Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne

Wenn zwei Phrasen ineinandergreifen, die eine endet und die neue gleichzeitig beginnt, nennt man das in der Musik „Verschränkung“. Oder, um es lyrisch auszudrücken: Jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne.

Genau das hatte ich heute. Heute lernte ich meinen neuen Arbeitsplatz kennen. Heute verabschiedete ich meine letzten Instrumentalschüler. Zum letzten Mal habe ich als Instrumentallehrer meine Unterrichtsräume abgeschlossen.

Ich habe zum Abschied viele Geschenke erhalten. Selbst Gebackenes, selbst gemachte Konfitüre, selbst Gebasteltes. Viele Karten, einige Briefe. Alles herzlich, aufrichtig.

Mir sind einige Male die Tränen bei den Briefen und Karten gekommen. Wenn sich Erstklässler hinsetzen und mit viel Mühe und Fleiß liebe Texte schreiben, ist das herzzerreißend. Dass sich aber eine Jugendliche hinsetzt, ich will den Namen nicht nennen, weil man nie weiß, wer so etwas irgendwie gegen sie nutzen könnte, und mir ausführlich schreibt, wie wichtig ihr der Musikunterricht war und ich als Lehrer und Freund, dann trifft mich das direkt ins Herz. Falls Du das liest, liebe M.: Vielen Dank!

Zwei andere Jugendliche haben aber den Vogel, wie man so sagt, abgeschossen: L. und N. haben heute nicht nur leckere Muffins mit Glasur und Notenverzierungen für mich gebacken, sondern mir auch ein Kochbuch geschenkt. Aber kein simples Kochbuch, wie es jeder hat. Sondern ein Kochbuch perfekt passend zur Matinee mit dem Winser Akkordeon-Orchester und zu meinem Arrangement des Serientitels:

Instrumentallehrer und Orchesterleiter sein, das war ich. So habe ich mich gesehen, das wollte ich sein. Diese Reaktionen zeigen mir wieder (sie waren in jedem Verein, den ich verlassen musste, ganz ähnlich), dass ich das ganz richtig gesehen habe. Dass es nicht funktioniert, liegt nicht an mir; ich habe zu oft auch andere grundlos und viel existenzieller in diesem Beruf scheitern sehen. Es liegt zu einem erheblichen Teil an Vereins- und Verbandsfunktionären und -Strukturen.

Meine neue Chefin ist eine kompetente, engagierte junge Frau. Sehr zupackend und entscheidungsfreudig. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit! Es fehlt noch das letzte Okay der Landesbehörde und dann beginnt meine neue Arbeit im August. Jetzt werde ich mein Büro neu ordnen: Individualunterrichte werden verworfen, Platz für die neue Aufgabe muss geschaffen werden. Den Raum, in dem ich zukünftig tätig sein werde, muss ich neu strukturieren und auf meine Vorstellungen hin anpassen. Mein Flügel wird dort mein wertvolles Arbeitsgerät sein.

Liebe Schüler und Schülerinnen: Herzlichen Dank Euch allen!

Letztes Engagement als Profi

So. Das war er also. Mein letzter Auftrag und Auftritt als professioneller Musiker. Ich habe heute einen Kindergarten-Chor mit Kindern, die jetzt zur Schule kommen, bei ihrer Piraten-Revue musikalisch begleitet. Die Revue war wunderbar ausgearbeitet und mit viel Hingabe eingeübt, die Kinder haben ausgezeichnet geschauspielert und gesungen. Das war eine runde, schöne Sache.

Zu den vielen schönen Erinnerungen ist heute eine besondere dazu gekommen: Die Kinder wurden von der Kindergartenleiterin nach der Revue mit ihren Vor- und Piratennamen vorgestellt. Wie etwa „Alina, die Kluge“. Dann bedankte sie sich bei mir für die Begleitung und aus dem Kinderchor rief ein Junge: „Dietmar, der Witzige“.

