Eskapismus – oder: Das Ende Comic-Hollywoods?

Professioneller Musiker zu sein, ist nicht normal. Man arbeitet nicht normal, man engagiert sich nicht normal, man lebt nicht normal. Man arbeitet viel und intensiv, ohne dass es jemand wahrnehmen würde. Ohne diese Arbeit würde es aber nicht funktionieren. Das ist für mich erst emotional bewusst geworden, seit ich wieder gesund bin und für einen vernünftigen Arbeitgeber arbeite. Jetzt, mit etwas mehr Zeit für mich, merke, spüre, fühle ich erst so richtig, wie sehr ich an mir selbst Raubbau betrieben habe. Fast zu spät, aber eben doch noch rechtzeitig.

Man versucht als Musiker, ein normales Leben zu führen, Familie, Freizeit, Hobbys unterzubringen. Aber es ist schwieriger, als man sich das vorstellen mag. Ich übe (übte?) gerne. Stundenlang am Instrument zu arbeiten war für mich nie ein Problem. Beim Üben hatte ich echte Freude, war glücklich. Danach hatte ich immer ein gutes, erhebendes, entspanntes Gefühl. Deshalb dachte ich, dass es nicht so schlimm sein kann, wenn man weniger Zeit für anderes hat. Denn man hat doch so gerne am Instrument gesessen oder arrangiert oder komponiert, nicht wahr?

Nicht wahr. Ich weiß nicht, wie wissenschaftlich die Bezeichnungen “Disstress und Eustress” sind für “schlechten” und “guten” Stress. Aber eindeutig ist doch wohl, dass Üben bedeutet, sich mental und seinen Körper stundenlang einseitig zu belasten. Dafür muss man Ausgleich schaffen. Und das ist bei dem intensiven Tagesablauf in der Selbständigkeit viel schwerer, als man glauben sollte. Irgendetwas oder irgendwer leidet immer darunter, nicht bedacht zu werden, weil das Musikerleben, wenn man nicht irgendwo angestellt ist oder seine Schäfchen bereits im Trockenen hat, Zeit und Energie fordert.

Ich mache gerne meinen “Sport” (Anführungszeichen, weil das nur eine körperliche Beschäftigung für mich allein, ohne Partner, ohne Wettkampf, ohne jeden Show-Effekt ist), was viel, viel zu kurz gekommen ist, als ich noch selbständig und beim vorigen Arbeitgeber war. Ich lese gerne, insbesondere Sachbücher. Und ich bin Filmfan. Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich wäre sogar Film-Nerd. Dann lernte ich einen meiner besten Freunde kennen. Buchautor, Drehbuch-Autor (ein echter mit echten Filmen), Journalist. Der Mann schwimmt in einem Ozean aus Film-Wissen, hat und hatte Bekannte und Arbeitskollegen in der Branche und analysiert vortrefflich Neuerscheinungen. Seitdem ist mir klar, dass ich doch kein Nerd bin. In gewisser Weise auch beruhigend.

Aber das ist er, mein Eskapismus, meine Realitätsflucht, meine Erholung und Stimulation. Dabei habe ich eigentlich keine besonderen Vorlieben, bin aber kein Freund des Horror-Genres. Grusel ja, Horror nein, aber selbst das ist nicht so rigoros trennbar, denn einer der großartigsten Filme ist ein Horror-Film: “Alien” mit der wunderbaren Sigourney Weaver.

Aktuelles Foto. Was für eine tolle Frau!

Und damit wären wir auch schon bei dem Thema, das mich gerade total eskapistisch beschäftigt. Aber weil ich gerade unter blauem Himmel im Schatten unserer Gartenbäume von Vögeln umzwitschert bei einer schönen Tasse Earl Grey in dem Wetter angemessen spärlicher Bekleidung (ich kann Phantasie anregen wie ein Teufel!) auf der Liege liege und die Gedanken schweifen lasse, mache ich es nicht so einfach, jetzt das Thema einfach zu nennen! Nein, lieber Leser! Ich beschreibe mal einfach nacheinander verschiedene Filme oder Franchises und würde mich freuen, wenn irgendwer mit mir meinen gerechten Zorn teilen würde.

