Der Irrtum der Selbstverständlichkeit

In meinem letzten Artikel hab ich darauf geguckt, wie die *er-Wörter scheinbar das natürliche Geschlecht widerspiegeln. Die Frage ist nun, ist das Zufall oder steckt dahinter schon das Muster unserer Genera? Daniel Scholten sagt dazu:

In der Sprache ist nichts, wie es scheint. Wir können Sie nicht aus unserem Verstand durchblicken, sondern müssen sie erforschen. Das Forschungsergebnis fällt immer erstaunlich anders aus, als man erwartet hat.

Den erste Hinweis darauf, dass das so einfach nicht sein kann, zeigt schon die Tatsache, dass Eimer als *er-Wort, und damit vermutlich alt, eindeutig eine Sache ist, aber als Maskulinum eingestuft wird.

Damit niemand zum alten Artikel zurückgehen muss, fasse ich das Wesentliche hier kurz zusammen: Die indogermanische Sprache lässt sich rekonstruieren und ist zirka 10.000 Jahre alt. Wir können die ältesten Wörter als *er-Wörter identifizieren. Dabei ist in einer Tabelle aufgefallen, dass das natürliche Geschlecht dem grammatikalischen Geschlecht bei Kernwörtern entsprach. Das Problem dabei ist, dass sich die damals Sprechenden bei jedem Nomen darüber hätten einig werden müssen, ob das bezeichnete Ding nun Mann, Frau oder Sache ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es im Sprachzentrum einen Automatismus gibt, der uns Muttersprachler befähigt, diese Genera automatisch zuzuordnen.

Die Vermutung muss sein, dass Genera irgendwann aus sprachlicher Notwendigkeit heraus entstanden sind. Und wie das Beispiel Eimer zeigt, werden diese Genera eben nicht ein natürliches Geschlecht bezeichnen. Es muss eine sprachliche Notwendigkeit gegeben haben, die dazu geführt hat, drei Genera zu verwenden. Das kann kein bewusster Prozess gewesen, sondern muss zwangsläufig ein evolutiver sein. Denn Sprache als Ausdruck einer Gehirnfunktion, und damit einer Körperfunktion, folgt evolutiven Prozessen. Seit wir Schriftsprache haben, kann man das sehr leicht in historischer Zeit nachweisen. Diese Prozesse griffen auch, bevor der Mensch die Schrift kannte, und man kann anhand solcher Sprachbildungsprozesse und Sprachwandlungsprozesse auf die urindogermanische Sprache zurückleiten.

Nicht alle aus dem Indogermanischen entstandene Sprachen haben diese Genera beibehalten, sondern sie sind offenbar in einigen geschwunden. Wir müssten nun gucken, ob dieses Schwinden wie auch das Entstehen ebenfalls sprachlicher Notwendigkeit folgte. Am besten fangen wir vorne an und tauchen noch einmal in die Urgründe der Sprachentstehung. Da kommen wir einerseits nicht weit, denn wie gesagt können wir nur maximal bis 10.000 Jahre zuverlässig zurückgehen. Andererseits ist das enorm! Immerhin liegt das vor der Entwicklung der Schriftsprache. Was vor dieser urindogermanischen Sprache war: Keiner weiß es. Es wird auch nie eine Möglichkeit geben, dies mit einiger Verlässlichkeit zu ermitteln. Wir wissen einfach auch nicht einmal, wie lange es schon Sprache gibt. Was wir mit einiger Sicherheit annehmen können, ist, dass wir als Homo sapiens bereits voll funktional sprachen. Die Gattung Homo reicht etwa 250.000 Jahre zurück, und es ist anzunehmen, dass hier bereits sprachliche Kommunikation stattgefunden hat, die voll entwickelt alle Merkmale der Sprache erfüllt. Denn entsprechende Experimente mit unseren nächsten Verwandten, die gemeinsamen Primaten-Vorfahren des Homo entspringen, zeigen deutlich, dass Begriffverstehen im Gehirn so angelegt ist, dass Begriffe zugeordnet und sogar Satzaussagen gebildet werden können. Es scheint also nur davon abzuhängen, dass der Sprechapparat anatomisch so ausgebildet ist, diese Fähigkeiten auch in aktive Sprache umzusetzen.

