Die Kuh auf dem Eis

Die müsste erst einmal da runter. Kann ich aber nicht machen. Ich kann nur auf sie zeigen und sagen: “Da ist eine Kuh auf dem Eis! Die gehört da nicht hin!” Und ich kann auch sagen, dass die, die die Kuh da rauf gestellt haben, Idioten sind. Sie werden das aber weiterhin für eine super Idee halten.

Aber so ist das mit Ideen: An sich sind Ideen eine tolle Sache. Aber es gibt auch schlechte und sogar falsche Ideen. Wenn man an diesen Ideen festhält, werden sie zur fixen Idee und Ideologie. Wenn man dann alles durch diese ideologischen Brille betrachtet, wird der Ideologe zum Idioten und stellt voller Überzeugung Kühe auf Eisflächen.

So ist das mit der “gendergerechten Sprache”. Ich werde sie hier nicht verwenden, weil sie eine Idiotie ist. Ich bin natürlich kein Sprachwissenschaftler. Aber ich kann ganz gut begründen, warum diese Ideologie, die sich mit dem Begriff “Gender Studies” als Wissenschaft zu tarnen versucht, eine Idiotie ist.

Der Begriff “gendergerecht” sagt aus, dass es vorher “genderungerecht” gewesen wäre. Die Ideologie dahinter ist, dass die Menschenmännchen die Sprache als ein Vehikel benutzen, die Menschenweibchen zu unterdrücken und gleichzeitig die Sprache diese Unterdrückung der Menschenweibchen durch die Menschenmännchen widerspiegelt.

Geschlechterkampf in der älteren Vorgeschichte?

Warum schreibe ich “Menschenmännchen” und “-weibchen”? Der Grund ist, dass unsere Art, also wir als richtige Menschen, so, wie wir jetzt sind, etwa 200.000 Jahre alt ist. Damit sind wirklich wir gemeint! Da lief niemand “Uga, uga!” schreiend über die Steppe, schlug ein Steinzeitmädchen mit der Keule bewusstlos und zog es zwecks Begattung an den Haaren in seine Höhle. Göbekli Tepe weist auf eine erste Nutzung von vor über 10.000 Jahren hin, ausgefeilt gebaute Knochenflöten haben ein Alter von etwa 42.000 Jahren. Weil Musik Sprache spiegelt und die Flöten handwerkliche Kunstwerke sind, ist neben den gleichzeitigen, ausgesprochen kunstvollen Höhlenmalereien und kunsthandwerklichen Funden klar belegt, dass es “primitive” Höhlenmenschen nicht gab. Ich finde “Nachts im Museum” herrlich und Ben Stiller als Höhlenmensch bringt mich immer zum Lachen. Aber: Es gab sie so nicht.

Göbekli Tepe, das viel jüngere Stonehenge und andere archäologische Befunde zeigen eindeutig, dass die Menschen damals Kultur betrieben. Die Frage, warum Hochkulturen, Schrift und letztlich sogar Wissenschaft erst in den letzten wenigen Jahrtausenden bzw. Jahrhunderten entstanden, ist ganz leicht zu erklären: Die höhere Bevölkerungsdichte erlaubte schnelleres, effektiveres Kommunizieren und den Austausch und die Akkumulation von Ideen. Davor waren die Menschen nicht “primitiver” oder dümmer. Sie waren ziemlich genau wie wir. Sie waren aber eben weit verstreut und trafen sich nur selten. Beispielsweise in Göbekli Tepe. Da wurde dann gefeiert und man tauschte sich intellektuell und sexuell aus.

Es deutet einiges darauf hin, dass von den anderen Menschenarten der Neandertaler ebenfalls über Sprache verfügte, vom Denisova-Menschen existieren zu wenig aussagekräftige Funde, um die Beschaffenheit des Mund- und Rachenraums zu beschreiben, über den Floresmenschen weiß ich diesbezüglich zu wenig. Ich persönlich würde aber aufgrund der Schädelbeschaffenheit und des Schädelvolumens davon ausgehen, dass die Sprache schon vor unseren Menschenarten entstanden ist; weil Weichteilgewebe nicht fossilisiert vorliegt, kann man das nicht sicher sagen. Es gab aber Genaustausch mit den Neandertalern (ich meine, auch mit dem Denisova-Menschen, aber kann die Quelle nicht finden). Auf die Idee, sich mit sprachlosen Wesen zu paaren, wird wohl niemand gekommen sein. Man wird sich auch verbal verständigt haben. Wenn aber Sprachvermögen des Neandertalers ziemlich sicher ist, halte ich die Vermutung für gerechtfertigt, dass es eine Sprache vor dem Homo sapiens gab.

Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten:

  1. Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art
  2. Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns irgendwann im Laufe der Zeit

Zur Hypothese 1: Die Genderungerechtigkeit gab es auch in diesen Sprachen und auch schon vor uns als Art

Wenn es die Genderungerechtigkeit in diesen verlorenen Sprachen seit mehr als 200.000 Jahren gab, muss sie einen tatsächlichen Machtkampf zwischen den Geschlechtern widerspiegeln. Denn das ist ja die Idee der gendergerechten Sprache: Es gebe eine aktive, bewusste und unbewusste Unterdrückung der Frau durch den Mann, die durch Gendergerechtigkeit abgeschafft werden soll. Also müsste es bei den Homo-Arten vor uns diese Unterdrückung gegeben haben.

