Alle Beiträge von Dietmar Steinhaus

Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-Mir-Nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”

Reite, Cowboy!

Ein sonniger klarer Morgen, Raureif auf der frisch umgegrabenen ehemaligen Rasenfläche, die jetzt ein Blumenmeer werden soll, vor dem Haus. Ich warte auf die übliche Zeit, um zu meiner Mutter zur Hilfe zu fahren. Was also gibt es Netteres zu tun, als Trumpisch zu übersetzen? Trumpisch ist ein neuer Sprachstamm, entstanden in den USA, gesprochen von dem selbsternannten “sehr stabilen Genie” Donald Trump allein.

In New York entsteht eine gesellschaftliche Katastrophe, weil aufgrund der Pandemie die Krankenhäuser überlastet sind. Die Regierung soll Hilfe leisten. Finanziell und materiell. Unter anderem werden Masken gebraucht.

Trump sieht das nicht ein. Warum fehlen denn Masken?! Unglaublich! Das sehr stabile Genie analysiert vor laufenden Kameras gegenüber der von ihm so genannten “Lügenpresse”: “Es ist ein New-York-Hospital, sehr – es ist immer brechend voll. Wie kommt man von zehn- zu zwanzig- zu dreihunderttausend?” In geduldig belehrendem Ton fährt er fort: “Zehn- bis zwanzigtausend Masken bis drei-hundert-tausend!” Bedeutungsschwangere Pause. Und dann: “Selbst wenn das unterschiedlich ist, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Und ihr müsst euch das als Reporter genau ansehen! Wo sind die Masken hin? Sind sie zur Hintertür rausgegangen? Ich denke, Leute sollten das untersuchen, weil etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, ob – es ist nicht – es ist Horten, ich denke, es ist vielleicht schlimmer als Horten.”

Danach freut er sich auf Twitter: “Präsident Trump ist ein Einschaltquoten-Hit. Seit Wiederbelebung der täglichen Weißes-Haus-Pressekonferenzen haben Herr Trump und seine Corona-Virus-Updates ein durchschnittliches Publikum von 8.5 Millionen im Kabelfernsehen angezogen, ungefähr die Einschaltquote des Staffelfinales von ´Der Bachelor`.” Bei 150.000 nachgewiesen (es fehlen Tests) Infizierten und 2.500 Toten in den USA kann man sich ja auch schon mal über Einschaltquotensiege gegen dämliche Schows freuen, oder?

Die Demokraten in den USA haben ihn ins Amt gehoben, das Amtsenthebungsverfahren ist gescheitert, obwohl er sich seine privaten Taschen füllt, Steuern hinterzieht, Frauen und Mädchen mindestens belästigt und wahrscheinlich sogar vergewaltigt hat, mit ausländischer Hilfe Wahlbetrug begangen hat und mental buchstäblich zerfällt. Aber er findet seine Einschaltquoten toll.

Und jetzt hat die demokratische Partei gemeinsam mit der Presse mit Bernie Sanders den einzigen Gegenkandidaten, der echte Sozialreformen, die von mehr als 60 % der Bevölkerung ersehnt werden, glaubhaft im Programm hat, vernichtet und mit Joe Biden einen Kandidaten hochgeschrieben, der für Stillstand steht und selbst mit mentalem Niedergang ringt. Trump und seine Anhänger werden den plattwalzen wie Clinton, und am Ende wird Trump weiter im Amt bleiben.

Bei tollen Einschaltquoten.

Aber ich will auch noch ein wenig richtigen Spaß haben! Und dafür ist der orange Utan auch immer wieder gut:

Wenn er behauptet, man hätte etwas nicht gewusst, bedeutet das immer, dass er selbst etwas nicht gewusst hat. Beispielsweise hat er die Gesundheitsreform Obamas zurückgezogen, ohne seine eigene groß angekündigte umzusetzen. Warum hat er keine eigene fertig bekommen? Nun: “Niemand wusste, dass das so kompliziert ist.” Seine Worte. Jetzt erklärte er auf der Pressekonferenz, der Virus sei in 151 Ländern ausgebreitet: “151! Könnt ihr euch das vorstellen?! Jemand sagte zu mir heute, er wusste gar nicht, dass es so viele Länder gibt.” Donald Trump: Gelebter Bildungsmangel.

