Dinosaurier

Ob man es wahr haben will oder nicht: Filme haben unsere Kultur mitgeprägt. Ich kenne Leute, die an Filmen nicht das geringste Interesse haben. Die verpassen etwas, finde ich, aber das muss ja jeder selbst wissen. Für mich schwierig nachzuvollziehen ist aber die Haltung von Menschen, die Filme ablehnen. Wer das tut, ist mir grundsätzlich suspekt.

Es gibt Filme, die muss man kennen! Man muss! Warum? Weil das Kultur ist. So, wie man die Mona Lisa kennen muss. Man muss “Die Vögel” kennen!

Ein Klassiker! What´s not to like?

Die Meisterschaft, mit der Hitchcock

Hätte es die Metoo-Debatte damals schon gegeben, er wäre attackiert worden. Völlig zurecht! Was heute nicht “in Ordnung” (ein viel zu schwacher Begriff) ist, war es auch damals nicht. Das ändert aber nichts an seinem Genie.

die Handlung aufbaut, wie er die Charaktere zeichnet und ihre Entwicklung plausibel gestaltet, ist so wunderbar, dass jedes wiederholte Sehen des Films ein Genuss ist. Die Heldin des Films, Melanie Daniels (Tippi Hedren),

Die junge Tippi Hedren. Eine tolle Schauspielerin, eine schöne Frau mit damenhafter Ausstrahlung. Und – eine Heldin, wie sie im heutigen Kino nicht mehr “geht”. Denn sie mag Männer, ist sich ihrer Weiblichkeit bewusst und genießt sie.

Tochter eines Medienmoguls, die ein behütetes Leben führt und in jeder Hinsicht selbstbestimmt und selbstbewusst ist, trifft zufällig auf den Anwalt Mitch Brenner (Rod Taylor),

Geht fraglos auch heute als sexy durch. So zeigt er sich allerdings nicht im Film. Tut mir ja für alle leid, die ihn gerne so sehen.

findet Gefallen an ihm und versucht, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, indem sie sich als Verkäuferin der Zoohandlung ausgibt, die Brenner betreten hat, um vielleicht Sperlingspapageien für seine kleine Tochter zu kaufen. Er durchschaut sehr schnell, dass Melanie nichts vom Fach versteht, und trennt sich amüsiert nach dem erfolglosen “Verkaufsgespräch” von ihr. Sie ersteht die beiden Vögel selbst und sucht überraschend Mitch in seinem Heimatort Bodega Bay auf. Bis dahin sieht der Film wie eine der romantischen Komödien aus, wie sie für Rock Hudson und Doris Day typisch waren.

Doris Day und Rock Hudson. What´s not to like? (Oh, sagte ich das schon woanders?)

Während ihres Besuch kommt es aber zu immer weiter eskalierenden und schließlich tödlichen Vogelattacken auf Menschen. Hitchcock erhöht die Spannung langsam und stetig.  Ich liebe alles an dem Film: Die Schauspieler, das Lokalkolorit, die Charaktere (besonders die sinnlich/erotische Suzanne Pleshette in einer wichtigen Nebenrolle. Noch eine selbstbewusste Frau in Filmen! Was es alles gibt …),

Nun kommt schon! Sie ist doch einfach entzückend! In ihrer Liebenswürdigkeit perfekt besetzt, um maximale Wirkung auf den Zuschauer zu entfalten.

den Umgang mit Stille; einfach alles. Ein perfekter Film seiner Zeit. Wenn man ihn so kategorisieren mag, könnte man ihn als “Tier-Horror” bezeichnen, wie etwa “Der weiße Hai” oder “King Kong”. Dabei zeigen Tiere grundsätzlich nicht ihr realistisches Verhalten oder ihr realistisches Erscheinungsbild, sondern sind eine planvoll agierende Gefahr für den Menschen, der sich plötzlich in einer unbeherrschbaren Umgebung wiederfindet.

Ein solcher ist auch der grandiose Film “Jurassic Park”

von Stephen Spielberg.

Danke, Meister, für so viele unvergessliche Stunden der Flucht aus der Realität!

Das Besondere war, es sollte erreicht werden, ein realistisches, glaubhaftes Bild der Dinosaurier zu zeichnen und in einen Handlungsrahmen zu spannen, der den Zusammenprall der durch Äonen getrennten Tetrapoda Saurier und Mensch glaubhaft darstellt. Bis “Jurassic Park” wurden Saurier als Echsen gezeigt,

Tyrannosaurus, aufrecht gehend, den Schwanz wie eine Echse schleppend und wie ein Känguru als Stütze nutzend mit Echsenkopf und plumpen Krokodilfüßen.

die, wenn sie Jäger sind, auf ihren Hinterbeinen aufgerichtet gehen und den Schwanz als Stütze nutzen; im Grunde Krokodile auf zwei Beinen.

