Idiotie in der Pandemie, Wortlaut

Hier die Übersetzung der “Erklärung” des “sehr stabilen Genies”, dem orangen Utan im Weißen Haus, Donald Trump, zur Bekämpfung des Corona-Virus im menschlichen Körper: “Wir treffen den Körper mit einem gewaltigen, äh – ob es ultraviolett oder einfach sehr kraftvolles Licht – und, ich denke, sie sagten, das wurde nicht geprüft, aber sie werden es testen, und dann sagte ich, vermutet, sie brächten das Licht in den Körper hinein –  was man tun kann! -sowohl durch die Haut – äh – auf manch andere Weise, und ich denke, sie sagten, sie werden das auch testen. Klingt interessant!” Vorsichtiger Widerspruch bzw. Klärungsversuch von der Seite, Trump fällt schulterzuckend unterbrechend und ignorierend ins Wort: “Genau.” und fährt mit seiner “wissenschaftlichen Erklärung” fort: “Und dann sehe ich das Desinfektionsmittel, das es in einer Minute zunichte macht – eine Minute! – und da ist ein Weg, wir können etwas wie das machen, äh, durch Injektion inwendig oder – oder nahezu eine Säuberung, weil, weißt du, es gelangt in die Lungen und es kriegt eine große Zahl in den Lungen, ich bin interessiert, das zu probieren, also deshalb hat man”, und hier lächelt Trump väterlich wohlwollend erklärend, das-ist-nicht-eure-Kompetenz,-Kinder-sagend in Richtung der indignierten Berater: “medizinische Doktoren zu gebrauchen. Das klingt – das klingt interessant für mich. Wir werden sehen. Aber das gesamte Konzept des Lichts, so wie es in einer Minute verschwindet, das ist, äh, das ist ziemlich kraftvoll.”

Während seiner “Erklärung” der beifallheischende, auf Augenhöhe mit der Intelligenz diskutierende, meint er jedenfalls, Blick zu seinen Beratern:

Die Frau mit den krampfhaft gefalteten Händen ist seine Beraterin Dr. Birx. Zwei genauere Blicke:

So verharrt sie den Rest seiner “Erklärung”. Was man nicht sehen kann: Ihre Anspannung, ihr ungläubiges Blinzeln, den verzweifelten Versuch, kurz zu lächeln, und ihr mehrfaches tiefes Einatmen, das Auf-und-ab-Treten der Beine. Nichts von dem, was Trump beim Briefing erklärt worden ist, ist von ihm verstanden worden. Das ferne UV-Licht wird für ihn zu “sehr kraftvollem Licht”, das man in den Körper bringen kann. Die Desinfektion von Oberflächen zu einer Behandlung der Lunge.

Dieses menschliche Vakuum an Moral, Anstand und Intelligenz hält mit seiner verbrecherischen Idiotie nicht nur die USA als Geisel, sondern durch diese Pandemie und seinem Finger auf dem roten Knopf die ganze Welt.

Vielleicht überflüssig zu sagen: Trump hat bereits medizinische Berater wie Dr. Bright, der seinem Chloroquine-Unsinn widersprochen hatte, gefeuert. “You´re fired!” ist ja sein Markenzeichen der TV-Show gewesen. Sein Ding. Das “kann” er. Er feuert Leute. So viele, dass inzwischen die meisten administrativen Regierungsstellen von “ausführenden” Kräften, nicht von Fachpersonal, besetzt sind. Und im Weißen Haus laufen immer noch seine Tocher und sein Schwiegersohn, beide nicht gewählt oder ernannt, mit öffentlichen Aufgaben herum. Die USA: Ein Desaster. Geleitet von einem Mann, der sagte (ich erfinde das nicht!), dass die Armee der Revolution im amerikanischen Unabhängigkeitkrieg die Flughäfen erobert hätte. Im 18. Jahrhundert. Ja! Und natürlich, dass die amerikanische Luftwaffe große Vorteile hätte, denn man könne ihre Flugzeuge im Kampf nicht sehen. Selbst, wenn sie direkt neben einem wären. Denn er denkt, “stealth” bedeutet “unsichtbar”. Wirklich. Der glaubt an unsichtbare Flugzeuge! Und: “Wasser ist nass! Vom Standpunkt des Wassers!” Ja, wirklich, der sagt so ein Zeug.

Übrigens: Die New York Times kommentierte zur Behandlung des Virus mit Desinfektionsmitteln: “Einige Experten sagen, das ist gefährlich.” Der Journalismus der USA versagt also auch.

Idiotie in der Pandemie

Mir ist natürlich klar, dass die Politik in den USA von Unternehmen finanziert und damit interessengeleitet ist. Deshalb wundert es nicht, dass die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen von republikanischen Politikern nicht nur angefeuert, sondern sogar initiiert werden. Das weiß man, weil immer wieder der eine oder die andere damit geprahlt hat.

Trotzdem erschlägt einen das Ausmaß an unverfrorener Dämlichkeit, mit dem die Bürgermeisterin von Las Vegas anregt, die Casinos wieder zu öffnen: Im Interview mit dem fassungslosen Anderson Cooper, CNN, erklärte sie und bestätigte dies auf seine entsetzten Nachfragen, dass die Casinos geöffnet werden sollten. Die Hygiene-Maßnahmen müssten die Geschäfte selbst herausfinden. Sie wisse nicht, wie das geht, denn sie selbst hätte leider kein Casino. Hätte sie eines, wäre es das sauberste. Sie würde Las Vegas als Kontrollgruppe anbieten, ob wirklich die bisherigen Maßnahmen dafür gesorgt hätten, dass es nicht mehr Tote gibt. Als Cooper mit exakt den gleichen Worten nachfragt, ob das ihr Ernst sei, wirft sie ihm vor, er würde ihr Worte in den Mund legen. Sie hätte gesagt, sie würde anbieten, dass Las Vegas die Rolle eines Placebos übernimmt. Sie versteht offenbar nicht nur nicht, wie sich der Virus verbreitet, sondern auch nicht, was Kontrollgruppen und Placebos sind und welche Funktion sie in der Wissenschaft haben.

Getoppt wird das aber natürlich von dem orangen Utan, Donald Trump, dem wir beispielsweise die Erkenntnisse verdanken, dass Windkraftanlagen Krebs verursachen (nein, tun sie nicht) und man Hurrikane mit nuklearen Explosionen zerstören könne (nein, kann man nicht). Auf der letzten Pressekonferenz erklärt ein Wissenschaftler, dass UV-Strahlung und Haushaltsreiniger in der Lage sind, den Virus auf Oberflächen zu deaktivieren. Ich erspare mir jetzt die wörtliche Übersetzung von Trumps ergänzenden Anmerkungen, sondern gebe sinnentsprechend (gleich wird man sehen, wie schwer das ist) wieder: Trump eröffnet damit, dass er nicht wisse, wer sich von den anwesenden Reportern so sehr für dieses “Zeug” interessiere, wie er. Er jedenfalls finde das wahnsinnig interessant. Er habe den Wissenschaftlern gesagt, wenn dieses Licht den Virus töte, dann könne man dieses wahnsinnig starke Licht ja in den Körper bringen, um den Virus zu töten. Die Wissenschaftler hätten gesagt, das sei eine interessante Idee. Wenn nun Haushaltsreiniger den Virus töten, könne man diesen ja auch, unterstützt von medizinischen Doktoren (seine Wortwahl, wie alles hier; ich will nur sichergehen…), ebenfalls in den Körper injizieren. Zum Beispiel in die Lunge, damit die gereinigt werde.