Ihm sei empfohlen worden, die Pandemie “auszureiten”: “Wir hatten viele Leute, die sagten, vielleicht sollten wir gar nichts machen. Einfach ausreiten. Sie sagten, reite es wie ein Cowboy!” Das imaginäre Lasso schwingend, unerschrockene Tapferkeit in Stimme und Gesicht: “Reite es einfach! Reite diesen Lutscher! Reite mittendurch!” Eloquent, staatsmännisch, tröstend, ein rhetorisches sehr stabiles Genie, fürwahr.

Stärke in der Krise

Wer hier liest, dem wird nicht entgangen sein, dass ich von den musikalischen Dachverbänden enttäuscht bin und von den Akkordeon-Dachverbänden sogar mehr als das.

Aber Lob muss sein, wenn es geboten ist: In der derzeitigen Krise zeigen der Deutsche Harmonika-Verband (DHV) und der Landesmusikrat Niedersachsen (LMR) schnelles und sachgerechtes Handeln. Ich nehme beiden nicht übel, dass sie mich unter diesen Umständen weiter anschreiben, obwohl ich mehrfach erklärte, nicht mehr als Musiklehrer/Musiker/Arrangeur oder ähnliches aktiv zu sein. Das ist eine Lächerlichkeit angesichts der Lage.

Der LMR hat eine Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, um Orientierung über ihre Situation zu bekommen. Die ist desaströs: Der weit größte Teil, nahe 90 %, arbeitet als Solo-Musiker und ist auf individuelles und direkt erzieltes Einkommen angewiesen. Ich war einer von diesen Kollegen. Jetzt stehen sie vor dem Zusammenbruch ihrer Existenz.

Über die Hilfen, die es gibt, informierten beide Verbände zügig, umfassend, klar und hilfsbereit. Wäre ich noch in meinem Beruf, hätte ich tiefe Existenzangst und wäre für diese Leistung unglaublich dankbar.

Was hier geleistet wird, ist ein Verdienst der administrativen Teile beider Verbände. Meine nicht so gute Meinung über die  Fachkollegen und ihrem Verhalten bleibt aber bestehen.

Dafür wiederhole ich ein Beispiel: In einer DHV-Mail wurde ich zu mehr Mitarbeit aufgefordert, nachdem ich mich aber bereits aus dem Beruf zurückgezogen hatte. Darin fand sich die Aussage, man möge doch mal Vorschläge machen, was der Verband leisten solle und mokierte sich etwas über Ehrungen als etwas Beiläufiges, Unbedeutendes. Ich finde das aber nicht unbedeutend. Ich, und da bin ich sicher nicht alleine, bin stolz auf meine Arbeit und die vielen Jahre, die ich sie verrichtete bzw. als Leiter meines Orchesters noch verrichte.

Der DHV ehrt Dirigenten wie folgt:

10 Jahre Dirigentennadel silber

20 Jahre Dirigentennadel gold

30 Jahre Dirigentennadel gold mit Auszeichnung

und so weiter.

