. Die Rollen, die Aufgaben, offizielle wie inoffizielle, waren klar geordnet. Jedes energische Eingreifen von mir wäre falsch gewesen.

Der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) (AVW) ist auch der erste Akkordeon-Verein in meiner Laufbahn, in der die Beziehung zwischen Profi und Amateur (und das ist in keiner Weise abwertend gemeint: “Amateur” kommt aus dem lateinischen “Amator”, dem Liebhaber. Jemand, der etwas aus Leidenschaft tut.) kein hart ausgefochtener Wettkampf ist.

Ein Beispiel? Wo gibt es das, dass eine bisherige erfolgreiche Leiterin quasi zurück tritt und wieder unter der neuen Leitung im Orchester zuverlässig, kompetent und fröhlich mitspielt? Wer würde so etwas schon machen? Und dann noch wie zu eigener Leitungszeit Organisation bis zum Abwinken übernehmen? Gunda Falke hier im AVW.

In meinen Artikeln schreibe ich öfter darüber, verkürzt und überspitzt gesagt, dass Amateure zu Profis in Konkurrenz stehen. Das ist pauschal und grob dargestellt. Ich sehe das differenzierter, als es durch diese Äußerungen scheint: In meinen Augen kommt es auf die Haltung, das Engagement, die Persönlichkeit insgesamt an. Wenn beispielsweise jemand nach dem Besuch eines oder zweier Grundlehrgänge befindet, er habe sie nicht nötig, und sich als bescheidene, aber kompetente und nette Lehrkraft verkauft und mit einer wirklichen Fachkraft nicht nur auf eine Stufe, sondern sogar darüber stellt, stimmt etwas nicht. Bei uns ist das anders: Da wurden alle möglichen Lehrgänge absolviert und es steht eine jahrzehntelange, sorgsam aufgebaute Unterrichtserfahrung hinter dem Tun.

Könnte ich zum Unterricht etwas beitragen? Selbstverständlich. Dafür habe ich meine Ausbildung. Ich hätte mich gerne als weiterführende Lehrkraft eingebracht. Das wäre für Schüler und Verein sinnvoll und schön gewesen und später für den Fortbestand meines Betriebes vielleicht auch notwendig, aber die Gelegenheit ist nicht entstanden und mehr als anbieten kann ich mich nicht. Der Unterricht, der stattfindet, ist aber fundiert und zeigt ja auch schöne Erfolge. Nicht dran rütteln, nur weiter wachsen lassen, denn das ist ein guter Kurs.

Zum Reifen des Vereins gehören Leute, die dieses Wachsen prägen. Sebastian Truffel ist einer der Spieler meines Orchesters, die auch Musik hätten studieren können. Die Virtuosität, die Intelligenz, der Spielwitz, das Gefühl: alles da. Klugerweise studiert er nicht Musik. Er macht etwas in meinen Augen Großartiges und Wertvolles für die Gesellschaft und studiert Medizin. Und schreibt ganz nebenbei ständig neue Arrangements für alle Klangkörper des Vereins, die Spaß machen, gut klingen, während er unauffällig, mit hintergründigem Humor im 1. Orchester auf Anhieb alles spielt, wo auch immer er gerade gebraucht wird. Damit es nicht langweilig wird, kommt er immer wieder mit neuen Ideen um die Ecke, wie man im Kleinen wie Großen den Verein weiter ausbauen kann.

Damit fühle ich mich verbunden: Ich selbst bin so in meinem Heimatverein groß geworden, habe mich gerne in jeder Stimme einsetzen lassen und schließlich Musik studiert. Die Unterschiede sind, dass das im Gegensatz zu mir meinem damaligen Leiter nicht willkommen war und er mich als Konkurrenz und nicht als wertvolle Unterstützung sah. Zudem sahen wichtige Spieler im Verein und Vereinseminenzen eher neidisch als froh auf solch eine Entwicklung bei mir. (Mir fallen sofort wieder Geschichten dazu ein. Aber ich will ja positiv bleiben.) Ich war damals beispielsweise dafür federführend, das Orchester von “1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.” aufgrund der unglaublichen Zahl von Enno Meyenburgs Bearbeitungen und seines besonderen Stils griffiger in “akkordeon-sound-orchester” umzubenennen. Ebenso hatte ich die technische Aufrüstung der elektronischen Instrumente vorangetrieben und für einen vernünftigen Bassverstärker gesorgt und anderes mehr. Dies hefteten sich aber immer sehr schnell andere an die Brust. War mir damals relativ egal, weil mir wichtiger war, dass etwas Gutes passiert. Solch eine Missgunst und so ein Neid sind hier nicht zu finden.

Genauso geräuscharm und effektiv arbeitet der 1. Vorsitzende Sven Krüger sachgerecht an lästigem Verwaltungskram und führt den Verein.

Nur drei Beispiele aus dem AVW. Es gäbe so viele mehr.

Solche Säulen von Vereinen lassen mich hoffen, dass es die Szene vielleicht doch noch schaffen könnte, das selbst mit zu verantwortende Desaster, dass in den Vereinen aufgewachsene Profis nicht mehr überleben können, zu überstehen.

Das Problem dabei: Das Konzept AVW lässt sich nicht so einfach übertragen wie meines und Birgits. Es ist gewachsen. Es hängt an der gereiften Freundschaft untereinander. Und an den Charakteren. Die sind nämlich ziemlich einzigartig.

Und deshalb fühle ich mich da so wohl, wie in keinem anderen Akkordeon-Verein zuvor.

Falls mein Bekannter J. dies also liest: Bitte! So negativ bin ich doch gar nicht.

Frischer Wind

Umbrüche im Leben muss man überlegt angehen. Auf meinem spannenden beruflichen Weg habe ich ein Ritual entwickelt, das mir bei der Orientierung immer hilft: Stundenlanges, nicht zielgerichtetes Fahrradfahren.

Ich sitze gerne und ziemlich oft im Sattel. Weil mir sportliche Wettbewerbe zuwider sind, bin ich mein einziger Gegner. Das reicht mir. Hin und wieder habe ich mich bis zur absoluten Erschöpfung angespornt, meistens reicht mir einfaches Fahren. Die Gedanken schweifen, ich fühle mich wohl. Das war so, seit ich Fahrrad fahren kann. Der Anfang meiner Symphonietta rustica beschreibt nach der langsamen Eröffnung mich als Kind auf meinem Rad dahin flitzend und fröhlich vor mich hin singend.

Wenn also tiefgreifende Veränderungen anstehen, schwinge ich mich gerne auf mein Rad und fahre ungerichtet los. Wenn mich diese Veränderungen überfallen und ich schnell reagieren muss, fehlt mir das. Das heißt nicht, dass ich die Entscheidungen, die ich in solchen Fällen getroffen habe, jetzt bereuen würde. Aber dennoch. Für mein Wohlbefinden, für meine Selbstsicherheit über diese Entscheidungen wäre das besser gewesen.

Der Entschluss, den Realschulabschluss zu machen, der, den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr zu leisten, Abitur zu machen, aus dem Beruf auszusteigen und zu studieren und so weiter und so fort: geboren im Fahrradsattel.

