Diese Jugend von heute

ist großartig.

Punkt.

Artikel fertig.

Na gut, hole ich doch noch ein wenig aus:

Als ich Jugendlicher war, wurde uns immer alles Mögliche vorgeworfen: Faulheit, Respektlosigkeit, mangelnde Bildung, Desinteresse, Anspruchsdenken und so weiter und so fort. Von Platon sind bereits solche Vorwürfe überliefert.

Ich konnte das für meine Generation schon nicht einsehen, nicht nur für mich persönlich nicht, sondern für uns allgemein. Von den gut 300 Schülerinnen und Schülern und den Jugendlichen der Orchester könnte ich nicht einmal eine handvoll nennen, mit denen ich echte Probleme hatte. Und nur einen einzigen, der sich unfassbar selbstgefällig, arrogant, unverschämt und offen gesagt asozial verhalten hat. Er wollte den Unterricht bestimmen, die Gruppe kontrollieren, das Geschehen in der Hand haben. Ich bin kein Therapeut und es hilft nichts, in solchen Fällen nach den Ursachen zu suchen. Aber als dann eines Tages seine Mutter sich die Ehre einer gnädigen Visitation gab, war klar, wo seine Einstellung herkam. Es kam nicht allzu selten vor, dass mir immer wieder Leute mehr als deutlich zeigten, dass ich in ihren Augen so eine Art musikalischer Hofnarr bin, den man nicht ernst nehmen muss; Musiker eben. Diese Frau nun zeigte deutlich: Ich bin nur ihr Lakai. Und Musik ist auch kein echtes Studium. Das kann man so. Ihr Sohn sah also nicht ein, wenn ich bestimmte Fingersätze gab, die Haltung korrigierte, fachlich etwas erklärte. Er “wusste” alles besser, eben, weil er es wusste und weil das, was von mir kam, falsch sein musste. Denn wer war ich schon? War ich irgendwann im Fernsehen? War ich berühmt? Kannte mich David Garrett? Nein. Na bitte!

Der einzige Schüler, den ich je aus dem Unterricht warf, war dieser. Als die Mutter zum Beschweren kam, warf ich sie gleich hinterher. Ich hörte, dass er danach keinen Unterricht mehr nahm, denn Mama hat ihm ein Keyboard gekauft. Darauf konnte er dann ganz von selbst ganz ohne Lehrer ganz schnell ganz viele ganz tolle Lieder spielen, meinte die ganz doll stolze Mutter. Schön, ein Instrument zu haben, das einem die Arbeit (und damit den eigentlichen Wert und das eigentliche Vergnügen; aber was weiß so ein Möchtegern-Musiker wie ich schon) abnimmt und wenn die Eltern diese Genialität des Kindes unterstützen.

Ein zweites Kind, das sehr problematisch war, war ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Sehr still, sehr schüchtern. Sie schaute mich nie an. Saß immer eher kauernd am Instrument, übte nur wenig. Ich war als Instrumentallehrer immer darauf bedacht, den Unterricht sehr transparent zu halten und nicht mit Schülern irgendwie in einen stillen Unterrichtsraum zu verschwinden. Ich habe auch weitestgehend vermieden, Schüler durch Berührungen zu führen oder auf diese Weise Haltungen zu korrigieren. Dies zu tun, kann effektiv sein, aber ich beschränkte das, so weit es eben ging. Wenn ich Schüler berührte, fragte ich vorher, ob ich beispielsweise das Handgelenk anfassen dürfe, um etwas zu zeigen, und wartete die Antwort ab. Bei dieser Schülerin tat ich das gar nicht, gab zur Begrüßung nicht einmal die Hand und hielt auch einen deutlich größeren Abstand zu ihr als üblich und sinnvoll, weil ich nicht wissen konnte, ob nicht sogar irgendein Trauma hinter ihrem auffälligen Verhalten steckte. Sie kam aber treu und schien, sich im Unterricht immer mehr zu entspannen. Irgendwann begann sie auch, von sich zu erzählen und ihr Verhalten normalisierte sich zunehmend.