Man kann sie nicht mehr fragen, Funde lassen keine Schlüsse zu. Was kann man tun, um diese Frage zu klären? Sich umsehen, ob es Hinweise auf solch einen Machtkampf zwischen den Geschlechtern woanders gibt. Unsere nahsten Verwandten sind Menschenaffen wie Schimpansen, die fröhlich vor sich hin kopulierenden Bonobos und Gorillas. Was sehen wir da? Wir sehen verschiedene Sozialstrukturen. Beispielsweise einen Pascha mit Harem. Was wir nicht sehen, ist, dass Männchen gegen Weibchen um die Führung kämpfen. Wir sehen, dass Männchen untereinander um die Führung kämpfen.

Warum ist das so? Wir Männchen produzieren billig, wenig aufwendig, sehr viele Reproduktions-Zellen, die wir, wenn man uns lässt, fröhlich herum verteilen. Die Weibchen produzieren wenige, große, aufwendige, Kraft kostende Reproduktions-Zellen unter großen Opfern wie häufigem Blutverlust, tragen dann den Nachwuchs aus und betreiben Brutpflege. Weil wir große Hirne haben, ist die Geburt risikoreich und dauert die Aufzucht lange. In dieser Zeit sind Weibchen und Nachwuchs in Gefahr. Männchen scharen sich um sie, um sie zu beschützen. Die Unterdrückung der Frau gibt es durchaus. Sie ist eine gesellschaftliche Pervertierung dieses Schutzverhaltens.

In der Natur finden wir überall alle möglichen sexuellen Rangordnungen und Verhaltensweisen. Wir finden aber nicht: einen intersexuellen Konkurrenz-Kampf um die Führung der Gruppe. Als Männchen Pascha zu sein ist nahe liegend. Das Männchen produziert viele einfache Reproduktions-Zellen, die Weibchen individuell wenige, denn aufwendige. Also muss eine erfolgreiche Population aus vielen Weibchen bestehen, braucht aber nur ein Männchen. Wenn es denn da bleiben darf, guckt es ständig in den Dschungel, ob sich Böswatze nähern, während der Harem Brutpflege betreibt. Wenn das Männchen seine Leistung nicht mehr bringt, die es jährlich in Kämpfen gegen andere Männchen beweisen muss, verliert es seinen Posten. Männchen sind  austauschbar.

Produziert das Weibchen viele Reproduktions-Zellen, ergibt sich in der Natur plötzlich ein anderes Bild: Eine Königin legt Eier, die auch hier austauschbaren Männchen kommen in großer Zahl zur Befruchtung.

Wie auch immer die frühzeitliche Sprachentwicklung in der Entfernung von Jahrhunderttausenden oder Jahrmillionen ausgesehen haben mag: Wir haben keinerlei Anlass zu vermuten, dass in den Ursprüngen der Sprachentstehung unsere Homo-Vorfahren eine Ausnahme waren und einen intersexuellen Machtkampf ausübten, den es sonst nicht gibt, der sich in der Sprache niedergeschlagen haben könnte.

Zur Hypothese 2: Die Genderungerechtigkeit entstand erst bei uns im Laufe der Zeit:

Das müssen wir getrennt betrachten:

Geschlechterkampf in der jüngeren Vorgeschichte?

Angesichts der unfassbar langen Zeit, in der wir existieren, können wir nur lächerlich wenig weit in der Sprachentwicklung zurück sehen, aber diese verhältnismäßig kurze Spanne ist absolut beeindruckend! Vor etwa 5.000 Jahren lebte am Schwarzen Meer eine Bevölkerungsgruppe, die eine Sprache benutzte, die heute schlüssig als urindogermanische Stammsprache rekonstruiert werden kann. Weiter zurück kann man nicht blicken. Wir werden nie erfahren, wie sich die Erbauer von Göbekli Tepe, ganz zu schweigen von den nomadisierenden Jägern der Mammute in der europäischen Tundra, verständigten und wie die Sprache der Neandertaler klang.

Für unser Problem der Gendergerechtigkeit ist das aber nicht erforderlich! Denn diese Sprachen müssen vor der urindogermanischen gelegen haben und sie wird daraus hervorgegangen sein müssen. Die Frage lautet also: Finden wir in der urindogermanischen Sprache eine Genderungerechtigkeit?

Im Urindogermanischen gab es keinen bestimmten Artikel (der, die, das). Wie es beispielsweise das Latein beibehielt, erfüllten beugende Anhänge am Wort die erforderlichen Funktionen. Hier gab es zunächst genau zwei Formen von Nomina: Dinge, die Subjekt eines Satzes sein konnten, und Dinge, die das nicht sein konnten. Dinge, die nicht Subjekt eines Satzes sein konnten, waren Dinge, die selbst nichts tun konnten, sondern mit denen etwas getan wird oder eine Entwicklung oder Verlauf abbildeten. Subjekte eines Satzes fielen in das Standard-Genus. Dieses Standard-Genus wird heute “maskulin” genannt.