Keine Zeit für solche Fahrten hatte ich in den Konflikten mit den Akkordeon-Vereinen in Walsrode, Celle und Langenhagen. Ich war gezwungen aktiv zu werden und zu reagieren und tat das Notwendige. Als ich (immer noch unglaublich: im öffentlichen Dienst!) ohne Vorwarnung urplötzlich vor die Tür gesetzt wurde, hatte ich nur eine dreiviertel Stunde Fahrzeit nach Hause und musste sofort organisieren. Keine Zeit für eine Fahrradtour.

Heute nahm ich mir die Zeit, um nachzudenken, und fuhr nicht lange, nur etwa 50 km, ungezielt durch die Gegend. Frischer Wind im Gesicht und die Gedanken kreisen lassend. Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Konkret arbeite ich an den letzten beiden Besuchen der Seminarleitungen. Über die bisherigen bin ich glücklich: Ich habe sehr viel Anerkennung und Lob erhalten und ausgesprochen wertvolle Tipps! Als alter Hase im Schul- und Universitätsbetrieb auf der Empfängerseite kann ich nur hervorheben, wie sehr ich solch eine Ausbildungsqualität und Fürsorge schätze.

Also: Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Ich denke, es wird nicht mehr möglich sein, selbst als Instrumentalist Konzerte zu geben. Nach meinem Studium habe ich immer wieder Anläufe genommen, mein Studienniveau wieder aufzubauen, aber es ist mir nicht gelungen. Im Beruf stehend ist es sowieso unglaublich schwer, genügend Zeit für eigenes Üben zu finden. Es kommt dabei ja auch nicht nur auf die Stundenzahl sondern auch auf die Qualität der Zeit an. Sich in der Nacht drei Stunden abzuarbeiten, nachdem man den ganzen Nachmittag unterrichtet hat und die Fahrten absolviert hat, ist wenig effektiv. Also bin ich morgens früh hoch und habe versucht, den Vormittag zu nutzen. Das ging aber nicht durchgehend und wenn mal, beispielsweise durch Orchesterfahrten oder persönliche Ereignisse, von denen es einige gab, längere Pausen entstanden, verlor ich meinen Arbeitsrhythmus.

Für die unterrichtsfreie Zeit über Weihnachten und Neujahr hatte ich mir die Arbeit der Arrangements von drei Stücken vorgenommen. Die Nachricht, dass ich die letzten Besuche im Januar absolvieren muss, hat mich diese Arbeit beiseite schieben lassen müssen. Aber Arrangieren wird wohl noch gehen, wenn erst einmal etwas mehr gleichmäßiger Fluss in mein Berufsleben gekommen sein wird.

Eigene Kompositionen wird es von mir sicher nicht mehr geben: Man muss ernsthaft über große Zeiträume an Stücken arbeiten und auch bereit sein, Arbeit von Stunden vollständig zu verwerfen, wenn sich das Werk anders entwickelt. Zum eigenen Vergnügen könnte ich das wohl machen, aber ich will mich nicht mehr vor ein Orchester stellen und eigene Werke anbieten, durchsetzen oder verteidigen. Das ist schon bei Arrangements manchmal sehr unangenehm, bei vollständig eigenen Werken richtig schmerzhaft.

Ich will nicht mehr erreichen, dass ich in der Szene Anerkennung finde. Das war für mich auch früher eher etwas Notwendiges, als etwas Gewünschtes. Ich wollte mit meinen Schülern und Orchestern Erfolg haben, damit sie sich wohl fühlen und Motivation darin finden und damit ich als, so die Überlegung, anerkannter und recht erfolgreicher Musiker für meine Vereine und später meinen Betrieb entsprechenden Zulauf gewinne. Diese Anerkennung gab es durchaus in der Szene, so ist das nicht! Aber meist nicht offiziell. Ich wurde sogar recht oft gelobt für Unterricht, Orchesterleistung, Arrangements und Dirigat. Aber immer (!) nur unter vier Augen. Sozusagen konspirativ, vertraulich. Passierte etwas Offizielles, wurde ich entweder ignoriert oder bekam auf die Mütze. Ich weiß, das hat nichts mit mir zu tun, sondern liegt an den Strukturen und so weiter, aber es ist nun einmal so. Und deshalb geht es mir nicht mehr um die Szene. Auf einen Orchester-Wettbewerb würde ich also für mich nicht mehr gehen, für das Orchester aber schon.

Möglich ist und erreichen will ich, ein in jeder Hinsicht guter Lehrer zu bleiben, und ich hoffe sehr, dass das an meinem jetzigen Einsatzort sein wird. Mein Orchester will ich weiter leiten, dafür arrangieren und tolle Konzerte gestalten. Als Hobby möchte ich mit meiner neuen Band jammen; unser erster, halböffentlicher Auftritt war ganz vielversprechend, aber es gibt noch richtig was zu tun. Künftige Auftritte zum Spaß sind mir willkommen. Mehrere Klangkörper zu leiten wird nicht mehr gehen.

Etwas neblige, recht windstille ca. anderthalb Stunden auf dem Fahrrad brachten schnelle Klarheit: Ich bin auf Kurs und fühle mich wohl damit!

Nutzlose Auseinandersetzungen

Mir wurde, gelegentlich wird, immer mal vorgeworfen, nicht “durchzugreifen”, nicht “den Hut auf zu haben”, wenn es um Auseinandersetzungen insbesondere in Orchestern geht. Auf der anderen Seite würde ich mich zu sehr in Auseinandersetzungen ergehen, die mir keinen Nutzen bringen. Wie jetzt eben in meinem Mail-Verkehr mit dem Deutschen Harmonika-Verband.

Ich bin mit dem Thema freiberuflicher Musiker durch, brauche den Verband, der mir nichts genutzt hat, nicht und orientiere mich erfolgreich beruflich neu. Es ist also richtig: Das Leben geht weiter und Zurückblicken bringt gar nichts.

Nun, zunächst einmal kann nur “durchgreifen”, wer echte Macht hat. Die habe ich nicht und ich beanspruche sie für mich auch nicht. Denn die Zeit des Pultdespoten ist einfach vorbei. Und das absolut zu recht. Denn Musik ist ein kreativer Prozess und was an Impulsen aus dem Orchester kommt, ist wertvoll. Da sitzen keine Volldeppen dumpf herum, sondern vielmehr versuchen dort Menschen mit Persönlichkeit, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen etwas Schönes zu gestalten. Ein Idiot, der das nicht nutzt. Ich bin, trotz der Tatsache, dass ich mich letztendlich in Jahrzehnten nicht etablieren konnte, froh und glücklich studiert zu haben. Denn dadurch kann ich eine Menge einbringen und bin, um Marius Bazu wieder zu zitieren, ein Musiker mit einem lebendigem Instrument.

