Echos einer verlorenen Zeit

Heute war ein wunderschöner Tag: Ich habe mich morgens etwas eingespielt und bin zu den Fortbildungsseminaren gefahren. Dort haben wir uns auf die heutige Verabschiedung der erfolgreichen Absolventen vorbereitet, die musikalischen Generalproben abgehalten und sind schließlich mit unserem Programm aufgetreten. Heute Abend stand ich schließlich wieder vor meinem Orchester und probte an unserem neuen Programm.

Der ganze Tag voll Musik und allem, was dazu gehört.

Viele Seminar-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen, die eindeutige Mehrheit ist weiblich, habe ich in mein Herz geschlossen. Die Seminarleiterin und der -Leiter sind wunderbar. Vor diesem Publikum mit meinen Kolleginnen und unserem Chef zu musizieren, habe ich richtig genossen. Ein Stück von Mozart im Chor als etwas geschulter Tenor zu singen war beglückend. Das popmusikalische Duett mit der absolut umwerfenden Anna-Lena, einer tollen Klavier- und E-Gitarren-Begleitung und Chor anders angelegt zu intonieren war eine reine Freude.

Eine der Absolventinnen ist eine Instrumentalschülerin von mir gewesen. Sonniges Gemüt, gutmütig, fröhlich, angemessen albern, einsatzfreudig, intelligent, musikalisch. Nach fünf Jahren Unterricht übernahm sie schon mit größter Sicherheit Soli im Orchester. Dem Erwachsenen-Orchester! Es ist schön zu sehen, wie sie ihren Weg gemacht hat, wie aus einem lustigen Mädchen eine tolle Frau geworden ist, die klar orientiert ist und ihren Schülern viel geben kann, und wie sehr sich die Beschreibung ihrer Person in der Laudatio mit dem deckt, wie ich sie kenne. Während der Veranstaltung kamen mir laufend verschiedene gemeinsame Erlebnisse in den Sinn. Ich bin glücklich darüber und im guten Sinn stolz darauf. Auf meine Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Auf meinen Unterricht, meine Stücke und meine Orchesterarbeit. Auf sie. Und jetzt machte ich Musik für sie, ihre Familie und Freund und Absolventen ihres Alters.

Auf dem Weg vom Auftritt nachhause, um meine Frau abzuholen und meine Sachen für die Probe mitzunehmen, hatte ich wieder das überwältigende Gefühl: “Das willst du machen! Das und nichts anderes!” Das (!) bin ich! Das hat mich motiviert durchzuhalten, zu arbeiten, zu kämpfen. Dafür habe ich gebrannt.

Aber das ist nicht mehr meine Wirklichkeit. Nur noch Erinnerung, Schatten, Echo. Es war schön, mal wieder in solch einem Tag zu baden.

Prophezeiung eines Raubes

Natürlich: Man kann die Zukunft nicht vorhersagen. Propheten haben eines gemeinsam: Sie lügen, denn es gibt keine echten Prophezeiungen. Aber wenn man Entwicklungen erkennt, gibt es Wahrscheinlichkeiten. Ich weiß, dass ich nicht die hellste Leuchte im Stadtpark bin. Dennoch habe ich solch eine Entwicklung erkannt, benannt und wurde dafür, wie aber nicht selten, man gewöhnt sich, ausgelacht. Gestern habe ich wieder erlebt, wie recht ich mit der Prophezeiung, die eigentlich eine Prognose ist, hatte. Ich fange vorne an:

In meinem Heimatverein erklärte einer der Vereinsgranden seit den 80-er Jahren ständig jedem ungefragt, dass Akkordeon-Vereine sterben würden, weil Keyboards das Musizieren so viel leichter machen würden. Das war eine falsche Diagnose und es jedem, auch Publikum, zu sagen, im Grunde vereinsschädigend. (Sein Schwiegersohn ging sogar so weit zu sagen, dass alles menschengemachte Musizieren aussterben würde, weil Computer viel besser und fehlerfrei Noten abspielen könnten. Tja. Wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, kommen solche Schwachsinns-Erklärungen heraus.) Es stimmt zwar, dass es deutliche Rückgänge der Schülerzahlen in unserem Verein seit 1959 gab, aber insgesamt war das Akkordeon nach wie vor eines der beliebtesten Instrumente in Musikschulen und Vereinen und hielt noch lange diese Position. Die Freizeitangebote explodierten in den Jahrzehnten und die Geburtenzahlen gingen zurück! Das waren die wahren Gründe für die Rückgänge. Die Szene war zwar kleiner, aber doch recht gesund. Gesund genug, um einen großen Verlag, ein jetzt deutschlandweites Fachgeschäft, internationale Instrumentenbauer, Hochschulstudiengänge und Vereine am Leben zu halten. Wettbewerbe waren viel besucht, Juroren schritten gewichtig durch durch das niedere Volk (nicht alle, aber: doch. Gebt es einfach zu: Ihr habt Euch ganz großartig gefühlt und das deutlich spüren lassen. – Und tut das noch. (Zu wem rede ich?! Die lesen das hier sowieso nicht: Ich bin zu unwichtig.)), Kollegen und Kolleginnen sonnten sich in echtem und manchmal eingebildetem Ruhm. Wie gesagt klein, allerdings nicht mehr gesund genug, um davon eine große Profi-Szene zu erhalten, die davon leben kann. Also: alles normal so weit.

Nur am Rand möchte ich bemerken, dass in den 80-er Jahren der Begriff “soziale Kälte” geprägt worden ist. Helmut Kohl übernahm mit unbändigem machtpolitischen Ehrgeiz die Kanzlerschaft und brachte einen, ich würde sagen, “amerikanisiert turbokapitalistischen” Ton in die Gesellschaft. “Geiz” wurde danach “geil”, Ellbogen ausgefahren, man war sich selbst der nächste, Erfolg bedeutete Überholspur, Anspruchsdenken. Wer in diesen Jahren sozialisiert wurde, das gilt natürlich nicht für alle, merkt es nicht. Aber das Sozialwesen gerade in Vereinen, mindestens in meinem, litt darunter. “Jeder ist ersetzbar.” Dieser Satz markierte das Ende einer jahrzehntelangen Beziehung zu einer Spielerin des Orchester, die ich als Freundin sah (und die heute noch die kümmerlichen Reste des einstmals grandiosen Klangkörpers versucht zusammen zu halten). Sie sagte ihn mir am Telefon, als ich – ein junger Familienvater, kurz vor den Abschlussprüfungen (die ich gutgläubiger Hornochse aus Idealismus für das Orchester und sein Jahreskonzert bereits ein mal um ein Jahr nach hinten verschoben hatte), ohne echtes Einkommen, buchstäblich das Kind auf dem Arm während der Konzertvorbereitungen zuhause – ausgebootet worden bin. Von einem hurraschreienden Hobbymusiker ohne jede Qualifikation, der sich vor das Orchester stellte und Eindruck schindend schwadronierte, wie hart er die “Partituren gewälzt” hätte, um sich vorzubereiten. Was für eine Leistung. “Jeder ist ersetzbar.”, sagte sie. Und lachend: “Natürlich bekommt er jetzt dein Honorar! Er macht ja deine Arbeit. Haha.” – Soziale Kälte. Schlagartiges Ende von jahrzehntelangen Freundschaften.

Das steckte die Szene aber weg. Ich auch. War hart, ging aber. Dann kamen die Schulsystem-Reformen nach dem Pisa-Schock. Alles stand auf dem Prüfstand, alles wurde in Panik umgekrempelt. Das Abitur musste viel schneller erreicht werden! Gleichzeitig aber soll inkludiert werden! Das Schulsystem muss aber auch durchlässiger werden! Los! Hopp, hopp, Lehrer! Macht mal!

Auch hier eine Randbemerkung: Ich bin Hauptschüler. Tolle Lehrer zogen mich da raus. Frau Foyer in Deutsch und Geschichte zündete bei mir ein echtes Licht an; eine tolle, wunderbare Lehrerin! Herr Kück brachte Ruhe und Ordnung in meinen traumatisiert chaotischen Kopf. Nicht genug, um das Trauma zu beheben; das brauchte noch ein paar Jahre Selbsttherapie. Aber genug, um intellektuell aufzuwachen, und das ist eine Menge! Ich weiß also, was es bedeutet, wenn man in einem Schulzweig hängt, und wie schwer es ist, sich hoch zu arbeiten.