Dr. Who

Den Anfang macht die älteste TV-Serie der Welt. Ich habe nur wenig davon gesehen. Mögen es insgesamt höchstens 10 Folgen gewesen sein? Darunter war aber eine, die mich tief beeindruckt hat und maximalen emotionalen Einschlag hatte: “The Angels Take Manhatten”. Für alle, denen Dr. Who nichts sagt, erkläre ich hier kurz, was es damit auf sich hat:

Dr. Who ist der letzte Überlebende seiner Rasse, den Timelords. Er reist mit seiner Tardis durch Raum und Zeit. Die Tardis ist äußerlich eine blaue Polizei-Notruf-Zelle, im Innern aber quasi unendlich groß und eine eigene Dimension (so ungefähr, ohne die echten Kenner ärgern zu wollen). Wenn der Doktor, der keinen Namen hat (bzw. wird dieser nicht genannt: Er stellt sich nur als “Der Doktor” vor. Wenn dann jemand fragt, “Doktor wer?” antwortet er: “Richtig.”) bei seinem ständigen Bemühen, Gutes zu bewirken, stirbt, regeneriert er, nimmt einen Teil seiner Erinnerungen in die neue Regeneration mit, ist dabei aber ein neuer Charakter. Zwölf mal insgesamt kann ein Timelord regenerieren. Bei seiner Reise rekrutiert er ihm besonders wertvoll oder liebenswert erscheinende menschliche Begleiter, die für den Zuschauer die Identifikationsfigur bilden und seine Aktionen aus menschlicher Sicht kommentieren.

In der oben genannten Folge mit dem charmant-witzigen Matt Smith als Dr. Who

Der Dr. Who, den ich am besten kenne und der mir als Typ sehr gut gefällt.

geht es darum, dass sich dämonenhafte Wesen, “weinende Engel”, als unbewegliche Steinstatuen nur dann bewegen können, wenn niemand sie ansieht. Sie schleichen sich dann langsam Stück für Stück an ihre Opfer heran und töten sie grausig. Bei dieser ausgezeichneten, gruseligen und herzzerreißenden Episode können Dr. Who und seine beiden Begleiter den unheimlichen Feind nicht besiegen und seinen Begleitern, das Mädchen ist die unwahrscheinlich entzückende und witzige Karen Gillan,

Karen Gillan nach der Dr.-Who-Serie in den neuen (empfehlenswerten) Jumanji-Verfilmungen.

bleibt nur die Flucht in die Vergangenheit und der endgültige Abschied vom Dr. ohne Aussicht auf ein Wiedersehen.

Dr. Who wurde erstmals 1963 ausgestrahlt. In der ersten Staffel wurden der Kanon der Serie bereits wie beschrieben etabliert. Nachdem nun 12 Schauspieler Dr. Who verkörpert hatten, war demnach keine 13 Inkarnation mehr möglich. Die Autoren schrieben sich da mit der Erfindung besonderer Umstände heraus. Die produzierende BBC beauftragte Chris Chibnell damit, Dr. Who in das neue Jahrzehnt zu führen und etwas ganz Radikales, total Unerhörtes, Revolutionäres und vorher noch nie Dagewesenes zu machen: Eine Frau soll die Hauptrolle spielen! Unfassbar, oder? Eine Frau? Als Science-Fiction-Heldin? Boah, raffiniert!

Gut, man behauptet jetzt also einfach, dass die bisherigen Inkarnationen des Timelords Dr. Who Männer waren, er aber jetzt eben eine Frau ist. Wer will etwas dagegen haben? Doch nur Sexisten, oder? Aber man kann noch mehr tun, dachten sich Herr Chibnell und seine Autoren: Wer die Timelords sind, wie sie lebten, was ihnen passierte ist nur in Fragmenten offenbart. Das Geheimnis um sie macht einen großen Teil der Serie aus. Nun wird aber dieses Geheimnis gelüftet! Und das sieht so aus: Der allererste Dr. Who

Der erste Dr. Who (William Hartnell) ist gar nicht der erste! Bätsch!

ist gar nicht der allererste der Serie! Nein, der allererste ist eine große, dunkelhäutige Frau, die, wenn ich das richtig verstanden habe, was bei diesem verquasten Unsinn wahrlich nicht so einfach ist, bei einem Experiment eines höheren Wesens mehrfach als Kind umgebracht wurde, um wiedergeboren zu werden, bis es unendliche Regenerationsfähigkeit besaß. Oder so. Dr. Who waren immer Frauen.

Dr. Who in seiner gendergerechten Inkarnation, die von den Männern vergessen worden war. Hier wirkt Jodie Whittaker sehr sympathisch. Ich habe in eine Folge rein gesehen: Eine Eichenbohle entwickelt mehr Charisma.

Die männlichen Dres. haben es nur vergessen. Wirklich! So geht das jetzt!

