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Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Die Funktion der Genera

Die Genera in der deutschen Sprache haben eine andere Aufgabe, als das natürliche oder ein imaginäres Geschlecht anzuzeigen. Täten sie das, wären alle Feminina als weiblich zu denken und alle Maskulina als männlich. Die Sprachfamilie hätte sich darüber einig sein müssen, welches Wort man sich wie vorzustellen habe und über jedes neue Wort hätte man sich neu klar werden und einigen müssen. Was für einen sprachlichen Sinn sollte so etwas haben? Quasi willkürlich und nicht nachvollziehbar Begriffe Geschlechtern zuordnen, um sie geschlechtlich zuzuordnen? Wozu? Welche sprachlich sinnvolle Funktion sollte das erfüllen? Das kann schlichtweg nicht sein.

Zugrunde liegt vielmehr ein Automatismus des Sprachzentrums, dem das Geschlecht einfach egal ist. Es kennt das nicht. Es kennt nur grammatikalische Funktionen und Automatismen.

Ich habe hier einmal eine willkürliche Liste von Nominalisierungen zusammengestellt:

Verben

ich tanze, du tanzt, er/sie/es tanzt

 

 

das Tanzen

 

 

die Tanzerei

ich schlafe, du schläfst, er/sie/es schläft das Schlafen der Schlaf
ich laufe, du läufst, er/sie/es läuft das Laufen die Lauferei
ich bade, du badest, er/sie/es badet das Baden das Bad
belegen das Belegen die Belegung
kapitulieren das Kapitulieren die Kapitulation
Adjektive

bedrohlich

 

 

das Bedrohen

 

 

die Bedrohung

ehrlich das Ehrliche die Ehrlichkeit
mutig das Mutige der Mut
selten das Seltene die Seltenheit
groß das Große die Größe
schnell das Schnelle die Schnelligkeit
einladend das Einladende die Einladung
offen das Offene die Offenheit

Wir sehen, dass die Genera nur in der dritten Person auftauchen, die erste und zweite in das Standardgenus fallen. Und wir sehen ein grundsätzliches Muster in der Nominalisierung: das Verb oder Adjektiv wird im ersten Schritt zu einem Neutrum, im zweiten zu einem Femininum. In meinen Beispielen gibt es da aber Ausnahmen: der Schlaf, das Bad, der Mut. Die sehen wir uns mal genauer an:

Der Schlaf ist eines dieser “neuen” *s-Wörter und im Gotischen als sleps nachgewiesen. Wikipedia setzt die Entstehung des Wortes später, nämlich im Althochdeutschen mit dem Wort slaf als Substantivierung des Verbs slafen an. Das halte ich für falsch, weil es die ältere gotische Form als *s-Wort gibt. Mit diesem verwandt sind einige Worte, die durch Wegfall des Schluss-S und des Anlaut-S nicht auf Anhieb ähnlich sehen, wie Lippe oder Lappen. Die Wurzel dafür haben wir schon kennengelernt: leb- für schlaff. Der Schlaf ist also nicht das Ergebnis der Nominalisierung des Verbs schlafen, sondern ein aus dem *er-Wort leber entstandenes *s-Wort slebs als Ursprung des Verbs.

Beim Begriff Mut stoße ich wieder an die Grenzen der Darstellbarkeit meiner Tastatur. Etymologisch taucht der Begriff als, grob vereinfacht geschrieben, moßim Gotischen als *s-Wort und maskulin auf. Auch hier gibt Wikipedia ein Verb als Ursprung, mo-, an, das für “sich mühen” stehe. Moßwird nach meinem etymologischen Wörterbuch im Gotischen in der Bedeutung von Mut und Zorn gebraucht. Den Zusammenhang, den Wikipedia findet, kann ich durchaus sehen. Aber auch hier scheint es mir eindeutig, dass das Nomen Mut früh als Maskulinum bestand.

Das Bad finde ich besonders erfreulich! Denn es hat eine Wortverwandtschaft zu einem althochdeutschen Wort für wärmenbajan. Wer weiß, dass das von mir studierte Instrument in Russland Bajan genannt wird, versteht, warum ich mich ein wenig freue. Diese Namensgleichheit ist aber reiner Zufall. Baen oder bajan kommt vom Indogermanischen bhe- für wärmen, rösten. (Obwohl ich gerade denke, da das Urindogermanische im Raum des heutigen Wolgograd beheimatet ist, kann es durchaus eine Verwandtschaft geben. Wer würde zum Beispiel auf den Gedanken kommen, dass unser Baum dem englischen beam, unsere Wolke dem englischen to walk entspricht? Die Bedeutungen sind völlig anders, aber dennoch sind das die selben Wörter, die in ihrem Ursprung dasselbe bedeuteten.)

Warum sind dann Schlaf und Mut maskulin, Bad aber sächlich? Bad bezeichnet ein Verlaufsgeschehen, Schlaf und Mut einen Zustand.

Wenn wir die Nominalisierungstabelle ansehen, erkennen wir abgesehen von diesen gerade betrachteten Ausnahmen eine klare Struktur: Das Neutrum bezeichnet ein aus dem Verb oder Adjektiv sprachlich hergeleitetes konkretes Ereignis oder Objekt, das Femininum bezeichnet eine Klasse, einen größeren Zusammenhang, über das Konkrete Hinausweisendes. So bezeichnet der eigenartige Begriff die Tanzerei ein allgemeines Geschehen und ist nicht mit dem Tanz zu verwechseln.

Es ist noch einiges zu tun, und ich befürchte fast, hier ist das etwas ins Unreine geschrieben. Aber ich wollte wenigstens signalisiert haben, dass ich an dem Thema weiter arbeite.

Diese Nominalisierung, die bei uns automatisch abläuft, spiegelt das Sprachgeschehen unserer Vorfahren. Genau auf diese Weise haben sich die Genera auch allgemein entwickelt. Denn würde irgendjemand klaren Verstandes ehrlich meinen, dass die Nominalisierungen sächlich sind, aber, wenn sie eine Klasse bezeichnen, weiblich? Warum gibt es denn keine männliche Nominalisierung, wenn die Sprache doch angeblich männlich dominiert ist? Solch eine Denkweise kann doch nur falsch sein.

Tatsächlich sind das keine Neutra oder Feminina sondern Genera, die nicht der Standardgenus sind.

