Blogpause

Jetzt, nachdem klar ist, dass ich fest angestellt werde, weiß ich auch, wie meine Aufgaben genau aussehen: Ich bin verantwortlich für vierzehn Lerngruppen aus fünf Altersstufen und zwei Fächern. Diese Einheiten vorzubereiten hat Vorrang und bedeutet einiges an Arbeit. Ich komme sehr gut voran, habe Spaß an der Arbeit, muss aber in zwei bis drei Wochen fertig, das Konzept für drei der Gruppen muss nächste Woche vorstellreif sein.

Deshalb gibt es jetzt für ein paar Wochen eine Blogpause ohne neue Beiträge. Die Gedanken zur Sprache sind weiter gediehen, aber das sorgfältig auszuformulieren muss jetzt noch warten.

Allen einen schönen Sommer! Und hoffen wir, dass die beginnende Sorglosigkeit einiger, lasst es uns offen sagen, Idioten, das in der Pandemie Erreichte nicht auf den Kopf stellt.

Zum vorübergehenden Abschied stelle ich kurz einen der großartigsten politischen Analytiker und fähigsten, im besten Sinn kritischen Interviewer vor. David Pakman ist sehr zu empfehlen! Es gibt noch weitere, aber dieser hier ist schlichtweg großartig.

 

Wenn Selbstwahrnehmung und Vernunft versagen

Beim Café/Bäcker um die Ecke, wo ich heute Morgen unsere Brötchen geholt habe, saß eine große Familie zum gemeinsamen Fest-Frühstück zusammen. Als ich mit Auswahl und dem Bezahlen beschäftigt war, gingen mehrere Personen der Gesellschaft vor die Tür, die ich nicht genauer beachtete. Ich verließ die Bäckerei, zwei Frauen und ein Mann standen vor dem Eingang. “Lass uns etwas weiter gehen”, sagte eine der Frauen. “Nein,” antwortete der Mann, “hier steht der Aschenbecher.” Ich nahm meine Maske ab und schaute dabei kurz zu ihm: Etwa zehn Jahre jünger als ich, meine Größe, hager, rasierter Kopf, sein Trainingsanzug lotterte um seinen ausgemergelt scheinenden Körper. Er drehte sich gerade eine Zigarette fertig und hielt das Feuerzeug schon bereit. Der Tabaksbeutel lag auf seinem Rollator. An diesem war eine Sauerstoffflasche angebracht, deren Schläuche in seine Nase führten. Was auch immer er durchmachen muss, offenbar benötigt er zusätzlichen Sauerstoff. Aber auf das Rauchen verzichtet er nicht.

Ich kenne ihn nicht. Aber ich kann mir nur ein Szenario vorstellen, in dem ich sein Verhalten verstehen könnte: Wenn er terminal erkrankt ist und die letzte Zeit noch so genießen will, wie er gelebt hat. Ist das nicht so, hat die Vernunft versagt. Denn nach kurzer Zeit, ich habe drei Tage in Erinnerung, hat der Körper eines Rauchers die Giftstoffe abgestoßen. Danach geht es darum, die Sucht zu überwinden. Wer Probleme mit der Sauerstoffversorgung hat, sollte nicht rauchen. Schlicht und einfach.

Aber Selbstwahrnehmung und Vernunft sind bei so manchem Endgegner. Besonders beim orangen Utan im Weißen Haus. Nach seinem Chris-Wallace-Interview-Debakel wollte FOX NEWS ihm wieder auf die Beine helfen, indem er eine zweite Interview-Chance bekam. Wallace ist wahrlich kein investigativer Journalist, aber immerhin zu einem gewissen Grad aufrichtig. Der jetzige Kollege, Dr. Siegel, hatte nur die Aufgabe, Stichworte zu geben, Softball-Questions, wie man in den USA sagt, um dem narzisstischen Steuerhinterzieher und Frauen-/Mädchen-Belästiger (und wahrscheinlich sogar -Vergewaltiger) die Gelegenheit der Reparatur des desolaten Eindrucks zu geben. Was heraus gekommen ist, ist so abstrus, dass ich in den Wahnsinn einer längeren Übersetzung eintauchen möchte. Ich warne: Wir werden in einen tiefen Abgrund schauen! Der Möchtegern-Multi-Milliardär ist ein soziopathischer Lügner, in dessen Kopf sich die Gehirnzellen nur von Ferne zuwinken.

Der rechtsnationale Tucker Carlson eröffnet die Horrorshow mit reißerischer Lobpreisung des in seinen Augen hochfunktionalen Geschehens um den Präsidenten: “Weißes-Haus-Mediziner überwachen alles über den Präsidenten, eingeschlossen seine kognitiven Fähigkeiten. Natürlich sprechen die meisten Präsidenten nicht darüber. Aber dieser Präsident tat das gerne in großer Detail-Fülle, als er von Dr. Siegel gefragt wurde. Schau!”

