Alle Beiträge von Dietmar Steinhaus

Überschlagsrechnung

Rechnen wir doch mal:

Ich unterrichtete in meinem letzten Jahr als freiberuflicher Musiklehrer gut 40 Schüler monatlich und leitete ein Orchester.

Einnahmen monatlich brutto: 2.306 €

Betriebsausgaben: 1.548 €

Künstlersozialversicherung: 100 €

Sonstige notwendige Ausgaben (z. B. Steuer, priv. Vorsorge): 400 €

Nettoeinkommen monatlich: 258 €

Zusammenfassend gesagt: Mehr als 40 Schüler, gemietete Unterrichtsräume, Abzahlung von Inventar und Instrumenten. Zuvor arbeitete ich zeitweise für mehrere Vereine bzw. Organisationen als Lehrer und Orchesterleiter mit einer Schülerzahl von etwa 30 ohne die Mietausgaben und Instrumentenkosten aber mit Lohn-, Lohnnebenkosten und Kosten für Personalbuchführung für eine geringfügig beschäftigt Angestellte, die sich für die eigentliche Chefin hielt, und ich habe dazu unter anderem noch kostenlos Auftritte dirigiert und Arrangements geschrieben.

Jeder dürfte sofort sehen: Davon zu existieren ist kein Spaß und eigentlich unmöglich.

Jetzt schauen wir doch mal, wie die Verhältnisse in einem beliebigen Verein/Club sind:

Ich zähle sechs Akkordeonschüler auf Fotos. Nie mehr. Sagen wir mal, es sind acht. Nehmen wir zudem an, etwa die gleiche Zahl an Keyboard- und/oder Klavierschülern wären da. Dann gibt es noch das Hauptorchester, ein „Spaßorchester“ und die Jugendlichen und Kinder als Klangkörper. Alle werden von einer guten Zahl Orchestermitgliedern unterstützt, sind also keine eigentlichen eigenen Klangkörper, sondern immer dieselben Personen unter anderen Namen mit eben weiteren Spielern. Drei Klangkörper also finanzieren irgendwie ihren Leiter, wobei von den jeweils etwa zwölf Orchesterspielern so ca. fünf in jedem Klangkörper sitzen. Man beschäftigt zwei professionelle Akkordeonisten mit Hochschulabschluss und eine „Lehrerin“, die gerade mal einen oder zwei D-Lehrgänge besucht hat, aber, natürlich, die große, dabei aber ach so bescheidene, Fachkraft spielen darf.

Über die Preise gibt es keine Transparenz.

Es ist keine rhetorische Frage sondern durch dieses Bild eindeutig beantwortbar: Wenn etwa 12 Akkordeon-Orchester-Mitglieder und etwa, großzügig geschätzt, 16 Instrumentalschüler in verschiedenen Besetzungen drei Klangkörper bilden, eine Person davon eine Hobbylehrerin für diesen Verein mit Honorar (!), während sich die echten Profis Unterricht und Klangkörper teilen, auf wessen Kosten wird da gearbeitet? Davon kann kein Mensch existieren, der rechtskonform arbeitet und sich entsprechend versichert! Das geht einfach nicht. Auch nicht, wenn da vielleicht noch irgendwo anders Einnahmen in gleicher Höhe bestehen, was ich bezweifele.

Mit Mitte 20 und Mitte 30, vielleicht ohne Kinder, mag man als Profi noch von sich selbst so begeistert sein, dass man denkt, das wäre zu schaffen: Ist es nicht. Damit ist nur programmiert, dass man vor die Hunde geht. Definitiv. Ich habe es mehrfach bezeugt, war selbst kurz davor und landete im Krankenhaus und es gibt hinreichend auch berühmte Beispiele großer Namen des Akkordeons.