Ich startete als Dirigent 1993. 2003 erhielt ich keine Nadel dafür. Gut, dachte ich, man geht vom vollen Jahr, also 1994 und damit Ehrung 2004, aus. Aber nichts passierte. Aber 2009 endlich erhielt ich die Nadel in silber! Warum dann? Weil der Akkordeon-Club Langenhagen einen Anlass für einen Artikel in der Zeitung haben wollte. Dafür werden dann mal eben sechs Jahre Arbeit unterschlagen und wird die Ehrungsuhr zurückgesetzt, und von mir wurde selbstverständlich erwartet, trotz dieser Unterschlagung, was ich auch tat, dankbar und glücklich in die Kamera zu lächeln. Erhielt ich also 2013 die fällige Nadel in gold für 20 Jahre? Nein. Ach ja: Immer volles Jahr, also 2014, richtig? Falsch. Denn ich war mittlerweile und schon vor 2013 im Langenhagener Club in Ungnade gefallen und man wollte mir zeigen, wer das Sagen hat und was man von mir eigentlich hält. Da passt dann eine Ehrung nicht. Wäre ja noch schöner. Mir wurde von anderer Seite zusätzlich stattdessen, fälschlicherweise aber nachdrücklich, erklärt, die Ehrung gäbe es erst für 25 Jahre. Also erhielt ich 2018 die Nadel in gold? Wieder nicht. “Natürlich!”, dachte ich: “Die rechnen jetzt 10 Jahre von der ersten Ehrung aus!” Rechnet man von der ersten Ehrung aus, hätte ich also die Ehrung für 20 Jahre dann 2019 erhalten müssen, was auch mit den vermeintlichen 25 Jahren zusammengefallen wäre. Und? Ja: Hätte. Passierte  ebenfalls nicht. Aber dafür erhielt ich eine Mail, die mir sagt, Ehrungen seien ja eigentlich lächerlich aber würden als Pflichtübung absolviert. Nicht einmal dieses bisschen Anerkennung und tatsächlich auch Werbung, die ich wirklich für meinen Betrieb dringend hätte gebrauchen können, habe ich von dem Verband erhalten.

Meine Urkunde für 10 Jahre hängt noch in meinem Arbeitszimmer. Vielleicht räume ich zu wenig auf. Dank des DHV für herausragende Arbeit für die Akkordeon-Orchester-Szene wird da beurkundet. Jeder, auch jeder Hampelmann, und die gibt es, der irgendwie 10 Jahre vor einem Akkordeon-Orchester steht und dessen Ehrung von jemandem betrieben wird, leistet also Herausragendes. Also ja: Eigentlich sind diese Ehrungen lächerlich. Und sie sind nicht ernst gemeint, denn dem Verband bin ich egal und bestenfalls ein klein wenig lästig.

Der Deutsche Akkordeon-Lehrer-Verband (DALV), dem ich über 10 Jahre angehörte, hat mich übrigens auch nie dafür geehrt, obwohl das vorgesehen ist. DALV und DHV arbeiten zusammen. Es gibt Personalunionen, man kennt sich. Und man weiß, wen man nicht ehren möchte.

Und gerade deshalb ist es wichtig anzuerkennen, wenn etwas großartig gemacht wird: Der DHV und der LMR leisten gerade ausgezeichnete Arbeit.

 

Kampf gegen die Pandemie

Wo stehen wir?

Im Kleinen: Zwei Dachverbände haben mich gerade angeschrieben, dass es für Kleinunternehmen, wie meines eines war, Hilfen gebe. Dafür kann man nur Danke sagen und Lob ausschütten. Für die Hilfe und für die schnelle Arbeit des Deutschen Harmonika-Verbandes und des Landesmusikrates. Für mich persönlich bedeutet das natürlich keine Hilfe, weil mein Betrieb nicht mehr existiert, aber ich leite dies weiter. Dass ich trotz meiner Betriebseinstellung wieder von den Verbänden angeschrieben wurde, kann ich nicht kritisieren. Es ist eben eine besondere Situation und ich leite ja ein Orchester. Wer soll sich da Gedanken darüber machen, ob ich das noch beruflich mache oder nicht, und ich bin in den Verbänden eben doch nicht besonders bekannt, denke ich.

Im Großen: Die Schritte, die Ausbreitung zu verlangsamen, halte ich für notwendig und richtig. Deshalb war ich mir sicher, dass bald jemand mit genau der gegenteiligen Meinung um die Ecke kommt. Und das ist wieder mal in seiner narzisstischen Arroganz und Mangelbildung zuverlässig der orange Utan im Weißen Haus, Donald Trump: Er möchte die Empfehlungen zu Ostern wieder aufheben, damit die Ökonomie einen Schub bekommt.

Im Durchschnitt, nach dem, was man zuverlässig sagen kann, liegt die alters- und gefährdungsabhängige Todesrate des SARS-CoV-2-Virus (Corona) bei 2 %. Bei gut 335 Millionen US-Bürgern entspräche das knapp 7 Millionen Toten. Zudem würde es die weltweiten Bemühungen unterlaufen und zu weltweit mehr Todesfällen führen.

