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Rettung aus Gefahr

Klingt dramatisch? Ist auch so:

Eine häufig unterschätzte Gefahr sind Gewitter. Gestern fuhr ich mit meinem Rad von meiner Arbeit nachhause und hoffte, eine Gewitter-Lücke erwischt zu haben; etwas Regen schreckt mich nicht. Ich hatte mit 20 Kilometern noch nicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als ich um eine Biegung kommend sah, dass ich auf eine Gewitterwand zufuhr. Ich fuhr noch ein paar Kilometer und musste feststellen, dass sie sich nicht auflöste, in eine andere Richtung zog oder ähnliches, sondern ich bald direkt unter der Gewitterzelle mit dem Fahrrad unterwegs sein würde mit noch etwa 25 Kilometern vor mir und sah im Sattel aufgerichtet besorgt in den Himmel.

Da überholte mich ein Mercedes-Transporter, wurde langsamer, wendete und ein 1,90-Mann lehnte aus dem Fenster: “Wo musst du denn hin? Kann ich dich mitnehmen?” Einfach so. Das Ehepaar, in Begleitung zweier sehr freundlicher großer Hunde und auf der Suche nach Holundersträuchern für selbstgemachte Getränke, lud mich und mein Rad ein und fuhr mich bis vor meine Haustür, wobei sich herausstellte, dass der Starkregen, in den ich gefahren wäre, das Wasser hat mindestens knöcheltief über die Straßen strömen lassen.

Ich bin zwei netten, zuvorkommenden, fürsorglichen Menschen des Fanfarenzugs Meißendorf begegnet und kann nur sagen: Herzlichen Dank!

Nass zu werden ist als Radfahrer nicht so das Problem. Aber einem Gewitter ausgeliefert zu sein, ist eine ernste Gefahr! Das war wirklich eine Rettung.

 

Liebeserklärung

Vorletztes Wochenende traten wir, das 1. Orchester des Akkordeon-Vereins Winsen (Aller), auf und gaben ein anderthalbstündiges Privatkonzert zu einer Diamantenen Hochzeit. Das Paar hat mich menschlich sehr beeindruckt, die Hochzeitsgesellschaft war gut aufgelegt, mein Orchester, wie immer, in Spiellaune: Das war ein wunderbares Konzert!

Heute traten wir beim Reservistentag in Celle auf. Ganz andere Voraussetzungen: Freier Himmel über uns, Passanten, keine Konzertatmosphäre, mein Orchester, wie immer, in Spiellaune: Das war ein wunderbarer Auftritt!

Ich liebe das! Die Herzlichkeit und das entspannte Miteinander vor, während und nach den Auftritten, das Spielniveau, das wir schon so lange halten, das Musizieren, also richtiges Musizieren und nicht das gelangweilte Abnudeln, zu dem sich immer wieder einige sich selbst als erfahren einschätzende Orchester hinreißen lassen, all das liebe ich.

Ich kann mein früheres Ich sehr gut verstehen, dass es sich dachte: „Boah! Ist das toll! Das will ich beruflich machen! Ich studiere, stecke alles da rein und dann leite ich Akkordeon-Orchester, baue Nachwuchs auf und die Vereine und Kollegen werden sagen, dass das anerkennenswert ist und sich darüber freuen!“ Ja, ich kann mein früheres Ich verstehen. Würde ich ihm begegnet sein, hätte ich ihm aber in etwa gesagt, was ihm sein damaliger Orchesterleiter, Enno Meyenburg, gesagt hat: „Davon kann man nicht leben, die Szene ist missgünstig, die Vereine und Orchester sind undankbar und Anerkennung bekommt man nicht. Elsbeth Moser hat dir einen Floh ins Ohr gesetzt. Sie kann da nur von leben, weil sie Dozentin ist. Sonst geht das nicht.“ Das war ein Mittwochabend vor der Orchester-Probe, nachdem ich mit dem Jugendorchester geprobt hatte.

Ich glaubte ihm nicht. Dann starb Enno plötzlich, er ging buchstäblich an der Szene und der Vereinspolitik zugrunde, nachdem wir im Streit auseinander gegangen waren und ich das Akkordeon-Orchester Celle leitete. Mir wurde die Leitung meines Heimatorchesters angeboten, ich sagte zu und musste sofort lernen, dass er vollständig recht hatte, als sich mein Trauzeuge das Orchester unter den Nagel riss und ich zuvor merken musste, dass das Celler Orchester mich als Dirigenten nicht wirklich akzeptierte und ohne mich und ohne mein Wissen Auftritte mit Unterhaltungsmusik absolvierte. Der Start eines nicht enden wollenden und letztlich vergeblichen Bemühens um vernünftige Orchester-Arbeit und Ausbildung zumeist gegen Vereinsleute, die ihre Expertise aus ihrer Einbildung gewinnen, aber sich großtuerisch durchsetzen.