Das alleine ist schon irre. Aber jetzt kommt der geballte orange Wahnsinn. Siegel fragt nach den Gesundheits-Anforderungen im Präsidenten-Amt, der Golf-Betrüger antwortet (sehr sorgfältig übersetzt und mehrfach nachgehört: So redet dieser gruselige Mann): “Ich denke, wir haben bei guter Gesundheit zu sein. Ich sage dir was: Das ist ein wirklich, äh, wirklich wichtiger Job, um es vorsichtig auszudrücken. Da ist nichts wie das. Und ich würde auch sagen, und ich denke, ich habe härter gearbeitet als andere, weil ich von Seiten attackiert worden bin, von denen niemand jemals attackiert worden ist. Weißt du, wie Falsch-Untersuchungen, Falsch-Russland-Russland-Russland, Ukraine, Ukraine. Ich meine, niemand musste da durch, und doch habe ich in den drei Jahren mehr getan als jeder Präsident in der Geschichte. Da ist kein Präsident, der getan hat, was wir getan haben mit Wiederaufbau des Militärs, den Richtern und – wir gehen auf nahezu dreihundert Richter zu, eingeschlossen zwei Großer-Gerichtshof-Richter am Ende dieser Amtszeit. Also, das ist wirklich etwas, das großartig war. Aber du brauchst Ausdauer! Du brauchst physische Gesundheit, und du brauchst mentale Gesundheit. Und weil du so viel Lügenpresse hast, sagst du hin und wieder, zuerst sagen sie, er will die Welt erobern, er will die Welt erobern, er ist ein Diktator. Am nächsten Tag sagen sie, er ist verrückt. Am nächsten Tag sagen sie, oh, er ist inkompetent. Am nächsten Tag sagen sie etwas ande… – also das letzte Mal, als ich im Krankenhaus war, wahrscheinlich vor einem Jahr, ein bisschen weniger als ein Jahr her, fragte ich den Arzt. Ich sagte: ´Gibt es da eine Art eines kognitiven Tests, den ich machen könnte? Weil ich davon gehört habe.` Weil ich diesen Leuten das Maul stopfen wollte. Sie erf… – sie sind Lügenpresse, sie erfinden Geschichten! Ich meine – etwa, ich würde ein Interview mit dir machen, du – ich habe nicht gesagt, du kannst mich nicht über dies befragen, du ka… – ich sage, frage mich alles. Ich habe eines mit Chris Wallace gemacht. Er war nett genug zu sagen – er sagte: ´Ich möchte dem Publikum nur erzählen, da war keine Frage außerhalb des Möglichen.` Und er ist ein harter Typ [wörtlich: “tough cookie”, also “Harter Keks”] – und es war ein gutes Interview, und ich genoss es – und es war gut, aber ich habe nicht gesagt, du kannst nur dieses fragen, du kannst nur … – wir haben glasklar zu sein [wörtlich: “We have to be sharp!” Dafür gibt es keine sinnvolle Übersetzung, weil das im Englischen kein stehender Begriff ist. “Wir müssen scharf sein!” Er meint eben wohl “glasklar denkend”.]! Wenn du im Amt des Präsidenten bist, haben wir glasklar zu sein. Also, sie sagten alle diese verschiedenen Sachen, die durcheinander waren. Was immer auch verfängt! Nichts von dem verfing, glücklicherweise. Aber einer der Gründe, dass es das nicht tat, ist, ich habe einen Test gemacht! Ich sagte zum Doktor, wer Doktor Ronny Jackson war [Ronny Jackson war allerdings bereits vor zwei Jahren ausgeschieden und im behaupteten Zeitrahmen nicht mehr Arzt des Möchtegern-Diktators], ich sagte: ´Ist da eine Art von Test? Ein Schärfe-Test [wörtlich: “acuity test”. So etwas gibt es allgemein nicht.]?` Und er sagte: ´Da ist tatsächlich einer.` Und er nannte ihn, was immer es auch sein mag, und es waren dreißig bis fünfunddreißig Fragen [Das ist falsch: Der Test hat 30 erreichbar Punkte! Nicht Fragen.], die ersten Fragen sind sehr einfach, die letzten Fragen sind sehr viel schwieriger, äh, wie eine Gedächtnis-Frage, es ist, äh, wie du machst: ´Person, Frau, Mann, Kamera, TV.` Also sagen sie: ´Kannst du das wiederholen?` Also sagte ich: ´Ja. Also es ist: Person, Frau, Mann, Kamera, TV.` – ´Okay, das ist sehr gut!` Wenn du das in Reihenfolge schaffst, bekommst du Extra-Punkte. Wenn du …, okay, nun fragen sie dich andere Fragen, andere Fragen, und dann zehn Minuten, fünfzehn, zwanzig Minuten später sagen sie: ´Erinnerst du die erste Frage?` Nicht die erste, aber die zehnte Frage. ´Gib sie uns erneut! Kannst du das wieder machen?` Und du machst: ´Person, Frau, Mann, Kamera, TV.` Wenn du das in Reihenfolge hinbekommst, bekommst du Extra-Punkte. [Es gibt keine Extra-Punkte in dem Test.] Sie sagten: ´Niemand bekommt das in der Reihenfolge hin! Das ist tatsächlich nicht so einfach!` Aber für mich, das war einfach! Und … das ist keine einfache Frage! In anderen Worten: Sie bitten dich … sie geben dir fünf Namen, und du hast sie zu wiederholen, und das ist okay. Wenn du sie außer der Ordnung wiederholst, das ist okay, aber, aber, weißt du, das ist nicht genau so gut. Aber wenn du etwa zwanzig, fünfundzwanzig Minuten später zurückgehst, und sie sagen: ´Gehe zurück zu der Fr…` – sie sagen es dir nicht! ´Gehe zurück zu der Frage und wiederhole sie! Kannst du das machen?` Und du machst: ´Person, Frau, Mann, Kamera, TV.` Sie sagen: ´Das ist verblüffend! Wie hast du das nur gemacht?!` Ich tue es, weil ich wie eine gute Erinnerung habe, weil ich kognitiv da bin! Nun, Joe [Biden] sollte den Test machen, weil da etwas passiert, und, und ich sage das mit Respekt – ich meine … es … wird wahrscheinlich uns allen irgendwann passieren, richtig? Weißt du, es wird passieren! – Aber wir können das Risiko nicht eingehen, wenn es passiert. Wenn du mit Russland zu tun hast – und es war niemand härter mit Russland als ich, niemand war härter …  China, als ich, das kann ich dir genau jetzt sagen, sie würden es lieben, Joe Biden anstelle Trump zu sehen. Wir haben Milliarden und Milliarden, Zehnermilliarden Dollar von China eingenommen. Sie haben uns nie etwas gegeben. Sie hatten das schlechteste Jahr, bevor die Plage hereinkam. Sie hatten das schlechteste Jahr in ihrer – genau in ihrer Geschichte – siebenundsechzig Jahre, das schlechteste Jahr in siebenundsechzig Jahren vor der Plage. Und uns ging´s prima, wir hatten die beste Ökonomie. Aber wir haben jemanden zu haben, der glasklar ist! Wenn diese Person nicht glasklar ist …, denn ich kann dir sagen, Präsident Xi ist glasklar, Präsident Putin ist glasklar, Erdogan ist glasklar! Du hast keine nicht-glasklaren Leute, mit denen zu tun ist. Du kannst niemanden haben, der nicht einhundert Prozent ist! Also, was ich tat, ist ausschr…, du weißt, das ist ein öffentlicher Test, und er sagte: ´Weißt du, wenn du diesen Test machst, haben wir ihn vielleicht zu veröffentlichen.” Und ich sagte: ´Das ist in Ordnung. Ich meine: Ist es schwer? Erzähle mir etwas davon. Niemals davon gehört.` Und ich bekam eine perfekte Benotung. Und die Doktoren waren … sie sagten: ´Sehr wenige Leute können das tun! Sehr wenige Leute schaffen das!` Du hast verstanden?” – “Ja.” – “Das ist nicht so einfach! Du weißt, andere Fragen waren schwerer, als das, was ich gerade tat! Aber das ist nicht so einfach! Aber, sobald sie meine Benotung veröffentlicht hatten und den Test, verschwand das ganze Zeug über mich, ist er kompetent – erinnere, sie sprachen über den fünfundzwanzigsten Zusatzartikel [regelt die Amtsenthebung bei fehlender kognitiver Leistungsfähigkeit], diesen Unsinn! – und sie sagten: ´Wow!` Und sogar die Feinde! Sie würden das nicht mehr sagen! Aber sie sagen es über Joe Biden. Und, ehrlich, er sollte den Test machen. In gewisser Weise als eine Pflicht in der Weise, weil du fähig sein musst, diesem Land zu zeigen, dass die Person, die wir als Führer auswählen, glasklar ist! Weil wir es mit Leuten zu tun haben, die uns sehr schlimme Sachen antun werden, wenn sie die Gelegenheit haben. Und du musst glasklarer sein als sie. Also hat Joe Biden in gewisser Weise eine Verpflichtung, einen Test zu machen, wie den, oder etwas anderes.”

Es geht dabei übrigens um diesen Test; er ist hier vollständig:

Es ist das dritte Aufgaben-Feld, in dem man fünf voneinander unabhängige (!) Begriffe, anders als in des Megalomanen Beispiel, wiederholen und dann nach fünf, nicht wie er sich “dramatisch” steigernd am Schluss behauptete nach fünfundzwanzig Minuten, wiederholen soll. Nicht nur gibt es keine “Extra-Punkte” – es gibt sogar gar keine Punkte auf diese Aufgabe.

Zu Wort meldet sich Mary Trump, Nichte des offensichtlich Gestörten, ihres Zeichens Psychologin: Der Test hat die Aufgabe, einen Anfangsverdacht auf Alzheimer, Demenz oder Hirnschäden zu diagnostizieren. Die Weise, wie der Resthaar-Föhnfrisur-Träger darüber redet und prahlt, wie er die vermeintlich besondere Schwierigkeit betont, sei ein klinischer (!) Hinweis, dass er diesen Test nicht (!) bestanden hat. Er hat ihr übrigens, als sie bei einer sommerlichen Familienfeier als Vierzehnjährige im Badeanzug zum Pool kam, attestiert, “ganz schön Holz vor der Hütte” zu haben (“You are stacked!”).

Und, wie geht´s meiner Leserschaft nach dieser Verbaldiarrhoe des Pleitemeisters?  Die Übersetzungs-Arbeit hinterlässt bei mir jedenfalls ein Gefühl von Hirnschmelze.

Einzelhaft am Instrument

Das Wichtigste vorweg: Das fehlende Teilchen ist jetzt da, denn letzte Woche wurde mir von meinem Dienststellenleiter bestätigt, dass mein Zeitvertrag in eine Festanstellung übergehen wird! Seit ich an dieser Dienststelle arbeite, führe ich ein normales, gesundes, entspanntes, hobbit-gleich geruhsames Leben. Eine ganz neue Erfahrung. Ich gehe pünktlich zur Arbeit, gehe pünktlich nach Hause. Niemand spielt mit mir irgendwelche Machtspielchen. Ich habe ein klares Aufgabengebiet und kann meine Kompetenzen frei einsetzen. Die Kollegen sind offen, freundlich, sachorientiert und angenehm albern. Meine Aufgaben sind spannend.

