Liebeserklärung

Vorletztes Wochenende traten wir, das 1. Orchester des Akkordeon-Vereins Winsen (Aller), auf und gaben ein anderthalbstündiges Privatkonzert zu einer Diamantenen Hochzeit. Das Paar hat mich menschlich sehr beeindruckt, die Hochzeitsgesellschaft war gut aufgelegt, mein Orchester, wie immer, in Spiellaune: Das war ein wunderbares Konzert!

Heute traten wir beim Reservistentag in Celle auf. Ganz andere Voraussetzungen: Freier Himmel über uns, Passanten, keine Konzertatmosphäre, mein Orchester, wie immer, in Spiellaune: Das war ein wunderbarer Auftritt!

Ich liebe das! Die Herzlichkeit und das entspannte Miteinander vor, während und nach den Auftritten, das Spielniveau, das wir schon so lange halten, das Musizieren, also richtiges Musizieren und nicht das gelangweilte Abnudeln, zu dem sich immer wieder einige sich selbst als erfahren einschätzende Orchester hinreißen lassen, all das liebe ich.

Ich kann mein früheres Ich sehr gut verstehen, dass es sich dachte: „Boah! Ist das toll! Das will ich beruflich machen! Ich studiere, stecke alles da rein und dann leite ich Akkordeon-Orchester, baue Nachwuchs auf und die Vereine und Kollegen werden sagen, dass das anerkennenswert ist und sich darüber freuen!“ Ja, ich kann mein früheres Ich verstehen. Würde ich ihm begegnet sein, hätte ich ihm aber in etwa gesagt, was ihm sein damaliger Orchesterleiter, Enno Meyenburg, gesagt hat: „Davon kann man nicht leben, die Szene ist missgünstig, die Vereine und Orchester sind undankbar und Anerkennung bekommt man nicht. Elsbeth Moser hat dir einen Floh ins Ohr gesetzt. Sie kann da nur von leben, weil sie Dozentin ist. Sonst geht das nicht.“ Das war ein Mittwochabend vor der Orchester-Probe, nachdem ich mit dem Jugendorchester geprobt hatte.

Ich glaubte ihm nicht. Dann starb Enno plötzlich, er ging buchstäblich an der Szene und der Vereinspolitik zugrunde, nachdem wir im Streit auseinander gegangen waren und ich das Akkordeon-Orchester Celle leitete. Mir wurde die Leitung meines Heimatorchesters angeboten, ich sagte zu und musste sofort lernen, dass er vollständig recht hatte, als sich mein Trauzeuge das Orchester unter den Nagel riss und ich zuvor merken musste, dass das Celler Orchester mich als Dirigenten nicht wirklich akzeptierte und ohne mich und ohne mein Wissen Auftritte mit Unterhaltungsmusik absolvierte. Der Start eines nicht enden wollenden und letztlich vergeblichen Bemühens um vernünftige Orchester-Arbeit und Ausbildung zumeist gegen Vereinsleute, die ihre Expertise aus ihrer Einbildung gewinnen, aber sich großtuerisch durchsetzen.

Nein, leben kann man davon nicht; jedenfalls nicht, wenn man legal arbeitet, ordnungsgemäß versteuert, sich versichert und vorsorgt. Das heißt auch, dass ich solche Auftritte und Konzerte viel seltener erlebe als früher. Ebenso probe ich viel weniger. Mein Beruf ist jetzt eben ein anderer.

Aber ich habe jetzt ein schönes Hobby, das ich mit einem professionellen Hintergrund ausüben kann. Das Studium hat sich insofern gelohnt, als dass meine Qualifikationen anerkannt sind und ich jetzt als Pädagoge im Staatsdienst arbeiten kann. Es hat sich auch gelohnt, weil ich mit einem guten und sicheren Gefühl darum, dass ich weiß, was ich da tue, vor meinem Orchester stehen kann und die Proben und insbesondere die Konzerte und Auftritte unaufgeregt in vollen Zügen genießen kann.

Das Studium hat sich insofern nicht gelohnt, als dass ich meinen jetzigen Beruf leichter hätte erreichen können und schon viel länger hätte Geld verdienen können, als jeden Pfennig und Cent wieder in den eigenen Betrieb zu stecken.