Als ich mich, Abitur schließlich frisch in der Tasche, in der Hochschule zum Musik-Studium bewarb, besuchte ich einen Studentenberater. Hielt ich für eine gute Idee, kannte ich mich doch nicht aus. Der Dozent guckte auf meine Vita und fing an herzlich zu lachen. Er gebe mir jetzt, tat er auch, den Kontakt eines Kollegen. Der arbeite nämlich gerade an einem Projekt, in dem er untersuche, was Menschen bewegt zu glauben, sie könnten etwas, das für sie unmöglich sei. Mein Fall würde ihm da als ein solches Beispiel sicher helfen. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten. Man schalte die ersten Castings “Deutschland sucht den Superstar” ein: Die Sendung lebt zu einem guten Teil davon, sich über solche Menschen lustig zu machen. Wie jener Dozent über mich. Heute ist dies als “Dunning-Kruger-Effekt” bekannt: Jemand hat so wenig Fachkenntnis, dass das bisschen, das er meint zu wissen, ihm das Gefühl gibt, ein Experte zu sein. Dabei ist sein Fachhorizont so beschränkt, dass es ihm unmöglich ist zu erkennen, dass er nichts vom Fach versteht. Mit diesem vermeintlichen Fachwissen aufgeblasen stürmt er dann nach vorne und walzt alles platt. Indem er beispielsweise “Partituren wälzt”.

Also: Ja, Durchlässigkeit des Schulsystems ist wichtig, weil es alle möglichen Gründe geben kann, warum Kinder und Jugendliche im falschen Zweig landen oder sich entwicklungsbedingt woanders verorten sollten.

Aber:

Man stelle sich vor, was heute in den Schulklassen los ist und wie die Arbeit von Lehrern heute aussieht! Jedem Schüler individuell gerecht werden, jede Besonderheit berücksichtigen, jedes Anforderungsniveau erfüllen. Alles gleichzeitig. Binnendifferenziert. Der Lehrer als Lehrer für alle Schulzweig-Anforderungen und als Sozialarbeiter. Dazu die Verkürzung des gymnasialen Zweigs. Mir war klar: Das (!), das jetzt wirklich, ist der finale Treffer, der die Szene versenkt.

Bei NDR Info gibt es eine Sendung, in der eine Expertenrunde diskutiert und dann Anrufe entgegen genommen werden. Es ging um die Schulreform, ich rief an. Ich erklärte, dass es für Musikschulen, freiberufliche Musiklehrer wie mich, Musik- und sonstige Vereine unmöglich werden würde, in der bisherigen Qualität auszubilden und Schulen dies nicht auffangen könnten. Ich wurde ausgelacht. Man sei sicher, ich würde auch weiterhin meine Schüler bekommen, wurde mir paternalistisch herablassend geantwortet. Nun, stimmt schon, ich selbst war in Schülerzahlen gemessen ausgesprochen erfolgreich und damit auch der jeweilige Verein, für den ich unterrichtete (war aber, natürlich, nie mein Verdienst, sondern das jener, die auch jetzt noch da sind, weshalb die Schülerzahlen auch – oh, ähm, gewaltig eingebrochen sind … Ist ja eigenartig … So eigenartig, dass man die Veröffentlichung meiner Schülerzahl in meinem Betrieb auf dieser Homepage als gelogen in Zweifel zog. Denn es kann ja nicht an mir gelegen haben! Darf nicht! Neinneinnein!). Auch gelang mir noch ein schönes Niveau für eine gewisse Zeit. Aber wir können alle sehen, wie die Situation heute ist, und sehen, dass ich grundsätzlich recht hatte.