Nein, leben kann man davon nicht; jedenfalls nicht, wenn man legal arbeitet, ordnungsgemäß versteuert, sich versichert und vorsorgt. Das heißt auch, dass ich solche Auftritte und Konzerte viel seltener erlebe als früher. Ebenso probe ich viel weniger. Mein Beruf ist jetzt eben ein anderer.

Aber ich habe jetzt ein schönes Hobby, das ich mit einem professionellen Hintergrund ausüben kann. Das Studium hat sich insofern gelohnt, als dass meine Qualifikationen anerkannt sind und ich jetzt als Pädagoge im Staatsdienst arbeiten kann. Es hat sich auch gelohnt, weil ich mit einem guten und sicheren Gefühl darum, dass ich weiß, was ich da tue, vor meinem Orchester stehen kann und die Proben und insbesondere die Konzerte und Auftritte unaufgeregt in vollen Zügen genießen kann.

Das Studium hat sich insofern nicht gelohnt, als dass ich meinen jetzigen Beruf leichter hätte erreichen können und schon viel länger hätte Geld verdienen können, als jeden Pfennig und Cent wieder in den eigenen Betrieb zu stecken.

Das alles konnte mein früheres Ich nicht wissen. Und es war nicht zu überzeugen gewesen, falsch zu liegen. Dafür war die Begeisterung für den Beruf zu groß. Vielleicht hätte man es überzeugen können, dass es grenzenlos naiv und ziemlich dumm ist, die Liebe zur Musik auf die Orchester und die Szene insgesamt zu projizieren und sie als emotionale Heimat zu sehen. Aber dafür hätte jemand mit ihm reden müssen, dem mein frühere Ich wirklich am Herzen lag und der sich gleichzeitig in der Szene auskannte.

So bleibt aber nur eines zu sagen: Ich liebe dieses Orchester und die Konzerte und Auftritte! Ich genieße das und koste es voll aus, solange es dauert. Ich genieße das entspannte und fröhliche Beisammensein besonders nach den Konzerten, wenn man abgekämpft aber glücklich miteinander plaudert und scherzt. Ich genieße das auch, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wie viel falsche Freundschaften es in dieser Szene gibt, wie viel Kalkül, wie viel Berechnung und wie viel Missgunst, wie wenig auch jahrzehntelange vermeintliche Freundschaften wert sind, wenn irgendwelche sandkastenpolitische Ziele verfolgt werden; wie brutal Menschen bereit sind, einen sinnlos, nur weil sie es können, existenziell zu vernichten, wenn man von ihnen abhängt.

Hätte mein früheres Ich sich anders entschieden, wenn ich ihm per Zeitreise oder so davon hätte berichten können, was ihm in der Szene blüht? Ich glaube fast, nein. Dafür war ich damals zu naiv, zu engagiert, zu begeistert. Ich habe zu sehr geliebt. Ich liebe das auch heute so sehr wie damals. Aber ich bin älter, erfahrener, vernünftiger. Und verbittert über die Akkordeon-Szene.

Wenn es nach mir geht: Ich habe die mentale, fachliche und körperliche Fitness für noch ein paar Jahrzehnte professioneller Orchesterleitung. Ich könnte auch noch deutlich mehr leisten, als ein Oberstufen-Orchester zu dirigieren. Ich würde es aber nicht mehr tun, selbst wenn ein Angebot dafür käme (was es sicher, ganz, ganz und absolut sicher, nicht tun wird): Dafür liebe ich dieses Orchester zu sehr. Aber es geht nur noch als Hobby, weil ich jetzt einen anderen, sehr schönen, Beruf habe.

Ich bin jetzt also Akkordeon-Orchester-Dirigent im Ruhestand. Ich habe noch ein tolles Orchester, das seit vielen Jahren auf hohem Niveau spielt und in dem viele tolle, fröhliche und freundliche Leute sitzen. Ich genieße das. Ich liebe es.

