Einzelhaft am Instrument

Das Wichtigste vorweg: Das fehlende Teilchen ist jetzt da, denn letzte Woche wurde mir von meinem Dienststellenleiter bestätigt, dass mein Zeitvertrag in eine Festanstellung übergehen wird! Seit ich an dieser Dienststelle arbeite, führe ich ein normales, gesundes, entspanntes, hobbit-gleich geruhsames Leben. Eine ganz neue Erfahrung. Ich gehe pünktlich zur Arbeit, gehe pünktlich nach Hause. Niemand spielt mit mir irgendwelche Machtspielchen. Ich habe ein klares Aufgabengebiet und kann meine Kompetenzen frei einsetzen. Die Kollegen sind offen, freundlich, sachorientiert und angenehm albern. Meine Aufgaben sind spannend.

Habe ich Grund zur Klage? Nein. Bin ich froh über die Situation? Und wie!

Ich lebe anders. Bis 2018 war mein Leben von unbedingter Zielstrebigkeit bestimmt. Carl Czerny prägte den Begriff der “Einzelhaft am Klavier”, der auf jedes Instrument, das man ernsthaft studiert, übertragen werden kann. Wenn man nicht angemessen üben kann, rächt sich das bitter. Übt man angemessen, muss man verzichten. Man muss sich der Musik voll und ganz widmen. Aber das ist nur die Grundbedingung für eine minimale Erfolgsaussicht.

Seit mehreren Monaten, länger als je zuvor in meinem Leben, mache ich freiwillig Gefängnisurlaub vom Instrument. Ich arbeite normal, mache täglich Sport, pflanze und säe, lese, koche mit Genuss und schaue Filme, schreibe hier ein bisschen. Vorgestern war ich zur letzten Kontrolle bei meiner wunderbaren Hausärztin, der ich buchstäblich mein Leben verdanke: Es ist alles wieder im Lot, ich habe mich vollständig erholt. Sie fragte, wie es mir ginge. “Klingt vielleicht wie ein Klischee, aber mir geht es von Tag zu Tag besser”, antwortete ich. So fühle ich mich gerade. Dieses ausgedehnte Gefühl des Nicht-getrieben-Seins hatte ich zuletzt in meiner Kindheit. Die Aufgaben, die mir zufallen, nehme ich an und erfülle sie mit Gelassenheit. Zu mehr dränge und zwinge ich mich nicht mehr. Und das tut mir gut. Das habe ich mir verdient.

Ich bin aus den Knochenmühlen raus, in denen ich in den Vereinen und Verbänden und nach der Betriebsaufgabe in der alten Dienstelle steckte. Je weiter ich mich davon entferne, desto klarer wird mir, wie zerstörerisch, zynisch und rücksichtslos mein Idealismus ausgenutzt wurde, der mich in die vollständige Selbstausbeutung trieb. Das Problem ist, dass von diesem selbstausbeuterischen Idealismus die gesamte Musikszene lebt.

Meine Ärztin ist eine richtige Ärztin. Ohne Alternativ-Hokuspokus, mit echter Medizin. “Ich hatte ernste Sorge, dass das organisch vielleicht noch nicht alles war. Aber jetzt sieht es ja doch danach aus. Das ist sehr schön!” sagte meine Ärztin und fragte, ob ich jetzt vernünftiger leben würde. “Naja,” antwortete ich, “ich arbeite jetzt bei einem tollen Arbeitgeber und bin aus der Knochenmühle raus. Das ist kein Vergleich zum Druck und Stress, den ich vorher ständig hatte.” – “Was haben sie denn vorher gemacht?” Wir haben nie, obwohl sie jetzt schon viele Jahre die Ärztin meines Vertrauens ist, über meinen Beruf gesprochen. “Ich habe Musik studiert, habe als Selbständiger für Vereine unterrichtet und dirigiert und zuletzt eine eigene kleine Musikschule betrieben.” – “Die Situation der Musikschaffenden ist so schlimm geworden! Ich spiele auch Klavier und habe es immer geliebt, quasi “autistisch” am Instrument zu sitzen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Musik zu studieren. Aber wenn man das dann sieht! Wer das macht, steckt so viel Arbeit da rein! Und bekommt doch keine Wertschätzung, und niemand ist bereit, angemessen zu bezahlen. Dabei ist Musik so wichtig! Die Arbeit ist so wertvoll!” Ich hätte sie dafür gerne umarmt. Sie sprach mir aus dem Herzen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video des großartigen Daniel Barenboim gesehen. Er beantwortete die Frage eines jungen Menschen, ob er Musik studieren solle und ob Barenboim ihm zum Studium raten würde. Ich bewundere Barenboim aufrichtig. Aber seine Antwort halte ich für schlichtweg verantwortungslos. Irgendwann werde ich sie hier mal darstellen.

