Betriebseinstellung

Hier öffne ich meine Homepage für Kommentare zu meiner Betriebseinstellung. Vielleicht gibt es ja öffentlichen Gesprächsbedarf.

Liebe Eltern, liebe Schüler und Schülerinnen,

ich habe leider keine gute Nachricht für Sie und Euch: Ich bin gezwungen, zu den Sommerferien 2018 den Unterrichtsbetrieb einzustellen und meinen Beruf aufzugeben. Damit kündige ich alle Unterrichtsverträge aus wichtigem Grund ohne Kündigungsfrist (persönliches Schreiben folgt in den nächsten Tagen).

Für die jüngeren Schüler wird es schwer vermittelbar sein, warum ich den Unterricht aufgeben muss, und die Sachlage ist auch grundsätzlich etwas kompliziert. Ich möchte aber gerne versuchen, die Umstände zu erläutern:

Als hauptberuflicher und freischaffender Musiker und Musiklehrer bin ich über die Künstlersozialversicherung versichert. Diese übernimmt staatlich finanziert den Arbeitgeberanteil der Sozial- und insbesondere Krankenversicherung, sodass wir Künstler den Arbeitnehmeranteil zahlen und auf diese Weise in gesetzlichen Krankenkassen Aufnahme finden. Um diesen Zugang zu erhalten gibt es Voraussetzungen. Eine davon ist, dass das versicherungsrelevante Nettoeinkommen über 3.000 € im Jahr liegen muss, damit nur die Personen unterstützt werden, die tatsächlich diesen Beruf zum Lebensunterhalt ausüben.

Für alle, die diese Summe zurecht lächerlich gering finden, muss ich erläutern, dass das Brutto(!)-Einkommen in meinem Beruf durchschnittlich bei nur 13.400 € im Jahr liegt! Damit ist das Einkommen von studierten Fachkräften gemeint! Nicht das von Hobby- und Freizeitlehrern.

Ich hatte in meiner gesamten Laufbahn immer viele Schüler und habe auch derzeit mehr, als jeder Kollege und jede Kollegin, den oder die ich kenne, deshalb ist mein Bruttoeinkommen weit mehr als doppelt so hoch. Um den Betrieb nur wirtschaftlich kostendeckend zu führen benötige ich 40 Schülerverträge, die in der Mischkalkulation pro Vertrag 50 € monatlich einbringen müssten. Durch unvorhergesehene Kündigungen aus unterschiedlichen Gründen im ersten Jahresdrittel bin ich aber von weit über 40 Verträgen nun genau auf dieser Vertragszahl gelandet und werde damit im Jahres-Nettoeinkommen deutlich unter den 3.000 € liegen, die mir den Zugang zur Künstlersozialkasse erhalten würden.

Somit werde ich aus der Künstlersozialkasse ausgeschlossen werden und müsste mich privat versichern. Dies ist aus meinem Einkommen heraus nicht zu leisten und vor allem ist die Beitragshöhe für mein Alter nicht aufbringbar; falls ich überhaupt aufgenommen werden würde. Ich bin also zur Berufsaufgabe gezwungen, obwohl ich einen auch noch mit 40 Schülern ausgesprochen erfolgreichen Unterrichtsbetrieb aus eigener Kraft führe.

In den letzten Wochen und Monaten war ich vormittags damit beschäftigt, zusätzliche Aufgaben in meinem Beruf zu finden, weil mir immer vollkommen klar und es auch mein Berufskonzept war, dass ich nicht nur allein vom Unterricht leben kann. Auch mit Hilfe des Arbeitsamtes ist es mir nicht gelungen, eine meiner Qualifikation entsprechende zusätzliche Aufgabe zu finden. Es gibt nichts. Der Beruf existiert nur noch auf dem Papier. Sowohl mein Vermieter als auch mein Instrumenten-Hersteller und sogar meine Hausbank haben mir Stundungen angeboten. Das kann nicht hoch genug geschätzt werden! Aber das würde das systemische Problem nicht beheben und deshalb nehme ich die Angebote nicht in Anspruch.