Es wird also unterstellt, dass diese Leute dachten, hey, alles ist männlich! Wir sind viel toller als Frauen und ihnen überlegen! So funktioniert Sprache aber nicht. Auch diese Menschen haben wie wir ein Sprachzentrum ererbt, das funktioniert, ohne dass wir echten Einblick hätten, wie. Wir können rekonstruieren, Annahmen untersuchen.

Das Sprachzentrum selbst hat keine Vorstellung von Mann und Frau. Das ist ihm komplett egal. Das Sprachzentrum regelt Sprache, nicht Gesellschaft oder Sex. Das Sprachzentrum arbeitet im Unbewussten. Wir haben deshalb ein Sprach-Gefühl. Niemand denkt beim Sprechen oder Schreiben aktiv ständig über Deklination, Konjugation etc. nach. Das ist ein deskriptives Verfahren, das seinen Sinn haben kann, wenn man jemanden in Fremdsprachen unterrichtet. Sprache selbst findet aber auf einer ähnlichen Ebene wie das Atmen, das man ja auch willentlich in gewissem Rahmen steuern und bewusst ausführen kann, automatisiert statt.

Das, was wir heute “Maskulinum” nennen, ist dieses alte Subjekt. Es ist das, was etwas tut. Deshalb ist das weibliche Geschlechtsorgan im Kamasutra, yónis, der (!) yónis. Grammatikalisch ist das Geschlechtsorgan der Frau im Sanskrit “männlich”. Als indogermanische Sprache hat diese unsere Genera. Wieso kommen die da so durcheinander? Kommen sie nicht: Yónis ist der “Halter” beim Akt und während der Schwangerschaft. Warum ist in unserer Sprache die Scheide weiblich? Haben wir besser aufgepasst, dass Frauen Scheiden haben? Nein. Das ist sie immer: Die Wasserscheide ist auch weiblich, denn da wird Wasser voneinander geschieden. Feminina sind wie Neutra Worte, die einen Verlauf oder das Ergebnis eines Ereignisses darstellen, oder aufgrund ihrer Endung vom Sprachgefühl her in diese Kategorie fallen. Das Mädchen ist keine Sache, die Nase ist so wenig weiblich wie die Gabel. Feminina sind nur dann “weiblich”, wenn sie sich ausdrücklich auf Weiblichkeit beziehen.

“Ich fühle mich nicht gut. Ich glaube ich habe mir einen Virus eingefangen.” – “Welcher Virus ist das, was meinst Du?” – “Welches (!) Virus!” Dem Kranken wünsche ich, dass er lange Zeit im Bett verbringen muss. Ekelhafte Besserwisserei. Virus ist ein Wort aus dem Lateinischen. Der Lateiner oder der gebildet scheinen Wollende weiß, dass Virus im Lateinischen ein Neutrum ist. Das ist es, weil es den Verlauf von Vergiftung und Schleimen beschreibt. Für uns fällt es im Sprachgefühl in den Standardgenus, den wir leider “männlich” nennen. “Der Virus” sagt man aus vernünftigem Sprachgefühl. “Das Virus” sagt man, weil man Bildung zeigen will.

Was meint Ihr? “Der Tempel” oder “das Tempel”? Das ist genau wie mit “Virus”: templum steht in Latein für “Abstecken, Abzirkeln, Abgrenzen” und ist ein Neutrum. Diese Vorstellung haben wir aber nicht. Wir sind keine Lateiner und unser Sprachzentrum erkennt die Tätigkeit dahinter nicht wie in “das Laufen”. Und, plumps, fällt “Tempel” in den Standardgenus. Zu recht. Wer jetzt käme und erzählen wollte, es müsse “das Tempel” heißen, ist jemand, der beim Schulsport immer als letzter gewählt und zu keiner Party eingeladen wurde. Zu recht.

Wie kommt die Vorstellung der “Männlichkeit” in die Sprache?

Ich habe leider vergessen, wie der griechische Philosoph hieß (ich schreibe das hier alles als Gelegenheitsbeschäftigung in meiner Freizeit zu meinem eigenen Vergnügen als Erholung und habe keine Quellen zur Hand; ich habe nur einmal kurz auf Wikipedia geguckt und hatte den sofortigen Impuls, den Autoren für seinen Quatsch würgen zu wollen). Aber jedenfalls war es eine Idee der klassischen Antike, die Genera in männlich, weiblich und sächlich einzuteilen.

Alles deutet darauf hin, dass die Vorstellungen zur Zeit, als urindogermanisch gesprochen worden ist, anders waren: Man (kommt aus dem gleichen Wortstamm wie homo und Mensch, der sich auf die Erde bezieht) sah sich als Bewohner der Erde im Gegensatz zu den Göttern, die keine “Erdlinge”, kein Homo, kein Mann, kein Mensch waren.

Test durch Sprachgefühl

Jetzt kann man ja sagen, alles schön und gut, Dietmar, aber trotzdem ist es so, dass das Maskulinum die Frauen unterdrücken hilft; und genau das wurde mir auf den Scienceblogs (!) vorgehalten. Von Wissenschaftlern.

