Archiv der Kategorie: Allgemein

Betriebsauflösung

Heute Nachmittag wird mein Betrieb endgültig ausgeräumt.

Mehrere Wochen stark schwankende Internetverbindung mit teilweisem Ausfall sogar der Telefonleitung. Scheint jetzt nach dem endlich doch erfolgten Besuch des Telekom-Technikers behoben zu sein.

Ich habe mich in meinem neuen Beruf als Pädagoge gut eingefunden und darf sagen, dass ich mich großer Beliebtheit erfreue.

Die letzten Wochen waren hart: Immer wieder wurde mir klar, dass mein eigentlicher Beruf nicht mehr mein Beruf ist und vieles, was ich an ihm liebte, ist einfach nicht mehr meine Lebenswirklichkeit. Außerdem ist nicht nur der Zeitaufwand für meine neue Tätigkeit ähnlich dem, den ich in meiner Selbständigkeit hatte, also sehr, sehr hoch, sondern die inhaltliche Neuausrichtung und die Dokumentationspflichten bedeuten einen hohen Lernaufwand für mich. Fachlich und pädagogisch gibt es keinerlei Schwierigkeiten; war ein gutes Studium, das ich absolviert habe.

Heute Nachmittag wird mein Betrieb endgültig ausgeräumt. Das macht mir zu schaffen und hält mich noch wach.

Aber auch wenn mein Beruf für mich nicht mehr existiert (nicht nur für mich sondern eigentlich grundsätzlich; die jungen Kollegen, die meinen Platz einnahmen, werden schon noch aufwachen. Und das wird ein böses Erwachen.): Ich arrangiere für mein Orchester und zum eigenen Vergnügen. Drei Stücke sind fertig und werden nach den Herbstferien geprobt, zwei größere bearbeite ich gerade und die werden im nächsten Jahr geübt.

Wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist und die neue Tätigkeit nicht mehr so zeitaufwändig ist, kann ich auch wieder etwas für mich am Instrument tun. Das eigene Spiel litt nach dem Studium doch sehr wegen der aufwändigen Tätigkeit insbesondere für die Vereine. Noch habe ich nicht wirklich Zeit zum effektiven Üben. Ich hoffe, das kommt noch und bald.

Matinee 2018

Matinee mit dem 1. Akkordeonorchester Winsen Aller

Am Sonntag, dem 2.9.2018, laden bei freiem Eintritt der Verkehrs- und Verschönerungsverein und der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) zur jährlichen Matinee des Akkordeon-Orchesters in „Dat Groode Hus“ auf dem Museumshof, Brauckmanns Kerkstieg 10, 29308 Winsen (Aller) ein. Das Konzert beginnt um 11.00 Uhr.

Länder, in denen man oft Nordlichter beobachten kann, stehen am kommenden Wochenende auf dem Programm des Orchesters. Der erste Satz der „Nordischen Sonate“ zeichnet eine urwüchsige Landschaft mit aus ruhiger See schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Fjorden, dramatischen Wolkentürmen und stürmenden Wolkenfetzen. Während hier musikalische Aufregung herrscht und in einem anderen Stück der nordische Gott Thor wütend seinen Hammer schwingt, sorgen ein Abba-Medley und irische Musik aus „Lord Of The Dance“ für leichtherzige Stimmung. Die hymnische Musik der irischen Band „U2“ verbindet Drama mit Leichtigkeit und ist in einem Spezialarrangement für dieses Orchester zu hören. Im Norden ist es bei langen Nächten kalt: „Winter is coming!“ Das ist die unheilvolle Drohung der Roman-Folge und des Fernseh-Dramas „A Game Of Thrones“, dessen Titelmelodie grollend das wunderschöne, historische Zweiständer-Bauernhaus zum Beben bringen wird. Nordisch-deftige Kost wird sich mit musikalischen Sahnebonbons abwechseln und die Musikerinnen und Musiker des Akkordeon-Orchesters freuen sich nach intensiven Proben bei hochsommerlichen Temperaturen auf das Konzert mit zum großen Teil Bearbeitungen speziell für dieses Orchester.

