Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-mir-nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk, vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”

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