Testen wir mal unser Sprachgefühl:

“Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zu unserem Konzert!”

So banal begrüße ich, meine ich, nicht. Da fällt mir meist lustigeres ein. Aber formal alles super so. Aus Höflichkeit nenne ich die Damen zuerst, die Damen sind weiblich, die Herren männlich. Dazwischen liegt ein Kontinuum, das ich vollkommen in Ordnung finde, und jeder kann sich da einordnen, wie er veranlagt ist.

Dann begrüßt der Bürgermeister: “Liebe Bürgerinnen und Bürger, auch ich begrüße Sie zum Konzert!”

Das hat er nie so lächerlich gemacht! Ihm fällt immer etwas Lustiges und Herzliches ein. Abgesehen davon ist das formal falsch. Und jetzt kommt der sprachgefühlige Beweis dafür:

“Sehr geehrte Gästinnen und Gäste, herzlich willkommen!”

Gesehen? Wem da nicht der Draht aus der Mütze springt ist bereits so genderverblendet, dass ich hoffnungslos bin.

Erläuterung:

“Damen und Herren” bezeichnet ausdrücklich das Geschlecht der Zuhörer. “Bürger” ist aber der Oberbegriff für alle (!) in der Gemeinde mit Bürgerrechten ausgestatteten Bewohner. Das schließt die Frauen ein. Ebenso wie alle Blauäugigen, Krummbeinigen, Nasepopelnden etc. Man muss die nicht erwähnen, sie gehören dazu. Sprachlich müssten deshalb zuerst “Bürger” und dann “Bürgerinnen” als Bestandteil der Bürger genannt werden, wenn sie besonders erwähnt werden sollen. Das sagt unser Sprachzentrum, wenn es nicht vom Ideologen und seine Idiotie dauerbelästigt wird.

“Gast” ist ein eben solcher Oberbegriff, der noch nicht so verwurstet wurde und deshalb vielleicht eindeutiger fühlen lässt, wie unsinnig dieser Quatsch ist.

Schlussbemerkung

Wir müssen in Unterrichtsentwürfen “Schülerinnen und Schüler” schreiben und kürzen das mit “SuS” ab. Tun wir das nicht, unterdrücken wir die Mädchen und werden gerügt. Oder gewürgt. Das weiß ich nicht so genau.

Dieses Konzept geht davon aus, dass die Wortendung -er bei “Schüler” Männlichkeit andeutet, -in bei “Schülerin” Weiblichkeit. Nur ist auch in “Schülerin” das -er enthalten. Die “gendergerechte Sprache” geht also davon aus, dass ein “männliches” Wort durch eine angehängte Endung weiblich wird. Das Wort bleibt aber das Wort und das Sprachzentrum kennt kein Geschlecht. Nur die Bedeutung (!) wird auf den weiblichen Anteil spezifiziert, aber nicht das Wort geändert. “Schüler” ist 1. der Oberbegriff für alle, die beschult werden, und 2. bleibt dieses Wort im Standardgenus, auch wenn es die sprachliche Konkretisierung auf die weiblichen Schüler mit dem Wort “Schülerin” gibt. Würden die Endungen so funktionieren, wie es die “gendergerechte Sprache” gerne hätte, müsste es “Schüler” für die männlichen und “Schülin” für die weiblichen Schüler heißen. Tut es aber nicht, wie wir alle wissen.

Sprache funktioniert eben nicht so, wie es die Ideologen gerne hätten.

Die Kuh steht also auf dem Eis. Aber egal, wie toll die Idioten es finden, dass sie dort steht: sie wird dort nie anfangen zu grasen.

Der Sinn dieser Seite

Ich war mir eine ganze Weile nicht klar, was ich mit dieser Seite anfangen soll, nachdem sie ja nun keinen beruflichen Sinn mehr hat. Welche Identität soll sie haben?

Das persönliche Abenteuer und die Ärgernisse in meinem vorigen Beruf habe ich hier durchgekaut, die Trennung vom letzten Arbeitgeber viel ausführlicher als geplant, als ich den ersten Artikel darüber veröffentlichte. Aber das lag mir einfach zu sehr quer und der Ärger wurde durch weitere dort verursachte Unannehmlichkeiten am Leben gehalten (bis heute bekomme ich regelmäßig, wenn ich meinen Computer hochfahre, eine nervige nicht abzuschaltende Fehlermeldung, weil nicht ich meinen Account beendete, sondern dieser von meinem Arbeitgeber einfach gelöscht wurde, wobei die verbliebenen Daten vernichtet worden sind).

Die Besucherzahlen zeigen, dass diese Seite kein übergroßes Interesse weckt, aber es gibt durchaus zuverlässige, interessierte Leser in einer erfreulichen Zahl. Sehr häufig wird erfreulicher Weise die Seite, die ich hier für mein Orchester eingerichtet habe, angesteuert. Das Interesse an meinen Artikeln war insbesondere für meine Erlebnisse mit und meine Kritik an meinem vorigen Arbeitgeber groß. Seit ich das Thema abgeschlossen habe, ist der Traffic auf etwa ein Viertel zurückgegangen.