So etwas kann sich ein solcher Verein nur erlauben, weil es für Profis keine Unterstützung gibt, sich niemand um die Scheinselbständigkeit von Fachkräften in Vereinen kümmert und sich heute zumeist osteuropäische professionelle Musiker für ein Appel und ein Ei zu verkaufen bereit sind. Auf den Folgen bleiben die jungen Kollegen selbst sitzen. Dem Verein ist die schiere Existenz der Lehrer egal. Dem geht es nur um die Selbstdarstellung der handelnden Vereinseminenzen und die eigene Großartigkeit.

Aber vielleicht irre ich mich ja und der Club ist in der Lage, beiden Lehrkräften ein insgesamt angemessenes Honorar zu zahlen. Das müsste überschläglich gerechnet für jeden der beiden Profis, wenn sie noch andere Einnahmen haben, bei 2.000 € brutto liegen; insgesamt muss man auf etwa 4.000 € brutto als Profi kommen, damit das Nettoeinkommen wenigstens ansatzweise der Qualifikation entspricht und man davon leben kann. Denn die Kosten der Selbständigkeit sind hoch und man muss Altersvorsorge betreiben.

Also: Zwei Profis, das bedeutet mindestens 4.000 € monatlich an Honorar, damit sie davon existieren können.

Aber die sind froh, dass sie überhaupt einen Job haben und als Künstler aktiv sein können. Und das weiß der Club genau. Solange sie hübsch gehorchen und schön nett sind, dürfen sie auch weiter für ein Einkommen arbeiten, das effektiv unter dem Mindestlohn liegt.

Dafür erzielt der Club an dem an ihnen gesparten Geld die Einnahmen, die ein Clubheim und Reisen finanzieren. Da darf man dann mitfahren. Natürlich arbeiten: Proben, Auftritte. Damit verdient man sich dann Unterkunft und Frühstück, in Jugendherbergen auch Mittag und Abendbrot. Honorar?! Nun mal nicht unverschämt werden!

Schöne, heile Akkordeon-Orchester-Welt, nicht wahr?

Nachruf und Kritik

Die Akkordeon-Szene stirbt. Das scheint mir eindeutig zu sein. Niemand kümmert sich ernsthaft um andere, jeder ist von sich selbst begeistert und konzentriert sich nur auf sich.

Ich habe 2014 aufgegeben, etwas bewegen zu wollen und reihe mich resigniert ein.

Aber ich beobachte. Nicht eng, aber doch. Jetzt habe ich etwa einen Monat nach einer erschreckenden Nachricht gewartet. Es hat sich nichts bewegt, also habe ich den Dachverband angeschrieben, nachdem deutlich wurde, dass eine einfache Änderung auf der Homepage, die den verstorbenen 1. Vorsitzenden meines Heimatvereines aus dem Impressum nimmt, nicht geschehen ist.

Meine Mail:

“Lieber Vorstand des DHV Niedersachsen,

in meinen Augen sagt es viel über den Zustand des entsprechenden Vereins aber auch des DHV insgesamt aus, dass offenbar niemand aus den kümmerlichen Resten des einstmals großen und verdienstvollen Akkordeon-Spielrings Walsrode es für angezeigt hielt, Euch zu informieren, bzw. von Eurer Seite keine selbständigen Änderungen vorgenommen worden sind. Es ist nicht meine Aufgabe, aber eine Frage des menschlichen Anstandes, Euch zu informieren:

Der erste Vorsitzende des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V., Hans Fuhrhop, ist bereits Anfang März plötzlich und unerwartet verstorben.

Hans Fuhrhop trat dem Verein nur wenige Jahre nach Gründung bei, spielte viele Jahre in einem der Klangkörper (“Golden Oldies”), der, nachdem das 1. Orchester (“Akkordeon-Sound-Orchester”) unter Stefan Schmidt zugrunde gerichtet worden war, die Auftritts-Aufgaben des Orchesters übernahm, und war über ein Jahrzehnt der 1. Vorsitzende des Vereins.

