Im Schatten zwölf Uhr mittags

Ich bin auch ein Filmfan. Es gibt Genres, die ich nicht mag. Horror, wie “Es”. Aber selbst da gibt es Ausnahmen. “Alien” ist so eine. Oder Gewaltfilme. Mit Ausnahmen: “Pulp Fiction” ist ganz große Filmkunst.

Jetzt lief im öffentlich rechtlichen Fernsehen ein Western-Special. Dabei war “Der Scharfschütze” aus dem Jahr 1950 mit Gregory Peck. Habe ich noch nie gesehen, also gucken.

Und was habe ich gesehen? Ein Meisterwerk! Unverhofft, unerwartet. “Zwölf Uhr mittags” gehört eindeutig und zu recht zu den Klassikern des Films. Dieser gehört dazu.

Wikepedia hatte über den Film nicht viel zu sagen und die Handlung nur dürr skizziert. Also habe ich mich hinreißen lassen, einen Text zu dem Film zu verfassen. Mein zweiter Wikipedia-Eintrag nach dem über Enno Meyenburg, der bis dahin als Komponist für Akkordeon keine Erwähnung fand.

Wenige Satzfragmente sind noch aus dem ursprünglichen Artikel am Anfang erhalten, der Rest von mir. Ob es so erscheinen/bleiben wird, weiß ich nicht. Meine treue Leserschaft bekommt den Text aber hier unverfälscht mit der herzlichen Empfehlung, diesen Film mal zu sehen. Er ist eine wunderschöne Charakterstudie.

Viel Spaß beim Lesen:

Jimmy Ringo, ein alternder Revolverheld und Outlaw, reitet schwarz gewandet in eine Stadt im Wilden Westen. Dort wird er im Saloon von einem jungen Mann, der vor seinen Freunden angeben will, beleidigt. Vom Barkeeper wird der junge Angeber vor der Gefährlichkeit Ringos gewarnt, aber gerade das ist der Grund für ihn, Ringo herauszufordern. Ringo ignoriert die Beleidigungen und lässt sich zu einem Whisky einladen. Der junge Mann sucht weiter den Streit und nimmt eine einzige Bemerkung Ringos als Vorwand, sich duellbereit aufzustellen und nach einem weiteren Wortwechsel den Revolver zu ziehen. Ringo ist schneller (das Ziehen seines Revolvers wird nicht gezeigt) und erschießt den jungen Mann in Notwehr. Im Saloon wird ihm einhellig bestätigt, dass der junge Provokateur zuerst zog und Ringo im Recht ist. Im Recht zu sein würde ihn aber nicht davor bewahren, von den drei Brüdern des Jungen angegriffen zu werden. Ringo verlässt die Stadt, wobei sein Motiv darin liegen dürfte, Ärger vermeiden zu wollen, denn seine Überlegenheit den Brüdern gegenüber zeigt sich außerhalb der Stadt: Mit einer Finte gelingt es ihm mit Leichtigkeit, die Brüder zu entwaffnen und ihrer Pferde zu berauben. Somit müssen sie zu Fuß unterwegs sein und er erhält im Falle weiterer Verfolgung einen großen Vorsprung. Die Brüder entschließen sich auch dazu statt nachhause zu gehen, Ringo in die nächste Stadt zu folgen.

In Cayenne angekommen, will er Peggy sehen, mit der er einen gemeinsamen Sohn hat, und trifft auf den Scheriff Mark Strett. Strett und er waren, wie sich im weiteren Verlauf zeigt, Waffenbrüder bei Überfällen. Strett gelang es, weil er nicht, wie er Ringo sagt, so berühmt wie Ringo war, ein bürgerliches Leben anzufangen und ist glücklich damit. Trotz der Freundschaft möchte Strett, dass Ringo die Stadt wieder verlässt, denn inzwischen hat sich seine Anwesenheit herumgesprochen und sorgt zunehmend für Unruhe. So haben die Jungen der Stadt den Schulunterricht geschwänzt, um einen Blick auf Ringo zu erhaschen und darüber zu fachsimpeln, wer der schnellste Schütze des Westens wäre, ob der Scheriff Ringo erschießen würde und so weiter. Ringo bittet Strett darum, Peggy, deren gemeinsamer Sohn jetzt acht Jahre alt ist und den er nur als Baby sah, zu fragen, ob sie ihn sehen wollen würde. Er wäre mit jeder Antwort zufrieden und würde, nachdem er Klarheit darüber hat, die Stadt sofort verlassen.

Strett beordert seinen Deputy zur Überwachung und zum Schutz Ringos ab und sucht Peggy, die die örtliche Lehrerin ist, in der leeren Schule auf: Peggy hat den Mädchen ebenfalls frei gegeben, weil alle Jungen, auch ihr Sohn, schwänzten, und sitzt grübelnd am Lehrertisch. Sie fragt nach Ringos Wohlbefinden und seinem Aussehen, will ihm aber nicht begegnen.

Während Ringo im Saloon bei Kaffee, Whisky und Steak wartet, spitzt sich die Situation in der Stadt ohne sein Zutun zu: Der örtliche jugendliche Dorfrüpel und Möchtegern-Revolverheld Hank erfährt von Ringos Anwesenheit und möchte sich mit ihm messen, eine Fraueninitiative möchte auf den Scheriff einwirken, den Mörder, als den sie Ringo sehen, los zu werden und im gegenüber liegenden Gebäude legt sich ein älterer Herr mit einem Gewehr auf die Lauer, um Ringo zu erschießen, wenn dieser den Saloon verlässt. Währenddessen freut sich der Barkeeper Mac, dem Ringo gegenseitig sympathisch ist, darüber, dass sein Saloon durch Ringo berühmt würde und die Jungen treiben sich wie die immer größer werdende Gesellschaft anderer Bürger aus Schaulust vor dem Saloon herum. Schließlich gelingt es auch den drei bereits abgeschüttelten Brüdern zu Pferden und Waffen zu kommen, sodass sie sich der Stadt schneller als erwartet nähern.