Die Nordische Sonate von Gerhard Mohr ist ein dreisätziges Werk für Akkordeonorchester, von dem der 1. Satz vorgetragen wird. Nachdem das Akkordeon als Instrument voll entwickelt war, gab es, kriegsbedingt verzögert, starke Bemühungen, das Instrument in der ernsten Konzertmusik zu etablieren. Der im letzten Jahr verstorbene Akkordeon-Virtuose Dietmar Walther war eine der treibenden Personen dieser Bewegung, die in der heutigen Zeit bundesweit und insbesondere in Niedersachsen leider deutliche Zeichen des teilweise selbst verschuldeten Niedergangs zeigt. (Umso mehr freue ich mich über dieses Orchester hier in Winsen!) Walther knüpfte immer wieder Kontakte zu namhaften Komponisten und weckte bei ihnen Begeisterung gerade auch für den seinerzeit ganz jungen, ungewöhnlichen und viel belächelten Klangkörper Akkordeon-Orchester.

Gerhard Mohr (1901 – 1979) gehört zu diesen von Dietmar Walther inspirierten Komponisten. Mohr war in der gehobenen Unterhaltungsmusik zuhause und ihm gelang neben verschiedenen Orchester- und Ensemble-Werken mit dem langsamen Chanson „Bei zärtlicher Musik“ 1935 ein großer Erfolg. Mit der nordischen Sonate behandelt er das Akkordeon-Orchester ironiefrei als ernsthaften Klangkörper mit hohem künstlerischen und auch virtuosen Anspruch. Dabei verliert er das Publikum nicht aus dem Auge: Seine nationalromantisch geprägte Suite mit impressionistischen Effekten bietet reizvolle Melodien in einer dramatischen, spannungsreichen und bildhaft anschaulichen Bearbeitung.

Eine zarte, in einem Sinfonie-Orchester vermutlich von der Oboe oder der Flöte vorgetragenen Melodie versetzt uns in eine nordische Landschaft, in der Nebelschwaden in den Wipfeln von Kiefernwäldern und über Mooren hängen. Ohne langes Zögern baut Mohr musikalische Kontraste auf, die den Eindruck von schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Hochebenen, dramatisch aus dem Wasser ragenden Felswänden und Sturmgeschehen erwecken. Immer wieder kommt die Musik zur Ruhe, zeigt fast völlige Erschöpfung, um aus dieser Ruhe heraus erneut energisch hervorzubrechen. Gegen Ende des 1. Satzes hört man die Musik zweimal tief durchatmen, sich vollkommen verausgabt scheinbar endgültig zu beruhigen, nur um dann furios und in einem kurzen Anlauf dem Ende entgegen zu stürmen.

Ich freue mich auf das Musizieren mit diesem Orchester und wünsche Ihnen viel Freude an der Matinee!

Dietmar Steinhaus

Arbeitsaufnahme als Pädagoge im öffentlichen Dienst

Ab 1.8.2018 arbeite ich als Pädagoge im öffentlichen Dienst. Die täglichen Vorbereitungen auf meine neue Aufgabe und berufsbegleitenden Lehrgänge werden es schwer machen, diese Seite weiter zu pflegen; die Berufsausübung als Musiklehrer im freien Beruf, als Orchesterleiter, Musiker und Bearbeiter oder sogar Komponist ist unmöglich und bereits weitgehend eingestellt.

Ich werde mein Winser Orchester weiter leiten und vor allem werden es die Aktivitäten dieses Klangkörpers sein, die ich hier präsentieren werde.

Gerade in den letzten Wochen habe ich viel Zuspruch und Unterstützung erfahren und danke dafür herzlich! Es waren sogar berufsgebundene Angebote darunter, die ich vor weniger als einem halben Jahr als große Chance angenommen hätte. Aber ich stehe bereits im Wort und bin dankbar, dass ich für meine neue Aufgabe sozusagen geheadhunted wurde.

Ich freue mich vor allem auf die neue Tätigkeit. Aber ich freue mich auch über die existentielle Sicherheit, die für mich erstmalig in meinem Berufsleben da sein wird. Und ganz besonders freue ich mich, das muss ich leider sagen, dass meine Existenz nicht mehr von den Launen anderer abhängt.