Ich könnte noch viel schreiben, aber gehe zum nächsten Film:

James Bond

Der aktuelle James-Bond-Start wurde wegen der Corona-Krise verschoben. Die Handlung, so weit man sie kennt: James Bond (Daniel Craig)

Der körperlichste Bond von allen. In der Kampf-Action knallhart und überzeugend. Aber auch der Bond, der am wenigsten Spaß an seiner Arbeit zu haben scheint und am schwersten leiden muss.

ist im Ruhestand. Eine internationale Krise veranlasst M., ihn wieder in den Dienst zu berufen. Der effektivste und berühmteste Agent ihrer Majestät wird aber am Eingang von MI6 nicht mehr erkannt. Als er sich als 007 zu erkennen geben will, erfährt er, dass seine Agenten-Nummer neu vergeben worden ist. 007 ist jetzt eine kräftige und ihm mindestens gleich große afroanglische Frau.

Gestatten? Die neue 007 (Lashana Lynch). Denn jetzt wird auch endlich Bond zur richtigen Bond …

Bond versucht, sie anzubaggern, sie lässt ihn mit einem coolen Spruch abblitzen – und ihm fällt dazu nichts ein, sodass er dumm stehen bleibt. Ist doch witzig, oder? Haha.

Ach, gehen wir einfach mal weiter:

Terminator

Dieser Film ist ein echter Lehnenkraller! Arnold Schwarzeneggers Terminator gehört zum Einschüchterndsten, Bedrohlichsten, Spannendsten, was ich im Kino je gesehen habe.

Die Stop-Motion-Technik des Endoskeletts war state of the art, aber dennoch ruckelig. Nun ist aber gerade dieses Ruckelige etwas, das den Killer-Roboter noch zusätzlich entmenschlicht und bedrohlich macht.

Der T800 (Arnold Schwarzenegger und verschiedene Puppen) wird in das Jahr 1984 geschickt, um als letzten Ausweg zum Sieg der Maschinen über die Menschen im Jahr 2029 die Mutter des Führers des menschlichen Widerstands umzubringen. Der T800 ist ein computergesteuertes Metall-Endoskelett mit menschlich-organischem “Überzug”. Der T800 tötet zielstrebig, über-effektiv, unaufhaltsam und emotionslos. John Connor, der spätere Sohn und Widerstandsführer, kann einen eigenen Soldaten, Kyle Reese, in die Vergangenheit schicken, um seine Mutter zu schützen. Wir sehen in dem Film eine grandiose Performance der Schauspieler (ja, auch Schwarzeneggers) und eine Heldin, Sarah Connor gespielt von Linda Hamilton, die von einer lebenslustig naiven jungen Frau, die sich als Kellnerin von Kindern terrorisieren lassen muss, zu einer überforderten, verängstigten, verzweifelten Gejagten wandelt und schließlich all ihre Ängste, ihre Verzweifelung, ihre Trauer überwinden muss, um sich gegen ihren maschinenhaften Mörder zu wehren.

In der Fortsetzung wird der T1000 in die Vergangenheit geschickt, um den jungen John Connor zu töten. Ein dem ersten Teil baugleicher T800 wird ausgesandt, um ihn zu verteidigen. Sarah Connor ist inzwischen eine verhärmte Kämpferin, die in ihrem Sohn nicht mehr das Kind, sondern den zu beschützenden Retter der Menschheit sieht. John leidet darunter, entwickelt sich während der Ereignisse zu einer reiferen und gefestigteren Persönlichkeit und entwickelt starke emotionale Bindungen. Der T800 wandelt sich von einer der Programmierung folgenden Maschine durch Entfernung eines Sperrchips und damit freiem Zugang zum gesammelten Input und der Fähigkeit, Informationen zu ordnen und zu bewerten, zu einer Emotionen verstehenden aber nicht nachbilden könnenden Entität und wird von der programmierten  Waffe zum verstehenden Beschützer und Vaterersatz für John. Ihm wird der Wert des Lebens klar, und schließlich opfert er sich dafür selbst. Der T1000 ist ein flüssig-fester Formwandler, der menschliche Beziehungen erfolgreich genug imitieren kann, um seine Ermittlungen klug durchzuführen. Seine einzigen emotionsähnlichen Regungen sind rudimentäre Neugier, wenn er seine Opfer beim Sterben beobachtet, und ebenso rudimentäre Angst, als er selbst sein Ende vor sich sieht. Als Sarah die bewusste Entscheidung getroffen hat, dass der verantwortliche Wissenschaftler getötet werden muss, um die Katastrophe zu verhindern, geht sie mit eiskalter Präzision und determiniertem Willen vor. Dann aber bricht sie vor dem finalen Schuss ab, weil sie eben keine Tötungsmaschine und eben auch kein psychopathischer Mörder, sondern eine Frau ist, die sich gezwungen sah, ihre Gefühle zu unterdrücken.