Das alles konnte mein früheres Ich nicht wissen. Und es war nicht zu überzeugen gewesen, falsch zu liegen. Dafür war die Begeisterung für den Beruf zu groß. Vielleicht hätte man es überzeugen können, dass es grenzenlos naiv und ziemlich dumm ist, die Liebe zur Musik auf die Orchester und die Szene insgesamt zu projizieren und sie als emotionale Heimat zu sehen. Aber dafür hätte jemand mit ihm reden müssen, dem mein frühere Ich wirklich am Herzen lag und der sich gleichzeitig in der Szene auskannte.

So bleibt aber nur eines zu sagen: Ich liebe dieses Orchester und die Konzerte und Auftritte! Ich genieße das und koste es voll aus, solange es dauert. Ich genieße das entspannte und fröhliche Beisammensein besonders nach den Konzerten, wenn man abgekämpft aber glücklich miteinander plaudert und scherzt. Ich genieße das auch, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wie viel falsche Freundschaften es in dieser Szene gibt, wie viel Kalkül, wie viel Berechnung und wie viel Missgunst, wie wenig auch jahrzehntelange vermeintliche Freundschaften wert sind, wenn irgendwelche sandkastenpolitische Ziele verfolgt werden; wie brutal Menschen bereit sind, einen sinnlos, nur weil sie es können, existenziell zu vernichten, wenn man von ihnen abhängt.

Hätte mein früheres Ich sich anders entschieden, wenn ich ihm per Zeitreise oder so davon hätte berichten können, was ihm in der Szene blüht? Ich glaube fast, nein. Dafür war ich damals zu naiv, zu engagiert, zu begeistert. Ich habe zu sehr geliebt. Ich liebe das auch heute so sehr wie damals. Aber ich bin älter, erfahrener, vernünftiger. Und verbittert über die Akkordeon-Szene.

Wenn es nach mir geht: Ich habe die mentale, fachliche und körperliche Fitness für noch ein paar Jahrzehnte professioneller Orchesterleitung. Ich könnte auch noch deutlich mehr leisten, als ein Oberstufen-Orchester zu dirigieren. Ich würde es aber nicht mehr tun, selbst wenn ein Angebot dafür käme (was es sicher, ganz, ganz und absolut sicher, nicht tun wird): Dafür liebe ich dieses Orchester zu sehr. Aber es geht nur noch als Hobby, weil ich jetzt einen anderen, sehr schönen, Beruf habe.

Ich bin jetzt also Akkordeon-Orchester-Dirigent im Ruhestand. Ich habe noch ein tolles Orchester, das seit vielen Jahren auf hohem Niveau spielt und in dem viele tolle, fröhliche und freundliche Leute sitzen. Ich genieße das. Ich liebe es.

3 Gedanken zu „Liebeserklärung“

  1. Ich habe auf dieser Seite bereits schon einmal einen Kommentar, zum Thema Berufsaufgabe als freiberuflicher Musiklehrer, verfaßt, und zwar unter dem Namen Felix Hartmann. (http://akkordeon-lehrer.de/2019/01/29/zwischenbilanz/#comments)

    Dies ist, wie schon richtig erkannt wurde, nicht mein tatsächlicher Name, aber ich halte es – zumal als freiberuflicher Musiklehrer, der ich in der Tat bin, es handelt sich also hier nicht um einen Fake – im Internet für besser, nicht bei jeder Gelegenheit gleich seinen Klarnamen zu offenbaren. (http://akkordeon-lehrer.de/2019/03/16/widerspruch-von-felix-hartmann/)

    Im vorliegenden Aufsatz wird mehrfach eindeutig betont, daß man als Dirigent und Musiklehrer in Vereinen – was ich jetzt einmal grob unter dem generellen Berufsbild “freiberuflicher Musiklehrer” zusammenfasse – finanziell gesehen nicht existieren kann.

    Meine Sichtweise dazu:
    DAS STIMMT EINFACH NICHT !!!

    Das darf man nicht so verallgemeinern!

    Das möchte ich hier so explizit richtigstellen, weil ich mir vorstellen kann, daß diese Internetseite hier evtl. auch von noch unerfahrenen Musikstudenten und angehenden hauptberuflichen AKkordeonisten und Musiklehrern gelesen wird und ggf. eine abschreckende Wirkung hat.

    Dies ist KEINESFALLS ein Vorwurf gegen Herrn Steinhaus, der hier seine eigene Sicht und seine eigenen Erfahrungen mitteilt, wogegen nicht das geringste einzuwenden ist, im Gegenteil. Zur Meinungsbildung für bereits in diesem Beruf Arrivierte ist die Lektüre dieser Seite sogar sehr wertvoll, insofern geht hier auch ein Dank an Herrn Steinhaus für die regelmäßige Pflege dieser Seite. Solche Diskussionen beleben unser Berufsfeld und sind wichtig.