Gestern lieferte ich eine Lehrprobe ab. Sie war insgesamt erfolgreich, ich wurde sehr gelobt für meine Fachkompetenz als Musiker, Orchesterleiter und Lehrer. Das war offensichtlich ehrlich gemeint und kam von Kollegen, die ich sehr hoch einschätze und schätze und tut gut. Aber ich und auch die Kollegen konnten klar sehen, dass ich mein formuliertes Arbeitsziel mit den Kindern nicht erreicht habe. Mein Anspruch war zu hoch angesetzt. Nicht prinzipiell. Ich habe eine Ausbildung, ich habe Jahrzehnte Erfahrung. Das ist es nicht. Nur: die Kinder und Jugendlichen können das nicht mehr. Nicht, weil sie irgendwie doof oder faul oder sonstwas wären. Sie können es nicht mehr, weil Schulreform und Scharlatanerie sie aus der qualifizierten privaten Ausbildung in Musik und Sport gekickt haben.

Die, die trotz allem durchhielten, konnten noch etwas schaffen, wenn sie sich reinhängten und der Lehrer qualifiziert fleißig und mit Geduld arbeitete. So etwas zum Beispiel:

Perfekt? Nein. Aber das sind Jugendliche nach wenigen Wochen Probe!

Gestern habe ich mich auf meine Erfahrungswerte verlassen: Etwa gleiches Alter, eine Stunde Arbeit, eine Methode, die ich über viele Jahre in dieser Form anwendete und immer leicht in dieser Zeit bewältigt wurde. Ergebnis: Die Kinder haben es nicht schaffen können, einen zweitaktigen Rhythmus aus ganzen, halben und viertel Noten gemeinsam auf nur einem Ton zu spielen. Ist die “Jugend von heute” dümmer oder so? Nein: Sie ist beraubt.

Fun with an idiot

Ich dachte, ich schreibe mal etwas Lustiges:

“Wir begrenzen die staatliche Zulassungszeit für Großprojekte runter auf zwei Jahre. Und idealerweise versuchen wir sogar darunter zu kommen, sodass man anstelle dessen auf 21, 22, 25 [!], 8, 9, 12, 15 … [Monate kommt].” Ein Zahlenfuchs am Werk.

“Ich spende meine Vergütungen, 450.000, etwa 450.000 präsidiale Vergütung. Ich spende sie! Sie gehen an – normalerweise verwende ich sie für Drogen …” Wahrscheinlich wollte er sagen, dass er sie für den Kampf gegen Drogenmissbrauch spendet. Was sicher eine Lüge ist.

“Ich sprach gestern mit dem Generalsekretär und wir hatten eine großartige Unterhaltung. Er war sehr, ähm, äh, ich denke, er war tatsächlich erregt davon, und ich hatte tatsächlich einen Namen: NATO und dann hast du ME: Middle East (mittlerer Osten)! Man kann das NATOME nennen! Ich sagte: Was für ein wunderschöner Name! NATOME!” Die NATO soll also in Zukunft “Organisation des Nordatlantikvertrags mittlerer Osten” heißen. Genial.

Das ist der Mann, der durch den einseitigen Rückzug aus dem internalen Abkommen mit dem Iran die gefährlichste weltpolitische Krise, neben der Klimafrage, dieser Jahre verursacht hat, die bereits über hundert zivile Opfer forderte: Donald Trump. Aber, immerhin: Er ist “good in naming things”, wie er meint.

Ich dachte, ich schreibe mal etwas Lustiges…

Aber wenn man nicht verzweifeln will, muss man lachen:

Säulen

Vor kurzem hatte ich ein sehr nettes Gespräch mit einem Bekannten. Wir sehen uns nur selten und er ist irgendwann auf meine Seite gestoßen und hat hier gelesen. Er fand das alles ganz interessant aber kritisierte, dass einige meiner Beiträge auf ihn zu negativ und ärgerlich wirken würden.

