Der, die, das

Wir Menschen, Sie und Du und ich und alle anderen, wir sind mustererkennende, mustersuchende und musterbildende Wesen. Muster verschaffen uns Erkenntnis und Befriedigung. Oder auch nicht, wenn wir Muster als langweilig oder abgegriffen empfinden.

Diese Muster müssen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, und wir interpretieren gerne Muster in Erscheinungen hinein. Flüchtige Erscheinungen wie Wolken sehen für uns wie ein Auto oder Krokodil aus, der Mond hat ein Gesicht und auch eine alte Mars-Fotografie eines Berges scheint ein Menschengesicht zu zeigen. Solche objektiv falschen Interpretationen können für uns so überzeugend sein, dass wir Argumente, die in andere Richtungen weisen, ignorieren oder sogar kategorisch ablehnen.

Wir erkennen Muster im Gegenständlichen und im Abstrakten. Wegen der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns haben wir folgerichtig bildende und darstellende Kunst entwickelt, die uns Menschen eigen ist. Diese Mustererkennungs-Kompetenz ist aus der Notwendigkeit entstanden, beispielsweise verborgene Angreifer an nur einem kleinen erkennbaren Merkmal auszumachen, oder sich merken zu können, dass er sich nur verborgen hat, aber noch da ist. Jetzt hören wir Sinfonien, wissen, wie sie aufgebaut sind, erkennen Motive, Melodien, Themen, können sie ordnen und mit Sinn erfüllen und vor allem wiedererkennen. Wir können den Aufbau eines Gemäldes würdigen, Formen der Architektur bewundern.

Mathematik ist ein Werkzeug der Mustererkennung und wir können sogar die Muster auf der höheren Abstraktionsebene erschließen, die der Mathematik zugrunde liegen. Analyse, Mathematik, Wissenschaft an sich ist die intellektuelle Mustersuche, bei der die persönliche Voreingenommenheit ausgeschlossen wird, bzw. sachliche Objektivität die persönliche Intuition in ihrer Bedeutung zu überstrahlen hat. Niemandem dürfte anschaulich klar sein, dass Raum, Zeit und Gravitation miteinander verknüpft sind. Einsteins Formel E = mc^2 zeigt aber genau das, wurde in ihrer Richtigkeit nicht nur eindeutig bestätigt, sondern die daraus abgeleiteten Folgen haben Bedeutung für unser alltägliches Leben (zum Beispiel wird die „Zeitverzerrung“ beim Global Positioning System berücksichtigt).

Mustererkennung läuft oft überwältigend automatisch ab und ist deshalb so überzeugend. Bereits ein Säugling erkennt in entsprechend angeordneten Punkten und Linien ein Gesicht und reagiert emotional darauf, je nachdem ob das vermeintliche Gesicht freundlich oder bedrohlich aussieht. Solch ein Automatismus greift auch bei der Sprache. Die Komplexität unseres Gehirns bildet ein System, das man Sprachzentrum nennen kann. Hier entsteht Sprache und hier sind ihre Muster etabliert. Das Problem hierbei ist in meinen Augen zweigeteilt: Einerseits erfolgt die Musterbildung und -erkennung unbewusst und automatisch, andererseits analysieren wir unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch, erkennen Muster bewusst und versuchen aufgrund dieser bewussten Erkenntnis unsere Sprache korrekter, schlüssiger, logischer und überzeugender zu machen. Dieses bewusste Bild, das wir von unserer Sprache haben, kann aber durchaus falsch sein. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen: Ich fürchte, das ist es häufig – sehr häufig  – vielleicht sogar meistens – auch.

