Heidewanderung

Es gibt für Akkordordeon-Orchester komponierte Werke, die den Status von Klassikern haben. Ich würde zum Beispiel Heinz Ehmes “Galerie” nennen wollen oder Matyas Seibers “Irische Suite”. Natürlich gibt es auch noch jüngere Kompositionen, die diesen Rang haben dürften. Aber hier erlaube ich mir aufgrund meiner Erfahrungen im persönlichen Kontakt mit einigen dieser Komponisten zu schweigen.

Zu den eindrucksvollsten Werken für Akkordeon-Orchester gehört die verloren gegangene “Hermann-Löns-Kantate” von Enno Meyenburg. Das Werk ist für Akkordeon-Orchester (Mindestbesetzung 21 Akkordeons, Klavier, Schlagwerk) und gemischten Chor geschrieben. Anlass der Komposition war die 750-Jahr-Feier des Ortes Marxen im Jahr 1989. Enno leitete dort, ich kann nicht mehr genau herausfinden seit wann, seit etwa Mitte der 80-er Jahre den Nordheide-Chor und den Frauenchor Nordheide. Die Konzerte, bei denen ich als damaliges Orchestermitglied des nicht mehr existierenden akkordeon-sound-orchesters (damals 1. Orchester des Akkordeon-Spielrings Walsrode von 1959 e. V.) mitwirken durfte, gehörten zu den Glanzstücken orchestralen und chorischen Musizierens. In seiner besten Zeit, bevor er still und ohne zu klagen schwer erkrankte und deshalb zwangsläufig konditionell abbaute, war Enno Meyenburg ein lebhafter, intensiver, charismatischer, von Musikalität durchdrungener Orchester- und Chorleiter.

Enno bearbeitete für seine Chöre und seine Orchester (heute existiert noch das Akkordeon-Orchester Visselhövede) eine gewaltige Menge an Werken. Mir sind viele in Erinnerung und ich nenne jetzt mal “Der Zigeunerbaron”, “Peter und der Wolf”, “Meine Welt ist die Musik” (mehrere Schlagermedleys der 50-er bis 60-er Jahre), “New York, New York”, “Beatles-Medley”, “Mary Poppins”. Die Zahl seiner Bearbeitungen ist enorm und ganz sicher dreistellig. Alle diese Werke von ihm sind verloren und nicht einmal eine handvoll durch Verlag erhalten.

Die Proben an der “Hermann-Löns-Kantate” und ihre Aufführungen gehören zu den beglückendsten Erfahrungen meines Musikerdaseins! Enno komponierte eine Fantasie aus verschiedenen Heideliedern, indem er sie miteinander thematisch verwob und in einem Mischstil aus Impressionismus und Romantik klangvoll und wirkungsstark ausformulierte. Wir probten, wie es sinnvoll ist bei einem Werk von mehr als 20 Minuten Spieldauer, immer in Abschnitten daran. Ich kann mich noch sehr gut und sehr lebhaft daran erinnern, wie sich die Stimmführerin in der 1. Stimme (in der ich damals saß) über die Einleitung der Kantate lustig machte: Die Einleitung bestand aus abwärts fallenden kleinen Sekunden, die dissonierend liegen blieben. Durch diesen Klang hindurch tauchten Bassfiguren “wie schwarze Silhouetten von Wacholderbäumen im Nebel” (Enno Meyenburg bei der Probe) bedrohlich auf. Daraus verdichtete sich der Klang immer mehr, um zum ersten Titel zu führen. Als die Stimmführerin sich über diese Dissonanzen lustig machte, sah ich sofort, wie tief getroffen Enno war und er reagierte sehr heftig und wütend seine Komposition verteidigend.