Ich danke nochmal allen meinen Schülern und Orchesterspielern in Kinder-, Jugend- und Erwachsenenorchestern und Kindern des Kinderchores sowie ihren Eltern für das Vertrauen und die wunderbare Zeit! Es waren immer Vereins- und Verbandsquerelen, die die Arbeit für die jeweiligen Vereine untragbar machten. Davon ausnehmen möchte ich ausdrücklich die Rappelkiste Bergen (mein Weggang dort war betriebswirtschaftlich und betriebsrechtlich bedingt) und den Akkordeonverein Winsen (Aller). In jedem anderen Verein setzten sich irgendwann, mal früher, mal später, Leute durch, die Vereins- und Musikinteressen mit Selbstdarstellung und persönlichen Eigeninteressen oder anderem verwechselten.

Vielen Dank und meinen Schülern alles Gute!

(Weil mir das gerade begegnet ist:

1N73LL163NC3

15

7H3

481L17Y

70

4D4P7

70

CH4N63

573PH3N H4WK1N6)

Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne

Wenn zwei Phrasen ineinandergreifen, die eine endet und die neue gleichzeitig beginnt, nennt man das in der Musik „Verschränkung“. Oder, um es lyrisch auszudrücken: Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne.

Genau das hatte ich heute. Heute lernte ich meinen neuen Arbeitsplatz kennen. Heute verabschiedete ich meine letzten Instrumentalschüler. Zum letzten Mal habe ich als Instrumentallehrer meine Unterrichtsräume abgeschlossen.

Ich habe zum Abschied viele Geschenke erhalten. Selbst Gebackenes, selbst gemachte Konfitüre, selbst Gebasteltes. Viele Karten, einige Briefe. Alles herzlich, aufrichtig.

Mir sind einige Male die Tränen bei den Briefen und Karten gekommen. Wenn sich Erstklässler hinsetzen und mit viel Mühe und Fleiß liebe Texte schreiben, ist das herzzerreißend. Dass sich aber eine Jugendliche hinsetzt, ich will den Namen nicht nennen, weil man nie weiß, wer so etwas irgendwie gegen sie nutzen könnte, und mir ausführlich schreibt, wie wichtig ihr der Musikunterricht war und ich als Lehrer und Freund, dann trifft mich das direkt ins Herz. Falls Du das liest, liebe M.: Vielen Dank!

Zwei andere Jugendliche haben aber den Vogel, wie man so sagt, abgeschossen: L. und N. haben heute nicht nur leckere Muffins mit Glasur und Notenverzierungen für mich gebacken, sondern mir auch ein Kochbuch geschenkt. Aber kein simples Kochbuch, wie es jeder hat. Sondern ein Kochbuch perfekt passend zur Matinee mit dem Winser Akkordeon-Orchester und zu meinem Arrangement des Serientitels:

Instrumentallehrer und Orchesterleiter sein, das war ich. So habe ich mich gesehen, das wollte ich sein. Diese Reaktionen zeigen mir wieder (sie waren in jedem Verein, den ich verlassen musste, ganz ähnlich), dass ich das ganz richtig gesehen habe. Dass es nicht funktioniert, liegt nicht an mir; ich habe zu oft auch andere grundlos und viel existenzieller in diesem Beruf scheitern sehen. Es liegt zu einem erheblichen Teil an Vereins- und Verbandsfunktionären und -Strukturen.

Meine neue Chefin ist eine kompetente, engagierte junge Frau. Sehr zupackend und entscheidungsfreudig. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit! Es fehlt noch das letzte Okay der Landesbehörde und dann beginnt meine neue Arbeit im August. Jetzt werde ich mein Büro neu ordnen: Individualunterrichte werden verworfen, Platz für die neue Aufgabe muss geschaffen werden. Den Raum, in dem ich zukünftig tätig sein werde, muss ich neu strukturieren und auf meine Vorstellungen hin anpassen. Mein Flügel wird dort mein wertvolles Arbeitsgerät sein.

Liebe Schüler und Schülerinnen: Herzlichen Dank Euch allen!