Jetzt noch anderthalb Wochen Unterricht. Ein paar Schüler habe ich bereits zum letzten Mal gesehen und Tränen sind geflossen. Das wird schwierig. Ich habe diesen Beruf und meine Schüler wirklich geliebt. Ich habe auch mal durchgerechnet: Über 300 Schüler habe ich in meiner Zeit als freiberuflicher Musiklehrer unterrichtet (genauer kann ich das nicht berechnen, weil ich einige in Schulen oder Vereinen nicht unter eigenem Vertrag unterrichtete). Ein paar spielen in Akkordeon-Orchestern, wenige haben aus dem Hobby einen Beruf gemacht. 25 Jahre leite ich Akkordeon-Orchester, aber die Ehrung für 20 Jahre durch den Dachverband habe ich natürlich nicht erhalten (auch nicht erhalten habe ich eine Antwort auf meine Mitteilung, den Betrieb einzustellen). Aber jetzt ist das egal. Denn jetzt bin ich nicht mehr darauf angewiesen, als Profi wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Vom Hobby zum Beruf und jetzt eben wieder zurück.

Ende Juni ist die Vertragsunterzeichnung, den Juli nutze ich für Vorbereitungen auf die neue Aufgabe (die Ideen sprudeln bereits, ich muss jetzt nur sehen, was tatsächlich umsetzbar sein wird) und dann starte ich ab August mit einer Festanstellung in einen neuen Lebensabschnitt.

Was ich mit diesem Account machen werde, weiß ich noch nicht. Werbung für mich hat jetzt ja keinen Sinn mehr. So eine Art persönliches Internetdenkmal ist das vielleicht.

Mein Orchester in Winsen (Aller) werde ich weiter leiten, wenn und so lange es mich behalten will. Darüber hinaus gibt es keinen Plan.

Aber ein paar Dinge weiß ich sicher: Ich werde Freizeit haben. So richtig. Nicht halb, also mit dem Kopf immer im Betrieb, der Buchführung oder, was schlimmer ist, bei Vereinsleuten, die meinen, an mir herumzerren zu müssen. Ich werde nicht mehr alles in Betrieb und Ausbildung stecken. Noch ein paar Dinge mehr weiß ich, die ich aber hier nicht hinschreiben werde.

Und: Ich werde Freude an meinem neuen Beruf haben! Ganz sicher. So ärgerlich und traurig meine Betriebseinstellung für mich und für meine Schüler ist, muss ich sagen, dass die neue Stelle unter diesen Umständen das Beste ist, was mir passieren konnte

Neuer Lebensabschnitt

Ab August werde ich als festangestellter Pädagoge in Vollzeit arbeiten. Ich bin froh, dass ich dafür geworben worden bin. Auf diese Weise bin ich zwar nicht mehr individueller Instrumentallehrer, was ich leidenschaftlich gerne war, aber ich kann den pädagogischen Aspekt meines Berufs weiter pflegen.

Es ist bezeichnend für die Akkordeon-Szene und sehr erschütternd, dass ich in ihr wenig bis keine Anerkennung als Fachmann finden konnte, außerhalb dieses Problem für mich aber nie bestand.

Ich werde den Instrumentalunterricht vermissen, aber ich freue mich auf die neue Aufgabe, mit der ich im August starten darf!

Letztes Schülerkonzert

1993 habe ich erstmals Instrumental-Schüler einer Öffentlichkeit präsentiert. Heute also war es nach 25 Jahren das letzte Mal.

Ich bin stolz auf und glücklich über die Leistungen und die Freude meiner Schüler beim Vorspielen! Ihr habt das, wie immer, großartig gemacht!

Jetzt unterrichte ich noch etwa drei Wochen bis zum Betriebsende und dann ist das, wofür ich so viel getan habe, vorbei.

Ich denke gerade über einen Abschlusstext für meinen Beruf nach. Würde etwas länger werden.