Dorfrüpel Hank betritt schließlich mit tief geschnalltem Revolvergurt den Saloon und wird von dem am Tisch sitzenden Ringo zunächst ignoriert, lässt aber nicht locker. Schließlich lässt sich der junge Mann nicht mehr ignorieren und Ringo erklärt ihm, dass er unter dem Tisch seinen Revolver bereits gezogen und auf ihn gerichtet hätte. Hank verlässt den Saloon und beschimpft Ringo im Gehen als feige. Als er den Saloon verlassen hat, legt Ringo seine Hände auf den Tisch und es zeigt sich, dass er unter dem Tisch mit seinem Messer Nagelpflege betrieben hatte.

Im Hinterhalt gegenüber zeigt sich im Streitgespräch des älteren Herren mit seiner Frau, dass er Ringo als den Schützen vermutet, der seinen einzigen Sohn erschoss. Als der von Sheriff Strett abgestellte Deputy und Ringo vor die Pendeltüren treten, sieht Ringo den Lauf aus der Verandatür im ersten Stock des anderen Gebäudes stecken und springt den Deputy vor sich her stoßend in den Saloon zurück. Gegenüber hat die Ehefrau den Schuss verhindert, indem sie mit ihrem Mann um die Waffe rang. Weil sich ihr Mann nicht umstimmen lässt, verlässt sie schließlich verzweifelt den Raum. Ringo verlässt den Saloon durch die Hintertür, schleicht sich in das Gebäude der anderen Straßenseite und entwaffnet den Mann mit Leichtigkeit gewaltlos. Über die Gassen auf den Rückseiten der Gebäude bringt er ihn in das Scheriff-Gebäude und setzt ihn in einer Zelle fest. Er kann dem Attentäter erklären, dass er mit dem Tod seines Sohnes nichts zu tun hat, weil er nie an dem Ort jener Schießerei war; ob der Mann ihm glaubt und dadurch Frieden mit Ringo findet bleibt unklar.

Als Ringo die Zellenschlüssel aufhängen und das Gebäude wieder verlassen will, kommt die Fraueninitiative herein und fragt nach dem Scheriff. Es entspinnt sich eine humoristische Auseinandersetzung mit der Führerin dieser Gruppe, Mrs. Pennyleather, und Ringo sowie dem später dazukommenden Scheriff Strett, der einen Teil des Gesprächs unbemerkt amüsiert beobachtet hat. Ringo geht ausgesprochen charmant und dabei ernsthaft auf das Anliegen der Frauen ein, die schließlich fordern, ihn nach der von ihm ausgehandelten Wartezeit von einer Stunde vom Scheriff niederschießen zu lassen wie einen Hund. Als Scheriff Strett schließlich beiläufig die Identität Ringos enthüllt, verlassen die Frauen nach einer Schrecksekunde entsetzt fluchtartig das Gebäude.

Scheriff Strett muss Ringo eröffnen, dass Peggy, die damit ihren gemeinsamen Sohn schützen will, ihn nicht sehen will. Ringo akzeptiert das und macht sich zum Gehen bereit. Da begegnet ihm eine Freundin aus früheren Tagen, Molly, deren Mann und Freund Ringos ohne dessen Kenntnis inzwischen erschossen worden ist und die jetzt im Saloon arbeitet. Sie erklärt Ringo, dass sie nach wie vor eng mit Peggy befreundet ist und sie leicht dazu bringen kann, Ringo zu treffen. Also bittet Ringo den widerstrebenden aber dann schließlich einlenkenden Scheriff Strett um einen weiteren Aufschub.

Schließlich treffen Peggy und er zusammen und sie versprechen einander nach wie vor ineinander verliebt und jetzt glücklich, sich im nächsten Jahr, wenn sich die Aufregung um Ringo hoffentlich gelegt haben wird, wieder zu treffen, um dann eine gemeinsame friedliche Zukunft aufzubauen. Ringo kann seinen Sohn alleine sehen, sie finden schnell eine herzliche Beziehung zueinander, ohne dass sich Ringo als sein Vater zu erkennen gibt.

Die inzwischen eingetroffenen Brüder des erschossenen jugendlichen Revolverhelden erfahren von dem unbedarften Barkeeper Mac, dass sich Ringo im hinteren Teil des Gebäudes aufhält und legen sich zu zweit in einen Hinerhalt, während ein Bruder die Vorderseite überwacht. Der Dorfrüpel Hank hat ebenfalls mitbekommen, wo sich Ringo aufhält und sucht immer noch nach einem Duell mit ihm.

Glücklich über die Aussicht, sich mit seiner Familie in einem Jahr zu vereinigen und das Leben als Revolverheld hinter sich zu lassen, besteigt Ringo auf der Rückseite ein von seinem Freund Scheriff Strett ausgesuchtes frisches Pferd, um die Stadt möglichst schnell zu verlassen. Der Deputy des Scheriffs erkennt den Hinterhalt der Brüder und entwaffnet sie gewaltlos. Ringo wendet sich auf seinem Pferd ihnen zu, verabschiedet sich freundlich, gelöst und glücklich, und beginnt davon zu traben. Da springt Hank aus seinem Versteck und schießt unmittelbar nachdem er ruft: “Wer ist schneller, Ringo?” Ringo gelingt es zwar, das Pferd wendend seinen Revolver zu ziehen, aber kann schwer getroffen den Schuss nicht mehr gezielt absetzen. Scheriff Strett hebt ihn vom Pferd und legt ihn auf einer Veranda ab.