Oberton- und Grundtonhörigkeit

Heute, 11.5.2019, erhielt ich zwei Links zum Oberton- und Grundtonhören. Diese Tests durchzuführen, könnte für jeden Leser hier interessant sein (die Statistik zeigt mir, dass es doch einige Leser gibt und dafür danke ich herzlich):

Kurztest zur Oberton- und Grundtonhörigkeit

Test Obertongesang

Das veranlasste mich, über mein eigenes Hörverhalten und meine Arbeit mit Orchestern zu reflektieren:

Wie man einzelne Töne spielt, gehört bei mir zum Feinschliff. Zuerst geht es mir immer erst quasi grundtonhörig um die große Geste. Mich stört es sogar manchmal, wenn beim ersten Durchspielen sofort jeder einzelne Ton irgendwie phrasiert wird. Aber wie bei einem Vexierbild wechselt mein Gehirn zwischen Grundton- und Obertonhören und ich nehme beispielsweise die Basslinie im Orchester wie auch die Grundtonbewegung und -Richtung überhaupt nicht mehr wahr. Meistens dann, wenn ich mich damit beschäftige, wie wir etwas phrasieren wollen.

Alles gleichzeitig zu hören und gleichwertig zu beachten ist gerade am Anfang schwer und kostet viel Energie. Ich kann es deshalb oft nur schwer beantworten, wenn aus dem Orchester gefragt wird, ob etwas staccato, legato oder sonstwie gespielt werden soll, weil ich einfach gerade darauf nicht höre bzw. mich damit gerade nicht beschäftige. Solche Fragen werfen mich gelegentlich aus meinen Gedanken zum Stück, ich muss versuchen, gedanklich nachzuhören und dann schnell sinnvoll antworten.

Prinzipiell gehe ich in den Proben an Orchesterstücke wie an mein damaliges Soloprogramm heran und versuche, mit dem Orchester wie mit einem selbst gespielten Instrument zu arbeiten (darauf legte mein Prof. Marius Bazu gesteigerten Wert: “Ein Orchester ist ein lebendiges (!) Instrument und Du bist der Musiker, der es spielt!” Und Prof. Elsbeth Moser schärfte mir ein, immer gesanglich zu denken): Ich denke oft in “linke Hand” – “rechte Hand”, “oben” – “unten”, “Vordergrund” – “Mittelgrund” – “Hintergrund”, an die Verteilung der Aufgaben und dann erst an das Zusammenspiel beider “Seiten” und aller Dimensionen.

Wenn ein Stück im Orchester und in meiner Vorstellung gefestigt ist, diese Vorstellung habe ich manchmal vor den Proben (bei “ernster” Musik vor allem und bei eigenen Stücken), dann höre und denke ich im Gesamtbild beim Dirigieren. Manchmal entwickele ich diese Vorstellung erst beim Proben auch anhand von dem, was ich an spielerischen Eindrücken aus dem Orchester gewinne. Das ist dann ein Wachstumsprozess, der unterschiedlich lang dauern kann, und deshalb brauche ich die Proben auch für mich.

Immer das gesamte Bild betrachte ich, wenn es auf Aufführungen zu geht und insbesondere bei Konzerten und Auftritten. Da ist es so, dass ich vorwiegend das dirigiere, was in meinem Kopf ist und deshalb Verspieler nahezu vollständig ausblende. Dabei gehe ich aber auf das musikalische Geschehen insgesamt ein und versuche, uns davon kontrolliert forttragen zu lassen; das ist eben ein kreativ-musikalischer Prozess und es läuft kein starres und damit für die Aufführung und Wirkung tödliches inneres Metronom oder so. “Musik muss fließen.” (Bazu), “Musik wird grundsätzlich rubato gespielt.” (Moser).

Als ich selbst im Orchester spielte, hat es mich gelegentlich gestört, wenn unser Dirigent aus den Stücken “etwas Eigenes” machte. Heute denke ich oft genau so wie er. Ob ich damals vorwiegend Obertonhörer war, weiß ich allerdings nicht.