Das ist eine gute Kritik. Denn ich bin ja über einiges ärgerlich oder ärgerlich gewesen und versuche, diesen Ärger plausibel und nachvollziehbar darzustellen. “Negativ” ist aber so ein Totschlagargument (er hat das nicht so benutzt oder so ablehnend gemeint, denke ich), das ich nicht so stehen lassen möchte. Ich schimpfe, weil mir die Sache am Herzen liegt und ich verbittert bin. Man könnte das lesen und sich überlegen, was man daraus schlussfolgern könnte, um etwas besser zu machen. Aber das passiert sicher nicht, und vor allem schreibe ich mir hier etwas den Frust von der Seele; billiger als eine Therapie, denke ich. (Das mit der Therapie ist ein Scherz!)

Aber abgesehen von der Freude, ihn mal wieder gesehen und gesprochen zu haben, möchte ich wegen des Gesprächs mal etwas Schönes über die Akkordeon-Szene schreiben. Was ist positiv, was gelingt, was sollte man tun?

Mit Birgit verbindet mich nicht nur eine aus unserer gemeinsamen Tätigkeit gewachsene Freundschaft sondern auch ein gemeinsames Konzept, einen Unterrichtsbetrieb zu führen. Das hat immer, wenn wir zusammen gearbeitet haben, ausgezeichnet funktioniert und wäre auf Vereine übertragbar. Ich selbst habe es für einige Zeit erfolgreich auf andere Vereine übertragen können, teilweise mit, einmal leider ohne Birgit. Dies ging trotzdem solange gut, wie die beteiligte Kraft wenigstens ein bisschen mitspielte. Das tat sie aber irgendwann gar nicht mehr, und das Ganze ging in die Brüche.

Wohl die einzige öffentliche Anerkennung des Dach-Verbandes für meine Arbeit war, dass ich zu einer Sitzung eingeladen worden bin, um dieses Konzept den anderen Vereinen vorzustellen. Das lief gar nicht gut: Nachdem mir das Wort erteilt worden war und ich wenige Sätze gesagt hatte, schaltete sich ein Vereinsvorsitzender ein, um mir vorzuwerfen, ich würde zu streng und nicht zeitgemäß unterrichten – natürlich ohne je einen Unterricht von mir gesehen, einen Schüler gehört oder ein Konzert besucht zu haben. Und vor allem: Ohne selbst eine noch so geartete Qualifikation zu haben, das zu beurteilen. (Später lernte ich, dass er von einer dhv-zertifizierten Dirigentin darüber “informiert” wurde, was für ein schrecklicher Mensch ich sei.) Ein anderer Orchesterleiter zog plötzlich die Aufmerksamkeit auf sich, um zu erzählen, dass in seinem Verein Melodica-Unterricht zum Einstieg angeboten würde. Schön für die insgesamt acht Schüler des Vereins. Schließlich begann mein damaliger Vereinsvorsitzender zu erzählen, dass der Erfolg an seiner Planung und der Arbeit der anderen Lehrkraft läge. So versandete die Vorstellung dieses Konzepts darin, dass jeder etwas Kluges sagen wollte und auch ganz wichtig war. Letztlich funktioniert mein Konzept aber sowieso jetzt nicht mehr, weil man von diesem Beruf nicht mehr leben kann.

Aber es gibt aber noch ein anderes: Das Konzept “Akkordeon-Verein Winsen (Aller)”! Ich meine, ich habe das vor dem Orchester, dem Verein, dem Konzertpublikum und hier auf meiner Homepage schon und auch wiederholt deutlich gemacht, aber es schadet nichts, es einmal klar zu sagen, wie sehr mir das Verhalten im Verein gefällt.

Als ich vor mehr als 10 Jahren Dirigent des 1. Orchesters und 1. musikalischer Leiter wurde, war meine erste Amtshandlung: nicht einmischen! Denn es lief. Ich hätte durchaus das Eine oder Andere anders machen wollen und auch Verbesserungsideen gehabt (auch vorsichtig eingebracht, so ist das ja nicht), aber ich habe mich zurückgehalten. Eben weil es lief. Da sah ich einen Verein, der wirklich gewachsen ist und stürmische Zeiten souverän überstanden hat. Die Rollen, die Aufgaben, offizielle wie inoffizielle, waren klar geordnet. Jedes energische Eingreifen von mir wäre falsch gewesen.