Die neuen Wörter

In den letzten beiden Artikeln beschäftigte ich mich mit den ältesten Wörtern, die aus der urindogermanischen Sprache erhalten sind, den Wörtern die auf *er enden. Um weiter zu machen, wollte ich mir ein indogermanisches etymologisches Wörterbuch kaufen; aus der Erinnerung zu schreiben, ist zwar irgendwie bequem, aber auch fehleranfällig. Ich war einigermaßen entsetzt, als ich feststellen musste, dass es so etwas nur noch antiquarisch zu erwerben gibt! Brauchen beispielsweise Germanisten so etwas nicht mehr? Hat Expertise auf gar keinem Gebiet mehr eine Bedeutung? Kein Wunder, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird …

Jedenfalls, ich bin kein Germanist und möchte als interessierter Laie möglichst Richtiges zusammenschreiben. Also habe ich dieses zweibändige Wörterbuch antiquarisch teuer erworben, um darin zu forschen. Als erstes sah ich meine bisherigen Beispiele nach, um die ältesten Formen zu ermitteln. “Schwester” fand ich nicht auf Anhieb. Mir war klar, dass “sch” “s” gewesen sein muss und “w” “u” (nicht in der Schrift, denn die hatten die Urindogermanen nicht). Der Wortstamm musste also “sue-” gewesen sein. Habe ich trotzdem nicht gefunden (ist aber da: ich habe es einfach übersehen). Also dachte ich, ich leite das falsch her und schaute im Netz nach, unvermeidlicher Weise Wikipedia. Dort steht dann ebenso unvermeidlicher Weise sehr “woke”, unrassistisch und genderneutral, das Wort sei “indoeuropäischen” Ursprungs und heiße “suesor” (das “u” muss man etwas anders schreiben, aber ich verfüge nicht über diese Buchstaben). “Suesor” stimmt, das habe ich jetzt im Wörterbuch gefunden. “Indoeuropäisch” stimmt nicht. Es ist nicht rassistisch oder deutschnational sondern einfach fachlich richtig, dass die Sprache “indogermanisch” heißt. Aus dem Urindogermanischen gingen das Uritalische, das Urgermanische und das Urindoiranische hervor. Daraus wiederum jeweils das Lateinische, das Deutsche und das Vedische. Zu den germanischen Sprachen gehören Deutsch, Niederländisch, Gotisch, Friesisch, Dänisch, Englisch, Schwedisch, Faröisch und Isländisch. Das hat gar nichts damit zu tun, dass unser Land international auch als Germanien und wir als Germanen bezeichnet werden. Sondern: “Europäisch” ist keine Sprache und keine Sprachfamilie. Germanisch aber schon. Europa ist ein Kontinent und ein sinnvolles und sehr wichtiges Staatengebilde, aber keine sprachliche Identität.

Zurück zum Kern: Die ältesten Wörter sind also *er-Wörter wie etwa Leb*er, Diet*er, Somm*er etc. Da das Urindogermanische keine bestimmten Artikel kannte, wusste niemand, dass die Leber weiblich war. Aber irgendwann wurde sie das. Warum? Wann hatten die Menschen vor etwa 10.000 Jahren etwas mit diesem Organ zu tun, das dazu führte, dass es in das “weibliche” Genus fiel?

Vor 10.000 Jahren vollzog sich immer noch der Wechsel aus der neolithischen Revolution. Die Urindogermanen zogen im Raum Wolgograds (früher Stalingrad) nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres nomadisierend und land-bebauend umher. Niemand weiß bisher, was dazu führte, dass sie in mehreren Wellen von dort aus Richtung Europa und den nahen Osten zogen. Jedenfalls taten sie das offenbar und nahmen ihre Sprache und Dialekte mit, welche die bis dahin dort jeweils gesprochenen Sprachen verdrängten. Das passierte überall gleichermaßen. Irgend etwas an der Sprache der indogermanischen Völker oder an ihren mitgebrachten Kompetenzen muss so vorteilhaft gewesen sein, dass sich ihre Sprache so durchsetzen konnte.

Wenn man also gejagtes Wild ausweidet oder Tiere schlachtet, lernt man die verschiedenen Organe kennen und benennt sie. Die Urindogermanen wussten nichts von Vitaminen. Sie waren aber keine uga-uga-rufenden Primitivlinge sondern verstanden sehr wohl, dass gebratene Leber gut schmeckt. Was gut schmeckt, ist grundsätzlich gut; jedenfalls, wenn man nicht an einem Überangebot von Kohlenhydraten leidet, einem ein wohlstandsverwöhnter Geschmack nicht im Wege steht oder das Essen nicht Ausdruck einer Ideologie ist. Leber und Fisch waren die Lebensmittel der Wahl, um den Körper mit Vitamin D zu versorgen, wenn die Tage kürzer und die Sonneneinstrahlung geringer wurde. Das Organ bekam seinen Namen durch seine Erscheinung: ein glibbriges, glattes, schlaffes Gebilde. Der Wortstamm leb- bedeutet so viel wie “schlaff herabhängen”. (Das finde ich übrigens sehr ärgerlich! Denn es gab eine sehr überzeugende Erklärung für den Namen Leber bzw. liver in der Fernsehserie “Dr. House”, bevor sie in den letzten Staffeln lächerlich wurde: Dr. House erklärte, dass man ohne die Leber nicht leben könne, weswegen sie eben Leber hieße. Ich fand das in der Szene sehr amüsant und als Erklärung so attraktiv, klug und überzeugend, dass ich das glaubte. Bis ich jetzt echte Quellen nachschlug. Sprache ist spannend und Wissenschaft voller Entdeckungen. Was einem schön und richtig erscheint, ist aber nicht zwangsläufig wahr, und man muss bereit sein, sich von Liebgewonnenem zu verabschieden, wenn man ehrlich ist.) Das ist das, was die Leber tut, wenn man sie entnimmt. Als Wort, das aus einem Tun entwachsen ist, ist es entweder Neutrum oder Femininum. Die Lippe ist ebenfalls feminin und entstammt dem gleichen urindogermanischen Wort.