Ich meine, dass Oberton- und Grundtonhörigkeit trainierbar ist; jedenfalls hat sich mein Hörverhalten durch das Studium deutlich verändert. Im Gegensatz dazu ist das absolute Gehör, das ich nicht habe, veranlagt, soweit ich weiß. Letzteres ist einerseits ein beneidenswerter Segen, aber von einer Kommilitonin, einer (tollen und wunderschönen) Geigerin des schönen Namens Maike, weiß ich, dass das auch ein Fluch ist: Sie störte sich bei jedem Musizieren mit gleichschwebend temperierten Instrumenten sehr daran, weil die Intervalle nicht stimmten, und wurde von Unsauberkeiten auch im eigenen Spiel förmlich gequält. Und Sie hasste die Tremolo-Schwebung des Akkordeons, weil diese durch eine Verstimmung erzeugt wird (anders als das Vibrato bei Sängern oder anderen Instrumenten).

Zurück zum ersten Test: Ich habe ihn zwei mal durchgeführt. Dabei habe ich mich bewusst jeweils zum Oberton- oder Grundtonhören entschieden mit den Ergebnissen, einmal angeblich ein extremer Obertonhörer und einmal angeblich ein extremer Grundtonhörer zu sein. Um es zusammenzufassen, höre ich also je nachdem, welche Aufgabe ansteht, ober- oder grundtönig und das unbewusst wie bewusst.

Zum zweiten Test: Einer meiner Kommilitonen, Jochen, ein total sympathischer Sänger, war ein Meister des Obertongesangs. Er konnte die Obertöne so klar isolieren, dass man meinte, eine Flöte oder ähnliches zu hören. Das war klarer zu hören, als bei dem verlinkten Beispiel, das schon sehr, sehr gut ist. Ich kann das gar nicht.

Es war einmal ein Obertonsänger, kein schlechter, bei einer der Casting-Shows mit Dieter Bohlen. Bohlen hat den achtkantig mit ziemlich erniedrigenden Bemerkungen raus geworfen und RTL hat ihn genüsslich vorgeführt. Weil nicht verstanden wurde, was er da tat.

Falls jemand jemals wissen wollte, was in meinem Kopf vorgeht (außer nackten Frauen, Kino-Filmen, Autos, Werkzeug und was uns Männer sonst so beschäftigt): da steht es jetzt so ungefähr. Ohne Anlass hätte ich das nie erzählt oder irgendwo hingeschrieben.

Jetzt bin ich für den Rest des Tages deprimiert, dass ich diesen wunderschönen Beruf aufgeben musste bzw. die beknackte Akkordeon-Szene ist, wie sie ist…

Überschlagsrechnung

Rechnen wir doch mal:

Ich unterrichtete in meinem letzten Jahr als freiberuflicher Musiklehrer gut 40 Schüler monatlich und leitete ein Orchester.

Einnahmen monatlich brutto: 2.306 €

Betriebsausgaben: 1.548 €

Künstlersozialversicherung: 100 €

Sonstige notwendige Ausgaben (z. B. Steuer, priv. Vorsorge): 400 €

Nettoeinkommen monatlich: 258 €

Zusammenfassend gesagt: Mehr als 40 Schüler, gemietete Unterrichtsräume, Abzahlung von Inventar und Instrumenten. Zuvor arbeitete ich zeitweise für mehrere Vereine bzw. Organisationen als Lehrer und Orchesterleiter mit einer Schülerzahl von etwa 30 ohne die Mietausgaben und Instrumentenkosten aber mit Lohn-, Lohnnebenkosten und Kosten für Personalbuchführung für eine geringfügig beschäftigt Angestellte, die sich für die eigentliche Chefin hielt, und ich habe dazu unter anderem noch kostenlos Auftritte dirigiert und Arrangements geschrieben.

Jeder dürfte sofort sehen: Davon zu existieren ist kein Spaß und eigentlich unmöglich.

Jetzt schauen wir doch mal, wie die Verhältnisse in einem beliebigen Verein/Club sind:

Ich zähle sechs Akkordeonschüler auf Fotos. Nie mehr. Sagen wir mal, es sind acht. Nehmen wir zudem an, etwa die gleiche Zahl an Keyboard- und/oder Klavierschülern wären da. Dann gibt es noch das Hauptorchester, ein „Spaßorchester“ und die Jugendlichen und Kinder als Klangkörper. Alle werden von einer guten Zahl Orchestermitgliedern unterstützt, sind also keine eigentlichen eigenen Klangkörper, sondern immer dieselben Personen unter anderen Namen mit eben weiteren Spielern. Drei Klangkörper also finanzieren irgendwie ihren Leiter, wobei von den jeweils etwa zwölf Orchesterspielern so ca. fünf in jedem Klangkörper sitzen. Man beschäftigt zwei professionelle Akkordeonisten mit Hochschulabschluss und eine „Lehrerin“, die gerade mal einen oder zwei D-Lehrgänge besucht hat, aber, natürlich, die große, dabei aber ach so bescheidene, Fachkraft spielen darf.