Ich bilde es mir wahrscheinlich nur ein, weil das beschönigende Jugenderinnerungen sein mögen, aber ich meine, es gab eine Zeit, in der auf solche Dinge im DHV Wert gelegt wurden und Verdienste gewürdigt und gepflegt. Mag, wie gesagt, Einbildung sein. Heute habe ich den Eindruck, dass es zwischen indifferenter Teilnahmslosigkeit und dem Besoffen-Sein von eigener Großartigkeit in der Szene nicht mehr viel zu geben scheint.

Viele Grüße

Dietmar Steinhaus”

(In der Mail habe ich, ich weiß nicht, wie das passieren konnte, Hans Fuhrhops Namen falsch geschrieben.)

Morgengedanken

5.45 Uhr, die Vorbereitung für den Unterrichtstag ist fertig, ich hänge in Gedanken meinem Gespräch mit einem Kollegen gestern nach: Für ihn sieht es genau so aus, wie für mich vor einem dreiviertel Jahr und wie für alle, die ich beobachte. Man hat keine Gelegenheit, gleichzeitig sein Niveau zu halten, einkömmlich zu arbeiten und ein schönes Privatleben zu führen. Das kann nur den wenigsten gelingen, der Rest von uns ist im Grunde Kanonenfutter in einer rücksichtslosen Szene, in der Beziehungen den Erfolg bestimmen.

Sogar Selbstverständlichkeiten hängen davon ab. Beispiel? Aber bitte: Ich fing 1993 an, Akkordeon-Orchester zu leiten und tue das seitdem kontinuierlich (in meiner erfolgreichsten Zeit vier Orchester und Ensembles). 2013 rechnete ich mit der routinemäßigen Ehrung des Dachverbandes. Die kam nicht. Also feierte ich mein Jubiläum mit meinem Orchester ein Jahr später nach.

Mir gegenüber wurde dann hartnäckig, als ehemaliger Bezirksvorsitzender weiß ich sicher, falsch behauptet, diese Ehrung gebe es für 25-jährige Orchesterleitung. Dieser Termin verstrich 2018.

Abgesehen davon, dass ich an die Aufrichtigkeit dieser Ehrung nicht mehr glauben würde, zeigt alleine das schon, wie die Verhältnisse in diesem Beruf sind.

Das war für mich der schönste Beruf der Welt. Er ist es noch. Aber zum Glück kann ich jetzt im zweit schönsten arbeiten.

5.55 Uhr: Aufbruch zur Arbeit.

Danke, Herr Kück

Heute, 17.3.2019, erzählte mir meine Schwester, dass Heinz-Gerhard Kück, ehemaliger Rektor der Wilhelm-Röpke-Schule Schwarmstedt, überraschend verstorben ist. Mich hat diese Nachricht tief erschüttert.

Ich besuchte die Wilhelm-Röpke-Schule in der damaligen Orientierungsstufe und der Hauptschule und muss sagen, dass ich ein problematischer Schüler mit großen Schwierigkeiten war. Nachdem die Situation für mich dramatisch eskaliert war, fand ich eine gewisse Konzentration auf den Unterricht und konnte mich für die damals erstmalig eingeführte 10. Klasse qualifizieren, um den Realschulabschluss zu erlangen.

Klassenlehrer der 10. Klasse Hauptschule war Herr Kück. Unmittelbar wurde Herr Kück für mich zu einem Vorbild: Herr Kück war humorvoll, ohne albern zu sein. Er war durch seine verlässliche Verbindlichkeit und klare Ordnung eine Autoritätsperson. Herr Kück beobachtete seine Schüler genau und gab ihnen immer verbal und nonverbal Rückmeldung über ihren Stand.

Als ich die Schule vor einigen Jahren das erste Mal nach meinem Realschulabschluss dort mit meinem Sohn besuchte, um ihm mal meine Schule zu zeigen, als wir auf dem Rückweg von einer meiner Proben durch Schwarmstedt fuhren, war Herr Kück Schulleiter aber nicht in der Schule.