Der Mann ist ein Vollidiot. Und weil die Medien der USA und das demokratische Establishment um Clinton und Co. seit mittlerweile vier Jahren eine Verleumdungskampagne gegen Bernie Sanders fahren, der keineswegs “radikal” ist, sondern die Sozialstandards etwa Deutschlands in den USA einführen will, wird der demokratische Kandidat Joe Biden nominiert werden. Der wiederum wird das gleiche Schicksal wie Hillary Clinton erfahren, weil er wie sie für die Politik des sozialen Stillstands steht: Er wird plattgewalzt und später vom Electoral College nicht ins Amt gehoben, selbst wenn er unwahrscheinlicher Weise mit deutlicher Mehrheit (wie Clinton) gewählt werden sollte.

Deshalb befürchte ich weitere vier Jahre Chaos in Amerika und damit auf der Welt.

Auf der positiven Seite: Sollte Trump diese Ankündigung wahr machen, ist damit vielleicht ja seine Idee vom Tisch, das Militär einzusetzen, um seine Amtszeit zu verlängern, weil man wegen der Pandemie ja nicht wählen könne. (Ich hoffe, der Sarkasmus scheint durch.)

Aber hören wir doch mal das “sehr stabile Genie” (seine Selbstbeschreibung) Donald Trump zu diesem Thema: “Wir werden relativ bald wieder öffnen und wir werden – die Zeit naht – und Montag oder Dienstag sind – du weißt, sie erlauben zwei Wochen, aber wir bleiben ein wenig länger als das, aber wir wollen ziemlich bald öffnen, ich denke, da ist ein großer Grund, es ging hoch, ich denke auch, dass die Tatsache, dass der Senat und das Haus, ich – wir scheinen klar zu kommen, so viel man klar kommen kann – wir scheinen über einen Gesetzentwurf einig zu werden – ich denke, das hatte sogar weniger eines Einflusses als die Tatsache, dass wir dieses unfassbare Land öffnen werden. Wir haben das zu machen! Ich würde es lieben, das zu Ostern offen zu haben. Okay? Ich würde es lieben, das zu Ostern offen zu haben, das werde ich dir genau jetzt sagen: Ich würde es lieben, es zu haben – das ist so ein wichtiger Tag wegen anderer Gründe, aber ich werde es zu einem wichtigen Tag für uns machen.”

Wer wollte da widersprechen. Deutlich über unser aller intellektuellem Niveau. Zu Ostern könnten dann die bibelfesten Amerikaner also wieder in Massen in ihre Großkirchen strömen. Wie schön. Für den Virus.

Zuständig für die medizinisch-wissenschaftlich Seite ist im Weißen Haus Dr. Fauci. Ein sehr vernünftiger Mann, der den Ernst der Lage erkennt und immer wieder darum bemüht ist, wissenschaftliche Fakten darzulegen, um Trumps Unsinn zu ordnen. Bei der letzten Pressekonferenz zum Thema war Dr. Fauci nicht mehr dabei. Er steht auf der Abschussliste, denn Trump duldet keinen Widerspruch.

Public education

Ich habe gerade privat gemeinsam mit meinen Geschwistern eine große Aufgabe zu bewältigen und schreibe Arrangements für mein Orchester. Deshalb werde ich hier etwas weniger veröffentlichen können.

Zur aktuellen Pandemie würde ich gerne etwas sagen, aber muss mich wie gesagt auf anderes konzentrieren. Also lasse ich einen meiner Lieblingswissenschaftler zu Wort kommen:

No fun with an idiot

Das ist schon lange kein Spaß mehr und war es eigentlich nie. Jüngstes Beispiel:

Der mächtigste Mann der Welt feuerte 2018 die Pandemie-Eingreif-Gruppe des Weißen Hauses. Gefragt, ob er das heute nicht überdenken wolle: “Ich denke, das ist etwas, Peter, an das du nicht wirklich denken könntest, es wird passieren.” (Disclaimer: Das ist nicht holprig übersetzt: Er spricht so und schlimmer.)