Die *er-Wörter haben also ein Genus erhalten, nachdem (!) sie sich entwickelt hatten; erst waren die Wörter da, dann erhielten sie ihr Genus. Der Ursprung ist, mir jedenfalls, denn ich konnte dazu nichts finden, unklar, aber nach diesen *er-Wörtern tauchten die *s-Wörter auf. Sie machen auch heute noch den oder zumindest einen Großteil der Nomina aus. Der Stein war gotisch noch stain*s. Das “s” ist verloren gegangen wie in “Tag”, der gotisch noch dag*s hieß. So heißt der große Krieger der Gallier, der dem Cäser final unterlegene Vercingetorix, also Vercingetorik*s. Mit dem Auftauchen der *s-Wörter oder um dieses Auftauchen herum ist also offenbar in der indogermanischen Sprache etwas passiert, das die Genera entstehen ließ. Irgendetwas machte Genera notwendig, um sich sinnvoll mitzuteilen, oder irgendein sprachlicher Vorteil entstand mit diesen.

Die *s-Wörter und ihre Entwicklung in den Sprachen indogermanischen Ursprungs sind sehr interessant, und hier wird tiefere Recherche erforderlich. Wie gesagt möchte ich nicht einfach nur aus der Erinnerung zusammenschwadronieren. Das machen andere, und ich finde so etwas extrem ärgerlich. Wenn z. B. solche selbsternannten Experten wie Sebastian Sick über den vermeintlichen Schwund des Genitiv parlieren, glauben das viele. Sebastian Sick ist ein Journalist. Ich bin ein Musiker (gewesen). Beide Berufe sind keine sprachwissenschaftlichen Berufe. Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigen will, muss man das besonders sorgfältig tun. Ich bin mir über einige Fragen noch nicht klar, und solange ich das noch nicht bin, schreibe ich darüber noch nicht. Es geht mir im Gegensatz zu Sebastian Sick auch nicht darum, mit vermeintlich korrektem Wissen Spracherziehung zu betreiben und mit reißerischen Thesen Geld zu verdienen (obwohl es bei ihm eigentlich nur eine ist; zu mehr reicht es da nicht). Ich möchte verstehen, woher das Genus in der Sprache kommt und teile diese Entdeckungsreise öffentlich. Wir sind nah dran! Aber jetzt wird es etwas dauern bis zum nächsten Artikel. Denn ich muss mich gründlicher damit beschäftigen, wann genau ein einem Tun oder einer Entwicklung entstammendes Wort nun feminin und wann neutral ist; das ist mir nur ahnungsweise dunkel klar. Ich hätte da gerne ein klares System. Das sollte es geben, denn sonst würde Sprache nicht funktionieren.

Das fehlende Teilchen

99,9 %. Das sagte mir mein jetziger Dienststellenleiter. 99,9 % Wahrscheinlichkeit, dass ich bei ihm fest angestellt würde. Ich vertraue ihm und war erleichtert und froh.

Es würde Zeit, dass Ruhe und Gleichlauf in mein berufliches Leben einkehren. Zu viele Versprechungen mir gegenüber waren in meiner bisherigen “Karriere” gebrochen worden oder konnten durch widrige Umstände nicht gehalten werden, bevor ich hier angestellt wurde. Ich ging also bis zu diesem Gespräch davon aus, dass ich die Stelle letztendlich doch nicht bekommen würde und habe mich ernsthaft nach beruflichen Alternativen umgesehen. Nerven zerrüttend.

Mir wurde erklärt, dass ich trotz Ausplanung und Abordnung bei meiner vorigen Dienststelle einen Versetzungsantrag stellen müsse, der dort zu genehmigen sei. Umstände, die ich aus nahe liegenden Gründen beunruhigend fand. Aber, zu meiner ehrlichen Überraschung, erfolgte die Genehmigung reibungslos und prompt.

Damit sollte der Weg frei sein in eine endlich sichere und ruhigere berufliche Zukunft. Ganz entspannt bin ich noch nicht; dafür habe ich einfach zu viel erlebt, um jetzt schon beruhigt zu sein. Ich kann mir nämlich folgendes Szenario als durchaus möglich vorstellen: Die Versetzung ist genehmigt, meine jetzige Dienststelle möchte mich fest anstellen. Oberster Dienstherr ist aber die Landesbehörde. Die könnte einzuhaltende Fristen (als ehemaliger Personalrat könnte ich mir auch vorstellen, welche) oder Formalitäten (auch da hätte ich eine Idee) heranziehen und damit begründen, dass eine Einstellung nur später möglich sei. Das könnte bedeuten, dass ich bis dahin ohne Einkommen wäre. Dies könnte ich mir nicht leisten und müsste mich nach anderer Arbeit umsehen. Somit wäre ich aus diesem Beruf komplett und endgültig raus.

Ob ich glaube, dass das so gemacht wird? Etwa, um Personalkosten zu sparen? Wirklich: Ich habe keinerlei Ahnung. Es ist ziemlich gruselig, aber ich bin tatsächlich durch meine Erfahrungen bis in den Kern erschüttert und besitze keinerlei positive Naivität mehr, wenn solche Entscheidungen anderer über mich vor mir liegen. Sie wurde von zynischem Pessimismus abgelöst.

Deshalb halte ich das fehlende 0,1 % für eine bedrohliche und realistische Möglichkeit.

Musiklehrer: brotlose Kunst

Ich habe bei der Rheinischen Post einen Kommentar abgesetzt und darüber hier berichtet. Es gab vor einiger Zeit eine Reaktion darauf, die ich zunächst so stehen lassen wollte. Nach einigem Überlegen, denke ich aber doch, es ist richtig, darauf zu reagieren. Hier der Kommentar eines Kollegen und meine Antwort darauf:

  • Hallo,
    im letzten Jahr habe ich nach 25 Jahren Unterrichtstätigkeit im Fach Gitarre das arbeiten aufgehört. Nicht, weil es keinen Spaß oder keine Geld gebracht hatte, sondern aus Altersgründen und weil meine Frau und ich etwas Reisen möchten.

    Es war eine sehr spannende und lehrreiche gute Zeit. Ich täte es wieder so tun. Als reiner Autoditakt habe ich es sogar bis zur staatl. Anerkennung zum Musiklehrer geschafft.
    Zugegeben, es war nicht immer leicht, aber der Spaß ging nie weg. Und mit Menschen arbeiten hat mir unheimlich viel gebracht.
    Angefangen hatte ich mit an der VHS mit geben von Gitarrenkursen. Von Anfangs einem, hatte ich später dann 10 und mehr. Meine Abende waren die ganze Woche gefüllt.
    So lernte ich mit vielen Situationen umgehen. Auch bin ich zu Schülern anfangs hin gefahren und habe Hausbesuche gemacht. Das ist zwar stressig gewesen, hat mir aber einen guten Ruf eingebracht.
    Nach ein paar Jahren wurde es dann zum Selbstläufer und ich bin in einer privaten Musikschule untergekommen.
    Nebenbei hatte ich noch meine eigenen Kompositionen mit einem Trio Deutschlandweit aufgeführt.
    Es ist keine brotlose Kunst, aber man muss sich bewegen. Dran bleiben. Weiter entwickeln und bilden. Meiner Persönlichkeit hat das gut getan und ich habe sehr viele schöne Beziehungen dadurch bekommen.
    Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Ferien im Jahr. Was will man mehr?