Letztes Engagement als Profi

So. Das war er also. Mein letzter Auftrag und Auftritt als professioneller Musiker. Ich habe heute einen Kindergarten-Chor mit Kindern, die jetzt zur Schule kommen, bei ihrer Piraten-Revue musikalisch begleitet. Die Revue war wunderbar ausgearbeitet und mit viel Hingabe eingeübt, die Kinder haben ausgezeichnet geschauspielert und gesungen. Das war eine runde, schöne Sache.

Zu den vielen schönen Erinnerungen ist heute eine besondere dazu gekommen: Die Kinder wurden von der Kindergartenleiterin nach der Revue mit ihren Vor- und Piratennamen vorgestellt. Wie etwa „Alina, die Kluge“. Dann bedankte sie sich bei mir für die Begleitung und aus dem Kinderchor rief ein Junge: „Dietmar, der Witzige“.

Jetzt noch anderthalb Wochen Unterricht. Ein paar Schüler habe ich bereits zum letzten Mal gesehen und Tränen sind geflossen. Das wird schwierig. Ich habe diesen Beruf und meine Schüler wirklich geliebt. Ich habe auch mal durchgerechnet: Über 300 Schüler habe ich in meiner Zeit als freiberuflicher Musiklehrer unterrichtet (genauer kann ich das nicht berechnen, weil ich einige in Schulen oder Vereinen nicht unter eigenem Vertrag unterrichtete). Ein paar spielen in Akkordeon-Orchestern, wenige haben aus dem Hobby einen Beruf gemacht. 25 Jahre leite ich Akkordeon-Orchester, aber die Ehrung für 20 Jahre durch den Dachverband habe ich natürlich nicht erhalten (auch nicht erhalten habe ich eine Antwort auf meine Mitteilung, den Betrieb einzustellen). Aber jetzt ist das egal. Denn jetzt bin ich nicht mehr darauf angewiesen, als Profi wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Vom Hobby zum Beruf und jetzt eben wieder zurück.

Ende Juni ist die Vertragsunterzeichnung, den Juli nutze ich für Vorbereitungen auf die neue Aufgabe (die Ideen sprudeln bereits, ich muss jetzt nur sehen, was tatsächlich umsetzbar sein wird) und dann starte ich ab August mit einer Festanstellung in einen neuen Lebensabschnitt.

Was ich mit diesem Account machen werde, weiß ich noch nicht. Werbung für mich hat jetzt ja keinen Sinn mehr. So eine Art persönliches Internetdenkmal ist das vielleicht.

Mein Orchester in Winsen (Aller) werde ich weiter leiten, wenn und so lange es mich behalten will. Darüber hinaus gibt es keinen Plan.

Aber ein paar Dinge weiß ich sicher: Ich werde Freizeit haben. So richtig. Nicht halb, also mit dem Kopf immer im Betrieb, der Buchführung oder, was schlimmer ist, bei Vereinsleuten, die meinen, an mir herumzerren zu müssen. Ich werde nicht mehr alles in Betrieb und Ausbildung stecken. Noch ein paar Dinge mehr weiß ich, die ich aber hier nicht hinschreiben werde.

Und: Ich werde Freude an meinem neuen Beruf haben! Ganz sicher. So ärgerlich und traurig meine Betriebseinstellung für mich und für meine Schüler ist, muss ich sagen, dass die neue Stelle unter diesen Umständen das Beste ist, was mir passieren konnte

Neuer Lebensabschnitt

Ab August werde ich als festangestellter Pädagoge in Vollzeit arbeiten. Ich bin froh, dass ich dafür geworben worden bin. Auf diese Weise bin ich zwar nicht mehr individueller Instrumentallehrer, was ich leidenschaftlich gerne war, aber ich kann den pädagogischen Aspekt meines Berufs weiter pflegen.

Es ist bezeichnend für die Akkordeon-Szene und sehr erschütternd, dass ich in ihr wenig bis keine Anerkennung als Fachmann finden konnte, außerhalb dieses Problem für mich aber nie bestand.

Ich werde den Instrumentalunterricht vermissen, aber ich freue mich auf die neue Aufgabe, mit der ich im August starten darf!

Letztes Schülerkonzert

1993 habe ich erstmals Instrumental-Schüler einer Öffentlichkeit präsentiert. Heute also war es nach 25 Jahren das letzte Mal.

