Zwischenbilanz

Ich habe um Weihnachten/Neujahr wieder einige Briefe und Postkarten von ehemaligen Schülerinnen und Schülern erhalten und freue mich darüber sehr! Teilweise wurden sie persönlich an eine meiner Arbeitsstellen gebracht und tragen keinen Absender. Weil ich aus Datenschutzgründen keine Schüler-Adressen nach meiner Betriebseinstellung mehr habe, kann ich nicht direkt antworten und hoffe, dass es alle erreicht, wenn ich mich hier herzlich bedanke.

Ein halbes Jahr im neuen Beruf und damit Zeit, Bilanz zu ziehen.

Geblieben ist:

  • Ich mache meine Arbeit gerne und engagiere mich sehr.
  • Ich kann Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten, sie unterstützen und unterrichten.

Neu ist im Gegensatz zu meiner Arbeit in Vereinen:

  • Mit meinem neuen Beruf kann ich meinen Lebensunterhalt und den meiner Familie bestreiten.
  • In meinem neuen Beruf erlebe ich täglich echte Kollegialität und faire und zupackende Vorgesetzte.
  • Ich bin kein Spielball der Launen.
  • Ich befinde mich in einer klaren Rechtsbeziehung zu meinem Arbeitgeber, kann ggf. Standpunkte argumentativ erstreiten und bin nicht mehr scheinselbständig.
  • Es gibt keine teuren Reisen mehr, bei denen Vorstände versuchen, mir die Unterbringung in einer Jugendherberge oder, wenn es gut läuft, einem Hotel als Großzügigkeit zu verkaufen, und die mich aufgrund des sowieso schon geringen Einkommens regelmäßig nahezu ruinieren.
  • Unsinniges Gerede oder ähnliches wird nicht hingenommen oder unter den Teppich gekehrt sondern so etwas wird angegangen.
  • Meine Qualifikationen werden anerkannt und nicht nach Lust und Laune infrage gestellt.
  • Fachkollegen erkennen Leistungen an und respektieren mich dafür; eine ganz neue und sehr schöne Erfahrung, die in meinem eigentlichen Beruf die Ausnahme war.
  • Ich habe einen Rechtsschutz gegen Willkür.

Es war eine kluge und die einzig richtige Entscheidung, meinen Traumberuf für diese neue Arbeit aufzugeben. Die Vorstellung, die ich hatte, nämlich in Vereinen eine fundierte Instrumental-Ausbildung mit dem Ziel zu geben, ein leistungsstarkes Orchester aufzubauen, funktioniert nicht, ist nicht gewünscht und wird von den Dachverbänden auf keiner Ebene wirklich unterstützt. Man bekommt maximal, wenn überhaupt, Lippenbekenntnisse. Für ein paar wenige Jahre konnte ich mein Ziel in Langenhagen umsetzen, aber dann spinnt wieder irgendwer, der sich wichtig fühlt, herum, und das reicht in Vereinen, um jemanden loszuwerden.

In räumlicher Nähe zu anderen Vereinen ein eigenes Unterrichts-Angebot aufzubauen wurde von Vereinen ebenfalls nicht als Chance wahrgenommen. Das weiter aufrecht zu erhalten hätte mich ruiniert.

Ich habe meinen Betrieb dank Höherer Handelsschule und Verwaltungsausbildung mit Buchführung selbst geführt, habe durch das Studium (Abschluss mit Bestnoten) die künstlerische, pädagogische und allgemein fachliche Kompetenz und ich hatte die Leidenschaft für den Beruf. Aber das reicht der Szene irgendwie nicht.

Ich habe mir nicht angesehen, was der letzte Verein, für den ich das anbot, so macht, seit ich dort weg bin. Ich vermute, sie machen das, was alle gemacht haben, als ihnen die Substanz flöten ging, nachdem man die idealistischen Fachleute abservierte: Man engagiert Virtuosen, an denen man sich eine Weile berauscht. Bis man deren Programm kennt und diese Musiker aufgrund der Arbeit immer weniger Zeit zum Üben haben. Dann retten sie sich ein wenig durch Auftritte mit Kollegen (Das ist kein Vorwurf sondern nahezu zwangsläufig so). Konzerte werden nicht mehr vom Orchester alleine bestritten, sondern es werden immer, nicht nur mal gelegentlich aus besonderem Anlass und mit eigener Beteiligung, Künstler oder Gruppen eingeladen, um die Konzerte aufzuwerten. In deren Glanz versucht man sich noch ein wenig zu sonnen und steht kuhäugig vor deren Kunst. Und das Orchester selbst dümpelt vor sich hin. Schüler sind im Orchester nur gelegentlich Gäste, die „alten Hasen“ sitzen wie betoniert auf ihren Stühlen und lassen sich die jungen Spieler nicht entwickeln. Das Orchester spielt vier- oder dreistimmig und findet das plötzlich schön. Plötzlich findet man auch ernste Musik schön, obwohl man vorher „Swing with Robbie Williams“ zu anspruchsvoll fand. Und dann plötzlich doch nicht mehr; wie immer eben. Die Vierstimmigkeit rechtfertigt man, wenn dazu die Kompetenz reicht (was selten ist) oder man das so aufgeschnappt hat, mit Hugo Herrmann oder entsprechenden Äußerungen von Stefan Hippe.

Wer mag, kann ja mal prüfen, wo auf dieser Route mein voriger Verein jetzt steht. Ich kann nur kopfschüttelnd resigniert abwinken.

Seit meiner neuen Anstellung habe ich nicht mehr vernünftig üben können. Ab Februar ändert sich etwas in meiner Beschäftigung und ich hoffe, dass ich dadurch von der derzeitigen 60-Stunden-Woche runter komme. „Großes“ will ich nicht mehr auf dem Instrument und schon gar nicht in der Szene. Das ist wirklich für mich erledigt und ich bin überzeugt, dass die Szene sich nicht mehr lange wird halten können.

Aber: Ich habe das überlebt (das ist buchstäblich so gemeint), bin rechtzeitig ausgestiegen, um nicht daran pleite zu gehen oder gesundheitliche Beeinträchtigungen davon zu tragen. Es ist gut, wie es ist.