Ich hätte ihm gerne gesagt, was ich jetzt hier hinschreibe:

Herr Kück war für mich das Idealbild eines Lehrers und ein menschliches Vorbild. Völlig gewaltfrei aber mit gesunder Autorität leitete er seine Klasse. Viele gute Erinnerungen meiner Schulzeit sind mit ihm verknüpft und werden es immer sein. Ich verdanke ihm nicht nur, dass ich den Realschulabschluss mit hervorragenden Noten erreichte, sondern auch meine Grundeinstellung zur Bildung. Ohne ihn hätte ich nicht versucht, das Abitur zu erlangen und ohne ihn hätte ich wohl auch nicht mit dem Lehramts-Studium angefangen und letztlich wohl auch nicht mein Diplom erlangt. Bei Herrn Kück und durch seinen Unterricht ist mir klar geworden, dass ich mehr erreichen konnte, als die Hauptschule gut abzuschließen.

Ich habe ihm das nie gesagt und werfe mir vor, keine Gelegenheit dazu geschaffen zu haben.

Danke, Herr Kück!

Widerspruch von “Felix Hartmann”

Ich erhielt vor Kurzem einen Kommentar zu meiner Betriebsaufgabe und meiner Zwischenbilanz. Der Autor stellt sich als “Felix Hartmann”, angeblich Diplom-Musiklehrer, Akkordeon-Orchesterleiter und Kulturjournalist vor. Auf meine Antwort-Mail reagierte er nicht, ich kenne ihn nicht persönlich und konnte im Internet auch keine seine Identität verifizierenden Spuren entdecken.

Ich halte meine Entscheidung, meinen geliebten Beruf aufzugeben, für richtig und bereue sie nicht. Bereut hätte ich, wenn ich in dem Beruf, wie viele meiner Kollegen (Beispiele aus meinem direkten Umfeld: ein Lehrer, ein Kollege, mein Professor), finanziell und/oder gesundheitlich daran zugrunde gegangen wäre.

“Felix Hartmann” versucht einen Gegenentwurf zu meiner Entscheidung. Im Kern läuft dieser darauf hinaus, zu sagen, dass man sich für die gute Sache quasi aufopfern muss, sich an kleinen Erfolgen erfreuen soll und, wenn es nicht klappt, im Grunde auch selbst daran schuld ist. So naiv war ich in seinem angegebenen Alter auch noch, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich aus Naivität heraus oder anders motiviert geschrieben ist.

Heute sehe ich das nicht so. Ich sehe es so, dass Musiklehrer im freien Beruf insbesondere in Vereinen und den Dachverbänden nicht genügend Anerkennung und Respekt für ihre Leistung bekommen (eher im Gegenteil) und spreche damit keineswegs nur von mir. Beziehungen stehen in der Szene ganz weit oben, wenn man sozusagen etwas erreichen will. Somit ist der Beruf Akkordeon-Lehrer weitgehend ausgestorben und das liegt nicht an den Profis, die diesen Beruf ausüben oder ausgeübt haben.

“Felix Hartmanns” Kommentar ist lesenswert. Ich meine nicht, dass er meine Logik hinter meiner Entscheidung entkräftet oder der Vernunft dieser Entscheidung  erfolgreich widerspricht, aber ich möchte seinen Einwand auch nicht unter den Teppich kehren.

Ich bin absolut sicher, dass weitere Kolleginnen und Kollegen derzeit vor einer ähnlichen Entscheidung stehen wie ich letztes Jahr. Außerdem stehen viele junge Talente hoffnungsfroh vor der Entscheidung, ob sie Musik studieren sollten. Für diese Personen mag diese Debatte interessant sein (obwohl mir klar ist, dass ich nach meinem Rückzug aus der Szene nicht einmal die wenige Beachtung mehr bekomme, die ich mal hatte).

Aber mein Urteil ist klar: Wer aussteigen kann, sollte das tun; insbesondere aus der Akkordeon-Szene. Das Studium ist emotional und intellektuell bereichernd, wenn man das Zeug dazu hat und sich voll einbringt. Aber: Am Ende steht nur für die wenigsten Musiker ein hinreichendes Auskommen! Außerdem sieht die berufliche Realität so aus, dass man nur in absoluten Ausnahmefällen wieder an die Übezeiten herankommt, die man im Studium aufbrachte und es kaum möglich ist, sein Niveau zu halten. Wer arbeitet, um Geld zu verdienen, vielleicht eine Familie gründet, kann vom Üben und Spielen nicht leben und muss da zurückstecken. Das kann sehr frustrierend sein!