Nach mehreren vergessenswerten Filmen versuchte man jetzt einen Neustart. Und der geht so:

Sarah Connor und ihr Sohn John haben Skynet, das Unternehmen, das für die nahezu komplette Vernichtung der Menschheit und für die Terminatoren verantwortlich ist, besiegt. Sie sind am Strand und erholen sich kurz nach den Ereignissen des letzten Films. Da taucht ein T800 (Arnold Schwarzenegger) auf, erschießt den Jungen und lässt Sarah verzweifelt zurück. Die Geschehnisse sehen dann wie folgt aus (und bitte: So etwas denken sich Menschen aus und halten das für gute und raffinierte Unterhaltung!):

Der emotionslose T800 hat nach dem Mord an John Connor keine Aufgabe mehr und wandert ziellos umher. Er wird Zeuge, wie ein Mann seine Frau misshandelt und bringt ihn um, um sie zu schützen. (Ja, richtig gelesen.) Daraufhin nimmt er die Rolle des Mannes ein und sorgt für die Familie, indem er in einer Fabrik arbeitet. (Ja, richtig gelesen.) Es wird Wert darauf gelegt, dass er mit der Frau nie Geschlechtsverkehr ausübt. (Ja, richtig gelesen.) Weil er immer, wenn ein Terminator aus der Zukunft ankommt, diese Ankunft wahrnimmt, schickt er jedes Mal an Sarah Connor die Koordinaten dieses Terminators mit der Bemerkung “Für John”. Sie zieht dann los und eliminiert diese Terminatoren routiniert. (Ja, richtig gelesen. Und das waren erwachsene Männer, keine vorpubertären 12-Jährigen, die sich das ausdachten. Männer, die denken, das wäre Unterhaltung für Erwachsene. Aber dabei bleiben, denn es geht ja noch weiter!)

Und so kommt Sarah Connor auf einer Brücke an, wo ein Terminator, dessen Bezeichnung so vergessenswert war wie der Schauspieler, also kann ich mit beidem nicht dienen, in einer lächerlichen Action-Sequenz versucht, ein junges Mädchen und ihre Beschützerin zu töten. Das Mädchen ist ein total liebes Mädchen, das sich rührend um ihren Vater (?, ist aber egal) kümmert.

So niedlich und unschuldig sah Sarah Connor am Anfang auch aus. Nur: Am Ende war sie ein anderer Mensch! Dieses Mädchen nicht. Aber: Diese dünnen Ärmchen dieses kleinen Mädchens können gewaltige Waffen halten und bedienen! Jawollja!

Die Beschützerin ist ein menschlich-kybernetischer Organismus, der nach jedem Kampf gekühlt werden muss, weil er sonst innerlich verkocht, nur mit Medikamenten lebensfähig ist und nur eine stark begrenzte Lebenszeit hat. Das Gehirn ist menschlich. Die sehr schlanke, sehr große Frau ist menschlich. Aber sie hat nicht einen Augenblick lang in diesem Film ein echtes Problem mit ihrem Schicksal. Auf der Brücke steigt also mit eiskalter Mine Sarah Connor aus ihrem Truck, nimmt eine Panzerabwehrrakete und schießt damit den Terminator in die Schlucht, um ihm noch eine Granate hinterher zu werfen. Cool von der Explosion sonnenbebrillt weggehend sagt sie lässig: “Kommt mit mir, wenn ihr leben wollt.” (Ja, alles richtig gelesen. So ist das in dem Film. Aber es kommt noch toller!) [EDIT: Falsch erinnert. Sie sagt den anderen ikonischen Oneliner: “I´ll be back.”]

Man findet den T800, der sich jetzt Carl nennt, und es stellt sich heraus: Nicht John Connor ist der Retter der Welt! Nahein! Es ist dieses total nette, etwa 1,50 Meter große, schlanke, niedliche Mädchen, das so total entschlossen und kämpferisch zu gucken versucht! Sie muss jetzt an Waffen ausgebildet werden! Das wird dann mal eben gemacht und – wir freuen uns im Kino alle sehr – sie macht das ganz, ganz toll! Auf Anhieb! So ein tolles Mädchen! So tough! Wir sind alle für sie!