Peggy und ihr gemeinsamer Sohn hören im Gehen vom Saloon auf der Straße den Schuss, und sofort geht es wie ein Lauffeuer durch die kleine Stadt, dass Hank Ringo erschossen habe. Peggy hindert ihren Sohn daran, zu seinem, wie er denkt, neuen Freund Ringo zu laufen und setzt mit ihren Emotionen kämpfend den Weg fort. Im Sterben von vielen Leuten umringt erklärt Ringo wahrheitswidrig, dass er selbst zuerst gezogen hätte und Hank schneller gewesen wäre. Voller Stolz auf seine vermeintliche Glanztat versteht Hank trotz der deutlichen Erklärung des sterbenden Ringo nicht, dass dieser ihn dadurch dazu verdammt hat, ein rastloses Leben unter ständiger Bedrohung zu führen. Auch als Scheriff Strett dies nach dem Tod Ringos buchstäblich in Hank reinprügelt, begreift dieser das nicht.

Bei der Trauerfeier ist die ganze Stadt versammelt, sodass die Menschen noch vor der vollen Kirche stehen müssen. Peggy erklärt, sie sei Mrs. Jimmy Ringo und sitzt als Ehefrau mit ihrem Sohn, der jetzt weiß, dass Ringo sein Vater war, in der ersten Reihe.

Der Film schließt mit der Silhouette des vor dem Sonnenuntergang reitenden Ringo.

Der aus dem Jahr 1950 stammende Film zeichnet seine Charaktere glaubwürdig und differenziert. Jede Person ist klar motiviert, die Handlung sowohl stringent als auch intelligent verflochten. Gregory Peck stellt in einem exquisiten Schauspiel-Ensemble meisterhaft einen Revolverhelden dar, der durch Lebenserfahrung gewachsen und gezeichnet ist. Der Film zeigt unmissverständlich sofort und eindrucksvoll, dass Ringo im vollen Besitz seiner Fähigkeiten und potenziell hoch gefährlich für jeden Gegner ist. Aber Ringo entscheidet sich bewusst gegen Gewalt und schießt in dem Film nur drei mal (der zweite Schuss entwaffnet ohne ernsthafte Verletzung, der dritte ist, nachdem Ringo tödlich getroffen wurde, ungezielt). Interessant ist dabei, wie die beiden Saloon-Szenen gegenüber gestellt sind: In beiden verweigert sich Ringo intellektuell überlegen mit Humor und stiller Güte einem Duell. In der ersten wird er aber zum tödlichen Schuss gezwungen, in der zweiten kann er diesen vermeiden. Dies führt zu der Erfüllung des Wunsches der Führerin der Fraueninitiative, er möge erschossen werden wie ein Hund.

Die Titelfigur des Jimmy Ringo lehnt sich sehr lose an den historischen Johnny Ringo an. In Dialogen wird immer wieder Bezug auf Wyatt Earp genommen, um die Gefährlichkeit Ringos zu unterstreichen.

Nutzlose Auseinandersetzungen

Mir wurde, gelegentlich wird, immer mal vorgeworfen, nicht “durchzugreifen”, nicht “den Hut auf zu haben”, wenn es um Auseinandersetzungen insbesondere in Orchestern geht. Auf der anderen Seite würde ich mich zu sehr in Auseinandersetzungen ergehen, die mir keinen Nutzen bringen. Wie jetzt eben in meinem Mail-Verkehr mit dem Deutschen Harmonika-Verband.

Ich bin mit dem Thema freiberuflicher Musiker durch, brauche den Verband, der mir nichts genutzt hat, nicht und orientiere mich erfolgreich beruflich neu. Es ist also richtig: Das Leben geht weiter und Zurückblicken bringt gar nichts.

Nun, zunächst einmal kann nur “durchgreifen”, wer echte Macht hat. Die habe ich nicht und ich beanspruche sie für mich auch nicht. Denn die Zeit des Pultdespoten ist einfach vorbei. Und das absolut zu recht. Denn Musik ist ein kreativer Prozess und was an Impulsen aus dem Orchester kommt, ist wertvoll. Da sitzen keine Volldeppen dumpf herum, sondern vielmehr versuchen dort Menschen mit Persönlichkeit, Fähigkeiten, Erfahrungen und Kenntnissen etwas Schönes zu gestalten. Ein Idiot, der das nicht nutzt. Ich bin, trotz der Tatsache, dass ich mich letztendlich in Jahrzehnten nicht etablieren konnte, froh und glücklich studiert zu haben. Denn dadurch kann ich eine Menge einbringen und bin, um Marius Bazu wieder zu zitieren, ein Musiker mit einem lebendigem Instrument.

Eben: lebendig! Kein Stück Holz, dem man Töne entlockt. Will ich gute Ergebnisse haben, brauche ich eine gelöste, durchlässige Stimmung. Ich brauche Musizieren. Es ist Blödsinn, Spieler dazu bewegen zu wollen, alles absolut exakt zu jedem Zeitpunkt genau so zu machen, wie ich es haben will. Es gibt Richtlinien, Rahmen, Ziele, aber keine Gesetze, und ich bin nicht Scheriff und Richter in einem. Das gleiche Stück unter meiner Leitung mit jeweils anderen Orchestern war in Nuancen unterschiedlich, weil es auch abhängig von den Spielerpersönlichkeiten ist. Das gleiche Stück mit dem selben Orchester zu verschiedenen Gelegenheiten ist ebenso unterschiedlich, weil es ebenso abhängig von persönlichen Seelenzuständen, meinen wie denen des Orchesters, ist. Despotismus nutzt da gar nichts.