Und letztlich muss man sagen: Kein Verband und kein Verein gibt Rückhalt. Es zählen Beziehungen und Eigeninteressen.

Zwischenbilanz

Ich habe um Weihnachten/Neujahr wieder einige Briefe und Postkarten von ehemaligen Schülerinnen und Schülern erhalten und freue mich darüber sehr! Teilweise wurden sie persönlich an eine meiner Arbeitsstellen gebracht und tragen keinen Absender. Weil ich aus Datenschutzgründen keine Schüler-Adressen nach meiner Betriebseinstellung mehr habe, kann ich nicht direkt antworten und hoffe, dass es alle erreicht, wenn ich mich hier herzlich bedanke.

Ein halbes Jahr im neuen Beruf und damit Zeit, Bilanz zu ziehen.

Geblieben ist:

  • Ich mache meine Arbeit gerne und engagiere mich sehr.
  • Ich kann Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten, sie unterstützen und unterrichten.

Neu ist im Gegensatz zu meiner Arbeit in Vereinen:

  • Mit meinem neuen Beruf kann ich meinen Lebensunterhalt und den meiner Familie bestreiten.
  • In meinem neuen Beruf erlebe ich täglich echte Kollegialität und faire und zupackende Vorgesetzte.
  • Ich bin kein Spielball der Launen.
  • Ich befinde mich in einer klaren Rechtsbeziehung zu meinem Arbeitgeber, kann ggf. Standpunkte argumentativ erstreiten und bin nicht mehr scheinselbständig.
  • Es gibt keine teuren Reisen mehr, bei denen Vorstände versuchen, mir die Unterbringung in einer Jugendherberge oder, wenn es gut läuft, einem Hotel als Großzügigkeit zu verkaufen, und die mich aufgrund des sowieso schon geringen Einkommens regelmäßig nahezu ruinieren.
  • Unsinniges Gerede oder ähnliches wird nicht hingenommen oder unter den Teppich gekehrt sondern so etwas wird angegangen.
  • Meine Qualifikationen werden anerkannt und nicht nach Lust und Laune infrage gestellt.
  • Fachkollegen erkennen Leistungen an und respektieren mich dafür; eine ganz neue und sehr schöne Erfahrung, die in meinem eigentlichen Beruf die Ausnahme war.
  • Ich habe einen Rechtsschutz gegen Willkür.

Es war eine kluge und die einzig richtige Entscheidung, meinen Traumberuf für diese neue Arbeit aufzugeben. Die Vorstellung, die ich hatte, nämlich in Vereinen eine fundierte Instrumental-Ausbildung mit dem Ziel zu geben, ein leistungsstarkes Orchester aufzubauen, funktioniert nicht, ist nicht gewünscht und wird von den Dachverbänden auf keiner Ebene wirklich unterstützt. Man bekommt maximal, wenn überhaupt, Lippenbekenntnisse. Für ein paar wenige Jahre konnte ich mein Ziel in Langenhagen umsetzen, aber dann spinnt wieder irgendwer, der sich wichtig fühlt, herum, und das reicht in Vereinen, um jemanden loszuwerden.

In räumlicher Nähe zu anderen Vereinen ein eigenes Unterrichts-Angebot aufzubauen wurde von Vereinen ebenfalls nicht als Chance wahrgenommen. Das weiter aufrecht zu erhalten hätte mich ruiniert.

Ich habe meinen Betrieb dank Höherer Handelsschule und Verwaltungsausbildung mit Buchführung selbst geführt, habe durch das Studium (Abschluss mit Bestnoten) die künstlerische, pädagogische und allgemein fachliche Kompetenz und ich hatte die Leidenschaft für den Beruf. Aber das reicht der Szene irgendwie nicht.

