Metallkopf

Als sich zeigte, dass ich als Pädagoge mit höheren Altersklassen arbeiten würde, ließ ich mir vom Hörgeräte-Akustiker individuellen Gehörschutz anfertigen. Denn eine meiner Aufgaben ist jetzt, mit Jugendlichen Musik zu machen, die ich nicht im Individualunterricht hatte (denn ich gebe ja keinen mehr). Das bedeutet, dass es laut werden kann, und einmal geschädigtes Gehör lässt sich nicht reparieren.

Ich lebe recht gesund und habe auf mein Gehör immer geachtet. Der schöne Lohn ist, dass es so gut ist, wie es nur sein kann, sogar besser als gewöhnlich, wie der Hörtest glücklicherweise zeigte. Der Gehörschutz ist wunderbar! Man hört alles glasklar, alle Frequenzen sind gleichmäßig herunter gezogen. Es ist, als hätte man alles etwas leiser gestellt.

Nun schenkte mir meine Schwester Karten für ein Konzert: Einer meiner erwachsenen Neffen spielt in einer Band, und ich hatte bisher nie die Gelegenheit, sie live zu hören. Drei Bands würden den Abend gestalten, seine sollte als gastgebende die letzte sein.

Heavy Metal.

War nie mein Ding. In meiner Familie bei Neffen und Nichten und besonders meinem Bruder die Musik der Wahl. Bei mir nun gar nicht so richtig. Aber ich wollte offen da ran gehen. Und so wartete ich mit meinem großartigen Gehörschutz in den Ohren auf die erste Band.

Sie kam auf die Bühne – und was ich hörte war Klangmatsch. Ein alles erschlagendes Schlagzeug, sehr gut gespielt, keine Frage, machte alles platt. Gesang? Nicht zu verstehen. Harmonien? Gingen in Gedröhn unter. Melodien, Riffs, Licks, irgend etwas? Undefinierbarer Brei. Ich konnte sehen (!), dass die Gitarristen und der Bassist offenbar virtuos ihre Saiten bespielten. Zu hören (!) war das nicht. Ich stellte die Ohren auf Durchzug, meinen Geist auf Leerlauf und war davon irritiert, dass schon nach dem ersten halben Lied theatralisch zum Handtuch gegriffen wurde, um sich den Schweiß der Arbeit abzuwischen, und an der Trinkflasche genuckelt. Der Abend würde noch lang werden.

Nach dem letzten Titel der Band, der für mich von den anderen ununterscheidbar war, das hätte alles ein einziges Stück sein können, sahen meine Frau und ich uns skeptisch an. Aber kneifen galt nicht! Ich wollte und musste meinen Neffen auf der Bühne erleben.

Dann kam die zweite Band. Deren Schlagzeuger setzte sich an sein Instrument und machte einen kurzen Soundcheck. Und mir blieb der Mund offen stehen. Was für ein grandioser Schlagzeuger! Nur kurz, eine Minute vielleicht, spielte er das Drum Set durch, und schon das war großartig.

Der Sänger rief etwas in sein Mikrofon, während die Gitarristen und der Bassist ein wenig spielten. Dabei regelte der bandeigene Tonmeister die Anlage neu ein. Dann legten sie los. Ich weiß nicht, ob das Wort “Offenbarung” zu hoch gegriffen ist, aber wenn, dann nur wenig: Absolut brillanter Klang, alle Musiker virtuos und einfallsreich, die Kompositionen durchgestaltet, raffiniert, überraschend. Das gleichförmige Gewummere der vorigen Band war sofort vergessen. Hier standen Musiker auf der Bühne, keine langhaarigen Radaubrüder. Gut, klar, lange Haare hatten sie, gehört dazu, nichts dagegen. Aber eben Musiker!

Zwischen den Stücken erklärte der Leadsänger, dass sie davon leben wollten, was aber nicht geklappt hatte und dass sie jetzt alle in nichtmusischen Berufen arbeiteten. Es ist schade, dass Musiker solcher Qualität ihren Beruf nicht ausüben können. Aber das ist ein altes Thema.