An dieser Stelle schließe ich mit unserer kollektiven Fassungslosigkeit. Bleiben Sie, bleibt Ihr gesund!

Der Irrtum der Selbstverständlichkeit

In meinem letzten Artikel hab ich darauf geguckt, wie die *er-Wörter scheinbar das natürliche Geschlecht widerspiegeln. Die Frage ist nun, ist das Zufall oder steckt dahinter schon das Muster unserer Genera? Daniel Scholten sagt dazu:

In der Sprache ist nichts, wie es scheint. Wir können Sie nicht aus unserem Verstand durchblicken, sondern müssen sie erforschen. Das Forschungsergebnis fällt immer erstaunlich anders aus, als man erwartet hat.

Den erste Hinweis darauf, dass das so einfach nicht sein kann, zeigt schon die Tatsache, dass Eimer als *er-Wort, und damit vermutlich alt, eindeutig eine Sache ist, aber als Maskulinum eingestuft wird.

Damit niemand zum alten Artikel zurückgehen muss, fasse ich das Wesentliche hier kurz zusammen: Die indogermanische Sprache lässt sich rekonstruieren und ist zirka 10.000 Jahre alt. Wir können die ältesten Wörter als *er-Wörter identifizieren. Dabei ist in einer Tabelle aufgefallen, dass das natürliche Geschlecht dem grammatikalischen Geschlecht bei Kernwörtern entsprach. Das Problem dabei ist, dass sich die damals Sprechenden bei jedem Nomen darüber hätten einig werden müssen, ob das bezeichnete Ding nun Mann, Frau oder Sache ist. Viel wahrscheinlicher ist es aber, dass es im Sprachzentrum einen Automatismus gibt, der uns Muttersprachler befähigt, diese Genera automatisch zuzuordnen.

Die Vermutung muss sein, dass Genera irgendwann aus sprachlicher Notwendigkeit heraus entstanden sind. Und wie das Beispiel Eimer zeigt, werden diese Genera eben nicht ein natürliches Geschlecht bezeichnen. Es muss eine sprachliche Notwendigkeit gegeben haben, die dazu geführt hat, drei Genera zu verwenden. Das kann kein bewusster Prozess gewesen, sondern muss zwangsläufig ein evolutiver sein. Denn Sprache als Ausdruck einer Gehirnfunktion, und damit einer Körperfunktion, folgt evolutiven Prozessen. Seit wir Schriftsprache haben, kann man das sehr leicht in historischer Zeit nachweisen. Diese Prozesse griffen auch, bevor der Mensch die Schrift kannte, und man kann anhand solcher Sprachbildungsprozesse und Sprachwandlungsprozesse auf die urindogermanische Sprache zurückleiten.

Nicht alle aus dem Indogermanischen entstandene Sprachen haben diese Genera beibehalten, sondern sie sind offenbar in einigen geschwunden. Wir müssten nun gucken, ob dieses Schwinden wie auch das Entstehen ebenfalls sprachlicher Notwendigkeit folgte. Am besten fangen wir vorne an und tauchen noch einmal in die Urgründe der Sprachentstehung. Da kommen wir einerseits nicht weit, denn wie gesagt können wir nur maximal bis 10.000 Jahre zuverlässig zurückgehen. Andererseits ist das enorm! Immerhin liegt das vor der Entwicklung der Schriftsprache. Was vor dieser urindogermanischen Sprache war: Keiner weiß es. Es wird auch nie eine Möglichkeit geben, dies mit einiger Verlässlichkeit zu ermitteln. Wir wissen einfach auch nicht einmal, wie lange es schon Sprache gibt. Was wir mit einiger Sicherheit annehmen können, ist, dass wir als Homo sapiens bereits voll funktional sprachen. Die Gattung Homo reicht etwa 250.000 Jahre zurück, und es ist anzunehmen, dass hier bereits sprachliche Kommunikation stattgefunden hat, die voll entwickelt alle Merkmale der Sprache erfüllt. Denn entsprechende Experimente mit unseren nächsten Verwandten, die gemeinsamen Primaten-Vorfahren des Homo entspringen, zeigen deutlich, dass Begriffverstehen im Gehirn so angelegt ist, dass Begriffe zugeordnet und sogar Satzaussagen gebildet werden können. Es scheint also nur davon abzuhängen, dass der Sprechapparat anatomisch so ausgebildet ist, diese Fähigkeiten auch in aktive Sprache umzusetzen.

Meine Vermutung ist daher, dass die Komplexität des Gehirns sozusagen als Beiwerk und als Folge der Notwendigkeit zur Kommunikation Sprachvermögen bereitgestellt und quasi nur darauf gewartet hat, dass die Anatomie dieser Hirnanlage folgt. Wer nun meint, das sei völlig abwegig, den möchte ich auf folgendes aufmerksam machen: Erstens haben die Menschenaffen und wir gemeinsame Vorfahren. Wenn Menschenaffen, wie nachgewiesen, wie wir über, wenn auch rudimentäres, Sprachvermögen im Gehirn verfügen, bedeutet das, dass dieses Vermögen von den gemeinsamen Vorfahren geerbt ist. Zweitens ist eindeutig nachgewiesen, dass etwa Papageien und Delfine ebenfalls über Sprachvermögen verfügen. Auch Hunde verstehen sprachgegebene Kommandos. Das bedeutet, dass Sprache offenbar zwangsläufig eine fundamentale Folge von Hirnkomplexität ist. Der Anfang der menschlichen Sprache liegt also meines Erachtens deutlich vor der Menschwerdung selbst und somit in den Tiefen der Zeit verborgen.

Unser Verständnis von der Sprache geht von grundlegenden Voraussetzungen aus, die allerdings alles andere als selbstverständlich sind. Für uns scheint es beispielsweise selbstverständlich zu sein, dass man Farben benennt und Zahlworte hat. Das Volk der Piraha in Brasilien nutzt aber nur relative Mengenangaben und hat keine Zahlworte für konkrete Mengen. Genau so wenig benutzen diese Leute Begriffe für Farben. Das ist natürlich keine Frage vielleicht von „Primitivität“ oder mangelnder Intelligenz, sondern einfach eine Frage, wie ihre Sprache funktioniert. Für uns beispielsweise ist es selbstverständlich anzunehmen, dass die Zukunft vor uns liegt und die Vergangenheit hinter uns. Etwa 3,5 Millionen Menschen in Bolivien sehen das aber nicht so: Die Aymara fassen die Zukunft als hinter sich liegend und die Vergangenheit als vor sich liegend auf. Vielleicht ist diese Auffassung dadurch zu erklären, dass man seine Zukunft genauso wenig sehen kann, wie das, was hinter einem liegt, und umgekehrt die Vergangenheit im Gegensatz dazu für einen sichtbar ist, wie etwas, das vor einem liegt.