Ich habe mir nicht angesehen, was der letzte Verein, für den ich das anbot, so macht, seit ich dort weg bin. Ich vermute, sie machen das, was alle gemacht haben, als ihnen die Substanz flöten ging, nachdem man die idealistischen Fachleute abservierte: Man engagiert Virtuosen, an denen man sich eine Weile berauscht. Bis man deren Programm kennt und diese Musiker aufgrund der Arbeit immer weniger Zeit zum Üben haben. Dann retten sie sich ein wenig durch Auftritte mit Kollegen (Das ist kein Vorwurf sondern nahezu zwangsläufig so). Konzerte werden nicht mehr vom Orchester alleine bestritten, sondern es werden immer, nicht nur mal gelegentlich aus besonderem Anlass und mit eigener Beteiligung, Künstler oder Gruppen eingeladen, um die Konzerte aufzuwerten. In deren Glanz versucht man sich noch ein wenig zu sonnen und steht kuhäugig vor deren Kunst. Und das Orchester selbst dümpelt vor sich hin. Schüler sind im Orchester nur gelegentlich Gäste, die „alten Hasen“ sitzen wie betoniert auf ihren Stühlen und lassen sich die jungen Spieler nicht entwickeln. Das Orchester spielt vier- oder dreistimmig und findet das plötzlich schön. Plötzlich findet man auch ernste Musik schön, obwohl man vorher „Swing with Robbie Williams“ zu anspruchsvoll fand. Und dann plötzlich doch nicht mehr; wie immer eben. Die Vierstimmigkeit rechtfertigt man, wenn dazu die Kompetenz reicht (was selten ist) oder man das so aufgeschnappt hat, mit Hugo Herrmann oder entsprechenden Äußerungen von Stefan Hippe.

Wer mag, kann ja mal prüfen, wo auf dieser Route mein voriger Verein jetzt steht. Ich kann nur kopfschüttelnd resigniert abwinken.

Seit meiner neuen Anstellung habe ich nicht mehr vernünftig üben können. Ab Februar ändert sich etwas in meiner Beschäftigung und ich hoffe, dass ich dadurch von der derzeitigen 60-Stunden-Woche runter komme. „Großes“ will ich nicht mehr auf dem Instrument und schon gar nicht in der Szene. Das ist wirklich für mich erledigt und ich bin überzeugt, dass die Szene sich nicht mehr lange wird halten können.

Aber: Ich habe das überlebt (das ist buchstäblich so gemeint), bin rechtzeitig ausgestiegen, um nicht daran pleite zu gehen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen davon zu tragen. Es ist gut, wie es ist.

Betriebsauflösung

Heute Nachmittag wird mein Betrieb endgültig ausgeräumt.

Mehrere Wochen stark schwankende Internetverbindung mit teilweisem Ausfall sogar der Telefonleitung. Scheint jetzt nach dem endlich doch erfolgten Besuch des Telekom-Technikers behoben zu sein.

Ich habe mich in meinem neuen Beruf als Pädagoge gut eingefunden und darf sagen, dass ich mich großer Beliebtheit erfreue.

Die letzten Wochen waren hart: Immer wieder wurde mir klar, dass mein eigentlicher Beruf nicht mehr mein Beruf ist und vieles, was ich an ihm liebte, ist einfach nicht mehr meine Lebenswirklichkeit. Außerdem ist nicht nur der Zeitaufwand für meine neue Tätigkeit ähnlich dem, den ich in meiner Selbständigkeit hatte, also sehr, sehr hoch, sondern die inhaltliche Neuausrichtung und die Dokumentationspflichten bedeuten einen hohen Lernaufwand für mich. Fachlich und pädagogisch gibt es keinerlei Schwierigkeiten; war ein gutes Studium, das ich absolviert habe.

Heute Nachmittag wird mein Betrieb endgültig ausgeräumt. Das macht mir zu schaffen und hält mich noch wach.