Habe ich Grund zur Klage? Nein. Bin ich froh über die Situation? Und wie!

Ich lebe anders. Bis 2018 war mein Leben von unbedingter Zielstrebigkeit bestimmt. Carl Czerny prägte den Begriff der “Einzelhaft am Klavier”, der auf jedes Instrument, das man ernsthaft studiert, übertragen werden kann. Wenn man nicht angemessen üben kann, rächt sich das bitter. Übt man angemessen, muss man verzichten. Man muss sich der Musik voll und ganz widmen. Aber das ist nur die Grundbedingung für eine minimale Erfolgsaussicht.

Seit mehreren Monaten, länger als je zuvor in meinem Leben, mache ich freiwillig Gefängnisurlaub vom Instrument. Ich arbeite normal, mache täglich Sport, pflanze und säe, lese, koche mit Genuss und schaue Filme, schreibe hier ein bisschen. Vorgestern war ich zur letzten Kontrolle bei meiner wunderbaren Hausärztin, der ich buchstäblich mein Leben verdanke: Es ist alles wieder im Lot, ich habe mich vollständig erholt. Sie fragte, wie es mir ginge. “Klingt vielleicht wie ein Klischee, aber mir geht es von Tag zu Tag besser”, antwortete ich. So fühle ich mich gerade. Dieses ausgedehnte Gefühl des Nicht-getrieben-Seins hatte ich zuletzt in meiner Kindheit. Die Aufgaben, die mir zufallen, nehme ich an und erfülle sie mit Gelassenheit. Zu mehr dränge und zwinge ich mich nicht mehr. Und das tut mir gut. Das habe ich mir verdient.

Ich bin aus den Knochenmühlen raus, in denen ich in den Vereinen und Verbänden und nach der Betriebsaufgabe in der alten Dienstelle steckte. Je weiter ich mich davon entferne, desto klarer wird mir, wie zerstörerisch, zynisch und rücksichtslos mein Idealismus ausgenutzt wurde, der mich in die vollständige Selbstausbeutung trieb. Das Problem ist, dass von diesem selbstausbeuterischen Idealismus die gesamte Musikszene lebt.

Meine Ärztin ist eine richtige Ärztin. Ohne Alternativ-Hokuspokus, mit echter Medizin. “Ich hatte ernste Sorge, dass das organisch vielleicht noch nicht alles war. Aber jetzt sieht es ja doch danach aus. Das ist sehr schön!” sagte meine Ärztin und fragte, ob ich jetzt vernünftiger leben würde. “Naja,” antwortete ich, “ich arbeite jetzt bei einem tollen Arbeitgeber und bin aus der Knochenmühle raus. Das ist kein Vergleich zum Druck und Stress, den ich vorher ständig hatte.” – “Was haben sie denn vorher gemacht?” Wir haben nie, obwohl sie jetzt schon viele Jahre die Ärztin meines Vertrauens ist, über meinen Beruf gesprochen. “Ich habe Musik studiert, habe als Selbständiger für Vereine unterrichtet und dirigiert und zuletzt eine eigene kleine Musikschule betrieben.” – “Die Situation der Musikschaffenden ist so schlimm geworden! Ich spiele auch Klavier und habe es immer geliebt, quasi “autistisch” am Instrument zu sitzen. Ich habe sogar darüber nachgedacht, Musik zu studieren. Aber wenn man das dann sieht! Wer das macht, steckt so viel Arbeit da rein! Und bekommt doch keine Wertschätzung, und niemand ist bereit, angemessen zu bezahlen. Dabei ist Musik so wichtig! Die Arbeit ist so wertvoll!” Ich hätte sie dafür gerne umarmt. Sie sprach mir aus dem Herzen.

Vor einiger Zeit habe ich ein Video des großartigen Daniel Barenboim gesehen. Er beantwortete die Frage eines jungen Menschen, ob er Musik studieren solle und ob Barenboim ihm zum Studium raten würde. Ich bewundere Barenboim aufrichtig. Aber seine Antwort halte ich für schlichtweg verantwortungslos. Irgendwann werde ich sie hier mal darstellen.

Der Kuchen ist kleiner geworden, um die letzten Krümel wird bis aufs Messer gekämpft. In der Akkordeon-Szene herrscht eine unerträgliche Ellenbogen-raus-Geiz-ist-geil-Hier-komm´-ich-Mentalität von Profis wie von Laien. Wer sich zum Dirigenten “berufen” fühlt, kann sich vor ein Orchester stellen, das das zulässt, und – schwupps – ist man “Dirigent”. Die Verbände bedienen die, die dazu gehören, weil sie die richtigen Lehrgänge bei den richtigen Leuten gemacht oder an den richtigen Instituten studiert haben. Wer das nicht hat, kriegt das zu spüren.

Deshalb wollte mich der Vorstand des Langenhagener Vereins dazu vergattern, dass ich die Lehrgänge von D bis C mache. Ich habe studiert, ich habe ein Diplom, ich könnte auf Lehrgängen den Stoff unterrichten und unterrichtete ihn ja auch im – Unterricht! Dafür ist der ja da. Aber nein: Ich sollte zu den Lehrgängen fahren, “Das bezahlen wir dir auch!”, und bei meinen Kollegen Notenwerte und Dirigieren lernen! Ich sollte trotz sehr erfolgreich abgeschlossenen Studiums und inzwischen einen Jahrzehnts an Erfahrung als Dirigent statt zu üben, zu arrangieren und komponieren noch einmal Zeit aufwenden, um Lehrgänge zu besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß, dass ich mich wiederhole)! Ich bin zu Meisterkursen gefahren, um Impulse zu erhalten. Aber ich sollte zusätzlich noch Lehrgänge besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (ich weiß…)! Ein Vorstandsmitglied war meine geringfügig beschäftigt Angestellte. Sie stellte diese Forderung an mich auch. Sie selbst brach nach zwei D-Lehrgängen (den Basis-Lehrgängen, vor denen sie massiv Angst hatte, sie nicht zu bestehen!) ihre “Qualifikation” ab, weil ihr das nichts brächte, sagte sie. Ich hatte aber studiert! Und ich sollte – auch nach ihrer Meinung – zu meiner Qualifikation Lehrgänge für Laien besuchen, deren Stoff ich unterrichten könnte (…)!Mit anderen Worten: Mein Diplom ist nichts wert. Sieht gut aus, liest sich nett als Werbung, reicht aber nicht, Dietmar! Es zählen die Lehrgänge, die dafür konzipiert worden sind, Laien etwas zu qualifizieren.

Bei meinem ersten Wettbewerb für den Langenhagener Verein stand dann auch ein Verbandsfunktionär während des Jurorengesprächs (in dem man mir erklärte, ich wisse offenbar nicht, was Dur und Moll wären, und dass man mit zweichörigen Kinderinstrumenten einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen” könne) hinter der Jury und sprach mich an: “Der DHV bietet Lehrgänge an, wenn sie dirigieren lernen wollen!” – “Ich habe an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg Orchesterleitung belegt.” – “Oh!” – “Ich habe sogar als Jahrgangsbester mit 1,0 abgeschlossen.” Er entschuldigte sich und zog sich zurück. Unglaublich, aber wahr, dies ist exakt der Dialog, der da stattfand. Als wir uns Jahre später das letzte Mal sahen, wenige Wochen nach meiner vollständigen Vernichtung bei meiner letzten Wettbewerbsteilnahme, sah ich ihm an, dass er mit sich rang, mich anzusprechen. Er ist kein schlechter Mensch, und ich bin sicher, er wollte mir etwas Ermutigendes oder Freundliches sagen. Aber mir war da schon klar, dass meine Zeit im Langenhagener Verein abgelaufen und mein Name verbrannt sein würde, und so ging ich nicht auf ihn zu, um ihm den Kontakt zu erleichtern. An der Wand stehend blickte er ständig zu mir und machte immer wieder mal einen Schritt in meine Richtung, rang sich aber schließlich nicht durch.