Der Kuchen ist kleiner geworden, um die letzten Krümel wird bis aufs Messer gekämpft. In der Akkordeon-Szene herrscht eine unerträgliche Ellenbogen-raus-Geiz-ist-geil-Hier-komm´-ich-Mentalität von Profis wie von Laien. Wer sich zum Dirigenten “berufen” fühlt, kann sich vor ein Orchester stellen, das das zulässt, und – schwupps – ist man “Dirigent”. Die Verbände bedienen die, die dazu gehören, weil sie die richtigen Lehrgänge bei den richtigen Leuten gemacht oder an den richtigen Instituten studiert haben. Wer das nicht hat, kriegt das zu spüren.

Deshalb wollte mich der Vorstand des Langenhagener Vereins dazu vergattern, dass ich die Lehrgänge von D bis C mache. Ich habe studiert, ich habe ein Diplom, ich könnte auf Lehrgängen den Stoff unterrichten und unterrichtete ihn ja auch im – Unterricht! Dafür ist der ja da. Aber nein: Ich sollte zu den Lehrgängen fahren, “Das bezahlen wir dir auch!”, und bei meinen Kollegen Notenwerte und Dirigieren lernen! Ich sollte trotz sehr erfolgreich abgeschlossenen Studiums und inzwischen einen Jahrzehnts an Erfahrung als Dirigent statt zu üben, zu arrangieren und komponieren noch einmal Zeit aufwenden, um Lehrgänge zu besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß, dass ich mich wiederhole)! Ich bin zu Meisterkursen gefahren, um Impulse zu erhalten. Aber ich sollte zusätzlich noch Lehrgänge besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß…)! Ein Vorstandsmitglied war meine geringfügig beschäftigt Angestellte. Sie stellte diese Forderung an mich auch. Sie selbst brach nach zwei D-Lehrgängen (den Basis-Lehrgängen, vor denen sie massiv Angst hatte, sie nicht zu bestehen!) ihre “Qualifikation” ab, weil ihr das nichts brächte, sagte sie. Ich hatte aber studiert! Und ich sollte – auch nach ihrer Meinung – zu meiner Qualifikation Lehrgänge für Laien besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (…)!Mit anderen Worten: Mein Diplom ist nichts wert. Sieht gut aus, liest sich nett als Werbung, reicht aber nicht, Dietmar! Es zählen die Lehrgänge, die dafür konzipiert worden sind, Laien etwas zu qualifizieren.

Bei meinem ersten Wettbewerb für den Langenhagener Verein stand dann auch ein Verbandsfunktionär während des Jurorengesprächs (in dem man mir erklärte, ich wisse offenbar nicht, was Dur und Moll wären, und dass man mit zweichörigen Kinderinstrumenten einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen” könne) hinter der Jury und sprach mich an: “Der DHV bietet Lehrgänge an, wenn sie dirigieren lernen wollen!” – “Ich habe an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Orchesterleitung belegt.” – “Oh!” – “Ich habe sogar als Jahrgangsbester mit 1,0 abgeschlossen.” Er entschuldigte sich und zog sich zurück. Unglaublich, aber wahr, dies ist exakt der Dialog, der da stattfand. Als wir uns Jahre später das letzte Mal sahen, wenige Wochen nach meiner vollständigen Vernichtung bei meiner letzten Wettbewerbsteilnahme, sah ich ihm an, dass er mit sich rang, mich anzusprechen. Er ist kein schlechter Mensch, und ich bin sicher, er wollte mir etwas Ermutigendes oder Freundliches sagen. Aber mir war da schon klar, dass meine Zeit im Langenhagener Verein abgelaufen und mein Name verbrannt sein würde, und so ging ich nicht auf ihn zu, um ihm den Kontakt zu erleichtern. An der Wand stehend blickte er ständig zu mir und machte immer wieder mal einen Schritt in meine Richtung, rang sich aber schließlich nicht durch.

Einer meiner Konkurrenten kam nach dem Wettbewerb, der der Jury meine Unkenntnis von Dur und Moll enthüllte, auf mich zu: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst Erster oder ich! Das war wirklich toll!” Glücklicherweise war ich von seinem Beitrag gleichfalls sehr beeindruckt und sagte das aufrichtig. – Ich wurde Letzter. Zum zweiten Mal bei meiner zweiten Teilnahme bei diesen Wettbewerben. Er schaute mich bei der Ergebnis-Verkündung erschüttert an, wurde aber schnell durch seinen ersten Platz getröstet.

Als ich, für kurze Zeit, denn dann bot sich die Gelegenheit für eine Hobby-Dirigentin, die sich gerne als führende Künstlerin geriert, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sodass ich nicht wieder diese Funktion bekam, Bezirksvorsitzender des Verbandes war, sah ich es als meine Aufgabe an, den Verband gegenüber den Vereinen zu repräsentieren und möglichst viele Konzerte zu besuchen. Es ist mehrfach passiert, dass ich von alten Vorstandsmitgliedern angesprochen und dafür gelobt worden bin, dass ich der erste Verbandsvertreter in der teilweise langen Geschichte der Vereine gewesen sei, der Konzerte persönlich besucht hat. Ich fragte aktiv in den Vereinen nach zu ehrenden Mitgliedern, anstelle auf Vereinsmeldungen zu warten, weil ich es für wichtig hielt, dass der Verband sein Interesse nicht nur bekundet, sondern tätig zeigt und lebt. Sehr gerne sprang ich auch für andere Bezirksvorsitzende ein, wenn sie verhindert waren. Die Ehrungen versuchte ich freundlich und fröhlich mit persönlichen Worten zu gestalten und kaufte immer, auf meine Kosten, denn im Verband waren dafür keine Mittel vorgesehen, Blumen für die zu Ehrenden.