Diese Beispiele zeigen, dass einfach Annahmen über das Funktionieren von Sprache zunächst einmal grundsätzlich fragwürdig sind und nur dann sinnvoll, wenn sie durch sprachwissenschaftliche Erkenntnisse gestützt werden. Zudem sehen wir, dass Sprache ganz offensichtlich an Notwendigkeiten orientiert funktioniert und nicht zwangsläufig daran, was der Mensch erkenntnistheoretisch für gegeben hält. Um es einfach auszudrücken: Erkenntnistheoretisch mag man sagen, die Zukunft liegt vor uns, aber die Sprache kann das durchaus anders ausdrücken. Ob dahinter nun eine erkenntnistheoretische Idee steckt, das ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass die Sprachbildung ein selbstverständlich funktionierender Automatismus ist, der aufgrund evolutiver Prozesse existiert.

Die Annahme also, dass Genera das natürliche Geschlecht repräsentieren würden, ist zwar verführerisch naheliegend, weil man scheinbar Geschlechtsbezeichnung für Lebewesen und eine eigene Bezeichnung für Sachen benutzt, aber nicht zwangsläufig auch richtig. Im nächsten Artikel sehen wir also nach, was sich nachweisbar in der Entwicklung der urindogermanische Sprache beziehungsweise in der Folge in der Sprache getan hat und überprüfen, welchen Sinn Genera möglicherweise wirklich haben. Dafür halten wir fest, dass wir *er-Wörter als die ältesten Wörter (Brud*er, Mutt*er, Vat*er, Tocht*er, Wass*er, Feu*er) unserer Sprache identifiziert haben und sehen uns an, wo die anderen Worte, die nicht auf *er enden, herkommen und welchen sprachlichen Sinn, denn um nichts anderes geht es, sie haben.

Das Abrutschen einer Gesellschaft

In den USA gab es bewaffnete Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Leute gingen mit Waffen auf die Straßen, versammelten sich in großen Gruppen, händigten ohne Handschuhe und Mundschutz Süßigkeiten an Kinder aus, trugen Südstaaten-Flaggen und Hakenkreuz. Trump griff ein: Er ermutigte die Demonstranten der demokratisch geführten Staaten in Großbuchstaben, sie sollten sich ihr Land wieder holen und das Recht auf Waffenbesitz sei “unter Belagerung”. Faktisch unterstützt er damit antidemokratische und gewaltbereite Kräfte. Die USA sind privat bis an die Zähne bewaffnet. Dass es zu gewalttätigen und schweren Zwischenfällen kommt, ist für mich nur eine Frage der Zeit.

Hinter diesen Protesten steht die “DeVoss-Group”. Betsy DeVoss ist eine Milliardärin, deren Familie Trump im Wahlkampf mit Millionen-Beträgen unterstützte. Sie ist jetzt Bildungsministerin, die sich dadurch auszeichnet, von dem Bildungssystem nichts zu verstehen, wie sich in ihrer Befragung mehr als deutlich zeigte, und Budgets zu kürzen. Gleichzeitig sorgte sie dafür, dass Studenten in ihrem Leben nicht mehr aus den Schulden für das Studium herauskommen können (aber das aufzufächern wäre hier zu aufwendig). Eine Angehörige der Regierung initiiert also gewaltbereite, antidemokratische, faktenfeindliche Proteste!

In der gleichen Zeit ist der trump-freundliche Sender FOX-NEWS dabei zu erklären, der Virus sei von China erschaffen, um die USA zu schädigen, die Maßnahmen seien nicht notwendig und eine Unterdrückung der Bevölkerung und andere sich selbst widersprechende Lügen. Dafür wurde der Sender jetzt verklagt. Seine Verteidigung vor Gericht: Er habe das verfassungsmäßige Recht zu lügen.

Das muss man erst einmal sacken lassen: Ein Sender, der sich “Nachrichten” nennt, betreibt wissentlich lügend Propaganda, nennt diese Lügen Nachrichten, aber pocht auf sein Recht, Lügen zu dürfen.

Der Sender hat gewonnen.

Zu diesem Wahn kann ich keine Pointe liefern.

Der, die, das

Wir Menschen, Sie und Du und ich und alle anderen, wir sind mustererkennende, mustersuchende und musterbildende Wesen. Muster verschaffen uns Erkenntnis und Befriedigung. Oder auch nicht, wenn wir Muster als langweilig oder abgegriffen empfinden.

Diese Muster müssen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben, und wir interpretieren gerne Muster in Erscheinungen hinein. Flüchtige Erscheinungen wie Wolken sehen für uns wie ein Auto oder Krokodil aus, der Mond hat ein Gesicht und auch eine alte Mars-Fotografie eines Berges scheint ein Menschengesicht zu zeigen. Solche objektiv falschen Interpretationen können für uns so überzeugend sein, dass wir Argumente, die in andere Richtungen weisen, ignorieren oder sogar kategorisch ablehnen.

Wir erkennen Muster im Gegenständlichen und im Abstrakten. Wegen der Leistungsfähigkeit unseres Gehirns haben wir folgerichtig bildende und darstellende Kunst entwickelt, die uns Menschen eigen ist. Diese Mustererkennungs-Kompetenz ist aus der Notwendigkeit entstanden, beispielsweise verborgene Angreifer an nur einem kleinen erkennbaren Merkmal auszumachen, oder sich merken zu können, dass er sich nur verborgen hat, aber noch da ist. Jetzt hören wir Sinfonien, wissen, wie sie aufgebaut sind, erkennen Motive, Melodien, Themen, können sie ordnen und mit Sinn erfüllen und vor allem wiedererkennen. Wir können den Aufbau eines Gemäldes würdigen, Formen der Architektur bewundern.

Mathematik ist ein Werkzeug der Mustererkennung und wir können sogar die Muster auf der höheren Abstraktionsebene erschließen, die der Mathematik zugrunde liegen. Analyse, Mathematik, Wissenschaft an sich ist die intellektuelle Mustersuche, bei der die persönliche Voreingenommenheit ausgeschlossen wird, bzw. sachliche Objektivität die persönliche Intuition in ihrer Bedeutung zu überstrahlen hat. Niemandem dürfte anschaulich klar sein, dass Raum, Zeit und Gravitation miteinander verknüpft sind. Einsteins Formel E = mc^2 zeigt aber genau das, wurde in ihrer Richtigkeit nicht nur eindeutig bestätigt, sondern die daraus abgeleiteten Folgen haben Bedeutung für unser alltägliches Leben (zum Beispiel wird die „Zeitverzerrung“ beim Global Positioning System berücksichtigt).

