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Die Kuh auf dem Eis

Die müsste erst einmal da runter. Kann ich aber nicht machen. Ich kann nur auf sie zeigen und sagen: “Da ist eine Kuh auf dem Eis! Die gehört da nicht hin!” Und ich kann auch sagen, dass die, die die Kuh da rauf gestellt haben, Idioten sind. Sie werden das aber weiterhin für eine super Idee halten.

Aber so ist das mit Ideen: An sich sind Ideen eine tolle Sache. Aber es gibt auch schlechte und sogar falsche Ideen. Wenn man an diesen Ideen festhält, werden sie zur fixen Idee und Ideologie. Wenn man dann alles durch diese ideologischen Brille betrachtet, wird der Ideologe zum Idioten und stellt voller Überzeugung Kühe auf Eisflächen.

So ist das mit der “gendergerechten Sprache”. Ich werde sie hier nicht verwenden, weil sie eine Idiotie ist. Ich bin natürlich kein Sprachwissenschaftler. Aber ich kann ganz gut begründen, warum diese Ideologie, die sich mit dem Begriff “Gender Studies” als Wissenschaft zu tarnen versucht, eine Idiotie ist.

Der Begriff “gendergerecht” sagt aus, dass es vorher “genderungerecht” gewesen wäre. Die Ideologie dahinter ist, dass die Menschenmännchen die Sprache als ein Vehikel benutzen, die Menschenweibchen zu unterdrücken und gleichzeitig die Sprache diese Unterdrückung der Menschenweibchen durch die Menschenmännchen widerspiegelt.

Geschlechterkampf in der älteren Vorgeschichte?

Warum schreibe ich “Menschenmännchen” und “-weibchen”? Der Grund ist, dass unsere Art, also wir als richtige Menschen, so, wie wir jetzt sind, etwa 200.000 Jahre alt ist. Damit sind wirklich wir gemeint! Da lief niemand “Uga, uga!” schreiend über die Steppe, schlug ein Steinzeitmädchen mit der Keule bewusstlos und zog es zwecks Begattung an den Haaren in seine Höhle. Göbekli Tepe weist auf eine erste Nutzung von vor über 10.000 Jahren hin, ausgefeilt gebaute Knochenflöten haben ein Alter von etwa 42.000 Jahren. Weil Musik Sprache spiegelt und die Flöten handwerkliche Kunstwerke sind, ist neben den gleichzeitigen, ausgesprochen kunstvollen Höhlenmalereien und kunsthandwerklichen Funden klar belegt, dass es “primitive” Höhlenmenschen nicht gab. Ich finde “Nachts im Museum” herrlich und Ben Stiller als Höhlenmensch bringt mich immer zum Lachen. Aber: Es gab sie so nicht.

Göbekli Tepe, das viel jüngere Stonehenge und andere archäologische Befunde zeigen eindeutig, dass die Menschen damals Kultur betrieben. Die Frage, warum Hochkulturen, Schrift und letztlich sogar Wissenschaft erst in den letzten wenigen Jahrtausenden bzw. Jahrhunderten entstanden, ist ganz leicht zu erklären: Die höhere Bevölkerungsdichte erlaubte schnelleres, effektiveres Kommunizieren und den Austausch und die Akkumulation von Ideen. Davor waren die Menschen nicht “primitiver” oder dümmer. Sie waren ziemlich genau wie wir. Sie waren aber eben weit verstreut und trafen sich nur selten. Beispielsweise in Göbekli Tepe. Da wurde dann gefeiert und man tauschte sich intellektuell und sexuell aus.

Es deutet einiges darauf hin, dass von den anderen Menschenarten der Neandertaler ebenfalls über Sprache verfügte, vom Denisova-Menschen existieren zu wenig aussagekräftige Funde, um die Beschaffenheit des Mund- und Rachenraums zu beschreiben, über den Floresmenschen weiß ich diesbezüglich zu wenig. Ich persönlich würde aber aufgrund der Schädelbeschaffenheit und des Schädelvolumens davon ausgehen, dass die Sprache schon vor unseren Menschenarten entstanden ist; weil Weichteilgewebe nicht fossilisiert vorliegt, kann man das nicht sicher sagen. Es gab aber Genaustausch mit den Neandertalern (ich meine, auch mit dem Denisova-Menschen, aber kann die Quelle nicht finden). Auf die Idee, sich mit sprachlosen Wesen zu paaren, wird wohl niemand gekommen sein. Man wird sich auch verbal verständigt haben. Wenn aber Sprachvermögen des Neandertalers ziemlich sicher ist, halte ich die Vermutung für gerechtfertigt, dass es eine Sprache vor dem Homo sapiens gab.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art
  2. Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns irgendwann im Laufe der Zeit

Zur Hypothese 1: Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art

Wenn es die Genderungerechtigkeit in diesen verlorenen Sprachen seit mehr als 200.000 Jahren gab, muss sie einen tatsächlichen Machtkampf zwischen den Geschlechtern widerspiegeln. Denn das ist ja die Idee der gendergerechten Sprache: Es gebe eine aktive, bewusste und unbewusste Unterdrückung der Frau durch den Mann, die durch Gendergerechtigkeit abgeschafft werden soll. Also müsste es bei den Homo-Arten vor uns diese Unterdrückung gegeben haben.

Man kann sie nicht mehr fragen, Funde lassen keine Schlüsse zu. Was kann man tun, um diese Frage zu klären? Sich umsehen, ob es Hinweise auf solch einen Machtkampf zwischen den Geschlechtern woanders gibt. Unsere nahsten Verwandten sind Menschenaffen wie Schimpansen, die fröhlich vor sich hin kopulierenden Bonobos und Gorillas. Was sehen wir da? Wir sehen verschiedene Sozialstrukturen. Beispielsweise einen Pascha mit Harem. Was wir nicht sehen, ist, dass Männchen gegen Weibchen um die Führung kämpfen. Wir sehen, dass Männchen untereinander um die Führung kämpfen.

Warum ist das so? Wir Männchen produzieren billig, wenig aufwendig, sehr viele Reproduktions-Zellen, die wir, wenn man uns lässt, fröhlich herum verteilen. Die Weibchen produzieren wenige, große, aufwendige, Kraft kostende Reproduktions-Zellen unter großen Opfern wie häufigem Blutverlust, tragen dann den Nachwuchs aus und betreiben Brutpflege. Weil wir große Hirne haben, ist die Geburt risikoreich und dauert die Aufzucht lange. In dieser Zeit sind Weibchen und Nachwuchs in Gefahr. Männchen scharen sich um sie, um sie zu beschützen. Die Unterdrückung der Frau gibt es durchaus. Sie ist eine gesellschaftliche Pervertierung dieses Schutzverhaltens.

In der Natur finden wir überall alle möglichen sexuellen Rangordnungen und Verhaltensweisen. Wir finden aber nicht: einen intersexuellen Konkurrenz-Kampf um die Führung der Gruppe. Als Männchen Pascha zu sein ist nahe liegend. Das Männchen produziert viele einfache Reproduktions-Zellen, die Weibchen individuell wenige, denn aufwendige. Also muss eine erfolgreiche Population aus vielen Weibchen bestehen, braucht aber nur ein Männchen. Wenn es denn da bleiben darf, guckt es ständig in den Dschungel, ob sich Böswatze nähern, während der Harem Brutpflege betreibt. Wenn das Männchen seine Leistung nicht mehr bringt, die es jährlich in Kämpfen gegen andere Männchen beweisen muss, verliert es seinen Posten. Männchen sind  austauschbar.

Produziert das Weibchen viele Reproduktions-Zellen, ergibt sich in der Natur plötzlich ein anderes Bild: Eine Königin legt Eier, die auch hier austauschbaren Männchen kommen in großer Zahl zur Befruchtung.

Wie auch immer die frühzeitliche Sprachentwicklung in der Entfernung von Jahrhunderttausenden oder Jahrmillionen ausgesehen haben mag: Wir haben keinerlei Anlass zu vermuten, dass in den Ursprüngen der Sprachentstehung unsere Homo-Vorfahren eine Ausnahme waren und einen intersexuellen Machtkampf ausübten, den es sonst nicht gibt, der sich in der Sprache niedergeschlagen haben könnte.

Zur Hypothese 2: Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns im Laufe der Zeit:

Das müssen wir getrennt betrachten:

Geschlechterkampf in der jüngeren Vorgeschichte?