Mit dieser Homepage verfolge ich keinerlei wirtschaftliches Interesse. Deshalb sind solche Zahlen eigentlich unerheblich. Ich habe einen großen Freundeskreis, ich habe großartige Freunde und eine glückliche Familie, im Beruf wird viel auf mich gehört. Diese Seite zu schließen würde mich also nicht beeinträchtigen.

Sie ist aber nun einmal jetzt da, sie zu erhalten bedeutet nicht viel Aufwand. Also schreibe ich hier weiter.

Das Kernthema meiner Artikel wird musik- und sprachwissenschaftlicher Natur sein, und es wird Ausflüge in gesellschaftspolitische Bereiche geben. Themen, die auf Facebook dazu führten, dass ich und über mich indirekt meine Schüler und Familie per privaten Messenger handfest bedroht wurden, veranlassten mich, meinen Facebook-Account zu kündigen und spielten bei der Überlegung, meinen Betrieb einzustellen, ebenfalls eine Rolle. Diese Themen werde ich zu meinem Schutz, dem meiner Familie und meinen jetzigen Schülern hier meiden. Ich habe mich in der lokalen Presse klar positioniert, tue das ggf. wieder, aber das Internet ist in gewisser Weise ein anderer Ort.

Wenn ich mich das nächste Mal an einen Artikel setze, wird er musikwissenschaftlicher Natur sein. Ich habe schon eine Idee und freue mich auf die Umsetzung.

Ich halte eigentlich eine Kategorisierung meiner Artikel für sinnvoll, habe mich aber noch nicht eingearbeitet, wie das auf dieser Plattform geht. Sollte das zu aufwendig sein, werde ich da nicht ran gehen.

Das Glück im Kleinen

Vor anderthalb Jahren habe ich das gepostet:

(Weil mir das gerade begegnet ist: 1N73LL163NC3 15 7H3 481L17Y 70 4D4P7 70 CH4N63 573PH3N H4WK1N6)

In der Zeit haderte ich sehr damit, meinen geliebten Beruf so (ich empfinde das immer noch so, wenn ich ehrlich (zu mir selbst) bin) ruhmlos unglücklich aufgegeben zu haben. Dieses als Zahlen- und Buchstabensalat erscheinende Gebilde begegnete mir ähnlich, ich musste das aus der Erinnerung rekonstruieren, als T-Shirt-Aufdruck und besagt: “Intelligence is the ability to adapt to change – Stephen Hawking” Also: “Intelligenz ist die Fähigkeit, sich Änderungen anzupassen – Stephen Hawking” Das ist für mich trostreich, und es ist durch das Spiel mit den Buchstaben und Zahlen als Herausforderung zur Anpassung für eben die Intelligenz witzig.

Damals ging ich davon aus, dass mein Wechsel in den öffentlichen Dienst an jene Schule der letzte berufliche Einschnitt sein würde, musste aber erfahren, dass ich mich seitdem zuverlässig vierteljährlich erheblichen Änderungen anpassen musste, was sich als lebensbedrohlich unmöglich herausstellte. Jetzt erst bin ich dank der derzeitigen Stelle, ihrer Leitung und meinen Kollegen in einem ruhigen Fahrwasser und kann mich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren, die bei meinem vorigen Hauptarbeitgeber zur Nebensache verkam.

Ich erlebe also berufliche Ordnung und qualitative Zusammenarbeit und kann mich auf meine Schüler (generischer Maskulin; ja, den gibt es und dieses Wort bedeutet zwar “männlich”, das ist aber leider ein aus der antiken griechischen Philosophie erlernter Unsinn in der Kategorisierung der Sprache, der nichts mit der Wirklichkeit der Sprache und des Sprachzentrums im Gehirn zu tun hat. Die Sprachwissenschaft der Antike war ähnlich entwickelt wie Chemie, Astro- oder Atomphysik. Also anerkennenswerte und wertvolle intellektuelle Leistungen der damaligen Intelligenz aber ohne die ausgefeilte wissenschaftliche Methode und den wissenschaftlichen Apparat. Ähm – merkt man, dass ich Lehrer bin? Entschuldigung. Wo war ich doch gleich? Ah:) und die Lehrinhalte und Lehrinhaltinnen (damit es nicht zu maskulin wird. Haha. – Nochmal Entschuldigung…) konzentrieren. Und es gibt da niemanden, der das vielleicht durch schweifende Gedankenlosigkeit und fehlendes Fokussieren durcheinander bringen könnte. Wirklich nicht …

Lange Rede, kurzer Sinn: Irgendwie bin ich diese Woche täglich verpeilt zu falschen Zeiten an falschen Orten gewesen. Jedes Mal habe ich gedacht, du Schussel, passiert dir nicht nochmal. – Dann passierte es nochmal. Das letzte Mal gestern, als ich eine Stunde zu spät zur Fortbildung kam. Alle waren nett, die Seminarleiterin sowieso umwerfend toll, ich kannte den Stoff, kein Problem, aber irgendwie unnötig und auch etwas peinlich. Das letzte Mal war also gestern.

Dachte ich gestern.