Für jeden Verein, für jede Ehrung schaute ich mir vorher den Verein und verfügbare Infos über die Personen an. Als ich beispielsweise eine zeitlich verhinderte Bezirksvorsitzende bei einer Ehrung vertrat, begann ich meine Ehrung nach meiner Begrüßung mit den Worten: “Ich habe mich immer gefragt, warum dieses Orchester so erfolgreich ist: Es sind tolle Musiker an den Instrumenten! Aber dieser Dirigent: Der ist richtig gut!” Ihn hat das vollkommen überrascht, er sich sehr gefreut. Vor allem: Ich meinte das ehrlich. Ich bekam nach den Ehrungen Applaus, alle waren gelöster Stimmung, das Konzert war unterhaltsam und qualitätvoll. Der Dirigent sprach mit mir nach dem Konzert einige Zeit, ich kam mit zur Nachfeier. So soll es sein, mir gefiel das.

Als ich einen Dirigenten ermittelt hatte, der mehrere Jahrzehnte Orchester geleitet hatte, sprach ich mit jemandem aus dem Vorstand, damit die entsprechende Ehrung durchgeführt werde. Wir vereinbarten, dass wir den Dirigenten auf dem Konzert damit überraschen wollten. Der Vorstand bedankte sich bei mir, weil ihm selbst das möglicherweise durch die Lappen gegangen wäre. Alles lief wie geplant. Das Konzert erreichte den vereinbarten Zeitpunkt, der Moderator erklärte, es sei ein Vertreter des Verbandes anwesend, dem er jetzt das Mikrofon überreiche. Ich ging auf die Bühne, begrüßte kurz im Namen des Verbandes, sagte, dass ich das Konzert sehr genieße und lobte Qualität und Spielfreude. Dann erklärte ich (so steht es stichpunktartig in meinen Notizen, die mir beim finalen Aufräumen in die Hände gefallen sind): “Wenn der Verband ehrt, ehrt er für die in dieser Funktion geleisteten Jahre. Ich möchte diese Ehrung aber noch etwas weiter gefasst verstanden sehen: Ich darf hier heute einen Dirigenten ehren, der Wertvolles für die Akkordeon-Szene geleistet hat und einige großartige Wettbewerbserfolge vorweisen kann.” Dann sagte ich noch ein wenig Konkretes lobend über die Stücke und die Interpretation des Abends, was ich inzwischen vergessen habe. Lob, Lob, Lob und höchste Anerkennung.

Der Dirigent nimmt die Ehrung entgegen, freut sich sichtlich, ich verlasse die Bühne. Als ich auf meinem Platz sitze und mich über die gelungene Überraschung und die dem Dirigenten bereitete Freude freue, greift er zum Mikrofon: “Vielen Dank für die Ehrung! Ich denke gerne an die Wettbewerbe und an die hervorragenden Platzierungen. Da musst du erst mal noch hinkommen, Dietmar!” Mir sackt das Blut aus dem Kopf.

Applaus gab es dafür nicht, irgendeine andere Reaktion des Publikums habe ich nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es hätte betretene Stille gegeben. Aber ich war zu getroffen, um irgend etwas zu realisieren. Kurz darauf startete ich meine letzte Wettbewerbsteilnahme mit tollem Ergebnis für mein Winser Orchester, hoch erfreulichem für mein heute so sehr von mir vermisstes Jugendorchester und absolut vernichtendem letzten Platz für mein Langenhagener Orchester und zum dritten mal letzten Platz für mich. Präludium zum Ende meiner Geschichte als Musiker. Ich werde da also nicht mehr “hinkommen”. Freut den Dirigenten-Kollegen sicher. Und nicht nur den.

Die Musik-Szene insgesamt lebt von der Selbstausbeutung der Profis, die nicht mehr von diesem Beruf leben können. Auf den mageren Markt, der den Begriff Markt nicht mehr verdient, drängen osteuropäische und asiatische junge Künstler, am Instrument ausgezeichnet befähigt, nur um nach kurzer Zeit zu sehen, dass es den Markt nicht gibt. Legal kann man sich kaum halten. Und so versuchen dann beispielsweise russische Konzertsolisten ohne pädagogische Ausbildung quer einsteigend in den Schuldienst zu gelangen.

Die Großkotze haben gewonnen. Ausbaden muss es die Gesellschaft von heute und der Zukunft.

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