Angesichts der unfassbar langen Zeit, in der wir existieren, können wir nur lächerlich wenig weit in der Sprachentwicklung zurück sehen, aber diese verhältnismäßig kurze Spanne ist absolut beeindruckend! Vor etwa 5.000 Jahren lebte am Schwarzen Meer eine Bevölkerungsgruppe, die eine Sprache benutzte, die heute schlüssig als urindogermanische Stammsprache rekonstruiert werden kann. Weiter zurück kann man nicht blicken. Wir werden nie erfahren, wie sich die Erbauer von Göbekli Tepe, ganz zu schweigen von den nomadisierenden Jägern der Mammute in der europäischen Tundra, verständigten und wie die Sprache der Neandertaler klang.

Für unser Problem der Gendergerechtigkeit ist das aber nicht erforderlich! Denn diese Sprachen müssen vor der urindogermanischen gelegen haben und sie wird daraus hervorgegangen sein müssen. Die Frage lautet also: Finden wir in der urindogermanischen Sprache eine Genderungerechtigkeit?

Im Urindogermanischen gab es keinen bestimmten Artikel (der, die, das). Wie es beispielsweise das Latein beibehielt, erfüllten beugende Anhänge am Wort die erforderlichen Funktionen. Hier gab es zunächst genau zwei Formen von Nomina: Dinge, die Subjekt eines Satzes sein konnten, und Dinge, die das nicht sein konnten. Dinge, die nicht Subjekt eines Satzes sein konnten, waren Dinge, die selbst nichts tun konnten, sondern mit denen etwas getan wird oder eine Entwicklung oder Verlauf abbildeten. Subjekte eines Satzes fielen in das Standard-Genus. Dieses Standard-Genus wird heute “maskulin” genannt.

Es wird also unterstellt, dass diese Leute dachten, hey, alles ist männlich! Wir sind viel toller als Frauen und ihnen überlegen! So funktioniert Sprache aber nicht. Auch diese Menschen haben wie wir ein Sprachzentrum ererbt, das funktioniert, ohne dass wir echten Einblick hätten, wie. Wir können rekonstruieren, Annahmen untersuchen.

Das Sprachzentrum selbst hat keine Vorstellung von Mann und Frau. Das ist ihm komplett egal. Das Sprachzentrum regelt Sprache, nicht Gesellschaft oder Sex. Das Sprachzentrum arbeitet im Unbewussten. Wir haben deshalb ein Sprach-Gefühl. Niemand denkt beim Sprechen oder Schreiben aktiv ständig über Deklination, Konjugation etc. nach. Das ist ein deskriptives Verfahren, das seinen Sinn haben kann, wenn man jemanden in Fremdsprachen unterrichtet. Sprache selbst findet aber auf einer ähnlichen Ebene wie das Atmen, das man ja auch willentlich in gewissem Rahmen steuern und bewusst ausführen kann, automatisiert statt.

Das, was wir heute “Maskulinum” nennen, ist dieses alte Subjekt. Es ist das, was etwas tut. Deshalb ist das weibliche Geschlechtsorgan im Kamasutra, yónis, der (!) yónis. Grammatikalisch ist das Geschlechtsorgan der Frau im Sanskrit “männlich”. Als indogermanische Sprache hat diese unsere Genera. Wieso kommen die da so durcheinander? Kommen sie nicht: Yónis ist der “Halter” beim Akt und während der Schwangerschaft. Warum ist in unserer Sprache die Scheide weiblich? Haben wir besser aufgepasst, dass Frauen Scheiden haben? Nein. Das ist sie immer: Die Wasserscheide ist auch weiblich, denn da wird Wasser voneinander geschieden. Feminina sind wie Neutra Worte, die einen Verlauf oder das Ergebnis eines Ereignisses darstellen, oder aufgrund ihrer Endung vom Sprachgefühl her in diese Kategorie fallen. Das Mädchen ist keine Sache, die Nase ist so wenig weiblich wie die Gabel. Feminina sind nur dann “weiblich”, wenn sie sich ausdrücklich auf Weiblichkeit beziehen.

“Ich fühle mich nicht gut. Ich glaube ich habe mir einen Virus eingefangen.” – “Welcher Virus ist das, was meinst Du?” – “Welches (!) Virus!” Dem Kranken wünsche ich, dass er lange Zeit im Bett verbringen muss. Ekelhafte Besserwisserei. Virus ist ein Wort aus dem Lateinischen. Der Lateiner oder der gebildet scheinen Wollende weiß, dass Virus im Lateinischen ein Neutrum ist. Das ist es, weil es den Verlauf von Vergiftung und Schleimen beschreibt. Für uns fällt es im Sprachgefühl in den Standardgenus, den wir leider “männlich” nennen. “Der Virus” sagt man aus vernünftigem Sprachgefühl. “Das Virus” sagt man, weil man Bildung zeigen will.

Was meint Ihr? “Der Tempel” oder “das Tempel”? Das ist genau wie mit “Virus”: templum steht in Latein für “Abstecken, Abzirkeln, Abgrenzen” und ist ein Neutrum. Diese Vorstellung haben wir aber nicht. Wir sind keine Lateiner und unser Sprachzentrum erkennt die Tätigkeit dahinter nicht wie in “das Laufen”. Und, plumps, fällt “Tempel” in den Standardgenus. Zu recht. Wer jetzt käme und erzählen wollte, es müsse “das Tempel” heißen, ist jemand, der beim Schulsport immer als letzter gewählt und zu keiner Party eingeladen wurde. Zu recht.

Wie kommt die Vorstellung der “Männlichkeit” in die Sprache?

Ich habe leider vergessen, wie der griechische Philosoph hieß (ich schreibe das hier alles als Gelegenheitsbeschäftigung in meiner Freizeit zu meinem eigenen Vergnügen als Erholung und habe keine Quellen zur Hand; ich habe nur einmal kurz auf Wikipedia geguckt und hatte den sofortigen Impuls, den Autoren für seinen Quatsch würgen zu wollen). Aber jedenfalls war es eine Idee der klassischen Antike, die Genera in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen.

Alles deutet darauf hin, dass die Vorstellungen zur Zeit, als urindogermanisch gesprochen worden ist, anders waren: Man (kommt aus dem gleichen Wortstamm wie homo und Mensch, der sich auf die Erde bezieht) sah sich als Bewohner der Erde im Gegensatz zu den Göttern, die keine “Erdlinge”, kein Homo, kein Mann, kein Mensch waren.

Test durch Sprachgefühl

Jetzt kann man ja sagen, alles schön und gut, Dietmar, aber trotzdem ist es so, dass das Maskulinum die Frauen unterdrücken hilft; und genau das wurde mir auf den Scienceblogs (!) vorgehalten. Von Wissenschaftlern.

Testen wir mal unser Sprachgefühl:

“Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserem Konzert!”

So banal begrüße ich, meine ich, nicht. Da fällt mir meist lustigeres ein. Aber formal alles super so. Aus Höflichkeit nenne ich die Damen zuerst, die Damen sind weiblich, die Herren männlich. Dazwischen liegt ein Kontinuum, das ich vollkommen in Ordnung finde, und jeder kann sich da einordnen, wie er veranlagt ist.

Dann begrüßt der Bürgermeister: “Liebe Bürgerinnen und Bürger, auch ich begrüße Sie zum Konzert!”

Das hat er nie so lächerlich gemacht! Ihm fällt immer etwas Lustiges und Herzliches ein. Abgesehen davon ist das formal falsch. Und jetzt kommt der sprachgefühlige Beweis dafür:

“Sehr geehrte Gästinnen und Gäste, herzlich willkommen!”

Gesehen? Wem da nicht der Draht aus der Mütze springt ist bereits so genderverblendet, dass ich hoffnungslos bin.

Erläuterung:

“Damen und Herren” bezeichnet ausdrücklich das Geschlecht der Zuhörer. “Bürger” ist aber der Oberbegriff für alle (!) in der Gemeinde mit Bürgerrechten ausgestatteten Bewohner. Das schließt die Frauen ein. Ebenso wie alle Blauäugigen, Krummbeinigen, Nasepopelnden etc. Man muss die nicht erwähnen, sie gehören dazu. Sprachlich müssten deshalb zuerst “Bürger” und dann “Bürgerinnen” als Bestandteil der Bürger genannt werden, wenn sie besonders erwähnt werden sollen. Das sagt unser Sprachzentrum, wenn es nicht vom Ideologen und seine Idiotie dauerbelästigt wird.

“Gast” ist ein eben solcher Oberbegriff, der noch nicht so verwurstet wurde und deshalb vielleicht eindeutiger fühlen lässt, wie unsinnig dieser Quatsch ist.

Schlussbemerkung

Wir müssen in Unterrichtsentwürfen “Schülerinnen und Schüler” schreiben und kürzen das mit “SuS” ab. Tun wir das nicht, unterdrücken wir die Mädchen und werden gerügt. Oder gewürgt. Das weiß ich nicht so genau.