Aber er ist derjenige, der diese Pandemie bewältigen kann: “Wissen sie, mein Onkel war eine große Person. Er war am MIT [Massachusetts Institute of Technology]. Er lehrte am MIT für, ich denke, wie eine Rekord-Zahl von Jahren. Er war ein großes Super-Genie. Dr. John Trump. Ich mag dieses Zeug. Ich schnalle das wirklich. Leute sind überrascht, dass ich das verstehe.” (Disclaimer: Das ist nicht holprig übersetzt: Er spricht so und schlimmer.)

Das “Grand Princess”-Kreuzfahrtschiff kreuzte vor San Francisco. An Bord 21 SARS-CoV-19-Infizierte. Es durfte nicht anlegen, die Nahrung wird knapp, es kommt zu Auseinandersetzungen um verdorbene Ware. Jetzt durfte es Oakland, Kalifornien, anlaufen: “Ich meine, ehrlich, wenn es nach mir gehen würde, ich wäre geneigt zu sagen, lasst alle an Bord für eine gewisse Zeit und benutzt das Schiff als Basis. Aber viele Leute würden es eher anders machen. Sie würden die Leute quarantänisieren, wenn sie an Land sind. Nun, wenn sie das tun, werden unsere Zahlen dabei sein hoch zu gehen. Okay? Unsere Zahlen werden dabei sein hoch zu gehen. Ich würde eher – weil ich die Zahlen mag, wo sie sind. Ich brauche die Zahlen nicht verdoppelt wegen eines Schiffes, das nicht unser Fehler war.” (Disclaimer: Das ist nicht holprig … ach, Sie wissen schon …)

Es geht nicht um Panik. Es geht darum, dass sich ein hoch ansteckender Virus verbreitet. Wie hoch die Todesfall-Rate ist, kann man nicht verlässlich sagen, weil man nicht weiß, wie viele Menschen infiziert sind. Aber dafür sind Institutionen wie das Robert-Koch-Institut da: Bedrohungslagen erkennen und eingreifen bevor (!) etwas wie die spanische Grippe 1918 – 1920 passiert (an der mein Urgroßvater mütterlicherseits als junger Mann starb).

Aber nein: Trump entlässt seine Experten aus politischen Gründen und versteht bei öffentlicher Beratschlagung nicht, was ihm die anwesenden Experten erklären. Und fährt, wieder, zum Golfen, weil ihm das Geld in seine private Kasse spült.

Während des Besuchs beim Zentrum für Krankheitskontrolle und Vorbeugung trägt Trump den generischen casual Look für Außeneinsätze und Katastrophen des US-Präsidenten: Khaki-Hose, Hemd, Blouson. Er trägt dazu immer eine Baseball-Cap. Rot. Mit Wahlkampfslogan für den US-Wahlkampf im November. “Keep America great”, prangt da in weißen Großbuchstaben. Denn bei ihm ist alles Geschäft, Geld machen, Wahlkampf. Deshalb erzählt er auch, dass es in den USA für jeden einen Test für SARS-CoV-19 gibt. Tatsächlich gibt es aber nur etwas über einen Million Tests derzeit für über 300 Millionen Menschen in den USA. Aber die Test seien “wunderschön” und “perfekt”. Nicht so perfekt, wie seine Zusammenfassung des Telefonats mit dem ukrainischen Präsidenten, aber ziemlich gut. – Sein Vergleich, nicht meiner. Den wegen der Optik ihn halbrund umgebenden Angestellten entgleisen die Gesichtszüge.

Ach ja: Trump meint, wenn es wärmer werde, also im April, stürben die Viren und alles werde gut. Denn wir wissen ja alle, dass Viren keine Wärme ertragen, die weltweit im April einsetzt? Oder so …

Das kommt dabei heraus, wenn man idiotische Demagogen in politische Ämter wählt.

