Rostige Rüstung

Ich musste mir bis vor etwa vier Jahren oft die Nächte um die Ohren schlagen. Das hat nun ein glückliches Ende gefunden. In jener Zeit aber hatte ich mir angewöhnt, im Internet zu debattieren. Einige dieser Debatten halte ich auch in der Nachbetrachtung für ausgesprochen sinnvoll, weil sie mir etwas brachten, sogar mein Weltbild positiv beeinflussten. Auf eine besondere bin ich sogar ein wenig stolz; wo das war und worum es ging, möchte ich aber nicht veröffentlichen.

Jetzt hat ein Freund auf seinem Blog einen, wie eigentlich immer, tollen Artikel über einen Artikel eines anderen Autoren geschrieben, der “unserer” Generation vorwirft, ohne Argumente die gendergerechte Sprache abzulehnen. Es schlugen Kommentatoren auf, die das auch so sehen.

Also warf ich mich noch einmal in meine rostig abgeschrabbelte Rüstung des Internetkriegers und ritt in die Schlacht. Die Kommentare, auf die ich antworte, veröffentliche natürlich nicht; worauf ich aber reagiere, kann man an meinen Antworten sehen. Der Mann meinte übrigens, er würde vollständig “inkludierend” grundsätzlich in der weiblichen Form schreiben. Das hat mich getriggert (Tippfehler bitte verzeihen, man schreibt eben doch etwas oberflächlich in Kommentaren):

Dietmar

  1. September, 2020 19:08

Moment mal: “Ironisches Gendern von Begriffen, bei denen es keinen Sinn ergibt”? Das sehen wir uns doch mal genauer an:

Ironie bedeutet, dass ein Begriff, der nach deinem Sprachverständnis als eindeutig einzustufen wäre, umgedeutet würde. Wie Heinz Erhardt, als er sagte, man betrete den Wald und links stehe ein Baum, rechts eine Bäumin. Nur ist beispielsweise “Bürger” ein solch eindeutiger Begriff. Ganz eindeutig! Er kommt Dir nur nicht mehr so vor, weil durch die ständige, anbiedernde Benutzung von “Bürgerinnen und Bürger” das Sprachgefühl per Willensakt gebeugt ist. “Bürger” entspricht “Gast”. Bei “Gast” spüren wir den Fehler noch, bei “Bürger” nicht mehr.

Die Gender-Ideologie, und nichts anderes ist sie als eine Ideologie, geht davon aus, dass die Genera geschlechtlich sind, aber das sind sie eben nicht. Wenn sie das wären, hätten die Frauen echt Pech! Denn “Frau” kommt von “frouwe” und “frouwe” entspricht dem “Herren”. Deshalb heißt der Feiertag “Leichnam des Herren” auch “Frohnleichnam”.

Die Genera sind in der indogermanischen Sprache, die unserer Sprache zugrunde liegt, aus einer sprachlichen Notwendigkeit heraus entstanden, um syntaktischen (!) Sinn zu ergeben. Es ist komplett albern anzunehmen, dass sich die Menschen darüber Gedanken gemacht hätten, welches Geschlecht etwas hätte. Zumal sie sich ständig bei jedem Wort einigen müssten.

Das Maskulinum ist der Standardgenus, in das alles fällt, was nicht Verlauf oder Ergebnis eines Geschehens ist; auch, wenn diese Herkunft uns verborgen sein mag: Unser Sprachzentrum “weiß” das automatisch. So automatisch, wie der Darm verdaut. Denn Gehirnfunktionen sind Körperfunktionen und unterliegen damit evolutiven Prozessen.

Wir nennen “der” maskulin, “die” feminin und “das” weiblich. Würde Sprache sich um Genera scheren, müssten die Fragewörter dem entsprechen. “Wer” fragt aber nicht (!) nach den Männern sondern nach allen Personen! Das -er als Suffix ist kein (!) Zeichen des Maskulinum. Die weibliche Frage müsste, entsprechend dem “sie”, “wie” lauten. Gibt es aber nicht, ist vielmehr die Frage nach der Art und Weise.

Maskulinum, Femininum und Neutrum bezeichnen keine natürlichen Geschlechter. Die Tür ist keine Frau, und es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass sich die Indogermanen eine Frau vorstellten, als sie das Wort “dhwer” aus ihrer Vorgänger-Sprache entwickelten.