Dieses Konzept geht davon aus, dass die Wortendung -er bei “Schüler” Männlichkeit andeutet, -in bei “Schülerin” Weiblichkeit. Nur ist auch in “Schülerin” das -er enthalten. Die “gendergerechte Sprache” geht also davon aus, dass ein “männliches” Wort durch eine angehängte Endung weiblich wird. Das Wort bleibt aber das Wort und das Sprachzentrum kennt kein Geschlecht. Nur die Bedeutung (!) wird auf den weiblichen Anteil spezifiziert, aber nicht das Wort geändert. “Schüler” ist 1. der Oberbegriff für alle, die beschult werden, und 2. bleibt dieses Wort im Standardgenus, auch wenn es die sprachliche Konkretisierung auf die weiblichen Schüler mit dem Wort “Schülerin” gibt. Würden die Endungen so funktionieren, wie es die “gendergerechte Sprache” gerne hätte, müsste es “Schüler” für die männlichen und “Schülin” für die weiblichen Schüler heißen. Tut es aber nicht, wie wir alle wissen.

Sprache funktioniert eben nicht so, wie es die Ideologen gerne hätten.

Die Kuh steht also auf dem Eis. Aber egal, wie toll die Idioten es finden, dass sie dort steht: sie wird dort nie anfangen zu grasen.

Der Sinn dieser Seite

Ich war mir eine ganze Weile nicht klar, was ich mit dieser Seite anfangen soll, nachdem sie ja nun keinen beruflichen Sinn mehr hat. Welche Identität soll sie haben?

Das persönliche Abenteuer und die Ärgernisse in meinem vorigen Beruf habe ich hier durchgekaut, die Trennung vom letzten Arbeitgeber viel ausführlicher als geplant, als ich den ersten Artikel darüber veröffentlichte. Aber das lag mir einfach zu sehr quer und der Ärger wurde durch weitere dort verursachte Unannehmlichkeiten am Leben gehalten (bis heute bekomme ich regelmäßig, wenn ich meinen Computer hochfahre, eine nervige nicht abzuschaltende Fehlermeldung, weil nicht ich meinen Account beendete, sondern dieser von meinem Arbeitgeber einfach gelöscht wurde, wobei die verbliebenen Daten vernichtet worden sind).

Die Besucherzahlen zeigen, dass diese Seite kein übergroßes Interesse weckt, aber es gibt durchaus zuverlässige, interessierte Leser in einer erfreulichen Zahl. Sehr häufig wird erfreulicher Weise die Seite, die ich hier für mein Orchester eingerichtet habe, angesteuert. Das Interesse an meinen Artikeln war insbesondere für meine Erlebnisse mit und meine Kritik an meinem vorigen Arbeitgeber groß. Seit ich das Thema abgeschlossen habe, ist der Traffic auf etwa ein Viertel zurückgegangen.

Mit dieser Homepage verfolge ich keinerlei wirtschaftliches Interesse. Deshalb sind solche Zahlen eigentlich unerheblich. Ich habe einen großen Freundeskreis, ich habe großartige Freunde und eine glückliche Familie, im Beruf wird viel auf mich gehört. Diese Seite zu schließen würde mich also nicht beeinträchtigen.

Sie ist aber nun einmal jetzt da, sie zu erhalten bedeutet nicht viel Aufwand. Also schreibe ich hier weiter.

Das Kernthema meiner Artikel wird musik- und sprachwissenschaftlicher Natur sein, und es wird Ausflüge in gesellschaftspolitische Bereiche geben. Themen, die auf Facebook dazu führten, dass ich und über mich indirekt meine Schüler und Familie per privaten Messenger handfest bedroht wurden, veranlassten mich, meinen Facebook-Account zu kündigen und spielten bei der Überlegung, meinen Betrieb einzustellen, ebenfalls eine Rolle. Diese Themen werde ich zu meinem Schutz, dem meiner Familie und meinen jetzigen Schülern hier meiden. Ich habe mich in der lokalen Presse klar positioniert, tue das ggf. wieder, aber das Internet ist in gewisser Weise ein anderer Ort.

Wenn ich mich das nächste Mal an einen Artikel setze, wird er musikwissenschaftlicher Natur sein. Ich habe schon eine Idee und freue mich auf die Umsetzung.

Ich halte eigentlich eine Kategorisierung meiner Artikel für sinnvoll, habe mich aber noch nicht eingearbeitet, wie das auf dieser Plattform geht. Sollte das zu aufwendig sein, werde ich da nicht ran gehen.

Das Glück im Kleinen

Vor anderthalb Jahren habe ich das gepostet:

(Weil mir das gerade begegnet ist: 1N73LL163NC3 15 7H3 481L17Y 70 4D4P7 70 CH4N63 573PH3N H4WK1N6)

In der Zeit haderte ich sehr damit, meinen geliebten Beruf so (ich empfinde das immer noch so, wenn ich ehrlich (zu mir selbst) bin) ruhmlos unglücklich aufgegeben zu haben. Dieses als Zahlen- und Buchstabensalat erscheinende Gebilde begegnete mir ähnlich, ich musste das aus der Erinnerung rekonstruieren, als T-Shirt-Aufdruck und besagt: “Intelligence is the ability to adapt to change – Stephen Hawking” Also: “Intelligenz ist die Fähigkeit, sich Änderungen anzupassen – Stephen Hawking” Das ist für mich trostreich, und es ist durch das Spiel mit den Buchstaben und Zahlen als Herausforderung zur Anpassung für eben die Intelligenz witzig.

Damals ging ich davon aus, dass mein Wechsel in den öffentlichen Dienst an jene Schule der letzte berufliche Einschnitt sein würde, musste aber erfahren, dass ich mich seitdem zuverlässig vierteljährlich erheblichen Änderungen anpassen musste, was sich als lebensbedrohlich unmöglich herausstellte. Jetzt erst bin ich dank der derzeitigen Stelle, ihrer Leitung und meinen Kollegen in einem ruhigen Fahrwasser und kann mich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren, die bei meinem vorigen Hauptarbeitgeber zur Nebensache verkam.

Ich erlebe also berufliche Ordnung und qualitative Zusammenarbeit und kann mich auf meine Schüler (generischer Maskulin; ja, den gibt es und dieses Wort bedeutet zwar “männlich”, das ist aber leider ein aus der antiken griechischen Philosophie erlernter Unsinn in der Kategorisierung der Sprache, der nichts mit der Wirklichkeit der Sprache und des Sprachzentrums im Gehirn zu tun hat. Die Sprachwissenschaft der Antike war ähnlich entwickelt wie Chemie, Astro- oder Atomphysik. Also anerkennenswerte und wertvolle intellektuelle Leistungen der damaligen Intelligenz aber ohne die ausgefeilte wissenschaftliche Methode und den wissenschaftlichen Apparat. Ähm – merkt man, dass ich Lehrer bin? Entschuldigung. Wo war ich doch gleich? Ah:) und die Lehrinhalte und Lehrinhaltinnen (damit es nicht zu maskulin wird. Haha. – Nochmal Entschuldigung…) konzentrieren. Und es gibt da niemanden, der das vielleicht durch schweifende Gedankenlosigkeit und fehlendes Fokussieren durcheinander bringen könnte. Wirklich nicht …

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwie bin ich diese Woche täglich verpeilt zu falschen Zeiten an falschen Orten gewesen. Jedes Mal habe ich gedacht, du Schussel, passiert dir nicht nochmal. – Dann passierte es nochmal. Das letzte Mal gestern, als ich eine Stunde zu spät zur Fortbildung kam. Alle waren nett, die Seminarleiterin sowieso umwerfend toll, ich kannte den Stoff, kein Problem, aber irgendwie unnötig und auch etwas peinlich. Das letzte Mal war also gestern.

Dachte ich gestern.

Heute Morgen klingelte mein Wecker, ich ließ mir angemessen Zeit, genoss den Morgen, sah beiläufig zur Uhr und mir fuhr der Schreck in die Glieder: Ich war viel zu spät! Verzicht auf Frühstück, gezielter Sprung in die Fahrradkleidung, Wechselkleidung in den Rucksack, Sprintfahrt zur Arbeit: Ich war zwei Stunden zu früh da. Denn es ist Freitag. Wir haben einen Kalender. Ich habe einen Stundenplan. Diese Quellenlage hätte mich überfordert.

Ein sehr ärgerlicher Fehler, der nach sofortigem Trost förmlich schrie! Also ging ich in die Stadt, um mich in einem Café mit einem Mandelhörnchen und einem Tee zu befrühstücken und trösten.