Meine Vermutung ist daher, dass die Komplexität des Gehirns sozusagen als Beiwerk und als Folge der Notwendigkeit zur Kommunikation Sprachvermögen bereitgestellt und quasi nur darauf gewartet hat, dass die Anatomie dieser Hirnanlage folgt. Wer nun meint, das sei völlig abwegig, den möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Erstens haben die Menschenaffen und wir gemeinsame Vorfahren. Wenn Menschenaffen, wie nachgewiesen, wie wir über, wenn auch rudimentäres, Sprachvermögen im Gehirn verfügen, bedeutet das, dass dieses Vermögen von den gemeinsamen Vorfahren geerbt ist. Zweitens ist eindeutig nachgewiesen, dass etwa Papageien und Delfine ebenfalls über Sprachvermögen verfügen. Auch Hunde verstehen sprachgegebene Kommandos. Das bedeutet, dass Sprache offenbar zwangsläufig eine fundamentale Folge von Hirnkomplexität ist. Der Anfang der menschlichen Sprache liegt also meines Erachtens deutlich vor der Menschwerdung selbst und somit in den Tiefen der Zeit verborgen.

Unser Verständnis von der Sprache geht von grundlegenden Voraussetzungen aus, die allerdings alles andere als selbstverständlich sind. Für uns scheint es beispielsweise selbstverständlich zu sein, dass man Farben benennt und Zahlworte hat. Das Volk der Piraha in Brasilien nutzt aber nur relative Mengenangaben und hat keine Zahlworte für konkrete Mengen. Genau so wenig benutzen diese Leute Begriffe für Farben. Das ist natürlich keine Frage vielleicht von „Primitivität“ oder mangelnder Intelligenz, sondern einfach eine Frage, wie ihre Sprache funktioniert. Für uns beispielsweise ist es selbstverständlich anzunehmen, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns. Etwa 3,5 Millionen Menschen in Bolivien sehen das aber nicht so: Die Aymara fassen die Zukunft als hinter sich liegend und die Vergangenheit als vor sich liegend auf. Vielleicht ist diese Auffassung dadurch zu erklären, dass man seine Zukunft genauso wenig sehen kann, wie das, was hinter einem liegt, und umgekehrt die Vergangenheit im Gegensatz dazu für einen sichtbar ist, wie etwas, das vor einem liegt.

Diese Beispiele zeigen, dass einfach Annahmen über das Funktionieren von Sprache zunächst einmal grundsätzlich fragwürdig sind und nur dann sinnvoll, wenn sie durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Zudem sehen wir, dass Sprache ganz offensichtlich an Notwendigkeiten orientiert funktioniert und nicht zwangsläufig daran, was der Mensch erkenntnistheoretisch für gegeben hält. Um es einfach auszudrücken: Erkenntnistheoretisch mag man sagen, die Zukunft liegt vor uns, aber die Sprache kann das durchaus anders ausdrücken. Ob dahinter nun eine erkenntnistheoretische Idee steckt, das ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass die Sprachbildung ein selbstverständlich funktionierender Automatismus ist, der aufgrund evolutiver Prozesse existiert.

Die Annahme also, dass Genera das natürliche Geschlecht repräsentieren würden, ist zwar verführerisch naheliegend, weil man scheinbar Geschlechtsbezeichnung für Lebewesen und eine eigene Bezeichnung für Sachen benutzt, aber nicht zwangsläufig auch richtig. Im nächsten Artikel sehen wir also nach, was sich nachweisbar in der Entwicklung der urindogermanische Sprache beziehungsweise in der Folge in der Sprache getan hat und überprüfen, welchen Sinn Genera möglicherweise wirklich haben. Dafür halten wir fest, dass wir *er-Wörter als die ältesten Wörter (Brud*er, Mutt*er, Vat*er, Tocht*er, Wass*er, Feu*er) unserer Sprache identifiziert haben und sehen uns an, wo die anderen Worte, die nicht auf *er enden, herkommen und welchen sprachlichen Sinn, denn um nichts anderes geht es, sie haben.

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