Nicht mehr für mich

Vorgestern erhielt ich die Ausschreibung des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV) zu einem Wettbewerb insbesondere für jugendliche Schüler. Allein schon aufgrund meiner Betriebseinstellung bin ich nicht der Richtige für eine Teilnahme. Aber auch grundsätzlich sehe ich in Wettbewerben für mich keinen Sinn mehr.

Ich habe kein Problem damit, Themen ruhen zu lassen. Aber wenn man mich anschreibt, dann antworte ich. Das sieht dann so aus:

Sehr geehrte Frau S.,

bei meinem letzten Mitwirken auf dem Internationalen Akkordeon-Festival in Innsbruck mit drei von mir geleiteten Jugend- und Erwachsenen-Orchestern wurden eines meiner Orchester (Akkordeon-Club Langenhagen) und ich mit 13 von 50 Punkten so desaströs bewertet, dass ich kurze Zeit darauf die Arbeit für den Club trotz über zehn Jahren Tätigkeit dort wegen des irreparablen Vertrauensverlusts und durch dieses Wettbewerbsergebnis entfachten Machtkampfes einstellen musste und mit lebensgefährlichen Folgen im Krankenhaus landete. Im Ergebnis habe ich schließlich meinen Beruf als Orchesterleiter und Instrumentallehrer insgesamt nach gut zwei Jahrzehnten, in denen ich weit mehr als 300 Schüler im freien Beruf als selbständiger Unternehmer vor allem am Akkordeon unterrichtete, aufgeben müssen.

Ich arbeite jetzt als Pädagoge im öffentlichen Dienst und leite nur noch ein einziges Erwachsenen-Orchester auf Oberstufen-Niveau. Aufgrund der Erfahrungen im DHV auf jeder Ebene und insbesondere den meine Arbeit herabwürdigenden Aussagen der Kollegen auf Bundesebene habe ich keinerlei Interesse mehr, erneut an Wettbewerben des DHV teilzunehmen. Keine meiner Teilnahmen, auch wenn die Bewertungen gelegentlich zufriedenstellend waren, haben einen positiven Effekt auf meine Orchester, die Vereine oder meine Arbeit und mein Standing als Orchesterleiter im DHV gehabt. Die Wettbewerbe verursachten immer (!) vorher und nachher störende Auseinandersetzungen zwischen Spielern und heftige Attacken gegen meine Position von Laien, die sich für qualifizierter hielten.

Der Vorstand meines mir verbliebenen Vereins erwägt zukünftige Wettbewerbsteilnahmen. Ich habe davon abgeraten, würde aber mitwirken, wenn das beschlossen werden würde. Weil ich keine Instrumentalschüler mehr unterrichte und deshalb auch keine Jugend-Orchester oder -Ensembles mehr leite, bin ich jedenfalls der falsche Adressat für diese Ausschreibung.

Ich habe nicht mehr die Notwendigkeit, weil ich diesen Beruf nicht mehr ausübe, und auch nicht mehr den Wunsch, mich in der Akkordeon-Szene und insbesondere dem DHV zu positionieren und etablieren. Ich erhalte schon lange nicht einmal Ehrungen für die Mitgliedschaft allein oder etwa die jahrzehntelange Orchesterleitung im DHV für verschiedene Vereine und sehe auch deshalb keine Veranlassung, mich in irgendeiner Weise einzubringen. Insbesondere auch, weil mir klar signalisiert worden ist, dass ich nicht damit rechnen dürfe, je eine Platzierung zu erreichen, die preiswürdig wäre. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich nicht Akkordeon und Orchesterleitung studiert habe, um auf Wettbewerben die Plätze unterhalb der üblichen Preisträger auszufüllen. Außerdem ist mir das schöne und herzliche Klima in meinem letzten Orchester viel zu wertvoll, um es wie mit dem Langenhagener Club für einen Wettbewerb aufs Spiel zu setzen.

Der DHV hat mir zu keiner Zeit als Diplom-Musiklehrer und Orchesterleiter für Akkordeon-Orchester in irgendeiner Weise geholfen, genutzt oder irgendeine Unterstützung geboten. Auf Landesebene wurde ich für kurze Zeit etwas bemerkt, aber auch das endete mit dem unfassbaren Bewertungsergebnis des Wettbewerbes. Vielmehr habe ich erlebt, dass sich ständig Hobby-Musiker zu “Dirigenten” aufschwangen oder den Unterricht übernahmen, während ich als studierter Berufsmusiker um meine Existenz und die meiner Familie ringen musste. Sogar heute noch sitzen gelegentlich dhv-zertifizierte Hobby-Dirigenten in den wenigen Konzerten, die ich noch dirigieren darf, um sich merklich während der Aufführungen über mich lustig zu machen; das ist weder Übertreibung noch irgendein Scherz. Dies und die fehlende Kollegialität unter Profis kann für mich nur bedeuten, mich auf meine Arbeit mit meinem letzten Orchester zurückzuziehen und alles andere zu ignorieren.

Mir ist vollkommen klar, dass dieses lange Statement nichts bewirken wird und das auch nicht kann, denn schließlich ist es für mich ja nun buchstäblich zu spät. Aber mir war es ein Bedürfnis, mit meiner durch Erfahrung gewonnenen Einstellung zum DHV und der Akkordeon-Szene nicht hinter dem Berg zu halten.

Mit freundlichen Grüßen

Dietmar Steinhaus

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