Der Akkordeon-Verein Winsen (Aller) (AVW) ist auch der erste Akkordeon-Verein in meiner Laufbahn, in der die Beziehung zwischen Profi und Amateur (und das ist in keiner Weise abwertend gemeint: “Amateur” kommt aus dem lateinischen “Amator”, dem Liebhaber. Jemand, der etwas aus Leidenschaft tut.) kein hart ausgefochtener Wettkampf ist.

Ein Beispiel? Wo gibt es das, dass eine bisherige erfolgreiche Leiterin quasi zurück tritt und wieder unter der neuen Leitung im Orchester zuverlässig, kompetent und fröhlich mitspielt? Wer würde so etwas schon machen? Und dann noch wie zu eigener Leitungszeit Organisation bis zum Abwinken übernehmen? Gunda Falke hier im AVW.

In meinen Artikeln schreibe ich öfter darüber, verkürzt und überspitzt gesagt, dass Amateure zu Profis in Konkurrenz stehen. Das ist pauschal und grob dargestellt. Ich sehe das differenzierter, als es durch diese Äußerungen scheint: In meinen Augen kommt es auf die Haltung, das Engagement, die Persönlichkeit insgesamt an. Wenn beispielsweise jemand nach dem Besuch eines oder zweier Grundlehrgänge befindet, er habe sie nicht nötig, und sich als bescheidene, aber kompetente und nette Lehrkraft verkauft und mit einer wirklichen Fachkraft nicht nur auf eine Stufe, sondern sogar darüber stellt, stimmt etwas nicht. Bei uns ist das anders: Da wurden alle möglichen Lehrgänge absolviert und es steht eine jahrzehntelange, sorgsam aufgebaute Unterrichtserfahrung hinter dem Tun.

Könnte ich zum Unterricht etwas beitragen? Selbstverständlich. Dafür habe ich meine Ausbildung. Ich hätte mich gerne als weiterführende Lehrkraft eingebracht. Das wäre für Schüler und Verein sinnvoll und schön gewesen und später für den Fortbestand meines Betriebes vielleicht auch notwendig, aber die Gelegenheit ist nicht entstanden und mehr als anbieten kann ich mich nicht. Der Unterricht, der stattfindet, ist aber fundiert und zeigt ja auch schöne Erfolge. Nicht dran rütteln, nur weiter wachsen lassen, denn das ist ein guter Kurs.

Zum Reifen des Vereins gehören Leute, die dieses Wachsen prägen. Sebastian Truffel ist einer der Spieler meines Orchesters, die auch Musik hätten studieren können. Die Virtuosität, die Intelligenz, der Spielwitz, das Gefühl: alles da. Klugerweise studiert er nicht Musik. Er macht etwas in meinen Augen Großartiges und Wertvolles für die Gesellschaft und studiert Medizin. Und schreibt ganz nebenbei ständig neue Arrangements für alle Klangkörper des Vereins, die Spaß machen, gut klingen, während er unauffällig, mit hintergründigem Humor im 1. Orchester auf Anhieb alles spielt, wo auch immer er gerade gebraucht wird. Damit es nicht langweilig wird, kommt er immer wieder mit neuen Ideen um die Ecke, wie man im Kleinen wie Großen den Verein weiter ausbauen kann.

Damit fühle ich mich verbunden: Ich selbst bin so in meinem Heimatverein groß geworden, habe mich gerne in jeder Stimme einsetzen lassen und schließlich Musik studiert. Die Unterschiede sind, dass das im Gegensatz zu mir meinem damaligen Leiter nicht willkommen war und er mich als Konkurrenz und nicht als wertvolle Unterstützung sah. Zudem sahen wichtige Spieler im Verein und Vereinseminenzen eher neidisch als froh auf solch eine Entwicklung bei mir. (Mir fallen sofort wieder Geschichten dazu ein. Aber ich will ja positiv bleiben.) Ich war damals beispielsweise dafür federführend, das Orchester von “1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.” aufgrund der unglaublichen Zahl von Enno Meyenburgs Bearbeitungen und seines besonderen Stils griffiger in “akkordeon-sound-orchester” umzubenennen. Ebenso hatte ich die technische Aufrüstung der elektronischen Instrumente vorangetrieben und für einen vernünftigen Bassverstärker gesorgt und anderes mehr. Dies hefteten sich aber immer sehr schnell andere an die Brust. War mir damals relativ egal, weil mir wichtiger war, dass etwas Gutes passiert. Solch eine Missgunst und so ein Neid sind hier nicht zu finden.