Es gibt viele Schwierigkeiten, die Sprachlerner haben, wenn sie auf die deutsche Sprache treffen und sie anwenden sollen. Nicht, weil sie irgendwie dumm oder so etwas wären, oder vielleicht nicht sprachbegabt. Die Schwierigkeiten macht das ihnen eigene Sprachzentrum, das teilweise nach anderen Mustern arbeitet, die ihnen genauso unbewusst sind, wie die unseren uns. Das Türkische beispielsweise kennt keinen Genus. Trotzdem gibt es türkische Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und alle möglichen Weibchen und Männchen der Tierwelt und sonstige, unbelebte Sachen. Aber „Der, die, das. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ ergibt im Türkischen keinen Sinn wegen der, die, das. Was die Kinder, wenn sie die Sesamstraße kennen, stattdessen angeboten bekommen, weiß ich nicht. Wie soll man nun von irgendjemandem, der beispielsweise diese Geschlechtsbildung in der Sprache nicht kennt, verlangen, dass er versteht, was da im Deutschen vor sich geht? Der Punkt ist: Die meisten Muttersprachler verstehen es ja selbst nicht. Müssen wir auch nicht! Wir müssen nur sprechen, denn das Sprachzentrum regelt das so selbstverständlich wie unser Verdauungssystem den lecker gekochten Naturreis.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Genussystems in der deutschen Sprache und versuchen wir, die Verwirrung zu entwirren!

Das ist ja zunächst einfach, sollte man denken, und so erklärt man es auch wackeren, verzweifelnden Sprachlernern: Wir haben drei Geschlechter in der Sprache, die wir männlich (Maskulinum), weiblich (Femininum) und sächlich (Neutrum) nennen. Was männlich ist, besitzt den männlichen Genus, das, was weiblich ist, den weiblichen Genus, und alles Sächliche ist neutral. Das ist seit Urzeiten so und repräsentiert ganz natürlich die Sprachentwicklung, nicht wahr?

Nehmen wir an, die Menschen lebten früher, in grauer Vorzeit in Verbänden aus wenigen Leuten. Was werden diese Leute miteinander zu tun gehabt haben, die für das Leben wichtig waren? Es werden sein: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Was wird für ihr Überleben wichtig gewesen sein? Feuer und Wasser. Und wir sehen eine schöne Ordnung:

der Vater

die Mutter

der Bruder

die Schwester

das Feuer

das Wasser

Uns fällt noch etwas auf: Alle diese Worte bestehen aus Lexem, das den „Gegenstand“ benennt (Vat-, Mut-, Brud-, Schwest-, Feu-, Was-), und dem einheitlichen Suffix *er. Wir haben Muster! Und zwar simple, einsilbige Lexeme, eine einheitliche Endung als Anhang an das Lexem und die Übereinstimmung von tatsächlichem und sprachlichen Geschlecht. Für mich bedeutete das lange, lange Zeit, dass diese *er-Wörter die ältesten der deutschen Sprache sein müssten (da können wir einen Haken hinter machen, denn das stimmt) und dass wir hier die Zeit widergespiegelt sehen, in der das natürliche Geschlecht in der Sprache als Ursprung nachgewiesen ist. Aber das ist, ich möchte es deutlich sagen, absoluter Blödsinn.

Wie viele meiner vielen Irrtümer wird mir dieser immer peinlich bleiben. Der Blödsinn entlarvt sich nach nur ein bisschen Nachdenken als solcher: Nehmen wir mal ein *er-Wort. Wie wäre es mit Eimer. Wenn meine Vorstellung stimmen würde, wäre irgendwann das uralte Wort Eimer entstanden und es wäre männlich gewesen. Wieso ist der Eimer ein Mann? Gut, werden einige Frauen einwenden – und ich werde nicht widersprechen – manche Männer sind echte Eimer. Aber was macht umgekehrt den Eimer zum Mann, warum ist er männlich? Wer hatte diese Idee und warum und wie hat sie sich durchgesetzt?

Jetzt dürfte jedem klar sein, warum mir meine, lange so zufrieden und mit mir in dieser Frage im Reinen in meinem Kopf herumgetragene, Idee falsch sein muss. Denn es ist absolut abwegig anzunehmen, dass das Objekt „Eimer“ als solcher benannt wird und für alle festgelegt, dass der männlich und das somit ein Maskulinum ist. Es ist genauso absolut abwegig anzunehmen, dass sich jeder, der das hört und lernt, dies auch richtig merkt und weitergibt. Es muss vielmehr ganz zwangsläufig ein Sprachmuster geben, das den Muttersprachler geradezu zwingt, den Eimer als Maskulinum anzusprechen. Anders kann es doch gar nicht sein, als dass da ein Muster zugrunde liegen muss, welches absolut nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hat. Machen wir einen kleinen Schlenker, bevor wir zu dieser Frage wieder zurückkommen.