Ich lungerte da also glücklich herum und amüsierte mich zufrieden innerlich über mich selbst, als der Vater einer meiner ersten Schülerinnen das Café für eine kurze Pause betrat. Das war großartig! Eine wahnsinnig nette Familie, eine tolle Schülerin. Es war so schön, von ihr zu hören! Was für ein Morgen!

Das Gespräch kam auf “diese Jugend von heute”: Als wir über den Beruf der ehemaligen Schülerin und ihr glückliches Privatleben sprachen, sagte ihr Vater, dass er überhaupt nicht sehen könne, dass die heutige Jugend in irgendeiner Weise besonders problematisch sein sollte. In jeder Generation habe es einen Anteil gegeben, der problematisch gewesen sei, das sei jetzt überhaupt nicht anders.

Ihn zu treffen, von Christina zu hören, ein nettes Gespräch zu führen, sich ungefragt in seiner Meinung bestätigt sehen: Das ist Glück im Kleinen.

Im Grunde bin ich ein sehr organisierter Mensch, sonst hätte ich nichts von dem geschafft, was ich geschafft habe. (Und ich finde, ich bin mit Recht stolz darauf. Dass die Anerkennung von gewissen Kollegen oder Verbänden, Vereinen und Hobbymusikern und Mitläufern fehlt, ist eher deren Arroganz und so weiter zuzuschreiben als meinen vermeintlichen Fehlern.) Aber solche Schusselphasen sind manchmal einfach schön. Mein Ordnungs-Ich schüttelt grinsend den Kopf über meinen inneren Chaoten. Dieses Treffen und das Hören von einer ehemaligen Schülerin war den unnötigen Schrecken am Morgen wert. Dank der Schusseligkeit!

Diese Jugend von heute

ist großartig.

Punkt.

Artikel fertig.

Na gut, hole ich doch noch ein wenig aus:

Als ich Jugendlicher war, wurde uns immer alles Mögliche vorgeworfen: Faulheit, Respektlosigkeit, mangelnde Bildung, Desinteresse, Anspruchsdenken und so weiter und so fort. Von Platon sind bereits solche Vorwürfe überliefert.

Ich konnte das für meine Generation schon nicht einsehen, nicht nur für mich persönlich nicht, sondern für uns allgemein. Von den gut 300 Schülerinnen und Schülern und den Jugendlichen der Orchester könnte ich nicht einmal eine handvoll nennen, mit denen ich echte Probleme hatte. Und nur einen einzigen, der sich unfassbar selbstgefällig, arrogant, unverschämt und offen gesagt asozial verhalten hat. Er wollte den Unterricht bestimmen, die Gruppe kontrollieren, das Geschehen in der Hand haben. Ich bin kein Therapeut und es hilft nichts, in solchen Fällen nach den Ursachen zu suchen. Aber als dann eines Tages seine Mutter sich die Ehre einer gnädigen Visitation gab, war klar, wo seine Einstellung herkam. Es kam nicht allzu selten vor, dass mir immer wieder Leute mehr als deutlich zeigten, dass ich in ihren Augen so eine Art musikalischer Hofnarr bin, den man nicht ernst nehmen muss; Musiker eben. Diese Frau nun zeigte deutlich: Ich bin nur ihr Lakai. Und Musik ist auch kein echtes Studium. Das kann man so. Ihr Sohn sah also nicht ein, wenn ich bestimmte Fingersätze gab, die Haltung korrigierte, fachlich etwas erklärte. Er “wusste” alles besser, eben, weil er es wusste und weil das, was von mir kam, falsch sein musste. Denn wer war ich schon? War ich irgendwann im Fernsehen? War ich berühmt? Kannte mich David Garrett? Nein. Na bitte!

Der einzige Schüler, den ich je aus dem Unterricht warf, war dieser. Als die Mutter zum Beschweren kam, warf ich sie gleich hinterher. Ich hörte, dass er danach keinen Unterricht mehr nahm, denn Mama hat ihm ein Keyboard gekauft. Darauf konnte er dann ganz von selbst ganz ohne Lehrer ganz schnell ganz viele ganz tolle Lieder spielen, meinte die ganz doll stolze Mutter. Schön, ein Instrument zu haben, das einem die Arbeit (und damit den eigentlichen Wert und das eigentliche Vergnügen; aber was weiß so ein Möchtegern-Musiker wie ich schon) abnimmt und wenn die Eltern diese Genialität des Kindes unterstützen.

Ein zweites Kind, das sehr problematisch war, war ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Sehr still, sehr schüchtern. Sie schaute mich nie an. Saß immer eher kauernd am Instrument, übte nur wenig. Ich war als Instrumentallehrer immer darauf bedacht, den Unterricht sehr transparent zu halten und nicht mit Schülern irgendwie in einen stillen Unterrichtsraum zu verschwinden. Ich habe auch weitestgehend vermieden, Schüler durch Berührungen zu führen oder auf diese Weise Haltungen zu korrigieren. Dies zu tun, kann effektiv sein, aber ich beschränkte das, so weit es eben ging. Wenn ich Schüler berührte, fragte ich vorher, ob ich beispielsweise das Handgelenk anfassen dürfe, um etwas zu zeigen, und wartete die Antwort ab. Bei dieser Schülerin tat ich das gar nicht, gab zur Begrüßung nicht einmal die Hand und hielt auch einen deutlich größeren Abstand zu ihr als üblich und sinnvoll, weil ich nicht wissen konnte, ob nicht sogar irgendein Trauma hinter ihrem auffälligen Verhalten steckte. Sie kam aber treu und schien, sich im Unterricht immer mehr zu entspannen. Irgendwann begann sie auch, von sich zu erzählen und ihr Verhalten normalisierte sich zunehmend.

Eines Tages kam sie plötzlich wieder eigenartig still in meinen Unterricht und erklärte mir nach dem Vorspielen ihrer Hausaufgabe, dass sie den Unterricht bei mir beenden würde und nicht mehr wieder käme. Ich sagte ihr, dass ich das schade fände, und meinte, dass sie das ganz gut mache und Talent habe. Ob sie ein anderes Instrument spielen würde, fragte ich. Sie sagte, sie würde weiter Klavier spielen, aber nicht mehr bei mir. Das fände ich schade, aber es sei richtig, dass sie weiterspiele. Es gebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen und man müsse eben sehen, wer gut zu einem passe. Wo sie denn hin ginge. Sie sagte, sie wisse den Namen nicht. “Eine Frau.” Ihre Eltern hätten sie ausgesucht, weil sie mit den Fortschritten bei mir nicht zufrieden seien (beide spielten kein Instrument). “Ja”, sagte ich: “es kann sein, dass Du bei einer anderen Lehrerin, die besser zu Dir passt, schneller lernst. Wichtig ist nur, dass Du weiter machst!” Ich würde sie sofort aus dem Vertrag ohne Kündigungsfrist entlassen, damit ihre Eltern nicht doppelt zahlen müssten. Jetzt würden wir zum Abschluss noch einmal etwas Musik machen und alles ist in Ordnung. Das Mädchen spielte mit mir unser kleines Duett, schaute mich nicht an und sagte keinen Ton mehr. Ich verabschiedete sie, wünschte ihr alles Gute und nahm den nächsten Schüler in Empfang.

Der neunjährige Junge war gerade etwa 10 Minuten sehr fröhlich in seinem Unterricht und spielte begeistert sein fertig geübtes Stück, als die Tür aufflog und gegen den Heizkörper knallte. Ein mir unbekannter Mann stürmte herein und schrie mich an, was mir denn einfiele und was ich denn mit seiner Tochter angestellt hätte. Völlig erschrocken und entgeistert schaute mich mein Schüler mit großen Augen an. Ich stand auf und fragte den zornroten Mann, wer er sei und wie er dazu käme, meinen Unterricht derart zu stören. Seine Tochter säße weinend im Auto und er wolle wissen, was ich mit ihr angestellt hätte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und es stellte sich heraus, dass er der Vater der gerade verabschiedeten Schülerin war. Ich erklärte ihm ruhig, dass ein Lehrerwechsel kein Problem sei, ich den Vertrag aus Kulanz aufhebe, damit nicht doppelt bezahlt werden müsse und versuchte, das Abschiedsgespräch mit seiner Tochter kurz zu skizzieren. Er unterbrach mich: Dass ich den Vertrag aufheben würde, sei ja wohl das Mindeste und mein Verhalten eine Unverschämtheit und ich pädagogisch ahnungslos. Da war bei mir der Punkt erreicht, mit unmissverständlicher Körpersprache auf ihn zu zu gehen und ihn mit bedrohlich gesengter Stimme langsam und deutlich sprechend aufzufordern, den Unterrichtsraum sofort zu verlassen. Dies tat er und ging laut über mich schimpfend mit triumphierender Körperhaltung breitbeinig die Straße entlang.