Mustererkennung läuft oft überwältigend automatisch ab und ist deshalb so überzeugend. Bereits ein Säugling erkennt in entsprechend angeordneten Punkten und Linien ein Gesicht und reagiert emotional darauf, je nachdem ob das vermeintliche Gesicht freundlich oder bedrohlich aussieht. Solch ein Automatismus greift auch bei der Sprache. Die Komplexität unseres Gehirns bildet ein System, das man Sprachzentrum nennen kann. Hier entsteht Sprache und hier sind ihre Muster etabliert. Das Problem hierbei ist in meinen Augen zweigeteilt: Einerseits erfolgt die Musterbildung und -erkennung unbewusst und automatisch, andererseits analysieren wir unsere Sprache und unseren Sprachgebrauch, erkennen Muster bewusst und versuchen aufgrund dieser bewussten Erkenntnis unsere Sprache korrekter, schlüssiger, logischer und überzeugender zu machen. Dieses bewusste Bild, das wir von unserer Sprache haben, kann aber durchaus falsch sein. Und, es tut mir leid, das sagen zu müssen: Ich fürchte, das ist es häufig – sehr häufig  – vielleicht sogar meistens – auch.

Es gibt viele Schwierigkeiten, die Sprachlerner haben, wenn sie auf die deutsche Sprache treffen und sie anwenden sollen. Nicht, weil sie irgendwie dumm oder so etwas wären, oder vielleicht nicht sprachbegabt. Die Schwierigkeiten macht das ihnen eigene Sprachzentrum, das teilweise nach anderen Mustern arbeitet, die ihnen genauso unbewusst sind, wie die unseren uns. Das Türkische beispielsweise kennt keinen Genus. Trotzdem gibt es türkische Frauen, Männer, Mädchen, Jungen und alle möglichen Weibchen und Männchen der Tierwelt und sonstige, unbelebte Sachen. Aber „Der, die, das. Wieso, weshalb, warum. Wer nicht fragt, bleibt dumm.“ ergibt im Türkischen keinen Sinn wegen der, die, das. Was die Kinder, wenn sie die Sesamstraße kennen, stattdessen angeboten bekommen, weiß ich nicht. Wie soll man nun von irgendjemandem, der beispielsweise diese Geschlechtsbildung in der Sprache nicht kennt, verlangen, dass er versteht, was da im Deutschen vor sich geht? Der Punkt ist: Die meisten Muttersprachler verstehen es ja selbst nicht. Müssen wir auch nicht! Wir müssen nur sprechen, denn das Sprachzentrum regelt das so selbstverständlich wie unser Verdauungssystem den lecker gekochten Naturreis.

Werfen wir doch mal einen Blick auf die vermeintliche Eindeutigkeit des Genussystems in der deutschen Sprache und versuchen wir, die Verwirrung zu entwirren!

Das ist ja zunächst einfach, sollte man denken, und so erklärt man es auch wackeren, verzweifelnden Sprachlernern: Wir haben drei Geschlechter in der Sprache, die wir männlich (Maskulinum), weiblich (Femininum) und sächlich (Neutrum) nennen. Was männlich ist, besitzt den männlichen Genus, das, was weiblich ist, den weiblichen Genus, und alles Sächliche ist neutral. Das ist seit Urzeiten so und repräsentiert ganz natürlich die Sprachentwicklung, nicht wahr?

Nehmen wir an, die Menschen lebten früher, in grauer Vorzeit in Verbänden aus wenigen Leuten. Was werden diese Leute miteinander zu tun gehabt haben, die für das Leben wichtig waren? Es werden sein: Vater, Mutter, Bruder, Schwester. Was wird für ihr Überleben wichtig gewesen sein? Feuer und Wasser. Und wir sehen eine schöne Ordnung:

der Vater

die Mutter

der Bruder

die Schwester

das Feuer

das Wasser

Uns fällt noch etwas auf: Alle diese Worte bestehen aus Lexem, das den „Gegenstand“ benennt (Vat-, Mut-, Brud-, Schwest-, Feu-, Was-), und dem einheitlichen Suffix *er. Wir haben Muster! Und zwar simple, einsilbige Lexeme, eine einheitliche Endung als Anhang an das Lexem und die Übereinstimmung von tatsächlichem und sprachlichen Geschlecht. Für mich bedeutete das lange, lange Zeit, dass diese *er-Wörter die ältesten der deutschen Sprache sein müssten (da können wir einen Haken hinter machen, denn das stimmt) und dass wir hier die Zeit widergespiegelt sehen, in der das natürliche Geschlecht in der Sprache als Ursprung nachgewiesen ist. Aber das ist, ich möchte es deutlich sagen, absoluter Blödsinn.

Wie viele meiner vielen Irrtümer wird mir dieser immer peinlich bleiben. Der Blödsinn entlarvt sich nach nur ein bisschen Nachdenken als solcher: Nehmen wir mal ein *er-Wort. Wie wäre es mit Eimer. Wenn meine Vorstellung stimmen würde, wäre irgendwann das uralte Wort Eimer entstanden und es wäre männlich gewesen. Wieso ist der Eimer ein Mann? Gut, werden einige Frauen einwenden – und ich werde nicht widersprechen – manche Männer sind echte Eimer. Aber was macht umgekehrt den Eimer zum Mann, warum ist er männlich? Wer hatte diese Idee und warum und wie hat sie sich durchgesetzt?

Jetzt dürfte jedem klar sein, warum mir meine, lange so zufrieden und mit mir in dieser Frage im Reinen in meinem Kopf herumgetragene, Idee falsch sein muss. Denn es ist absolut abwegig anzunehmen, dass das Objekt „Eimer“ als solcher benannt wird und für alle festgelegt, dass der männlich und das somit ein Maskulinum ist. Es ist genauso absolut abwegig anzunehmen, dass sich jeder, der das hört und lernt, dies auch richtig merkt und weitergibt. Es muss vielmehr ganz zwangsläufig ein Sprachmuster geben, das den Muttersprachler geradezu zwingt, den Eimer als Maskulinum anzusprechen. Anders kann es doch gar nicht sein, als dass da ein Muster zugrunde liegen muss, welches absolut nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun hat. Machen wir einen kleinen Schlenker, bevor wir zu dieser Frage wieder zurückkommen.

In meiner Kindheit, und ich habe den Klang genau im Ohr, sangen also die Kinder der Sesamstraße: „Wer, wie, was. Der, die, das.“ Darauf werfen wir doch mal einen Blick:

wer: Fragepronomen, Maskulinum, singular

wie: Fragewort nach der Art und Weise

was: Fragepronomen, Neutrum, singular

Die deutsche Sprache kennt das Fragewort weiblicher Form nicht. Wenn „Wer?“ gefragt wird, kann die Antwort sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Verursacher für irgendetwas nennen. Wie naheliegend sollte es sein, dass sich vorgeschichtliche Sprecher darüber Gedanken gemacht hätten, ihre Welt in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen, sorgfältig und erfolgreich darauf zu achten, dass das von allen so gemacht und verstanden wird, aber bei den Fragewörtern die Frauen unberücksichtig zu lassen? Wir kennen es nur so, und deshalb kommt es uns komisch vor, dass es eine weibliche Form geben müsste. Aber es müsste sie geben, wenn es tatsächlich um Weiblichkeit gegangen wäre. Ging es aber nicht. Sprache entwickelt sich evolutiv anhand der Gegebenheiten. So wie sich alle unsere Körperfunktionen an Umstände angepasst haben, hat sich die Sprache als Körperfunktion des Gehirns angepasst. Genauso automatisch arbeitet sie auch.