    Aber zurück zum Thema “brotlose Kunst”: Musik ist definitiv keine brotlose Kunst, und das ist nicht nur die Meinung einer mir bekannten emeritierten Klavierprofessorin einer Musikhochschule (ich nenne auch hier keinen Namen, frei erfunden ist aber auch dies selbstverständlich nicht!), sondern auch meine eigene, der ich nicht befähigt war und bin, an dieses Traumziel Hochschulprofessor zu gelangen.

    Als freiberuflicher Musiklehrer im Auftrag für eine private Musikschule sowie als privater Musiklehrer tätig (alles zusammen ca. 30 Schüler), als Dirigent zweier Akkordeonvereine und als freier Journalist für das Kulturressort der ortsansässigen Tageszeitung ist es mir gelungen, am Ende eines jeden Monats zu zufriedenstellenden, stabilen Einnahmen zu gelangen, die etwa mit dem Gehalt für eine Vollzeitstelle im TVöD Stufe 10-11 vergleichbar sind. Als wöchentliche reine Arbeitszeit würde ich etwa 40-45 Stunden ansetzen. Sicher könnte alles besser bezahlt sein (vor allem an der privaten Musikschule), aber das Gefühl von Ausbeutung habe ich nicht.

    Sicherlich hat auch eine Portion Glück für mich dazu gehört, an diese drei Standbeine zu kommen und diese auch aufrechtzuerhalten, und dafür bin ich auch sehr oft dankbar.

    Aber es ist vorstellbar, daß auch genügend andere in diesem Berufsfeld in einem ähnlichen Maße dieses Glück haben können und es gibt auch genug, die das haben.

    Grundsätzlich muß aber gelten: wer im Musikbereich nur auf einer einzigen Tätigkeit beharrt oder nur für einen Auftraggeber tätig wird, für den wird es in der Tat schwierig, Ausnahme Festanstellung in Vollzeit an einer städtischen Musikschule – was aber angesichts einer fragwürdigen Personal- und Finanzpolitik der Städte und Gemeinden auch immer schwieriger bis unmöglich wird, ganz zu schweigen von Klüngelbildung und Fürsprecher-Systemen, die an diesen Musikschulen hinter vorgehaltener Hand existieren! Mehrere Standbeine, und ggf. auch solche, die nicht primär musikalisch sind, sondern eher nur noch damit verwandt (etwa Kulturjournalismus oder z. B. eine Verwaltungsaufgabe im Kulturbereich, bei Kulturverbänden etc.), sind die Lösung des Problems. Da liegt dann auch an den Musikhochschulen einiges im argen, hier werden Spezialisten herangebildet, die von der freiberuflichen Wildnis “draußen” überhaupt keine Ahnung haben (wie die Dozenten übrigens auch oft nicht).

    Allen angehenden Musiklehrerkollegen rufe ich nochmals zu: bleiben Sie mutig und engagiert, halten sie Augen und Ohren nach Arbeitsmöglichkeiten offen, verzagen Sie nicht. Unsere Gesellschaft und unser Nachwuchs braucht die Musik und braucht Musiklehrer. Und: im Zeitalter von Automatisierung und Robotereinsatz auch in Dienstleistungsberufen wird der Beruf des Lehrers im künstlerischen Bereich und des Dirigenten einer der wenigen Berufe sein, deren Fortbestehen gesichert ist!! Bleiben Sie dran!!!

    1. Sehr geehrter Herr Kollege,

      ich finde ganz großartig, dass Sie sich noch einmal zu Wort melden und dies in einer solch inhaltlich wie formal durchdachten und sorgfältigen Art und Weise! Ich schalte alle Kommentare händisch frei, also bitte ich um Verständnis, wenn das etwas dauert. Der Grund ist einfach der, dass in der Regel Spam-Kommentare auflaufen, die für niemanden irgendeinen Nutzen haben. Ihre Kommentare habe ich in keiner Weise angetastet, gekürzt oder sonstwie bearbeitet und finde sie sehr wertvoll (ich habe in ihrem letzten Kommentar entsprechende Bezugslinks gesetzt). Außerdem bitte ich um Verständnis für meine Skepsis aufgrund ihres Pseudonyms, denn ich habe einfach schon sehr viele eigenartige Dinge erlebt.