Eben: lebendig! Kein Stück Holz, dem man Töne entlockt. Will ich gute Ergebnisse haben, brauche ich eine gelöste, durchlässige Stimmung. Ich brauche Musizieren. Es ist Blödsinn, Spieler dazu bewegen zu wollen, alles absolut exakt zu jedem Zeitpunkt genau so zu machen, wie ich es haben will. Es gibt Richtlinien, Rahmen, Ziele, aber keine Gesetze, und ich bin nicht Scheriff und Richter in einem. Das gleiche Stück unter meiner Leitung mit jeweils anderen Orchestern war in Nuancen unterschiedlich, weil es auch abhängig von den Spielerpersönlichkeiten ist. Das gleiche Stück mit dem selben Orchester zu verschiedenen Gelegenheiten ist ebenso unterschiedlich, weil es ebenso abhängig von persönlichen Seelenzuständen, meinen wie denen des Orchesters, ist. Despotismus nutzt da gar nichts.

Das letzte Mal habe ich einen Pultdespoten vor einigen Jahren beobachten können: Es war eine Generalprobe vor einem großen Gemeinschaftskonzert, meinem wahrscheinlich letzten Konzert mit einem großen Gemeinschaftsorchester, bei dem der Dirigent, nebenberuflich dhv-zertifiziert, ständig nach wenigen Takten unterbrach, Forderungen stellte und unablässig an kleinen Stellen herumfeilte. Wenn ich seinem Dirigieren in irgendeiner Weise hätte entnehmen können, was er da wollte, wäre das ja noch vielleicht einsehbar gewesen. So aber war das einfach nur willkürlich, unvorhersehbar und, ja, despotisch. Ich selbst mag es durchaus auch, bei Generalproben neue Gedanken anzustoßen, bis dahin nicht gekannte Impulse zu geben, und halte das für gesund und hilfreich. Das öffnet einen neuen Zugang zum Stück und schafft eine neue Aufmerksamkeit, auch wenn das immer mal Orchesterspieler nicht einsehen. Das aber ging deutlich darüber hinaus und war viel fundamentaler. So etwas bewältigt oder toleriert nur ein standfestes Orchester; das es ihm nutzt, bezweifele ich.

Als ich sein Verhalten beobachtete, dachte ich darüber nach, warum das Orchester dies mit sich machen ließ. Da spielen viele Dinge eine Rolle, aber vor allem wohl, dass man ein gemeinsames Ziel mit Erfolg verfolgen will und dies nicht durch Auseinandersetzungen mit dem Dirigenten aufs Spiel setzen. Sicher sieht man solch eine Führung auch als “stark” an.

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mir ähnliches auch herausnehmen könnte. Aber das ist eben das Problem: Ich würde mir das herausnehmen (!) müssen. Und das geht nicht. Das verbietet mir der Respekt vor meinem Orchester, den Persönlichkeiten darin und mein menschlicher Anstand. Ich will mir nichts herausnehmen. Ich will zusammenarbeiten. Ich will gemeinsam musizieren. Ich habe die zentrale Führungsrolle, bin mir derer immer voll bewusst und erwarte, dass sie anerkannt wird. Das ist schon eine Menge!

Ich hatte auch schwerwiegende Auseinandersetzungen mit Orchestern, Vorständen, Kollegen und dem Verband, wenn diese Anerkennung der Fachautorität fehlte, und vertrete meine Position durchaus selbstbewusst. Aber letztlich hatte das nur zeitlich begrenzten Erfolg, wenn überhaupt. Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, warum ich um solche Anerkennung immer wieder kämpfen musste. Ein Beispiel mag zeigen, wie die aussehen:

Wegen der aufwändigen Organisation des genannten Gemeinschaftskonzerts wurde im Trubel der Generalprobe aller Klangkörper das Notenpult für den Dirigenten versehentlich abgeräumt und befand sich zu Konzertbeginn nicht mehr auf der Bühne. Vor seinem Auftritt mit seinem Orchester standen besagter Dirigent und ich unsichtbar für das Publikum gemeinsam links im Bühnenhintergrund und beobachteten den Orchesteraufbau. Sein Orchester nahm Platz. Der dhv-zertifizierte Maestro hatte, wie es auch bei dieser Art Kollegen nicht so selten ist, keinen Blick und kein Wort für mich, als ich neben ihm stand. Er rührte sich nicht, als im Saal Ruhe einkehrte. Alles wartete – er bewegte sich nicht. Partituren unter dem linken Arm, rechte Hand in der Hosentasche. Stille. Vereinzeltes Husten im Saal. Ich sah, dass das Pult nicht da stand und fragte ihn, ob er wüsste, wo das ist. Er zuckte nur mit den Schultern und wartete weiter. Niemand kam mit dem Pult auf die Bühne. Also tat ich ohne viel Aufhebens das Notwendige, holte schnell mein eigenes Dirigentenpult, stellte es mit einer beiläufig launigen Bemerkung für das dadurch amüsierte Publikum vor das Orchester und richtete die Höhe ein. Der Kollege wartete, bis ich die Bühne verlassen hatte, zögerte noch etwas, ging dann gruß- und danklos an mir vorbei, holte sich seinen Auftrittsapplaus ab und dirigierte mit großer Geste sein Orchester. Auch nach dem Konzert und auf der anschließenden gemeinsamen Feier hatte er kein Wort für mich übrig und versuchte den Eindruck zu erwecken,  deutlich über meinem Niveau dahinzuschweben.

Meine Mutter las mir am nächsten Tag ziemlich die Leviten: Ich hätte mich für alle klar sichtbar mit dem eilfertigen Aufstellen des Pults ihm deutlich untergeordnet und ich solle endlich mal lernen, mich nicht immer kleiner als andere zu machen. Ich hatte das nicht so gesehen. Ich sah nur, dass das Konzert reibungslos klappen sollte, konnte schnell und funktionierend eingreifen und tat das also. Aber: Sie hatte recht! Denn zumindest der Kollege hat es exakt so gesehen. Ihm ging es eben genau um diese Rangordnung. Ganz sicher ist das auch bei vielen exakt so angekommen.

Gegen diese selbstverschuldete Unterordnung ist nichts mehr zu machen. Das ist gesetzt, bleibt so und keine Diskussion würde das ändern können. Das gilt absolut genau so für die Auseinandersetzung, die ich kürzlich mit dem Verbandsrepräsentanten geführt hatte. Nichts, was ich sage oder schreibe, wird seine eher deutlich abfällige Meinung über mich revidieren können. (Weder seine noch die irgendeines Jurors, der z. B. ernsthaft meinte sagen zu müssen, ich wisse nicht, was Dur und Moll wäre.) Einerseits sieht er sich deutlich über meinem Niveau, und das lässt er deutlich spüren. Andererseits habe ich gerade dadurch, dass ich Geschehnisse von vor einigen Jahren argumentativ heranzog, seine eher negative Meinung über mich nur noch verhärtet. Wäre ich noch interessiert daran, im DHV irgendein Standing zu haben, hätte ich mir aus diesem Grund meine Kritik vielleicht (wahrscheinlich aber wohl doch nicht) auch verkniffen.

Das Problem ist einfach, dass meine Kritik ja nun einmal mit diesen Ereignissen begründbar ist. Es sind eben echte, tiefgreifende Folgen, die meine berufliche Existenz fundamental betrafen, entstanden. Wenn er mir dann schreibt, er hätte gehofft, dass ich darüber einen Abschluss gefunden hätte, wischt das mit gönnerhafter Geste herablassend die Folgenschwere vom Tisch und zeigt dabei deutlich, dass meine berufliche Existenz als Orchesterleiter und Musiker in seinen Augen nicht ernst zu nehmen ist. Für ihn bin ich einer von den vielen Hobby-Trullies, die Dirigent und Komponist spielen wollen.

