Säulen

Vor kurzem hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit einem Bekannten. Wir sehen uns nur selten und er ist irgendwann auf meine Seite gestoßen und hat hier gelesen. Er fand das alles ganz interessant aber kritisierte, dass einige meiner Beiträge auf ihn zu negativ und ärgerlich wirken würden.

Das ist eine gute Kritik. Denn ich bin ja über einiges ärgerlich oder ärgerlich gewesen und versuche, diesen Ärger plausibel und nachvollziehbar darzustellen. “Negativ” ist aber so ein Totschlagargument (er hat das nicht so benutzt oder so ablehnend gemeint, denke ich), das ich nicht so stehen lassen möchte. Ich schimpfe, weil mir die Sache am Herzen liegt und ich verbittert bin. Man könnte das lesen und sich überlegen, was man daraus schlussfolgern könnte, um etwas besser zu machen. Aber das passiert sicher nicht, und vor allem schreibe ich mir hier etwas den Frust von der Seele; billiger als eine Therapie, denke ich. (Das mit der Therapie ist ein Scherz!)

Aber abgesehen von der Freude, ihn mal wieder gesehen und gesprochen zu haben, möchte ich wegen des Gesprächs mal etwas Schönes über die Akkordeon-Szene schreiben. Was ist positiv, was gelingt, was sollte man tun?

Mit Birgit verbindet mich nicht nur eine aus unserer gemeinsamen Tätigkeit gewachsene Freundschaft sondern auch ein gemeinsames Konzept, einen Unterrichtsbetrieb zu führen. Das hat immer, wenn wir zusammen gearbeitet haben, ausgezeichnet funktioniert und wäre auf Vereine übertragbar. Ich selbst habe es für einige Zeit erfolgreich auf andere Vereine übertragen können, teilweise mit, einmal leider ohne Birgit. Dies ging trotzdem solange gut, wie die beteiligte Kraft wenigstens ein bisschen mitspielte. Das tat sie aber irgendwann gar nicht mehr, und das Ganze ging in die Brüche.

Wohl die einzige öffentliche Anerkennung des Dach-Verbandes für meine Arbeit war, dass ich zu einer Sitzung eingeladen worden bin, um dieses Konzept den anderen Vereinen vorzustellen. Das lief gar nicht gut: Nachdem mir das Wort erteilt worden war und ich wenige Sätze gesagt hatte, schaltete sich ein Vereinsvorsitzender ein, um mir vorzuwerfen, ich würde zu streng und nicht zeitgemäß unterrichten – natürlich ohne je einen Unterricht von mir gesehen, einen Schüler gehört oder ein Konzert besucht zu haben. Und vor allem: Ohne selbst eine noch so geartete Qualifikation zu haben, das zu beurteilen. (Später lernte ich, dass er von einer dhv-zertifizierten Dirigentin darüber “informiert” wurde, was für ein schrecklicher Mensch ich sei.) Ein anderer Orchesterleiter zog plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich, um zu erzählen, dass in seinem Verein Melodica-Unterricht zum Einstieg angeboten würde. Schön für die insgesamt acht Schüler des Vereins. Schließlich begann mein damaliger Vereinsvorsitzender zu erzählen, dass der Erfolg an seiner Planung und der Arbeit der anderen Lehrkraft läge. So versandete die Vorstellung dieses Konzepts darin, dass jeder etwas Kluges sagen wollte und auch ganz wichtig war. Letztlich funktioniert mein Konzept aber sowieso jetzt nicht mehr, weil man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

Aber es gibt aber noch ein anderes: Das Konzept “Akkordeon-Verein Winsen (Aller)”! Ich meine, ich habe das vor dem Orchester, dem Verein, dem Konzertpublikum und hier auf meiner Homepage schon und auch wiederholt deutlich gemacht, aber es schadet nichts, es einmal klar zu sagen, wie sehr mir das Verhalten im Verein gefällt.

Als ich vor mehr als 10 Jahren Dirigent des 1. Orchesters und 1. musikalischer Leiter wurde, war meine erste Amtshandlung: nicht einmischen! Denn es lief. Ich hätte durchaus das Eine oder Andere anders machen wollen und auch Verbesserungsideen gehabt (auch vorsichtig eingebracht, so ist das ja nicht), aber ich habe mich zurückgehalten. Eben weil es lief. Da sah ich einen Verein, der wirklich gewachsen ist und stürmische Zeiten souverän überstanden hat. Die Rollen, die Aufgaben, offizielle wie inoffizielle, waren klar geordnet. Jedes energische Eingreifen von mir wäre falsch gewesen.

Der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) (AVW) ist auch der erste Akkordeon-Verein in meiner Laufbahn, in der die Beziehung zwischen Profi und Amateur (und das ist in keiner Weise abwertend gemeint: “Amateur” kommt aus dem lateinischen “Amator”, dem Liebhaber. Jemand, der etwas aus Leidenschaft tut.) kein hart ausgefochtener Wettkampf ist.

