Die neuen Wörter

In den letzten beiden Artikeln beschäftigte ich mich mit den ältesten Wörtern, die aus der urindogermanischen Sprache erhalten sind, den Wörtern die auf *er enden. Um weiter zu machen, wollte ich mir ein indogermanisches etymologisches Wörterbuch kaufen; aus der Erinnerung zu schreiben, ist zwar irgendwie bequem, aber auch fehleranfällig. Ich war einigermaßen entsetzt, als ich feststellen musste, dass es so etwas nur noch antiquarisch zu erwerben gibt! Brauchen beispielsweise Germanisten so etwas nicht mehr? Hat Expertise auf gar keinem Gebiet mehr eine Bedeutung? Kein Wunder, dass der Berliner Flughafen nicht fertig wird …

Jedenfalls, ich bin kein Germanist und möchte als interessierter Laie möglichst Richtiges zusammenschreiben. Also habe ich dieses zweibändige Wörterbuch antiquarisch teuer erworben, um darin zu forschen. Als erstes sah ich meine bisherigen Beispiele nach, um die ältesten Formen zu ermitteln. “Schwester” fand ich nicht auf Anhieb. Mir war klar, dass “sch” “s” gewesen sein muss und “w” “u” (nicht in der Schrift, denn die hatten die Urindogermanen nicht). Der Wortstamm musste also “sue-” gewesen sein. Habe ich trotzdem nicht gefunden (ist aber da: ich habe es einfach übersehen). Also dachte ich, ich leite das falsch her und schaute im Netz nach, unvermeidlicher Weise Wikipedia. Dort steht dann ebenso unvermeidlicher Weise sehr “woke”, unrassistisch und genderneutral, das Wort sei “indoeuropäischen” Ursprungs und heiße “suesor” (das “u” muss man etwas anders schreiben, aber ich verfüge nicht über diese Buchstaben). “Suesor” stimmt, das habe ich jetzt im Wörterbuch gefunden. “Indoeuropäisch” stimmt nicht. Es ist nicht rassistisch oder deutschnational sondern einfach fachlich richtig, dass die Sprache “indogermanisch” heißt. Aus dem Urindogermanischen gingen das Uritalische, das Urgermanische und das Urindoiranische hervor. Daraus wiederum jeweils das Lateinische, das Deutsche und das Vedische. Zu den germanischen Sprachen gehören Deutsch, Niederländisch, Gotisch, Friesisch, Dänisch, Englisch, Schwedisch, Faröisch und Isländisch. Das hat gar nichts damit zu tun, dass unser Land international auch als Germanien und wir als Germanen bezeichnet werden. Sondern: “Europäisch” ist keine Sprache und keine Sprachfamilie. Germanisch aber schon. Europa ist ein Kontinent und ein sinnvolles und sehr wichtiges Staatengebilde, aber keine sprachliche Identität.

Zurück zum Kern: Die ältesten Wörter sind also *er-Wörter wie etwa Leb*er, Diet*er, Somm*er etc. Da das Urindogermanische keine bestimmten Artikel kannte, wusste niemand, dass die Leber weiblich war. Aber irgendwann wurde sie das. Warum? Wann hatten die Menschen vor etwa 10.000 Jahren etwas mit diesem Organ zu tun, das dazu führte, dass es in das “weibliche” Genus fiel?

Vor 10.000 Jahren vollzog sich immer noch der Wechsel aus der neolithischen Revolution. Die Urindogermanen zogen im Raum Wolgograds (früher Stalingrad) nördlich des Kaspischen und Schwarzen Meeres nomadisierend und land-bebauend umher. Niemand weiß bisher, was dazu führte, dass sie in mehreren Wellen von dort aus Richtung Europa und den nahen Osten zogen. Jedenfalls taten sie das offenbar und nahmen ihre Sprache und Dialekte mit, welche die bis dahin dort jeweils gesprochenen Sprachen verdrängten. Das passierte überall gleichermaßen. Irgend etwas an der Sprache der indogermanischen Völker oder an ihren mitgebrachten Kompetenzen muss so vorteilhaft gewesen sein, dass sich ihre Sprache so durchsetzen konnte.