Einer meiner Konkurrenten kam nach dem Wettbewerb, der der Jury meine Unkenntnis von Dur und Moll enthüllte, auf mich zu: “Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wirst Erster oder ich! Das war wirklich toll!” Glücklicherweise war ich von seinem Beitrag gleichfalls sehr beeindruckt und sagte das aufrichtig. – Ich wurde Letzter. Zum zweiten Mal bei meiner zweiten Teilnahme bei diesen Wettbewerben. Er schaute mich bei der Ergebnis-Verkündung erschüttert an, wurde aber schnell durch seinen ersten Platz getröstet.

Als ich, für kurze Zeit, denn dann bot sich die Gelegenheit für eine Hobby-Dirigentin, die sich gerne als führende Künstlerin geriert, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen, sodass ich nicht wieder diese Funktion bekam, Bezirksvorsitzender des Verbandes war, sah ich es als meine Aufgabe an, den Verband gegenüber den Vereinen zu repräsentieren und möglichst viele Konzerte zu besuchen. Es ist mehrfach passiert, dass ich von alten Vorstandsmitgliedern angesprochen und dafür gelobt worden bin, dass ich der erste Verbandsvertreter in der teilweise langen Geschichte der Vereine gewesen sei, der Konzerte persönlich besucht hat. Ich fragte aktiv in den Vereinen nach zu ehrenden Mitgliedern, anstelle auf Vereinsmeldungen zu warten, weil ich es für wichtig hielt, dass der Verband sein Interesse nicht nur bekundet, sondern tätig zeigt und lebt. Sehr gerne sprang ich auch für andere Bezirksvorsitzende ein, wenn sie verhindert waren. Die Ehrungen versuchte ich freundlich und fröhlich mit persönlichen Worten zu gestalten und kaufte immer, auf meine Kosten, denn im Verband waren dafür keine Mittel vorgesehen, Blumen für die zu Ehrenden.

Für jeden Verein, für jede Ehrung schaute ich mir vorher den Verein und verfügbare Infos über die Personen an. Als ich beispielsweise eine zeitlich verhinderte Bezirksvorsitzende bei einer Ehrung vertrat, begann ich meine Ehrung nach meiner Begrüßung mit den Worten: “Ich habe mich immer gefragt, warum dieses Orchester so erfolgreich ist: Es sind tolle Musiker an den Instrumenten! Aber dieser Dirigent: Der ist richtig gut!” Ihn hat das vollkommen überrascht, er sich sehr gefreut. Vor allem: Ich meinte das ehrlich. Ich bekam nach den Ehrungen Applaus, alle waren gelöster Stimmung, das Konzert war unterhaltsam und qualitätvoll. Der Dirigent sprach mit mir nach dem Konzert einige Zeit, ich kam mit zur Nachfeier. So soll es sein, mir gefiel das.

Als ich einen Dirigenten ermittelt hatte, der mehrere Jahrzehnte Orchester geleitet hatte, sprach ich mit jemandem aus dem Vorstand, damit die entsprechende Ehrung durchgeführt werde. Wir vereinbarten, dass wir den Dirigenten auf dem Konzert damit überraschen wollten. Der Vorstand bedankte sich bei mir, weil ihm selbst das möglicherweise durch die Lappen gegangen wäre. Alles lief wie geplant. Das Konzert erreichte den vereinbarten Zeitpunkt, der Moderator erklärte, es sei ein Vertreter des Verbandes anwesend, dem er jetzt das Mikrofon überreiche. Ich ging auf die Bühne, begrüßte kurz im Namen des Verbandes, sagte, dass ich das Konzert sehr genieße und lobte Qualität und Spielfreude. Dann erklärte ich (so steht es stichpunktartig in meinen Notizen, die mir beim finalen Aufräumen in die Hände gefallen sind): “Wenn der Verband ehrt, ehrt er für die in dieser Funktion geleisteten Jahre. Ich möchte diese Ehrung aber noch etwas weiter gefasst verstanden sehen: Ich darf hier heute einen Dirigenten ehren, der Wertvolles für die Akkordeon-Szene geleistet hat und einige großartige Wettbewerbserfolge vorweisen kann.” Dann sagte ich noch ein wenig Konkretes lobend über die Stücke und die Interpretation des Abends, was ich inzwischen vergessen habe. Lob, Lob, Lob und höchste Anerkennung.

Der Dirigent nimmt die Ehrung entgegen, freut sich sichtlich, ich verlasse die Bühne. Als ich auf meinem Platz sitze und mich über die gelungene Überraschung und die dem Dirigenten bereitete Freude freue, greift er zum Mikrofon: “Vielen Dank für die Ehrung! Ich denke gerne an die Wettbewerbe und an die hervorragenden Platzierungen. Da musst du erst mal noch hinkommen, Dietmar!” Mir sackt das Blut aus dem Kopf.

Applaus gab es dafür nicht, irgendeine andere Reaktion des Publikums habe ich nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, es hätte betretene Stille gegeben. Aber ich war zu getroffen, um irgend etwas zu realisieren. Kurz darauf startete ich meine letzte Wettbewerbsteilnahme mit tollem Ergebnis für mein Winser Orchester, hoch erfreulichem für mein heute so sehr von mir vermisstes Jugendorchester und absolut vernichtendem letzten Platz für mein Langenhagener Orchester und zum dritten mal letzten Platz für mich. Präludium zum Ende meiner Geschichte als Musiker. Ich werde da also nicht mehr “hinkommen”. Freut den Dirigenten-Kollegen sicher. Und nicht nur den.

Die Musik-Szene insgesamt lebt von der Selbstausbeutung der Profis, die nicht mehr von diesem Beruf leben können. Auf den mageren Markt, der den Begriff Markt nicht mehr verdient, drängen osteuropäische und asiatische junge Künstler, am Instrument ausgezeichnet befähigt, nur um nach kurzer Zeit zu sehen, dass es den Markt nicht gibt. Legal kann man sich kaum halten. Und so versuchen dann beispielsweise russische Konzertsolisten ohne pädagogische Ausbildung quer einsteigend in den Schuldienst zu gelangen.

Die Großkotze haben gewonnen. Ausbaden muss es die Gesellschaft von heute und der Zukunft.

Das Ende des Grauens

Interview des Propaganda-Senders FOX-NEWS. Der Interviewer ist ein der rechts orientierte, aber journalistisch seriöse Chris Wallace. Er sitzt mit dem schweißtriefenden Präsidenten der USA im Schatten von Bäumen auf dem Gelände des Weißen Hauses:

Wallace zeigt eine sendereigene Umfrage, die aussagt, dass Joe Biden deutlich vernünftiger als Trump sei, um Präsident zu sein. Trump: “Nun, ich sage dir was: Lass uns einen Test machen.” [Trump hat vor einiger Zeit einen Test gemacht, der die Hirnfunktionen nach einem Schlaganfall oder Demenz untersuchen soll. Da muss man beispielsweise sagen, welcher Tag gerade ist, wo man ist, man muss drei gezeichnete Tiere unterscheiden können, eine Uhr zeichnen und, als schwerste Frage, in Siebenerschritten von einhundert rückwärts zählen. Trump erklärte wiederholt, es hätten Ärzte dabei gestanden, die gesagt hätten, wie außergewöhnlich seine Leistungen dabei gewesen seien, und niemand hätte das vor ihm so grandios hinbekommen.] “Lass uns einen Test machen, genau jetzt! Lass uns hingehen! Joe [Biden] und ich werden den Test machen. Lass ihn den gleichen Test machen, den ich gemacht habe.” Wallace springt ein: “Tatsächlich habe ich diesen Test auch gemacht, als ich hörte, du hättest ihn bestanden.” – “Aha. Wie ging es damit?” – “Nun, das ist nicht der schwierigste Test. Aber das letzte Bild…” – “Und das ist das letzte!” – “…ist ein Elefant!” – “Nein, nein, nein! Sieh mal, das ist alles falsch dargestellt!” – “Aber das ist der Test, der im Netz ist.” – “Eine Falschdarstellung! Ja, die ersten zwei Fragen sind leicht. Aber ich wette, du könntest nicht einmal die letzten fünf Fragen beantworten. Ich wette, du könntest es nicht! Sie werden sehr schwer, die letzten fünf!” – “Nun, eine von denen war, in Siebenerschritten von hundert rückwärts zu zählen.” – “Und lass mich dir sagen: Du könntest das nicht beantworten.” Wallace lacht: “Na gut…” – “Du könntest viele der Fragen nicht beantworten. Ich besorge dir den Test! Ich würde ihn dir gerne geben. Aber ich garantiere dir, Joe Biden könnte die Fragen nicht beantworten! Und ich habe alle fünfunddreißig Fragen korrekt beantwortet!”