Genauso geräuscharm und effektiv arbeitet der 1. Vorsitzende Sven Krüger sachgerecht an lästigem Verwaltungskram und führt den Verein.

Nur drei Beispiele aus dem AVW. Es gäbe so viele mehr.

Solche Säulen von Vereinen lassen mich hoffen, dass es die Szene vielleicht doch noch schaffen könnte, das selbst mit zu verantwortende Desaster, dass in den Vereinen aufgewachsene Profis nicht mehr überleben können, zu überstehen.

Das Problem dabei: Das Konzept AVW lässt sich nicht so einfach übertragen wie meines und Birgits. Es ist gewachsen. Es hängt an der gereiften Freundschaft untereinander. Und an den Charakteren. Die sind nämlich ziemlich einzigartig.

Und deshalb fühle ich mich da so wohl, wie in keinem anderen Akkordeon-Verein zuvor.

Falls mein Bekannter J. dies also liest: Bitte! So negativ bin ich doch gar nicht.

Frischer Wind

Umbrüche im Leben muss man überlegt angehen. Auf meinem spannenden beruflichen Weg habe ich ein Ritual entwickelt, das mir bei der Orientierung immer hilft: Stundenlanges, nicht zielgerichtetes Fahrradfahren.

Ich sitze gerne und ziemlich oft im Sattel. Weil mir sportliche Wettbewerbe zuwider sind, bin ich mein einziger Gegner. Das reicht mir. Hin und wieder habe ich mich bis zur absoluten Erschöpfung angespornt, meistens reicht mir einfaches Fahren. Die Gedanken schweifen, ich fühle mich wohl. Das war so, seit ich Fahrrad fahren kann. Der Anfang meiner Symphonietta rustica beschreibt nach der langsamen Eröffnung mich als Kind auf meinem Rad dahin flitzend und fröhlich vor mich hin singend.

Wenn also tiefgreifende Veränderungen anstehen, schwinge ich mich gerne auf mein Rad und fahre ungerichtet los. Wenn mich diese Veränderungen überfallen und ich schnell reagieren muss, fehlt mir das. Das heißt nicht, dass ich die Entscheidungen, die ich in solchen Fällen getroffen habe, jetzt bereuen würde. Aber dennoch. Für mein Wohlbefinden, für meine Selbstsicherheit über diese Entscheidungen wäre das besser gewesen.

Der Entschluss, den Realschulabschluss zu machen, der, den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr zu leisten, Abitur zu machen, aus dem Beruf auszusteigen und zu studieren und so weiter und so fort: geboren im Fahrradsattel.

Keine Zeit für solche Fahrten hatte ich in den Konflikten mit den Akkordeon-Vereinen in Walsrode, Celle und Langenhagen. Ich war gezwungen aktiv zu werden und zu reagieren und tat das Notwendige. Als ich (immer noch unglaublich: im öffentlichen Dienst!) ohne Vorwarnung urplötzlich vor die Tür gesetzt wurde, hatte ich nur eine dreiviertel Stunde Fahrzeit nach Hause und musste sofort organisieren. Keine Zeit für eine Fahrradtour.

Heute nahm ich mir die Zeit, um nachzudenken, und fuhr nicht lange, nur etwa 50 km, ungezielt durch die Gegend. Frischer Wind im Gesicht und die Gedanken kreisen lassend. Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Konkret arbeite ich an den letzten beiden Besuchen der Seminarleitungen. Über die bisherigen bin ich glücklich: Ich habe sehr viel Anerkennung und Lob erhalten und ausgesprochen wertvolle Tipps! Als alter Hase im Schul- und Universitätsbetrieb auf der Empfängerseite kann ich nur hervorheben, wie sehr ich solch eine Ausbildungsqualität und Fürsorge schätze.