Ich möchte Ihnen und Euch gerne klar machen, wie leid mir dies tut und wie wichtig mir mein Betrieb und die Arbeit mit Schülern ist:

Seit meiner Kindheit war Musik für mich existenziell wichtig. Die ersten Jahre wuchs ich ohne Vaterfigur auf, weil mein Vater starb, als ich ein Jahr alt war. Als ich fünf war starb mein geliebter Bruder 17jährig bei einem Autounfall. Meine Mutter tat alles, um das Leben „normal“ zu gestalten, aber an ihr ging das nicht spurlos vorbei. Geld gab es nur für das Nötigste, an Instrumente oder Unterricht war kaum zu denken, aber irgendwie gab es immer Musik im Haus und Lehrer, die immer wieder mal quasi kostenlos unterrichteten. Musik zu machen verschaffte mir Stabilität und Trost und war das Wichtigste für mich, um mit solchen Ereignissen fertig zu werden, insbesondere als es mich selbst als Opfer einer Gewalttat traf und später, als mein Ziehvater während meiner Studienvorbereitungen an Krebs starb.

Ich wollte unter anderem deshalb unbedingt Musiklehrer und Musiker werden, obwohl die Voraussetzungen für mich denkbar ungünstig waren. Ich wollte anderen das zur Verfügung stellen, was Musik mir bedeutet. Deshalb unterrichtete ich hauptsächlich für Vereine, um eben auch Kinder zu erreichen, die sich Unterricht eigentlich nicht leisten können. Das ging mehrfach nicht gut für mich aus, brachte mich in Insolvenz-Gefahr und ins Krankenhaus. Dieses aber in einem eigenen mittelständischen Betrieb zur Verfügung zu stellen ist nun offenbar nicht möglich.

Die kurze Zeit in meinem Betrieb war tatsächlich die schönste meiner beruflichen Laufbahn! Ich liebe die Arbeit mit Schülern an ihren Stücken, ich bin glücklich, Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten und einen Anteil daran zu haben. Es geht im Musikunterricht um mehr als nur um Noten: Es geht um den Menschen und seine Reifung.

Mein Beruf brachte mich Menschen nahe, die ich nie vergessen werde. Wertvolle, witzige, gescheite, freundliche Leute, die ich etwas begleiten durfte. Viele habe ich fest in mein Herz geschlossen. In meinem Beruf ist es aber wie etwa in der Schauspielerei: Ohne den großen Durchbruch geht es nicht und der wird bei mir nicht mehr kommen. Und nur die wenigsten erfahren ihn überhaupt.

Kreismusikschulen können diese Preise nur gewährleisten, weil sie gefördert werden. Ich muss alle Kosten aus dem Unterricht heraus finanzieren und alles selbst verwalten. Höhere Preise sind weder durchsetzbar noch in den meisten Fällen zumutbar. Deshalb greifen private Musikschulen und Vereine einerseits auf Honorarkräfte zurück, wenn sie qualifizierte Musiklehrer einstellen. Diese müssen dann aus einem lächerlichen Honorar-Einkommen heraus für die Eigensicherung sorgen (das habe ich lange Zeit für Vereine selbst so gemacht). Oder andererseits greifen sie auf Hobby-Lehrer zurück, die bestenfalls Lehrgänge besucht haben.

Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, als selbständiger Kleinst-unternehmer Unterricht anzubieten, und ich bin tieftraurig darüber.

Für mich geht es beruflich in einem anderen Bereich weiter: Entweder werde ich in meinen Lehrberuf als Verwaltungsfachangestellter zurückkehren oder es gelingt, dem Wunsch einer Rektorin zu entsprechen, dass ich bei ihr als Pädagoge arbeite. Das entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Ich danke Ihnen und Euch allen für das entgegengebrachte Vertrauen und bitte um Verständnis für meine erzwungene Entscheidung.

Herzliche Grüße

Dietmar Steinhaus