Nach der anhaltenden Polzeigewalt in den USA gibt es eine Bewegung, welche die Polizei demilitarisieren will. Trump behauptet, Biden wolle der Polizei die Mittel kürzen. Will dieser aber nicht, hat er nie behauptet. Trump beharrt darauf. Wendet sich ärgerlich an seinen Stab, ihm dies zu belegen. Er erhält mehrere Seiten Papier, die er erfolglos zu überfliegen versucht, findet die Behauptung nicht und versucht, die Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken, indem er sich in religiöser Panikmache versteigt: “[Wenn Biden Präsident ist,] wird Religion verschwunden sein. Okay? Leben? Das kannst du vergessen! Die ganze Frage des Lebens.” – “Wenn du sagst ´Leben`, meinst du Abtreibung?” – “Absolut! Einhundert Prozent! Die ganze Frage, die eine – weißt du – das ist immer eine 50/50-Sache gewesen. Das neigt sich tatsächlich ein wenig mehr zu einer Seite.” – “Du sagtest, Religion wird verschwunden sein. Was ist das?” – “Sieh, was sie den Kirchen antun! Sie lassen die Kirchen sich nicht öffnen, selbst wenn sie auf einem Feld sechs Fuß voneinander entfernt sind!”

An einem anderen Punkt des Interviews fragt Wallace zur Umbenennung von Armee-Stützpunkten, die nach Konföderierten-Generälen benannt worden sind. Trump erklärt, die Stützpunkte sollten nicht umbenannt werden, weil man von dort aus mit den beiden Weltkriegen “wundervolle, wunderschöne Kriege” gewonnen habe.

Als Wallace ihn mit den Umfragen konfrontiert, die deutlich zeigen, wie weit Biden vor ihm liegt, bezeichnet er die Umfragen als “fake polls”, also “Lügenumfragen”. 2016 führte Clinton knapp in den Umfragen. Sie gewann die Wahl mit etwa drei Millionen Stimmen Vorsprung, verlor aber durch die Stimmen der Wahlmänner. Das ist heute anders: Selbst in traditionell republikanischen Staaten liegt Trump heute teilweise weit zurück. Dazu kommt, dass er, jetzt gerade erst (!), die Mittel zur Bekämpfung des Corona-Virus auf Null gekürzt hat (!), weil er meint, die USA sähen schlecht aus, weil man zu viel teste. Er beharrt darauf, dass die USA wunderbar dastünden. Dieser buchstäblich tödliche Wahnsinn kommt jetzt auch in nationalkonservativen Kreisen an: Ein 37-jähriger Veteran weigerte sich, Maske zu tragen und Abstand zu wahren. Er starb vorgestern im Krankenhaus an dem Virus. Seine letzten Worte laut Facebook-Post eines Angehörigen waren: “Ich dachte, das wäre alles Schwindel.” Ein siebzehnjähriges Mädchen starb, nachdem es auf einer Kirchenveranstaltung infiziert worden war. Die Eltern hielten sich an den “Rat” Trumps und “behandelten” die Jugendliche mit dem Malaria- und Lupus-Medikament Hydroxychloraquine.

Trump wird verlieren. Es sei denn, Biden oder die Demokraten machen dämliche Fehler (was nicht überraschend wäre), oder Trump wechselt erfolgreich den Kurs.

Als Wallace fragt, ob er ein guter Verlierer sei, antwortete Trump, Briefwahl sei ein Mittel der Wahlfälschung, die Wahl, wenn er sie verlöre, sei dann eine gefälschte Wahl. Er würde sie möglicherweise nicht anerkennen.

Der Mann ist ein Faschist und ein Idiot. Gehört ja oft zusammen. Aber das Ende des Grauens ist absehbar. Wie dramatisch seine Entfernung aus dem Weißen Haus wird, wird spannend zu beobachten. Das Militär hätte die Aufgabe, ihn hinaus zu “begleiten”.

Dinosaurier

Ob man es wahr haben will oder nicht: Filme haben unsere Kultur mitgeprägt. Ich kenne Leute, die an Filmen nicht das geringste Interesse haben. Die verpassen etwas, finde ich, aber das muss ja jeder selbst wissen. Für mich schwierig nachzuvollziehen ist aber die Haltung von Menschen, die Filme ablehnen. Wer das tut, ist mir grundsätzlich suspekt.

Es gibt Filme, die muss man kennen! Man muss! Warum? Weil das Kultur ist. So, wie man die Mona Lisa kennen muss. Man muss “Die Vögel” kennen!

Ein Klassiker! What´s not to like?

Die Meisterschaft, mit der Hitchcock

Hätte es die Metoo-Debatte damals schon gegeben, er wäre attackiert worden. Völlig zurecht! Was heute nicht “in Ordnung” (ein viel zu schwacher Begriff) ist, war es auch damals nicht. Das ändert aber nichts an seinem Genie.

die Handlung aufbaut, wie er die Charaktere zeichnet und ihre Entwicklung plausibel gestaltet, ist so wunderbar, dass jedes wiederholte Sehen des Films ein Genuss ist. Die Heldin des Films, Melanie Daniels (Tippi Hedren),

Die junge Tippi Hedren. Eine tolle Schauspielerin, eine schöne Frau mit damenhafter Ausstrahlung. Und – eine Heldin, wie sie im heutigen Kino nicht mehr “geht”. Denn sie mag Männer, ist sich ihrer Weiblichkeit bewusst und genießt sie.

Tochter eines Medienmoguls, die ein behütetes Leben führt und in jeder Hinsicht selbstbestimmt und selbstbewusst ist, trifft zufällig auf den Anwalt Mitch Brenner (Rod Taylor),

Geht fraglos auch heute als sexy durch. So zeigt er sich allerdings nicht im Film. Tut mir ja für alle leid, die ihn gerne so sehen.

findet Gefallen an ihm und versucht, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, indem sie sich als Verkäuferin der Zoohandlung ausgibt, die Brenner betreten hat, um vielleicht Sperlingspapageien für seine kleine Tochter zu kaufen. Er durchschaut sehr schnell, dass Melanie nichts vom Fach versteht, und trennt sich amüsiert nach dem erfolglosen “Verkaufsgespräch” von ihr. Sie ersteht die beiden Vögel selbst und sucht überraschend Mitch in seinem Heimatort Bodega Bay auf. Bis dahin sieht der Film wie eine der romantischen Komödien aus, wie sie für Rock Hudson und Doris Day typisch waren.

Doris Day und Rock Hudson. What´s not to like? (Oh, sagte ich das schon woanders?)