    Habt Mut. Seit fleißig und glaubt an euch selbst.

    MfG

    Peter Jäger
    www.flowermusic.d

  • Sehr geehrter Herr Jäger, ich habe einige Zeit überlegt, ob ich diese Antwort nicht einfach stehen lassen sollte. Aber für alle, die die Widersprüchlichkeit in der Argumentation nicht sehen, will ich sie doch mal herausstellen:

    Sie sagen, dass Sie 25 in dem Beruf gearbeitet haben und jetzt im Ruhestand sind. Zunächst einmal gratuliere ich zu Ihrem Erfolg. Der Punkt ist aber, dass gerade in den letzten Jahren insbesondere die Einkommens-Situation für freiberufliche (damit meine ich nicht unqualifizierte) Musiklehrer eingebrochen ist. Nahezu niemand mehr ist in der Lage, von diesem Beruf auskömmlich zu leben. Es ist nicht einmal mehr möglich, den Inflationsausgleich bei den Schülern durchzusetzen.

    Sie stellen heraus, dass der Beruf Ihnen immer Spaß gemacht und viel gebracht hätte. Geht mir genauso. Das ist aber kein Argument dagegen, dass man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

    Schön, dass Sie eine eigene Komposition aufgeführt haben. Ich habe mehrere Orchesterwerke komponiert und arrangiert, aufgeführt und einige Kompositionen und Arrangements von mir wurden sogar von anderen Orchestern aufgeführt. Und jetzt? Verdienen kann man daran nichts.

    Geradezu lächerlich wird es, als sie sagen: „Man muss sich bewegen … Der Verdienst war nicht schlecht und ich hatte immer 13 Wochen Urlaub im Jahr.“ Da gibt es zwei Möglichkeiten:

    1. Sie lügen. Denn niemand, der nicht an der absoluten Spitze der Pyramide steht, hat einen Verdienst, der „nicht schlecht“ ist. Im Durchschnitt verdient man in unserem Beruf etwa 13.000 € im Jahr. Brutto! Die breite Basis verdient weit weniger und muss nach wenigen Jahren aufgeben. Wenn sie nicht finanziell und gesundheitlich daran zugrunde geht. Weil ich recht erfolgreich war, lag mein Einkommen gut doppelt so hoch. Aber wie gesagt: brutto! Als Selbständiger. Wer nicht versteht, dass das nicht geht, versteht nichts von Selbständigkeit oder begeht aktiv Steuer- und Versicherungsbetrug.

    2. Sie unterschlagen, dass man zusätzlich zum eigentlichen Beruf irgendwelche Einkommensquellen schaffen muss. Das heißt, in weiteren Jobs arbeiten.

    Zudem sind die „13 Wochen Urlaub“ keineswegs Urlaub, wenn man den Beruf ernsthaft ausübt. Das sollten Sie wissen! Wenn man nicht selbst ständig übt, brechen die instrumentalen Fähigkeiten ein. Man hat Unterrichte oder Konzerte zu planen oder durchzuführen oder schreibt an seinen Stücken. Urlaub ist etwas anderes. Wenn man den Beruf ernst nimmt.

    Mut, Fleiß und Glaube an sich selbst sind hohle Phrasen geworden, die in Mutmach-Videos und Coming-of-age-Filmchen herumgeworfen werden. Es ist aber keine Frage der Selbstmotivation und auch keine, dass es haufenweise talentierte junge Leute gibt. Die Frage ist, ob man von diesem Beruf noch leben kann. Die Antwort ist klar: Nein.

Das neue Werk

Irgendwie kann ich nicht aus meiner Haut: Für unsere Matinee im September, von der ich befürchte, dass sie wegen der Pandemie wird ausfallen müssen, hatte ich ursprünglich vor, die Titelmusik von “Zurück in die Zukunft” zu arrangieren. Nur das. Episch, sinfonisch, spannungsgeladen, treibend. Spielzeit deutlich unter 10 Minuten. Überschaubarer Aufwand in meiner Freizeit. Dann wollte ich doch lieber ein kurzes Medley machen. Dazu kamen noch Wünsche aus dem Orchester, und das Stück wurde größer, wir probten schon an den fertigen Teilen. Vorletzte Woche blieb ich etwas hängen und legte die Arbeit daran zu Seite.

Vorgestern nahm ich sie mir wieder vor. Und dann kam mein, ja, was ist das eigentlich? Ehrgeiz? Was ich da schreibe, interessiert nur mich und mein Orchester. Kollegen noch nie wirklich. Also welcher Ehrgeiz und nach was? Nein, Ehrgeiz ist das nicht. Das ist immer noch Idealismus. Der hat jedenfalls dazu geführt, dass das Medley über Musik aus der Trilogie mein größtes Werke wird. Alles bis auf der letzte Teil des Finales ist jetzt fertig. Ich habe eine klare Vorstellung, wie ich den letzten Teil des Finales gestalten werde. Wenn alles fertig ist, kommt die immer etwas mühselige Arbeit am Layout (Register, Vortragsanweisungen etc.).

Dann ist ein neues, großes Arrangement von mir fertig. Knapp doppelt so lang, wie ursprünglich geplant. Ich freue mich auf die Proben daran! Wenn das erst nächstes Jahr werden sollte: Auch gut. Hauptsache, wir kommen alle gut durch diese Lage.

Der Irrtum der Selbstverständlichkeit

In meinem letzten Artikel hab ich darauf geguckt, wie die *er-Wörter scheinbar das natürliche Geschlecht widerspiegeln. Die Frage ist nun, ist das Zufall oder steckt dahinter schon das Muster unserer Genera? Daniel Scholten sagt dazu:

In der Sprache ist nichts, wie es scheint. Wir können Sie nicht aus unserem Verstand durchblicken, sondern müssen sie erforschen. Das Forschungsergebnis fällt immer erstaunlich anders aus, als man erwartet hat.