      Wie Sie ganz richtig hervorheben, ist diese Homepage ein Spiegel meiner Erfahrungen. Es ist auch richtig, dass ich von diesem Beruf eindeutig abraten muss und zu dem Schluss gelangt bin, dass er nur noch auf dem Papier existiert. Ich will das mal an Folgendem weiter belegen: Ich gehörte, wenn ich das unbescheiden sagen darf und wie man mir vielleicht nicht anmerkt oder mehr zutraut, zu den Jahrgangsbesten unseres Studiengangs (1,6 Diplomnote, Note 1 für die Diplomarbeit, Note 1 in Orchesterleitung) und studierte gezielt daraufhin, Akkordeon-Orchester aufzubauen, zu leiten, zu arrangieren und gelegentlich zu komponieren. Sehen Sie sich mal um, wie wenig solcher Kollegen und Kolleginnen es heute vor Akkordeon-Orchestern gibt! Und dann sehen Sie vergleichsweise mal nach, wie viele Akkordeonisten jährlich an den Hochschulen hervorgebracht werden! Von den Akkordeonisten meines Jahrgangs arbeitete nur ich in dem Beruf, die anderen wichen auf andere Tätigkeiten aus oder zogen wieder ins Ausland zurück. Von den Instrumentallehrern meines Jahrgangs und meiner Akademie arbeitet meines Wissens nur eine einzige noch als Instrumentallehrerin erfolgreich dank eines guten Standortes in einer kultivierten Lage und günstiger Miete.

      Ich hatte zuletzt 40 Schüler, leitete ein Orchester, nahm Aufträge als Musiker an. Aber das war trotzdem nicht zu schaffen. Das wäre es vielleicht gewesen, wenn örtliche Vereine meinen Betrieb als Chance gesehen hätten, ihren Nachwuchs auszubilden. Die sehen das aber nicht so. Meiner Erfahrung nach sehen sie das nie so. Da gibt es immer jemanden mit entsprechenden DHV-Lehrgängen, der mit der Ausbildung nebenberuflich betraut ist, und ganz gerne auch mal jemanden, der diese Lehrgänge nicht absolviert bzw. nicht geschafft hat und trotzdem unterrichtet. Da werden die eigenen Kinder zu einer Bekannten geschickt, die auch “schön spielt”, total nett ist und nur ganz wenig als Honorar nimmt; ist doch viel günstiger. Als ich mich bei einem Verein als professioneller Musiker vorstellte, weil der Verein einen Dirigenten suchte, wurde von mir verlangt und erwartet, ein Jahr kostenlos zur Probe zu arbeiten!

      Schauen Sie also einfach mal, wie viele Absolventen jedes Jahr aus den Hochschulen auf den Markt strömen und wie viele davon tatsächlich Fuß fassen können. Es ist ein Bruchteil, der das schafft. Und davon ein Bruchteil, der davon gut existieren kann. Und davon ein Bruchteil, der sagen kann, richtigen Erfolg zu haben.

      “Allen angehenden Musiklehrerkollegen rufe ich nochmals zu: bleiben Sie mutig und engagiert, halten sie Augen und Ohren nach Arbeitsmöglichkeiten offen, verzagen Sie nicht.” Das können Sie rufen. Aber es nicht wahr, dass Mut und Engagement und Kompetenz und Persönlichkeit und alle diese guten Eigenschaften Erfolg versprechen. Wahr ist, dass es zum größten Teil beziehungsgelenkt und zufallsabhängig ist, Erfolg zu haben. Die treibende Kraft, gerade in der Akkordeon-Szene, ist nicht Förderung von “Neuen” sondern Missgunst und Eigennutz. Das sage ich nach 43 Jahren in der Szene aus eigener Erfahrung und Beobachtung. Ginge es nur mir so, würde ich mich verkriechen und herumleiden. Aber man kann es eben auch haufenweise beobachten, dass es ist, wie ich es beschreibe.