Als dann jedenfalls nach monatelangen Proben an diesem ausgesprochen komplizierten und anspruchsvollem Werk alle Abschnitte fertig geprobt waren, sollten wir das Stück erstmals komplett durchspielen. An diesem Mittwochabend passierte in der Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde: Nach dem konzentrierten Durchspielen mit dem enthusiastisch dirigierenden Enno Meyenburg herrschte vollkommene Stille. Enno stand noch in seiner letzten Geste verharrend mit geschlossenen Augen vor dem Orchester – dann brachen wir als Orchester in stürmischen Applaus aus. Wir konnten nicht an uns halten! Die Geschichte, welche die Kantate musikalisch erzählte, und ihr herzzerreißendes Ende, in dem das Stück regelrecht starb, hat uns alle tief gerührt. Ich musste schlucken und rang mit Tränen.

Die Uraufführung mit den beiden Chören, die sich in ihrer Bestform zeigten, war ein grandioser Erfolg. Mehrere Aufführungen folgten. Leider brachen bei der letzten Aufführung unter Leitung des Komponisten bei einem Chorfestival, wo Enno sich natürlich positionieren wollte, beide Chöre in ihrer Leistung ein, das Stück konnte nur mit Mühe gerettet werden und verfehlte seine Wirkung.

Ende Dezember 1998 verstarb Enno Meyenburg. Weil ich die Leitung des Jugendorchesters im Akkordeon-Spielring übernommen hatte, das Musikstudium anstrebte bzw. bereits studierte und der Verein meine Honorarforderungen gegen die Enno Meyenburgs ausspielte, trennten wir uns vorher im Streit. Sein letztes, begeistert aufgenommenes, Konzert in Marxen mit den Chören und unserem Orchester hörte ich heimlich draußen vor dem Fenster in Bühnennähe zwischen Stuhlstapeln sitzend, traurig, nicht mehr dabei zu sein. In der Pause sprach ich ihn an. Ich sagte ihm, dass mir klar war, dass es in Konzertpausen, wenn er als Dirigent konzentriert sein muss, ungünstig ist, aber ich wollte wissen, was er von mir erwarten würde zu tun, um unser Verhältnis wieder zu bessern. Er antwortete kryptisch, abweisend und wenig hilfreich: “Ich erwarte von Dir zu tun, was man von Dir erwartet zu tun” und ging. Niedergeschlagen hörte ich mir draußen die zweite Hälfte an und fuhr dann vor den Zugaben nachhause. Das war unser letzter Wortwechsel.

Zwischen Weihnachten und Neujahr 1998 sprach der damalige 1. Vorsitzende des Akkordeon-Spielrings bei uns auf den Anrufbeantworter, dass Enno verstorben sei. Bei seiner Beerdigung wollten das Orchester und die Chöre die “Hermann-Löns-Kantate” ihm zu Ehren aufführen. Ich nahm an der Beerdigung hinten sitzend möglichst unauffällig teil, um niemandes Gefühle zu verletzen. In der Zwischenzeit war ich schon im Studiengang Orchesterleitung aktiv und kompetent. Ich wurde nicht gefragt, das Werk zu leiten. Dies übernahm sein persönlicher Freund und 1. Vorsitzender des Nordheide-Chores. Als persönliche Geste empfand ich das als rührend und angemessen.

Für mich überraschend wurde ich 1999 mit der Nachfolge von Enno betraut. Schon 2000 sollte die “Hermann-Löns-Kantate” erneut anlässlich von Veranstaltungen rund um die EXPO 2000 in der Stadthalle Walsrode aufgeführt werden. Ich erhielt also die Partitur, lernte sie und probte mit den Klangkörpern. Die Aufführung gelang ausgezeichnet und wurde begeistert aufgenommen. Ein letztes Mal wurde die Kantate 2001 beim Tag der Niedersachsen in Lüneburg unter meiner Leitung aufgeführt. Bei dieser Aufführung zeigten sich wieder Schwächen, die aber während des Vortrages aufgefangen werden konnten. (Und ist es überflüssig zu sagen? Natürlich wird/wurde auf den Homepages der Klangkörper nirgends erwähnt, dass ich das Werk leitete. So ist das Leben als persona non grata.)