Dieses automatische, rein sprachliche, vom jeweiligen Objekt vollkommen unabhängige Arbeiten des Sprachzentrums hat Daniel Scholten in seinem Buch „Denksport Deutsch – Wer hat bloß die Gabel zur Frau und den Löffel zum Mann gemacht?“ mit einer wunderbaren, wie er sie nennt, Schauergeschichte humorvoll veranschaulicht, die ich hier zitieren wollte. Weil ich noch keine Antwort erhalten habe, umreiße ich die Geschichte mit eigenen Worten; natürlich geht dabei der subtile Humor und Wortwitz leider verloren:

Scholten stellt die Sprache als Halbgöttin Germania dar, die auf der Loreley thronend von Mark Twain besucht wird. Twain fragt sie, wie es sein kann, dass die Genera so durcheinander sind. Germania versteht die Frage nicht, Twain versucht vergeblich, sie zu erklären, und Germania entschwebt. Twain bleibt zurück mit der vagen Vermutung, dass sie aneinander vorbei geredet hätten. Daniel Scholtens Buch ist leider nur noch lexikalisch zu erwerben. Sein ausgesprochen lehrreicher und humorvoller Blog „BellesLetres – Deutsch für Dichter und Denker“ ist aktiv und wärmstens zu empfehlen.

Unser Sprachzentrum „weiß“ also schlichtweg nicht, was eine Frau ist und was ein Mann und was ein Eimer! Unser Bewusstsein weiß das. Unser Sprachzentrum nicht. Wir wissen, was Naturreis ist und dass der lecker und nahrhaft und gesund und so weiter ist. Unserem Verdauungssystem ist das egal. Das nimmt, was kommt, und macht das Beste daraus. Eiweiß als Baustoff, Kohlenhydrate als Brennstoff etc. Wir sitzen herum, genießen den Reis, plaudern mit der Familie und verdauen, ohne uns darum kümmern zu müssen. Was wir essen, entscheiden wir, wie wir verdauen, entscheidet niemand. Das passiert. Ziemlich genau das passiert in unserem Sprachzentrum: Es gibt einen Wort-Input, der wird unbewusst verarbeitet, und es gibt ein Ergebnis. Wir können versuchen, die Muster zu erkennen, nach dem das Sprachzentrum arbeitet, aber egal wie ausgefeilt wir da analysieren, arbeitet das Sprachzentrum doch automatisch. Automatisch und unabhängig davon, was eine Sache in unserem Bewusstsein wirklich ist!

Wenn diese Genera aber nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun haben, wo kommen sie denn dann her? Das ist eine interessante Geschichte, die es zu erzählen gibt. Im nächsten Artikel.

Wenn Politik funktioniert

Gestern war die Pressekonferenz zu zur Pandemie-Lage. Ich war erleichtert zu sehen, dass und wie Kompromissfähigkeit und sachliche Entscheidungen das Bild bestimmten. Markus Söder, den ich persönlich nie als Politiker meiner Wahl bezeichnen würde, sagte, dass wir unter anderem damit in einer weit glücklicheren Lage seien als viele andere Länder. Und wie recht er damit hat!

Nur wenige Beispiele: Bundeskanzlerin Merkel erklärt in der Pressekonferenz, welchen Einfluss eine statistische Steigerung der Verbreitungsrate um den Faktor von nur 0,1 hat. Auswendig, sicher, flüssig, mit eigenen Worten. Man sieht, sie hat absolut verstanden, wovon sie da spricht, kennt sich mit der Materie und insbesondere der Mathematik aus. Markus Söder verdeutlicht am Besuch Olaf Scholz´ in der bayerischen Landesregierung, wie engagiert, sachgerecht und überparteilich in dieser Situation gearbeitet wird.

Vergleichen wir das mal mit der Lage in den USA:

Donald Trump erklärt auf einer seiner Pressekonferenzen, die er als Wahlkampfveranstaltungen missbraucht, dass er die Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einstellen würde. Eine Reporterin fragt ihn, ob das denn eine gute Entscheidung in der derzeitigen Situation sei, die Mittel einzufrieren. Daraufhin beschimpft er sie als Lügenpresse, denn er habe gesagt, es werde geprüft (!), die Mittel zurückzuhalten. Nur Minuten nach der eigenen Aussage! Und was passiert? Die USA stellen die Zahlungen tatsächlich ein.

Auftritt der Beraterin für den Präsidenten, Kellyanne Conway, die vor einiger Zeit Trumps Lügen als “alternative Fakten” bezeichnete, die er “anbieten” würde: COVID 19 sei nicht COVID 1. Die WHO hätte inzwischen herausfinden müssen, wie die neunzehnte Variation des Virus funktioniere. Was tut die WHO da, empört sie sich. Sie will Ergebnisse, Führungsstärke schauspielernd. Die kämen nicht, also werden die Zahlungen eingestellt. Nimm dies, unfähige und faule und verlogene WHO! Dann bekräftigt sie ihre Propaganda mit der Aussage: “Leute sollten die Fakten kennen!” Die Marionetten des Propaganda-Senders FOX nicken artig. Die echten, nicht die “alternativen”, Fakten sehen aber anders aus. Denn COVID 19 ist nicht die neunzehnte “Neuauflage” eines alten COVID 1. Die Zahl 19 bezieht sich vielmehr auf das Jahr 2019, in dem der Virus entstand bzw. auf den Menschen übergriff und sich verbreitete. Wenn es einen Gradmesser für Dummheit und Verlogenheit gäbe, keine Skala würde reichen, um diese boshafte Idiotie zu beschreiben.

Was tun wir? Wir betreiben Maßnahmen zur Abflachung der Kurve. Es geht darum, die Verbreitung so zu verlangsamen, dass das Gesundheitssystem nicht überfordert ist. (Man könnte sie auch so sehr abflachen, dass der Virus buchstäblich verschwände, aber das ist, fürchte ich, weder vermittel- noch durchsetzbar.)