Ein Beispiel? Wo gibt es das, dass eine bisherige erfolgreiche Leiterin quasi zurück tritt und wieder unter der neuen Leitung im Orchester zuverlässig, kompetent und fröhlich mitspielt? Wer würde so etwas schon machen? Und dann noch wie zu eigener Leitungszeit Organisation bis zum Abwinken übernehmen? Gunda Falke hier im AVW.

In meinen Artikeln schreibe ich öfter darüber, verkürzt und überspitzt gesagt, dass Amateure zu Profis in Konkurrenz stehen. Das ist pauschal und grob dargestellt. Ich sehe das differenzierter, als es durch diese Äußerungen scheint: In meinen Augen kommt es auf die Haltung, das Engagement, die Persönlichkeit insgesamt an. Wenn beispielsweise jemand nach dem Besuch eines oder zweier Grundlehrgänge befindet, er habe sie nicht nötig, und sich als bescheidene, aber kompetente und nette Lehrkraft verkauft und mit einer wirklichen Fachkraft nicht nur auf eine Stufe, sondern sogar darüber stellt, stimmt etwas nicht. Bei uns ist das anders: Da wurden alle möglichen Lehrgänge absolviert und es steht eine jahrzehntelange, sorgsam aufgebaute Unterrichtserfahrung hinter dem Tun.

Könnte ich zum Unterricht etwas beitragen? Selbstverständlich. Dafür habe ich meine Ausbildung. Ich hätte mich gerne als weiterführende Lehrkraft eingebracht. Das wäre für Schüler und Verein sinnvoll und schön gewesen und später für den Fortbestand meines Betriebes vielleicht auch notwendig, aber die Gelegenheit ist nicht entstanden und mehr als anbieten kann ich mich nicht. Der Unterricht, der stattfindet, ist aber fundiert und zeigt ja auch schöne Erfolge. Nicht dran rütteln, nur weiter wachsen lassen, denn das ist ein guter Kurs.

Zum Reifen des Vereins gehören Leute, die dieses Wachsen prägen. Sebastian Truffel ist einer der Spieler meines Orchesters, die auch Musik hätten studieren können. Die Virtuosität, die Intelligenz, der Spielwitz, das Gefühl: alles da. Klugerweise studiert er nicht Musik. Er macht etwas in meinen Augen Großartiges und Wertvolles für die Gesellschaft und studiert Medizin. Und schreibt ganz nebenbei ständig neue Arrangements für alle Klangkörper des Vereins, die Spaß machen, gut klingen, während er unauffällig, mit hintergründigem Humor im 1. Orchester auf Anhieb alles spielt, wo auch immer er gerade gebraucht wird. Damit es nicht langweilig wird, kommt er immer wieder mit neuen Ideen um die Ecke, wie man im Kleinen wie Großen den Verein weiter ausbauen kann.

Damit fühle ich mich verbunden: Ich selbst bin so in meinem Heimatverein groß geworden, habe mich gerne in jeder Stimme einsetzen lassen und schließlich Musik studiert. Die Unterschiede sind, dass das im Gegensatz zu mir meinem damaligen Leiter nicht willkommen war und er mich als Konkurrenz und nicht als wertvolle Unterstützung sah. Zudem sahen wichtige Spieler im Verein und Vereinseminenzen eher neidisch als froh auf solch eine Entwicklung bei mir. (Mir fallen sofort wieder Geschichten dazu ein. Aber ich will ja positiv bleiben.) Ich war damals beispielsweise dafür federführend, das Orchester von “1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.” aufgrund der unglaublichen Zahl von Enno Meyenburgs Bearbeitungen und seines besonderen Stils griffiger in “akkordeon-sound-orchester” umzubenennen. Ebenso hatte ich die technische Aufrüstung der elektronischen Instrumente vorangetrieben und für einen vernünftigen Bassverstärker gesorgt und anderes mehr. Dies hefteten sich aber immer sehr schnell andere an die Brust. War mir damals relativ egal, weil mir wichtiger war, dass etwas Gutes passiert. Solch eine Missgunst und so ein Neid sind hier nicht zu finden.

Genauso geräuscharm und effektiv arbeitet der 1. Vorsitzende Sven Krüger sachgerecht an lästigem Verwaltungskram und führt den Verein.

Nur drei Beispiele aus dem AVW. Es gäbe so viele mehr.

Solche Säulen von Vereinen lassen mich hoffen, dass es die Szene vielleicht doch noch schaffen könnte, das selbst mit zu verantwortende Desaster, dass in den Vereinen aufgewachsene Profis nicht mehr überleben können, zu überstehen.

Das Problem dabei: Das Konzept AVW lässt sich nicht so einfach übertragen wie meines und Birgits. Es ist gewachsen. Es hängt an der gereiften Freundschaft untereinander. Und an den Charakteren. Die sind nämlich ziemlich einzigartig.

Und deshalb fühle ich mich da so wohl, wie in keinem anderen Akkordeon-Verein zuvor.

Falls mein Bekannter J. dies also liest: Bitte! So negativ bin ich doch gar nicht.

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