Aber auch wenn mein Beruf für mich nicht mehr existiert (nicht nur für mich sondern eigentlich grundsätzlich; die jungen Kollegen, die meinen Platz einnahmen, werden schon noch aufwachen. Und das wird ein böses Erwachen.): Ich arrangiere für mein Orchester und zum eigenen Vergnügen. Drei Stücke sind fertig und werden nach den Herbstferien geprobt, zwei größere bearbeite ich gerade und die werden im nächsten Jahr geübt.

Wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist und die neue Tätigkeit nicht mehr so zeitaufwändig ist, kann ich auch wieder etwas für mich am Instrument tun. Das eigene Spiel litt nach dem Studium doch sehr wegen der aufwändigen Tätigkeit insbesondere für die Vereine. Noch habe ich nicht wirklich Zeit zum effektiven Üben. Ich hoffe, das kommt noch und bald.

Matinee 2018

Matinee mit dem 1. Akkordeonorchester Winsen Aller

Am Sonntag, dem 2.9.2018, laden bei freiem Eintritt der Verkehrs- und Verschönerungsverein und der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) zur jährlichen Matinee des Akkordeon-Orchesters in „Dat Groode Hus“ auf dem Museumshof, Brauckmanns Kerkstieg 10, 29308 Winsen (Aller) ein. Das Konzert beginnt um 11.00 Uhr.

Länder, in denen man oft Nordlichter beobachten kann, stehen am kommenden Wochenende auf dem Programm des Orchesters. Der erste Satz der „Nordischen Sonate“ zeichnet eine urwüchsige Landschaft mit aus ruhiger See schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Fjorden, dramatischen Wolkentürmen und stürmenden Wolkenfetzen. Während hier musikalische Aufregung herrscht und in einem anderen Stück der nordische Gott Thor wütend seinen Hammer schwingt, sorgen ein Abba-Medley und irische Musik aus „Lord Of The Dance“ für leichtherzige Stimmung. Die hymnische Musik der irischen Band „U2“ verbindet Drama mit Leichtigkeit und ist in einem Spezialarrangement für dieses Orchester zu hören. Im Norden ist es bei langen Nächten kalt: „Winter is coming!“ Das ist die unheilvolle Drohung der Roman-Folge und des Fernseh-Dramas „A Game Of Thrones“, dessen Titelmelodie grollend das wunderschöne, historische Zweiständer-Bauernhaus zum Beben bringen wird. Nordisch-deftige Kost wird sich mit musikalischen Sahnebonbons abwechseln und die Musikerinnen und Musiker des Akkordeon-Orchesters freuen sich nach intensiven Proben bei hochsommerlichen Temperaturen auf das Konzert mit zum großen Teil Bearbeitungen speziell für dieses Orchester.

Die Nordische Sonate von Gerhard Mohr ist ein dreisätziges Werk für Akkordeonorchester, von dem der 1. Satz vorgetragen wird. Nachdem das Akkordeon als Instrument voll entwickelt war, gab es, kriegsbedingt verzögert, starke Bemühungen, das Instrument in der ernsten Konzertmusik zu etablieren. Der im letzten Jahr verstorbene Akkordeon-Virtuose Dietmar Walther war eine der treibenden Personen dieser Bewegung, die in der heutigen Zeit bundesweit und insbesondere in Niedersachsen leider deutliche Zeichen des teilweise selbst verschuldeten Niedergangs zeigt. (Umso mehr freue ich mich über dieses Orchester hier in Winsen!) Walther knüpfte immer wieder Kontakte zu namhaften Komponisten und weckte bei ihnen Begeisterung gerade auch für den seinerzeit ganz jungen, ungewöhnlichen und viel belächelten Klangkörper Akkordeon-Orchester.