Heute Morgen klingelte mein Wecker, ich ließ mir angemessen Zeit, genoss den Morgen, sah beiläufig zur Uhr und mir fuhr der Schreck in die Glieder: Ich war viel zu spät! Verzicht auf Frühstück, gezielter Sprung in die Fahrradkleidung, Wechselkleidung in den Rucksack, Sprintfahrt zur Arbeit: Ich war zwei Stunden zu früh da. Denn es ist Freitag. Wir haben einen Kalender. Ich habe einen Stundenplan. Diese Quellenlage hätte mich überfordert.

Ein sehr ärgerlicher Fehler, der nach sofortigem Trost förmlich schrie! Also ging ich in die Stadt, um mich in einem Café mit einem Mandelhörnchen und einem Tee zu befrühstücken und trösten.

Ich lungerte da also glücklich herum und amüsierte mich zufrieden innerlich über mich selbst, als der Vater einer meiner ersten Schülerinnen das Café für eine kurze Pause betrat. Das war großartig! Eine wahnsinnig nette Familie, eine tolle Schülerin. Es war so schön, von ihr zu hören! Was für ein Morgen!

Das Gespräch kam auf “diese Jugend von heute”: Als wir über den Beruf der ehemaligen Schülerin und ihr glückliches Privatleben sprachen, sagte ihr Vater, dass er überhaupt nicht sehen könne, dass die heutige Jugend in irgendeiner Weise besonders problematisch sein sollte. In jeder Generation habe es einen Anteil gegeben, der problematisch gewesen sei, das sei jetzt überhaupt nicht anders.

Ihn zu treffen, von Christina zu hören, ein nettes Gespräch zu führen, sich ungefragt in seiner Meinung bestätigt sehen: Das ist Glück im Kleinen.

Im Grunde bin ich ein sehr organisierter Mensch, sonst hätte ich nichts von dem geschafft, was ich geschafft habe. (Und ich finde, ich bin mit Recht stolz darauf. Dass die Anerkennung von gewissen Kollegen oder Verbänden, Vereinen und Hobbymusikern und Mitläufern fehlt, ist eher deren Arroganz und so weiter zuzuschreiben als meinen vermeintlichen Fehlern.) Aber solche Schusselphasen sind manchmal einfach schön. Mein Ordnungs-Ich schüttelt grinsend den Kopf über meinen inneren Chaoten. Dieses Treffen und das Hören von einer ehemaligen Schülerin war den unnötigen Schrecken am Morgen wert. Dank der Schusseligkeit!

Diese Jugend von heute

ist großartig.

Punkt.

Artikel fertig.

Na gut, hole ich doch noch ein wenig aus:

Als ich Jugendlicher war, wurde uns immer alles Mögliche vorgeworfen: Faulheit, Respektlosigkeit, mangelnde Bildung, Desinteresse, Anspruchsdenken und so weiter und so fort. Von Platon sind bereits solche Vorwürfe überliefert.

Ich konnte das für meine Generation schon nicht einsehen, nicht nur für mich persönlich nicht, sondern für uns allgemein. Von den gut 300 Schülerinnen und Schülern und den Jugendlichen der Orchester könnte ich nicht einmal eine handvoll nennen, mit denen ich echte Probleme hatte. Und nur einen einzigen, der sich unfassbar selbstgefällig, arrogant, unverschämt und offen gesagt asozial verhalten hat. Er wollte den Unterricht bestimmen, die Gruppe kontrollieren, das Geschehen in der Hand haben. Ich bin kein Therapeut und es hilft nichts, in solchen Fällen nach den Ursachen zu suchen. Aber als dann eines Tages seine Mutter sich die Ehre einer gnädigen Visitation gab, war klar, wo seine Einstellung herkam. Es kam nicht allzu selten vor, dass mir immer wieder Leute mehr als deutlich zeigten, dass ich in ihren Augen so eine Art musikalischer Hofnarr bin, den man nicht ernst nehmen muss; Musiker eben. Diese Frau nun zeigte deutlich: Ich bin nur ihr Lakai. Und Musik ist auch kein echtes Studium. Das kann man so. Ihr Sohn sah also nicht ein, wenn ich bestimmte Fingersätze gab, die Haltung korrigierte, fachlich etwas erklärte. Er “wusste” alles besser, eben, weil er es wusste und weil das, was von mir kam, falsch sein musste. Denn wer war ich schon? War ich irgendwann im Fernsehen? War ich berühmt? Kannte mich David Garrett? Nein. Na bitte!

Der einzige Schüler, den ich je aus dem Unterricht warf, war dieser. Als die Mutter zum Beschweren kam, warf ich sie gleich hinterher. Ich hörte, dass er danach keinen Unterricht mehr nahm, denn Mama hat ihm ein Keyboard gekauft. Darauf konnte er dann ganz von selbst ganz ohne Lehrer ganz schnell ganz viele ganz tolle Lieder spielen, meinte die ganz doll stolze Mutter. Schön, ein Instrument zu haben, das einem die Arbeit (und damit den eigentlichen Wert und das eigentliche Vergnügen; aber was weiß so ein Möchtegern-Musiker wie ich schon) abnimmt und wenn die Eltern diese Genialität des Kindes unterstützen.