      “Unsere Gesellschaft und unser Nachwuchs braucht die Musik und braucht Musiklehrer.” Da haben Sie absolut recht! Aber: Die Gesellschaft hat alles getan, um den Beruf zu zerstören. Auf jeder Ebene. Und der DHV war mit dabei, indem er Lehrgänge als “Studium” verkauft hat, damit sich die großen Namen der Szene noch etwas mehr in Szene setzen und noch etwas Geld verdienen können. Mit dem Ergebnis, dass Akkordeon-Vereine von Hobby-Musikern geleitet werden. Mein Heimatverein wurde von jemandem geleitet, dessen “Qualifikation” es war, (wörtlich!) “Vollblutmusiker” zu sein und seinen Grundwehrdienst im Heeresmusikkorps an der Rührtrommel abgeleistet zu haben. Da kann so ein studierter Akkordeonist nicht mithalten. Während er das Orchester leitete, war ein ehemaliger Prof. für Akkordeon aus Russland für den Unterricht zuständig. Und der DHV überreicht lächelnd diesem Mann werbewirksam und pressetauglich Auszeichnungen und Pokale für Verdienste (d. h. für die Dauer seiner Mitgliedschaft). Wie war das noch gleich mit Mut und Engagement und Qualifikation etc.?

      “Und: im Zeitalter von Automatisierung und Robotereinsatz auch in Dienstleistungsberufen wird der Beruf des Lehrers im künstlerischen Bereich und des Dirigenten einer der wenigen Berufe sein, deren Fortbestehen gesichert ist!” Das ist eine mehr als gewagte These. Schauen Sie sich mal die Absatzzahlen des Akkordeon-Fachhandels an: Was da passiert ist desaströs! Schauen Sie sich mal die Zahl der funktionieren Akkordeon-Orchester und ihre Größen an: Dirigent solcher Klangkörper ist ein Zukunftsberuf? Da liegen Sie vollkommen falsch.

      Ich sehe es so: Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem Erfolg. Es ist schön, dass für Sie alles bisher funktioniert. Ich konnte mich über Erfolg auch nicht beklagen, ohne dass allerdings ein echter Durchbruch erfolgte. Immerhin konnte ich mich so weit über Wasser halten, dass ich meine BAföG-Leistungen zurückzahlen konnte, die Studiengebühren begleichen, die Instrumente kreditfinanzieren konnte. Also weiß ich durchaus aus mehr als 20 Jahren Arbeit in diesem Beruf, dass es funktionieren kann. Vor einigen Jahren allerdings noch leichter als heute und ich habe am eigenen Leib erfahren, wie sich die allgemeinen Bedingungen, ganz unabhängig von den persönlichen Erfahrungen mit bestimmten Vereinen und Leuten in der Szene, so veränderten, dass eine auskömmliche Arbeit zunehmend schwierig wird. Hier (http://akkordeon-lehrer.de/warum-die-akkordeon-szene-stirbt/) habe ich an einem realen aber anonymisierten Beispiel vorgerechnet, warum Arbeit für diesen speziellen Akkordeon-Verein, aber auch ganz allgemein, nur auf Kosten der Fachkräfte funktionieren kann.

      Sehr geehrter Herr Hartmann, das Brutto(!)-Einkommen von studierten Fachkräften liegt in unserem Berufsfeld bei 13.400 € jährlich im Schnitt! Sie machen ernsthaft jungen Menschen Mut, mit dieser Aussicht ein Studium auf sich zu nehmen? Ich kann das nicht guten Gewissens.

    2. Eine Anmerkung geht mir aber doch noch durch den Kopf, die zu machen ich mir zunächst verkniffen habe:

      “Dies ist, wie schon richtig erkannt wurde, nicht mein tatsächlicher Name, aber ich halte es – zumal als freiberuflicher Musiklehrer, der ich in der Tat bin, es handelt sich also hier nicht um einen Fake – im Internet für besser, nicht bei jeder Gelegenheit gleich seinen Klarnamen zu offenbaren.” So sehr ich verstehen kann, wenn man vorsichtig ist, es schwächt doch in meinen Augen Ihr vehementes Fürsprechen für den Beruf. Ich bin immer offen für oder gegen Positionen eingetreten und das dürfte tatsächlich auch ein Grund dafür sein, dass ich aufgrund mangelnden Mitheulens mit den Wölfen letztlich in dem Beruf gescheitert bin. Deshalb ist Ihre Vorsicht absolut nachvollziehbar. Aber sie zeigt eben auch ein wenig, dass diese Vorsicht geboten ist, weil es eben so ist, wie ich kritisiere. Es gibt nämlich keinen offenen, fairen Umgang miteinander, kein Abwägen von Argumenten. Es gibt Koalitionen, Lagerzugehörigkeit.

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