Das letzte Mal habe ich einen Pultdespoten vor einigen Jahren beobachten können: Es war eine Generalprobe vor einem großen Gemeinschaftskonzert, meinem wahrscheinlich letzten Konzert mit einem großen Gemeinschaftsorchester, bei dem der Dirigent, nebenberuflich dhv-zertifiziert, ständig nach wenigen Takten unterbrach, Forderungen stellte und unablässig an kleinen Stellen herumfeilte. Wenn ich seinem Dirigieren in irgendeiner Weise hätte entnehmen können, was er da wollte, wäre das ja noch vielleicht einsehbar gewesen. So aber war das einfach nur willkürlich, unvorhersehbar und, ja, despotisch. Ich selbst mag es durchaus auch, bei Generalproben neue Gedanken anzustoßen, bis dahin nicht gekannte Impulse zu geben, und halte das für gesund und hilfreich. Das öffnet einen neuen Zugang zum Stück und schafft eine neue Aufmerksamkeit, auch wenn das immer mal Orchesterspieler nicht einsehen. Das aber ging deutlich darüber hinaus und war viel fundamentaler. So etwas bewältigt oder toleriert nur ein standfestes Orchester; das es ihm nutzt, bezweifele ich.

Als ich sein Verhalten beobachtete, dachte ich darüber nach, warum das Orchester dies mit sich machen ließ. Da spielen viele Dinge eine Rolle, aber vor allem wohl, dass man ein gemeinsames Ziel mit Erfolg verfolgen will und dies nicht durch Auseinandersetzungen mit dem Dirigenten aufs Spiel setzen. Sicher sieht man solch eine Führung auch als “stark” an.

Ich habe keinen Zweifel, dass ich mir ähnliches auch herausnehmen könnte. Aber das ist eben das Problem: Ich würde mir das herausnehmen (!) müssen. Und das geht nicht. Das verbietet mir der Respekt vor meinem Orchester, den Persönlichkeiten darin und mein menschlicher Anstand. Ich will mir nichts herausnehmen. Ich will zusammenarbeiten. Ich will gemeinsam musizieren. Ich habe die zentrale Führungsrolle, bin mir derer immer voll bewusst und erwarte, dass sie anerkannt wird. Das ist schon eine Menge!

Ich hatte auch schwerwiegende Auseinandersetzungen mit Orchestern, Vorständen, Kollegen und dem Verband, wenn diese Anerkennung der Fachautorität fehlte, und vertrete meine Position durchaus selbstbewusst. Aber letztlich hatte das nur zeitlich begrenzten Erfolg, wenn überhaupt. Es gibt wahrscheinlich einige Gründe, warum ich um solche Anerkennung immer wieder kämpfen musste. Ein Beispiel mag zeigen, wie die aussehen:

Wegen der aufwändigen Organisation des genannten Gemeinschaftskonzerts wurde im Trubel der Generalprobe aller Klangkörper das Notenpult für den Dirigenten versehentlich abgeräumt und befand sich zu Konzertbeginn nicht mehr auf der Bühne. Vor seinem Auftritt mit seinem Orchester standen besagter Dirigent und ich unsichtbar für das Publikum gemeinsam links im Bühnenhintergrund und beobachteten den Orchesteraufbau. Sein Orchester nahm Platz. Der dhv-zertifizierte Maestro hatte, wie es auch bei dieser Art Kollegen nicht so selten ist, keinen Blick und kein Wort für mich, als ich neben ihm stand. Er rührte sich nicht, als im Saal Ruhe einkehrte. Alles wartete – er bewegte sich nicht. Partituren unter dem linken Arm, rechte Hand in der Hosentasche. Stille. Vereinzeltes Husten im Saal. Ich sah, dass das Pult nicht da stand und fragte ihn, ob er wüsste, wo das ist. Er zuckte nur mit den Schultern und wartete weiter. Niemand kam mit dem Pult auf die Bühne. Also tat ich ohne viel Aufhebens das Notwendige, holte schnell mein eigenes Dirigentenpult, stellte es mit einer beiläufig launigen Bemerkung für das dadurch amüsierte Publikum vor das Orchester und richtete die Höhe ein. Der Kollege wartete, bis ich die Bühne verlassen hatte, zögerte noch etwas, ging dann gruß- und danklos an mir vorbei, holte sich seinen Auftrittsapplaus ab und dirigierte mit großer Geste sein Orchester. Auch nach dem Konzert und auf der anschließenden gemeinsamen Feier hatte er kein Wort für mich übrig und versuchte den Eindruck zu erwecken,  deutlich über meinem Niveau dahinzuschweben.

Meine Mutter las mir am nächsten Tag ziemlich die Leviten: Ich hätte mich für alle klar sichtbar mit dem eilfertigen Aufstellen des Pults ihm deutlich untergeordnet und ich solle endlich mal lernen, mich nicht immer kleiner als andere zu machen. Ich hatte das nicht so gesehen. Ich sah nur, dass das Konzert reibungslos klappen sollte, konnte schnell und funktionierend eingreifen und tat das also. Aber: Sie hatte recht! Denn zumindest der Kollege hat es exakt so gesehen. Ihm ging es eben genau um diese Rangordnung. Ganz sicher ist das auch bei vielen exakt so angekommen.