Eindeutig: Die Waffe ist genau richtig für dieses kleine Mädchen! Sieht absolut sicher und glaubwürdig aus. Kriegt die hin. Ganz sicher. Übrigens: Das ist ein echter Shot aus dem Film. Einem Action-Kracher. Kein Zufallsphoto von einem Grillnachmittag mit Feunden.

Showdown, große Beschützer-Tante und T800 opfern sich, böser Terminator … äh … terminiert: Film 1 und 2 waren ohne Bedeutung. Denn die Rettung bringen diese Frauen! Und nicht etwa, indem sie sich charakterlich entwickeln, menschlich fehlerhaft und gar Mutter eines Kriegers wären! Nein! Sie selbst. Hobbitgroß, aber können mit Wummen ballern und Roboter verprügeln!

Da sind sie: Die drei Frauen, die die Menschheit retten. Unterwältigend …

Regisseur Tim Miller findet aber alles toll:

Aha. Wer den Film nicht mag, ist ein frauenfeindlicher Internet-Troll und ihm wird die Angst eingetrieben (frei übersetzt aus offensichtlichen Gründen).

Also diese schlanke, junge Dame im Tanktop soll einem Angst einjagen. Hm … tja … eigentlich … nicht so sehr …
Bei dem hier, ja, jetzt würde ich die Beine in die Hand nehmen.

Der Film floppte böse. Miller versteht öffentlich nicht, warum, und mutmaßt: Franchise-Müdigkeit oder toxische Frauenfeindlichkeit. Dass der Film auf mehreren Ebenen absoluter Unsinn ist, kommt ihm nicht in den Sinn.

Aber ich bin noch nicht fertig:

Star Wars

Eine ferne Galaxie vor unbestimmt langer Zeit wird von einem bösen Imperium beherrscht. Die Herrscher verfügen über eine quasi-magische Kraft, die “dunkle Seite der Macht”. Ein naiver Junge vom Land, Luke Skywalker, lernt im Verlauf von drei Filmen, das ihm und seiner ihm unbekannte Zwillings-Schwester die Aufgabe quasi vorbestimmt ist, gegen diese dunkle Seite anzutreten. Luke ist besonders begabt mit der guten Seite dieser “Macht”, kann einen wichtigen Etappensieg erringen, tritt zu früh und ungeschult gegen den Großmeister der dunklen Seite an, der ihn schlägt, aber nicht tötet, weil Luke durch einen vermeintlichen Sturz in den Tod für ihn selbst überraschend entkommt. Gefährte der Geschwister ist Han Solo, ein skrupelloser aber charmanter Schmuggler, bei dem für lange Zeit nie ganz klar ist, wie sehr man ihm vertrauen kann. Gemeinsam erringen sie schließlich den Sieg über die dunkle Seite, indem Luke aufopferungsvoll kämpft und es ihm gelingt, der Verlockung der dunklen Seite zu widerstehen. Sein Gegner, der Großmeister und sein leiblicher Vater, wird schließlich von seinen Vatergefühlen für Luke geleitet und opfert sich für dessen Leben und dessen Sieg auf.

Über die neu geschnittenen Fassungen dieser Trilogie und die Prequel-Trilogie verliere ich kein Wort. Na, vielleicht diese: Bonbonbunter Bombast. Operettenhafte Geckenhaftigkeit, die versucht, Oper zu sein, wobei der Schöpfer den Wert seiner ersten Arbeit selbst nicht erkennt und deshalb vollständig daran vorbei arbeitet.

Jetzt kam es zum Abschluss der größten Kino-Saga der Film-Geschichte mit einer neuen Trilogie. Im Zentrum der Handlung steht ein junges Mädchen, das von vornherein über so viel Macht verfügt, dass Luke nur staunen könnte. Was er dann auch tut, als sie ihn in einem Kampf besiegt und buchstäblich auf den Hintern setzt. Sie übersteht alle Kämpfe nicht nur, sondern versohlt ihren Gegnern auch gerne kräftig den Pöter. Was passiert aber mit den originalen Helden? Han Solo und Leia sind ein Paar geworden und haben einen Sohn. Irgendwie steigt die dunkle Seite der Macht wieder auf und vor allem: Das in den vorigen Filmen besiegte Imperium ist gar nicht wirklich besiegt! Wie ärgerlich. Haben wir uns doch wieder zu früh gefreut und Luke, Han und Leia waren gar nicht so toll, wie wir dachten.