Während ihres Besuch kommt es aber zu immer weiter eskalierenden und schließlich tödlichen Vogelattacken auf Menschen. Hitchcock erhöht die Spannung langsam und stetig.  Ich liebe alles an dem Film: Die Schauspieler, das Lokalkolorit, die Charaktere (besonders die sinnlich/erotische Suzanne Pleshette in einer wichtigen Nebenrolle. Noch eine selbstbewusste Frau in Filmen! Was es alles gibt …),

Nun kommt schon! Sie ist doch einfach entzückend! In ihrer Liebenswürdigkeit perfekt besetzt, um maximale Wirkung auf den Zuschauer zu entfalten.

den Umgang mit Stille; einfach alles. Ein perfekter Film seiner Zeit. Wenn man ihn so kategorisieren mag, könnte man ihn als “Tier-Horror” bezeichnen, wie etwa “Der weiße Hai” oder “King Kong”. Dabei zeigen Tiere grundsätzlich nicht ihr realistisches Verhalten oder ihr realistisches Erscheinungsbild, sondern sind eine planvoll agierende Gefahr für den Menschen, der sich plötzlich in einer unbeherrschbaren Umgebung wiederfindet.

Ein solcher ist auch der grandiose Film “Jurassic Park”

von Stephen Spielberg.

Danke, Meister, für so viele unvergessliche Stunden der Flucht aus der Realität!

Das Besondere war, es sollte erreicht werden, ein realistisches, glaubhaftes Bild der Dinosaurier zu zeichnen und in einen Handlungsrahmen zu spannen, der den Zusammenprall der durch Äonen getrennten Tetrapoda Saurier und Mensch glaubhaft darstellt. Bis “Jurassic Park” wurden Saurier als Echsen gezeigt,

Tyrannosaurus, aufrecht gehend, den Schwanz wie eine Echse schleppend und wie ein Känguru als Stütze nutzend mit Echsenkopf und plumpen Krokodilfüßen.

die, wenn sie Jäger sind, auf ihren Hinterbeinen aufgerichtet gehen und den Schwanz als Stütze nutzen; im Grunde Krokodile auf zwei Beinen.

“Dinosaurier” heißt zwar “schreckliche Echse”, aber Echsen und Saurier haben “nur” gemeinsame Vorfahren miteinander und uns Säugern. Bei Echsen sind die Beine vom Körper abgewinkelt, Saurier balancieren im Gegensatz dazu, wie Säugetiere, ihr Gewicht über den Beinen.

Spielberg setzte auf neue Erkenntnisse: Saurier waren auch agile Jäger und balancierten ihr Gewicht mithilfe des Schwanzes als Gegengewicht auf den Hinterbeinen.

Hier war schon längst etabliert, wie gefährlich der Tyrannosaurus Rex für die Menschen ist.

Es wurde, erfolgreich, versucht, ein lebendiges Bild eines Tierökosystems zu zeichnen, indem Pflanzenfresser und Jäger in für sie typischer Weise dargestellt wurden. Die für den Menschen gefährlichen Fleischfresser waren im Film eine echte Gefahr und jagten einem Angst ein; insbesondere die Velociraptoren.

Wenn man das sieht, ist es im Film für einen wahrscheinlich zu spät.

Der Film katapultierte die Vorstellung über Dinosaurier in das neue Jahrtausend! Aber: Es gibt Fehler in der Darstellung, die damals bereits bekannt waren! So ist der als Velociraptor bezeichnete Saurier eher sein größerer Cousin Deinonychus. Zwei Gründe führten dazu, dass der in Wirklichkeit truthangroße Velociraptor Namensträger des Filmmonsters ist: Sein Name klingt aggressiver, lässt sich auch besser aussprechen, und er ist zu klein.

Im Film wird die lückenhafte DNA der Saurier mit Frosch-DNA ergänzt. Der Grund ist, dass die Pointe nicht verraten werden sollte: Saurier sind mit Vögeln verwandt. Als Alan Grant (Sam Neill)

vor dem Brachiosaurus steht, erklärt er begeistert, dass er sich darin bestätigt sieht, dass Saurier warmblütig gewesen seien.

So schön, so ergreifend diese Szene ist, sie wird sich, selbst, wenn man Saurier neu erschaffen könnte, nicht so abspielen können: In der Kreidezeit (“Jurassic” klingt aber cooler), in der diese Saurier lebten, war der Sauerstoffgehalt der Luft erheblich höher. Ohne diesen ist solch ein Riesenwuchs nicht möglich.

Wie in Hitchcocks “Die Vögel”, und wie in jedem anderen wirklich guten Film, sehen wir in “Jurassic Park” echten, glaubhaften Charakteren (mit einer Frau und einer Teenagerin als Heldinnen, die aber leider zu viel “Frau” für das heutige Sendungsbewusstsein im Kino sind) und ihrer Entwicklung im Angesicht der Ereignisse zu. Ein toller Film, der heute noch funktioniert.

In den folgenden Filmen der Reihe setzt man auf nicht verwendete Inhalte des zugrunde liegenden Romans, die Beliebtheit der bekannten Helden (die sich nicht mehr weiter entwickeln und dadurch langweilig sind) und die Schau- und Gruseleffekte. Nichts zu sehen, gehen Sie bitte weiter! Na gut, ganz so schlimm ist es nicht. Man kann den zweiten Teil noch gut gucken, auch wegen der wunderbaren Julianne Moore.

Eine tolle Frau! Toll, toll, toll!

Aber im Kern ist dieser Film sehr deutlich Popcorn-Kino mit herbeifabulierten Konflikten und mehr Remmidemmi als echte Spannung und Charakterzeichnung.

Teil 3 versenkte die Franchise. Sie wurde wiederbelebt mit dem humorvollen, charismatischen Charmebolzen der Extraklasse Chris Pratt.

Und das ist auch schon alles, was es über diese Filme zu sagen gibt. “Jurassic World” ist ein Star-Vehikel für einen tollen Star, dem ich von Herzen gönne, Star zu sein. Ansonsten: Noch mehr Krawall und Action, noch mehr Saurier, noch größere Menschenfresser. Und noch mehr Logiklöcher. Weil die Macher zynisch darauf setzen, dass sie aufgrund der vielen Action nicht auffallen.

“Jurassic Park” hat die Sicht auf die Dinosaurier revolutioniert. Das ist fast 30 Jahre her. “Jurassic World” gestaltet die bekannten Saurier ein wenig um, damit sie bedrohlicher aussehen, und erfindet einen neuen Superjäger, der aber vom plötzlich “lieben” T-Rex gekillt wird. Ansonsten bleiben die Saurier wie sie sind: Nach aktuellen Erkenntnissen falsch!

Die aktuellen Erkenntnisse sagen, dass nicht Tiere wie der Archaeopteryx

Der berühmte Fund im Schiefer von Solnhofen galt seit der Entdeckung als “missing link” zwischen Sauriern und Vögeln. Er belegt auch, dass Evolution stattfindet und die wissenschaftliche Theorie dazu wirklich Wissenschaft ist: Charles Darwin selbst hat belegt, dass die Evolutionstheorie die Kraft der Vorhersagbarkeit hat. Er hat nämlich gesagt, dass, wenn die Theorie stimme, man ein Tier finden müsse, das die Charakteristika des Archaeopteryx aufweisen müsse. Der Fund bestätigte ihn noch zu Lebzeiten.

die Flugfedern “erfanden” und damit zu den Vögeln führten, sondern, dass Saurier grundsätzlich gefiedert waren. Vögel sind die neotone Ausprägung von Sauriern! Wie wir die neotone des Homo Erectus.

Wenn “Jurassic World” eine Seele hätte, was “Jurassic World” nicht hat, denn “Jurassic World” will Box-Office-Hit und Popcorn-Kino sein, eine Seele wie “Jurassic Park”, die eine Franchise und ein Film nur mit einem beseelten Regisseur haben kann, dann sähe der Tyrannosaurus Rex nicht so aus,

sondern etwa so:

Die Deckfedern des Körpers entsprachen dabei denen großer Laufvögel, wie etwa dem Emu:

Es gelang sogar bei einigen Sauriern, aufgrund der fossilisierten Federn Farben von Federn zu bestimmen. Der Archaeopteryx dürfte demnach etwa so ausgesehen haben:

Hier jagt ein Velociraptor [Edit: Es ist doch der Archaeopteryx abgebildet.] einen kleineren Saurier (eventuell Compsognathus), aber das dargestellte Federkleid entspricht in der Färbung dem eines Archaeopteryx, wie man belegen kann. Der Archaeopteryx sah einer Elster in der Färbung ähnlich. Im Gegensatz zum abgebildeten Velociraptor hatte der Archaeopteryx Schwungfedern ebenfalls an den Beinen (nächstes Bild).