Ein dritter Schüler im Erstklässleralter fällt mir noch ein, der keinerlei Lust auf Musik hatte. Er war in einem Gruppenunterricht angemeldet, weil die Eltern dies aus Kostengründen so gewählt hatten. Jede Unterrichtsstunde begann mit einer Auseinandersetzung zwischen ihm un seiner Mutter. Meistens waren sie schon zankend von Weitem zu hören, wenn sie sich dem Unterrichtsraum näherten. Die anderen Kinder litten darunter, der Unterricht verzögerte sich, mir tat der Junge leid. Wenn er erstmal saß, in der Regel nach etwa 15 Minuten, machte er ganz ordentlich mit und schien auch sich ganz wohl zu fühlen. Er übte sehr zuverlässig – nie. Und jedes Mal gab es vor Unterrichtsbeginn das gleiche Theater. Ich versuchte mit der Mutter ein Gespräch, aber sie kenne ihr Kind als Mutter besser als ich, meinte sie. So etwas lerne man in keinem Studium. Nun, wenn sie meinte.

Eines Tages war die Unterrichtszeit angebrochen, die anderen beiden Schüler waren nicht da (ich habe eine Klassenfahrt in Erinnerung, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), ich saß im Unterrichtsraum und übte für mich, war voll konzentriert und nahm den Lärm auf dem Flur zwar wahr, aber ignorierte ihn. Da wurde die Tür mit Schwung geöffnet, buchstäblich mit der Fußsohle (!) tretend stieß die Mutter den Jungen in den Unterrichtsraum, er kugelte schreiend über den Boden, sie stellte das Akkordeon in den Raum, schloss die Tür und hielt die Klinke von draußen fest, damit der Junge, der sich wieder aufgerappelt hatte, die Tür nicht von innen öffnen konnte. Beste Unterrichtsvoraussetzungen. Dieses Ereignis und das des Mädchens waren die einzigen, die mich daran denken ließen, ernsthafte Schritte gegen Eltern einzuleiten.

Ich führte mit dem Jungen ein Gespräch, in dem ich ihn viel reden ließ. Es gab keine Indizien für irgendeinen Missbrauch. Die Mutter hatte nur eben keine Hand frei. Was soll man da auch machen? In der einen Hand das Akkordeon, in der anderen die Tür, die man ja schnell wieder schließen muss, damit das Kind nicht entwischt, und das Kind muss ja unbedingt zu diesem Akkordeon-Heini! Da muss man das Kind eben mit dem Fuß in den Raum befördern. Ist doch klar! So etwas weiß man als Mutter. So etwas lernt man in keinem Studium.

Ich erklärte der Mutter, dass ein Unterricht für ihren Sohn bei mir nicht mehr infrage komme und entließ sie sofort aus dem Vertrag.

Und das waren sie schon! Mehr echte Problemfälle hatte ich nicht.

Vielmehr hatte ich unfassbar entzückende, talentierte, witzige, fröhliche, liebenswerte, wunderschöne Mädchen und Jungen als Schüler! Über 300! Ist das zu fassen? Sie zu begleiten, während sie heranwachsen, mit ihnen zu musizieren und gemeinsam Konzerte und Auftritte zu gestalten, ihnen auf Freizeiten zuzuhören und etwas zu erzählen, Halt geben, Orientierung: Das war wirklich eine Erfüllung!

Ich war wegen dieser Mädchen und Jungen immer der Meinung, diese Jugend ist klasse. Wurde gerade im letzten Verein, für den ich unterrichtete, nicht so gesehen. Das ließ man den Nachwuchs spüren, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Reife erreichte. In jeder Suppe fand man ein Haar, bei jeder gemeinsamen Probe und jedem gemeinsamen Auftritt wurde “erzogen”. Bis die Mädchen entnervt aufgaben, nachdem viele Tränen geflossen waren. Dabei waren das so großartige, intelligente, liebe, hübsche Mädchen!

Schöne Erinnerungen!

Nun, jetzt bin ich staatlich angestellter Pädagoge für Jugendliche im Alter von 11 bis 16. Mein Kollege unterrichtet gerade zum Thema Musik in Filmen in unserer Lerngruppe, die fast nur aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Dazu bereitete er ein Quiz vor. Die etwa 20 Schüler starke Klasse im Alter von etwa 14 Jahren wurde in vier Gruppen zu fünf bzw. sechs Schülern aufgeteilt und sie bekamen Filmmusik aus Filmen wie “Der Pate”, “Spiel mir das Lied vom Tod”, “James Bond”, “Der weiße Hai”, “Fluch der Karibik”, “Herr der Ringe”, “Indiana Jones” und so weiter zu hören. Etwa 20 Titel aus Filmen von 1960 bis heute.

Wer mag raten, wie viele Titel erkannt wurden? Ich lasse auch ein bisschen Zeit. Zeit läuft ab jetzt…

So: Fertig geschätzt? Und?

Ich löse auf: Alle!

Es wurden nicht nur alle Titel erkannt und richtig zugeordnet, sondern auch von vielen Schülern gleichermaßen! Die meisten Titel wurden erkannt, bevor ein Takt komplett gespielt worden war. Der erste Klang ertönte, einer läutete seine Glocke und rief den Titel. Meistens sogar den englischen Original-Titel.

Ich fragte, woher sie das denn wüssten. Ein Schüler antwortete mit leuchtenden Augen: “Ich liebe (!) alte Filme!”

Diese Jugend von heute ist – normal. Und deshalb großartig.

 

Instrumentallehrer: Traumberuf oder brotlose Kunst

Vor mittlerweile fünf Jahren erschien dieser Artikel bei der Rheinischen Post online. Er ist an mir vorbeigegangen; es gibt eben so viel im Netz. Jetzt fiel er mir auf und ich habe dazu kommentiert.

Der Artikel kommt wie der Kommentator “Felix Hartmann” zu dem, in meinen Augen leider falschen, Schluss, dass man diesen Beruf ergreifen soll und, wenn man bescheiden ist, zwar “nicht reich” wird, was eine zynischer Euphemismus ist, aber Zufriedenheit in der Schönheit der Tätigkeit findet. Sicher, schon klar. Rosamunde Pilcher, die Schwarzwaldklinik, die Regenbogenpresse und das gesamte öffentlich-rechtliche Vorabendprogramm legen die Plätzchen beiseite, stellen die Teetasse auf das gehäkelte Deckchen und applaudieren mit gezierten Fingern bei im Hintergrund laufender Traumschiffmusik und dem fröhlich singenden Florian Silbereisen.

Aus Bequemlichkeit habe ich “Warum die Akkordeon-Szene stirbt” kopiert und als Kommentar dort platziert. Antworten oder Reaktionen erwarte ich nicht. Ich bin erstens unbedeutend und zweitens interessiert sich die Öffentlichkeit bzw. die Gesellschaft nicht für die Lage der Kulturträger an der Basis. Wir haben weder die Anerkennung, noch die Bedeutung früherer Zeiten (und das ist nicht der “Früher war alles besser”-Tropus).

Wie im Grunde peinlich das für uns alle sein sollte, zeigt die schön illustrierte und richtig dargestellte Tatsache aus dem Anfang des Artikels:

“Wer sich dazu entscheidet Instrumentallehrer zu werden braucht gewisse Voraussetzungen, um für ein Studium zugelassen zu werden. Man sollte nicht nur sein Instrument perfekt beherrschen, sondern auch das nötige Gespür für das Zwischenmenschliche haben.”

Hohe Ansprüche, die erfüllt werden müssen! Wert? Nichts mehr.

Unbemerkter Abschiedsbesuch

Nach meiner Betriebsaufgabe hatten sich die Ereignisse überschlagen und ich war kaum zur Ruhe gekommen: Zuerst war ich an mehreren Standorten eingesetzt, was mich durch die große Zahl der zu betreuenden Schüler und die vielen Aufgabenfelder sehr in Anspruch nahm, danach war ich nur an einem Standort, der es mühelos schaffte, jeden Kollegen (beschreibt nicht das natürliche Geschlecht) im ständigen Panikmodus zu halten, sodass in meiner Zeit (mich eingerechnet) drei Kollegen wegen dadurch verursachter gesundheitlicher Beeinträchtigung ausschieden, ein Kollege sich versetzen ließ, einer in den vorzeitigen Ruhestand ging und ein Kollege sich entschied, diesen Beruf nicht weiter auszuüben, bevor es zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen kommt.