Es dürfte jetzt etwa dreißig Jahre her sein, da wurde dieser Kollege als Newcomer von der Verbandszeitschrift in der Rubrik “Komponisten für das Akkordeon” (oder so ähnlich) interviewt. In dem Artikel wurde er gefragt, ob er denn für die Orchesterleiter, die seine Stücke spielen lassen würden, Hinweise zur Interpretation hätte. Er antwortete darauf lachend, wie der Interviewer bemerkte, dass man bei der Qualität der Dirigenten von Akkordeon-Orchestern froh sein könne, wenn sie den Notentext erfüllen würden. Damit wäre schon viel erreicht.

Vollprofis wie er, dhv-zertifizierte Dirigenten wie aus dem obigen Beispiel und Hobby-Dirigenten und Lehrer ohne jedwede Qualifikation ergehen sich in einer Selbstherrlichkeit, die nichts und niemanden neben sich duldet. Wer sich davon nicht erdrücken lässt, dem werden nach Möglichkeit alle möglichen Stöcke zwischen die Beine geworfen. Dabei geht es aber nicht um den jeweiligen Gegner! Es geht vielmehr nur um die eigene Großartigkeit.

Ich weiß deshalb, dass Ärger über mich nur wenig mit mir zu tun hat. Ich kann nichts daran machen, dass sich mal jemand über mich ärgert. Ich kann auch nichts dafür tun, dass sich diese Person nicht mehr ärgert. Wer seinem Ärger Luft macht, tut das begründet. Man hat nämlich immer einen Grund für jedes Verhalten. Diese Gründe müssen nicht sachlich sondern können rein emotional sein und es kann nicht meine Aufgabe sein, diese Gründe herauszuarbeiten oder zu erkennen und schon gar nicht, an ihnen zu arbeiten. Ich kann nur in der Sache abwägen. Diese Abwägungen haben mich aus der Akkordeon-Szene hinaus getrieben. Wäre ich geblieben, wäre ich zugrunde gegangen. Buchstäblich. Der Szene ist das so egal, wie ihr mein Dazugehören egal war. Deshalb ist es auch egal, wenn ich gewissen Platzhirschen solche Texte schreibe. Es wäre auch egal, wenn ich das nicht täte. Denn es ist denen wirklich vollkommen egal.

Wenn es aber egal ist, kann ich es ja auch machen. Ich trage eben Hut.

Ich kann nur mein Bestes geben. Und das tue ich immer. Wer sich an mir stört, dem kann ich ehrlich nichts bieten, was ihn fröhlicher stimmen könnte.

Mehr als ein Werkzeug

Heute Abend musste ich mich endlich entscheiden: Seit meiner Ausplanung bei meinem vorigen Arbeitgeber steht mein Flügel eingelagert ungenutzt, weil ich zuhause keinen Platz habe.

Meine Idee, ihn bei meinem jetzigen Arbeitgeber einzusetzen, wurde nicht so enthusiastisch begrüßt, wie ich es mir wünschen würde: Die dortigen Instrumente sind nicht mehr funktionstüchtig und müssten beseitigt werden, um Platz für meinen neuwertigen Flügel zu schaffen, den ich kostenlos zur Verfügung stellen wollte. Dies wird nicht in Angriff genommen, ich kann meinen Flügel aber nicht monatelang im Lager stehen lassen. Das Instrument muss genutzt werden.

Also hat mir heute Abend “mein” Klavierhaus eine Rücknahmevereinbarung angeboten, die ich angenommen habe.

Ich habe keinen Flügel mehr. Mir blutet das Herz.

ad infinitum

Der Verband hat auf meine Antwort zum Wettbewerb reagiert: Ich erhielt eine sehr freundliche, etwas bestürzte und offene erste Reaktion mit der Erklärung, meine Mail an andere Stellen weiterzuleiten. Wir wünschten einander eine schöne Adventszeit, grüßten herzlich, ich habe mich über diese Reaktion ehrlich gefreut und für mich wäre es damit erledigt gewesen.

Wäre.

Dann erhielt ich heute die Mail eines führenden Kollegen des Verbandes (nach dem Ton nicht nur dieser Mail zu urteilen ist ziemlich klar, dass er mich nicht auf seiner Augenhöhe sieht, um es mal vorsichtig auszudrücken). Die veröffentliche ich natürlich nicht! Ich gebe auch keinerlei Hinweis auf seine Identität. Aber meine Antwort veröffentliche ich:

Sehr geehrter Herr XY,

wenn Sie gelesen haben, dass ich länger krank war, haben sie falsch gelesen: Ich musste nach den Auseinandersetzungen im Langenhagener Akkordeon-Club mit lebensgefährdendem stressbedingtem Krankheitsbild in das Krankenhaus, wurde dort behandelt und habe mich schnell wieder erholt. Aber ich danke für die guten Wünsche.

Ich könnte jetzt ohne Schwierigkeiten mit Namensnennung Beispiele von “Fehlverhalten” bringen: Sie würden dabei bleiben, dass das Einzelfälle wären und das nicht dem DHV anzulasten wäre. Nur besteht der DHV aus Einzelnen. Juroren, die mir nach Wettbewerbsbeiträgen wörtlich erklären, ich wüsste nicht, was Dur und Moll wäre, oder ich solle mal einen C1 Lehrgang besuchen, damit ich dirigieren lerne, oder man könne, als ich mit einem Kinderorchester spielte, mit zweichörigen Schüler-Akkordeons einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen”, was ich versäumt hätte (drei Beispiele dreier Wettbewerbsbesuche), sind ebenso grenzwertig.

Mir ist klar, dass Sie gehofft hatten, dass das Kapitel für mich “abgeschlossen” wäre. War es auch: Die Hälfte des Orchesters bei dem Wettbewerb bestand aus meinen Schülern, die danach die Orchestermitgliedschaft kündigten und ich habe nach turbulenten, arbeitsintensiven, streitvollen und krankmachenden Jahren im Anschluss an diese Teilnahme das Engagement nach gut 10 Jahren verloren, weil man nun den Beleg hatte, dass ich nichts könne bzw. “ausgebrannt” wäre. Das kann man durchaus als “Abschluss” bezeichnen; vielen Dank. Und jetzt lassen Sie mich raten: Sie kommen mit dem Argument, dass das auch andere Gründe haben müsse, oder ähnlichem. Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.

Mir den Wunsch anzubieten, nicht weiter eingeladen zu werden, zeigt deutlich, dass Sie nicht verstehen wollen, worum es geht. Diesen Eindruck habe ich nicht das erste Mal: Als ich offenbar am Ende vergeblich versuchte, für ein besonderes Festival-Ereignis des NDR in Niedersachsen Aufmerksamkeit beim DHV zu erzeugen und Ihnen den Link als Information schickte, bewerteten Sie unaufgefordert am Sinn der Veranstaltung und des Stücks vorbei die vermeintliche Qualität meines Arrangements und kritisierten den Sinn des Werkes. Dabei war das Werk genau so anzulegen, denn exakt das, was ich da getan hatte, war meine Aufgabe, um Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, der jüngste Teilnehmer des Auftritts war erst neun Jahre, Musik von Sofia Gubaidulina auf Orchester-Ebene erfahrbar zu machen. Ich finde, ich habe da etwas sehr Wertvolles in Zusammenarbeit mit Elsbeth Moser und den Solisten für den DHV hinsichtlich der Laienmusik geleistet! Unbemerkt vom DHV. Aber Ihnen war wichtiger, mir unbedingt klar zu machen, dass ich kein ernst zu nehmender Komponist oder Arrangeur sei.