Ich bin stolz auf und glücklich über die Leistungen und die Freude meiner Schüler beim Vorspielen! Ihr habt das, wie immer, großartig gemacht!

Jetzt unterrichte ich noch etwa drei Wochen bis zum Betriebsende und dann ist das, wofür ich so viel getan habe, vorbei.

Ich denke gerade über einen Abschlusstext für meinen Beruf nach. Würde etwas länger werden.

Betriebseinstellung

Hier öffne ich meine Homepage für Kommentare zu meiner Betriebseinstellung. Vielleicht gibt es ja öffentlichen Gesprächsbedarf.

Liebe Eltern, liebe Schüler und Schülerinnen,

ich habe leider keine gute Nachricht für Sie und Euch: Ich bin gezwungen, zu den Sommerferien 2018 den Unterrichtsbetrieb einzustellen und meinen Beruf aufzugeben. Damit kündige ich alle Unterrichtsverträge aus wichtigem Grund ohne Kündigungsfrist (persönliches Schreiben folgt in den nächsten Tagen).

Für die jüngeren Schüler wird es schwer vermittelbar sein, warum ich den Unterricht aufgeben muss, und die Sachlage ist auch grundsätzlich etwas kompliziert. Ich möchte aber gerne versuchen, die Umstände zu erläutern:

Als hauptberuflicher und freischaffender Musiker und Musiklehrer bin ich über die Künstlersozialversicherung versichert. Diese übernimmt staatlich finanziert den Arbeitgeberanteil der Sozial- und insbesondere Krankenversicherung, sodass wir Künstler den Arbeitnehmeranteil zahlen und auf diese Weise in gesetzlichen Krankenkassen Aufnahme finden. Um diesen Zugang zu erhalten gibt es Voraussetzungen. Eine davon ist, dass das versicherungsrelevante Nettoeinkommen über 3.000 € im Jahr liegen muss, damit nur die Personen unterstützt werden, die tatsächlich diesen Beruf zum Lebensunterhalt ausüben.

Für alle, die diese Summe zurecht lächerlich gering finden, muss ich erläutern, dass das Brutto(!)-Einkommen in meinem Beruf durchschnittlich bei nur 13.400 € im Jahr liegt! Damit ist das Einkommen von studierten Fachkräften gemeint! Nicht das von Hobby- und Freizeitlehrern.

Ich hatte in meiner gesamten Laufbahn immer viele Schüler und habe auch derzeit mehr, als jeder Kollege und jede Kollegin, den oder die ich kenne, deshalb ist mein Bruttoeinkommen weit mehr als doppelt so hoch. Um den Betrieb nur wirtschaftlich kostendeckend zu führen benötige ich 40 Schülerverträge, die in der Mischkalkulation pro Vertrag 50 € monatlich einbringen müssten. Durch unvorhergesehene Kündigungen aus unterschiedlichen Gründen im ersten Jahresdrittel bin ich aber von weit über 40 Verträgen nun genau auf dieser Vertragszahl gelandet und werde damit im Jahres-Nettoeinkommen deutlich unter den 3.000 € liegen, die mir den Zugang zur Künstlersozialkasse erhalten würden.

Somit werde ich aus der Künstlersozialkasse ausgeschlossen werden und müsste mich privat versichern. Dies ist aus meinem Einkommen heraus nicht zu leisten und vor allem ist die Beitragshöhe für mein Alter nicht aufbringbar; falls ich überhaupt aufgenommen werden würde. Ich bin also zur Berufsaufgabe gezwungen, obwohl ich einen auch noch mit 40 Schülern ausgesprochen erfolgreichen Unterrichtsbetrieb aus eigener Kraft führe.

In den letzten Wochen und Monaten war ich vormittags damit beschäftigt, zusätzliche Aufgaben in meinem Beruf zu finden, weil mir immer vollkommen klar und es auch mein Berufskonzept war, dass ich nicht nur allein vom Unterricht leben kann. Auch mit Hilfe des Arbeitsamtes ist es mir nicht gelungen, eine meiner Qualifikation entsprechende zusätzliche Aufgabe zu finden. Es gibt nichts. Der Beruf existiert nur noch auf dem Papier. Sowohl mein Vermieter als auch mein Instrumenten-Hersteller und sogar meine Hausbank haben mir Stundungen angeboten. Das kann nicht hoch genug geschätzt werden! Aber das würde das systemische Problem nicht beheben und deshalb nehme ich die Angebote nicht in Anspruch.