Fun (?) with an idiot, Vol. III

Die ermittelte Sterberate bei der aktuellen SARS-COVID-19-Infektion (sog. Corona-Virus) liegt bei 3,4 %. Das kann man ausrechnen und hat das wissenschaftlich erhoben. Trump (wörtlich übersetzt; ja, er redet so, und das ist noch harmlos und einigermaßen kohärent): “Mein Bauchgefühl ist, es ist viel niedriger als das. Eher viel weniger als ein Prozent.” Wer sich etwas schlecht fühlt, solle ruhig zur Arbeit gehen. Die Ärzte würden ihm immer sagen: “Wie kommt es, dass sie so viel über so etwas wissen? Sie müssen ein Naturtalent sein!”

Normalerweise würde man denken, jemand solle ihm den Begriff exponentielle Steigerung erklären, denn darauf läuft die Verbreitung zu. Normalerweise. Bei normalen Menschen. Bei ihm? Hoffnungslos.

Fun with an idiot, Vol. II

Das ist lustig. Und traurig. Und beängstigend: Der Virus COVID 19 verbreitet sich schnell. Über exponentielles Wachstum will ich hier nicht philosophieren. Unsere Waffe? Wissenschaft.

Nun ist leider in den USA ein selbstsüchtiger, Frauen verachtender, belästigender und missbrauchender, rassistischer, egomanischer, idiotischer Rüpel an der Macht. Sein Vertreter ist Mike Pence. Pence hält ebenfalls nicht viel von Wissenschaft, sondern meint, Gebete seien die viel stärkere Kraft.

Beide eint, dass sie nur machen, was sie für opportun halten. So starrt Trump während der Sonnenfinsternis ohne Augenschutz in die Sonne (und zeigt auf sie, wie auf einen Wähler in der Menge).

Und Pence leistet sich so etwas:

Auf dem Schild steht etwa: “Hochempfindliche Weltraum-Flug-Gerätetechnik – NICHT BERÜHREN”

Und schon ist sein Patschehändchen drauf.

Aber das ist ja nicht alles! Trump ließ sich gerade öffentlich von Virologen beraten. Um es kurz zu skizzieren: Spätestens in der 7. Klasse haben Jugendliche und Kinder mehr verstanden, was eine Impfung ist, als dieser über 70-jährige Möchtegern-Milliardär. Die Ärzte erklären ihm, was Antikörper sind, und man sieht Trump mit seinem antrainierten Deal-Maker-Blick, der nur zeigt, dass ihn weder interessiert, was gesagt wird, noch, dass er es versteht.

Was sich dann auch prompt zeigt: Mitten in die Ausführungen des Wissenschaftlers meint Trump, etwas “Kluges” sagen zu müssen. War ja auch in seiner TV-Show so, nicht wahr? Er muss der Entscheider, der durch seine Einfachheit unorthodoxe Denker sein. Also holt er sich buchstäblich die ganze Zeit selbst umarmend Luft, schaut vermeintlichen Eindruck schindend in die Kamera und fragt mutmaßend, dass es doch wohl gegen den “Corona-Virus” helfen könnte, eine massive Grippeschutzimpfung zu verabreichen; sein Blick sagt: “How smart I am!” Die trockene Antwort: “No.” Trump hat das Prinzip Impfung nicht verstanden.

(Randnotiz: Sein ehemaliger Arzt, der Trumps eindeutiges Übergewicht herunter rechnete unter anderem, indem er ihn größer angab, als er ist, und ihn als den “gesündesten Menschen, den man sich vorstellen kann” oder ähnlich pries, gab kürzlich bekannt: Er habe durch Bereitstellen eines Home-Training-Rades Trump zu Sport animieren wollen. Dieser denkt aber, man werde mit Geburt mit einer bestimmten Menge Energie ausgestattet und wenn man Sport macht, verschwendet man diese, was zu früherem Tod führt (das – ist – kein – Witz – von – mir!), und verschmäht das Gerät. Dazu hat der Arzt Blumenkohl in Trumps Kartoffelpüree mischen lassen, damit er wenigstens etwas Gemüse isst. Der Trick hat funktioniert. Wie es bei Dreijährigen üblich ist…)

Übrigens meint unter anderem Dr. Justin Frank, früherer Professor für Psychiatrie an der George Washington Medical School, dass Trump deutlich abbaut und dies auf eine ernsthafte degenerative Hirnerkrankung schließen lässt.