Sie selbst erklärten mir, dass, wenn ich im DHV Erfolg haben wolle, ich einen Mentoren bräuchte. Wertvoller Hinweis. Wir beide sind exakt gleich alt. Suchen Sie noch als jugendlicher Newcomer Mentoren? Ich kann das nicht und konnte das nicht, denn ich hatte einen ziemlich steinigen und langen Weg bis zum Diplom. Aber Hamburg ist eben irgendwie nicht Trossingen, nicht wahr?

Es geht nicht darum, dass ich nicht zu Wettbewerben eingeladen werden möchte; Sie lassen meine Aussagen schon sehr routiniert abperlen, Kompliment! Wettbewerbe haben für mich nur eben keinen beruflichen Sinn mehr. Ich hatte sie für sinnvoll gehalten, um Orchester und Orchesterspieler aufzubauen, Gemeinschaft zu kreieren, Klangkörper zu formen undnatürlich als Werbung für mein berufliches Angebot. Das war ein schwerer Fehler! Sie haben mir geschadet und waren ein wesentlicher Grund, warum ich den Beruf aufgeben musste.

Ich kann den Beruf also nicht mehr ausüben. Da allerdings haben mir der DHV und die Wettbewerbs-Juroren sehr geholfen…

Ich habe vor diesem Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten, die guten Wünsche als solche ernst zu nehmen. Das ist in meinen Augen verbandspolitisches Gerede ohne Inhalt. Tut mir leid. Ich kann da nach 43 Jahren im DHV keine Substanz mehr erkennen.

Klingt verbittert? Gut erkannt. Aber sagen Sie nicht, ich wäre der erste, dem das so ginge! Wir wissen alle um die grandios an die Wand gefahrenen Existenzen in der Akkordeon-Szene, oder?

Ich erwarte nichts mehr vom DHV und arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und nicht mehr als Instrumentallehrer und Orchesterleiter; wir können es also dabei belassen.

Alles Gute

Dietmar Steinhaus

Nicht mehr für mich

Vorgestern erhielt ich die Ausschreibung des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV) zu einem Wettbewerb insbesondere für jugendliche Schüler. Allein schon aufgrund meiner Betriebseinstellung bin ich nicht der Richtige für eine Teilnahme. Aber auch grundsätzlich sehe ich in Wettbewerben für mich keinen Sinn mehr.

Ich habe kein Problem damit, Themen ruhen zu lassen. Aber wenn man mich anschreibt, dann antworte ich. Das sieht dann so aus:

Sehr geehrte Frau S.,

bei meinem letzten Mitwirken auf dem Internationalen Akkordeon-Festival in Innsbruck mit drei von mir geleiteten Jugend- und Erwachsenen-Orchestern wurden eines meiner Orchester (Akkordeon-Club Langenhagen) und ich mit 13 von 50 Punkten so desaströs bewertet, dass ich kurze Zeit darauf die Arbeit für den Club trotz über zehn Jahren Tätigkeit dort wegen des irreparablen Vertrauensverlusts und durch dieses Wettbewerbsergebnis entfachten Machtkampfes einstellen musste und mit lebensgefährlichen Folgen im Krankenhaus landete. Im Ergebnis habe ich schließlich meinen Beruf als Orchesterleiter und Instrumentallehrer insgesamt nach gut zwei Jahrzehnten, in denen ich weit mehr als 300 Schüler im freien Beruf als selbständiger Unternehmer vor allem am Akkordeon unterrichtete, aufgeben müssen.

Ich arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und leite nur noch ein einziges Erwachsenen-Orchester auf Oberstufen-Niveau. Aufgrund der Erfahrungen im DHV auf jeder Ebene und insbesondere den meine Arbeit herabwürdigenden Aussagen der Kollegen auf Bundesebene habe ich keinerlei Interesse mehr, erneut an Wettbewerben des DHV teilzunehmen. Keine meiner Teilnahmen, auch wenn die Bewertungen gelegentlich zufriedenstellend waren, haben einen positiven Effekt auf meine Orchester, die Vereine oder meine Arbeit und mein Standing als Orchesterleiter im DHV gehabt. Die Wettbewerbe verursachten immer (!) vorher und nachher störende Auseinandersetzungen zwischen Spielern und heftige Attacken gegen meine Position von Laien, die sich für qualifizierter hielten.

Der Vorstand meines mir verbliebenen Vereins erwägt zukünftige Wettbewerbsteilnahmen. Ich habe davon abgeraten, würde aber mitwirken, wenn das beschlossen werden würde. Weil ich keine Instrumentalschüler mehr unterrichte und deshalb auch keine Jugend-Orchester oder -Ensembles mehr leite, bin ich jedenfalls der falsche Adressat für diese Ausschreibung.

Ich habe nicht mehr die Notwendigkeit, weil ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, und auch nicht mehr den Wunsch, mich in der Akkordeon-Szene und insbesondere dem DHV zu positionieren und etablieren. Ich erhalte schon lange nicht einmal Ehrungen für die Mitgliedschaft allein oder etwa die jahrzehntelange Orchesterleitung im DHV für verschiedene Vereine und sehe auch deshalb keine Veranlassung, mich in irgendeiner Weise einzubringen. Insbesondere auch, weil mir klar signalisiert worden ist, dass ich nicht damit rechnen dürfe, je eine Platzierung zu erreichen, die preiswürdig wäre. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich nicht Akkordeon und Orchesterleitung studiert habe, um auf Wettbewerben die Plätze unterhalb der üblichen Preisträger auszufüllen. Außerdem ist mir das schöne und herzliche Klima in meinem letzten Orchester viel zu wertvoll, um es wie mit dem Langenhagener Club für einen Wettbewerb aufs Spiel zu setzen.

Der DHV hat mir zu keiner Zeit als Diplom-Musiklehrer und Orchesterleiter für Akkordeon-Orchester in irgendeiner Weise geholfen, genutzt oder irgendeine Unterstützung geboten. Auf Landesebene wurde ich für kurze Zeit etwas bemerkt, aber auch das endete mit dem unfassbaren Bewertungsergebnis des Wettbewerbes. Vielmehr habe ich erlebt, dass sich ständig Hobby-Musiker zu “Dirigenten” aufschwangen oder den Unterricht übernahmen, während ich als studierter Berufsmusiker um meine Existenz und die meiner Familie ringen musste. Sogar heute noch sitzen gelegentlich dhv-zertifizierte Hobby-Dirigenten in den wenigen Konzerten, die ich noch dirigieren darf, um sich merklich während der Aufführungen über mich lustig zu machen; das ist weder Übertreibung noch irgendein Scherz. Dies und die fehlende Kollegialität unter Profis kann für mich nur bedeuten, mich auf meine Arbeit mit meinem letzten Orchester zurückzuziehen und alles andere zu ignorieren.