Wenn man also gejagtes Wild ausweidet oder Tiere schlachtet, lernt man die verschiedenen Organe kennen und benennt sie. Die Urindogermanen wussten nichts von Vitaminen. Sie waren aber keine uga-uga-rufenden Primitivlinge sondern verstanden sehr wohl, dass gebratene Leber gut schmeckt. Was gut schmeckt, ist grundsätzlich gut; jedenfalls, wenn man nicht an einem Überangebot von Kohlenhydraten leidet, einem ein wohlstandsverwöhnter Geschmack nicht im Wege steht oder das Essen nicht Ausdruck einer Ideologie ist. Leber und Fisch waren die Lebensmittel der Wahl, um den Körper mit Vitamin D zu versorgen, wenn die Tage kürzer und die Sonneneinstrahlung geringer wurde. Das Organ bekam seinen Namen durch seine Erscheinung: ein glibbriges, glattes, schlaffes Gebilde. Der Wortstamm leb- bedeutet so viel wie “schlaff herabhängen”. (Das finde ich übrigens sehr ärgerlich! Denn es gab eine sehr überzeugende Erklärung für den Namen Leber bzw. liver in der Fernsehserie “Dr. House”, bevor sie in den letzten Staffeln lächerlich wurde: Dr. House erklärte, dass man ohne die Leber nicht leben könne, weswegen sie eben Leber hieße. Ich fand das in der Szene sehr amüsant und als Erklärung so attraktiv, klug und überzeugend, dass ich das glaubte. Bis ich jetzt echte Quellen nachschlug. Sprache ist spannend und Wissenschaft voller Entdeckungen. Was einem schön und richtig erscheint, ist aber nicht zwangsläufig wahr, und man muss bereit sein, sich von Liebgewonnenem zu verabschieden, wenn man ehrlich ist.) Das ist das, was die Leber tut, wenn man sie entnimmt. Als Wort, das aus einem Tun entwachsen ist, ist es entweder Neutrum oder Femininum. Die Lippe ist ebenfalls feminin und entstammt dem gleichen urindogermanischen Wort.

Die *er-Wörter haben also ein Genus erhalten, nachdem (!) sie sich entwickelt hatten; erst waren die Wörter da, dann erhielten sie ihr Genus. Der Ursprung ist, mir jedenfalls, denn ich konnte dazu nichts finden, unklar, aber nach diesen *er-Wörtern tauchten die *s-Wörter auf. Sie machen auch heute noch den oder zumindest einen Großteil der Nomina aus. Der Stein war gotisch noch stain*s. Das “s” ist verloren gegangen wie in “Tag”, der gotisch noch dag*s hieß. So heißt der große Krieger der Gallier, der dem Cäser final unterlegene Vercingetorix, also Vercingetorik*s. Mit dem Auftauchen der *s-Wörter oder um dieses Auftauchen herum ist also offenbar in der indogermanischen Sprache etwas passiert, das die Genera entstehen ließ. Irgendetwas machte Genera notwendig, um sich sinnvoll mitzuteilen, oder irgendein sprachlicher Vorteil entstand mit diesen.