Was tut Trump? Er verhindert, dass sein medizinischer Berater, Dr. Fauci, Fragen der Presse beantworten kann, indem er ihm über den Mund fährt und die Presse beschimpft. Anlass war, dass Trump seit einigen Tagen immer wieder empfiehlt, “Hydroxychloraquine” einzunehmen, weil das gegen den Virus helfe. Das Mittel ist ein Malaria-Mittel und wird auch bei der seltenen und tödlichen Krankheit Lupus eingesetzt. Häufige Nebenwirkungen sind Herzrhythmusstörungen, die zum Tod führen können. Die Folge ist, dass das Medikament schwerer für die Patienten erhältlich ist, die es brauchen. Es gibt bereits Todesfälle aufgrund dieser nicht indizierten Einnahme. Dr. Fauci hat übrigens, bevor Trump ihn öffentlich maßregelte, richtigerweise gesagt, dass es keine guten Hinweise darauf gebe, das Medikament würde einen positiven Effekt haben. Trump: “Versucht es einfach! Nehmt es ein! Was habt ihr zu verlieren?” Das Leben, du Idiot? Für nichts? Wie wäre es damit? Aber warum empfiehlt er es, warum bewirbt er es, wie ein lästiger Haustürverkäufer? Antwort: Trump hält ein großes Aktienpaket des Herstellers und hat von dem Konzern eine Zahlung von einer Million Dollar über seinen damaligen, jetzt inhaftierten, Rechtsanwalt erhalten. Alles vollkommen widerrechtlich.

Aber Recht und Gesetz gelten nicht für ihn. Denn, so sagt er der Presse, er habe die “absolute Macht”. Weil er der Schlauste ist, erklärt er dies geduldig mit den einleitenden Worten: “Ich werde es sehr einfach ausdrücken: Der Präsident der Vereinigten Staaten hat die Autorität zu tun, was der Präsident die Autorität hat zu tun, was sehr machtvoll ist. […] Wenn jemand der Präsident der Vereinigten Staaten ist, ist die Autorität allumfassend. Und so ist das nun einmal.” (Die letzte Aussage ist die Beschreibung absoluter Herrschaft; undemokratischer geht es nicht. Weil man das eigentlich nicht glauben kann, hier die wörtliche Rede: “I will put it very simply: The president of the United States has the authority to do what the president has the authority to do, wich is very powerful. […] When somebody is the president of the United States the authority is total. And that´s the way it´s got to be.”) Wer könnte sich dieser Überzeugungskraft und Eloquenz entziehen. Eine intelligente, junge und sehr attraktive (das ist wichtig zu erwähnen, weil sein Machismo sie als ihm unterlegen interpretiert und er unbedingt “gewinnen” muss; junge, attraktive Frauen dienen ihm nur als Lustbefriedigung und als Objekt insbesondere sexueller Machtausübung) Reporterin hakt nach: Wer von den Gouverneuren stimme mit ihm überein und wer habe ihm gesagt, dass seine Macht total sei? Er herrscht sie an: “Genug!” Er (!), den Pluralis Majestatis “wir” benutzend, könne eine Abhandlung darüber schreiben, dass er als Präsident mit allen Rechten ausgestattet sei, allen Staaten der USA vorzuschreiben, was sie zu tun hätten. Ein absoluter Vollspack demontiert die Demokratie der USA.

Angela Merkel erklärt also die Ausbreitung mit mathematischer Präzision und analytisch klar in wenigen, wohlgesetzten Worten. Sie hat vollkommen verstanden, was ein Virus ist, wie er bekämpft wird, was wir tun. Vergleichen wir das doch mal mit Trump: “Dies ist ein sehr brillanter Feind. Weißt Du, es ist ein brillanter Feind. Sie entwickeln Medikamente wie Antibiotika. Du siehst es. Antibiotika lösten üblicherweise jedes Problem. Nicht eines von den größten Problemen, die die Welt hat, ist ein so brillant gewordener Krankheitskeim, dass die Antibiotik nicht mithalten kann. Und sie versuchen ständig, sich etwas Neues einfallen zu lassen – Leute gehen zum Hospital und sie fangen sich – sie gehen wegen einer Herz-Operation – das ist kein Problem, aber sie sterben weg wegen – wegen Problemen. Du weißt, von welchen Problemen ich rede. Da ist eine totale Genialität dran. Wir kämpfen – nicht nur, dass es verborgen ist, es ist sehr schlau. Okay? Es ist unsichtbar und es ist verborgen, aber es ist – es ist sehr gerissen. Und das siehst du in einem Fall wie Denver. Aber, weißt Du, ich denke, wir kommen klar, und sie sind an Denver dran, wie Du es nicht glauben würdest. Ich kam heute Morgen rein; das war eine Hektik! Ich sagte: ´Was ist denn los?` Sie sagten: ´Denver.` Ich sagte: ´Was ist Denver passiert?` Weil Denver ziemlich gut klar kam. Und sie haben das unter Kontrolle gebracht. Aber, yeah, das würde ein Fall sein, wo Du einiges sehr großes Testen machst.” Trump denkt also wirklich, der Virus sei “gerissen” und “schlau” und dass er sich “versteckt”. Er denkt, dass der Virus einen Plan oder irgendeine Idee hat. Er denkt auch, dass ein Virus mit Antibiotika bekämpft würde und diese jedes Problem gelöst hätten. Auch Herz-OP seien kein Problem. Er hat auch nicht verstanden, wie Impfen funktioniert, nämlich, dass es einfach noch keinen Impfstoff gibt. Das liegt nicht an irgend einer vermeintlichen neuen “Brillanz” des Virus. Dieser Mensch ist ein Vollidiot, der nichts von dem versteht, um was es geht. Über 300 Millionen Menschen sind betroffen, wir pflegen enge Kontakte mit dem Land, also sind auch wir und die ganze Welt betroffen. Deshalb ist seine egomane Idiotie so bedrohlich.

Aber auf uns unmittelbar bezogen hat Markus Söder recht: lucky us! Was für ein Unterschied zu unseren Politikern und unserer Gesellschaft!

Sozialer Abstand

Meine Selbstbeobachtung ist, dass ich mich durch die Pandemie und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen doch sehr schnell daran gewöhnt habe, zu anderen, insbesondere mir fremden Menschen einen größeren Sozialabstand zu wahren.

Aber das ist nur körperlich. Menschlich sollten wir miteinander grundsätzlich freundlich gestimmt umgehen. Eine gewisse Grundalbernheit hilft mir dabei. Die schalte ich nur ab, wenn es um etwas wirklich Ernstes geht oder ich es mit Menschen zu tun habe, bei denen ich gelernt habe, dass sie die dafür notwendige vertrauliche Offenheit nicht verdient haben.

Heute Morgen war schönstes Fahrrad-Wetter. Derzeit fahre ich täglich zu meiner Mutter und nach einer guten Woche Sicherheits-Puffer nach Abklingen meiner Erkältung (ja, ich bin lernfähig und vorsichtiger geworden) ist es wieder Zeit für etwas kardiovaskuläres Training. Ist natürlich nur eine Rechtfertigung: Tatsache ist, dass ich einfach gerne Rad fahre.

Überall schlagen schon Bäume und Büsche aus. Mit um die 10° C war es bei Windstille warm genug für nur eine leichte Jacke. Am strahlenden Himmel zogen entspannt Schäfchenwolken, unter mir surrten die Reifen auf dem Asphalt, unglückliche Insekten klatschten gegen meine Fahrradbrille. Der Tag könnte nicht schöner beginnen und ich hatte die zum Wetter passende glänzende Laune.