Leia führt den Widerstand und zieht den Jungen groß. Was verantwortungsvolle Frauen so tun. Was tut der Ehemann? Er verscherbelt seine im Widerstand erworbene Medaille, um sich zu betrinken, verlässt Frau und Kind, um wieder als Schmuggler umher zu ziehen. Aber auch Luke taugt nichts mehr. Er zieht sich verbittert als Einsiedler zurück und hängt an der Brust. Ja, richtig gelesen: Er melkt große, auf ihrem Hinterteil sitzende Rüsseltiere, die mit menschlich aussehenden Brüsten ausgestattet sind. Daraus saugt er dann die Milch und füllt sie in seine Flasche ab. Und das, meine Damen und Herren, ist eine deutliche Bildsprache: Der vorgebliche Held, der Mann hängt an der Brust und sabbert sich die Milch in den Bart. Beweise? Gerne doch, bitte sehr:

“Das”, lacht uns der Film höhnisch ins Gesicht, “das ist euer angeblicher Held! HAHAHA!”

Han und Leia haben als Eltern allerdings versagt, denn der böse Bube ist der dunklen Seite der Macht zugeneigt wie sein Opa. Um das zu bekräftigen, bringt er seinen Papa, den Helden der originalen Saga, mit dem selbst zusammengelöteten Laserschwert um, als dieser ihn väterlich umarmen will. Dessen best friend for life Luke lässt das allerdings ziemlich unbeeindruckt. Männer! Was soll man machen …

Dieser andere Held der originalen Saga, Luke, tritt sang- und klanglos aus dem Leben. Leia dann auch irgendwann. Spielen aber alle keine Rolle. Denn das total begabte Mädchen versohlt allen böswatzigen Böswatzen aber sowas von den Hintern! Ach ja: Der seinen Vater umgebracht habende ständig weinerliche Möchtegern-Großmeister der dunklen Seite, wird natürlich auch tödlich geschlagen.

Wir lernen: Die alten Helden und ihre männlichen Abkömmlinge sind Weicheier, die nichts auf die Kette bekommen haben. Die Macht, “The Force” auf englisch, ist nur wirklich stark in diesem Mädchen. Die Produzentin und ihr Team, der wir dieses großartige Meisterwerk zu verdanken haben (sie im schwarzen T-Shirt):

“Die Macht ist weiblich.” Ach so! Das hätte mal jemand dem Luke sagen sollen. Wär´ der doch gleich auf seiner Farm geblieben.

Aber kein Problem! Es gibt ja noch andere Helden! Gucken wir doch mal nach:

Ghostbusters

Drei Forscher des Paranormalen, ein Hallodri, der das nur als Mittel für einen lässigen Lebenswandel betreibt, ein Naivling, der fest an Übersinnliches glaubt und mit Fachwissen glänzt, und ein wissenschaftliches Genie gründen eine Firma zur Geisterbekämpfung. Bald kriegen sie alle Hände voll zu tun, weil in zwei Filmen Portale in die dämonischen Dimensionen geöffnet werden und die Vorboten Angst und Schrecken verbreiten.

War total erfolgreich: Machen wir neu, dachte sich Paul Feig, ein popanziger, overdressed herumlaufender “Regisseur”.

Gefällt sich: Paul Feig.

Idee: Jetzt sind die Ghostbuster weiblich! Und die vorige Sekretären, mit Mutterwitz und frecher Intelligenz ausgestattet, wird von einem männlichen Sekretär ersetzt, der zu dumm ist, ein Butterbrot zu schmieren, aber total sexy! So witzig! Dann dreht man Punkt für Punkt den alten Film mit neuer Technik nach, macht aber alles größer, bunter, lauter! Knaller-Idee! Und weil man doch so witzige weibliche Comedians an Bord hat, sagt man als Regieanweisung: “Improvisiert doch mal was Lustiges!” Und schon schreien, toben, quatschen, schießen, lachen, blödeln die Frauen total lustig durcheinander und purzeln, hohoho, hahaha, übereinander! Und wer das jetzt nicht sehen will oder doof findet, der ist ein böser Frauenfeind. Ich schreibe das hier hin, und es ist übertrieben formuliert. Aber exakt das war und ist der Vorwurf des Regisseurs! Der Film sei großartig, die Frauen toll, aber es gebe ja das toxische Patriarchat und die Frauenfeindlichkeit. Die sind so gemein! Und er so für Frauen!

Was bringt die Zukunft?