Ein zweites Kind, das sehr problematisch war, war ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Sehr still, sehr schüchtern. Sie schaute mich nie an. Saß immer eher kauernd am Instrument, übte nur wenig. Ich war als Instrumentallehrer immer darauf bedacht, den Unterricht sehr transparent zu halten und nicht mit Schülern irgendwie in einen stillen Unterrichtsraum zu verschwinden. Ich habe auch weitestgehend vermieden, Schüler durch Berührungen zu führen oder auf diese Weise Haltungen zu korrigieren. Dies zu tun, kann effektiv sein, aber ich beschränkte das, so weit es eben ging. Wenn ich Schüler berührte, fragte ich vorher, ob ich beispielsweise das Handgelenk anfassen dürfe, um etwas zu zeigen, und wartete die Antwort ab. Bei dieser Schülerin tat ich das gar nicht, gab zur Begrüßung nicht einmal die Hand und hielt auch einen deutlich größeren Abstand zu ihr als üblich und sinnvoll, weil ich nicht wissen konnte, ob nicht sogar irgendein Trauma hinter ihrem auffälligen Verhalten steckte. Sie kam aber treu und schien, sich im Unterricht immer mehr zu entspannen. Irgendwann begann sie auch, von sich zu erzählen und ihr Verhalten normalisierte sich zunehmend.

Eines Tages kam sie plötzlich wieder eigenartig still in meinen Unterricht und erklärte mir nach dem Vorspielen ihrer Hausaufgabe, dass sie den Unterricht bei mir beenden würde und nicht mehr wieder käme. Ich sagte ihr, dass ich das schade fände, und meinte, dass sie das ganz gut mache und Talent habe. Ob sie ein anderes Instrument spielen würde, fragte ich. Sie sagte, sie würde weiter Klavier spielen, aber nicht mehr bei mir. Das fände ich schade, aber es sei richtig, dass sie weiterspiele. Es gebe viele gute Lehrer und Lehrerinnen und man müsse eben sehen, wer gut zu einem passe. Wo sie denn hin ginge. Sie sagte, sie wisse den Namen nicht. “Eine Frau.” Ihre Eltern hätten sie ausgesucht, weil sie mit den Fortschritten bei mir nicht zufrieden seien (beide spielten kein Instrument). “Ja”, sagte ich: “es kann sein, dass Du bei einer anderen Lehrerin, die besser zu Dir passt, schneller lernst. Wichtig ist nur, dass Du weiter machst!” Ich würde sie sofort aus dem Vertrag ohne Kündigungsfrist entlassen, damit ihre Eltern nicht doppelt zahlen müssten. Jetzt würden wir zum Abschluss noch einmal etwas Musik machen und alles ist in Ordnung. Das Mädchen spielte mit mir unser kleines Duett, schaute mich nicht an und sagte keinen Ton mehr. Ich verabschiedete sie, wünschte ihr alles Gute und nahm den nächsten Schüler in Empfang.

Der neunjährige Junge war gerade etwa 10 Minuten sehr fröhlich in seinem Unterricht und spielte begeistert sein fertig geübtes Stück, als die Tür aufflog und gegen den Heizkörper knallte. Ein mir unbekannter Mann stürmte herein und schrie mich an, was mir denn einfiele und was ich denn mit seiner Tochter angestellt hätte. Völlig erschrocken und entgeistert schaute mich mein Schüler mit großen Augen an. Ich stand auf und fragte den zornroten Mann, wer er sei und wie er dazu käme, meinen Unterricht derart zu stören. Seine Tochter säße weinend im Auto und er wolle wissen, was ich mit ihr angestellt hätte. Ich fragte ihn nach seinem Namen und es stellte sich heraus, dass er der Vater der gerade verabschiedeten Schülerin war. Ich erklärte ihm ruhig, dass ein Lehrerwechsel kein Problem sei, ich den Vertrag aus Kulanz aufhebe, damit nicht doppelt bezahlt werden müsse und versuchte, das Abschiedsgespräch mit seiner Tochter kurz zu skizzieren. Er unterbrach mich: Dass ich den Vertrag aufheben würde, sei ja wohl das Mindeste und mein Verhalten eine Unverschämtheit und ich pädagogisch ahnungslos. Da war bei mir der Punkt erreicht, mit unmissverständlicher Körpersprache auf ihn zu zu gehen und ihn mit bedrohlich gesengter Stimme langsam und deutlich sprechend aufzufordern, den Unterrichtsraum sofort zu verlassen. Dies tat er und ging laut über mich schimpfend mit triumphierender Körperhaltung breitbeinig die Straße entlang.