“Dinosaurier” heißt zwar “schreckliche Echse”, aber Echsen und Saurier haben “nur” gemeinsame Vorfahren miteinander und uns Säugern. Bei Echsen sind die Beine vom Körper abgewinkelt, Saurier balancieren im Gegensatz dazu, wie Säugetiere, ihr Gewicht über den Beinen.

Spielberg setzte auf neue Erkenntnisse: Saurier waren auch agile Jäger und balancierten ihr Gewicht mithilfe des Schwanzes als Gegengewicht auf den Hinterbeinen.

Hier war schon längst etabliert, wie gefährlich der Tyrannosaurus Rex für die Menschen ist.

Es wurde, erfolgreich, versucht, ein lebendiges Bild eines Tierökosystems zu zeichnen, indem Pflanzenfresser und Jäger in für sie typischer Weise dargestellt wurden. Die für den Menschen gefährlichen Fleischfresser waren im Film eine echte Gefahr und jagten einem Angst ein; insbesondere die Velociraptoren.

Wenn man das sieht, ist es im Film für einen wahrscheinlich zu spät.

Der Film katapultierte die Vorstellung über Dinosaurier in das neue Jahrtausend! Aber: Es gibt Fehler in der Darstellung, die damals bereits bekannt waren! So ist der als Velociraptor bezeichnete Saurier eher sein größerer Cousin Deinonychus. Zwei Gründe führten dazu, dass der in Wirklichkeit truthangroße Velociraptor Namensträger des Filmmonsters ist: Sein Name klingt aggressiver, lässt sich auch besser aussprechen, und er ist zu klein.

Im Film wird die lückenhafte DNA der Saurier mit Frosch-DNA ergänzt. Der Grund ist, dass die Pointe nicht verraten werden sollte: Saurier sind mit Vögeln verwandt. Als Alan Grant (Sam Neill)

vor dem Brachiosaurus steht, erklärt er begeistert, dass er sich darin bestätigt sieht, dass Saurier warmblütig gewesen seien.

So schön, so ergreifend diese Szene ist, sie wird sich, selbst, wenn man Saurier neu erschaffen könnte, nicht so abspielen können: In der Kreidezeit (“Jurassic” klingt aber cooler), in der diese Saurier lebten, war der Sauerstoffgehalt der Luft erheblich höher. Ohne diesen ist solch ein Riesenwuchs nicht möglich.

Wie in Hitchcocks “Die Vögel”, und wie in jedem anderen wirklich guten Film, sehen wir in “Jurassic Park” echten, glaubhaften Charakteren (mit einer Frau und einer Teenagerin als Heldinnen, die aber leider zu viel “Frau” für das heutige Sendungsbewusstsein im Kino sind) und ihrer Entwicklung im Angesicht der Ereignisse zu. Ein toller Film, der heute noch funktioniert.

In den folgenden Filmen der Reihe setzt man auf nicht verwendete Inhalte des zugrunde liegenden Romans, die Beliebtheit der bekannten Helden (die sich nicht mehr weiter entwickeln und dadurch langweilig sind) und die Schau- und Gruseleffekte. Nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter! Na gut, ganz so schlimm ist es nicht. Man kann den zweiten Teil noch gut gucken, auch wegen der wunderbaren Julianne Moore.

Eine tolle Frau! Toll, toll, toll!

Aber im Kern ist dieser Film sehr deutlich Popcorn-Kino mit herbeifabulierten Konflikten und mehr Remmidemmi als echte Spannung und Charakterzeichnung.

Teil 3 versenkte die Franchise. Sie wurde wiederbelebt mit dem humorvollen, charismatischen Charmebolzen der Extraklasse Chris Pratt.

Und das ist auch schon alles, was es über diese Filme zu sagen gibt. “Jurassic World” ist ein Star-Vehikel für einen tollen Star, dem ich von Herzen gönne, Star zu sein. Ansonsten: Noch mehr Krawall und Action, noch mehr Saurier, noch größere Menschenfresser. Und noch mehr Logiklöcher. Weil die Macher zynisch darauf setzen, dass sie aufgrund der vielen Action nicht auffallen.