Mir ist vollkommen klar, dass dieses lange Statement nichts bewirken wird und das auch nicht kann, denn schließlich ist es für mich ja nun buchstäblich zu spät. Aber mir war es ein Bedürfnis, mit meiner durch Erfahrung gewonnenen Einstellung zum DHV und der Akkordeon-Szene nicht hinter dem Berg zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar Steinhaus

Die Kuh auf dem Eis

Die müsste erst einmal da runter. Kann ich aber nicht machen. Ich kann nur auf sie zeigen und sagen: “Da ist eine Kuh auf dem Eis! Die gehört da nicht hin!” Und ich kann auch sagen, dass die, die die Kuh da rauf gestellt haben, Idioten sind. Sie werden das aber weiterhin für eine super Idee halten.

Aber so ist das mit Ideen: An sich sind Ideen eine tolle Sache. Aber es gibt auch schlechte und sogar falsche Ideen. Wenn man an diesen Ideen festhält, werden sie zur fixen Idee und Ideologie. Wenn man dann alles durch diese ideologischen Brille betrachtet, wird der Ideologe zum Idioten und stellt voller Überzeugung Kühe auf Eisflächen.

So ist das mit der “gendergerechten Sprache”. Ich werde sie hier nicht verwenden, weil sie eine Idiotie ist. Ich bin natürlich kein Sprachwissenschaftler. Aber ich kann ganz gut begründen, warum diese Ideologie, die sich mit dem Begriff “Gender Studies” als Wissenschaft zu tarnen versucht, eine Idiotie ist.

Der Begriff “gendergerecht” sagt aus, dass es vorher “genderungerecht” gewesen wäre. Die Ideologie dahinter ist, dass die Menschenmännchen die Sprache als ein Vehikel benutzen, die Menschenweibchen zu unterdrücken und gleichzeitig die Sprache diese Unterdrückung der Menschenweibchen durch die Menschenmännchen widerspiegelt.

Geschlechterkampf in der älteren Vorgeschichte?

Warum schreibe ich “Menschenmännchen” und “-weibchen”? Der Grund ist, dass unsere Art, also wir als richtige Menschen, so, wie wir jetzt sind, etwa 200.000 Jahre alt ist. Damit sind wirklich wir gemeint! Da lief niemand “Uga, uga!” schreiend über die Steppe, schlug ein Steinzeitmädchen mit der Keule bewusstlos und zog es zwecks Begattung an den Haaren in seine Höhle. Göbekli Tepe weist auf eine erste Nutzung von vor über 10.000 Jahren hin, ausgefeilt gebaute Knochenflöten haben ein Alter von etwa 42.000 Jahren. Weil Musik Sprache spiegelt und die Flöten handwerkliche Kunstwerke sind, ist neben den gleichzeitigen, ausgesprochen kunstvollen Höhlenmalereien und kunsthandwerklichen Funden klar belegt, dass es “primitive” Höhlenmenschen nicht gab. Ich finde “Nachts im Museum” herrlich und Ben Stiller als Höhlenmensch bringt mich immer zum Lachen. Aber: Es gab sie so nicht.

Göbekli Tepe, das viel jüngere Stonehenge und andere archäologische Befunde zeigen eindeutig, dass die Menschen damals Kultur betrieben. Die Frage, warum Hochkulturen, Schrift und letztlich sogar Wissenschaft erst in den letzten wenigen Jahrtausenden bzw. Jahrhunderten entstanden, ist ganz leicht zu erklären: Die höhere Bevölkerungsdichte erlaubte schnelleres, effektiveres Kommunizieren und den Austausch und die Akkumulation von Ideen. Davor waren die Menschen nicht “primitiver” oder dümmer. Sie waren ziemlich genau wie wir. Sie waren aber eben weit verstreut und trafen sich nur selten. Beispielsweise in Göbekli Tepe. Da wurde dann gefeiert und man tauschte sich intellektuell und sexuell aus.

Es deutet einiges darauf hin, dass von den anderen Menschenarten der Neandertaler ebenfalls über Sprache verfügte, vom Denisova-Menschen existieren zu wenig aussagekräftige Funde, um die Beschaffenheit des Mund- und Rachenraums zu beschreiben, über den Floresmenschen weiß ich diesbezüglich zu wenig. Ich persönlich würde aber aufgrund der Schädelbeschaffenheit und des Schädelvolumens davon ausgehen, dass die Sprache schon vor unseren Menschenarten entstanden ist; weil Weichteilgewebe nicht fossilisiert vorliegt, kann man das nicht sicher sagen. Es gab aber Genaustausch mit den Neandertalern (ich meine, auch mit dem Denisova-Menschen, aber kann die Quelle nicht finden). Auf die Idee, sich mit sprachlosen Wesen zu paaren, wird wohl niemand gekommen sein. Man wird sich auch verbal verständigt haben. Wenn aber Sprachvermögen des Neandertalers ziemlich sicher ist, halte ich die Vermutung für gerechtfertigt, dass es eine Sprache vor dem Homo sapiens gab.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art
  2. Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns irgendwann im Laufe der Zeit

Zur Hypothese 1: Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art

Wenn es die Genderungerechtigkeit in diesen verlorenen Sprachen seit mehr als 200.000 Jahren gab, muss sie einen tatsächlichen Machtkampf zwischen den Geschlechtern widerspiegeln. Denn das ist ja die Idee der gendergerechten Sprache: Es gebe eine aktive, bewusste und unbewusste Unterdrückung der Frau durch den Mann, die durch Gendergerechtigkeit abgeschafft werden soll. Also müsste es bei den Homo-Arten vor uns diese Unterdrückung gegeben haben.

Man kann sie nicht mehr fragen, Funde lassen keine Schlüsse zu. Was kann man tun, um diese Frage zu klären? Sich umsehen, ob es Hinweise auf solch einen Machtkampf zwischen den Geschlechtern woanders gibt. Unsere nahsten Verwandten sind Menschenaffen wie Schimpansen, die fröhlich vor sich hin kopulierenden Bonobos und Gorillas. Was sehen wir da? Wir sehen verschiedene Sozialstrukturen. Beispielsweise einen Pascha mit Harem. Was wir nicht sehen, ist, dass Männchen gegen Weibchen um die Führung kämpfen. Wir sehen, dass Männchen untereinander um die Führung kämpfen.

Warum ist das so? Wir Männchen produzieren billig, wenig aufwendig, sehr viele Reproduktions-Zellen, die wir, wenn man uns lässt, fröhlich herum verteilen. Die Weibchen produzieren wenige, große, aufwendige, Kraft kostende Reproduktions-Zellen unter großen Opfern wie häufigem Blutverlust, tragen dann den Nachwuchs aus und betreiben Brutpflege. Weil wir große Hirne haben, ist die Geburt risikoreich und dauert die Aufzucht lange. In dieser Zeit sind Weibchen und Nachwuchs in Gefahr. Männchen scharen sich um sie, um sie zu beschützen. Die Unterdrückung der Frau gibt es durchaus. Sie ist eine gesellschaftliche Pervertierung dieses Schutzverhaltens.