Gegen diese selbstverschuldete Unterordnung ist nichts mehr zu machen. Das ist gesetzt, bleibt so und keine Diskussion würde das ändern können. Das gilt absolut genau so für die Auseinandersetzung, die ich kürzlich mit dem Verbandsrepräsentanten geführt hatte. Nichts, was ich sage oder schreibe, wird seine eher deutlich abfällige Meinung über mich revidieren können. (Weder seine noch die irgendeines Jurors, der z. B. ernsthaft meinte sagen zu müssen, ich wisse nicht, was Dur und Moll wäre.) Einerseits sieht er sich deutlich über meinem Niveau, und das lässt er deutlich spüren. Andererseits habe ich gerade dadurch, dass ich Geschehnisse von vor einigen Jahren argumentativ heranzog, seine eher negative Meinung über mich nur noch verhärtet. Wäre ich noch interessiert daran, im DHV irgendein Standing zu haben, hätte ich mir aus diesem Grund meine Kritik vielleicht (wahrscheinlich aber wohl doch nicht) auch verkniffen.

Das Problem ist einfach, dass meine Kritik ja nun einmal mit diesen Ereignissen begründbar ist. Es sind eben echte, tiefgreifende Folgen, die meine berufliche Existenz fundamental betrafen, entstanden. Wenn er mir dann schreibt, er hätte gehofft, dass ich darüber einen Abschluss gefunden hätte, wischt das mit gönnerhafter Geste herablassend die Folgenschwere vom Tisch und zeigt dabei deutlich, dass meine berufliche Existenz als Orchesterleiter und Musiker in seinen Augen nicht ernst zu nehmen ist. Für ihn bin ich einer von den vielen Hobby-Trullies, die Dirigent und Komponist spielen wollen.

Es dürfte jetzt etwa dreißig Jahre her sein, da wurde dieser Kollege als Newcomer von der Verbandszeitschrift in der Rubrik “Komponisten für das Akkordeon” (oder so ähnlich) interviewt. In dem Artikel wurde er gefragt, ob er denn für die Orchesterleiter, die seine Stücke spielen lassen würden, Hinweise zur Interpretation hätte. Er antwortete darauf lachend, wie der Interviewer bemerkte, dass man bei der Qualität der Dirigenten von Akkordeon-Orchestern froh sein könne, wenn sie den Notentext erfüllen würden. Damit wäre schon viel erreicht.

Vollprofis wie er, dhv-zertifizierte Dirigenten wie aus dem obigen Beispiel und Hobby-Dirigenten und Lehrer ohne jedwede Qualifikation ergehen sich in einer Selbstherrlichkeit, die nichts und niemanden neben sich duldet. Wer sich davon nicht erdrücken lässt, dem werden nach Möglichkeit alle möglichen Stöcke zwischen die Beine geworfen. Dabei geht es aber nicht um den jeweiligen Gegner! Es geht vielmehr nur um die eigene Großartigkeit.

Ich weiß deshalb, dass Ärger über mich nur wenig mit mir zu tun hat. Ich kann nichts daran machen, dass sich mal jemand über mich ärgert. Ich kann auch nichts dafür tun, dass sich diese Person nicht mehr ärgert. Wer seinem Ärger Luft macht, tut das begründet. Man hat nämlich immer einen Grund für jedes Verhalten. Diese Gründe müssen nicht sachlich sondern können rein emotional sein und es kann nicht meine Aufgabe sein, diese Gründe herauszuarbeiten oder zu erkennen und schon gar nicht, an ihnen zu arbeiten. Ich kann nur in der Sache abwägen. Diese Abwägungen haben mich aus der Akkordeon-Szene hinaus getrieben. Wäre ich geblieben, wäre ich zugrunde gegangen. Buchstäblich. Der Szene ist das so egal, wie ihr mein Dazugehören egal war. Deshalb ist es auch egal, wenn ich gewissen Platzhirschen solche Texte schreibe. Es wäre auch egal, wenn ich das nicht täte. Denn es ist denen wirklich vollkommen egal.

Wenn es aber egal ist, kann ich es ja auch machen. Ich trage eben Hut.

Ich kann nur mein Bestes geben. Und das tue ich immer. Wer sich an mir stört, dem kann ich ehrlich nichts bieten, was ihn fröhlicher stimmen könnte.

Mein Problem mit Social Media, Vol. III

Es gibt so etwas wie faktenlose Hassrede. Der strafrechtliche Term ist “Volksverhetzung”, in Amerika wird das ohne Strafbewehrung “hate speech” genannt. Dagegen sei man, sagen YouTube und Facebook und Twitter.

Meine persönliche Erfahrung: Mir ist es nicht gelungen, mich erfolgreich sogar gegen persönliche Bedrohungen zu wehren. Freie Meinungsäußerung und die angebliche Unmöglichkeit, die reale Person hinter dem Fake Account zu ermitteln, standen im Weg.

YouTube hat einen Algorithmus, der Hate Speech unterbinden soll. Was er aber tut, ist Berichte (!) und Widersprüche gegen solche Auswüchse zu unterbinden. Wenn man sich dagegen wehrt, wird ein anderer Pfeil aus dem Köcher gezogen: Der Bericht sei vielleicht nicht angemessen für das Publikum.

Soll das ein Witz sein, höre ich die Frage. Nein. Sieht so aus:

Aber Facebook ist doch sicher fair und so, richtig?

Nun ja, Mark Zuckerberg traf sich mehrfach mit Donald Trump und verweigert hartnäckig, gegen politische Lügen auf seiner Plattform vorzugehen. Es ist ihm egal, ob gekaufte Anzeigen dazu benutzt werden, mit Lügen und Verleumdung gegen junge Politikerinnen wie Ilhan Omar oder Alexandria Ocasio-Cortez so scharf zu hetzen, dass sie Morddrohungen erhalten. Er behauptet, das Volk solle das sehen, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Lüge und Wahrheit sind für YouTube und Facebook eben nur “Meinungen”. Nicht einmal gleichwertig. Denn unterstützt werden die Lügen, während die Ehrlichen an ihrer Ehrlichkeit scheitern.