Als meine Arbeit für den Akkordeon-Spielring endete und ich ärgerlich und enttäuscht meine Mitgliedschaft nach 25 Jahren beendete, gab ich alle Partituren zurück. So auch die “Hermann-Löns-Kantate”.

Seit 2001 habe ich mehrfach versucht, dieses Werk vor dem Vergessen zu bewahren. Ich bot an, das Stück posthum unter Ennos Autorenschaft ohne Kostenstellung für den Verlag zu bearbeiten und dann verlegen zu lassen. Die Einnahmen sollten entweder Ennos Erben oder einem guten Zweck zufließen. Trotzdem setzten sich die selben Leute durch, die sich vorher durchsetzten: Ich würde das für mich und aus Eigennutz tun, man müsse bei mir vorsichtig sein und so weiter und so fort. Somit kam es zu keiner Veröffentlichung, zu keiner weiteren Aufführung (“Wer soll das aufführen? Das Stück ist schwer und man braucht ein großes Orchester! Du (!) kannst das nicht, das ist über Deinem Niveau!” Das war die letzte Aussage mir gegenüber vor einigen Jahren. Von einem Hobby-Musiker. Nachdem ich das Stück bereits aufgeführt hatte, Orchesterleitung studiert hatte, seit Jahren erfolgreich Orchester leitete und zwei große Oberstufen-Orchester zur Verfügung hatte. Aber was will man machen…). Das Werk ist verschollen wie alle anderen von Enno Meyenburg.

Meine “Heidewanderung” wird sich an der “Hermann-Löns-Kantate” anlehnen: Ich übernehme von Enno das fallende Sekund-Motiv, das bei mir aber nicht in einen dissonierenden Klangnebel führt. Der erste Titel wird das berühmte “Auf der Lüneburger Heide” von Ludwig Rahlfs sein. Das Lied wird häufig als Marsch gespielt. Ich verwende aber den Original-Chor-Satz von Rahlfs und lasse es als Hymne klingen. Bis dahin ist das Stück bereits fertig komponiert. Wieder an Ennos Arbeit angelehnt wird wie bei ihm die Einleitung als idee fixe im Gesamtwerk auftauchen und die Einzelstücke miteinander verbinden. Derzeit ist meine Vorstellung, die einzelnen Lieder in verschiedenen Stilen verschiedener klassischer oder romantischer Komponisten zu bearbeiten; dies im Unterschied zu Enno, der ausgesprochen sensibel in die Stücke eintauchte und intuitiv und selbstverständlich aus seinem Können und seiner Künstlerpersönlichkeit schöpfte. Das Ende lehne ich wieder deutlich an Ennos Werk an, um mit dieser Klammer seine Leistung zu würdigen.

Mit der “Heidewanderung” werde ich nicht versuchen, Ennos “Hermann-Löns-Kantate” nachzukomponieren. Auch nach fast zwei Jahrzehnten habe ich noch deutlich Klangbilder im Kopf und denke fast, mir sollte es mit einiger Mühe tatsächlich gelingen, seinem Werk recht nahe zu kommen. Aber das käme mir wie Diebstahl vor und mein Respekt vor ihm und dem Werk verbietet mir das. Ich werde ein eigenes Stück schaffen, das aber deutlich seine Nähe zu Ennos Werk zeigen soll.

Dabei weiß ich aber eines: An jenem Mittwochabend vor 30 Jahren passierte in einer Akkordeon-Orchester-Probe etwas, das ich nie wieder erlebt habe und sicher auch nicht mehr erleben werde. Dem Komponisten und Leiter wurde warmherzig, tief empfunden und spontan tatsächlich für sein Stück applaudiert. Aber das ist auch gut so! Denn es war Ennos Moment. Ein flüchtiger Augenblick, in dem er endlich mal so gewürdigt wurde, wie er es als Künstler verdient hat, aber fast nie erleben durfte.

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