Meine jetzige Arbeitsstelle ist, das kann ich jetzt nach der Einarbeitung sagen, sachlich und fachlich erheblich anspruchsvoller. Ich komme damit ausgezeichnet zurecht. Wie an meinen vorigen Stellen ist das Kollegium sehr nett, kompetent, hilfsbereit und engagiert. Und wie an der Arbeitsstelle, an die ich für mein erstes halbes Jahr abgeordnet war, ist die Leitung ebenso nett, kompetent, hilfsbereit und engagiert. Die Einrichtung wird wie dort effizient mit flacher Hierarchie geführt und hat jeden Respekt verdient. Das ist eine sehr erfüllende, wichtige Aufgabe, die mir sehr viel Freude macht!

Nachdem ich die letzten Ferien mit meinem Krankenhausaufenthalt, Behandlung und Rekonvaleszenz beschäftigt war, ist diese unterrichtsfreie Zeit die erste gewesen, die ich nutzen konnte, um die längst überfällige buchhalterische Betriebsabwicklung durchzuführen. Ich habe das immer wieder zwischendurch angefangen, wurde nicht fertig, musste es, oft wochen-, wenn nicht monatelang, liegen lassen, um mich dann wieder von vorne einarbeiten zu müssen. Jetzt nutzte ich die erste Woche für – Nichtstun. Und etwas Arrangieren, Komponieren, Üben und Jammen. Aber das ist jetzt ja Hobby. Die zweite Woche nutzte ich zur rechtlichen Betriebsabwicklung. Das ist enorm dringend, weil ich nicht einmal meine Steuererklärung für 2017 fertigstellen konnte, während ich nach Betriebseinstellung an meinem ersten Standort eingesetzt war. Und mit dem Finanzamt spaßt man nicht.

Zu dieser Abwicklung nun gehört unter anderem die Feststellung, wie hoch das in das Privateigentum übergehende Betriebsvermögen ist, das beispielsweise als Veräußerungsvermögen steuerlich relevant werden kann. Ich muss also den Wert meiner Instrumente und des sonstigen Inventars einschätzen lassen und den Marktwert gegen den Abschreibungswert stellen, um dieses Vermögen zu bestimmen.

Irgendwann in den 80-er Jahren kaufte ich von meinem Orchesterleiter, Enno Meyenburg, mein erstes wirklich hochwertiges Akkordeon. Er verkaufte mir ein neuwertiges Instrument sehr günstig, allerdings ohne jede Gewährleistung. Das Instrument ist hervorragend und wird heute noch von meiner Frau gespielt. Als ich ein kleines Problem mit der Registerschaltung hatte, empfahl mir unsere damalige Elektronium-Spielerin, die hervorragend spielende, immer fröhliche und liebenswerte Carola, das Fachgeschäft in Hamburg, wo sie ihr eigenes Akkordeon gekauft hatte. Seitdem war ich Kunde dort.

Als mir der Standard-Bass nicht mehr reichte, weil ich mich am Oktavsprung störte, als ich links mehr melodiös arbeiten wollte, kaufte ich dort ein Borsini-Converter-Akkordeon mit Piano-Tastatur und übte darauf autodidaktisch das Melodie-Bass-Spiel. Als mich Elsbeth Moser nach einem Konzert einlud ihr vorzuspielen, lobte sie mich für diese Leistung, forderte aber, dass ich auf Knopf-Tastatur im Diskant umsteigen muss, um bei ihr Unterricht zur Studienvorbereitung zu nehmen.

Ich war damals im Lehramtsstudium und konnte mir ein neues Instrument nicht leisten. Da zeigte sich Herr Brusch, der Inhaber des Geschäfts, von einer mich völlig überraschenden Seite: Er nahm mein Instrument, das ich fleißig spielte aber behandelte wie ein rohes Ei, nach zwei Jahren in meinem Gebrauch zurück und tauschte es kostenlos gegen ein höherwertiges Borsini-Converter-Knopfakkordeon ein! Seine Begründung: Er wollte mich fördern, weil wir immer wieder mal über meine Arbeit, mein Engagement für meinen Heimatverein, meinen Unterricht bei Elsbeth Moser (vorübergehend auf einem Leihinstrument der Hochschule) und mein Studienziel sprachen, er tatsächlich von Enno Meyenburg viel hielt und meinte, dass ich als Ennos und Wilhelm Hunns Schüler und durch ein Studium qualifiziert aufgebaut Traditionen fortführen und etwas Gutes für die Szene bewirken könnte. Es gab immer Menschen auf meinem Weg, die so etwas wie Hoffnung in mich setzten, mir einiges zutrauten und mir gut zusprachen. Immer. Darüber schreibe ich eigentlich nicht, weil das zu sehr nach Selbstbeweihräucherung aussieht, aber es gab sie bis zuletzt. Abgesehen davon war Herr Brusch aber tatsächlich der einzige, der mich durch diese Maßnahme massiv finanziell unterstützte.

Das Instrument ist natürlich studientauglich und hochwertig. Ich habe es gepflegt, generalüberholen lassen und spiele es, seitdem ich es erhalten habe.

Von den über 300 Schülern meiner Zeit als Instrumentallehrer habe ich einige zu diesem Fachhandel gebracht, wenn sie ein neues Instrument brauchten. Der Vorteil war, dass es hier immer eine große Auswahl verschiedenster Marken gibt und auch gebrauchte Instrumente so hervorragend aufbereitet sind, dass sie ohne Abstriche orchestertauglich sind und oft zu günstigeren Preisen mit der am weitesten verbreiten Marke leicht mithalten, wenn sie sie nicht sogar übertreffen.

Man kannte sich, vertraute einander, schätzte sich gegenseitig. Man begrüßte sich herzlich, die Schüler probierten verschiedene Instrumente, wir berieten gemeinsam, man trank einen Kaffee und redete über künftige Projekte, neue Werke oder Konzerterlebnisse. Dann zog sich Herr Brusch in den Ruhestand zurück und übergab sein Geschäft an Henning, der es trotz der problematischen Lage in unserem Geschäftszweig erfolgreich weiter aufbaute. Ich brachte weiterhin Schüler, man kannte sich, vertraute einander, schätzte einander, man arbeitete zusammen und plauderte bei einem Kaffee, zeigte sich gegenseitig Bilder der neu geborenen Kinder. Henning eröffnete seine Filialen, übergab die Leitung dieser Filiale an Geschäftsführer, wir lernten uns über die Jahre kennen, alles war wie vorher. Ich war dort viele Jahre anerkannter Profi auf Augenhöhe. Ein gutes Gefühl.

Dann endet meine Unterrichts-Arbeit für Akkordeon-Vereine und meine neuen eigenen Schüler konnte ich mit kleinen eigenen Instrumenten für den Anfangsunterricht versorgen. Also kam ich für ein paar Jahre nicht nach Hamburg in das Fachgeschäft.

Vorgestern rief ich an. Ich musste meinen Namen zweimal nennen: Der junge Mann am anderen Ende kannte ihn nicht, wusste nicht, wer ich bin. Ich vereinbarte einen Termin und fuhr gestern mit meinem Instrument für ein Wertgutachten hin. Ich musste meinen Namen noch einmal nennen, der junge Mann sah in den Computer, ich musste meinen Namen buchstabieren und dann sagte er: “Oh, Sie haben Ihr Instrument bei uns überholen lassen?” Stimmt. Ist nicht die ganze Wahrheit, aber gut genug. Dann wurde der neue Instrumentenbauer der Filiale hinzugezogen. Er stellte fest, dass die Klappen bald mal erneuert werden müssen, womit er recht hat, aber zur Zeit der Generalüberholung waren sie noch gut und sie gehen noch eine gute Weile. Ich stimmte ihm also wie selbstverständlich wortlos nickend zu. Daraufhin sah er mich kurz abschätzend, nicht abfällig aber eben abschätzend, an und klärte mich in professionell distanziertem Ton auf: “Knopf-Instrumente werden ja schnell gespielt.”

Solche Augenblicke machen mir immer wieder schmerzhaft klar, dass ich aus dem Beruf raus bin und dass das unfassbar schnell geschehen ist. Mir schossen leider nur vier Antwortmöglichkeiten durch den Kopf: Sarkastisch (“Ach? Das habe ich ja noch nie gehört.”), naiv/ironisch (“Langsam geht nicht?”), positionierend (“Naja, ich habe auf diesem Instrument hier in Hamburg studiert, ich kenne also die Möglichkeiten ganz gut.”) oder faktisch/ironisch (“Man sollte Klaviere mit Knopftastatur bauen, damit die Pianisten schneller spielen können.”; denn offen gesagt: Virtuosität hat absolut gar nichts mit dem Griffsystem zu tun! Aber manche Legenden sind offenbar für manche Leute zu schön zum Sterben.)