In der Natur finden wir überall alle möglichen sexuellen Rangordnungen und Verhaltensweisen. Wir finden aber nicht: einen intersexuellen Konkurrenz-Kampf um die Führung der Gruppe. Als Männchen Pascha zu sein ist nahe liegend. Das Männchen produziert viele einfache Reproduktions-Zellen, die Weibchen individuell wenige, denn aufwendige. Also muss eine erfolgreiche Population aus vielen Weibchen bestehen, braucht aber nur ein Männchen. Wenn es denn da bleiben darf, guckt es ständig in den Dschungel, ob sich Böswatze nähern, während der Harem Brutpflege betreibt. Wenn das Männchen seine Leistung nicht mehr bringt, die es jährlich in Kämpfen gegen andere Männchen beweisen muss, verliert es seinen Posten. Männchen sind  austauschbar.

Produziert das Weibchen viele Reproduktions-Zellen, ergibt sich in der Natur plötzlich ein anderes Bild: Eine Königin legt Eier, die auch hier austauschbaren Männchen kommen in großer Zahl zur Befruchtung.

Wie auch immer die frühzeitliche Sprachentwicklung in der Entfernung von Jahrhunderttausenden oder Jahrmillionen ausgesehen haben mag: Wir haben keinerlei Anlass zu vermuten, dass in den Ursprüngen der Sprachentstehung unsere Homo-Vorfahren eine Ausnahme waren und einen intersexuellen Machtkampf ausübten, den es sonst nicht gibt, der sich in der Sprache niedergeschlagen haben könnte.

Zur Hypothese 2: Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns im Laufe der Zeit:

Das müssen wir getrennt betrachten:

Geschlechterkampf in der jüngeren Vorgeschichte?

Angesichts der unfassbar langen Zeit, in der wir existieren, können wir nur lächerlich wenig weit in der Sprachentwicklung zurück sehen, aber diese verhältnismäßig kurze Spanne ist absolut beeindruckend! Vor etwa 5.000 Jahren (EDIT: etwa 10.000 Jahren; ein Fehler, der mir beim Schreiben hätte auffallen müssen) lebte am Schwarzen Meer eine Bevölkerungsgruppe, die eine Sprache benutzte, die heute schlüssig als urindogermanische Stammsprache rekonstruiert werden kann. Weiter zurück kann man nicht blicken. Wir werden nie erfahren, wie sich die Erbauer von Göbekli Tepe, ganz zu schweigen von den nomadisierenden Jägern der Mammute in der europäischen Tundra, verständigten und wie die Sprache der Neandertaler klang.

Für unser Problem der Gendergerechtigkeit ist das aber nicht erforderlich! Denn diese Sprachen müssen vor der urindogermanischen gelegen haben und sie wird daraus hervorgegangen sein müssen. Die Frage lautet also: Finden wir in der urindogermanischen Sprache eine Genderungerechtigkeit?

Im Urindogermanischen gab es keinen bestimmten Artikel (der, die, das). Wie es beispielsweise das Latein beibehielt, erfüllten beugende Anhänge am Wort die erforderlichen Funktionen. Hier gab es zunächst genau zwei Formen von Nomina: Dinge, die Subjekt eines Satzes sein konnten, und Dinge, die das nicht sein konnten. Dinge, die nicht Subjekt eines Satzes sein konnten, waren Dinge, die selbst nichts tun konnten, sondern mit denen etwas getan wird oder eine Entwicklung oder Verlauf abbildeten. Subjekte eines Satzes fielen in das Standard-Genus. Dieses Standard-Genus wird heute “maskulin” genannt.

Es wird also unterstellt, dass diese Leute dachten, hey, alles ist männlich! Wir sind viel toller als Frauen und ihnen überlegen! So funktioniert Sprache aber nicht. Auch diese Menschen haben wie wir ein Sprachzentrum ererbt, das funktioniert, ohne dass wir echten Einblick hätten, wie. Wir können rekonstruieren, Annahmen untersuchen.

Das Sprachzentrum selbst hat keine Vorstellung von Mann und Frau. Das ist ihm komplett egal. Das Sprachzentrum regelt Sprache, nicht Gesellschaft oder Sex. Das Sprachzentrum arbeitet im Unbewussten. Wir haben deshalb ein Sprach-Gefühl. Niemand denkt beim Sprechen oder Schreiben aktiv ständig über Deklination, Konjugation etc. nach. Das ist ein deskriptives Verfahren, das seinen Sinn haben kann, wenn man jemanden in Fremdsprachen unterrichtet. Sprache selbst findet aber auf einer ähnlichen Ebene wie das Atmen, das man ja auch willentlich in gewissem Rahmen steuern und bewusst ausführen kann, automatisiert statt.

Das, was wir heute “Maskulinum” nennen, ist dieses alte Subjekt. Es ist das, was etwas tut. Deshalb ist das weibliche Geschlechtsorgan im Kamasutra, yónis, der (!) yónis. Grammatikalisch ist das Geschlechtsorgan der Frau im Sanskrit “männlich”. Als indogermanische Sprache hat diese unsere Genera. Wieso kommen die da so durcheinander? Kommen sie nicht: Yónis ist der “Halter” beim Akt und während der Schwangerschaft. Warum ist in unserer Sprache die Scheide weiblich? Haben wir besser aufgepasst, dass Frauen Scheiden haben? Nein. Das ist sie immer: Die Wasserscheide ist auch weiblich, denn da wird Wasser voneinander geschieden. Feminina sind wie Neutra Worte, die einen Verlauf oder das Ergebnis eines Ereignisses darstellen, oder aufgrund ihrer Endung vom Sprachgefühl her in diese Kategorie fallen. Das Mädchen ist keine Sache, die Nase ist so wenig weiblich wie die Gabel. Feminina sind nur dann “weiblich”, wenn sie sich ausdrücklich auf Weiblichkeit beziehen.

“Ich fühle mich nicht gut. Ich glaube ich habe mir einen Virus eingefangen.” – “Welcher Virus ist das, was meinst Du?” – “Welches (!) Virus!” Dem Kranken wünsche ich, dass er lange Zeit im Bett verbringen muss. Ekelhafte Besserwisserei. Virus ist ein Wort aus dem Lateinischen. Der Lateiner oder der gebildet scheinen Wollende weiß, dass Virus im Lateinischen ein Neutrum ist. Das ist es, weil es den Verlauf von Vergiftung und Schleimen beschreibt. Für uns fällt es im Sprachgefühl in den Standardgenus, den wir leider “männlich” nennen. “Der Virus” sagt man aus vernünftigem Sprachgefühl. “Das Virus” sagt man, weil man Bildung zeigen will.

Was meint Ihr? “Der Tempel” oder “das Tempel”? Das ist genau wie mit “Virus”: templum steht in Latein für “Abstecken, Abzirkeln, Abgrenzen” und ist ein Neutrum. Diese Vorstellung haben wir aber nicht. Wir sind keine Lateiner und unser Sprachzentrum erkennt die Tätigkeit dahinter nicht wie in “das Laufen”. Und, plumps, fällt “Tempel” in den Standardgenus. Zu recht. Wer jetzt käme und erzählen wollte, es müsse “das Tempel” heißen, ist jemand, der beim Schulsport immer als letzter gewählt und zu keiner Party eingeladen wurde. Zu recht.