“Jurassic Park” hat die Sicht auf die Dinosaurier revolutioniert. Das ist fast 30 Jahre her. “Jurassic World” gestaltet die bekannten Saurier ein wenig um, damit sie bedrohlicher aussehen, und erfindet einen neuen Superjäger, der aber vom plötzlich “lieben” T-Rex gekillt wird. Ansonsten bleiben die Saurier wie sie sind: Nach aktuellen Erkenntnissen falsch!

Die aktuellen Erkenntnisse sagen, dass nicht Tiere wie der Archaeopteryx

Der berühmte Fund im Schiefer von Solnhofen galt seit der Entdeckung als “missing link” zwischen Sauriern und Vögeln. Er belegt auch, dass Evolution stattfindet und die wissenschaftliche Theorie dazu wirklich Wissenschaft ist: Charles Darwin selbst hat belegt, dass die Evolutionstheorie die Kraft der Vorhersagbarkeit hat. Er hat nämlich gesagt, dass, wenn die Theorie stimme, man ein Tier finden müsse, das die Charakteristika des Archaeopteryx aufweisen müsse. Der Fund bestätigte ihn noch zu Lebzeiten.

die Flugfedern “erfanden” und damit zu den Vögeln führten, sondern, dass Saurier grundsätzlich gefiedert waren. Vögel sind die neotone Ausprägung von Sauriern! Wie wir die neotone des Homo Erectus.

Wenn “Jurassic World” eine Seele hätte, was “Jurassic World” nicht hat, denn “Jurassic World” will Box-Office-Hit und Popcorn-Kino sein, eine Seele wie “Jurassic Park”, die eine Franchise und ein Film nur mit einem beseelten Regisseur haben kann, dann sähe der Tyrannosaurus Rex nicht so aus,

sondern etwa so:

Die Deckfedern des Körpers entsprachen dabei denen großer Laufvögel, wie etwa dem Emu:

Es gelang sogar bei einigen Sauriern, aufgrund der fossilisierten Federn Farben von Federn zu bestimmen. Der Archaeopteryx dürfte demnach etwa so ausgesehen haben:

Hier jagt ein Velociraptor [Edit: Es ist doch der Archaeopteryx abgebildet.] einen kleineren Saurier (eventuell Compsognathus), aber das dargestellte Federkleid entspricht in der Färbung dem eines Archaeopteryx, wie man belegen kann. Der Archaeopteryx sah einer Elster in der Färbung ähnlich. Im Gegensatz zum abgebildeten Velociraptor hatte der Archaeopteryx Schwungfedern ebenfalls an den Beinen (nächstes Bild).

Die gefährlichen, mannsgroßen Deinonychus, die in der Franchise als Velociraptor bezeichnet werden, kann man sich nun so vorstellen [Edit: Dies ist die Darstellung eines Velociraptors, nicht eines Deinonychus.]:

Wenn das Hollywood nicht gruselig genug ist, dieses Design widerspricht nicht den neuen Erkenntnissen:

Dieses auch nicht:

Oder in bunt:

Denn es ist wie mit unseren heutigen Dinosauriern, die wir “Vögel” nennen: Es gibt viele Arten von Vögeln in allen möglichen Formen und Farben. Gleiches galt auch für die Saurier vor über 66 Millionen Jahren:

Und wie heute waren die Dinosaurierküken niedlich:

Süßer, kleiner T-Rex! Wirst mich doch nicht beißen, nicht? Aaaarrgh …

Warum sieht man das nicht? Weil den Machern Phantasie, Kreativität und Mut fehlen. Weil sie zynisch und desinteressiert eine Franchise melken wollen. Weil sie darauf setzen, dass man die Dinosaurier “mag”, wie man sie kennt. Weil die Film-Dinosaurier jetzt nur noch Monster sind und keine Tiere, von denen man sich vorstellen kann, dass es sie gegeben hat, die einem auch heute vertraut sein könnten, wenn es sie gäbe. Weil sie genau das gleiche Denken zeigen, das Saurier von dem originalen “King-Kong” bis in die Neunziger hinein als große Echsen präsentierte.

Heutiges Kino will nichts aufregend Neues kreieren. Es kann das auch gar nicht mehr, weil die Kreativität fehlt.

Aber wenn man weiß, dass Dinosaurier tatsächlich lebende Tiere waren, die so aussahen wie oben dargestellt, sieht man heutige Vögel mit anderen Augen:

Ja, dieses Tier gibt es: Ein großer Laufvogel, der Kasuar.

Es bleibt festzuhalten: Hitchcocks “Die Vögel” ist ein Dinosaurierfilm.

Jetzt habe ich vor unseren Heimdinosauriern ein bisschen Angst.

 

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