Über die Preise gibt es keine Transparenz.

Es ist keine rhetorische Frage sondern durch dieses Bild eindeutig beantwortbar: Wenn etwa 12 Akkordeon-Orchester-Mitglieder und etwa, großzügig geschätzt, 16 Instrumentalschüler in verschiedenen Besetzungen drei Klangkörper bilden, eine Person davon eine Hobbylehrerin für diesen Verein mit Honorar (!), während sich die echten Profis Unterricht und Klangkörper teilen, auf wessen Kosten wird da gearbeitet? Davon kann kein Mensch existieren, der rechtskonform arbeitet und sich entsprechend versichert! Das geht einfach nicht. Auch nicht, wenn da vielleicht noch irgendwo anders Einnahmen in gleicher Höhe bestehen, was ich bezweifele.

Mit Mitte 20 und Mitte 30, vielleicht ohne Kinder, mag man als Profi noch von sich selbst so begeistert sein, dass man denkt, das wäre zu schaffen: Ist es nicht. Damit ist nur programmiert, dass man vor die Hunde geht. Definitiv. Ich habe es mehrfach bezeugt, war selbst kurz davor und landete im Krankenhaus und es gibt hinreichend auch berühmte Beispiele großer Namen des Akkordeons.

So etwas kann sich ein solcher Verein nur erlauben, weil es für Profis keine Unterstützung gibt, sich niemand um die Scheinselbständigkeit von Fachkräften in Vereinen kümmert und sich heute zumeist osteuropäische professionelle Musiker für ein Appel und ein Ei zu verkaufen bereit sind. Auf den Folgen bleiben die jungen Kollegen selbst sitzen. Dem Verein ist die schiere Existenz der Lehrer egal. Dem geht es nur um die Selbstdarstellung der handelnden Vereinseminenzen und die eigene Großartigkeit.

Aber vielleicht irre ich mich ja und der Club ist in der Lage, beiden Lehrkräften ein insgesamt angemessenes Honorar zu zahlen. Das müsste überschläglich gerechnet für jeden der beiden Profis, wenn sie noch andere Einnahmen haben, bei 2.000 € brutto liegen; insgesamt muss man auf etwa 4.000 € brutto als Profi kommen, damit das Nettoeinkommen wenigstens ansatzweise der Qualifikation entspricht und man davon leben kann. Denn die Kosten der Selbständigkeit sind hoch und man muss Altersvorsorge betreiben.

Also: Zwei Profis, das bedeutet mindestens 4.000 € monatlich an Honorar, damit sie davon existieren können.

Aber die sind froh, dass sie überhaupt einen Job haben und als Künstler aktiv sein können. Und das weiß der Club genau. Solange sie hübsch gehorchen und schön nett sind, dürfen sie auch weiter für ein Einkommen arbeiten, das effektiv unter dem Mindestlohn liegt.

Dafür erzielt der Club an dem an ihnen gesparten Geld die Einnahmen, die ein Clubheim und Reisen finanzieren. Da darf man dann mitfahren. Natürlich arbeiten: Proben, Auftritte. Damit verdient man sich dann Unterkunft und Frühstück, in Jugendherbergen auch Mittag und Abendbrot. Honorar?! Nun mal nicht unverschämt werden!

Schöne, heile Akkordeon-Orchester-Welt, nicht wahr?

Morgengedanken

5.45 Uhr, die Vorbereitung für den Unterrichtstag ist fertig, ich hänge in Gedanken meinem Gespräch mit einem Kollegen gestern nach: Für ihn sieht es genau so aus, wie für mich vor einem dreiviertel Jahr und wie für alle, die ich beobachte. Man hat keine Gelegenheit, gleichzeitig sein Niveau zu halten, einkömmlich zu arbeiten und ein schönes Privatleben zu führen. Das kann nur den wenigsten gelingen, der Rest von uns ist im Grunde Kanonenfutter in einer rücksichtslosen Szene, in der Beziehungen den Erfolg bestimmen.

Sogar Selbstverständlichkeiten hängen davon ab. Beispiel? Aber bitte: Ich fing 1993 an, Akkordeon-Orchester zu leiten und tue das seitdem kontinuierlich (in meiner erfolgreichsten Zeit vier Orchester und Ensembles). 2013 rechnete ich mit der routinemäßigen Ehrung des Dachverbandes. Die kam nicht. Also feierte ich mein Jubiläum mit meinem Orchester ein Jahr später nach.

