Alea jacta est

Der Würfel ist geworfen, er liegt nicht mehr in meiner Hand und der Ausgang ist offen: Heute war meine letzte Lehrprobe im Rahmen meiner Bewährungsphase im öffentlichen Dienst. Meine letzte Dienstherrin beschied mir ja, nachdem ich mich für sie buchstäblich aufgerieben hatte, unvermittelt aus heiterem Himmel, Musik machen würde “noch gehen”, aber in diesem Dienst sei ich überfordert. (Und sie erklärte mir auch, dass sie meint, ich sei nach dem Zusammenbruch im Sommer und der Operation nicht wirklich gesund. Ich hatte seitdem keinen Fehltag aufgrund von Krankheit …)

Wurde bei jeder Lehrprobe von meinen Prüfern anders gesehen. Fundamental anders. Wie jedes Mal gab es viel Lob und Anerkennung für meine fachliche und insbesondere pädagogische Leistung. Wie jedes Mal gab es wertvolle Tipps und Ideen, bestimmte Dinge anders anzugehen.  Nie kam jemand auf die Idee, mir zu sagen: “Musik machen geht noch. Aber das hier? Das lassen sie mal lieber.”

Ich kann also mit einer umfassenden Bestätigung meiner Eignung rechnen, weiß, dass meine heutige Leitung, meine Kollegen und Kolleginnen und gerade auch die Schülerinnen und Schüler mich gerne behalten wollen. Alles, was möglich war, habe ich getan. Ich habe mich voll reingehängt und Gas gegeben. Wie immer in meiner Laufbahn. Und es hat wieder vollkommen funktioniert. Ich erlaube mir, mich selbst dafür zu loben und darüber zu freuen.

Zufälle sind manchmal eigenartig: Gestern schrieb mich eine sehr nette Akkordeon-Spielerin an. Sie interessierte sich für ein Arrangement unseres Orchesters. Ich fragte sie nach ihrem Orchester. Und jetzt stelle man sich mal vor: Da ist ein Akkordeonist, heute um die 50 Jahre alt, der sich dem Akkordeon so verschrieben hat, dass er dieses Instrument studierte. Er schrieb einige Stücke für Akkordeon-Orchester, spielte selbst in einem, leitete auch eines, bot dann als Kleinstunternehmer Unterricht auf Akkordeon und Klavier an. Dann kamen örtliche Musikvereine und der Akkordeon-Verein auf ihn zu und beauftragten ihn mit Unterricht und der Leitung von Klangkörpern. Sein Betrieb läuft stabil, Schüler sind da, der Verein funktioniert, die Orchester sind spielfähig.

Wer jetzt denkt, ich habe hier gerade meine berufliche Geschichte mit einem Happy End zu versehen versucht, irrt. Ich habe mir das schon so vorgestellt, ja. Aber das ist die bisherige Geschichte des Akkordeon-Orchesters Niebüll und seines Leiters. Für mich ist der Würfel ungünstiger gefallen, für Martin Gehrke und Niebüll nicht.

Es geht also! Aber es ist selten. Zu selten. Mein herzlicher und aufrichtiger Glückwunsch an den Kollegen! Aber diese wenigen erfolgreichen Profis sind zu wenig, um die Szene am Leben zu halten. Ich wollte aus meinem alten Beruf nicht raus. Eine Kollegin sagte mir letztens, sie sei froh, jetzt diesen Beruf zu machen, denn Instrumentalunterricht sei nie wirklich ihr Traum gewesen. Meiner war es. Ich hätte es gerne gehabt wie Martin Gehrke.

Der Würfel ist geworfen, die Entscheidung über meine berufliche Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Sicher ist nur, dass der Weg zurück nicht möglich ist. Das tut immer noch weh und wird es auch immer. Aber es ist mehr als ein Trost, heute wieder von meiner Prüferin und Kollegen zu hören, dass sie mich für diese Aufgabe für ideal geeignet halten. Es ist eine schöne, wichtige Aufgabe. Ein schöner, wichtiger Beruf.

Ich habe oft, oft auch eigentlich wider meinen Instinkten und besseren Wissens, auf die falschen Leute gesetzt. Würfelpech und zu viele Fehler. Jetzt kommt der neue Beruf.

Wenn der Würfel richtig fällt. Er fällt voraussichtlich im Juli.

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