Also: Was ist noch möglich und was will ich erreichen?

Ich denke, es wird nicht mehr möglich sein, selbst als Instrumentalist Konzerte zu geben. Nach meinem Studium habe ich immer wieder Anläufe genommen, mein Studienniveau wieder aufzubauen, aber es ist mir nicht gelungen. Im Beruf stehend ist es sowieso unglaublich schwer, genügend Zeit für eigenes Üben zu finden. Es kommt dabei ja auch nicht nur auf die Stundenzahl sondern auch auf die Qualität der Zeit an. Sich in der Nacht drei Stunden abzuarbeiten, nachdem man den ganzen Nachmittag unterrichtet hat und die Fahrten absolviert hat, ist wenig effektiv. Also bin ich morgens früh hoch und habe versucht, den Vormittag zu nutzen. Das ging aber nicht durchgehend und wenn mal, beispielsweise durch Orchesterfahrten oder persönliche Ereignisse, von denen es einige gab, längere Pausen entstanden, verlor ich meinen Arbeitsrhythmus.

Für die unterrichtsfreie Zeit über Weihnachten und Neujahr hatte ich mir die Arbeit der Arrangements von drei Stücken vorgenommen. Die Nachricht, dass ich die letzten Besuche im Januar absolvieren muss, hat mich diese Arbeit beiseite schieben lassen müssen. Aber Arrangieren wird wohl noch gehen, wenn erst einmal etwas mehr gleichmäßiger Fluss in mein Berufsleben gekommen sein wird.

Eigene Kompositionen wird es von mir sicher nicht mehr geben: Man muss ernsthaft über große Zeiträume an Stücken arbeiten und auch bereit sein, Arbeit von Stunden vollständig zu verwerfen, wenn sich das Werk anders entwickelt. Zum eigenen Vergnügen könnte ich das wohl machen, aber ich will mich nicht mehr vor ein Orchester stellen und eigene Werke anbieten, durchsetzen oder verteidigen. Das ist schon bei Arrangements manchmal sehr unangenehm, bei vollständig eigenen Werken richtig schmerzhaft.

Ich will nicht mehr erreichen, dass ich in der Szene Anerkennung finde. Das war für mich auch früher eher etwas Notwendiges, als etwas Gewünschtes. Ich wollte mit meinen Schülern und Orchestern Erfolg haben, damit sie sich wohl fühlen und Motivation darin finden und damit ich als, so die Überlegung, anerkannter und recht erfolgreicher Musiker für meine Vereine und später meinen Betrieb entsprechenden Zulauf gewinne. Diese Anerkennung gab es durchaus in der Szene, so ist das nicht! Aber meist nicht offiziell. Ich wurde sogar recht oft gelobt für Unterricht, Orchesterleistung, Arrangements und Dirigat. Aber immer (!) nur unter vier Augen. Sozusagen konspirativ, vertraulich. Passierte etwas Offizielles, wurde ich entweder ignoriert oder bekam auf die Mütze. Ich weiß, das hat nichts mit mir zu tun, sondern liegt an den Strukturen und so weiter, aber es ist nun einmal so. Und deshalb geht es mir nicht mehr um die Szene. Auf einen Orchester-Wettbewerb würde ich also für mich nicht mehr gehen, für das Orchester aber schon.

Möglich ist und erreichen will ich, ein in jeder Hinsicht guter Lehrer zu bleiben, und ich hoffe sehr, dass das an meinem jetzigen Einsatzort sein wird. Mein Orchester will ich weiter leiten, dafür arrangieren und tolle Konzerte gestalten. Als Hobby möchte ich mit meiner neuen Band jammen; unser erster, halböffentlicher Auftritt war ganz vielversprechend, aber es gibt noch richtig was zu tun. Künftige Auftritte zum Spaß sind mir willkommen. Mehrere Klangkörper zu leiten wird nicht mehr gehen.

Etwas neblige, recht windstille ca. anderthalb Stunden auf dem Fahrrad brachten schnelle Klarheit: Ich bin auf Kurs und fühle mich wohl damit!