Die *s-Wörter und ihre Entwicklung in den Sprachen indogermanischen Ursprungs sind sehr interessant, und hier wird tiefere Recherche erforderlich. Wie gesagt möchte ich nicht einfach nur aus der Erinnerung zusammenschwadronieren. Das machen andere, und ich finde so etwas extrem ärgerlich. Wenn z. B. solche selbsternannten Experten wie Sebastian Sick über den vermeintlichen Schwund des Genitiv parlieren, glauben das viele. Sebastian Sick ist ein Journalist. Ich bin ein Musiker (gewesen). Beide Berufe sind keine sprachwissenschaftlichen Berufe. Wenn man sich mit diesen Fragen beschäftigen will, muss man das besonders sorgfältig tun. Ich bin mir über einige Fragen noch nicht klar, und solange ich das noch nicht bin, schreibe ich darüber noch nicht. Es geht mir im Gegensatz zu Sebastian Sick auch nicht darum, mit vermeintlich korrektem Wissen Spracherziehung zu betreiben und mit reißerischen Thesen Geld zu verdienen (obwohl es bei ihm eigentlich nur eine ist; zu mehr reicht es da nicht). Ich möchte verstehen, woher das Genus in der Sprache kommt und teile diese Entdeckungsreise öffentlich. Wir sind nah dran! Aber jetzt wird es etwas dauern bis zum nächsten Artikel. Denn ich muss mich gründlicher damit beschäftigen, wann genau ein einem Tun oder einer Entwicklung entstammendes Wort nun feminin und wann neutral ist; das ist mir nur ahnungsweise dunkel klar. Ich hätte da gerne ein klares System. Das sollte es geben, denn sonst würde Sprache nicht funktionieren.

Das fehlende Teilchen

99,9 %. Das sagte mir mein jetziger Dienststellenleiter. 99,9 % Wahrscheinlichkeit, dass ich bei ihm fest angestellt würde. Ich vertraue ihm und war erleichtert und froh.

Es würde Zeit, dass Ruhe und Gleichlauf in mein berufliches Leben einkehren. Zu viele Versprechungen mir gegenüber waren in meiner bisherigen “Karriere” gebrochen worden oder konnten durch widrige Umstände nicht gehalten werden, bevor ich hier angestellt wurde. Ich ging also bis zu diesem Gespräch davon aus, dass ich die Stelle letztendlich doch nicht bekommen würde und habe mich ernsthaft nach beruflichen Alternativen umgesehen. Nerven zerrüttend.

Mir wurde erklärt, dass ich trotz Ausplanung und Abordnung bei meiner vorigen Dienststelle einen Versetzungsantrag stellen müsse, der dort zu genehmigen sei. Umstände, die ich aus nahe liegenden Gründen beunruhigend fand. Aber, zu meiner ehrlichen Überraschung, erfolgte die Genehmigung reibungslos und prompt.

Damit sollte der Weg frei sein in eine endlich sichere und ruhigere berufliche Zukunft. Ganz entspannt bin ich noch nicht; dafür habe ich einfach zu viel erlebt, um jetzt schon beruhigt zu sein. Ich kann mir nämlich folgendes Szenario als durchaus möglich vorstellen: Die Versetzung ist genehmigt, meine jetzige Dienststelle möchte mich fest anstellen. Oberster Dienstherr ist aber die Landesbehörde. Die könnte einzuhaltende Fristen (als ehemaliger Personalrat könnte ich mir auch vorstellen, welche) oder Formalitäten (auch da hätte ich eine Idee) heranziehen und damit begründen, dass eine Einstellung nur später möglich sei. Das könnte bedeuten, dass ich bis dahin ohne Einkommen wäre. Dies könnte ich mir nicht leisten und müsste mich nach anderer Arbeit umsehen. Somit wäre ich aus diesem Beruf komplett und endgültig raus.

Ob ich glaube, dass das so gemacht wird? Etwa, um Personalkosten zu sparen? Wirklich: Ich habe keinerlei Ahnung. Es ist ziemlich gruselig, aber ich bin tatsächlich durch meine Erfahrungen bis in den Kern erschüttert und besitze keinerlei positive Naivität mehr, wenn solche Entscheidungen anderer über mich vor mir liegen. Sie wurde von zynischem Pessimismus abgelöst.

Deshalb halte ich das fehlende 0,1 % für eine bedrohliche und realistische Möglichkeit.