Mir gegenüber wurde dann hartnäckig, als ehemaliger Bezirksvorsitzender weiß ich sicher, falsch behauptet, diese Ehrung gebe es für 25-jährige Orchesterleitung. Dieser Termin verstrich 2018.

Abgesehen davon, dass ich an die Aufrichtigkeit dieser Ehrung nicht mehr glauben würde, zeigt alleine das schon, wie die Verhältnisse in diesem Beruf sind.

Das war für mich der schönste Beruf der Welt. Er ist es noch. Aber zum Glück kann ich jetzt im zweit schönsten arbeiten.

5.55 Uhr: Aufbruch zur Arbeit.

Danke, Herr Kück

Heute, 17.3.2019, erzählte mir meine Schwester, dass Heinz-Gerhard Kück, ehemaliger Rektor der Wilhelm-Röpke-Schule Schwarmstedt, überraschend verstorben ist. Mich hat diese Nachricht tief erschüttert.

Ich besuchte die Wilhelm-Röpke-Schule in der damaligen Orientierungsstufe und der Hauptschule und muss sagen, dass ich ein problematischer Schüler mit großen Schwierigkeiten war. Nachdem die Situation für mich dramatisch eskaliert war, fand ich eine gewisse Konzentration auf den Unterricht und konnte mich für die damals erstmalig eingeführte 10. Klasse qualifizieren, um den Realschulabschluss zu erlangen.

Klassenlehrer der 10. Klasse Hauptschule war Herr Kück. Unmittelbar wurde Herr Kück für mich zu einem Vorbild: Herr Kück war humorvoll, ohne albern zu sein. Er war durch seine verlässliche Verbindlichkeit und klare Ordnung eine Autoritätsperson. Herr Kück beobachtete seine Schüler genau und gab ihnen immer verbal und nonverbal Rückmeldung über ihren Stand.

Als ich die Schule vor einigen Jahren das erste Mal nach meinem Realschulabschluss dort mit meinem Sohn besuchte, um ihm mal meine Schule zu zeigen, als wir auf dem Rückweg von einer meiner Proben durch Schwarmstedt fuhren, war Herr Kück Schulleiter aber nicht in der Schule.

Ich hätte ihm gerne gesagt, was ich jetzt hier hinschreibe:

Herr Kück war für mich das Idealbild eines Lehrers und ein menschliches Vorbild. Völlig gewaltfrei aber mit gesunder Autorität leitete er seine Klasse. Viele gute Erinnerungen meiner Schulzeit sind mit ihm verknüpft und werden es immer sein. Ich verdanke ihm nicht nur, dass ich den Realschulabschluss mit hervorragenden Noten erreichte, sondern auch meine Grundeinstellung zur Bildung. Ohne ihn hätte ich nicht versucht, das Abitur zu erlangen und ohne ihn hätte ich wohl auch nicht mit dem Lehramts-Studium angefangen und letztlich wohl auch nicht mein Diplom erlangt. Bei Herrn Kück und durch seinen Unterricht ist mir klar geworden, dass ich mehr erreichen konnte, als die Hauptschule gut abzuschließen.

Ich habe ihm das nie gesagt und werfe mir vor, keine Gelegenheit dazu geschaffen zu haben.

Danke, Herr Kück!

Widerspruch von “Felix Hartmann”

Ich erhielt vor Kurzem einen Kommentar zu meiner Betriebsaufgabe und meiner Zwischenbilanz. Der Autor stellt sich als “Felix Hartmann”, angeblich Diplom-Musiklehrer, Akkordeon-Orchesterleiter und Kulturjournalist vor. Auf meine Antwort-Mail reagierte er nicht, ich kenne ihn nicht persönlich und konnte im Internet auch keine seine Identität verifizierenden Spuren entdecken.

Ich halte meine Entscheidung, meinen geliebten Beruf aufzugeben, für richtig und bereue sie nicht. Bereut hätte ich, wenn ich in dem Beruf, wie viele meiner Kollegen (Beispiele aus meinem direkten Umfeld: ein Lehrer, ein Kollege, mein Professor), finanziell und/oder gesundheitlich daran zugrunde gegangen wäre.