Ich stand also da – und sagte nichts dazu. Denn diese jungen Männer kennen mich nicht und es hat keinerlei Bedeutung, mich kennen zu lernen. Für die bin ich ein älterer Herr, der da mit einem Instrument ankommt, von dem er nicht weiß, was er da eigentlich genau in Händen hat.

Ich habe bis vor einigen Jahren sehr viele Schüler für verschiedene Vereine unterrichtet, wahnsinnig viele Konzerte gegeben und war ein echter Multiplikator für das Akkordeon. Und? Jetzt bin ich raus. Warum soll ich diesen jungen Leuten erklären, was ich denke, wer und was ich mal war? Oder wie ich mir wünschen würde, gesehen zu werden?

Gemessen an der Schülerzahl und am Umsatz aus Unterrichten gehörte ich zu den erfolgreichsten selbständigen Instrumentallehrern. Mein Brutto-Einkommen lag gut doppelt so hoch wie das durchschnittliche Einkommen in diesem Beruf (was bei lächerlichen 13.400 € im Jahr liegt). Und? Meine Buchführung von 2017 zeigt mir, dass das Einkommen wieder deutlich gestiegen ist, aber dieser Anstieg von der gleichfalls gestiegenen Miete mehr als vollständig aufgefressen wurde. “Erfolg” in diesem Beruf bedeutet eben nicht zufriedene und glückliche Schüler, schöne Konzerte, tolle Arrangements und so weiter, wie Naiv-Ich mal dachte, sondern: Kannst du dich halten, kannst du dich finanzieren? Und das geht in diesem Beruf einfach nicht oder nicht mehr.

Ich werde noch einmal Kunde im Fachhandel in Hamburg sein: Die Klappen müssen mal gemacht werden. Ich werde da hin gehen, das Instrument abgeben, überholen lassen, für die Arbeit bezahlen und mit meinem Bajan wieder abfahren. Das wird mein unbemerkter Abschiedsbesuch sein bei “meinem” Fachhandel. Ein echter, gleichwertiger, gegenseitig wertschätzender Partner, dem ich immer vertrauen konnte, der mich nicht nur durch mein Berufsleben begleitete, sondern aktiv förderte. Ein Partner, dem ich sagen wollen würde: “Ich habe es ehrlich versucht! Ich habe alles gegeben! Ich habe mich bis zum Umfallen reingehängt! Danke für alles und entschuldige bitte, dass ich Dein Vertrauen enttäuscht habe!”

Es ist nur niemand mehr da, der weiß, was das soll. Niemand mehr, den das interessiert.

Heidewanderung

Es gibt für Akkordordeon-Orchester komponierte Werke, die den Status von Klassikern haben. Ich würde zum Beispiel Heinz Ehmes “Galerie” nennen wollen oder Matyas Seibers “Irische Suite”. Natürlich gibt es auch noch jüngere Kompositionen, die diesen Rang haben dürften. Aber hier erlaube ich mir aufgrund meiner Erfahrungen im persönlichen Kontakt mit einigen dieser Komponisten zu schweigen.

Zu den eindrucksvollsten Werken für Akkordeon-Orchester gehört die verloren gegangene “Hermann-Löns-Kantate” von Enno Meyenburg. Das Werk ist für Akkordeon-Orchester (Mindestbesetzung 21 Akkordeons, Klavier, Schlagwerk) und gemischten Chor geschrieben. Anlass der Komposition war die 750-Jahr-Feier des Ortes Marxen im Jahr 1989. Enno leitete dort, ich kann nicht mehr genau herausfinden seit wann, seit etwa Mitte der 80-er Jahre den Nordheide-Chor und den Frauenchor Nordheide. Die Konzerte, bei denen ich als damaliges Orchestermitglied des nicht mehr existierenden akkordeon-sound-orchesters (damals 1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.) mitwirken durfte, gehörten zu den Glanzstücken orchestralen und chorischen Musizierens. In seiner besten Zeit, bevor er still und ohne zu klagen schwer erkrankte und deshalb zwangsläufig konditionell abbaute, war Enno Meyenburg ein lebhafter, intensiver, charismatischer, von Musikalität durchdrungener Orchester- und Chorleiter.

Enno bearbeitete für seine Chöre und seine Orchester (heute existiert noch das Akkordeon-Orchester Visselhövede) eine gewaltige Menge an Werken. Mir sind viele in Erinnerung und ich nenne jetzt mal “Der Zigeunerbaron”, “Peter und der Wolf”, “Meine Welt ist die Musik” (mehrere Schlagermedleys der 50-er bis 60-er Jahre), “New York, New York”, “Beatles-Medley”, “Mary Poppins”. Die Zahl seiner Bearbeitungen ist enorm und ganz sicher dreistellig. Alle diese Werke von ihm sind verloren und nicht einmal eine handvoll durch Verlag erhalten.

Die Proben an der “Hermann-Löns-Kantate” und ihre Aufführungen gehören zu den beglückendsten Erfahrungen meines Musikerdaseins! Enno komponierte eine Fantasie aus verschiedenen Heideliedern, indem er sie miteinander thematisch verwob und in einem Mischstil aus Impressionismus und Romantik klangvoll und wirkungsstark ausformulierte. Wir probten, wie es sinnvoll ist bei einem Werk von mehr als 20 Minuten Spieldauer, immer in Abschnitten daran. Ich kann mich noch sehr gut und sehr lebhaft daran erinnern, wie sich die Stimmführerin in der 1. Stimme (in der ich damals saß) über die Einleitung der Kantate lustig machte: Die Einleitung bestand aus abwärts fallenden kleinen Sekunden, die dissonierend liegen blieben. Durch diesen Klang hindurch tauchten Bassfiguren “wie schwarze Silhouetten von Wacholderbäumen im Nebel” (Enno Meyenburg bei der Probe) bedrohlich auf. Daraus verdichtete sich der Klang immer mehr, um zum ersten Titel zu führen. Als die Stimmführerin sich über diese Dissonanzen lustig machte, sah ich sofort, wie tief getroffen Enno war, und er reagierte sehr heftig und wütend seine Komposition verteidigend.

Als dann jedenfalls nach monatelangen Proben an diesem ausgesprochen komplizierten und anspruchsvollem Werk alle Abschnitte fertig geprobt waren, sollten wir das Stück erstmals komplett durchspielen. An diesem Mittwochabend passierte in der Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde: Nach dem konzentrierten Durchspielen mit dem enthusiastisch dirigierenden Enno Meyenburg herrschte vollkommene Stille. Enno stand noch in seiner letzten Geste verharrend mit geschlossenen Augen vor dem Orchester – dann brachen wir als Orchester in stürmischen Applaus aus. Wir konnten nicht an uns halten! Die Geschichte, welche die Kantate musikalisch erzählte, und ihr herzzerreißendes Ende, in dem das Stück regelrecht starb, hat uns alle tief gerührt. Ich musste schlucken und rang mit Tränen.

Die Uraufführung mit den beiden Chören, die sich in ihrer Bestform zeigten, war ein grandioser Erfolg. Mehrere Aufführungen folgten. Leider brachen bei der letzten Aufführung unter Leitung des Komponisten bei einem Chorfestival, wo Enno sich natürlich positionieren wollte, beide Chöre in ihrer Leistung ein, das Stück konnte nur mit Mühe gerettet werden und verfehlte seine Wirkung.

Ende Dezember 1998 verstarb Enno Meyenburg. Weil ich die Leitung des Jugendorchesters im Akkordeon-Spielring übernommen hatte, das Musikstudium anstrebte bzw. bereits studierte und der Verein meine Honorarforderungen gegen die Enno Meyenburgs ausspielte, trennten wir uns vorher im Streit. Sein letztes, begeistert aufgenommenes, Konzert in Marxen mit den Chören und unserem Orchester hörte ich heimlich draußen vor dem Fenster in Bühnennähe zwischen Stuhlstapeln sitzend, traurig, nicht mehr dabei zu sein. In der Pause sprach ich ihn an. Ich sagte ihm, dass mir klar war, dass es in Konzertpausen, wenn er als Dirigent konzentriert sein muss, ungünstig ist, aber ich wollte wissen, was er von mir erwarten würde zu tun, um unser Verhältnis wieder zu bessern. Er antwortete kryptisch, abweisend und wenig hilfreich: “Ich erwarte von Dir zu tun, was man von Dir erwartet zu tun” und ging. Niedergeschlagen hörte ich mir draußen die zweite Hälfte an und fuhr dann vor den Zugaben nachhause. Das war unser letzter Wortwechsel.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 1998 sprach der damalige 1. Vorsitzende des Akkordeon-Spielrings bei uns auf den Anrufbeantworter, dass Enno verstorben sei. Bei seiner Beerdigung wollten das Orchester und die Chöre die “Hermann-Löns-Kantate” ihm zu Ehren aufführen. Ich nahm an der Beerdigung hinten sitzend möglichst unauffällig teil, um niemandes Gefühle zu verletzen. In der Zwischenzeit war ich schon im Studiengang Orchesterleitung aktiv und kompetent. Ich wurde nicht gefragt, das Werk zu leiten. Dies übernahm sein persönlicher Freund und 1. Vorsitzender des Nordheide-Chores. Als persönliche Geste empfand ich das als rührend und angemessen.