Den erste Hinweis darauf, dass das so einfach nicht sein kann, zeigt schon die Tatsache, dass Eimer als *er-Wort, und damit vermutlich alt, eindeutig eine Sache ist, aber als Maskulinum eingestuft wird.

Damit niemand zum alten Artikel zurückgehen muss, fasse ich das Wesentliche hier kurz zusammen: Die indogermanische Sprache lässt sich rekonstruieren und ist zirka 10.000 Jahre alt. Wir können die ältesten Wörter als *er-Wörter identifizieren. Dabei ist in einer Tabelle aufgefallen, dass das natürliche Geschlecht dem grammatikalischen Geschlecht bei Kernwörtern entsprach. Das Problem dabei ist, dass sich die damals Sprechenden bei jedem Nomen darüber hätten einig werden müssen, ob das bezeichnete Ding nun Mann, Frau oder Sache ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es im Sprachzentrum einen Automatismus gibt, der uns Muttersprachler befähigt, diese Genera automatisch zuzuordnen.

Die Vermutung muss sein, dass Genera irgendwann aus sprachlicher Notwendigkeit heraus entstanden sind. Und wie das Beispiel Eimer zeigt, werden diese Genera eben nicht ein natürliches Geschlecht bezeichnen. Es muss eine sprachliche Notwendigkeit gegeben haben, die dazu geführt hat, drei Genera zu verwenden. Das kann kein bewusster Prozess gewesen, sondern muss zwangsläufig ein evolutiver sein. Denn Sprache als Ausdruck einer Gehirnfunktion, und damit einer Körperfunktion, folgt evolutiven Prozessen. Seit wir Schriftsprache haben, kann man das sehr leicht in historischer Zeit nachweisen. Diese Prozesse griffen auch, bevor der Mensch die Schrift kannte, und man kann anhand solcher Sprachbildungsprozesse und Sprachwandlungsprozesse auf die urindogermanische Sprache zurückleiten.

Nicht alle aus dem Indogermanischen entstandene Sprachen haben diese Genera beibehalten, sondern sie sind offenbar in einigen geschwunden. Wir müssten nun gucken, ob dieses Schwinden wie auch das Entstehen ebenfalls sprachlicher Notwendigkeit folgte. Am besten fangen wir vorne an und tauchen noch einmal in die Urgründe der Sprachentstehung. Da kommen wir einerseits nicht weit, denn wie gesagt können wir nur maximal bis 10.000 Jahre zuverlässig zurückgehen. Andererseits ist das enorm! Immerhin liegt das vor der Entwicklung der Schriftsprache. Was vor dieser urindogermanischen Sprache war: Keiner weiß es. Es wird auch nie eine Möglichkeit geben, dies mit einiger Verlässlichkeit zu ermitteln. Wir wissen einfach auch nicht einmal, wie lange es schon Sprache gibt. Was wir mit einiger Sicherheit annehmen können, ist, dass wir als Homo sapiens bereits voll funktional sprachen. Die Gattung Homo reicht etwa 250.000 Jahre zurück, und es ist anzunehmen, dass hier bereits sprachliche Kommunikation stattgefunden hat, die voll entwickelt alle Merkmale der Sprache erfüllt. Denn entsprechende Experimente mit unseren nächsten Verwandten, die gemeinsamen Primaten-Vorfahren des Homo entspringen, zeigen deutlich, dass Begriffverstehen im Gehirn so angelegt ist, dass Begriffe zugeordnet und sogar Satzaussagen gebildet werden können. Es scheint also nur davon abzuhängen, dass der Sprechapparat anatomisch so ausgebildet ist, diese Fähigkeiten auch in aktive Sprache umzusetzen.

Meine Vermutung ist daher, dass die Komplexität des Gehirns sozusagen als Beiwerk und als Folge der Notwendigkeit zur Kommunikation Sprachvermögen bereitgestellt und quasi nur darauf gewartet hat, dass die Anatomie dieser Hirnanlage folgt. Wer nun meint, das sei völlig abwegig, den möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Erstens haben die Menschenaffen und wir gemeinsame Vorfahren. Wenn Menschenaffen, wie nachgewiesen, wie wir über, wenn auch rudimentäres, Sprachvermögen im Gehirn verfügen, bedeutet das, dass dieses Vermögen von den gemeinsamen Vorfahren geerbt ist. Zweitens ist eindeutig nachgewiesen, dass etwa Papageien und Delfine ebenfalls über Sprachvermögen verfügen. Auch Hunde verstehen sprachgegebene Kommandos. Das bedeutet, dass Sprache offenbar zwangsläufig eine fundamentale Folge von Hirnkomplexität ist. Der Anfang der menschlichen Sprache liegt also meines Erachtens deutlich vor der Menschwerdung selbst und somit in den Tiefen der Zeit verborgen.

Unser Verständnis von der Sprache geht von grundlegenden Voraussetzungen aus, die allerdings alles andere als selbstverständlich sind. Für uns scheint es beispielsweise selbstverständlich zu sein, dass man Farben benennt und Zahlworte hat. Das Volk der Piraha in Brasilien nutzt aber nur relative Mengenangaben und hat keine Zahlworte für konkrete Mengen. Genau so wenig benutzen diese Leute Begriffe für Farben. Das ist natürlich keine Frage vielleicht von „Primitivität“ oder mangelnder Intelligenz, sondern einfach eine Frage, wie ihre Sprache funktioniert. Für uns beispielsweise ist es selbstverständlich anzunehmen, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns. Etwa 3,5 Millionen Menschen in Bolivien sehen das aber nicht so: Die Aymara fassen die Zukunft als hinter sich liegend und die Vergangenheit als vor sich liegend auf. Vielleicht ist diese Auffassung dadurch zu erklären, dass man seine Zukunft genauso wenig sehen kann, wie das, was hinter einem liegt, und umgekehrt die Vergangenheit im Gegensatz dazu für einen sichtbar ist, wie etwas, das vor einem liegt.