Mein Problem mit Social Media, Vol. II

Ich bin nicht mehr dabei. Oder fast nicht. Ich bin nur noch sehr regelmäßiger Gast und begeisterter Leser eines Blogs von einem Freund, gelegentlicher Leser verschiedener Blogs mit verschiedenen Themen. Bei dem Freund kommentiere ich nur noch Belangloses. Ehrliches Lob für die unterhaltsamen, treffsicheren, sprachgewandten Artikel und Kommentare dort. Manchmal etwas Persönliches, wenn es passt, oder ich meine, dass es das tut. Ganz selten noch lasse ich mich zu Auseinandersetzungen hinreißen.

Im Wesentlichen habe ich mich auf den Konsum zurückgezogen. Wenn man vertrauenswürdige Quellen gefunden hat, ist im Internet viel Interessantes zu sehen. Schafft auch nur eine Wissenschaftssendung des öffentlich rechtlichen Fernsehens, tief in wissenschaftlichen Fragen unserer Zeit einzusteigen? Die onkelhaft joviale Art Harald Leschs geht mir persönlich jedenfalls gegen den Strich. Er versucht sich als Peter Lustig für Erwachsene ohne lustig. Über die Gravitationswellen-Entdeckung habe ich im Netz gelernt, auch habe ich dort gelernt, warum das revolutionäre Bild des Schwarzen Lochs dieses Phänomen so eindrucksvoll zeigt.

Zu allem, was mich interessiert, gibt es auf unterschiedlichen Anforderungsniveaus herausragende und informative Veröffentlichungen in Text, Bild und Ton. Zu allem habe ich vertrauenswürdige Quellen gefunden, entdecke gelegentlich neue, und habe nach Recherchen Quellen als nicht vertrauenswürdig verworfen. Man muss selbst aktiv sein, um sich da zurecht zu finden.

Jeder kennt ja nun das Problem: Die Bildung einer Echokammer oder Informationsblase, in denen man nur das auswählt, was die eigene Meinung verstärkt und keinesfalls hinterfragt. Wie man weiß, kann das zur politischen Radikalisierung führen. Besonders männliche Jugendliche radikalisieren sich gelegentlich innerhalb kürzester Zeit im Internet.

Jedenfalls ist YouTube ursprünglich so konfiguriert, dass auf der Seitenleiste Empfehlungen des Kanals auftauchen, die der Neigung entsprechend das Nutzerverhalten widerspiegeln sollen. Als YouTuber mit eigenen Inhalten erhält man von YouTube sogar Rückmeldung, wie häufig aufgrund dieser Empfehlungen Videos des eigenen Kanals angeklickt werden (das wird “Impression” genannt).

Kleine Kanäle, wie meiner, werden kaum empfohlen. Kanäle, die tausende Klicks pro Video haben, öfter, große Kanäle sehr häufig. Also auch im Netz: Ich werde keinen Durchbruch mehr erleben, denn diese Selbstverstärkung ist für einen kleinen Kanal wie meinen von einem Noname wie mich nicht zu durchbrechen. Das ist aber nicht mein Problem.

Mein Problem ist, dass man diese Seitenleiste, so die ursprüngliche Idee, selbst anpassen kann, indem man Angebote, die einen nicht interessieren, als nicht interessant markiert und dies berücksichtigt wird. Hier hat YouTube aber seinen Algorithmus verändert: Das funktioniert nur noch als Placebo! Angebote, vor allem politische Kanäle, die man als uninteressant bzw. unerwünscht gekennzeichnet hat, tauchen weiter auf, wenn sie von großen Medienkonzernen insbesondere der USA betrieben werden.

Wer sich für weltweites politisches Geschehen interessiert, wird ständig mit den weitgehend faktenlos agitierenden Sprachrohren des faschistoid rechtslastigen Medienkonzerns Fox behelligt. Man kann nichts daran ändern. Ich höre nebenbei einer interessanten Diskussion zu, die ist zu Ende, der nächste automatisch abgespielte Beitrag ist der amerikanische Wutbürger Tucker Carlson, der wieder einmal darüber herzieht, wie dreckig (wörtlich) Latein- und Afroamerikaner seien, dass Tacos nicht mexikanisches sondern amerikanisches Essen seien (denn, so seine “Logik”, sie würden ja von Amerikanern gegessen), Spaghetti und Pizza nicht italienisch sondern ebenfalls amerikanisch und deshalb Mexikaner und Italiener dieses Essen nicht mehr als mexikanisch oder italienisch für sich beanspruchen dürften. Wie bitte? Ja, genau: Dämlicher, belangloser Schwachsinn, der nur die Aufgabe hat, gegen alle Unliebsamen aufzuhetzen.

Unabhängige Journalisten in den USA haben sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren im Netz und gerade auf YouTube einen Namen machen können, weil sie bei ihren Analysen viel tiefer in die Problemlagen einsteigen konnten und ausführlicher darstellen, als es ihnen für Konzerne möglich ist. Vor allem sind sie nur, wenn sie sich nicht Konzernen oder Politikern gegen Geld angedient haben oder von diesen engagiert worden sind, ihrem eigenem Gewissen verantwortlich. Das führt zu ganz großartiger Berichterstattung. YouTube hat vor einigen Tagen erklärt, dass die Änderung des Algorithmus jetzt vor allem die Medienkonzerne in den Vordergrund stellen soll. Offiziell, um Qualitätsanspruch zu erheben. Tatsächlich aber, um die Unabhängigen vom Markt zu drängen.