Eines Tages kam sie plötzlich wieder eigenartig still in meinen Unterricht und erklärte mir nach dem Vorspielen ihrer Hausaufgabe, dass sie den Unterricht bei mir beenden würde und nicht mehr wieder käme. Ich sagte ihr, dass ich das schade fände, und meinte, dass sie das ganz gut mache und Talent habe. Ob sie ein anderes Instrument spielen würde, fragte ich. Sie sagte, sie würde weiter Klavier spielen, aber nicht mehr bei mir. Das fände ich schade, aber es sei richtig, dass sie weiterspiele. Es gebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen und man müsse eben sehen, wer gut zu einem passe. Wo sie denn hin ginge. Sie sagte, sie wisse den Namen nicht. “Eine Frau.” Ihre Eltern hätten sie ausgesucht, weil sie mit den Fortschritten bei mir nicht zufrieden seien (beide spielten kein Instrument). “Ja”, sagte ich: “es kann sein, dass Du bei einer anderen Lehrerin, die besser zu Dir passt, schneller lernst. Wichtig ist nur, dass Du weiter machst!” Ich würde sie sofort aus dem Vertrag ohne Kündigungsfrist entlassen, damit ihre Eltern nicht doppelt zahlen müssten. Jetzt würden wir zum Abschluss noch einmal etwas Musik machen und alles ist in Ordnung. Das Mädchen spielte mit mir unser kleines Duett, schaute mich nicht an und sagte keinen Ton mehr. Ich verabschiedete sie, wünschte ihr alles Gute und nahm den nächsten Schüler in Empfang.

Der neunjährige Junge war gerade etwa 10 Minuten sehr fröhlich in seinem Unterricht und spielte begeistert sein fertig geübtes Stück, als die Tür aufflog und gegen den Heizkörper knallte. Ein mir unbekannter Mann stürmte herein und schrie mich an, was mir denn einfiele und was ich denn mit seiner Tochter angestellt hätte. Völlig erschrocken und entgeistert schaute mich mein Schüler mit großen Augen an. Ich stand auf und fragte den zornroten Mann, wer er sei und wie er dazu käme, meinen Unterricht derart zu stören. Seine Tochter säße weinend im Auto und er wolle wissen, was ich mit ihr angestellt hätte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und es stellte sich heraus, dass er der Vater der gerade verabschiedeten Schülerin war. Ich erklärte ihm ruhig, dass ein Lehrerwechsel kein Problem sei, ich den Vertrag aus Kulanz aufhebe, damit nicht doppelt bezahlt werden müsse und versuchte, das Abschiedsgespräch mit seiner Tochter kurz zu skizzieren. Er unterbrach mich: Dass ich den Vertrag aufheben würde, sei ja wohl das Mindeste und mein Verhalten eine Unverschämtheit und ich pädagogisch ahnungslos. Da war bei mir der Punkt erreicht, mit unmissverständlicher Körpersprache auf ihn zu zu gehen und ihn mit bedrohlich gesengter Stimme langsam und deutlich sprechend aufzufordern, den Unterrichtsraum sofort zu verlassen. Dies tat er und ging laut über mich schimpfend mit triumphierender Körperhaltung breitbeinig die Straße entlang.

Ein dritter Schüler im Erstklässleralter fällt mir noch ein, der keinerlei Lust auf Musik hatte. Er war in einem Gruppenunterricht angemeldet, weil die Eltern dies aus Kostengründen so gewählt hatten. Jede Unterrichtsstunde begann mit einer Auseinandersetzung zwischen ihm un seiner Mutter. Meistens waren sie schon zankend von Weitem zu hören, wenn sie sich dem Unterrichtsraum näherten. Die anderen Kinder litten darunter, der Unterricht verzögerte sich, mir tat der Junge leid. Wenn er erstmal saß, in der Regel nach etwa 15 Minuten, machte er ganz ordentlich mit und schien auch sich ganz wohl zu fühlen. Er übte sehr zuverlässig – nie. Und jedes Mal gab es vor Unterrichtsbeginn das gleiche Theater. Ich versuchte mit der Mutter ein Gespräch, aber sie kenne ihr Kind als Mutter besser als ich, meinte sie. So etwas lerne man in keinem Studium. Nun, wenn sie meinte.