Für mich überraschend wurde ich 1999 mit der Nachfolge von Enno betraut. Schon 2000 sollte die “Hermann-Löns-Kantate” erneut anlässlich von Veranstaltungen rund um die EXPO 2000 in der Stadthalle Walsrode aufgeführt werden. Ich erhielt also die Partitur, lernte sie und probte mit den Klangkörpern. Die Aufführung gelang ausgezeichnet und wurde begeistert aufgenommen. Ein letztes Mal wurde die Kantate 2001 beim Tag der Niedersachsen in Lüneburg unter meiner Leitung aufgeführt. Bei dieser Aufführung zeigten sich wieder Schwächen, die aber während des Vortrages aufgefangen werden konnten. (Und ist es überflüssig zu sagen? Natürlich wird/wurde auf den Homepages der Klangkörper nirgends erwähnt, dass ich das Werk leitete. So ist das Leben als persona non grata.)

Als meine Arbeit für den Akkordeon-Spielring endete und ich ärgerlich und enttäuscht meine Mitgliedschaft nach 25 Jahren beendete, gab ich alle Partituren zurück. So auch die “Hermann-Löns-Kantate”.

Seit 2001 habe ich mehrfach versucht, dieses Werk vor dem Vergessen zu bewahren. Ich bot an, das Stück posthum unter Ennos Autorenschaft ohne Kostenstellung für den Verlag zu bearbeiten und dann verlegen zu lassen. Die Einnahmen sollten entweder Ennos Erben oder einem guten Zweck zufließen. Trotzdem setzten sich die selben Leute durch, die sich vorher durchsetzten: Ich würde das für mich und aus Eigennutz tun, man müsse bei mir vorsichtig sein und so weiter und so fort. Somit kam es zu keiner Veröffentlichung, zu keiner weiteren Aufführung (“Wer soll das aufführen? Das Stück ist schwer und man braucht ein großes Orchester! Du (!) kannst das nicht, das ist über Deinem Niveau!” Das war die letzte Aussage mir gegenüber vor einigen Jahren. Von einem Hobby-Musiker. Nachdem ich das Stück bereits aufgeführt hatte, Orchesterleitung studiert hatte, seit Jahren erfolgreich Orchester leitete und zwei große Oberstufen-Orchester zur Verfügung hatte. Aber was will man machen…). Das Werk ist verschollen wie alle anderen von Enno Meyenburg.

Meine “Heidewanderung” wird sich an der “Hermann-Löns-Kantate” anlehnen: Ich übernehme von Enno das fallende Sekund-Motiv, das bei mir aber nicht in einen dissonierenden Klangnebel führt. Der erste Titel wird das berühmte “Auf der Lüneburger Heide” von Ludwig Rahlfs sein. Das Lied wird häufig als Marsch gespielt. Ich verwende aber den Original-Chor-Satz von Rahlfs und lasse es als Hymne klingen. Bis dahin ist das Stück bereits fertig komponiert. Wieder an Ennos Arbeit angelehnt wird wie bei ihm die Einleitung als idee fixe im Gesamtwerk auftauchen und die Einzelstücke miteinander verbinden. Derzeit ist meine Vorstellung, die einzelnen Lieder in verschiedenen Stilen verschiedener klassischer oder romantischer Komponisten zu bearbeiten; dies im Unterschied zu Enno, der ausgesprochen sensibel in die Stücke eintauchte und intuitiv und selbstverständlich aus seinem Können und seiner Künstlerpersönlichkeit schöpfte. Das Ende lehne ich wieder deutlich an Ennos Werk an, um mit dieser Klammer seine Leistung zu würdigen.

Mit der “Heidewanderung” werde ich nicht versuchen, Ennos “Hermann-Löns-Kantate” nachzukomponieren. Auch nach fast zwei Jahrzehnten habe ich noch deutlich Klangbilder im Kopf und denke fast, mir sollte es mit einiger Mühe tatsächlich gelingen, seinem Werk recht nahe zu kommen. Aber das käme mir wie Diebstahl vor und mein Respekt vor ihm und dem Werk verbietet mir das. Ich werde ein eigenes Stück schaffen, das aber deutlich seine Nähe zu Ennos Werk zeigen soll.

Dabei weiß ich aber eines: An jenem Mittwochabend vor 30 Jahren passierte in einer Akkordeon-Orchester-Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde. Dem Komponisten und Leiter wurde warmherzig, tief empfunden und spontan tatsächlich für sein Stück applaudiert. Aber das ist auch gut so! Denn es war Ennos Moment. Ein flüchtiger Augenblick, in dem er endlich mal so gewürdigt wurde, wie er es als Künstler verdient hat, aber fast nie erleben durfte.

Abschiedsgeschenk

Heute bekam ich Post. Ein großer Umschlag. Darin war eine aufwändig und schön gestaltete Mappe mit einem Klassenfoto vorne drauf. Alle Kinder einer Lerngruppe meiner ehemaligen Schule bemalten und beschrieben individuelle Seiten mit Grußbotschaften an mich. Auf den Seiten sieht man etwas von ihrer Persönlichkeit, ich sehe, dass mein Unterricht etwas bedeutet hat und Wert hatte und dass ich mir den guten Kontakt und die vertrauensvolle Beziehung zu den Kindern nicht eingebildet habe.

Mir zeigt das noch einmal, wie widersinnig, unnötig und schlichtweg falsch die Entwicklung in meiner Personalie war. Aber das muss ich jetzt, nachdem ich alle Möglichkeiten einer deutlichen Antwort ausgeschöpft habe, so stehen lassen, beobachte die mich bestätigende ähnliche Entwicklung anderen Lehrkräften gegenüber und freue mich über dieses besondere Geschenk und meine neue Arbeitsstelle.

Blick nach vorn

Wir haben auf der letzten Probe überlegt, wie wir das kommende festliche Konzert gestalten wollen und schon mit dem Üben einiger Werke angefangen. Gute Routine, mit viel Spaß schnell gemacht und jetzt herrscht Vorfreude auf das Programm und die weiteren Proben.

Für die nächste Saison habe ich mir vorgenommen, drei neue Stücke für mein Orchester zu arrangieren. Auf jedes freue ich mich und kann gar nicht schnell genug mit der Arbeit daran anfangen.

Für die Bearbeitung eines der Stücke habe ich die persönliche Erlaubnis des Komponisten erhalten und weiß jetzt schon, dass das meinem Orchester und dem Publikum viel Spaß machen wird.

Gestern Abend und Nacht habe ich mit neu kennengelernten Freunden gejammt. Seit es die Eilter Skiffle Company nicht mehr gibt, habe ich das nur extrem selten gemacht und hatte als klassisch ausgebildeter Musiker auch wenig Berührungspunkte. Aber das lief gestern Abend bei uns allen so gut und war so glücklich machend, dass wir das beibehalten werden. Vielleicht tritt man damit mal auf. Aber das Ziel ist erst einmal ganz einfach nur, Musik machen um der Musik willen.

Nach einem Jahr Knochenmühle und Selbstaufopferung für einen knackigen Fußtritt habe ich wieder das überwältigende Bedürfnis, meine vernachlässigten Instrumente ernsthaft zu bespielen. Wenn ich meine Duo-Partnerin dafür begeistern könnte, würde mich das sehr freuen; zunächst werde ich jedenfalls mit dem Neuaufbau meiner Möglichkeiten beginnen.

Schließlich habe ich meinen neuen Arbeitsplatz, die Kollegen und Kolleginnen und Kinder und Jugendlichen kennengelernt. Diese Altersgruppe stellt neue Herausforderungen. Der sozialpädagogische Anteil meiner Arbeit wird den weit größten Teil ausmachen und Wissensvermittlung nicht so einfach sein wie bei Kindern und Jugendlichen, die ich bisher unterrichtete. Das ist nur mit einem geschlossenen Kollegium und einer Leitung mit Vernunft und Augenmaß und erholsamer Freizeit möglich. Ich meine, ich habe das hier gefunden.