Dietmar

  1. September, 2020 20:52

(Oh verdammt! Ich verfalle gerade in ein altes, überwunden geglaubtes Muster: Ich fange an, ausführlich zu debattieren. Schreiben wir es als vorübergehenden Rückfall ab, bitte!)

Mit Deinem Kommentar habe ich, abgesehen von dem schon Bemerkten, doch noch ein paar Probleme:

  • “In der Linguistik…” Schön. Aber sprachwissenschaftlich ist es falsch, den Genera ein natürliches Geschlecht zu unterstellen und dem Sprachzentrum etwas anderes als die Ordnung nach rein sprachlichen Mustern.
  • “In der Psychologie…” Gender Studies, das ist die Keimzelle dieser Idiotie, ist aber keine Psychologie und nicht einmal ein ernsthaftes, wissenschaftliches Forschungsfeld. Ich renoviere gerade mein Arbeitszimmer, kann also nicht auf die Quellen zugreifen, aber bei den Gender Studies ist es die grundannehmende Voraussetzung (!), dass die Sprach männlich dominiert ist. Sprache hat psychische Folgen. Dass der Standardgenus als männlich bezeichnet wird und, weil Standard, häufig ist, hat solche Folgen nicht.
  • “Inklusiver Formulieren” Ich arbeite als Lehrer. Das Kollegium ist zu 80 % weiblich. Wie ungerecht von mir, Frauen nicht in meinen Männerkreis aufzunehmen und mit einem männlichen Löffel morgens meinen Kaffee umzurühren.
  • “Möglichst inklusiv schreiben” Frauen sind Bestandteil der Gesellschaft. Sie sind nicht exkludiert. Waren sie nie. Es gab und gibt Benachteiligungen. Mehr Frauen als Männern gegenüber, möglicherweise. Aber “Inklusion” ist so derartig albern überzogen, dass es mir tatsächlich schwer fällt, Dich und Deine Motive ernst zu nehmen.
  • “…erwarte nicht, dass jemand, die das hier liest…” Inkonsequent. Es muss heißen: “…erwarte nicht, dass jefraut, die das hier liest…” Das ist mein Ernst. Du fragst nach jemandem mit “wer”, dem maskulinen Fragewort. In “jemand” steckt das Lexem “man”, und darauf muss das maskuline Reflexivpronomen folgen, also “der”.

Aber vielen Dank: Hier zeigt sich wieder, dass man sich mit dem Sprachzentrum nicht anlegen kann, ohne unauflösliche Widersprüche zu erzeugen. Gendersprache ist nicht gleichzusetzen mit dem gerechtfertigten bewussten Änderungen im Sprachgebrauch (beispielsweise die Regionen südlich der Sahara nicht mehr als “Schwarzafrika” zu bezeichnen). Sprache ist eine evolutiv wachsende Eigenschaft des Körpers, nämlich des Gehirns. Und das “weiß”, warum die Straße weiblich ist, das Auto sächlich und der Idiot immer männlich. Es sei denn, die Geschlechtsmerkmale spielten irgendeine Rolle. Was sie beispielsweise bei einer Gabel oder einem Löffel selten tun.

Aber künftig rühre ich dann eben mit einer Löffelin in meiner Kaffeein, damit sich meine Kolleginnen inkludiert fühlen.

Dietmar

  1. September, 2020 23:56

(Wow: Echt ein Rückfall! Will zu Bett gehen, und da fällt mir etwas ein, was ich noch schreiben wollte, dann aber nicht daran dachte. Muss jetzt raus:)

Wenn Du eine “echte” weibliche Bezeichnung für die Frau haben willst, kommst Du auch im Englischen nicht weit: Da sind Frauen “woman”, also Weibsmänner/Weibsmenschen. Die einzige richtige Frau ist die Queen (kommt aus dem indogermanischen kwen, was noch in Gyn- von Gynäkologie steckt). Das Weib an sich ist aber schon wieder sächlich.

Ach, ist das nicht irgendwie ärgerlich, dass so gar nichts richtig passt, wenn man meint, dass sprachliche Genera natürliche wären?

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