In Hodenhagen hielt ich beim üblichen Bäcker, um die Brötchen für das Frühstück mit meiner Mutter zu holen. Draußen hat die Filiale dankenswerter Weise und sehr vorsorglich einen großen Spender mit Einweg-Desinfektionstüchern aufgestellt, den ich ansteuerte, nachdem ich mein Rad geparkt hatte. Auf der anderen Seite des Spenders stand eine missmutige Dame, etwa 70 Jahre alt, und wischte sich mit einem gezogenen Tuch über die Handrücken. Ich wartete etwas. Sie zog sich mit ausgestrecktem Arm das nächste Tuch und setze ihre Reinigungsaktivität fort. Sie stand auf der anderen Seite des Spenders, also zog ich selbst mit ausgestrecktem Arm auf meiner Seite im weitest möglichen Abstand zu ihr ein Tuch. “Abstand, junger Mann!”, gemahnte sie mich bissig in einem gut trainierten Mit-mir-nicht-Ton. – “Mehr Abstand kann ich nicht machen, wenn ich da ran will. Und warum gehen sie nicht etwas zurück – junge Frau?” Sie verzog erst das Gesicht und dann sich.

Ich verstehe sie. Sie ist stärker gefährdet als ich und ist deshalb besorgt. Aber, wie soll ich es anders sagen, ich verstehe auch mich. Trotz grundsätzlich guter Laune sind die privaten Anforderungen gerade hoch und die größeren Belastungen liegen noch vor mir. Ich möchte mich nicht anpampen lassen. Wer möchte das schon.

Wieder auf dem Rad fuhr ich durch Ahlden. Am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers, dem schon lange verstorbenen Herrn Welk, vorbei. Herr Welk war Klarinettist im Musikchor der Wehrmacht, wurde dann zum Waffendienst verpflichtet und erlitt an der russischen Front einen Lungendurchschuss. Damit war das Klarinette-Spielen für ihn vorbei und er unterrichtete pro bono aus reiner Güte mich als Kind aus ärmlichen Verhältnissen kostenlos. Und verschenkte nahezu für einen lächerlichen Preis seine Klarinette an seinen einzigen Schüler.

Ich war kein so guter Klarinettenschüler, wie er es verdient gehabt hätte, denn ich war in das Akkordeon vernarrt. Immerhin habe ich gemeinsam mit meiner Schwester doch einiges Schöne, sie am Akkordeon, ich an der Klarinette, zustande gebracht und ich habe dabei sicheres Transponieren der Akkordeon-Noten für die Klarinette gelernt; mir half das sehr, das Prinzip hinter den Vorzeichen zu verstehen. Es gibt ein Foto von meiner Schwester und mir, wie wir zu einer Weihnachtsfeier des Reichsbundes Musik gemacht hatten und Herr Welk stolz und glücklich zwischen uns steht. Heute verstehe ich ihn nur zu gut. Wie stolz und glücklich mich meine Instrumentalschüler gemacht haben!

Der Klarinetten-Unterricht endete, als ich schwer verletzt wurde und einige Zeit im Krankenhaus, mit mehreren Operationen und Wiederherstellung verbringen musste. Musik machen war etwa zwei Jahre lang nicht mehr möglich, und ich fing endlich ernsthaft an, mich mit den Fachinhalten der Schule zu beschäftigen und nicht nur mit den Auseinandersetzungen mit Schülern und Themen, die ich zuhause für mich las (als Beispiele: Hoimar von Ditfurths “Am Anfang war der Wasserstoff” habe ich immer wieder gelesen und förmlich zerlesen; alles, was mit Prähistorie zu tun hatte und ich in die Finger bekommen konnte; einiges später ein wunderbares Geschenk meiner Schwester, das unfassbar tolle “Unser Kosmos” von dem einzigartigen Carl Sagan; tage- und nächtelang versank ich in diesem Buch).

Als ich endlich die Finger wieder etwas bewegen, aber noch nicht richtig gehen konnte, versuchte ich, mit eingegipstem Oberkörper und fixiertem linken Arm die Gitarre so zu halten, dass ich wenigstens ein wenig Akkorde greifen konnte. Das ging so einigermaßen. Das Akkordeon konnte ich nicht spielen, weil ich weder in die Gurte kam, vor allem nicht unter den Handzugriemen, und schon gar nicht konnte ich das Akkordeon aufziehen; zum Probieren hoch heben ließ ich es mir von meinem Bruder. Für die Klarinette hatte ich keine Luft mehr und konnte auch die Klappen und Löcher nicht bedienen und greifen. Als ich wieder laufen und meinen linken Arm benutzen konnte, war aber der Ansatz vollkommen weg und ich in der Folge der Ereignisse tief deprimiert, eingeschüchtert, verängstigt – und voller Selbstverachtung. Ich mied nach Möglichkeit engeren Umgang mit anderen und verhielt mich oft eigenartig, wenn ich in Gruppen war. Schule, Ausbildung, Schule: Ich musste mich auch wegen der zeitaufwendigen weiten Wege entscheiden und enttäuschte deshalb unverdienter Weise Herrn Welk.

Ich habe ohne irgendeine professionelle Hilfe etwa acht Jahre gebraucht, um die traumatische Erfahrung der durch einen Anderen beigebrachten schweren körperlichen Verwundung so zu verarbeiten, dass ich damit umgehen konnte, und mein eigentlich vernichtetes Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. Dafür machte ich Musik, Kraft- und Ausdauertraining und grub mich in meiner Gedankenwelt ein. Alles, was mich davon ablenkte, was mir da passiert war, war gut. Alles, wo ich nicht Gefahr lief, mich mit anderen auseinandersetzen zu müssen, machte mich glücklich. In einer Gruppe Gleichgesinnter einzutauchen, die das gleiche Ziel haben und mich mögen: darauf habe ich gehofft. Und irrtümlicher Weise gemeint, dies in meinem Heimatorchester gefunden zu haben.

Wir hatten in dem Verein in großen Gruppen Unterricht bei der Ehefrau des Paares Hunn. Wilhelm Hunn war Instrumentenbauer für das Akkordeon und hatte das in Trossingen gelernt. In Walsrode, Visselhövede und Hamburg-Eimsbüttel leitete er Akkordeon-Orchester und hatte in Hamburg seinen Instrumentenhandel. Wenn wir mit dem Unterricht fertig waren, ging ich so langsam wie nur möglich durch die Aula der Marktschule, wo das Orchester probte, um so viel wie möglich von der Probe mitzubekommen. Jedes Mal, wenn sich von den Eltern der Fahrgemeinschaft jemand verspätete, was für meinen Geschmack viel zu selten geschah, war ich restlos glücklich! Das war so spannend! Im Akkordeon-Orchester spielen, das wär´s! Leiten wäre noch viel toller, aber als doofer Hauptschüler? Keine Chance. Und dass ich doof war, wurde mir häufig und heftig genug gesagt, gezeigt und in der Schule eingeprügelt, dass ich das selber glaubte.