Marvel Cinematic Universe (MCU)

In den Marvel-Comics gab es einen Charakter der zweiten oder dritten Reihe: Iron Man. Vor zwölf Jahren entschloss sich Marvel, diesen Charakter auf die Leinwand zu bringen. Darsteller sollte ein etwas in der Versenkung verschwundener Schauspieler sein, der durch Charme, Witz und Talent längst hätte einer der größten sein sollen: Robert Downey Jr.

Charisma, Witz und Charme: Robert Downey Jr.

Und was hat der Mann abgeliefert! Das großartige Drehbuch zeichnete ein Genie, das moralisch korrumpiert ist, aber durch seine Grenzerfahrung zur Verantwortung reift. Es gibt viele unvergessliche Charaktere der Filmgeschichte. Dieser hier ist einer. Mit einem schwächeren Schauspieler wäre das nicht das geworden, was es jetzt ist und mit “Avengers: Endgame” seinen abschließenden Höhepunkt und Ende der Charakterentwicklung Tony Starks/Iron Mans (Downey Jr.) fand.

Wie machen wir da weiter, fragt man sich in Hollywood. Die Idee: Es würde Zeit, die alten Helden vom Thron zu stoßen! Mit Thor fängt man an, nachdem er in “Avengers: Endgame” bereits demontiert worden war.

Die absolut entzückende, wunderschöne und talentierte Natalie Portman wird zum weiblichen Thor. Thor! Chris Hemsworth, der über 1,90 m große, athletische, humorvolle, wirklich schöne Mann schwingt den Hammer Thors seit mehreren Jahren.

Dieser Mann ist schön. Da! Ich habe es gesagt! Ganz neidlos.

Überreicht wurde das Teil jetzt knieend von einem der Autoren an Natalie Portman. Der Hammer ist so groß wie ihr gesamter Oberkörper.

Ich mag sie. Sie ist talentiert und schön. Aber das hier ist nur eines: Lächerlich. Nein, noch ein Zweites: Betrug am originalen Thor und am Publikum.

Aus dem Hulk soll She-Hulk werden. Denn, so stand zu lesen, Frauen müssten die Heldenrollen übernehmen.

Wie soll das passieren? Beispiel Iron Man, weil dieser Charakter das MCU in Gang setzte: Nachdem Iron Man/Tony Stark nicht mehr da ist, bricht ein 15-jähriges Mädchen in sein Labor ein. (Ja, richtig gelesen.) Weil sie total smart ist, gelingt es ihr sofort, sich die Technik anzueignen und wird zu Ironheart.

Bitte sehr: Die Comic-Version der neuen Superheldin. Das ist es, worauf wir alle gewartet haben, richtig?

Der im Computer reproduzierte Charakter Tony Starks wird zu ihrem dienendem Geist. (Ja, richtig gelesen.) Also sammelt dieses Mädchen Schulkameraden um sich, um mit High Tech schwer bewaffnet böswatzige Böswatze zu vermöbeln. Cool, oder?

Die Leute, die diese Agenda vorantreiben (Frauen sind toll, Männer sind Schweine, Frauen sind ihnen in Wirklichkeit in jeder Hinsicht überlegen, brauchen sie zu nichts (gar nichts!), sind in keiner Weise abhängig von ihnen oder von männlichen Mentoren betreut und so weiter und so fort), klopfen sich auf die Schulter: So etwas hätte es noch nicht gegeben, sei neu und revolutionär! Ein inspirierendes Vorbild für Mädchen und Frauen, die doch diese ganzen sexuell überladenen, männerdominierten Filme so abstoßend finden!

Ich fing meinen Artikel mit Ellen Ripley/Sigourney Weaver an. Eine echte Heroin! Ein echter Charakter! Aus der hinteren Reihe der Besatzung muss sie sich monströsen Ängsten stellen und sie bewältigen. Im zweiten Teil hört man erst auf ihre Vernunft und Erfahrung, als es fast zu spät ist. Sie allein rettet das Kind, den schwer verletzten Marine, den kybernetischen Organismus und sich selbst.

Reicht nicht mehr als Heldin: Zu verletzlich, gewinnt nicht leicht genug.

Sarah Connor rettet sich, ihren Sohn und damit die Welt nicht nur mit militärischer Kampfkunst und gnadenloser Selbstdisziplin, zu der sie erst reifen musste, sondern durch menschliche Wärme und Empathie.