Der erste Schritt war die Demonitarisierung dieser Kanäle. Jetzt fließt das Geld verstärkt zu den Medienkonzernen. Das einzige, was man da machen könnte, wäre, den Kanälen, denen man vertraut, direkt etwas für ihre Veröffentlichungen zu zahlen; also das Internet wie einen Zeitschriftenkiosk zu verwenden. Die Zeit des kostenlos freien Ideenaustauschs dürfte vorüber sein. Der Grund dahinter: Die freien Journalisten sind zu mächtig geworden und hinterfragen massiv und effektiv die Vertrauenswürdigkeit der Medienkonzerne der USA.

Diese Konzerne sind weitgehend keine “Fake News”, dass das mal klar gesagt ist. Aber sie sind in den USA werbefinanziert und klar interessengesteuert. Wenn man den derzeitigen Vorwahlkampf beobachtet, sieht man deutlich, was für Auswirkungen das hat. 2016 waren sie verheerend. Und, so erschreckend es ist, es besteht eindeutig die Gefahr, dass das 2020 ähnlich wird.

Ein Beispiel, worum es dabei geht: In den medienkonzern-betriebenen Interviews wurde der scheidende Gouverneur von Kentucky, Mett Bevin, ein sehr unbeliebter, man darf wohl sagen rassistischer Nationalist, zu einer Begnadigung befragt, die er nach Abwahl aus seinem Amt scheidend noch vornahm. Es ging dabei um Micah Schoettle, einen wegen der dauernden Vergewaltigung einer Neunjährigen und ihrer Schwester Verurteilten, der aufgrund dieser Begnadigung nach kurzer Zeit in Haft wieder auf freiem Fuß ist. Bevin verteidigt diese Entscheidung, weil das ein Indizienprozess gewesen wäre, das andere Mädchen sich an Vergewaltigungen nicht erinnern könne und zum Zeitpunkt des Prozesses keine Verletzungen bei der Neunjährigen feststellbar gewesen wären, die er, Gouverneur Mett Bevin, erwarten würde. Man müsse ihm vertrauen, dass er wisse, wie diese Verletzungen aussähen, wenn es diese Vergewaltigung gegeben hätte. Der Widerspruch der medizinischen Fachleute ist gewaltig: Die von Bevins Pseudo-Expertise erwarteten Verletzungen treten nur bei etwa 2 % der kindlichen Vergewaltigungsopfer auf. Dieser eindeutige und kraftvolle Widerspruch zerschellt effektlos an der Unverfrorenheit Bevins.

Auch, weil Bevin in Interviews mit diesem Argument nicht konfrontiert wird. Was diese Journalisten außerdem aber nicht thematisieren, so sehr sie auch Mr. Bevin zurecht ins Kreuzfeuer für diese Begnadigung nehmen (das er aber, ganz rechter Ideologe, an sich abprallen lässt), ist, dass er gleichzeitig 428 (!) verurteilte Schwerverbrecher in Kentucky begnadigt hat! Mörder und Vergewaltiger nun wieder auf freiem Fuß. Ohne Kontrolle, ohne Überwachung, ohne Therapie. Vollständig begnadigt und damit unbeschriebene Blätter.

Dafür hat er zwei Gründe:

  1. “Ihr habt mich abgewählt?! Dann seht mal, was ihr davon habt!” (Ich umschreibe hier.)
  2. Patrick Baker, ein verurteilter Mörder und Bankräuber, war zwei Jahre von neunzehn im Gefängnis. Seine Familie brachte 21.500 US-Dollar auf, um die Wahlkampagne Bevins zu fördern (politische Bestechung ist in den USA legal; kein Scherz). Seine Begnadigung ist die Gegenleistung. Damit das nicht offensichtlich ist, wird sie mit der Entlassung eines regelrechten Schwarms Verurteilter vertuscht.

Hätte ähnliches ein Demokrat veranstaltet, würden die USA darüber politisch brennen. Ein “harter” Republikaner hat das gemacht, also berichten die Konzern-Medien darüber nicht. Die Zahlen sind öffentlich und belegbar. Verfolgt wird das nur von unabhängigen Journalisten.

Und denen wird jetzt auf YouTube der Hahn zugedreht.

Die sozialen Medien werden immer asozialer.

Mehr als ein Werkzeug

Heute Abend musste ich mich endlich entscheiden: Seit meiner Ausplanung bei meinem vorigen Arbeitgeber steht mein Flügel eingelagert ungenutzt, weil ich zuhause keinen Platz habe.

Meine Idee, ihn bei meinem jetzigen Arbeitgeber einzusetzen, wurde nicht so enthusiastisch begrüßt, wie ich es mir wünschen würde: Die dortigen Instrumente sind nicht mehr funktionstüchtig und müssten beseitigt werden, um Platz für meinen neuwertigen Flügel zu schaffen, den ich kostenlos zur Verfügung stellen wollte. Dies wird nicht in Angriff genommen, ich kann meinen Flügel aber nicht monatelang im Lager stehen lassen. Das Instrument muss genutzt werden.

Also hat mir heute Abend “mein” Klavierhaus eine Rücknahmevereinbarung angeboten, die ich angenommen habe.

Ich habe keinen Flügel mehr. Mir blutet das Herz.

ad infinitum

Der Verband hat auf meine Antwort zum Wettbewerb reagiert: Ich erhielt eine sehr freundliche, etwas bestürzte und offene erste Reaktion mit der Erklärung, meine Mail an andere Stellen weiterzuleiten. Wir wünschten einander eine schöne Adventszeit, grüßten herzlich, ich habe mich über diese Reaktion ehrlich gefreut und für mich wäre es damit erledigt gewesen.

Wäre.