Irgendwann kam ich dann in das Jugendorchester. Etwa um die Zeit wurde Wilhelm Hunn ziemlich eklig abgeschossen. Ich habe die Umstände damals nicht verstanden und war zu sehr mit meinen Problemen an der Schule und dann dem “Unfall” und seinen Folgen beschäftigt. Als ich wieder Musik machen konnte, war Herr Hunn schon so weit rausgedrängt, dass ich unter ihm im Orchester nicht mehr spielte.

Stadtfest in Walsrode (die Stadtfeste gibt es heute nicht mehr, weil sie vor allem von dem Organisationswillen- und Geschick des verstorbenen Gerd “Böschi” Müller abhingen): Ich machte Musik mit der Eilter Skiffle-Company (Akkordeon und Gesang, erst später auch Klavier) und in der 1. Stimme des Akkordeon-Orchesters. Inzwischen von unserem neuen Dirigenten und Arrangeur/Komponisten Enno Meyenburg vollkommen begeistert saß ich voller Überzeugung in der zweiten Reihe und spielte mit größtem Engagement. Jedes Stück konnte ich, ich beherrschte meine Stimme total und konnte so gestalten, wie ich Enno verstand. Ich war glücklich. Vieles konnte ich auswendig und bekam die Reaktionen des Publikums mit. Es hatte sich eine Traube gebildet, weil der eigene Stil Ennos und seine musikalische Qualität Wirkung hatten. Das Orchester war phantastisch eingespielt, alles lief, uns gelang alles.

Da sah ich Wilhelm Hunn im Publikum! Er stand da, hörte zu, applaudierte, begrüßte am Ende Enno Meyenburg mit Handschlag. Wilhelm Hunn hatte, als ihm eröffnet worden war, dass der Verein sich von ihm trennen wollte, selbst persönlich Enno Meyenburg als seinen Nachfolger ausgesucht und empfohlen. Ich ging nicht zu ihm, weil ich Respekt vor ihm hatte und ich nicht einmal sicher war, ob er sich an mich noch erinnern würde. Was mir damals zugestoßen war, blieb ihm aber, meinen “Freunden” demgegenüber nicht, in Erinnerung, und so wusste er sehr genau, wer ich war. Er sah mich und grüßte mich freundlich nickend. Also ging ich schließlich doch zu ihm. Ich hoffte, dass er bemerkt hatte, wie gut ich im Orchester klar kam und, das muss ich gestehen, dass er vielleicht etwas stolz auf mich wäre. Als wir uns begrüßt hatten, schaute er mich an und sagte ruhig mit deutlichem Vorwurf: “Du könntest auch mehr!” Ich war schockiert, stammelte unsicher etwas davon, dass Orchesterspiel doch ganz toll ist und ich alles kann. “Du könntest mehr.”, antwortete Wilhelm Hunn erneut ruhig mit Nachdruck und ging. Er hat, wenn ich es nicht falsch erinnere, vor seinem Tod nicht mehr erfahren, dass ich dann tatsächlich Musik studierte. Aber er war der erste, der mir sagte, dass in mir mehr steckte, als Musik zum Hobby.

Als mir nach dem Tod Enno Meyenburgs angetragen worden war, sein Orchester zu leiten, war mein Ziel, das Beste von diesen beiden Leitern zu vereinen: Wilhelm Hunns Blick für das Talent der Schüler, Enno Meyenburgs Kompetenz insbesondere als Arrangeur und beider Begeisterung für Orchester-Musik. Mein erstes Konzert war ein grandioser Erfolg. Danach rief mich die Stimmführerin der 1. Stimme an. Damals telefonierten wir öfter; ich sah sie als Freundin, bis sie mir am Telefon erklärte, dass ich wie jeder andere ersetzbar sei und mein “Nachfolger” natürlich mein Honorar bekäme, denn er mache ja meine Arbeit. Hihi.

Die Stimmführerin sagte mir also am Telefon nach meinem ersten Konzert mit dem Hauptorchester, die Witwe Wilhelm Hunns hätte den Plan gehabt, mir öffentlich auf dem Konzert seinen Dirigenten-Stock zu überreichen, um zu zeigen, dass ich der richtige und würdige Nachfolger beider Dirigenten sei! Mir blieb die Sprache weg. Wieso hat sie das nicht getan, fragte ich mich. Sie, die Stimmführerin, habe ihr aber geantwortet, dass ich darauf keinen Wert legen würde, denn ich hätte ja schon einen eigenen Dirigier-Stock.

Mir hätte die Geste unglaublich viel bedeutet! Was das für eine Ehre für mich gewesen wäre! Und was für eine Geste für Publikum, Orchester und Verein! Aber entweder wollte die Stimmführerin mir diese Geste und diese Anerkennung nicht gönnen, oder sie hat die Geste nicht verstanden. Schwer zu sagen, welche von diesen beiden Möglichkeiten die schlimmere ist.

Wie bin ich denn jetzt darauf gekommen?!

Corona-Lager-Koller?

Ah, ich weiß: Ich kam am Haus meines alten Klarinetten-Lehrers vorbei. Dann fuhr ich an meiner alten Grundschule vorbei, und in dieser Straße hatte gerade ein LKW eine Containerladung dampfende schwarze Muttererde auf den Gehsteig und die halbe Straße gekippt, sodass die Straße für Autos undurchfahrbar wurde. Ich konnte mich als Fahrradfahrer durch eine Lücke schlängeln und ließ meiner infantilen Albernheit freien Lauf: “Das war aber ein großer Maulwurf!”, sagte ich zu dem energisch zu schaufeln beginnenden Mann. Mit Ärger von mir rechnend grunzte er bedrohlich so etwas Ähnliches wie: “Hä!” – “Das war aber ein großer Maulwurf!”, wiederholte ich breit grinsend. Diese Albernheit traf sein Humorzentrum und wie umgeschaltet veränderten sich sein Gesicht und seine Haltung und er lachte: “Ja, das scheint so.”

Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken. In einem ist sie mir immer Vorbild gewesen: Sie hat Entsetzliches erleben müssen. Im Krieg und danach. Aber die meisten ihrer Falten sind Lachfalten. Unter Lebensgefahr im Krankenhaus scherzte sie albern herum und lachte mit uns über gelungene Sprüche. Arzt: “Hat die Spritze weh getan, Frau Steinhaus?” – “Ach, Herr Doktor, ich sehe nur in ihre schönen schwarzen Augen, und dann bin ich ganz weg.” Die Ärztin klebt ein weiteres Pflaster für einen weiteren Zugang: “Wie viel wiegen Sie, Frau Steinhaus?” – “Normalerweise 65 kg, jetzt aber 70.” – “Wieso 70?”, fragt die Ärztin verdaddert. “Wegen der vielen Pflaster.”

So eine gewisse Grundalbernheit. Doch: Die will ich mir bewahren. Man muss nicht der witzigste Floh im Zirkus sein. Hauptsache, man amüsiert zunächst einmal sich selbst .

Oder mit den Worten meiner Mutter: “Dass ich irgendwann sterben werde, weiß ich ja schon länger. Da kann ich doch auch noch ein bisschen Spaß haben.”