Ein dritter Schüler im Erstklässleralter fällt mir noch ein, der keinerlei Lust auf Musik hatte. Er war in einem Gruppenunterricht angemeldet, weil die Eltern dies aus Kostengründen so gewählt hatten. Jede Unterrichtsstunde begann mit einer Auseinandersetzung zwischen ihm un seiner Mutter. Meistens waren sie schon zankend von Weitem zu hören, wenn sie sich dem Unterrichtsraum näherten. Die anderen Kinder litten darunter, der Unterricht verzögerte sich, mir tat der Junge leid. Wenn er erstmal saß, in der Regel nach etwa 15 Minuten, machte er ganz ordentlich mit und schien auch sich ganz wohl zu fühlen. Er übte sehr zuverlässig – nie. Und jedes Mal gab es vor Unterrichtsbeginn das gleiche Theater. Ich versuchte mit der Mutter ein Gespräch, aber sie kenne ihr Kind als Mutter besser als ich, meinte sie. So etwas lerne man in keinem Studium. Nun, wenn sie meinte.

Eines Tages war die Unterrichtszeit angebrochen, die anderen beiden Schüler waren nicht da (ich habe eine Klassenfahrt in Erinnerung, aber da bin ich mir nicht mehr sicher), ich saß im Unterrichtsraum und übte für mich, war voll konzentriert und nahm den Lärm auf dem Flur zwar wahr, aber ignorierte ihn. Da wurde die Tür mit Schwung geöffnet, buchstäblich mit der Fußsohle (!) tretend stieß die Mutter den Jungen in den Unterrichtsraum, er kugelte schreiend über den Boden, sie stellte das Akkordeon in den Raum, schloss die Tür und hielt die Klinke von draußen fest, damit der Junge, der sich wieder aufgerappelt hatte, die Tür nicht von innen öffnen konnte. Beste Unterrichtsvoraussetzungen. Dieses Ereignis und das des Mädchens waren die einzigen, die mich daran denken ließen, ernsthafte Schritte gegen Eltern einzuleiten.

Ich führte mit dem Jungen ein Gespräch, in dem ich ihn viel reden ließ. Es gab keine Indizien für irgendeinen Missbrauch. Die Mutter hatte nur eben keine Hand frei. Was soll man da auch machen? In der einen Hand das Akkordeon, in der anderen die Tür, die man ja schnell wieder schließen muss, damit das Kind nicht entwischt, und das Kind muss ja unbedingt zu diesem Akkordeon-Heini! Da muss man das Kind eben mit dem Fuß in den Raum befördern. Ist doch klar! So etwas weiß man als Mutter. So etwas lernt man in keinem Studium.

Ich erklärte der Mutter, dass ein Unterricht für ihren Sohn bei mir nicht mehr infrage komme und entließ sie sofort aus dem Vertrag.

Und das waren sie schon! Mehr echte Problemfälle hatte ich nicht.

Vielmehr hatte ich unfassbar entzückende, talentierte, witzige, fröhliche, liebenswerte, wunderschöne Mädchen und Jungen als Schüler! Über 300! Ist das zu fassen? Sie zu begleiten, während sie heranwachsen, mit ihnen zu musizieren und gemeinsam Konzerte und Auftritte zu gestalten, ihnen auf Freizeiten zuzuhören und etwas zu erzählen, Halt geben, Orientierung: Das war wirklich eine Erfüllung!

Ich war wegen dieser Mädchen und Jungen immer der Meinung, diese Jugend ist klasse. Wurde gerade im letzten Verein, für den ich unterrichtete, nicht so gesehen. Das ließ man den Nachwuchs spüren, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Reife erreichte. In jeder Suppe fand man ein Haar, bei jeder gemeinsamen Probe und jedem gemeinsamen Auftritt wurde “erzogen”. Bis die Mädchen entnervt aufgaben, nachdem viele Tränen geflossen waren. Dabei waren das so großartige, intelligente, liebe, hübsche Mädchen!

Schöne Erinnerungen!

Nun, jetzt bin ich staatlich angestellter Pädagoge für Jugendliche im Alter von 11 bis 16. Mein Kollege unterrichtet gerade zum Thema Musik in Filmen in unserer Lerngruppe, die fast nur aus Jugendlichen mit Migrationshintergrund besteht. Dazu bereitete er ein Quiz vor. Die etwa 20 Schüler starke Klasse im Alter von etwa 14 Jahren wurde in vier Gruppen zu fünf bzw. sechs Schülern aufgeteilt und sie bekamen Filmmusik aus Filmen wie “Der Pate”, “Spiel mir das Lied vom Tod”, “James Bond”, “Der weiße Hai”, “Fluch der Karibik”, “Herr der Ringe”, “Indiana Jones” und so weiter zu hören. Etwa 20 Titel aus Filmen von 1960 bis heute.

Wer mag raten, wie viele Titel erkannt wurden? Ich lasse auch ein bisschen Zeit. Zeit läuft ab jetzt…

So: Fertig geschätzt? Und?

Ich löse auf: Alle!

Es wurden nicht nur alle Titel erkannt und richtig zugeordnet, sondern auch von vielen Schülern gleichermaßen! Die meisten Titel wurden erkannt, bevor ein Takt komplett gespielt worden war. Der erste Klang ertönte, einer läutete seine Glocke und rief den Titel. Meistens sogar den englischen Original-Titel.

Ich fragte, woher sie das denn wüssten. Ein Schüler antwortete mit leuchtenden Augen: “Ich liebe (!) alte Filme!”

Diese Jugend von heute ist – normal. Und deshalb großartig.