Diese Beispiele zeigen, dass einfach Annahmen über das Funktionieren von Sprache zunächst einmal grundsätzlich fragwürdig sind und nur dann sinnvoll, wenn sie durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Zudem sehen wir, dass Sprache ganz offensichtlich an Notwendigkeiten orientiert funktioniert und nicht zwangsläufig daran, was der Mensch erkenntnistheoretisch für gegeben hält. Um es einfach auszudrücken: Erkenntnistheoretisch mag man sagen, die Zukunft liegt vor uns, aber die Sprache kann das durchaus anders ausdrücken. Ob dahinter nun eine erkenntnistheoretische Idee steckt, das ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass die Sprachbildung ein selbstverständlich funktionierender Automatismus ist, der aufgrund evolutiver Prozesse existiert.

Die Annahme also, dass Genera das natürliche Geschlecht repräsentieren würden, ist zwar verführerisch naheliegend, weil man scheinbar Geschlechtsbezeichnung für Lebewesen und eine eigene Bezeichnung für Sachen benutzt, aber nicht zwangsläufig auch richtig. Im nächsten Artikel sehen wir also nach, was sich nachweisbar in der Entwicklung der urindogermanische Sprache beziehungsweise in der Folge in der Sprache getan hat und überprüfen, welchen Sinn Genera möglicherweise wirklich haben. Dafür halten wir fest, dass wir *er-Wörter als die ältesten Wörter (Brud*er, Mutt*er, Vat*er, Tocht*er, Wass*er, Feu*er) unserer Sprache identifiziert haben und sehen uns an, wo die anderen Worte, die nicht auf *er enden, herkommen und welchen sprachlichen Sinn, denn um nichts anderes geht es, sie haben.

Der, die, das

Wir Menschen, Sie und Du und ich und alle anderen, wir sind mustererkennende, mustersuchende und musterbildende Wesen. Muster verschaffen uns Erkenntnis und Befriedigung. Oder auch nicht, wenn wir Muster als langweilig oder abgegriffen empfinden.

Diese Muster müssen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, und wir interpretieren gerne Muster in Erscheinungen hinein. Flüchtige Erscheinungen wie Wolken sehen für uns wie ein Auto oder Krokodil aus, der Mond hat ein Gesicht und auch eine alte Mars-Fotografie eines Berges scheint ein Menschengesicht zu zeigen. Solche objektiv falschen Interpretationen können für uns so überzeugend sein, dass wir Argumente, die in andere Richtungen weisen, ignorieren oder sogar kategorisch ablehnen.

Wir erkennen Muster im Gegenständlichen und im Abstrakten. Wegen der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns haben wir folgerichtig bildende und darstellende Kunst entwickelt, die uns Menschen eigen ist. Diese Mustererkennungs-Kompetenz ist aus der Notwendigkeit entstanden, beispielsweise verborgene Angreifer an nur einem kleinen erkennbaren Merkmal auszumachen, oder sich merken zu können, dass er sich nur verborgen hat, aber noch da ist. Jetzt hören wir Sinfonien, wissen, wie sie aufgebaut sind, erkennen Motive, Melodien, Themen, können sie ordnen und mit Sinn erfüllen und vor allem wiedererkennen. Wir können den Aufbau eines Gemäldes würdigen, Formen der Architektur bewundern.

Mathematik ist ein Werkzeug der Mustererkennung und wir können sogar die Muster auf der höheren Abstraktionsebene erschließen, die der Mathematik zugrunde liegen. Analyse, Mathematik, Wissenschaft an sich ist die intellektuelle Mustersuche, bei der die persönliche Voreingenommenheit ausgeschlossen wird, bzw. sachliche Objektivität die persönliche Intuition in ihrer Bedeutung zu überstrahlen hat. Niemandem dürfte anschaulich klar sein, dass Raum, Zeit und Gravitation miteinander verknüpft sind. Einsteins Formel E = mc^2 zeigt aber genau das, wurde in ihrer Richtigkeit nicht nur eindeutig bestätigt, sondern die daraus abgeleiteten Folgen haben Bedeutung für unser alltägliches Leben (zum Beispiel wird die „Zeitverzerrung“ beim Global Positioning System berücksichtigt).

Mustererkennung läuft oft überwältigend automatisch ab und ist deshalb so überzeugend. Bereits ein Säugling erkennt in entsprechend angeordneten Punkten und Linien ein Gesicht und reagiert emotional darauf, je nachdem ob das vermeintliche Gesicht freundlich oder bedrohlich aussieht. Solch ein Automatismus greift auch bei der Sprache. Die Komplexität unseres Gehirns bildet ein System, das man Sprachzentrum nennen kann. Hier entsteht Sprache und hier sind ihre Muster etabliert. Das Problem hierbei ist in meinen Augen zweigeteilt: Einerseits erfolgt die Musterbildung und -erkennung unbewusst und automatisch, andererseits analysieren wir unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch, erkennen Muster bewusst und versuchen aufgrund dieser bewussten Erkenntnis unsere Sprache korrekter, schlüssiger, logischer und überzeugender zu machen. Dieses bewusste Bild, das wir von unserer Sprache haben, kann aber durchaus falsch sein. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen: Ich fürchte, das ist es häufig – sehr häufig  – vielleicht sogar meistens – auch.

Es gibt viele Schwierigkeiten, die Sprachlerner haben, wenn sie auf die deutsche Sprache treffen und sie anwenden sollen. Nicht, weil sie irgendwie dumm oder so etwas wären, oder vielleicht nicht sprachbegabt. Die Schwierigkeiten macht das ihnen eigene Sprachzentrum, das teilweise nach anderen Mustern arbeitet, die ihnen genauso unbewusst sind, wie die unseren uns. Das Türkische beispielsweise kennt keinen Genus. Trotzdem gibt es türkische Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und alle möglichen Weibchen und Männchen der Tierwelt und sonstige, unbelebte Sachen. Aber „Der, die, das. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ ergibt im Türkischen keinen Sinn wegen der, die, das. Was die Kinder, wenn sie die Sesamstraße kennen, stattdessen angeboten bekommen, weiß ich nicht. Wie soll man nun von irgendjemandem, der beispielsweise diese Geschlechtsbildung in der Sprache nicht kennt, verlangen, dass er versteht, was da im Deutschen vor sich geht? Der Punkt ist: Die meisten Muttersprachler verstehen es ja selbst nicht. Müssen wir auch nicht! Wir müssen nur sprechen, denn das Sprachzentrum regelt das so selbstverständlich wie unser Verdauungssystem den lecker gekochten Naturreis.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Genussystems in der deutschen Sprache und versuchen wir, die Verwirrung zu entwirren!