Gerhard Mohr (1901 – 1979) gehört zu diesen von Dietmar Walther inspirierten Komponisten. Mohr war in der gehobenen Unterhaltungsmusik zuhause und ihm gelang neben verschiedenen Orchester- und Ensemble-Werken mit dem langsamen Chanson „Bei zärtlicher Musik“ 1935 ein großer Erfolg. Mit der nordischen Sonate behandelt er das Akkordeon-Orchester ironiefrei als ernsthaften Klangkörper mit hohem künstlerischen und auch virtuosen Anspruch. Dabei verliert er das Publikum nicht aus dem Auge: Seine nationalromantisch geprägte Suite mit impressionistischen Effekten bietet reizvolle Melodien in einer dramatischen, spannungsreichen und bildhaft anschaulichen Bearbeitung.

Eine zarte, in einem Sinfonie-Orchester vermutlich von der Oboe oder der Flöte vorgetragenen Melodie versetzt uns in eine nordische Landschaft, in der Nebelschwaden in den Wipfeln von Kiefernwäldern und über Mooren hängen. Ohne langes Zögern baut Mohr musikalische Kontraste auf, die den Eindruck von schroff aufragenden Felsen, zerklüfteten Hochebenen, dramatisch aus dem Wasser ragenden Felswänden und Sturmgeschehen erwecken. Immer wieder kommt die Musik zur Ruhe, zeigt fast völlige Erschöpfung, um aus dieser Ruhe heraus erneut energisch hervorzubrechen. Gegen Ende des 1. Satzes hört man die Musik zweimal tief durchatmen, sich vollkommen verausgabt scheinbar endgültig zu beruhigen, nur um dann furios und in einem kurzen Anlauf dem Ende entgegen zu stürmen.

Ich freue mich auf das Musizieren mit diesem Orchester und wünsche Ihnen viel Freude an der Matinee!

Dietmar Steinhaus

Arbeitsaufnahme als Pädagoge im öffentlichen Dienst

Ab 1.8.2018 arbeite ich als Pädagoge im öffentlichen Dienst. Die täglichen Vorbereitungen auf meine neue Aufgabe und berufsbegleitenden Lehrgänge werden es schwer machen, diese Seite weiter zu pflegen; die Berufsausübung als Musiklehrer im freien Beruf, als Orchesterleiter, Musiker und Bearbeiter oder sogar Komponist ist unmöglich und bereits weitgehend eingestellt.

Ich werde mein Winser Orchester weiter leiten und vor allem werden es die Aktivitäten dieses Klangkörpers sein, die ich hier präsentieren werde.

Gerade in den letzten Wochen habe ich viel Zuspruch und Unterstützung erfahren und danke dafür herzlich! Es waren sogar berufsgebundene Angebote darunter, die ich vor weniger als einem halben Jahr als große Chance angenommen hätte. Aber ich stehe bereits im Wort und bin dankbar, dass ich für meine neue Aufgabe sozusagen geheadhunted wurde.

Ich freue mich vor allem auf die neue Tätigkeit. Aber ich freue mich auch über die existentielle Sicherheit, die für mich erstmalig in meinem Berufsleben da sein wird. Und ganz besonders freue ich mich, das muss ich leider sagen, dass meine Existenz nicht mehr von den Launen anderer abhängt.

Ich danke nochmal allen meinen Schülern und Orchesterspielern in Kinder-, Jugend- und Erwachsenenorchestern und Kindern des Kinderchores sowie ihren Eltern für das Vertrauen und die wunderbare Zeit! Es waren immer Vereins- und Verbandsquerelen, die die Arbeit für die jeweiligen Vereine untragbar machten. Davon ausnehmen möchte ich ausdrücklich die Rappelkiste Bergen (mein Weggang dort war betriebswirtschaftlich und betriebsrechtlich bedingt) und den Akkordeonverein Winsen (Aller). In jedem anderen Verein setzten sich irgendwann, mal früher, mal später, Leute durch, die Vereins- und Musikinteressen mit Selbstdarstellung und persönlichen Eigeninteressen oder anderem verwechselten.

Vielen Dank und meinen Schülern alles Gute!

(Weil mir das gerade begegnet ist:

1N73LL163NC3

15

7H3

481L17Y

70

4D4P7

70

CH4N63

573PH3N H4WK1N6)