In meiner Kindheit, und ich habe den Klang genau im Ohr, sangen also die Kinder der Sesamstraße: „Wer, wie, was. Der, die, das.“ Darauf werfen wir doch mal einen Blick:

wer: Fragepronomen, Maskulinum, singular

wie: Fragewort nach der Art und Weise

was: Fragepronomen, Neutrum, singular

Die deutsche Sprache kennt das Fragewort weiblicher Form nicht. Wenn „Wer?“ gefragt wird, kann die Antwort sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Verursacher für irgendetwas nennen. Wie naheliegend sollte es sein, dass sich vorgeschichtliche Sprecher darüber Gedanken gemacht hätten, ihre Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sorgfältig und erfolgreich darauf zu achten, dass das von allen so gemacht und verstanden wird, aber bei den Fragewörtern die Frauen unberücksichtig zu lassen? Wir kennen es nur so, und deshalb kommt es uns komisch vor, dass es eine weibliche Form geben müsste. Aber es müsste sie geben, wenn es tatsächlich um Weiblichkeit gegangen wäre. Ging es aber nicht. Sprache entwickelt sich evolutiv anhand der Gegebenheiten. So wie sich alle unsere Körperfunktionen an Umstände angepasst haben, hat sich die Sprache als Körperfunktion des Gehirns angepasst. Genauso automatisch arbeitet sie auch.

Dieses automatische, rein sprachliche, vom jeweiligen Objekt vollkommen unabhängige Arbeiten des Sprachzentrums hat Daniel Scholten in seinem Buch „Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?“ mit einer wunderbaren, wie er sie nennt, Schauergeschichte humorvoll veranschaulicht, die ich hier zitieren wollte. Weil ich noch keine Antwort erhalten habe, umreiße ich die Geschichte mit eigenen Worten; natürlich geht dabei der subtile Humor und Wortwitz leider verloren:

Scholten stellt die Sprache als Halbgöttin Germania dar, die auf der Loreley thronend von Mark Twain besucht wird. Twain fragt sie, wie es sein kann, dass die Genera so durcheinander sind. Germania versteht die Frage nicht, Twain versucht vergeblich, sie zu erklären, und Germania entschwebt. Twain bleibt zurück mit der vagen Vermutung, dass sie aneinander vorbei geredet hätten. Daniel Scholtens Buch ist leider nur noch lexikalisch zu erwerben. Sein ausgesprochen lehrreicher und humorvoller Blog „BellesLetres – Deutsch für Dichter und Denker“ ist aktiv und wärmstens zu empfehlen.

Unser Sprachzentrum „weiß“ also schlichtweg nicht, was eine Frau ist und was ein Mann und was ein Eimer! Unser Bewusstsein weiß das. Unser Sprachzentrum nicht. Wir wissen, was Naturreis ist und dass der lecker und nahrhaft und gesund und so weiter ist. Unserem Verdauungssystem ist das egal. Das nimmt, was kommt, und macht das Beste daraus. Eiweiß als Baustoff, Kohlenhydrate als Brennstoff etc. Wir sitzen herum, genießen den Reis, plaudern mit der Familie und verdauen, ohne uns darum kümmern zu müssen. Was wir essen, entscheiden wir, wie wir verdauen, entscheidet niemand. Das passiert. Ziemlich genau das passiert in unserem Sprachzentrum: Es gibt einen Wort-Input, der wird unbewusst verarbeitet, und es gibt ein Ergebnis. Wir können versuchen, die Muster zu erkennen, nach dem das Sprachzentrum arbeitet, aber egal wie ausgefeilt wir da analysieren, arbeitet das Sprachzentrum doch automatisch. Automatisch und unabhängig davon, was eine Sache in unserem Bewusstsein wirklich ist!

Wenn diese Genera aber nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben, wo kommen sie denn dann her? Das ist eine interessante Geschichte, die es zu erzählen gibt. Im nächsten Artikel.

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