Die Gitarristen spielten sich gekonnt und virtuos die Bälle zu, der Bassist zeigte bei einem ausführlichen Solo, dass er richtig etwas drauf hatte. Der Schlagzeuger “trommelte” nicht: er musizierte. Das war wirklich ein Genuss. Meine Frau beugte sich zu mir: “Das war aber viel besser!” Ja. Und wie.

Dann kam die Band meines Neffen: “Ravager” (Verwüster). Der Tonmeister würde wieder jener der ersten Band sein. Ich hatte etwas Sorge. Es zeigte sich dann auch, dass er zwar einiges der Einstellung unverändert gelassen hatte und der Klang somit deutlich besser als bei der ersten Band war. Aber mit zunehmender Dauer des Auftritts summierten sich seine Einstellungsfehler. Bei den letzten drei Stücke waren sie dann so weit hochgeschaukelt, dass der Schalldruck nicht nur einfach laut, sondern regelrecht körperlich schmerzhaft war und eine hässlich fiepende Rückkoppelung auftrat. Nach dem Auftritt ging er an mir vorbei. Ich verwechselte ihn mit einem der Bandmusiker der zweiten Gruppe und sprach ihn anerkennend an. Er sagte nach Komplimenten fischend: “Nein, ich bin der Tontechniker. Ich bin der, der so viel falsch macht.” Ich antwortete trocken: “Das ist richtig.”

Trotz dem: Ravager rockte die Hütte! Ich hatte einiges erwartet, weil ich Aufnahmen gehört hatte, aber das nicht. Die Stücke sind durchkomponiert. Die beiden Gitarristen geben sich gegenseitig Raum, ergänzen, kommentieren, spielen parallel, sind sehr virtuos. Stabiles Schlagzeug mit vielen Einfällen, guten Fills und Breaks (zwei Tempo-Unsicherheiten in Off-Beat-Passagen, die möglicherweise mit dem problematischen Ton zusammenhingen, waren kaum merklich und wurden souverän gelöst), fulminanter Bass und ein richtiges Tier als Leadsänger.

Die Stücke laufen nicht so dahin, sondern sind mit Sinn wechselvoll. Hymnische Passagen der Gitarren, kurze balladenartige Abschnitte, mal ein Dreiertakt als Intro, um organisch in einen treibenden Vierer zu wechseln, röhrender, aber sauber intonierender Gesang, alles greift ineinander, Texte mit Anliegen, Musik mit Aussage – Heavy Metal als Kunstform. Ich denke nicht, dass ich da zu hoch greife. Das ist Musik auf hohem künstlerischen und virtuosen Niveau.

Ich bin ja nicht dafür verantwortlich oder habe irgendetwas dafür getan, aber trotzdem muss ich sagen, ich bin stolz auf meinen Neffen Dario! Er ist ein großartiger Musiker, ein toller Gitarrist. Und dass er solch eine “Rampensau” ist, hätte ich von diesem ruhigen Mann nicht erwartet. Außerdem hat er alles richtig gemacht: Er hat einen sehr guten, hoch qualifizierten Beruf und macht großartige Musik, die vielen Menschen etwas bedeuten kann und ihm und seinen Freunden Spaß macht.

Das war ein schönes Geschenk meiner Schwester und es war ein schöner Abend mit meinen Geschwistern, meiner Frau, Nichte und meinen Neffen und Schwager. Einer der Titel des Abends war “Dead Future”. Reinhören lohnt sich! Die melancholische Gitarre ab 5:09 mag exemplarisch zeigen, wie vielseitig und durchdacht die Musik dieser Band ist. (Die Musik sollte man mit guten Boxen oder guten Kopfhörern hören, damit sich das gesamte Klangspektrum abbildet.)

Der Gehörschutz hat sich allein für diesen Abend schon gelohnt.

Werde ich im Alter zum Metalhead, habe ich mich gefragt. Aber ich war nicht der Älteste des Abends: Neben uns saß glücklich strahlend, neugierig und mitwippend meine Mutter. Sie ist 92.

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