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Ich denke, hier schreibe ich ein wenig über die Luxusprobleme, die man in unserer Gesellschaft haben kann, und beginne gleich mit dem aktuellen “Ärger”, den wir haben:

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass eigentlich alles Einkommen bei mir in Ausbildung und Beruf geflossen ist. Somit ist alles, was wir uns aufbauen konnten, klein und bescheiden. Jetzt wollen und müssen wir die längst fällige zweite Bad-Sanierung in Angriff nehmen. Da kam uns eine Werbekampagne eines Baumarktes entgegen. Nennen wir ihn mal “Großvattir”.

Großvattir bewirbt sich als neuen “BadPlaner”. Der Prospekt zeigt ein modernes Bad (unseres wird zum Haus passend eher leicht in Richtung shabby-chic gehen) und einen freundlichen Berater, der mit lässiger Kompetenz ein glückliches Paar mithilfe eines Computerbildschirms berät.

Der Prospekt fragt fürsorglich, “Haben Sie an alles gedacht?” und nennt drei Bulletpoints:

  • Aktueller Grundriss Ihres Badezimmers
  • Aktuelle Position der Anschlüsse
  • Fotos von Ihrem Bad (alle Wände und Perspektiven)

Dann weckt er Erwartungen mit der tatkräftigen Versprechung: “Das erwartet Sie bei Ihrem Termin”. Wir machen einen Termin und erwarten also

  • Erhalten Sie eine 3D-Vorschau von Ihrem neuen Badezimmer [Hier muss ich mich zu der Anmerkung hinreißen lassen, wie miserabel diese Formulierung ist! Sie ist falsch im Zusammenhang mit der Überschrift und alleinstehend ein Frage- oder Befehlssatz. Wer schreibt so etwas?]
  • Flexible Projektplanung
  • Individuelle Badgestaltung
  • Vermittlung von qualifizierten Handwerkern
  • Attraktive & transparente Preise
  • Große Marken- & Produktvielfalt.

“Mehr Infos finden Sie unter www.großvattir.de/badplaner”. Dort erklärt uns Großvattir, dass wir in einer 3D-Animation unser Bad virtuell betreten und uns umsehen könnten. Super Sache das! Grundriss? Check. Anschlüsse? Check. Fotos? Check. Auf geht´s zu Großvattir!

Der freundliche Berater mit lässiger Kompetenz ist in unserem Fall ein nicht ein einziges Mal lächelnder Mitarbeiter des Großvattir-Marktes, der uns nach der Begrüßung erklärt, er habe “just for fun” (wörtlich!) mal ein Modellbad am Computer erstellt. Die Animation dieses Bades, das in keinster (ich weiß, dass es das Wort nicht gibt. Aber ist unsere Sprache nicht schön, dass sie solche Übertreibungen erlaubt und auch noch klar ist, was man damit sagen will?) Hinsicht auch nur das Geringste mit unserem Bad zu tun hat, abgesehen davon, dass das auch ein Bad ist, diese Animation läuft also während des gesamten Gesprächs auf dem Bildschirm.

“Was stellen Sie sich denn vor?” Wir haben klare Vorstellungen, alle Maße und Fotos, die meine Frau vor ihm ausbreitet. Missmutig desinteressiert wirft er einen kurzen Blick drauf. So etwas wie “Aha” grummelnd schiebt er sie zusammen und ignoriert sie. Wir sollen die Maße nennen. Wir nennen sie. Er brauche aber die “lichten Maße”. Ich: “Das ist von Wand zu Wand gemessen.” – “Sind da Fliesen auf den Wänden?” – “Ja.” – “Dann ist das kein lichtes Maß.” – “Na gut, rechnen wir einen Zentimeter dazu, wenn die Fliesen wieder runter sind.” – “Na, was denn nun?! 1,71 m oder 1,72?” – “1,72.” – “Also nicht 1,71 m!” – “Äh, nein.” – “Aber die Fliesen sind doch drauf?” – “Ja, aber sie kommen doch runter.” Er etwas ungehaltener werdend: “Hm. Naja. Also 1,72 m meinen Sie. Gut.” Dann rechnet er aus, wie groß die Grundfläche des Badezimmers ist und wie viele Pakete Feinsteinzeug-Fliesen wir brauchen. In meinem Kopf rotiert es: Wie kann es sein, dass dieser eine Zentimeter auch nur den geringsten Einfluss auf die Anzahl der Pakete haben kann? Aber er war ja noch nicht fertig: “Vier Pakete. Das ist etwas mehr, als Sie an Fläche brauchen. Haben Sie den Verschnitt einkalkuliert?” – “Äh, nein?” Ich meine, wie sollte ich? Wir haben ihm die Maße genannt, er hat gerechnet. Ich habe gar nichts kalkuliert. “Sie müssen immer den Verschnitt einkalkulieren!” – “Aha.” – “Ja. Nehmen wir ein Paket Verschnitt an, das wären also fünf Pakete. Damit haben Sie mehr als genug für die Fläche.” Meine Frau schaltet sich ein: “Ich hätte gerne einen Fliesensockel von etwa vier Zentimetern umlaufend, wo keine Fliesen an die Wand kommen.” – “Die müssen Sie schneiden.” – “…?” – “Ja. Die gibt es nicht. Die müssen Sie schneiden.” – “Äh, macht das nicht der Fliesenleger?” – “Dann brauchen Sie Fliesen, die geschnitten werden.” Ich: “Ja, aber wir haben doch jetzt mit fünf Paketen deutlich mehr als an Fläche notwendig ist.” – “Sie müssen immer (!) den Verschnitt einkalkulieren!” – “Das habe ich verstanden.”