Die gefährlichen, mannsgroßen Deinonychus, die in der Franchise als Velociraptor bezeichnet werden, kann man sich nun so vorstellen [Edit: Dies ist die Darstellung eines Velociraptors, nicht eines Deinonychus.]:

Wenn das Hollywood nicht gruselig genug ist, dieses Design widerspricht nicht den neuen Erkenntnissen:

Dieses auch nicht:

Oder in bunt:

Denn es ist wie mit unseren heutigen Dinosauriern, die wir “Vögel” nennen: Es gibt viele Arten von Vögeln in allen möglichen Formen und Farben. Gleiches galt auch für die Saurier vor über 66 Millionen Jahren:

Und wie heute waren die Dinosaurierküken niedlich:

Süßer, kleiner T-Rex! Wirst mich doch nicht beißen, nicht? Aaaarrgh …

Warum sieht man das nicht? Weil den Machern Phantasie, Kreativität und Mut fehlen. Weil sie zynisch und desinteressiert eine Franchise melken wollen. Weil sie darauf setzen, dass man die Dinosaurier “mag”, wie man sie kennt. Weil die Film-Dinosaurier jetzt nur noch Monster sind und keine Tiere, von denen man sich vorstellen kann, dass es sie gegeben hat, die einem auch heute vertraut sein könnten, wenn es sie gäbe. Weil sie genau das gleiche Denken zeigen, das Saurier von dem originalen “King-Kong” bis in die Neunziger hinein als große Echsen präsentierte.

Heutiges Kino will nichts aufregend Neues kreieren. Es kann das auch gar nicht mehr, weil die Kreativität fehlt.

Aber wenn man weiß, dass Dinosaurier tatsächlich lebende Tiere waren, die so aussahen wie oben dargestellt, sieht man heutige Vögel mit anderen Augen:

Ja, dieses Tier gibt es: Ein großer Laufvogel, der Kasuar.

Es bleibt festzuhalten: Hitchcocks “Die Vögel” ist ein Dinosaurierfilm.

Jetzt habe ich vor unseren Heimdinosauriern ein bisschen Angst.

 

Weisheit des Alters?

Mein Freund fragte uns, seine Leserschaft, auf seinem Blog, ob wir mal den Wunsch gehabt hätten “auszusteigen”, oder das sogar getan hätten, nachdem er schöne Artikel darüber geschrieben hat, wie er sich aktuell von toxischen Lebensumständen befreit hatte, und einen wunderschönen, wie er mit 21 Jahren vor Chance stand, das geplante Leben nicht zu führen. Was er dabei über seine Frau schrieb, ist bezaubernd. Das hätte mir einfallen müssen, weil es mir genau so geht: “Kein Leben ohne sie könnte besser sein als das Leben mit ihr.” Er hat eine tolle Leserschaft, die durchdacht, ehrlich und sensibel antwortet. Ich zähle mich nicht der Menge “toll” zu, habe aber auch geantwortet, und meine derzeitige Lebenssituation zusammengefasst:

Deine Frage kann ich konkret beantworten: Ich habe im Juli 2018 meinen Lebenstraum aufgegeben und meinen Betrieb endgültig abgeschlossen; ein bisschen wie Paddy. Und wie Du würde ich das Leben mit meiner Familie nie aufgeben wollen und können. In vielem, was Du schreibst, erkenne ich mich wieder. Ich brauche es auch nicht mehr, mich bis zum buchstäblichen Umfallen aufzureiben. Ich habe akzeptiert, dass ein Durchbruch nicht kommen wird, egal, wie viel Arbeit ich noch reinstecke. Das hat meinen Einsatzeifer gekillt.

Es ist eigenartig, wenn man etwas aufgibt, von dem man meint, dass es einen seit der Kindheit im Kern ausgemacht hat. Ich habe seit fast einem Jahr nicht mehr konzentriert über Stunden, was früher absolut normal war, an einem der Instrumente gesessen. Ich war auf keinen Sitzungen mit profilneurotischen Auseinandersetzungen. Ich habe seit letztem Sommer nicht eine einzige 60-Stunden-Woche mehr gehabt, was früher normal war. Ich gebe nur noch selten Konzerte, als Solist schon lange nicht mehr, und Gigs mache ich auch nicht mehr. Die Wochenenden sind also in der Regel frei.

Stattdessen arbeite ich absolut normal, bin über Stunden bei meiner Mutter zur Betreuung, pflanze und säe auf unserem Grundstück, mache wieder so regelmäßig und intensiv Sport wie vor dem Studium und plane die Bad-Renovierung. Und ich merke jetzt erst so richtig, wie sehr ich an mir Raubbau betrieben habe. Wenn mein berufliches Tages- oder Wochensoll erfüllt ist, kann ich es immer noch nicht fassen, wie viel Zeit ich dann noch für mich habe. Endlich bleibt auch mal ein bisschen Geld über, das ich, abgesehen von den noch laufenden Abzahlungen des Betriebskredits, zur Verfügung habe.

Ich bin in Normalität versunken. Ich verbiete mir, mit Wehmut dem Scheitern nachzutrauern.

Keine Ahnung, was von meinem Solorepertoire überhaupt noch laufen könnte. Ich habe noch nie so lange, abgesehen von einer schweren Verletzung und Rekonvaleszenz vor einigen Jahrzehnten, nicht ernsthaft geübt. Ich wage fast nicht, mich wieder an die Instrumente zu setzen, weil ich Angst vor meinem Ehrgeiz habe, der mich wieder zum unbedingten Einsatz zwingen könnte, und davor, dass mich Enttäuschung niederschmettern könnte.

Doch, irgendwie lustig

Der orange Utan im Weißen Haus führt, nach eigenen Worten, einen Krieg gegen die radikalen Marxisten in den USA. Unter anderem! Der Föhn-Frisur-Resthaarträger kämpft gegen die “radikalen Linken”, um die Statuen zu beschützen! Es wurden nämlich Statuen von Südstaaten-Akteuren “attackiert”, die in den Sechzigern aufgestellt worden waren, um die schwarze Bürgerrechtsbewegung anzugreifen. Der Ausrichter von Schönheitswettbewerben für heranwachsende Mädchen, bei denen er gerne unverhofft in die Umkleiden platzte, tut so, als ginge es auch um Religion. Raffiniert. Diese Statuen müssten auch geschützt werden! Dazu ruft er zu einer Petition auf:

Der Beitrag wurde gelöscht, als jemandem auffiel, dass diese Statue in Brasilien steht …

Doch, diese Idiotie ist auch irgendwie witzig.

Neue Kategorie

Ich denke, hier schreibe ich ein wenig über die Luxusprobleme, die man in unserer Gesellschaft haben kann, und beginne gleich mit dem aktuellen “Ärger”, den wir haben:

Es ist ja nun kein Geheimnis, dass eigentlich alles Einkommen bei mir in Ausbildung und Beruf geflossen ist. Somit ist alles, was wir uns aufbauen konnten, klein und bescheiden. Jetzt wollen und müssen wir die längst fällige zweite Bad-Sanierung in Angriff nehmen. Da kam uns eine Werbekampagne eines Baumarktes entgegen. Nennen wir ihn mal “Großvattir”.

Großvattir bewirbt sich als neuen “BadPlaner”. Der Prospekt zeigt ein modernes Bad (unseres wird zum Haus passend eher leicht in Richtung shabby-chic gehen) und einen freundlichen Berater, der mit lässiger Kompetenz ein glückliches Paar mithilfe eines Computerbildschirms berät.