Dann erhielt ich heute die Mail eines führenden Kollegen des Verbandes (nach dem Ton nicht nur dieser Mail zu urteilen ist ziemlich klar, dass er mich nicht auf seiner Augenhöhe sieht, um es mal vorsichtig auszudrücken). Die veröffentliche ich natürlich nicht! Ich gebe auch keinerlei Hinweis auf seine Identität. Aber meine Antwort veröffentliche ich:

Sehr geehrter Herr XY,

wenn Sie gelesen haben, dass ich länger krank war, haben sie falsch gelesen: Ich musste nach den Auseinandersetzungen im Langenhagener Akkordeon-Club mit lebensgefährdendem stressbedingtem Krankheitsbild in das Krankenhaus, wurde dort behandelt und habe mich schnell wieder erholt. Aber ich danke für die guten Wünsche.

Ich könnte jetzt ohne Schwierigkeiten mit Namensnennung Beispiele von “Fehlverhalten” bringen: Sie würden dabei bleiben, dass das Einzelfälle wären und das nicht dem DHV anzulasten wäre. Nur besteht der DHV aus Einzelnen. Juroren, die mir nach Wettbewerbsbeiträgen wörtlich erklären, ich wüsste nicht, was Dur und Moll wäre, oder ich solle mal einen C1 Lehrgang besuchen, damit ich dirigieren lerne, oder man könne, als ich mit einem Kinderorchester spielte, mit zweichörigen Schüler-Akkordeons einen “schönen Cembalo-Klang erzeugen”, was ich versäumt hätte (drei Beispiele dreier Wettbewerbsbesuche), sind ebenso grenzwertig.

Mir ist klar, dass Sie gehofft hatten, dass das Kapitel für mich “abgeschlossen” wäre. War es auch: Die Hälfte des Orchesters bei dem Wettbewerb bestand aus meinen Schülern, die danach die Orchestermitgliedschaft kündigten und ich habe nach turbulenten, arbeitsintensiven, streitvollen und krankmachenden Jahren im Anschluss an diese Teilnahme das Engagement nach gut 10 Jahren verloren, weil man nun den Beleg hatte, dass ich nichts könne bzw. “ausgebrannt” wäre. Das kann man durchaus als “Abschluss” bezeichnen; vielen Dank. Und jetzt lassen Sie mich raten: Sie kommen mit dem Argument, dass das auch andere Gründe haben müsse, oder ähnlichem. Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.

Mir den Wunsch anzubieten, nicht weiter eingeladen zu werden, zeigt deutlich, dass Sie nicht verstehen wollen, worum es geht. Diesen Eindruck habe ich nicht das erste Mal: Als ich offenbar am Ende vergeblich versuchte, für ein besonderes Festival-Ereignis des NDR in Niedersachsen Aufmerksamkeit beim DHV zu erzeugen und Ihnen den Link als Information schickte, bewerteten Sie unaufgefordert am Sinn der Veranstaltung und des Stücks vorbei die vermeintliche Qualität meines Arrangements und kritisierten den Sinn des Werkes. Dabei war das Werk genau so anzulegen, denn exakt das, was ich da getan hatte, war meine Aufgabe, um Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, der jüngste Teilnehmer des Auftritts war erst neun Jahre, Musik von Sofia Gubaidulina auf Orchester-Ebene erfahrbar zu machen. Ich finde, ich habe da etwas sehr Wertvolles in Zusammenarbeit mit Elsbeth Moser und den Solisten für den DHV hinsichtlich der Laienmusik geleistet! Unbemerkt vom DHV. Aber Ihnen war wichtiger, mir unbedingt klar zu machen, dass ich kein ernst zu nehmender Komponist oder Arrangeur sei.

Sie selbst erklärten mir, dass, wenn ich im DHV Erfolg haben wolle, ich einen Mentoren bräuchte. Wertvoller Hinweis. Wir beide sind exakt gleich alt. Suchen Sie noch als jugendlicher Newcomer Mentoren? Ich kann das nicht und konnte das nicht, denn ich hatte einen ziemlich steinigen und langen Weg bis zum Diplom. Aber Hamburg ist eben irgendwie nicht Trossingen, nicht wahr?

Es geht nicht darum, dass ich nicht zu Wettbewerben eingeladen werden möchte; Sie lassen meine Aussagen schon sehr routiniert abperlen, Kompliment! Wettbewerbe haben für mich nur eben keinen beruflichen Sinn mehr. Ich hatte sie für sinnvoll gehalten, um Orchester und Orchesterspieler aufzubauen, Gemeinschaft zu kreieren, Klangkörper zu formen undnatürlich als Werbung für mein berufliches Angebot. Das war ein schwerer Fehler! Sie haben mir geschadet und waren ein wesentlicher Grund, warum ich den Beruf aufgeben musste.

Ich kann den Beruf also nicht mehr ausüben. Da allerdings haben mir der DHV und die Wettbewerbs-Juroren sehr geholfen…

Ich habe vor diesem Hintergrund erhebliche Schwierigkeiten, die guten Wünsche als solche ernst zu nehmen. Das ist in meinen Augen verbandspolitisches Gerede ohne Inhalt. Tut mir leid. Ich kann da nach 43 Jahren im DHV keine Substanz mehr erkennen.

Klingt verbittert? Gut erkannt. Aber sagen Sie nicht, ich wäre der erste, dem das so ginge! Wir wissen alle um die grandios an die Wand gefahrenen Existenzen in der Akkordeon-Szene, oder?

Ich erwarte nichts mehr vom DHV und arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und nicht mehr als Instrumentallehrer und Orchesterleiter; wir können es also dabei belassen.

Alles Gute

Dietmar Steinhaus