Das ist ja zunächst einfach, sollte man denken, und so erklärt man es auch wackeren, verzweifelnden Sprachlernern: Wir haben drei Geschlechter in der Sprache, die wir männlich (Maskulinum), weiblich (Femininum) und sächlich (Neutrum) nennen. Was männlich ist, besitzt den männlichen Genus, das, was weiblich ist, den weiblichen Genus, und alles Sächliche ist neutral. Das ist seit Urzeiten so und repräsentiert ganz natürlich die Sprachentwicklung, nicht wahr?

Nehmen wir an, die Menschen lebten früher, in grauer Vorzeit in Verbänden aus wenigen Leuten. Was werden diese Leute miteinander zu tun gehabt haben, die für das Leben wichtig waren? Es werden sein: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Was wird für ihr Überleben wichtig gewesen sein? Feuer und Wasser. Und wir sehen eine schöne Ordnung:

der Vater

die Mutter

der Bruder

die Schwester

das Feuer

das Wasser

Uns fällt noch etwas auf: Alle diese Worte bestehen aus Lexem, das den „Gegenstand“ benennt (Vat-, Mut-, Brud-, Schwest-, Feu-, Was-), und dem einheitlichen Suffix *er. Wir haben Muster! Und zwar simple, einsilbige Lexeme, eine einheitliche Endung als Anhang an das Lexem und die Übereinstimmung von tatsächlichem und sprachlichen Geschlecht. Für mich bedeutete das lange, lange Zeit, dass diese *er-Wörter die ältesten der deutschen Sprache sein müssten (da können wir einen Haken hinter machen, denn das stimmt) und dass wir hier die Zeit widergespiegelt sehen, in der das natürliche Geschlecht in der Sprache als Ursprung nachgewiesen ist. Aber das ist, ich möchte es deutlich sagen, absoluter Blödsinn.

Wie viele meiner vielen Irrtümer wird mir dieser immer peinlich bleiben. Der Blödsinn entlarvt sich nach nur ein bisschen Nachdenken als solcher: Nehmen wir mal ein *er-Wort. Wie wäre es mit Eimer. Wenn meine Vorstellung stimmen würde, wäre irgendwann das uralte Wort Eimer entstanden und es wäre männlich gewesen. Wieso ist der Eimer ein Mann? Gut, werden einige Frauen einwenden – und ich werde nicht widersprechen – manche Männer sind echte Eimer. Aber was macht umgekehrt den Eimer zum Mann, warum ist er männlich? Wer hatte diese Idee und warum und wie hat sie sich durchgesetzt?

Jetzt dürfte jedem klar sein, warum mir meine, lange so zufrieden und mit mir in dieser Frage im Reinen in meinem Kopf herumgetragene, Idee falsch sein muss. Denn es ist absolut abwegig anzunehmen, dass das Objekt „Eimer“ als solcher benannt wird und für alle festgelegt, dass der männlich und das somit ein Maskulinum ist. Es ist genauso absolut abwegig anzunehmen, dass sich jeder, der das hört und lernt, dies auch richtig merkt und weitergibt. Es muss vielmehr ganz zwangsläufig ein Sprachmuster geben, das den Muttersprachler geradezu zwingt, den Eimer als Maskulinum anzusprechen. Anders kann es doch gar nicht sein, als dass da ein Muster zugrunde liegen muss, welches absolut nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hat. Machen wir einen kleinen Schlenker, bevor wir zu dieser Frage wieder zurückkommen.

In meiner Kindheit, und ich habe den Klang genau im Ohr, sangen also die Kinder der Sesamstraße: „Wer, wie, was. Der, die, das.“ Darauf werfen wir doch mal einen Blick:

wer: Fragepronomen, Maskulinum, singular

wie: Fragewort nach der Art und Weise

was: Fragepronomen, Neutrum, singular

Die deutsche Sprache kennt das Fragewort weiblicher Form nicht. Wenn „Wer?“ gefragt wird, kann die Antwort sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Verursacher für irgendetwas nennen. Wie naheliegend sollte es sein, dass sich vorgeschichtliche Sprecher darüber Gedanken gemacht hätten, ihre Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sorgfältig und erfolgreich darauf zu achten, dass das von allen so gemacht und verstanden wird, aber bei den Fragewörtern die Frauen unberücksichtig zu lassen? Wir kennen es nur so, und deshalb kommt es uns komisch vor, dass es eine weibliche Form geben müsste. Aber es müsste sie geben, wenn es tatsächlich um Weiblichkeit gegangen wäre. Ging es aber nicht. Sprache entwickelt sich evolutiv anhand der Gegebenheiten. So wie sich alle unsere Körperfunktionen an Umstände angepasst haben, hat sich die Sprache als Körperfunktion des Gehirns angepasst. Genauso automatisch arbeitet sie auch.

Dieses automatische, rein sprachliche, vom jeweiligen Objekt vollkommen unabhängige Arbeiten des Sprachzentrums hat Daniel Scholten in seinem Buch „Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?“ mit einer wunderbaren, wie er sie nennt, Schauergeschichte humorvoll veranschaulicht, die ich hier zitieren wollte. Weil ich noch keine Antwort erhalten habe, umreiße ich die Geschichte mit eigenen Worten; natürlich geht dabei der subtile Humor und Wortwitz leider verloren:

Scholten stellt die Sprache als Halbgöttin Germania dar, die auf der Loreley thronend von Mark Twain besucht wird. Twain fragt sie, wie es sein kann, dass die Genera so durcheinander sind. Germania versteht die Frage nicht, Twain versucht vergeblich, sie zu erklären, und Germania entschwebt. Twain bleibt zurück mit der vagen Vermutung, dass sie aneinander vorbei geredet hätten. Daniel Scholtens Buch ist leider nur noch lexikalisch zu erwerben. Sein ausgesprochen lehrreicher und humorvoller Blog „BellesLetres – Deutsch für Dichter und Denker“ ist aktiv und wärmstens zu empfehlen.