Durchlebte und überstand den Horror, ging gestählt daraus hervor. Aber: War mit einem Mann zusammen und trug ein Kind aus. Pech, denn das passt nicht mehr in das heutige Heldinnen-Bild im Kino.

Haufenweise fallen mir starke Frauencharaktere in Filmen ein! Diese Charaktere sind gerade dadurch so stark, dass sie in der Realität der jeweiligen Zeit verhaftet sind, aber Widerstände und Nöte überwinden. “Titanic”, “Vom Winde verweht”, “Der Zauberer von Oz”, “Zwölf Uhr mittags” (mit gleich zwei ausgesprochen starken Frauenfiguren!), “Das Schweigen der Lämmer”, “Wem die Nachtigall schlägt”, “Wonderwoman”,

Wer Gal Gadot nicht phantastisch findet hat einen an der Waffel. So wunderschön wie symphatisch.

“Alita, Battle Angel”, “Knives Out”: Frauen haben nicht nur entscheidenden Anteil sondern sind auch alleintragende Protagonisten.

Und, shocking: Das ist nichts Neues. Kriegsgöttinen gab es (Pallas Athene ist mehr als das: Göttin der Weisheit und der Strategie). Hera hat ihrem Zeus mehr als einmal einen auf die Mütze gegeben. Kriemhild hat für den Untergang der Burgunder gesorgt. Nicht der mächtige Hagen oder Gunther.

Habe ich irgendeinen Zweifel, dass es die Unterdrückung der Frau gibt oder gab? Nein. Finde ich das in irgendeiner Weise gut oder richtig? Nein. Neben der für mich offensichtlichen Gleichberechtigung als moralische Basis ist festzustellen, dass Gesellschaften nachweislich umso besser prosperieren, je unabhängiger Frauen über sich, ihren Körper und ihre Finanzen entscheiden können.

Außerdem: Wie viele echte Freunde hat man so? Richtige Freunde, auf die man sich in der Not verlassen kann? Ich will nicht zählen, aber ich habe zwei männliche und mehr weibliche sehr enge Freunde, die ich jederzeit um Hilfe oder Unterstützung bitten könnte. Von den meisten Frauen meines Umfeldes, privat wie beruflich, bin ich einfach nur Fan. Sie wissen nicht, wie sehr, denn das würde sicher gruselig auf sie wirken. Aber ich empfinde und empfand Frauen im privaten und beruflichen Umgang immer als angenehmer und entspannter. (Frauen durchschaue ich deshalb schwerer, wenn es notwendig wäre, wie ich zuletzt letztes Jahr bitter neu erfahren musste; ich vertraue ihnen grundsätzlich schneller und rückhaltloser.)

Aber das, was da jetzt im Kino (und übrigens in der Sprache auch) geschieht, hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun. Da wird eine Agenda vorangetrieben, die so realitätsfern ist, wie sie nur sein kann. Und sie ist nicht nur männerverachtend sondern auch sogar frauenverachtend. Denn ist es so, dass die Frauen bisher nicht in der Lage waren, Stärke zu zeigen, sich zu behaupten? Haben die Frauen, die für Frauenrechte aufopferungsvoll kämpften, nichts erreicht? Jetzt kommen die jungen Frauen, stubsen die älteren beiseite und erklären, was sie alles tolles Neues machen würden. Aber nichts davon ist neu.

Mir ist vollkommen egal, ob der Held männlich, weiblich, divers, hetero- oder homo- oder bi- oder asexuell ist. Mir ist die Hautfarbe egal. Wichtig sind Story und Charakter. Ich bin für Frodo Beutlin. Mir ist egal, ob er zwergenklein ist und riesige bepelzte Füße hat! Er ist ein gutes Wesen, das durch schwere Prüfungen geht. Ich will, dass er sie besteht.

Ich befinde mich in einer Mehrheit. Sonst hätte die Film-Industrie nie funktioniert; sie wäre nie Industrie geworden. Dr. Who bricht zusammen. Das erste Mal in der Geschichte dieser Serie bricht sie irreparabel ein. Sie wird sich davon nicht erholen. Macht Marvel wahr, was drohend am Horizont schwebt, können wir uns nur noch rückblickend über ein gutes Jahrzehnt teilweise exzellenten Storytellings freuen. Nach der goldenen Operette kam die sogenannte blecherne. MCU bewegt sich eindeutig darauf zu. Kino als Achterbahnfahrt, nicht als anregende Unterhaltung.

Die Sonne steht noch am Himmel, es ist noch warm. Das war ein schöner Tag in der realen Welt und der im Kopf.

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