“Felix Hartmann” versucht einen Gegenentwurf zu meiner Entscheidung. Im Kern läuft dieser darauf hinaus, zu sagen, dass man sich für die gute Sache quasi aufopfern muss, sich an kleinen Erfolgen erfreuen soll und, wenn es nicht klappt, im Grunde auch selbst daran schuld ist. So naiv war ich in seinem angegebenen Alter auch noch, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich aus Naivität heraus oder anders motiviert geschrieben ist.

Heute sehe ich das nicht so. Ich sehe es so, dass Musiklehrer im freien Beruf insbesondere in Vereinen und den Dachverbänden nicht genügend Anerkennung und Respekt für ihre Leistung bekommen (eher im Gegenteil) und spreche damit keineswegs nur von mir. Beziehungen stehen in der Szene ganz weit oben, wenn man sozusagen etwas erreichen will. Somit ist der Beruf Akkordeon-Lehrer weitgehend ausgestorben und das liegt nicht an den Profis, die diesen Beruf ausüben oder ausgeübt haben.

“Felix Hartmanns” Kommentar ist lesenswert. Ich meine nicht, dass er meine Logik hinter meiner Entscheidung entkräftet oder der Vernunft dieser Entscheidung  erfolgreich widerspricht, aber ich möchte seinen Einwand auch nicht unter den Teppich kehren.

Ich bin absolut sicher, dass weitere Kolleginnen und Kollegen derzeit vor einer ähnlichen Entscheidung stehen wie ich letztes Jahr. Außerdem stehen viele junge Talente hoffnungsfroh vor der Entscheidung, ob sie Musik studieren sollten. Für diese Personen mag diese Debatte interessant sein (obwohl mir klar ist, dass ich nach meinem Rückzug aus der Szene nicht einmal die wenige Beachtung mehr bekomme, die ich mal hatte).

Aber mein Urteil ist klar: Wer aussteigen kann, sollte das tun; insbesondere aus der Akkordeon-Szene. Das Studium ist emotional und intellektuell bereichernd, wenn man das Zeug dazu hat und sich voll einbringt. Aber: Am Ende steht nur für die wenigsten Musiker ein hinreichendes Auskommen! Außerdem sieht die berufliche Realität so aus, dass man nur in absoluten Ausnahmefällen wieder an die Übezeiten herankommt, die man im Studium aufbrachte und es kaum möglich ist, sein Niveau zu halten. Wer arbeitet, um Geld zu verdienen, vielleicht eine Familie gründet, kann vom Üben und Spielen nicht leben und muss da zurückstecken. Das kann sehr frustrierend sein!

Und letztlich muss man sagen: Kein Verband und kein Verein gibt Rückhalt. Es zählen Beziehungen und Eigeninteressen.

Zwischenbilanz

Ich habe um Weihnachten/Neujahr wieder einige Briefe und Postkarten von ehemaligen Schülerinnen und Schülern erhalten und freue mich darüber sehr! Teilweise wurden sie persönlich an eine meiner Arbeitsstellen gebracht und tragen keinen Absender. Weil ich aus Datenschutzgründen keine Schüler-Adressen nach meiner Betriebseinstellung mehr habe, kann ich nicht direkt antworten und hoffe, dass es alle erreicht, wenn ich mich hier herzlich bedanke.

Ein halbes Jahr im neuen Beruf und damit Zeit, Bilanz zu ziehen.

Geblieben ist:

  • Ich mache meine Arbeit gerne und engagiere mich sehr.
  • Ich kann Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten, sie unterstützen und unterrichten.

Neu ist im Gegensatz zu meiner Arbeit in Vereinen:

  • Mit meinem neuen Beruf kann ich meinen Lebensunterhalt und den meiner Familie bestreiten.
  • In meinem neuen Beruf erlebe ich täglich echte Kollegialität und faire und zupackende Vorgesetzte.
  • Ich bin kein Spielball der Launen.
  • Ich befinde mich in einer klaren Rechtsbeziehung zu meinem Arbeitgeber, kann ggf. Standpunkte argumentativ erstreiten und bin nicht mehr scheinselbständig.
  • Es gibt keine teuren Reisen mehr, bei denen Vorstände versuchen, mir die Unterbringung in einer Jugendherberge oder, wenn es gut läuft, einem Hotel als Großzügigkeit zu verkaufen, und die mich aufgrund des sowieso schon geringen Einkommens regelmäßig nahezu ruinieren.
  • Unsinniges Gerede oder ähnliches wird nicht hingenommen oder unter den Teppich gekehrt sondern so etwas wird angegangen.
  • Meine Qualifikationen werden anerkannt und nicht nach Lust und Laune infrage gestellt.
  • Fachkollegen erkennen Leistungen an und respektieren mich dafür; eine ganz neue und sehr schöne Erfahrung, die in meinem eigentlichen Beruf die Ausnahme war.
  • Ich habe einen Rechtsschutz gegen Willkür.