Wie kommt die Vorstellung der “Männlichkeit” in die Sprache?

Ich habe leider vergessen, wie der griechische Philosoph hieß (ich schreibe das hier alles als Gelegenheitsbeschäftigung in meiner Freizeit zu meinem eigenen Vergnügen als Erholung und habe keine Quellen zur Hand; ich habe nur einmal kurz auf Wikipedia geguckt und hatte den sofortigen Impuls, den Autoren für seinen Quatsch würgen zu wollen). Aber jedenfalls war es eine Idee der klassischen Antike, die Genera in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen.

Alles deutet darauf hin, dass die Vorstellungen zur Zeit, als urindogermanisch gesprochen worden ist, anders waren: Man (kommt aus dem gleichen Wortstamm wie homo und Mensch, der sich auf die Erde bezieht) sah sich als Bewohner der Erde im Gegensatz zu den Göttern, die keine “Erdlinge”, kein Homo, kein Mann, kein Mensch waren.

Test durch Sprachgefühl

Jetzt kann man ja sagen, alles schön und gut, Dietmar, aber trotzdem ist es so, dass das Maskulinum die Frauen unterdrücken hilft; und genau das wurde mir auf den Scienceblogs (!) vorgehalten. Von Wissenschaftlern.

Testen wir mal unser Sprachgefühl:

“Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserem Konzert!”

So banal begrüße ich, meine ich, nicht. Da fällt mir meist lustigeres ein. Aber formal alles super so. Aus Höflichkeit nenne ich die Damen zuerst, die Damen sind weiblich, die Herren männlich. Dazwischen liegt ein Kontinuum, das ich vollkommen in Ordnung finde, und jeder kann sich da einordnen, wie er veranlagt ist.

Dann begrüßt der Bürgermeister: “Liebe Bürgerinnen und Bürger, auch ich begrüße Sie zum Konzert!”

Das hat er nie so lächerlich gemacht! Ihm fällt immer etwas Lustiges und Herzliches ein. Abgesehen davon ist das formal falsch. Und jetzt kommt der sprachgefühlige Beweis dafür:

“Sehr geehrte Gästinnen und Gäste, herzlich willkommen!”

Gesehen? Wem da nicht der Draht aus der Mütze springt ist bereits so genderverblendet, dass ich hoffnungslos bin.

Erläuterung:

“Damen und Herren” bezeichnet ausdrücklich das Geschlecht der Zuhörer. “Bürger” ist aber der Oberbegriff für alle (!) in der Gemeinde mit Bürgerrechten ausgestatteten Bewohner. Das schließt die Frauen ein. Ebenso wie alle Blauäugigen, Krummbeinigen, Nasepopelnden etc. Man muss die nicht erwähnen, sie gehören dazu. Sprachlich müssten deshalb zuerst “Bürger” und dann “Bürgerinnen” als Bestandteil der Bürger genannt werden, wenn sie besonders erwähnt werden sollen. Das sagt unser Sprachzentrum, wenn es nicht vom Ideologen und seine Idiotie dauerbelästigt wird.

“Gast” ist ein eben solcher Oberbegriff, der noch nicht so verwurstet wurde und deshalb vielleicht eindeutiger fühlen lässt, wie unsinnig dieser Quatsch ist.

Schlussbemerkung

Wir müssen in Unterrichtsentwürfen “Schülerinnen und Schüler” schreiben und kürzen das mit “SuS” ab. Tun wir das nicht, unterdrücken wir die Mädchen und werden gerügt. Oder gewürgt. Das weiß ich nicht so genau.

Dieses Konzept geht davon aus, dass die Wortendung -er bei “Schüler” Männlichkeit andeutet, -in bei “Schülerin” Weiblichkeit. Nur ist auch in “Schülerin” das -er enthalten. Die “gendergerechte Sprache” geht also davon aus, dass ein “männliches” Wort durch eine angehängte Endung weiblich wird. Das Wort bleibt aber das Wort und das Sprachzentrum kennt kein Geschlecht. Nur die Bedeutung (!) wird auf den weiblichen Anteil spezifiziert, aber nicht das Wort geändert. “Schüler” ist 1. der Oberbegriff für alle, die beschult werden, und 2. bleibt dieses Wort im Standardgenus, auch wenn es die sprachliche Konkretisierung auf die weiblichen Schüler mit dem Wort “Schülerin” gibt. Würden die Endungen so funktionieren, wie es die “gendergerechte Sprache” gerne hätte, müsste es “Schüler” für die männlichen und “Schülin” für die weiblichen Schüler heißen. Tut es aber nicht, wie wir alle wissen.

Sprache funktioniert eben nicht so, wie es die Ideologen gerne hätten.

Die Kuh steht also auf dem Eis. Aber egal, wie toll die Idioten es finden, dass sie dort steht: sie wird dort nie anfangen zu grasen.

Instrumentallehrer: Traumberuf oder brotlose Kunst

Vor mittlerweile fünf Jahren erschien dieser Artikel bei der Rheinischen Post online. Er ist an mir vorbeigegangen; es gibt eben so viel im Netz. Jetzt fiel er mir auf und ich habe dazu kommentiert.

Der Artikel kommt wie der Kommentator “Felix Hartmann” zu dem, in meinen Augen leider falschen, Schluss, dass man diesen Beruf ergreifen soll und, wenn man bescheiden ist, zwar “nicht reich” wird, was eine zynischer Euphemismus ist, aber Zufriedenheit in der Schönheit der Tätigkeit findet. Sicher, schon klar. Rosamunde Pilcher, die Schwarzwaldklinik, die Regenbogenpresse und das gesamte öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm legen die Plätzchen beiseite, stellen die Teetasse auf das gehäkelte Deckchen und applaudieren mit gezierten Fingern bei im Hintergrund laufender Traumschiffmusik und dem fröhlich singenden Florian Silbereisen.

Aus Bequemlichkeit habe ich “Warum die Akkordeon-Szene stirbt” kopiert und als Kommentar dort platziert. Antworten oder Reaktionen erwarte ich nicht. Ich bin erstens unbedeutend und zweitens interessiert sich die Öffentlichkeit bzw. die Gesellschaft nicht für die Lage der Kulturträger an der Basis. Wir haben weder die Anerkennung, noch die Bedeutung früherer Zeiten (und das ist nicht der “Früher war alles besser”-Tropus).

Wie im Grunde peinlich das für uns alle sein sollte, zeigt die schön illustrierte und richtig dargestellte Tatsache aus dem Anfang des Artikels:

“Wer sich dazu entscheidet Instrumentallehrer zu werden braucht gewisse Voraussetzungen, um für ein Studium zugelassen zu werden. Man sollte nicht nur sein Instrument perfekt beherrschen, sondern auch das nötige Gespür für das Zwischenmenschliche haben.”

Hohe Ansprüche, die erfüllt werden müssen! Wert? Nichts mehr.