Oberton- und Grundtonhörigkeit

Heute, 11.5.2019, erhielt ich zwei Links zum Oberton- und Grundtonhören. Diese Tests durchzuführen, könnte für jeden Leser hier interessant sein (die Statistik zeigt mir, dass es doch einige Leser gibt und dafür danke ich herzlich):

Kurztest zur Oberton- und Grundtonhörigkeit

Test Obertongesang

Das veranlasste mich, über mein eigenes Hörverhalten und meine Arbeit mit Orchestern zu reflektieren:

Wie man einzelne Töne spielt, gehört bei mir zum Feinschliff. Zuerst geht es mir immer erst quasi grundtonhörig um die große Geste. Mich stört es sogar manchmal, wenn beim ersten Durchspielen sofort jeder einzelne Ton irgendwie phrasiert wird. Aber wie bei einem Vexierbild wechselt mein Gehirn zwischen Grundton- und Obertonhören und ich nehme beispielsweise die Basslinie im Orchester wie auch die Grundtonbewegung und -Richtung überhaupt nicht mehr wahr. Meistens dann, wenn ich mich damit beschäftige, wie wir etwas phrasieren wollen.

Alles gleichzeitig zu hören und gleichwertig zu beachten ist gerade am Anfang schwer und kostet viel Energie. Ich kann es deshalb oft nur schwer beantworten, wenn aus dem Orchester gefragt wird, ob etwas staccato, legato oder sonstwie gespielt werden soll, weil ich einfach gerade darauf nicht höre bzw. mich damit gerade nicht beschäftige. Solche Fragen werfen mich gelegentlich aus meinen Gedanken zum Stück, ich muss versuchen, gedanklich nachzuhören und dann schnell sinnvoll antworten.

Prinzipiell gehe ich in den Proben an Orchesterstücke wie an mein damaliges Soloprogramm heran und versuche, mit dem Orchester wie mit einem selbst gespielten Instrument zu arbeiten (darauf legte mein Prof. Marius Bazu gesteigerten Wert: “Ein Orchester ist ein lebendiges (!) Instrument und Du bist der Musiker, der es spielt!” Und Prof. Elsbeth Moser schärfte mir ein, immer gesanglich zu denken): Ich denke oft in “linke Hand” – “rechte Hand”, “oben” – “unten”, “Vordergrund” – “Mittelgrund” – “Hintergrund”, an die Verteilung der Aufgaben und dann erst an das Zusammenspiel beider “Seiten” und aller Dimensionen.

Wenn ein Stück im Orchester und in meiner Vorstellung gefestigt ist, diese Vorstellung habe ich manchmal vor den Proben (bei “ernster” Musik vor allem und bei eigenen Stücken), dann höre und denke ich im Gesamtbild beim Dirigieren. Manchmal entwickele ich diese Vorstellung erst beim Proben auch anhand von dem, was ich an spielerischen Eindrücken aus dem Orchester gewinne. Das ist dann ein Wachstumsprozess, der unterschiedlich lang dauern kann, und deshalb brauche ich die Proben auch für mich.

Immer das gesamte Bild betrachte ich, wenn es auf Aufführungen zu geht und insbesondere bei Konzerten und Auftritten. Da ist es so, dass ich vorwiegend das dirigiere, was in meinem Kopf ist und deshalb Verspieler nahezu vollständig ausblende. Dabei gehe ich aber auf das musikalische Geschehen insgesamt ein und versuche, uns davon kontrolliert forttragen zu lassen; das ist eben ein kreativ-musikalischer Prozess und es läuft kein starres und damit für die Aufführung und Wirkung tödliches inneres Metronom oder so. “Musik muss fließen.” (Bazu), “Musik wird grundsätzlich rubato gespielt.” (Moser).

Als ich selbst im Orchester spielte, hat es mich gelegentlich gestört, wenn unser Dirigent aus den Stücken “etwas Eigenes” machte. Heute denke ich oft genau so wie er. Ob ich damals vorwiegend Obertonhörer war, weiß ich allerdings nicht.

Ich meine, dass Oberton- und Grundtonhörigkeit trainierbar ist; jedenfalls hat sich mein Hörverhalten durch das Studium deutlich verändert. Im Gegensatz dazu ist das absolute Gehör, das ich nicht habe, veranlagt, soweit ich weiß. Letzteres ist einerseits ein beneidenswerter Segen, aber von einer Kommilitonin, einer (tollen und wunderschönen) Geigerin des schönen Namens Maike, weiß ich, dass das auch ein Fluch ist: Sie störte sich bei jedem Musizieren mit gleichschwebend temperierten Instrumenten sehr daran, weil die Intervalle nicht stimmten, und wurde von Unsauberkeiten auch im eigenen Spiel förmlich gequält. Und Sie hasste die Tremolo-Schwebung des Akkordeons, weil diese durch eine Verstimmung erzeugt wird (anders als das Vibrato bei Sängern oder anderen Instrumenten).

Zurück zum ersten Test: Ich habe ihn zwei mal durchgeführt. Dabei habe ich mich bewusst jeweils zum Oberton- oder Grundtonhören entschieden mit den Ergebnissen, einmal angeblich ein extremer Obertonhörer und einmal angeblich ein extremer Grundtonhörer zu sein. Um es zusammenzufassen, höre ich also je nachdem, welche Aufgabe ansteht, ober- oder grundtönig und das unbewusst wie bewusst.

Zum zweiten Test: Einer meiner Kommilitonen, Jochen, ein total sympathischer Sänger, war ein Meister des Obertongesangs. Er konnte die Obertöne so klar isolieren, dass man meinte, eine Flöte oder ähnliches zu hören. Das war klarer zu hören, als bei dem verlinkten Beispiel, das schon sehr, sehr gut ist. Ich kann das gar nicht.

Es war einmal ein Obertonsänger, kein schlechter, bei einer der Casting-Shows mit Dieter Bohlen. Bohlen hat den achtkantig mit ziemlich erniedrigenden Bemerkungen raus geworfen und RTL hat ihn genüsslich vorgeführt. Weil nicht verstanden wurde, was er da tat.

Falls jemand jemals wissen wollte, was in meinem Kopf vorgeht (außer nackten Frauen, Kino-Filmen, Autos, Werkzeug und was uns Männer sonst so beschäftigt): da steht es jetzt so ungefähr. Ohne Anlass hätte ich das nie erzählt oder irgendwo hingeschrieben.

Jetzt bin ich für den Rest des Tages deprimiert, dass ich diesen wunderschönen Beruf aufgeben musste bzw. die beknackte Akkordeon-Szene ist, wie sie ist…

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