Eines Tages war die Unterrichtszeit angebrochen, die anderen beiden Schüler waren nicht da (ich habe eine Klassenfahrt in Erinnerung, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), ich saß im Unterrichtsraum und übte für mich, war voll konzentriert und nahm den Lärm auf dem Flur zwar wahr, aber ignorierte ihn. Da wurde die Tür mit Schwung geöffnet, buchstäblich mit der Fußsohle (!) tretend stieß die Mutter den Jungen in den Unterrichtsraum, er kugelte schreiend über den Boden, sie stellte das Akkordeon in den Raum, schloss die Tür und hielt die Klinke von draußen fest, damit der Junge, der sich wieder aufgerappelt hatte, die Tür nicht von innen öffnen konnte. Beste Unterrichtsvoraussetzungen. Dieses Ereignis und das des Mädchens waren die einzigen, die mich daran denken ließen, ernsthafte Schritte gegen Eltern einzuleiten.

Ich führte mit dem Jungen ein Gespräch, in dem ich ihn viel reden ließ. Es gab keine Indizien für irgendeinen Missbrauch. Die Mutter hatte nur eben keine Hand frei. Was soll man da auch machen? In der einen Hand das Akkordeon, in der anderen die Tür, die man ja schnell wieder schließen muss, damit das Kind nicht entwischt, und das Kind muss ja unbedingt zu diesem Akkordeon-Heini! Da muss man das Kind eben mit dem Fuß in den Raum befördern. Ist doch klar! So etwas weiß man als Mutter. So etwas lernt man in keinem Studium.

Ich erklärte der Mutter, dass ein Unterricht für ihren Sohn bei mir nicht mehr infrage komme und entließ sie sofort aus dem Vertrag.

Und das waren sie schon! Mehr echte Problemfälle hatte ich nicht.

Vielmehr hatte ich unfassbar entzückende, talentierte, witzige, fröhliche, liebenswerte, wunderschöne Mädchen und Jungen als Schüler! Über 300! Ist das zu fassen? Sie zu begleiten, während sie heranwachsen, mit ihnen zu musizieren und gemeinsam Konzerte und Auftritte zu gestalten, ihnen auf Freizeiten zuzuhören und etwas zu erzählen, Halt geben, Orientierung: Das war wirklich eine Erfüllung!

Ich war wegen dieser Mädchen und Jungen immer der Meinung, diese Jugend ist klasse. Wurde gerade im letzten Verein, für den ich unterrichtete, nicht so gesehen. Das ließ man den Nachwuchs spüren, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Reife erreichte. In jeder Suppe fand man ein Haar, bei jeder gemeinsamen Probe und jedem gemeinsamen Auftritt wurde “erzogen”. Bis die Mädchen entnervt aufgaben, nachdem viele Tränen geflossen waren. Dabei waren das so großartige, intelligente, liebe, hübsche Mädchen!

Schöne Erinnerungen!

Nun, jetzt bin ich staatlich angestellter Pädagoge für Jugendliche im Alter von 11 bis 16. Mein Kollege unterrichtet gerade zum Thema Musik in Filmen in unserer Lerngruppe, die fast nur aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Dazu bereitete er ein Quiz vor. Die etwa 20 Schüler starke Klasse im Alter von etwa 14 Jahren wurde in vier Gruppen zu fünf bzw. sechs Schülern aufgeteilt und sie bekamen Filmmusik aus Filmen wie “Der Pate”, “Spiel mir das Lied vom Tod”, “James Bond”, “Der weiße Hai”, “Fluch der Karibik”, “Herr der Ringe”, “Indiana Jones” und so weiter zu hören. Etwa 20 Titel aus Filmen von 1960 bis heute.

Wer mag raten, wie viele Titel erkannt wurden? Ich lasse auch ein bisschen Zeit. Zeit läuft ab jetzt…

So: Fertig geschätzt? Und?

Ich löse auf: Alle!

Es wurden nicht nur alle Titel erkannt und richtig zugeordnet, sondern auch von vielen Schülern gleichermaßen! Die meisten Titel wurden erkannt, bevor ein Takt komplett gespielt worden war. Der erste Klang ertönte, einer läutete seine Glocke und rief den Titel. Meistens sogar den englischen Original-Titel.

Ich fragte, woher sie das denn wüssten. Ein Schüler antwortete mit leuchtenden Augen: “Ich liebe (!) alte Filme!”

Diese Jugend von heute ist – normal. Und deshalb großartig.

 

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