Unser Sprachzentrum „weiß“ also schlichtweg nicht, was eine Frau ist und was ein Mann und was ein Eimer! Unser Bewusstsein weiß das. Unser Sprachzentrum nicht. Wir wissen, was Naturreis ist und dass der lecker und nahrhaft und gesund und so weiter ist. Unserem Verdauungssystem ist das egal. Das nimmt, was kommt, und macht das Beste daraus. Eiweiß als Baustoff, Kohlenhydrate als Brennstoff etc. Wir sitzen herum, genießen den Reis, plaudern mit der Familie und verdauen, ohne uns darum kümmern zu müssen. Was wir essen, entscheiden wir, wie wir verdauen, entscheidet niemand. Das passiert. Ziemlich genau das passiert in unserem Sprachzentrum: Es gibt einen Wort-Input, der wird unbewusst verarbeitet, und es gibt ein Ergebnis. Wir können versuchen, die Muster zu erkennen, nach dem das Sprachzentrum arbeitet, aber egal wie ausgefeilt wir da analysieren, arbeitet das Sprachzentrum doch automatisch. Automatisch und unabhängig davon, was eine Sache in unserem Bewusstsein wirklich ist!

Wenn diese Genera aber nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben, wo kommen sie denn dann her? Das ist eine interessante Geschichte, die es zu erzählen gibt. Im nächsten Artikel.

Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-mir-nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk, vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”

Stärke in der Krise

Wer hier liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich von den musikalischen Dachverbänden enttäuscht bin und von den Akkordeon-Dachverbänden sogar mehr als das.

Aber Lob muss sein, wenn es geboten ist: In der derzeitigen Krise zeigen der Deutsche Harmonika-Verband (DHV) und der Landesmusikrat Niedersachsen (LMR) schnelles und sachgerechtes Handeln. Ich nehme beiden nicht übel, dass sie mich unter diesen Umständen weiter anschreiben, obwohl ich mehrfach erklärte, nicht mehr als Musiklehrer/Musiker/Arrangeur oder ähnliches aktiv zu sein. Das ist eine Lächerlichkeit angesichts der Lage.

Der LMR hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um Orientierung über ihre Situation zu bekommen. Die ist desaströs: Der weit größte Teil, nahe 90 %, arbeitet als Solo-Musiker und ist auf individuelles und direkt erzieltes Einkommen angewiesen. Ich war einer von diesen Kollegen. Jetzt stehen sie vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz.

Über die Hilfen, die es gibt, informierten beide Verbände zügig, umfassend, klar und hilfsbereit. Wäre ich noch in meinem Beruf, hätte ich tiefe Existenzangst und wäre für diese Leistung unglaublich dankbar.

Was hier geleistet wird, ist ein Verdienst der administrativen Teile beider Verbände. Meine nicht so gute Meinung über die  Fachkollegen und ihrem Verhalten bleibt aber bestehen.

Dafür wiederhole ich ein Beispiel: In einer DHV-Mail wurde ich zu mehr Mitarbeit aufgefordert, nachdem ich mich aber bereits aus dem Beruf zurückgezogen hatte. Darin fand sich die Aussage, man möge doch mal Vorschläge machen, was der Verband leisten solle und mokierte sich etwas über Ehrungen als etwas Beiläufiges, Unbedeutendes. Ich finde das aber nicht unbedeutend. Ich, und da bin ich sicher nicht alleine, bin stolz auf meine Arbeit und die vielen Jahre, die ich sie verrichtete bzw. als Leiter meines Orchesters noch verrichte.

Der DHV ehrt Dirigenten wie folgt:

10 Jahre Dirigentennadel silber

20 Jahre Dirigentennadel gold

30 Jahre Dirigentennadel gold mit Auszeichnung

und so weiter.

Ich startete als Dirigent 1993. 2003 erhielt ich keine Nadel dafür. Gut, dachte ich, man geht vom vollen Jahr, also 1994 und damit Ehrung 2004, aus. Aber nichts passierte. Aber 2009 endlich erhielt ich die Nadel in silber! Warum dann? Weil der Akkordeon-Club Langenhagen einen Anlass für einen Artikel in der Zeitung haben wollte. Dafür werden dann mal eben sechs Jahre Arbeit unterschlagen und wird die Ehrungsuhr zurückgesetzt, und von mir wurde selbstverständlich erwartet, trotz dieser Unterschlagung, was ich auch tat, dankbar und glücklich in die Kamera zu lächeln. Erhielt ich also 2013 die fällige Nadel in gold für 20 Jahre? Nein. Ach ja: Immer volles Jahr, also 2014, richtig? Falsch. Denn ich war mittlerweile und schon vor 2013 im Langenhagener Club in Ungnade gefallen und man wollte mir zeigen, wer das Sagen hat und was man von mir eigentlich hält. Da passt dann eine Ehrung nicht. Wäre ja noch schöner. Mir wurde von anderer Seite zusätzlich stattdessen, fälschlicherweise aber nachdrücklich, erklärt, die Ehrung gäbe es erst für 25 Jahre. Also erhielt ich 2018 die Nadel in gold? Wieder nicht. “Natürlich!”, dachte ich: “Die rechnen jetzt 10 Jahre von der ersten Ehrung aus!” Rechnet man von der ersten Ehrung aus, hätte ich also die Ehrung für 20 Jahre dann 2019 erhalten müssen, was auch mit den vermeintlichen 25 Jahren zusammengefallen wäre. Und? Ja: Hätte. Passierte  ebenfalls nicht. Aber dafür erhielt ich eine Mail, die mir sagt, Ehrungen seien ja eigentlich lächerlich aber würden als Pflichtübung absolviert. Nicht einmal dieses bisschen Anerkennung und tatsächlich auch Werbung, die ich wirklich für meinen Betrieb dringend hätte gebrauchen können, habe ich von dem Verband erhalten.

Meine Urkunde für 10 Jahre hängt noch in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht räume ich zu wenig auf. Dank des DHV für herausragende Arbeit für die Akkordeon-Orchester-Szene wird da beurkundet. Jeder, auch jeder Hampelmann, und die gibt es, der irgendwie 10 Jahre vor einem Akkordeon-Orchester steht und dessen Ehrung von jemandem betrieben wird, leistet also Herausragendes. Also ja: Eigentlich sind diese Ehrungen lächerlich. Und sie sind nicht ernst gemeint, denn dem Verband bin ich egal und bestenfalls ein klein wenig lästig.

Der Deutsche Akkordeon-Lehrer-Verband (DALV), dem ich über 10 Jahre angehörte, hat mich übrigens auch nie dafür geehrt, obwohl das vorgesehen ist. DALV und DHV arbeiten zusammen. Es gibt Personalunionen, man kennt sich. Und man weiß, wen man nicht ehren möchte.

Und gerade deshalb ist es wichtig anzuerkennen, wenn etwas großartig gemacht wird: Der DHV und der LMR leisten gerade ausgezeichnete Arbeit.