Und so weiter und so fort. So lief die Beratung bei Großvattir. Unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz jonglierte während des Gesprächs Kugelschreiber, Klemmbrett, Taschenrechner und mehrere Seiten DIN-A-4-Schmierpapier, auf das er pro Seite etwa drei Zeilen platzfüllend aufbrachte, was ihn dazu zwang, weil er auch nicht dazu schrieb, wofür diese Zahlen standen, immer hin und her zu blättern und sich zu fragen, wo er das denn jetzt hätte. Wir erklärten sorgfältig und mehrfach, welche Bodenfliesen wir im Großvattir-Markt unserer Heimatstadt ausgesucht haben (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment), welche Wandfliesen für die Nasszelle (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment) und welche Fliesen für die vertikalen Akzentstreifen (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment). Ziemlich viel Zeit brauchten wir dazu, ihm zu erklären, wo diese Akzentstreifen genau angebracht werden sollen. Ihn nervte das sichtlich.

Dann gingen wir durch den Markt, um Heizkörper, Nasszelle etc. auszusuchen. Er notierte sich alles und sagte, was davon im Computer sei und was nicht.

“Ja, dann habe ich jetzt alles!” verkündete unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz. Wir harrten hoffnungsfroh in Erwartung, dass er sich jetzt mit lässiger Kompetenz an die Tastatur setze und wie weiland Data an der Navigationskonsole der Enterprise-D seine Finger über die Tastatur fliegen ließe, damit wir unser Bad virtuell betreten könnten. – Unser freundlicher Berater schaute uns mit lässiger Kompetenz wort- und lächellos an. “Ja,” sagte ich, “das ist ja wohl alles.” und wartete hoffnungsfroh. “Ja.” sagte unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz: “Ich weiß jetzt nicht, wie lange ich brauche. Normalerweise eine Woche. Aber falls jemand krank wird … aber ich habe in zwei Wochen Urlaub … also muss ich das in einer Woche schaffen. Hm. Ja. Ich schicke Ihnen dann ein Angebot zu.” Hämisch fuhr die virtuelle Kamera auf dem Bildschirm hinter ihm durch das “just for fun” animierte Badezimmer und lachte uns aus. Meine Frau etwas verdattert: “Äh, ja, wer macht das Bad? Haben Sie Handw…?” – “Also, nein! Handwerker haben wir nicht! Da brauche ich keinen zu fragen! Jetzt ist gerade jeder zuhause und jeder macht etwas. Da hat kein Handwerker Zeit. Darum müssen sie sich schon selbst kümmern!” – “Wir wollen ja die nicht gefliesten Wände verputzen: Was können …” – “Da bin ich nicht im Thema. Also die Planung, die kann ich ihnen machen. Aber was Putz angeht …!” – “Können wir das Bad denn mal … äh … ansehen?” – “Ich schicke Ihnen die Ausdrucke. Normalerweise brauche ich eine Woche. Aber falls jemand krank wird … aber ich habe ja in zwei Wochen Urlaub … also ja, nächste Woche kann ich ihnen etwas schicken. Ich habe ja Ihre Mail-Adresse.” – “Oh. Schön. Vielen Dank.”

Naja: Immerhin waren wir als Familie zusammen und sind hinterher noch schön Essen gegangen. Aber Großvattir hätten wir nicht gebraucht.

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