Hoffen wir, dass der Fortschritt nicht von den USA abhängt …

Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

Metallkopf

Als sich zeigte, dass ich als Pädagoge mit höheren Altersklassen arbeiten würde, ließ ich mir vom Hörgeräte-Akustiker individuellen Gehörschutz anfertigen. Denn eine meiner Aufgaben ist jetzt, mit Jugendlichen Musik zu machen, die ich nicht im Individualunterricht hatte (denn ich gebe ja keinen mehr). Das bedeutet, dass es laut werden kann, und einmal geschädigtes Gehör lässt sich nicht reparieren.

Ich lebe recht gesund und habe auf mein Gehör immer geachtet. Der schöne Lohn ist, dass es so gut ist, wie es nur sein kann, sogar besser als gewöhnlich, wie der Hörtest glücklicherweise zeigte. Der Gehörschutz ist wunderbar! Man hört alles glasklar, alle Frequenzen sind gleichmäßig herunter gezogen. Es ist, als hätte man alles etwas leiser gestellt.

Nun schenkte mir meine Schwester Karten für ein Konzert: Einer meiner erwachsenen Neffen spielt in einer Band, und ich hatte bisher nie die Gelegenheit, sie live zu hören. Drei Bands würden den Abend gestalten, seine sollte als gastgebende die letzte sein.

Heavy Metal.

War nie mein Ding. In meiner Familie bei Neffen und Nichten und besonders meinem Bruder die Musik der Wahl. Bei mir nun gar nicht so richtig. Aber ich wollte offen da ran gehen. Und so wartete ich mit meinem großartigen Gehörschutz in den Ohren auf die erste Band.

Sie kam auf die Bühne – und was ich hörte war Klangmatsch. Ein alles erschlagendes Schlagzeug, sehr gut gespielt, keine Frage, machte alles platt. Gesang? Nicht zu verstehen. Harmonien? Gingen in Gedröhn unter. Melodien, Riffs, Licks, irgend etwas? Undefinierbarer Brei. Ich konnte sehen (!), dass die Gitarristen und der Bassist offenbar virtuos ihre Saiten bespielten. Zu hören (!) war das nicht. Ich stellte die Ohren auf Durchzug, meinen Geist auf Leerlauf und war davon irritiert, dass schon nach dem ersten halben Lied theatralisch zum Handtuch gegriffen wurde, um sich den Schweiß der Arbeit abzuwischen, und an der Trinkflasche genuckelt. Der Abend würde noch lang werden.

Nach dem letzten Titel der Band, der für mich von den anderen ununterscheidbar war, das hätte alles ein einziges Stück sein können, sahen meine Frau und ich uns skeptisch an. Aber kneifen galt nicht! Ich wollte und musste meinen Neffen auf der Bühne erleben.

Dann kam die zweite Band. Deren Schlagzeuger setzte sich an sein Instrument und machte einen kurzen Soundcheck. Und mir blieb der Mund offen stehen. Was für ein grandioser Schlagzeuger! Nur kurz, eine Minute vielleicht, spielte er das Drum Set durch, und schon das war großartig.

Der Sänger rief etwas in sein Mikrofon, während die Gitarristen und der Bassist ein wenig spielten. Dabei regelte der bandeigene Tonmeister die Anlage neu ein. Dann legten sie los. Ich weiß nicht, ob das Wort “Offenbarung” zu hoch gegriffen ist, aber wenn, dann nur wenig: Absolut brillanter Klang, alle Musiker virtuos und einfallsreich, die Kompositionen durchgestaltet, raffiniert, überraschend. Das gleichförmige Gewummere der vorigen Band war sofort vergessen. Hier standen Musiker auf der Bühne, keine langhaarigen Radaubrüder. Gut, klar, lange Haare hatten sie, gehört dazu, nichts dagegen. Aber eben Musiker!

Zwischen den Stücken erklärte der Leadsänger, dass sie davon leben wollten, was aber nicht geklappt hatte und dass sie jetzt alle in nichtmusischen Berufen arbeiteten. Es ist schade, dass Musiker solcher Qualität ihren Beruf nicht ausüben können. Aber das ist ein altes Thema.