Es war eine kluge und die einzig richtige Entscheidung, meinen Traumberuf für diese neue Arbeit aufzugeben. Die Vorstellung, die ich hatte, nämlich in Vereinen eine fundierte Instrumental-Ausbildung mit dem Ziel zu geben, ein leistungsstarkes Orchester aufzubauen, funktioniert nicht, ist nicht gewünscht und wird von den Dachverbänden auf keiner Ebene wirklich unterstützt. Man bekommt maximal, wenn überhaupt, Lippenbekenntnisse. Für ein paar wenige Jahre konnte ich mein Ziel in Langenhagen umsetzen, aber dann spinnt wieder irgendwer, der sich wichtig fühlt, herum, und das reicht in Vereinen, um jemanden loszuwerden.

In räumlicher Nähe zu anderen Vereinen ein eigenes Unterrichts-Angebot aufzubauen wurde von Vereinen ebenfalls nicht als Chance wahrgenommen. Das weiter aufrecht zu erhalten hätte mich ruiniert.

Ich habe meinen Betrieb dank Höherer Handelsschule und Verwaltungsausbildung mit Buchführung selbst geführt, habe durch das Studium (Abschluss mit Bestnoten) die künstlerische, pädagogische und allgemein fachliche Kompetenz und ich hatte die Leidenschaft für den Beruf. Aber das reicht der Szene irgendwie nicht.

Ich habe mir nicht angesehen, was der letzte Verein, für den ich das anbot, so macht, seit ich dort weg bin. Ich vermute, sie machen das, was alle gemacht haben, als ihnen die Substanz flöten ging, nachdem man die idealistischen Fachleute abservierte: Man engagiert Virtuosen, an denen man sich eine Weile berauscht. Bis man deren Programm kennt und diese Musiker aufgrund der Arbeit immer weniger Zeit zum Üben haben. Dann retten sie sich ein wenig durch Auftritte mit Kollegen (Das ist kein Vorwurf sondern nahezu zwangsläufig so). Konzerte werden nicht mehr vom Orchester alleine bestritten, sondern es werden immer, nicht nur mal gelegentlich aus besonderem Anlass und mit eigener Beteiligung, Künstler oder Gruppen eingeladen, um die Konzerte aufzuwerten. In deren Glanz versucht man sich noch ein wenig zu sonnen und steht kuhäugig vor deren Kunst. Und das Orchester selbst dümpelt vor sich hin. Schüler sind im Orchester nur gelegentlich Gäste, die „alten Hasen“ sitzen wie betoniert auf ihren Stühlen und lassen sich die jungen Spieler nicht entwickeln. Das Orchester spielt vier- oder dreistimmig und findet das plötzlich schön. Plötzlich findet man auch ernste Musik schön, obwohl man vorher „Swing with Robbie Williams“ zu anspruchsvoll fand. Und dann plötzlich doch nicht mehr; wie immer eben. Die Vierstimmigkeit rechtfertigt man, wenn dazu die Kompetenz reicht (was selten ist) oder man das so aufgeschnappt hat, mit Hugo Herrmann oder entsprechenden Äußerungen von Stefan Hippe.

Wer mag, kann ja mal prüfen, wo auf dieser Route mein voriger Verein jetzt steht. Ich kann nur kopfschüttelnd resigniert abwinken.

Seit meiner neuen Anstellung habe ich nicht mehr vernünftig üben können. Ab Februar ändert sich etwas in meiner Beschäftigung und ich hoffe, dass ich dadurch von der derzeitigen 60-Stunden-Woche runter komme. „Großes“ will ich nicht mehr auf dem Instrument und schon gar nicht in der Szene. Das ist wirklich für mich erledigt und ich bin überzeugt, dass die Szene sich nicht mehr lange wird halten können.

Aber: Ich habe das überlebt (das ist buchstäblich so gemeint), bin rechtzeitig ausgestiegen, um nicht daran pleite zu gehen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen davon zu tragen. Es ist gut, wie es ist.