Ich möchte Ihnen und Euch gerne klar machen, wie leid mir dies tut und wie wichtig mir mein Betrieb und die Arbeit mit Schülern ist:

Seit meiner Kindheit war Musik für mich existenziell wichtig. Die ersten Jahre wuchs ich ohne Vaterfigur auf, weil mein Vater starb, als ich ein Jahr alt war. Als ich fünf war starb mein geliebter Bruder 17jährig bei einem Autounfall. Meine Mutter tat alles, um das Leben „normal“ zu gestalten, aber an ihr ging das nicht spurlos vorbei. Geld gab es nur für das Nötigste, an Instrumente oder Unterricht war kaum zu denken, aber irgendwie gab es immer Musik im Haus und Lehrer, die immer wieder mal quasi kostenlos unterrichteten. Musik zu machen verschaffte mir Stabilität und Trost und war das Wichtigste für mich, um mit solchen Ereignissen fertig zu werden, insbesondere als es mich selbst als Opfer einer Gewalttat traf und später, als mein Ziehvater während meiner Studienvorbereitungen an Krebs starb.

Ich wollte unter anderem deshalb unbedingt Musiklehrer und Musiker werden, obwohl die Voraussetzungen für mich denkbar ungünstig waren. Ich wollte anderen das zur Verfügung stellen, was Musik mir bedeutet. Deshalb unterrichtete ich hauptsächlich für Vereine, um eben auch Kinder zu erreichen, die sich Unterricht eigentlich nicht leisten können. Das ging mehrfach nicht gut für mich aus, brachte mich in Insolvenz-Gefahr und ins Krankenhaus. Dieses aber in einem eigenen mittelständischen Betrieb zur Verfügung zu stellen ist nun offenbar nicht möglich.

Die kurze Zeit in meinem Betrieb war tatsächlich die schönste meiner beruflichen Laufbahn! Ich liebe die Arbeit mit Schülern an ihren Stücken, ich bin glücklich, Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und einen Anteil daran zu haben. Es geht im Musikunterricht um mehr als nur um Noten: Es geht um den Menschen und seine Reifung.

Mein Beruf brachte mich Menschen nahe, die ich nie vergessen werde. Wertvolle, witzige, gescheite, freundliche Leute, die ich etwas begleiten durfte. Viele habe ich fest in mein Herz geschlossen. In meinem Beruf ist es aber wie etwa in der Schauspielerei: Ohne den großen Durchbruch geht es nicht und der wird bei mir nicht mehr kommen. Und nur die wenigsten erfahren ihn überhaupt.

Kreismusikschulen können diese Preise nur gewährleisten, weil sie gefördert werden. Ich muss alle Kosten aus dem Unterricht heraus finanzieren und alles selbst verwalten. Höhere Preise sind weder durchsetzbar noch in den meisten Fällen zumutbar. Deshalb greifen private Musikschulen und Vereine einerseits auf Honorarkräfte zurück, wenn sie qualifizierte Musiklehrer einstellen. Diese müssen dann aus einem lächerlichen Honorar-Einkommen heraus für die Eigensicherung sorgen (das habe ich lange Zeit für Vereine selbst so gemacht). Oder andererseits greifen sie auf Hobby-Lehrer zurück, die bestenfalls Lehrgänge besucht haben.

Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, als selbständiger Kleinst-unternehmer Unterricht anzubieten, und ich bin tieftraurig darüber.

Für mich geht es beruflich in einem anderen Bereich weiter: Entweder werde ich in meinen Lehrberuf als Verwaltungsfachangestellter zurückkehren oder es gelingt, dem Wunsch einer Rektorin zu entsprechen, dass ich bei ihr als Pädagoge arbeite. Das entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Ich danke Ihnen und Euch allen für das entgegengebrachte Vertrauen und bitte um Verständnis für meine erzwungene Entscheidung.

Herzliche Grüße

Dietmar Steinhaus