Die Gitarristen spielten sich gekonnt und virtuos die Bälle zu, der Bassist zeigte bei einem ausführlichen Solo, dass er richtig etwas drauf hatte. Der Schlagzeuger “trommelte” nicht: er musizierte. Das war wirklich ein Genuss. Meine Frau beugte sich zu mir: “Das war aber viel besser!” Ja. Und wie.

Dann kam die Band meines Neffen: “Ravager” (Verwüster). Der Tonmeister würde wieder jener der ersten Band sein. Ich hatte etwas Sorge. Es zeigte sich dann auch, dass er zwar einiges der Einstellung unverändert gelassen hatte und der Klang somit deutlich besser als bei der ersten Band war. Aber mit zunehmender Dauer des Auftritts summierten sich seine Einstellungsfehler. Bei den letzten drei Stücke waren sie dann so weit hochgeschaukelt, dass der Schalldruck nicht nur einfach laut, sondern regelrecht körperlich schmerzhaft war und eine hässlich fiepende Rückkoppelung auftrat. Nach dem Auftritt ging er an mir vorbei. Ich verwechselte ihn mit einem der Bandmusiker der zweiten Gruppe und sprach ihn anerkennend an. Er sagte nach Komplimenten fischend: “Nein, ich bin der Tontechniker. Ich bin der, der so viel falsch macht.” Ich antwortete trocken: “Das ist richtig.”

Trotz dem: Ravager rockte die Hütte! Ich hatte einiges erwartet, weil ich Aufnahmen gehört hatte, aber das nicht. Die Stücke sind durchkomponiert. Die beiden Gitarristen geben sich gegenseitig Raum, ergänzen, kommentieren, spielen parallel, sind sehr virtuos. Stabiles Schlagzeug mit vielen Einfällen, guten Fills und Breaks (zwei Tempo-Unsicherheiten in Off-Beat-Passagen, die möglicherweise mit dem problematischen Ton zusammenhingen, waren kaum merklich und wurden souverän gelöst), fulminanter Bass und ein richtiges Tier als Leadsänger.

Die Stücke laufen nicht so dahin, sondern sind mit Sinn wechselvoll. Hymnische Passagen der Gitarren, kurze balladenartige Abschnitte, mal ein Dreiertakt als Intro, um organisch in einen treibenden Vierer zu wechseln, röhrender, aber sauber intonierender Gesang, alles greift ineinander, Texte mit Anliegen, Musik mit Aussage – Heavy Metal als Kunstform. Ich denke nicht, dass ich da zu hoch greife. Das ist Musik auf hohem künstlerischen und virtuosen Niveau.

Ich bin ja nicht dafür verantwortlich oder habe irgendetwas dafür getan, aber trotzdem muss ich sagen, ich bin stolz auf meinen Neffen Dario! Er ist ein großartiger Musiker, ein toller Gitarrist. Und dass er solch eine “Rampensau” ist, hätte ich von diesem ruhigen Mann nicht erwartet. Außerdem hat er alles richtig gemacht: Er hat einen sehr guten, hoch qualifizierten Beruf und macht großartige Musik, die vielen Menschen etwas bedeuten kann und ihm und seinen Freunden Spaß macht.

Das war ein schönes Geschenk meiner Schwester und es war ein schöner Abend mit meinen Geschwistern, meiner Frau, Nichte und meinen Neffen und Schwager. Einer der Titel des Abends war “Dead Future”. Reinhören lohnt sich! Die melancholische Gitarre ab 5:09 mag exemplarisch zeigen, wie vielseitig und durchdacht die Musik dieser Band ist. (Die Musik sollte man mit guten Boxen oder guten Kopfhörern hören, damit sich das gesamte Klangspektrum abbildet.)

Der Gehörschutz hat sich allein für diesen Abend schon gelohnt.

Werde ich im Alter zum Metalhead, habe ich mich gefragt. Aber ich war nicht der Älteste des Abends: Neben uns saß glücklich strahlend, neugierig und mitwippend meine Mutter. Sie ist 92.