Der Prospekt fragt fürsorglich, “Haben Sie an alles gedacht?” und nennt drei Bulletpoints:

  • Aktueller Grundriss Ihres Badezimmers
  • Aktuelle Position der Anschlüsse
  • Fotos von Ihrem Bad (alle Wände und Perspektiven)

Dann weckt er Erwartungen mit der tatkräftigen Versprechung: “Das erwartet Sie bei Ihrem Termin”. Wir machen einen Termin und erwarten also

  • Erhalten Sie eine 3D-Vorschau von Ihrem neuen Badezimmer [Hier muss ich mich zu der Anmerkung hinreißen lassen, wie miserabel diese Formulierung ist! Sie ist falsch im Zusammenhang mit der Überschrift und alleinstehend ein Frage- oder Befehlssatz. Wer schreibt so etwas?]
  • Flexible Projektplanung
  • Individuelle Badgestaltung
  • Vermittlung von qualifizierten Handwerkern
  • Attraktive & transparente Preise
  • Große Marken- & Produktvielfalt.

“Mehr Infos finden Sie unter www.großvattir.de/badplaner”. Dort erklärt uns Großvattir, dass wir in einer 3D-Animation unser Bad virtuell betreten und uns umsehen könnten. Super Sache das! Grundriss? Check. Anschlüsse? Check. Fotos? Check. Auf geht´s zu Großvattir!

Der freundliche Berater mit lässiger Kompetenz ist in unserem Fall ein nicht ein einziges Mal lächelnder Mitarbeiter des Großvattir-Marktes, der uns nach der Begrüßung erklärt, er habe “just for fun” (wörtlich!) mal ein Modellbad am Computer erstellt. Die Animation dieses Bades, das in keinster (ich weiß, dass es das Wort nicht gibt. Aber ist unsere Sprache nicht schön, dass sie solche Übertreibungen erlaubt und auch noch klar ist, was man damit sagen will?) Hinsicht auch nur das Geringste mit unserem Bad zu tun hat, abgesehen davon, dass das auch ein Bad ist, diese Animation läuft also während des gesamten Gesprächs auf dem Bildschirm.

“Was stellen Sie sich denn vor?” Wir haben klare Vorstellungen, alle Maße und Fotos, die meine Frau vor ihm ausbreitet. Missmutig desinteressiert wirft er einen kurzen Blick drauf. So etwas wie “Aha” grummelnd schiebt er sie zusammen und ignoriert sie. Wir sollen die Maße nennen. Wir nennen sie. Er brauche aber die “lichten Maße”. Ich: “Das ist von Wand zu Wand gemessen.” – “Sind da Fliesen auf den Wänden?” – “Ja.” – “Dann ist das kein lichtes Maß.” – “Na gut, rechnen wir einen Zentimeter dazu, wenn die Fliesen wieder runter sind.” – “Na, was denn nun?! 1,71 m oder 1,72?” – “1,72.” – “Also nicht 1,71 m!” – “Äh, nein.” – “Aber die Fliesen sind doch drauf?” – “Ja, aber sie kommen doch runter.” Er etwas ungehaltener werdend: “Hm. Naja. Also 1,72 m meinen Sie. Gut.” Dann rechnet er aus, wie groß die Grundfläche des Badezimmers ist und wie viele Pakete Feinsteinzeug-Fliesen wir brauchen. In meinem Kopf rotiert es: Wie kann es sein, dass dieser eine Zentimeter auch nur den geringsten Einfluss auf die Anzahl der Pakete haben kann? Aber er war ja noch nicht fertig: “Vier Pakete. Das ist etwas mehr, als Sie an Fläche brauchen. Haben Sie den Verschnitt einkalkuliert?” – “Äh, nein?” Ich meine, wie sollte ich? Wir haben ihm die Maße genannt, er hat gerechnet. Ich habe gar nichts kalkuliert. “Sie müssen immer den Verschnitt einkalkulieren!” – “Aha.” – “Ja. Nehmen wir ein Paket Verschnitt an, das wären also fünf Pakete. Damit haben Sie mehr als genug für die Fläche.” Meine Frau schaltet sich ein: “Ich hätte gerne einen Fliesensockel von etwa vier Zentimetern umlaufend, wo keine Fliesen an die Wand kommen.” – “Die müssen Sie schneiden.” – “…?” – “Ja. Die gibt es nicht. Die müssen Sie schneiden.” – “Äh, macht das nicht der Fliesenleger?” – “Dann brauchen Sie Fliesen, die geschnitten werden.” Ich: “Ja, aber wir haben doch jetzt mit fünf Paketen deutlich mehr als an Fläche notwendig ist.” – “Sie müssen immer (!) den Verschnitt einkalkulieren!” – “Das habe ich verstanden.”

Und so weiter und so fort. So lief die Beratung bei Großvattir. Unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz jonglierte während des Gesprächs Kugelschreiber, Klemmbrett, Taschenrechner und mehrere Seiten DIN-A-4-Schmierpapier, auf das er pro Seite etwa drei Zeilen platzfüllend aufbrachte, was ihn dazu zwang, weil er auch nicht dazu schrieb, wofür diese Zahlen standen, immer hin und her zu blättern und sich zu fragen, wo er das denn jetzt hätte. Wir erklärten sorgfältig und mehrfach, welche Bodenfliesen wir im Großvattir-Markt unserer Heimatstadt ausgesucht haben (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment), welche Wandfliesen für die Nasszelle (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment) und welche Fliesen für die vertikalen Akzentstreifen (hatte der Großvattir-Markt in dieser Stadt aber nicht im Sortiment). Ziemlich viel Zeit brauchten wir dazu, ihm zu erklären, wo diese Akzentstreifen genau angebracht werden sollen. Ihn nervte das sichtlich.

Dann gingen wir durch den Markt, um Heizkörper, Nasszelle etc. auszusuchen. Er notierte sich alles und sagte, was davon im Computer sei und was nicht.

“Ja, dann habe ich jetzt alles!” verkündete unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz. Wir harrten hoffnungsfroh in Erwartung, dass er sich jetzt mit lässiger Kompetenz an die Tastatur setze und wie weiland Data an der Navigationskonsole der Enterprise-D seine Finger über die Tastatur fliegen ließe, damit wir unser Bad virtuell betreten könnten. – Unser freundlicher Berater schaute uns mit lässiger Kompetenz wort- und lächellos an. “Ja,” sagte ich, “das ist ja wohl alles.” und wartete hoffnungsfroh. “Ja.” sagte unser freundlicher Berater mit lässiger Kompetenz: “Ich weiß jetzt nicht, wie lange ich brauche. Normalerweise eine Woche. Aber falls jemand krank wird … aber ich habe in zwei Wochen Urlaub … also muss ich das in einer Woche schaffen. Hm. Ja. Ich schicke Ihnen dann ein Angebot zu.” Hämisch fuhr die virtuelle Kamera auf dem Bildschirm hinter ihm durch das “just for fun” animierte Badezimmer und lachte uns aus. Meine Frau etwas verdattert: “Äh, ja, wer macht das Bad? Haben Sie Handw…?” – “Also, nein! Handwerker haben wir nicht! Da brauche ich keinen zu fragen! Jetzt ist gerade jeder zuhause und jeder macht etwas. Da hat kein Handwerker Zeit. Darum müssen sie sich schon selbst kümmern!” – “Wir wollen ja die nicht gefliesten Wände verputzen: Was können …” – “Da bin ich nicht im Thema. Also die Planung, die kann ich ihnen machen. Aber was Putz angeht …!” – “Können wir das Bad denn mal … äh … ansehen?” – “Ich schicke Ihnen die Ausdrucke. Normalerweise brauche ich eine Woche. Aber falls jemand krank wird … aber ich habe ja in zwei Wochen Urlaub … also ja, nächste Woche kann ich ihnen etwas schicken. Ich habe ja Ihre Mail-Adresse.” – “Oh. Schön. Vielen Dank.”

Naja: Immerhin waren wir als Familie zusammen und sind hinterher noch schön Essen gegangen. Aber Großvattir hätten wir nicht gebraucht.